Logo weiterlesen.de
Vorsicht, heiß!

1. KAPITEL

Alyssa Hunts großer Traum, glamouröse Events zu organisieren, würde sich nun endlich erfüllen – und zwar genau dort, wo er vor vielen Jahren entstanden war. Vorausgesetzt, sie bekam die Stelle. Zuerst musste sie allerdings noch ihre Phobie vor vergoldeten Haustüren überwinden.

Sie ließ den Blick über die Ocean Avenue in South Miami Beach zum Samba Hotel gleiten. Handwerker besserten die Farbe an den Rahmen der gewölbten Fenster aus, deren Scheiben im Sonnenlicht glänzten.

Vor Jahren hatte Alyssa in ihrer Dienstkleidung als Kellnerin mindestens zwölf verschiedene Jobs in dem Luxushotel gehabt. Und sie hatte es immer durch den Hintereingang betreten. Nun zupfte sie den Blazer ihres grauen Kostüms von der Stange zurecht und wandte den Blick bewusst von den aufwendig verzierten Türen ab zu dem Weg, der zum Eingang für Angestellte führte.

Seufzend umfasste Alyssa den Henkel ihrer Tasche fester. Sei doch nicht so ein Weichei, schimpfte sie im Stillen mit sich. Dann atmete sie tief ein und marschierte energisch auf den Haupteingang zu.

Eine Viertelstunde später trat Alyssa auf die Dachterrasse des Hotels ins gleißende Sonnenlicht. Von ihrer Umgebung nahm sie kaum etwas wahr, so überwältigt war sie, weil sie ihrem Traum einen weiteren Schritt näher gekommen war. Sie stellte ihre Tasche auf eine Liege und presste sich die Hand auf die Augen.

„Alles in Ordnung?“, hörte sie eine tiefe Stimme fragen.

Alyssa ignorierte es. Natürlich ging es ihr gut! Immerhin hatte sie ihre absurde Angst vor vornehmen Haustüren überwunden. Und sie hatte einen Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbart – obwohl sie die Anforderungen eigentlich nicht erfüllte. Sie wusste, dass sie die Arbeit bewältigen konnte, denn genau auf diese Aufgabe bereitete sie sich seit der Gründung von Elite Events vor. Nun musste sie nur noch den Besitzer des Hotels davon überzeugen. Allein beim Gedanken daran krampfte sich ihr der Magen zusammen. Sie presste sich die Hand auf den Bauch.

„Setzen Sie sich lieber hin, bevor Sie zusammenbrechen“, meldete sich die tiefe Stimme erneut. Dann schwamm der Mann in ihre Richtung.

Vielleicht ist das kein so schlechter Rat, dachte Alyssa und sank auf die gepolsterte Liege. Die Ellbogen auf die Beine gestützt, atmete sie langsam aus.

Wen kümmerte es schon, dass keins der in ihrem Lebenslauf aufgeführten Events so glamourös war wie die des Fünf-Sterne-Hotels? Es stimmte, sie hatte bisher weniger aufregende, kleinere Firmenveranstaltungen organisiert – und seit der Gründung ihres Unternehmens eine Menge gelernt. Vor allem aber wusste sie, dass sie großes Talent für ihre Arbeit hatte.

Mit begrenzten finanziellen Mitteln eine Mitarbeiterparty organisieren, die in die Firmengeschichte eingehen würde? Bei einem Abschiedsessen für einen Angestellten, der in den Ruhestand ging, ruhig bleiben, während der Ehrengast sich auf ihre Schuhe übergab? Alles kein Problem für sie.

Zehn Jahre nach dem größten Fehler ihres Lebens und fünf Jahre nach dem Start ihres Unternehmens bewarb sie sich endlich um einen Auftrag, bei dem es um eine äußerst betuchte Klientel ging. Eine Gesellschaftsschicht, mit der sie unzählige demütigende Erinnerungen verband. Sie hatte sich fast die ganze Nacht lang selbst Mut machen müssen, um sich innerlich auf den Termin vorzubereiten. Und nun musste sie statt mit dem Hotelmanager mit Paulo Domingues sprechen, dem Milliardär, dem das Hotel gehörte.

Alyssa schloss die Augen und atmete tief durch. Doch das erzielte nicht die erwünschte Wirkung, denn es begann ihr vor den Augen zu flimmern.

Alyssa atmete noch einmal langsam ein, öffnete die Augen und sah als Erstes ihre hochhackigen Designersandaletten, mit denen sie ihrem Outfit einen eleganten Touch hatte verleihen wollen. Die tanzenden Funken waren zum Glück verschwunden. Als sie wieder etwas ruhiger atmete, erspähte sie nackte Männerfüße, um die eine kleine Pfütze auf der Terrasse entstand.

Mit einem unbehaglichen Vorgefühl, das immer stärker wurde, ließ Alyssa den Blick an muskulösen Beinen hinaufgleiten, über schmale Hüften in einer knappen Badehose, einen flachen Bauch und einen breiten, durchtrainierten Oberkörper. Die Sonne ließ die feuchte Haut des Fremden glänzen, als er Alyssa eine Flasche Wasser reichte.

Sie schaffte es, sich von diesem Anblick nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – bis der attraktive Fremde den Kopf schüttelte und Wassertropfen aus seinem tiefschwarzen Haar auf ihre sündhaft teuren High Heels fielen.

Empört schnaufend prüfte sie, ob das Leder gelitten hatte. Doch als sie diesem unvorsichtigen Kerl die Meinung sagen wollte, begegneten sich ihre Blicke …

Alyssa erstarrte, als sie in die glutvollen dunklen Augen von Paulo Domingues sah. Toll, dachte sie. Auf diesen Streich des Schicksals hätte ich auch gut verzichten können.

„Sie sind ziemlich blass“, stellte Paulo Domingues fest.

Sie war entschlossen, nicht ohnmächtig zu werden – trotz der atemberaubenden Sicht auf Miamis Zentrum im Westen, des strahlend blauen Himmels über dem Atlantik im Osten und des glitzernden Pools, garniert mit einem Prachtexemplar von Mann.

„Trinken Sie das hier.“ Lächelnd fügte Paulo Domingues hinzu: „Und dann hole ich Ihnen etwas Stärkeres.“

Ihr Herz klopfte wie verrückt, als sie die Flasche nahm. Sie trank das eiskalte Wasser und beobachtete nervös, wie er zu einem Tisch ging, ein Handtuch nahm und sich die Beine abtrocknete. Als er sich eine Jeans über die Badehose zog, entspannte sie sich ein wenig. Doch dann stand er schon wieder vor ihr, mit seinen muskulösen Armen und dem perfekten Oberkörper.

Nett, dass er sich um sie sorgte, aber warum musste er das halb bekleidet tun? Demonstrativ blickte Alyssa auf die Uhr und suchte nach einer Möglichkeit, ihn auf höfliche Weise loszuwerden. Gleichzeitig hoffte sie inständig, dass ihr Provinzakzent nicht zu deutlich zu hören wäre. „Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir in einer Viertelstunde einen Termin.“

„Ah, wie schön, Sie können ja reden.“ Paulos Augen funkelten amüsiert. „Sonst wäre das Vorstellungsgespräch auch sehr kurz ausgefallen, Ms …?“

„Alyssa Hunt.“

„Ms Hunt, möchten Sie jetzt vielleicht eine Dosis Koffein und Zucker?“ Er hielt ihr eine Limonade hin und nahm dann an der Bar Platz.

Das verstand er unter „etwas Stärkeres“? Alyssa schüttelte den Kopf.

„Vielleicht ist es keine schlechte Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch.“

Vorbereitung? An sich eine ausgezeichnete Idee. Leider hatte Alyssa erst am Vorabend von der Stelle erfahren, die im Samba Hotel plötzlich frei geworden war. Daraufhin hatte sie so viel über das derzeit angesagteste Hotel der Stadt in Erfahrung gebracht, wie in der kurzen Zeit möglich gewesen war. Leider wusste sie über den Besitzer nur, dass er völlig unerwartet aus dem Imperium seiner Familie, der eine Kette von exklusiven Resorts gehörte, ausgeschieden war und als Rebell galt.

„Ich gebe zu, dass ich kaum Gelegenheit zum Recherchieren hatte.“

„Ja, mich hat es auch unvorbereitet getroffen, als meine Veranstaltungsplanerin gestern gekündigt hat.“ Als Paulos Lächeln breiter wurde, sah Alyssa Grübchen in seinem attraktiven Gesicht. „Der Fairness halber dürfen Sie mich jetzt zehn Minuten lang aushorchen.“

Sie zog die Nase kraus. „Mir gefällt die Formulierung ‚taktische Erkundung‘ besser.“

Ihr Gegenüber zog die Augenbrauen hoch. „Möchten Sie sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten oder auf einen Kampfeinsatz?“

Sie stand auf und strich sich den Blazer glatt. „Ich würde sagen: Hoffen Sie auf Ersteres, aber bereiten Sie sich auf Letzteres vor.“

Seine Augen funkelten. „Muss ich mich fürchten?“

Alyssa hatte für die Spielchen des angeblichen Rebellen nichts übrig. „Ich glaube nicht, dass man Ihnen leicht Angst macht, Mr Domingues.“

Um seinen Mund zuckte es leicht. „Was möchten Sie wissen?“, meinte er dann.

Alyssa wusste, dass sie mehr von sich preisgeben als über ihn erfahren würde. Doch sie konnte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Sie nahm ihre Tasche, ging zur Bar und nahm Paulo gegenüber auf einem Hocker Platz. „Was sollte ich Ihrer Ansicht nach fragen?“

„Ob ich offen und direkt bin oder gern um den heißen Brei herumrede.“

Als sie den Kopf neigte, antwortete er: „Offen und direkt.“ Jungenhaft lächelnd fügte er hinzu: „Andererseits …“ Er ließ den Blick an ihren Beinen hinunter und wieder nach oben gleiten. „Sie sollten vielleicht auch fragen, ob ich Ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken oder ständig Ihre Beine betrachten werde.“

Mit aller Macht ignorierte sie die beunruhigenden Empfindungen, die sie durchfluteten. „Ach ja? Auf diese Frage wäre ich nie gekommen.“

„Ich denke schon. Sie hätten sie nur nicht gestellt.“

Das stimmte, und sie wusste schonungslose Ehrlichkeit immer zu schätzen. „Und die Antwort …?“

„Lautet Ja – auf beide Fragen.“ Seine Grübchen vertieften sich.

Paulo Domingues war ein Charmeur und ganz schön dreist. Während die meisten Leute sich ihren Lebensunterhalt hart erarbeiten mussten, ging er mitten am Tag schwimmen. Andererseits war seine lockere Art unwiderstehlich.

„Danke für die Warnung. Gibt es noch weitere chauvinistische Charakterzüge, auf die ich vorbereitet sein sollte?“

„Keine Sorge, eigentlich bin ich sehr unaufdringlich und zurückhaltend.“

Unaufdringlich war an Paulo Domingues nun wirklich nichts: weder sein ausgeprägtes Selbstvertrauen noch sein unglaublich gutes Aussehen oder sein atemberaubendes Lächeln.

„Wie schwer sind Sie in einem Bewerbungsgespräch aus der Reserve zu locken?“, erkundigte sich Alyssa.

Nun stützte er die Ellbogen auf die Bar, sodass er mit ihr auf Augenhöhe war. „Das kommt auf den Köder an.“

Köder? Sie blinzelte. Ganz gleich, welche Reize sie besaß, verglichen mit seinen dichten Wimpern, dem kinnlangen schwarzen Haar und dem makellosen Teint war es nichts. Von seinen dunklen Augenbrauen und dem sinnlichen Mund ganz zu schweigen …

Um etwas mehr Abstand zwischen ihnen zu schaffen, lehnte sie sich zurück und schlug die Beine übereinander. Paulo Domingues sollte wissen, dass Alyssa Hunt sich von niemandem etwas gefallen ließ. Also schenkte sie ihm ihr zur Perfektion gebrachtes ungerührtes Lächeln und erwiderte: „Ich biete mich niemandem an, Mr Domingues.“

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte ein tiefes, volltönendes Lachen, das sie einzuhüllen schien.

Schließlich sagte er: „Wollen wir uns nicht bei einem Drink weiter unterhalten, vielleicht bei einem Mojito?“

Ironisch verzog sie den Mund. „Ich glaube, ich habe jetzt genug über Sie erfahren. Vielleicht sollte ich mich revanchieren, nachdem Sie mir so überaus freundlich Auskunft gegeben haben?“

Skeptisch und amüsiert zugleich sah er sie an. „Lady, ich muss Sie nicht aushorchen.“

Paulo Domingues wusste offenbar genau, wie er sie treffen konnte. Er war der reichte Hotelier, sie die kleine Unternehmerin mit der unbedeutenden Firma.

„Aber ein paar Fragen können ja nicht schaden“, fuhr er fort. „Wo waren Sie denn zuletzt angestellt?“

„Ich bin selbstständige Veranstaltungsplanerin“, erwiderte Alyssa stolz. Schon mit fünfzehn Jahren hatte sie hart gearbeitet, und nicht selten war sie von Gästen wie eine unbedeutende Bedienstete behandelt worden. Jetzt nahm sie Anweisungen nur noch von ihren Kunden entgegen. Sie hob das Kinn. „Ich bin lieber mein eigener Chef.“

„Ich auch.“ Wieder funkelten seine Augen. „Und ich suche eine Veranstaltungsplanerin in Festanstellung.“

„Ich wette, wenn ich Ihnen meine Arbeit vorgestellt habe, ändern Sie Ihre Meinung.“

„Ach ja?“, meinte er amüsiert und hielt ihren Blick fest, während er um den Tresen ging, um sich mit seinem durchtrainierten Körper dagegenzulehnen.

Plötzlich bedauerte Alyssa sehr, sich nicht doch einen Drink genehmigt zu haben. Halb nackt und sonnengebräunt schien ihr Gegenüber sich ausgesprochen wohl in seiner Haut zu fühlen. Der Impuls, den Blick hinunter zu seinem Oberkörper gleiten zu lassen, war schier überwältigend, aber sie widerstand ihm.

„Haben Sie nicht gleich ein Bewerbungsgespräch?“ Bedeutungsvoll zog er die Augenbrauen hoch. „Sie wollen doch bestimmt nicht zu spät kommen.“

Alyssa biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen. Stattdessen lächelte sie selbstbewusst, obwohl ihr der wichtigste Termin des Jahrhunderts bevorstand. „Da haben Sie recht“, sagte sie und zuckte innerlich zusammen, weil ihr Südstaatenakzent ihr auch nach jahrelangem Üben noch immer anzuhören war. „Wenn Sie mich also entschuldigen würden …“

Sie glitt vom Hocker und nahm ihre Tasche. „Ich muss jetzt einen Job an Land ziehen.“ Selbstsicherer, als sie sich fühlte, drehte sie sich um und ging zum Aufzug.

„Viel Glück!“, rief Paulo Domingues ihr amüsiert hinterher.

Paulo blickte der Lady nach, wie sie mit anmutig schwingenden Hüften davonmarschierte.

Die Mischung aus Professionalität, Temperament und Courage faszinierte ihn. Alyssas Rock betonte ihren wohlgeformten Po, die atemberaubenden Schuhe waren das einzige Elegante an ihrem ansonsten nichtssagenden Outfit. Als sich die Stahltüren des Aufzugs fast lautlos hinter ihr geschlossen hatten, fiel die Anspannung langsam von ihm ab.

Nachdem er den ganzen Vormittag draußen verbracht und mit dem Landschaftsarchitekten diskutiert hatte, war eine Erfrischung im Pool dringend nötig gewesen, bevor er die Arbeit des Innenarchitekten im Penthouse überprüfen würde. Und jetzt konnte ihm sein Instinkt, auf den sonst immer Verlass war, nicht sagen, ob Ms Alyssa Hunt ihn ebenso attraktiv fand wie er sie. Er brauchte eine Dusche, und zwar eine eiskalte.

Zehn Minuten später stellte Paulo fest, dass sich heftige Lust mit dieser Methode offenbar nicht immer erfolgreich unterdrücken ließ. Nachdem er sich angezogen hatte, verließ er das Zimmer, das er während der Renovierungsarbeiten nutzte. Dabei hatte er noch immer ein äußerst verführerisches Bild von Alyssa vor seinem inneren Auge.

Ihr sinnlicher Blick, die zarten Züge … Das Outfit war das einer professionellen Geschäftsfrau, aber ihre scharfe Zunge und der gelegentlich durchklingende Akzent ließen darauf schließen, dass unter der kühlen Oberfläche heiße Leidenschaft brodelte. Und ihren atemberaubenden Körper konnte auch das schlichteste Kostüm nicht verbergen.

Auf dem Weg in sein Büro spürte Paulo, wie ihn ein erotisches Prickeln und erregende Vorfreude erfüllten. Auf der Schwelle blieb er stehen und genoss einen Moment lang den Anblick der Frau, die vor seinem Mahagonischreibtisch saß. Das honigfarbene Haar fiel ihr seidig über die Schultern. Sie saß aufrecht und ein wenig geziert da: den Rücken gerade, die Beine übereinandergeschlagen und die Hände im Schoß gefaltet.

Als sich ihre Blicke begegneten, spürte Paulo eine intensive Anziehung zwischen ihnen. Er hielt Alyssas Blick fest, während er zum Schreibtisch ging, und hoffte, ihre vorlaute Art würde wieder zum Vorschein kommen. „Möchten Sie mir noch Fragen stellen, bevor wir anfangen?“

Sie sah ihn mit ihren grauen Augen an, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch ihre sinnlichen roten Lippen verzogen sich zu einem höflichen Lächeln. „Ich möchte Ihnen lieber erklären, warum ich die Lösung für Ihr Problem bin.“

Paulo lehnte sich an die vordere Kante seines Schreibtischs. Ja, ein Problem hatte er allerdings – mehrere sogar. Kauf und Renovierung des Samba Hotel waren völlig problemlos über die Bühne gegangen, doch jetzt schien alles schiefzulaufen: Sein Geschäftsführer musste sich um einen Notfall in einem anderen seiner Hotels kümmern, seine Veranstaltungsplanerin hatte ihn im Stich gelassen, und nun hatte auch noch die für die große Eröffnungsfeier engagierte Band einfach abgesagt.

Dabei war die Eröffnung, die in nur achtzehn Tagen bevorstand, die wichtigste in seiner gesamten Laufbahn. Er hatte jahrelang auf die Gelegenheit gewartet, Marcos zu beweisen, dass dieser sich täuschte, was das Samba betraf.

Stirnrunzelnd verdrängte Paulo den Gedanken an seinen Bruder. „Ich hoffe auch, dass Sie mir helfen können. Aber erst muss ich noch etwas mehr über Sie wissen.“

Leichte Panik spiegelte sich in ihrem herzförmigen Gesicht, bevor es wieder ausdruckslos wurde. Er fragte sich nach dem Grund, ermahnte sich jedoch sofort, dass es ihn nichts anging. Ob er Alyssa die Stelle gab oder nicht, hing einzig und allein von ihren Fähigkeiten ab.

Nachdem er ein halbes Jahrzehnt wie verrückt für Domingues International geschuftet hatte, war er endlich so schlau gewesen, sich von allem zu lösen und eine eigene geschäftliche Vision zu entwickeln. Auf keinen Fall wollte er sich weiter für eine Familie aufopfern, die seine Bemühungen ohnehin nicht würdigte. Sich ununterbrochen dem Unternehmen widmen, aber niemals den Lohn ernten – damit war es nun vorbei. Paulo war entschlossen, weiter hart zu arbeiten, aber von nun an würde er sich nur noch um seine eigenen Bedürfnisse kümmern. Und von diesem Ziel wird mich niemand abbringen, dachte er.

Als er Alyssa Hunt nach ihrem Lebenslauf fragte, presste sie kurz die Lippen zusammen und reichte ihm schweigend eine Mappe. Nach einem Blick auf ihre wohlgeformten Beine rief er sich in Erinnerung, worum es bei diesem Bewerbungsgespräch eigentlich gehen sollte. Er überflog ihren Lebenslauf und sah sie zweifelnd an. „Sie haben bisher ausschließlich kleinere Firmenveranstaltungen organisiert. Die Events im Samba Hotel haben einen wesentlich größeren Rahmen und auch ein deutlich … höheres Niveau.“

Er hatte versucht, sich diplomatisch auszudrücken. Ihre angespannte Haltung zeigte ihm jedoch, dass es ihm nicht gelungen war. „Ich bin absolut in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen, Mr Domingues“, sagte sie etwas steif.

„Ich muss Sie enttäuschen“, erwiderte Paulo. „Tut mir leid.“ Das stimmte, denn die junge Frau faszinierte ihn. Aber er konnte den Erfolg vom wichtigsten Unternehmenserwerb seines Lebens nicht durch eine unzureichend qualifizierte Veranstaltungsplanerin gefährden. Außerdem würde diese Frau ihn viel zu sehr ablenken.

Er legte die Mappe auf den Schreibtisch und fügte hinzu: „Außerdem suche ich eine Veranstaltungsplanerin in Festanstellung, wie Sie ja bereits wissen.“

Alyssa hob ein wenig das Kinn. „Als strategische Partnerin wäre ich sicher die bessere Wahl.“

Angesichts ihrer Wortwahl musste er ein Lächeln unterdrücken. „Eine ‚Partnerschaft‘ kommt für mich nicht infrage.“ Weder geschäftlich noch privat. Diese schmerzliche Lektion hatten seine Familie und seine Exfrau ihm erteilt.

Bittere Erinnerungen wurden in ihm wach. Um sich zu beruhigen, nahm Paulo einen mit Autogrammen versehenen Baseball in die Hand und rollte ihn zwischen den Händen hin und her. Vergessen würde er das Erlebte nie. Und deshalb hatte er nur noch Beziehungen, die nicht unter die Oberfläche gingen. Frauen durften ihn trösten und ablenken, aber sie spielten in seinem Leben nur noch eine Statistenrolle.

Plötzlich fiel ihm auf, dass Alyssa keine Anstalten machte zu gehen. Interessant, dachte er. Andererseits hatte er einen Termin mit dem Innenarchitekten und war bereits spät dran. Bedauernd stand er auf und legte den Ball hin. „Ms Hunt, Sie haben eine Antwort von mir bekommen. Meine Sekretärin wird Sie jetzt hinausbegleiten.“

Als er sein Büro verließ, hörte er, wie sie ihm folgte. Diese junge Frau war wirklich ganz schön entschlossen!

„Geben Sie mir zumindest eine Chance“, bat Alyssa Hunt und legte ihm sanft die Hand auf den Arm.

Ihr weicher Südstaatenakzent und das Gefühl ihrer Haut auf seiner ließen Paulo mitten in der Bewegung verharren und erfüllten ihn mit schmerzlicher Sehnsucht. Heute wollte ihn das Schicksal offenbar unbedingt quälen. Und während er vor Verlangen ganz angespannt war, wirkte Alyssa kühl und gefasst.

Es wäre natürlich idiotisch, sich eine Veranstaltungsplanerin entgehen zu lassen, die sein Problem lösen könnte, und er musste auch nicht zum ersten Mal den Reizen einer Frau widerstehen. Alyssa Hunt war ganz offensichtlich sehr beharrlich, und er konnte jemanden mit ihrem Temperament gut gebrauchen. Ihm wurde klar, dass er eigentlich keine andere Wahl hatte. Also sollte er ihr die Chance geben, ihn umzustimmen. Er würde sich nur ständig ermahnen müssen, nicht mit dieser Frau zu flirten.

„Also gut, Ms Hunt“, sagte er in geschäftsmäßigem Ton und verschränkte die Arme, um sich ihrer Berührung zu entziehen. „Ich muss mir jetzt die Arbeit des Innenarchitekten im Penthouse ansehen. Bis zum obersten Stockwerk haben Sie die Chance, mich von sich zu überzeugen.“ Mit einem Nicken deutete er auf die Aufzugtüren.

Erst nach einem Moment begriff Alyssa: Paulo Domingues gab ihr die Gelegenheit, sich und ihr Unternehmen zu präsentieren – immerhin.

Paulo trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Vielleicht hatte er es als Sohn einer vermögenden, einflussreichen Familie nicht nötig, einen Anzug zu tragen. Im Gegensatz zu mir, dachte sie und unterdrückte einen Seufzer, denn ihre Zehen schmerzten in den schicken Designersandaletten. Doch von ihrem Ziel, diesen Kunden zu gewinnen, sollte nichts und niemand sie abbringen. Deshalb riss sie sich zusammen und sagte: „Einverstanden, Mr Domingues.“

Sie folgte ihm ins Foyer. „Das Konzept individueller Luxushotels Ihrer Kette ist mir vertraut, und besonders der persönliche Service spricht mich an.“

Alyssa warf Paulo einen Blick zu und stellte entmutigt fest, dass er beinah gelangweilt wirkte. „Ich verfüge über eine ausgezeichnete soziale Kompetenz“, fuhr sie fort, als sie den Aufzug betraten und die Türen sich hinter ihnen schlossen. „Und ich erziele auch bei großer Belastung hervorragende Ergebnisse.“

Das schien sein Interesse zu wecken. „Tatsächlich?“, fragte er und kam einen Schritt näher.

Seine Nähe und der glutvolle Ausdruck in seinen Augen brachten Alyssa völlig durcheinander. Um sich zu beruhigen, atmete sie tief ein – und nahm den Duft seines maskulinen Aftershaves wahr. Ganz ruhig, Alyssa, sagte sie sich. Konzentriere dich aufs Wesentliche.

Sie setzte eine ausdruckslose Miene auf. „Soll ich Ihnen konkrete Beispiele nennen?“

Als Paulo sich zu ihr neigte, erschien wieder ein Grübchen in seiner Wange. „Ich möchte mich lieber selbst davon überzeugen.“ Er drückte einen Knopf.

Alyssa spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte, als der Lift sich in Bewegung setzte – viel zu schnell. „Ich bin sehr detailversessen, gut organisiert und arbeite äußerst effizient.“

Sie hob den Kopf und sah Paulo an. Ein schwerwiegender Fehler: Sein Gesicht war nur noch einen halben Meter von ihrem entfernt. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, sich in seinen wunderschönen mokkabraunen Augen mit den winzigen grünen Sprenkeln zu verlieren.

Sicher wusste Paulo Domingues genau, was er in ihr auslöste. Doch er wartete geduldig darauf, dass sie weitersprach. Energisch ignorierte Alyssa das heftige Klopfen ihres Herzens. „Besonders gut bin ich darin, kreative Lösungen für unerwartete Probleme zu finden.“

„Sie denken also unkonventionell?“

„Genau.“

Pling machte der Aufzug, als sie den nächsten Stock erreichten. Erwartungsvoll zog Paulo Domingues eine Augenbraue hoch. „Erzählen Sie weiter.“ Sein Lächeln war erst atemberaubend und dann unwiderstehlich. Er war weit davon entfernt, sie zu berühren, aber das war auch gar nicht nötig – er brauchte sie nur mit gesenkten Lidern anzusehen.

Pling. Nur noch ein weiteres Stockwerk.

Verdammt, schimpfte Alyssa, was ist denn los mit dir? Denk an dein großes Ziel!

Das letzte Pling ertönte.

Sie fluchte leise und drückte auf den Nothalt-Knopf. Der Aufzug blieb so ruckartig stehen, dass sie sich gegen die verspiegelten Wände stützen mussten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Vorsicht, heiß!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen