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Vorsicht – unwiderstehlich!

1. KAPITEL

Figlio di un allevatore di maiali.

Liam Crowe konnte kein Italienisch. Der neue Besitzer des American News Service Network, abgekürzt ANS, war gerade mal in der Lage, sich italienisches Essen zu bestellen. Wohingegen die Chefin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Francesca Orr, damit kein Problem haben dürfte.

Immerhin war sie es gewesen, die diese Worte während der Krisensitzung geflüstert hatte. Schnell hatte er sie sich in seinem Notebook notiert, um später nachzuschlagen, was sie bedeuteten. Bei ihr hatten die Worte unendlich verführerisch geklungen! Überhaupt war Italienisch eine ausdrucksstarke Sprache, insbesondere dann, wenn sie aus dem Mund der dunkelhaarigen, exotischen Schönheit kamen.

Trotzdem hatte er das unbestimmte Gefühl, dass ihm nicht gefallen würde, was sie gesagt hatte.

Dass die Übernahme der Firma von Graham Boyle kein Kinderspiel werden würde, war ihm von Anfang an klar gewesen. Der frühere Eigentümer saß mit etlichen seiner Mitarbeiter im Gefängnis – wegen eines Abhörskandals, der sogar auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten abgezielt hatte!

Beim ersten Sitzungspunkt ging es um die geplante Entlassung der ANS-Reporterin Angelica Pierce wegen der gegen sie vorliegenden Verdachtsmomente. Im Rahmen seiner Nachforschungen im Umfeld des Kongresses hatte Hayden Black sie immer mehr belastet. Doch für eine Vorstandsentscheidung reichten die Beweise im Moment noch nicht aus.

Liam wusste, dass die Vorgänge weitreichende Folgen für Unternehmen und Politik haben konnten. Und doch waren sie der Grund dafür, dass er es sich hatte leisten können, Hauptanteilseigner von ANS, einem echten Big Player in der Medienbranche, zu werden.

Schon lange hatte er ein Auge darauf geworfen. Die Auswirkungen des Abhörskandals hatten den Inhaber Graham Boyle in die Knie gezwungen und Liam die Möglichkeit eröffnet, den Sender zu erwerben.

Jetzt galt es, den Skandal zu überwinden und den guten Ruf des Unternehmens wiederherzustellen. Herausforderungen wie diese liebte er. Und er durfte hoffen, dass sich die Beschäftigten und der Vorstand als kooperativ erweisen würden. Alle, mit denen er bisher gesprochen hatte – vom Nachtportier bis zum Finanzdirektor –, schienen schwer in Ordnung zu sein und freuten sich über ihn als neuen Chef.

Nur Francesca seltsamerweise nicht. Ihr Vater war ein schwerreicher Filmproduzent, und sie war bekannt für ihr soziales Engagement. Mit Sicherheit lagen ihr die Beschäftigten des Senders ebenso sehr am Herzen wie Waisenkinder und Krebspatienten.

Doch im Augenblick war davon nichts zu merken. In einem figurbetonten feuerroten Kostüm saß sie am Konferenztisch und wirkte regelrecht teuflisch.

Man hatte ihn vorgewarnt, wie leidenschaftlich und unbelehrbar sie war, aber trotzdem hatte ihn ihr Temperamt überrascht. Schon der bloße Vorschlag einer Ausgabenkürzung hatte bei ihr einen Wutanfall ausgelöst. Aber in der augenblicklich angespannten Situation konnten sie es sich nicht leisten, Millionen für wohltätige Zwecke auszugeben.

Überflüssig festzustellen, dass sie diese Meinung ganz und gar nicht teilte.

Liam seufzte, klappte seinen Aktenkoffer zu und verließ den Konferenzraum, um sich etwas zu essen zu besorgen. Eigentlich hatte er einige der Vorstandsmitglieder einladen wollen, aber nach dieser katastrophalen Sitzung liefen verständlicherweise alle auseinander.

Wenigstens hatte er nicht die Kontrolle über das Geschehen verloren, sondern wie geplant alle Tagesordnungspunkte angesprochen. Eigenartigerweise hatte ihm dabei ausgerechnet Francesca die aufreibenden Umstände einigermaßen erträglich gemacht. Unter den überwiegend älteren männlichen und weiblichen Vorstandsmitgliedern, die alle in gedeckten Farben gekleidet waren, war sie ihm als Einzige lebhaft und farbig erschienen. Ständig hatte er sie ansehen müssen.

Ihr ebenholzfarbenes Haar fiel ihr bis auf die Schultern, und ihre mandelförmigen dunkelbraunen Augen wurden von langen dichten Wimpern eingerahmt.

Selbst wenn sie ihn irritiert betrachtete, fühlte er sich zu ihr hingezogen. Und wenn sie sich ereiferte, schien sie unter der schön gebräunten Gesichtshaut regelrecht zu glühen.

Er hatte schon immer eine Schwäche für exotische Frauen gehabt. Während der Zeit auf der Privatschule war er auch mit blonden Mitschülerinnen befreundet gewesen. Doch spätestens auf dem College hatte sich seine Vorliebe für dunkelhaarige Frauen bestätigt. Francesca – hätte sie sich soeben nicht alle Mühe gegeben, ihm das Leben schwer zu machen – verkörperte genau diesen Typ Frau. Aber die augenblicklich ohnehin schon schwierige Situation mit einem leidenschaftlichen Liebesabenteuer zu verkomplizieren, konnte er sich absolut nicht leisten.

Jetzt brauchte er erst einmal einen Drink und ein ordentliches Steak. Zum Glück befand sich der Hauptsitz von ANS in New York. Obwohl er sich im District of Columbia, wo er wohnte, wohlfühlte, kam er immer wieder gern in seine Heimatstadt. Hier gab es die weltbesten Restaurants, hier spielte sein Lieblingsbaseballteam … In Manhattan herrschte eben eine einzigartige Atmosphäre.

Doch um nahe am politischen Geschehen zu sein – dem Schwerpunkt von ANS’ Berichterstattung –, musste er sich in erster Linie in Washington, D. C. aufhalten. Also hatte er sich ebenso wie Boyle ein Büro dort eingerichtet.

Allerdings hatte er sowohl sein Apartment in New York behalten wie auch das Haus in Georgetown, einem Stadtteil von Washington, das er während seines Studiums gekauft hatte.

Vor dem Lunch ging Liam noch einmal kurz in sein Büro, wo er den Aktenkoffer auf den Schreibtisch legte und Francescas Worte vom Notebook abschrieb. Den Zettel nahm er mit.

Im Vorzimmer sagte er zu seiner Sekretärin: „So, Jessica, die Sitzung ist erst mal geschafft. Mrs Banks bringt Ihnen die Unterlagen von Ms Pierce. Die Personalabteilung legt Wert auf absolut korrektes Vorgehen. Und ich gehe jetzt essen.“ Er gab ihr den Zettel. „Können Sie inzwischen rausfinden, was das heißt? Es ist italienisch.“

Jessica lächelte. Offensichtlich hatte sie ähnliche Recherchen bereits für Graham Boyle gemacht. „Kein Problem, Sir. Ich gehe dazu immer auf eine bestimmte Website.“ Kopfschüttelnd betrachtete sie die Notiz. „Wie ich sehe, hat Ms Orr Sie auf ihre typische Weise begrüßt. Hm, diese Worte hat sie allerdings bisher noch nicht gebraucht.“

„Dann darf ich mich also geehrt fühlen?“

„Ich weiß nicht recht, Sir. Ich schau lieber erst mal nach.“

Liam lächelte und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er nochmals stehen. „Rein aus Neugier – was hat sie denn zu Graham gesagt?“

„Ihr Lieblingsausdruck für ihn war stronzo.“

„Und was heißt das?“

„Dazu gibt es mehrere Übersetzungen, aber keine davon möchte ich laut aussprechen.“ Stattdessen schrieb sie die Bedeutung auf die Rückseite des Zettels und gab ihn ihm.

„Wow“, stieß er aus und holte tief Luft. „Nicht gerade schmeichelhaft. Ich muss bei Gelegenheit mit Ms Orr reden, bevor sie es übertreibt.“

In diesem Moment nahm er aus den Augenwinkeln etwas Rotes wahr. „Oh, wie ich sehe, ergibt sich die Gelegenheit eher als gedacht.“

„Na dann viel Glück, Sir“, sagte Jessica, während er Francesca in Richtung der Fahrstühle folgte.

Sie hatte eben eine Kabine betreten und sah ihn an. Einen Moment trafen sich ihre Blicke, dann drückte sie den Knopf, um die Türen zu schließen.

Sehr nett!

Geistesgegenwärtig steckte er die Hand zwischen die Türen, die sofort wieder auseinanderglitten, und betrat die Kabine. Francesca war alles andere als erbaut über seine Gesellschaft. Unter ihren dichten Wimpern musterte sie ihn kritisch von oben bis unten und zog die schön geformte Nase kraus, als würde er nach Fisch stinken.

Als die Türen sich schlossen, zog sie sich in die hinterste Ecke zurück.

„Wir müssen reden“, erklärte er, während sie nach unten fuhren.

Erstaunt riss Francesca die Augen auf und presste die schön geschwungenen Lippen aufeinander. „Und worüber?“, erkundigte sie sich unschuldig.

„Über Ihre Einstellung. Ich verstehe ja Ihr Engagement für Ihre Arbeit. Aber ob es Ihnen passt oder nicht – der Chef bin ich. Ich werde tun, was auch immer nötig ist, um das Unternehmen zu retten. Und ich lasse nicht zu, dass Sie mich vor dem versammelten Vorstand zum Affen machen …“

Abrupt verstummte er, denn plötzlich stoppte der Aufzug, und das Licht ging aus. Eingehüllt in völlige Dunkelheit, standen sie da.

Das darf doch nicht wahr sein! schoss es Francesca durch den Kopf. Steckte sie tatsächlich mit Liam Crowe im Aufzug fest? Mit ihrem sturen und gut aussehenden Chef!?

Dabei hätte sie sich denken können, dass so etwas passieren würde! Im Konferenzsaal waren sie dreizehn Personen gewesen – kein gutes Omen.

Nervös fasste sie nach ihrem italienischen Horn, einem Amulett aus Gold, das sie um den Hals trug. Dazu schickte sie ein Stoßgebet gen Himmel. „Was ist denn los?“, fragte sie ungewollt zaghaft. Das gefiel ihr nicht, vor allem wenn man bedachte, dass ihr neuer Boss ihr gerade eine Standpauke hatte halten wollen.

„Keine Ahnung.“ Betroffen schwiegen sie, dann schaltete sich die Notbeleuchtung an und tauchte sie beide in dämmrig-rotes Licht.

Kopfschüttelnd ging Liam zu den Bedienknöpfen hinüber und drückte die Sprechtaste, doch nichts geschah. Dann den Notfallknopf. Wieder nichts. Alle Knöpfe blieben dunkel.

„Und?“, fragte Francesca.

„Anscheinend ist der Strom ausgefallen.“ Er nahm sein Handy heraus und betrachtete das Display. „Funktioniert vielleicht Ihr Telefon?“, fragte er. „Meins nämlich nicht.“

Sie kramte in ihrer Tasche, fand das Handy und schüttelte den Kopf. Keine Verbindung, wie meistens in Aufzügen.

Leise fluchend steckte Liam sein Telefon wieder ein. „Ich kann es nicht glauben.“

„Was machen wir denn jetzt?“

Liam ließ sich gegen die Wand sinken. „Sicher ein großflächiger Stromausfall. Wir können nur warten.“

„Wie bitte? Wir sollen einfach tatenlos hier rumsitzen?“

„Haben Sie einen besseren Vorschlag? Immerhin haben Sie während der Sitzung vor Ideen nur so gesprüht!“

Francesca zog es vor, diese Spitze zu ignorieren. Mit verschränkten Armen wandte sie sich ab. Sie betrachtete die Notausstiegsklappe an der Decke. Hier konnten sie hochklettern – aber wo genau befanden sie sich? Sie waren in der zweiundfünfzigsten Etage losgefahren und nicht sehr weit gekommen. Vermutlich hingen sie zwischen zwei Stockwerken fest. Und was, wenn der Strom wiederkam, während sie sich im Aufzugsschacht befanden?

Nein, das war zu gefährlich. Und sicher würde es nicht allzu lange dauern, bis Hilfe kam.

„Abwarten ist das Beste“, räumte sie widerstrebend ein.

„Nach dieser Sitzung hätte ich nicht gedacht, dass wir beide uns noch mal auf irgendetwas einigen können.“

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn an. „Es geht mir nicht darum, mich mit Ihnen zu streiten. Ich will nur nicht brav dazu nicken, wenn Sie falsche Entscheidungen treffen. Die anderen waren zu entsetzt, um sich kritisch zu äußern.“

„Entsetzt über den Skandal. Und geschwiegen haben sie, weil sie wissen, dass ich recht habe. Wir tragen eine finanzielle Verantwortung …“

„Finanzielle Verantwortung? Höre ich recht? Und was ist mit unserer sozialen Verantwortung? Seit sieben Jahren sponsort ANS die Gala zugunsten von Jugend in der Krise. Das können wir nicht einfach so aufgeben! Der diesjährige Termin ist in zwei Wochen. Die Organisation verlässt sich auf die Einnahmen für ihre Arbeit. Dadurch werden Jugendliche von der Straße weggeholt. Sie bekommen Freizeit- und Bildungsangebote. Ohne Geld läuft da gar nichts.“

Stirnrunzelnd betrachtete er sie. Dabei fiel ihr auf, wie fest er die Kiefer zusammenpresste. „Glauben Sie denn, die Kinder sind mir egal?“, fragte er.

Francesca zuckte die Achseln. „Ich kenne Sie nicht gut genug, um das beurteilen zu können.“

„Dann sage ich es Ihnen“, brauste er auf. „In den beiden letzten Jahren habe ich die Gala besucht und jedes Mal einen dicken Scheck ausgeschrieben. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, dass wir unsere Ausgaben verringern müssen, damit das Unternehmen überlebt, bis unser guter Ruf wiederhergestellt ist.“

„Oh nein“, widersprach sie. „Es ist genau umgekehrt. Erst brauchen wir wieder ein positives Bild in der Öffentlichkeit, dadurch steigen die Aktien, und ANS bleibt liquide. Und besser als durch Wohltätigkeit kann ein Unternehmen sich nicht darstellen. In unserem Fall wird die Meinungsbildung dahin gehen, dass es in unseren Reihen zwar schwarze Schafe gab, die für den Abhörskandal verantwortlich sind, den Übrigen aber nichts vorzuwerfen ist – ganz im Gegenteil. Dann bekommen wir auch wieder Werbeverträge.“

Einen Moment sah Liam sie an, und sie hatte das Gefühl, seinen Verstand arbeiten zu hören. „Ihre Argumentation würde sich weitaus besser machen, wenn Sie mich nicht auf Italienisch beschimpft hätten.“

Nun war es an ihr, die Stirn zu runzeln. Da war wohl wieder einmal ihr Temperament mit ihr durchgegangen. Von ihrer Mutter hatte sie die schnelle italienische Zunge geerbt und vom Vater das hitzige Naturell. „Manchmal hapert es etwas mit meiner Selbstbeherrschung. Das habe ich von meinem Vater.“

Wer jemals Victor Orr, den dunkelhaarigen, groß gewachsenen Iren, während einer Filmproduktion erlebt hatte, wusste, was passierte, wenn die Dinge nicht wie vorgesehen liefen. Wenn er außer Fassung geriet, konnte ihn niemand beruhigen, nur seine Frau.

„Flucht er auch auf Italienisch?“

„Nein, er spricht kein Italienisch, und meine Mutter findet es gut so. Sie ist in Sizilien aufgewachsen und hat meinen Vater dort bei Dreharbeiten kennengelernt. Ihre italienischen Wurzeln bedeuten ihr viel, und ich habe als Kind viele Sommer bei meiner Nonna verbracht.“

„Nonna?“

„Meine Großmutter mütterlicherseits. Dort habe ich sprachlich so einiges aufgeschnappt, auch Ausdrücke, die ich besser nicht kennen sollte. Als Teenager ist mir klar geworden, dass mein Vater sie nicht versteht, weil er Ire ist. So sind sie mir zur schlechten Gewohnheit geworden, fürchte ich. Tut mir leid, dass ich laut geworden bin“, fügte sie hinzu. „Ich engagiere mich eben zu sehr. Das war schon immer so.“

Auch wenn sie in vielen Dingen ihrer Mutter glich, hatte auch ihr Vater ihre Persönlichkeit geprägt. Victor Orr stammte aus einfachen Verhältnissen und hatte seine beiden Töchter in dem Bewusstsein sozialer Verantwortung großgezogen. Das bedeutete, denen zu helfen, die es weniger gut hatten.

Während ihrer Zeit auf der Highschool hatte sie samstags regelmäßig in einer Suppenküche mitgeholfen. Sie hatte Lebensmittelsammlungen und Blutspendetermine an ihrer Schule organisiert.

Nach dem College hatte ihr Vater ihr geholfen, einen Job bei ANS zu bekommen, weil er der größte Minderheitsaktionär des Unternehmens war. Schon nach kurzer Zeit hatte sie sich hochgearbeitet und war Chefin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit geworden. Und diesen Job hatte sie gut gemacht, geradezu brillant. Graham war mehr als zufrieden mit ihr gewesen.

Einsparmaßnahmen hatte es schon immer gegeben. Sobald es eng wurde, sollte ihr Budget stets als Erstes gekürzt werden. Warum nicht die eine oder andere Vergünstigung der Vorstandsmitglieder streichen? Oder das teure Haargel, das der Chefnachrichtensprecher jeden Abend mehr als reichlich auftrug?

„Ich will mich ja gar nicht auf Ihre Abteilung festlegen“, versicherte Liam. „Die Arbeit ist sehr wichtig für ANS und für die Allgemeinheit. Wir müssen den Gürtel alle enger schnallen, nicht nur Sie. Ich bin darauf angewiesen, dass Sie mit mir an einem Strang ziehen. Schon unter normalen Umständen ist es nicht ganz leicht, eine Firma zu übernehmen – auch wenn sie sich in keiner so prekären Lage befindet wie ANS zurzeit. Ich tue alles, um dem Sender zu neuem Glanz zu verhelfen, aber dabei müssen mich alle unterstützen.“

Es war ihm ernst, ohne Zweifel. Der Sender und die Beschäftigten lagen ihm wirklich am Herzen. Nur sah er die Dinge ein wenig anders als sie. Doch sicher würde sie es nach und nach schaffen, ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Es würde etwas dauern und mehr Fingerspitzengefühl erfordern als bei Graham. Aber vernünftig erschien Liam durchaus, das brachte ihm in ihren Augen Pluspunkte.

„Okay“, sagte sie.

Erst sah Liam sie ungläubig an, dann nickte er. Schweigend standen sie einander gegenüber, bis Liam schulterzuckend seine schwarze Anzugsjacke abstreifte und achtlos auf den Boden der Fahrstuhlkabine gleiten ließ.

Er nahm die Krawatte ab, öffnete den Hemdkragen und atmete tief durch. „Ich bin froh, dass wir Waffenstillstand geschlossen haben“, bekannte er, „denn zum Weiterkämpfen ist es hier drin viel zu warm. Ausgerechnet an einem so heißen Tag muss das passieren!“

Wie wahr! Die Klimaanlage ging natürlich auch nicht, und das bei über dreißig Grad! Was für Anfang Mai ungewöhnlich heiß war. Und je länger sie hier festsaßen, desto unerträglicher wurde es.

Sie beschloss, seinem Beispiel zu folgen, und schlüpfte aus ihrem Blazer. Jetzt hatte sie nur noch ihr Spaghettiträgertop aus schwarzer Seide und Spitze an und ihren Bleistiftrock. Zum Glück trug sie keine Nylonstrümpfe.

Seufzend streifte sie ihre High Heels ab, breitete die Jacke auf dem Boden aus und setzte sich. Stehen konnte sie auf diesen hohen Schuhen nicht mehr, und die Hoffnung auf eine schnelle Rettung hatte sie inzwischen aufgegeben. Und wenn sie schon eine Weile hierbleiben mussten, würde sie es sich wenigstens etwas bequem machen.

„Ich wünschte, das wäre nicht vor dem Lunch passiert“, sagte Liam. „Die Bagels im Konferenzsaal haben nicht lange vorgehalten.“

Sie wusste, was er meinte, denn sie hatte zuletzt am Morgen im Hotel etwas gegessen. Ihr Frühstück hatte aus einem Cappuccino und einem Hörnchen bestanden. Da sie üblicherweise spät zu Mittag aß, nahm sie sich immer etwas mit.

Mithilfe des schwachen Lichts ihres Handydisplays kramte sie in ihrer Tasche herum. Sie fand einen Körnerriegel, eine Packung italienische Frühstückskekse, Gocciole genannte, und eine Flasche Wasser. „Ich habe ein paar Snacks dabei. Sollen wir sie gleich essen und hoffen, dass wir bald befreit werden, oder heben wir sie auf? Wer weiß, wann wir hier wieder rauskommen!“

Liam setzte sich zu ihr auf den Boden. „Keine Frage, wir essen sie jetzt.“

„Bei Realityshows würden Sie keine fünf Minuten überstehen.“

„Deswegen produziere ich sie, statt in ihnen aufzutreten … Was haben Sie denn da Gutes?“

„Einen Körnerriegel mit Erdnussbutter und ein paar italienische Kekse. Das Wasser können wir uns teilen.“

„Was ist Ihnen lieber?“

„Die Kekse. Solche habe ich bei meiner Großmutter immer zum Frühstück gegessen.“

Als Liam lächelte, fiel ihr auf, dass sie ihn zum ersten Mal mit einem freundlichen Gesichtsausdruck sah. Eigentlich eine Schande, denn sein charmantes Lächeln hellte seine sonst so ernste Miene förmlich auf.

Der Druck, ANS zu kaufen, musste ihm sehr zugesetzt haben. Den gesamten Vormittag über war er ganz der harte Geschäftsmann gewesen, und ihr eigenes Verhalten hatte die Sache nicht besser gemacht.

Jetzt war er hungrig und gestresst. Daher freute es sie besonders, dass sie ihm ein Lächeln entlockt hatte. Vielleicht glich das ihr Betragen bei der Konferenz etwas aus. Sie nahm sich vor, künftig etwas freundlicher zu ihm zu sein. Wirklich, er war ganz vernünftig! Und warum die Dinge unnötig verkomplizieren?

„Kuchen zum Frühstück … nicht meine Welt! Genauso wenig wie die Sommer in Italien. Nach der Highschool war ich eine Woche in Rom, aber viel mehr als das Kolosseum und das Pantheon habe ich nicht gesehen.“ Er betrachtete die beiden Päckchen in ihrer Hand. „Dann nehme ich den Riegel. Danke fürs Teilen.“

„Keine Ursache.“ Sie warf ihm den Riegel zu und trank einen Schluck Wasser.

Liam riss die Verpackung auf, und noch ehe Francesca sich den ersten Keks in den Mund gesteckt hatte, war der Riegel auch schon verschwunden.

Sie lächelte und aß ein paar von den Keksen. Aber sie bemerkte Liams hungrigen Blick. „Hier“, sagte sie und gab sie ihm, „ich kann es nicht ertragen, wenn Sie mich so ansehen.“

„Sicher?“, fragte er mit einem Blick auf die Kekse in seiner Hand.

„Sicher“, bestätigte sie. „Aber wenn wir hier rauskommen, schulden Sie mir was.“

„Abgemacht“, erwiderte er und schob sich den ersten Keks in den Mund.

Sie konnte sich gut vorstellen, wie schwer es war, einen Mann wie ihn sattzubekommen. Ihr Nonno war ein ebenso großer Mann gewesen. Er war gestorben, als sie noch klein gewesen war, aber ihre Nonna hatte oft erzählt, wie viel er nach einer langen Schicht gegessen hatte.

Auch Liam war über einen Meter achtzig und muskulös, aber schlank. Wie ein Läufer. Viele Menschen joggten die National Mall entlang, die bekannte Promenade in Washington, das hatte sie zumindest gehört. Im Geiste sah sie Liam mit den anderen laufen, nur in Jogginghosen, mit freiem Oberkörper und feinen Schweißperlen auf der durchtrainierten Brust …

Vielleicht sollte sie ab und zu hingehen. Um zuzusehen.

Sie selbst schwitzte nicht gern. Während der schwülwarmen Sommer in Virginia zu joggen kam nicht infrage. Während der kalten Winter auch nicht. Also ließ sie es ganz. Sie passte auf, was sie aß, und schlug ab und zu bewusst über die Stränge. Im Übrigen ging sie so viel wie möglich zu Fuß. So blieb sie schlank, ohne ihre weibliche Figur zu verlieren, die ihr gut gefiel.

Apropos Schwitzen … Sie spürte, wie sich feine Perlen auf ihrem Rücken bildeten. Die Haut fühlte sich klebrig an. Aber ausziehen konnte sie nichts mehr, ohne dass eine verfängliche Situation entstand. Wobei ihr Liams Nähe keineswegs unangenehm war …

Was Männer betraf, hielt sie trotz der vielen Arbeit durchaus die Augen offen. Doch schon lange war ihr niemand Vielversprechendes mehr aufgefallen.

Natürlich war Liam kein Typ für die Ehe. Aber bestimmt für ein Abenteuer! Normalerweise ließ sie sich nicht leichtfertig auf kurze Affären ein. Aber beim Anblick von Liams breiten Schultern und seinem attraktiven Gesicht mit dem markanten Kinn bekam sie mehr und mehr das Gefühl, dass er verkörperte, was sie gerade brauchte.

Zur Entspannung und um die Zeit zu überbrücken, bis ihr der Richtige begegnete.

Sie nahm eine Spange aus der Tasche und steckte ihr dichtes dunkles Haar zu einem losen Knoten hoch. Doch die Erleichterung hielt nur kurz vor. Bleistiftrock und Top klebten inzwischen an ihr.

Lange würde das sicher nicht mehr gut gehen. Wenn sie nicht bald aus dieser Kabine rauskämen, würde etwas passieren, das spürte sie genau. Schnell trank sie noch einen Schluck Wasser und lehnte sich an die Wand. Den Gedanken, dass sie an diesem Morgen ihre schönste Unterwäsche angezogen hatte, empfand sie als ausgesprochen tröstlich. Jede Wette, dass sie auch Liam gefallen würde …

2. KAPITEL

„Grundgütiger, ist das eine Hitze!“ Liam erhob sich. In seinem gestärkten Businesshemd kam er beinahe um! Als er es aufgeknöpft und abgestreift hatte, atmete er erleichtert auf. „Tut mir leid, wenn dir das peinlich ist, aber ich kann nicht anders.“

Francesca saß ruhig in der Ecke und achtete kaum auf ihn. Obwohl ihm nicht entging, dass sie kurz die Augen öffnete, um ihn zu betrachten. Zwar sah sie sofort wieder weg, aber jetzt wusste er, dass sie neugierig war. Sehr interessant …

In den vergangenen beiden Stunden hatte er seine Meinung über die widerspenstige Chefin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit geändert. Er verstand sie jetzt besser und wusste, was ihr wichtig war. Wenn sie jemals wieder aus diesem Aufzug herauskämen, würden sie beide hoffentlich etwas freundlicher miteinander umgehen. Und wer weiß, vielleicht konnten sie sogar etwas mehr als nur freundlich zueinander sein. Immerhin waren sie bereits dazu übergegangen, sich zu duzen.

Ja, er mochte sie.

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