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Vorsicht, Supermann!

1. KAPITEL

„Es lebe die Revolution. Wieder einmal.“

Brady Marshall sah von der E-Mail auf, die er gerade abschickte. Der Stabschef seines Vaters stand am Fenster und blickte auf die Constitution Avenue hinunter. „Was gibt’s denn jetzt wieder?“, erkundigte Brady sich.

„Einen Protest, aber zumindest nur einen kleinen. Vielleicht fünfzig Leute.“ Nathan schüttelte den Kopf. „Haben die an einem Freitagmorgen nichts Besseres zu tun?“

Nathan war Pessimist, er hatte zu viele Jahre in der Washingtoner Politik verbracht. Die effektive Leitung des Büros von Senator Marshall erledigte er hervorragend, aber die eigentliche Mission hatte er längst aus den Augen verloren. Nach der Wahl würde Brady ein ernstes Gespräch mit seinem Vater führen. Sie brauchten frisches Blut im Team. „Worum geht es bei dem Protest?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Ja.“ Brady stellte sich ebenfalls ans Fenster. Natürlich konnte er nicht hören, was die Demonstranten riefen, aber er sah, wie engagiert sie wirkten. „Wenn ich mich schon auf den Spießrutenlauf einlasse, möchte ich gern wissen, ob sie sich über eine politische Maßnahme ärgern oder nur über meine Lederschuhe.“

„Warum willst du zu ihnen gehen?“ Nathan trat an seinen Schreibtisch und öffnete eine Schublade.

„Ich treffe mich mit einem Freund im Stadtzentrum, und der kürzeste Weg führt nun mal mitten durch diese Gruppe.“

Nathan kehrte ans Fenster zurück und betrachtete die Menge durch ein kleines Fernglas hindurch. „Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber den Schildern nach zu urteilen tippe ich auf Umweltschützer.“

„Du bewahrst in deiner Schublade ein Fernglas auf?“

„Gerade ist es doch ganz praktisch, oder?“

„Pass auf“, sagte Brady, trat vom Fenster und begann, seine Sachen zusammenzupacken. „Dad muss das hier durchsehen, ehe wir uns am Mittwoch mit dem neuen Berater treffen. Zumindest wenn er sich aktiv in die Strategie einbringen möchte. Ansonsten kümmere ich mich darum.“

Auch wenn dies das erste Mal war, dass er offiziell eine Kampagne leitete, schien es, als hielte er schon sein ganzes Leben Wahlkampfreden für diverse Kandidaten. Der tägliche Politiktrott machte ihm nicht unbedingt Spaß – und egal, was die Gerüchte sagten, er hatte ganz sicher nicht vor, sich um den Senatssitz zu bewerben, den seine Familie seit vierzig Jahren innehatte. Aber Wahlkampagnen waren eine Herausforderung.

In den äußeren Büros und im Wartebereich gingen die Mitarbeiter seines Vaters ihren jeweiligen Beschäftigungen nach und grüßten Brady, als er an ihnen vorbeiging. Die Wartezone war fast leer. Nur wenige Menschen hatten heute Termine bei den Mitarbeitern des Stabs. Doch sie alle starrten eine junge Frau an, die am Empfang stand und eindringlich auf die Sekretärin einredete.

Brady blieb stehen, um zu sehen, was so interessant war.

„Ma’am, Sie brauchen einen Termin.“ Louises Stimme traf die perfekte Mischung aus Geduld und Verständnis, während sie gleichzeitig ihren Standpunkt deutlich machte.

„Ich weiß, und darum würde ich sehr gern einen Termin vereinbaren. Ich stehe dem Senator jederzeit zur Verfügung.“ Die Frau musste noch neu in diesem Spiel sein. Nicht nur, dass ihr offensichtlich nicht klar war, dass sie keine Chance hatte, einen Termin bei seinem Vater zu bekommen – ihre Kleidung war auch nicht gerade dazu angetan, sie ernst zu nehmen.

Sie trug ein eng anliegendes T-Shirt zu einem langen, weiten Rock. Um ihre Hüfte saß ein brauner Ledergürtel, an ihren Handgelenken baumelten mehrere Silberarmreifen, und ein buntes Stirnband bändigte die kurzen braunen Locken.

Brady hätte sein Geld darauf verwettet, dass sie zu den Umweltschützern draußen vor der Tür gehörte. Doch wenn einer Frau der niedliche Hippie-Look stand, dann ihr. Sie war zierlich gebaut, ohne zerbrechlich zu wirken, und ihr Profil drückte zarte Eleganz aus.

„Ich möchte Senator Marshall die Gelegenheit bieten, mit unserer Organisation, der People’s Planet Initiative, zusammenzuarbeiten. Jetzt ist die ideale Gelegenheit für den Senator, eine deutlichere Haltung zur Umweltpolitik einzunehmen und sich selbst als Führer einer …“

Louise unterbrach den Wortschwall, indem sie eine Hand hob. „Miss …“

„Breedlove“, ergänzte die Frau. Das war ein eher traditioneller Name für jemanden, der so unkonventionell daherkam. Brady hätte eher etwas in Richtung „MoonChild“ erwartet.

„Miss Breedlove, es ist eine sehr hektische Woche für den Senator und sein ganzes Team. Es gibt einfach niemanden, der Zeit hätte, sich mit Ihnen zu treffen – auch wenn die Ziele Ihrer Organisation sicherlich Respekt und Anerkennung verdienen“, erklärte Louise mit einem geduldigen Lächeln. „Wenn Sie uns vielleicht nächste Woche kontaktieren würden, und zwar auf dem korrekten Weg, werden wir uns bemühen, den richtigen Mitarbeiter im Stab des Senators für Sie zu finden.“

Die Frau runzelte die Stirn. Offensichtlich dämmerte ihr allmählich, dass sie nicht mehr als eine höfliche Abfuhr erreichen würde. Brady hatte fast ein wenig Mitleid mit ihr. Es tat immer weh, wenn der eigene Idealismus zum ersten Mal auf die harte Realität traf. „Ich verstehe. Dürfte ich dann ein paar Informationen für den Senator zur Durchsicht hinterlassen?“

Jetzt, da sie gewonnen hatte, lächelte Louise. „Natürlich.“ Während Miss Breedlove in einer zerknitterten Segeltuchtasche nach ihren Unterlagen kramte, richtete die Sekretärin ihre Aufmerksamkeit auf Brady und lächelte ihn entschuldigend an. „Brady, es tut mir leid, aber ich werde die Informationen, um die du mich gebeten hast, erst morgen beisammenhaben.“

„Kein Problem“, beruhigte er sie. „Wir wissen beide, dass Dad sich die Papiere ohnehin erst zehn Minuten vor dem Meeting ansehen wird.“

„Das stimmt.“ Louise nahm die Unterlagen von Miss Breedlove entgegen, während er das Büro verließ und die Tür hinter ihm zuschwang.

Louise gehörte zu den loyalen Mitarbeitern, die schon für seinen Großvater tätig gewesen und geblieben waren, als sein Dad den Sitz gewonnen hatte. Ihre Entscheidung hatte Brady überrascht, denn während ihrer jahrelangen Arbeit für seine Familie konnte ihr nicht entgangen sein, dass die Marshalls nicht immer eine ganz blütenweiße Weste trugen.

Schlussendlich überwand sie ihre Abneigung gegen den Mann Douglas Marshall für das Wohl von Douglas Marshall, den Senator und das höhere Ganze.

Genauso wie er selbst es getan hatte.

„Mr Marshall! Mr Marshall, bitte warten Sie!“

Er drehte sich um und sah, wie Miss Breedlove hinter ihm her hastete. Oh, oh. Die Fahrstuhltüren öffneten sich und gaben den Blick auf einen leeren Innenraum frei. Leider erlaubten es ihm seine guten Manieren nicht, dass er schnell hineinging und ohne sie nach unten fuhr.

„Vielen Dank“, keuchte sie, nachdem sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten und sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Der schnelle Spurt durch den Gang hatte Farbe auf ihre Wangen gezaubert, und ein paar der Locken hatten sich aus dem Band gelöst und fielen ihr über die Stirn. Ihre grünen Augen leuchteten. „Mr Marshall“, begann sie, „ich gehöre zur People’s Planet Initiative …“

„Es tut mir leid, wenn ich Sie unterbreche, aber ich bin nicht der richtige Ansprechpartner für Sie.“

„Sie sind Brady Marshall, oder? Senator Marshalls Sohn.“

„Ja, der bin ich. Aber ich gehöre nicht zu seinem Bürostab.“

„Ich weiß. Sie sind sein Kampagnenmanager.“

Miss Breedlove hatte ihre Hausaufgaben gemacht. Brady wusste nicht so recht, ob er beeindruckt oder misstrauisch sein sollte. „Und als solcher habe ich keinen Einfluss auf seinen Terminkalender. Ich kann Ihnen nicht helfen, einen Termin bei ihm zu ergattern“, erklärte er.

„Aber Sie könnten mir zumindest zuhören.“

Da seine gute Erziehung dazu geführt hatte, dass er allein mit dieser Frau in einem Fahrstuhl steckte, wusste Brady nicht, wie er sich der Situation entziehen sollte. Nicht, dass Miss Breedlove ihm überhaupt eine Chance gegeben hätte.

„Wenn Senator Marshall sich den Zielen von PPI verschreiben würde, könnten wir einen wertvollen Beitrag zu seiner Wiederwahl leisten. Unsere Mitglieder sind in ganz Virginia sehr aktiv und engagiert. Außerdem verfügen sie über eine starke Internetpräsenz. Sie wissen selbst, wie wichtig eine Unterstützung durch die Basis ist …“

Zum Glück öffneten sich in diesem Moment die Türen und gaben ihm die Gelegenheit, ihrem Wortschwall Einhalt zu gebieten. „Louise hat Ihre Informationen, und sollte Ihre Agenda beweisen, dass …“

„Genau genommen haben wir keine Agenda“, unterbrach sie ihn. Während er versuchte, sich fortzubewegen, lief sie neben ihm her und redete ununterbrochen weiter. „Es ist einfach unsere Pflicht, diesen Planeten zu einem besseren Ort für all jene zu machen, die hier leben.“

„Das ist bewundernswert.“ Sei unverbindlich. Er öffnete die Tür nach draußen und blinzelte ins helle Sonnenlicht.

Miss Breedlove stand direkt hinter ihm. Und redete immer noch. „Mit der Hilfe von Senator Marshall …“

Ah, verdammt. Er war direkt nach draußen und in die Richtung der Demonstranten marschiert. Drei von ihnen lösten sich sofort aus der Menge und stellten sie auf der Treppe.

Großer Gott, er hatte wirklich keine Lust, sich heute mit so etwas auseinandersetzen zu müssen.

„Mr Marshall, wenn Sie mir nur zwanzig Minuten Ihrer Zeit geben würden. Ich bin sicher, Sie stimmen mir zu, dass die Ziele von PPI …“, begann Miss Breedlove von Neuem, nur um diesmal von einem ihrer eigenen Leute unterbrochen zu werden.

„Wir können unseren Planeten nicht weiterhin auf diese Weise ausbeuten“, röhrte ein Mann in grünem T-Shirt.

„Wir dürfen nicht untätig zusehen, wie …“, fügte eine Frau hinzu.

Brady zügelte nur mühsam seine Ungeduld, während er ihnen das Wort abschnitt. „Ich schätze Ihre Ziele. Und sicherlich wissen Sie, dass es Senator Marshall ein politisches Anliegen ist, die Umwelt zu erhalten. Er arbeitet mit mehreren grünen Initiativen zusammen. Aber ich bin nicht die Person, mit der Sie reden müssen.“

„Oh doch, ich denke schon“, sagte Miss Breedlove ruhig und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihre großen grünen Augen blickten so ernst und bittend, dass er fast schwach wurde. „Ihre Familie besitzt großen Einfluss und könnte einiges bewirken.“

Der Einfluss seiner Familie. Ja. Das löste ihn aus dem Bann ihrer Augen. „Es tut mir wirklich leid, aber ich bin spät dran.“

Der Mann in dem grünen T-Shirt trat näher. „Mir tut es auch leid.“

Bevor er die Bedeutung hinter dieser Aussage begriff, spürte Brady etwas Kaltes an seinem Handgelenk, gefolgt von einem metallischen Klicken. „Was zur Hölle …“, rief er und hob den Arm, wobei er feststellte, dass er dabei auch Miss Breedloves Arm bewegte.

Sie waren mit Handschellen aneinander gefesselt.

Der Mann in dem grünen T-Shirt sprang die paar Stufen hinunter, schrie etwas, das Brady nicht verstand, und verschwand in der Menge.

„Kirby! Komm zurück!“, rief Miss Breedlove ihm hinterher, während sie an dem Metall zerrte und damit auch sein Handgelenk schmerzhaft verdrehte. „Mach dieses Ding wieder ab!“

An diesem Punkt flippte die Menge aus. Die Leute begannen zu singen und zu schreien. Der Anblick ihrer Wortführerin, die an einen anderen Menschen gefesselt war, schien sie zu elektrisieren.

Zu Bradys unendlicher Erleichterung tauchten in diesem Moment die Wachleute auf. In ihrer Aufregung waren die Demonstranten zu nah an das Gebäude gerückt und mussten wieder auf gebührenden Abstand zurückweichen. Einer der Officers, den Brady seit Jahren kannte, lachte, als er sah, in welchem Dilemma er sich befand.

„Wollten Sie an diese Lady gefesselt werden, Sir? Soll ich Sie vielleicht irgendwohin eskortieren?“

„Sehr witzig, Robert. Schließen Sie einfach die Handschellen auf.“

Robert blickte Miss Breedlove streng an. „Ihnen ist schon klar, dass es eine schwere Straftat ist, jemanden gegen seinen Willen zu fesseln?“

Ihre Augen weiteten sich. Erneut versuchte sie, ihre Hand aus dem Metallring zu befreien. „Ich bin genau so sehr Opfer wie er. Ich habe uns nicht aneinander gefesselt.“

„Können wir die Schuldfrage später klären?“ Brady hob ihre aneinander gefesselten Hände auf Roberts Blickhöhe, nur um sie rasch wieder zu senken, als er sah, dass die versammelte Menge bereits Kameras zückte. „Vielleicht drinnen?“

Robert nickte und deutete auf den Hintereingang.

Die Absurdität der Situation wurde nur noch dadurch übertroffen, dass Miss Breedlove so viel Abstand zwischen sie zu legen versuchte, wie es die Handschellen zuließen, und ihre Hand dabei in einem äußerst unbequem wirkenden Winkel abspreizte, um ihn nicht zu berühren. Es funktionierte nicht ganz.

An diese Frau gefesselt zu sein, hatte zumindest eines bewirkt: Sie redete nicht mehr.

Aspyn kaute auf der Innenseite ihrer Unterlippe, während sie Brady Marshall und dem Officer zurück ins Russell-Gebäude folgte. Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hätte, dank Kirbys Dummheit.

Dafür würde sie ihn umbringen.

Abgesehen von der offenkundigen Demütigung würde Kirbys Aktion jedes Zugeständnis, das sie Brady Marshall vielleicht hätte abringen können, zerstören. Jetzt half er ihr ganz sicher nicht mehr, einen Termin bei seinem Vater zu bekommen.

Es gab Zeiten für offene Konfrontation und Zeiten, in denen man ruhige Stärke demonstrieren musste. Jeder Aktivist, der lange genug dabei war, wusste das. Kirby war zu neu, zu frisch, um diesen Unterschied zu begreifen, und nun mussten sie und PPI den Preis dafür zahlen.

Hoch erhobenen Hauptes ließ sie sich von dem Officer durch die Lobby führen und versuchte dabei, so viel Abstand wie möglich zu Mr Marshall zu wahren, der zum Glück eher genervt als wütend wirkte.

Eine Tür mit dem Logo der Polizei von Capitol Hill führte in einen fensterlosen Raum, der perfekt für das Kreuzverhör eines Verdächtigen geeignet schien. Aspyn fragte sich, ob sie zum ersten Mal in ihrem Leben verhaftet werden würde.

Der Officer – R. Richards, wie sein Namensschild ihn auswies – hob ihre Hände und untersuchte die Handschelle. „Hm. Das ist ein Problem.“

„Warum?“, fragten sie und Mr Marshall unisono.

Er deutete auf den Verschlussmechanismus. „Das ist keine Standard-Handschelle.“

Brady Marshall seufzte, doch Aspyn verstand die Bedeutung dieser Aussage nicht. „Und?“

Und sie lässt sich nicht mit einem Standardschlüssel öffnen.“ Richards blickte sie erneut streng an – ganz so, als wäre das alles ihr Fehler. „Haben Sie zufälligerweise den Schlüssel, Miss?“

„Nein“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Weil das nicht meine Handschelle ist. Das hier war nicht meine Idee.“

„Nun, dann muss ich sie aufschneiden.“

Das entlockte ihrem Mitgefangenen einen weiteren Seufzer. „Und wie lang wird das dauern?“, erkundigte Brady sich.

„Nur ein paar Minuten, sobald ich den Bolzenschneider gefunden habe. Den Bolzenschneider zu finden, wird allerdings ein wenig länger dauern.“

Mr Marshall warf ihr endlich einen Blick zu – was ein Kribbeln in ihrem Bauch auslöste – und schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich wieder an den Officer und sagte: „Ich schätze, wir haben keine andere Wahl. Holen Sie den Bolzenschneider.“

Richards deutete mit dem Kopf auf Aspyn. „Ist es okay für Sie, wenn ich Sie ein paar Minuten mit ihr allein lasse?“

Darauf betrachtete Brady Marshall sie von Kopf bis Fuß und lachte. „Ich denke, ich bin einigermaßen sicher.“

Die beiden redeten weiter, als wäre sie gar nicht da. Aspyn versuchte, ihr Temperament zu zügeln, bis der Officer zur Tür ging und den Raum verlassen wollte. „Entschuldigung? Interessiert es niemanden, ob es für mich okay ist, in einem fensterlosen Raum, gefesselt an einen völlig Fremden, allein gelassen zu werden?“

„Ich garantiere für Brady. Ihnen wird nichts passieren“, versicherte ihr Richards.

Und dann waren sie allein. Auch wenn sie ihren Kommentar halb scherzhaft gemeint hatte, dämmerte ihr allmählich das ganze Ausmaß der Situation. Sie war in einem kleinen Raum mit Brady Marshall, einem ziemlich großen Mann – beinahe einen Kopf größer als sie. Noch dazu hatte er breite Schultern, plus sie hatte seine Muskeln gespürt, als sie seinen Arm berührt hatte. Dazu kamen ein energisches Kinn, dunkles, honigblondes Haar, das ihm immer wieder verwegen in die Stirn fiel, und tiefgrüne Augen … Gnade.

Das Schlimmste an der Situation war nicht die öffentliche Demütigung oder sogar die Irritation, die Brady Marshall offensichtlich nur mühsam im Zaum hielt. Nein, das Schlimmste war, dass ein Teil von ihr gar nichts dagegen hatte, an ihn gefesselt zu sein. Gut, er sah sie an, als gehöre sie in eine Zirkusvorstellung, aber ihre Gedanken drifteten immer wieder in eine unangemessene Richtung ab. Es war völlig lächerlich, und dennoch hatte sie Schmetterlinge im Bauch.

Das Schweigen zerrte an ihren Nerven. Aspyn setzte sich auf den Tisch, ließ ihre Schuhe auf den Boden fallen und die Beine baumeln, während sie versuchte, den Arm zu entlasten, der an seinen gefesselt war. Zu ihrer Überraschung setzte sich Brady Marshall zu ihr auf den Tisch, sodass ihre Hände auf der billigen Plastikplatte zu liegen kamen. Auf diese Weise ließ der Druck auf ihr Handgelenk etwas nach.

„Woher wollen Sie wissen, dass es sicher ist, hier mit mir allein zu sein?“, fragte sie. „Immerhin könnte ich eine Meisterin in asiatischen Kampfsporttechniken sein.“

Er hob eine Augenbraue und musterte sie langsam von Kopf bis Fuß. Ein Schauer durchfuhr sie. „Sind Sie eine?“, entgegnete er.

„Nein“, gab sie zu. „Aber das wussten Sie nicht.“

Um seine Mundwinkel zuckte es leicht. „Angesichts mangelnder Alternativen war es ein Risiko, das ich bereit war einzugehen. Und Robert kennt mich seit Jahren. Ansonsten hätte er Sie nicht hier mit mir allein gelassen. Ich versichere Ihnen, dass Sie von mir nichts zu befürchten haben.“

Warum fühlte sich das wie eine Beleidigung an?

„Gut zu wissen“, erwiderte sie.

„Miss Breedlove …“

„Aspyn“, korrigierte sie ihn.

Das trug ihr einen weiteren befremdeten Seitenblick ein. „Wie bitte?“

„Ich mag es nicht, wenn man mich Miss Breedlove nennt. Mein Name ist Aspyn.“

„Also schön. In Anbetracht der Umstände sollten Sie mich dann vermutlich Brady nennen.“ Seine Laune schien sich wieder ein wenig zu bessern.

„Okay, Brady.“ Sie streckte die Hand aus, um seine zu schütteln, und merkte zu spät, dass ihm das nicht möglich war. Also ließ sie sie wieder auf die Tischplatte sinken und begnügte sich mit einem „Nett, Sie kennenzulernen“.

„Gleichfalls, auch wenn ich mir wünschen würde, die Umstände wären ein wenig anders.“ Um seine Lippen spielte ein leises Lächeln. „Ich muss meinem Lunch-Termin sagen, dass ich später komme.“

„Okay.“

„Ich brauche mein Handy.“ Dieses Mal lag auf jeden Fall ein Lachen in seiner Stimme, aber sie verstand den Scherz nicht.

„Ich bin Rechtshänder“, fuhr er fort und deutete auf die Handschelle, die sie fesselte.

Aspyn wusste immer noch nicht, worauf er hinauswollte.

„Mein Handy ist in meiner rechten Hosentasche.“

Allmählich dämmerte es ihr. Mit seiner linken Hand kam er nicht heran, und wenn er seine rechte Hand in die Hosentasche steckte, wanderte ihre Hand mit.

„Oh.“ Sie spürte, wie sie errötete. „Nun, ich hätte nicht gedacht, dass wir heute schon so persönlich werden.“

Erstaunlicherweise zwinkerte er ihr verschmitzt zu. „Dann ist es doch gut, dass wir uns schon beim Vornamen nennen.“

Sie senkte den Blick und bemühte sich, möglichst unbekümmert dreinzuschauen. Ihr Arm streifte seine Hüfte, und ihre Hand berührte leicht seinen Oberschenkel, während Brady in seine Hosentasche griff – nur um kurz vor dem Ziel von der Handschelle gestoppt zu werden.

So sehr er sich auch bemühte – das Handy lag zu tief in der Tasche. Er kam nicht heran. Brady fluchte leise. „Macht es Ihnen etwas aus, in meine Tasche zu greifen und es herauszuholen?“

„Ist das Ihr Ernst?“ Er wollte, dass sie ihm in die Hose griff? Nein, nur in die Tasche, berichtigte sie sich.

Genau in diesem Moment klingelte sein Handy.

Brady räusperte sich bedeutungsvoll und drehte ihr die Hüfte zu, während es weiter klingelte.

Es hatte etwas von einem Verrenkungskünstler, als sie ihre Hand in seine warme Tasche schob. Um das zu bewerkstelligen, musste sie sehr nah an ihn heranrücken, und das überwältigte beinahe ihre Sinne.

Zwar achtete Aspyn darauf, ihre Hand so weit außen entlangzuführen wie möglich, dennoch bemerkte sie seine harten Muskeln. Was in aller Welt treibt dieser Mann in seiner Freizeit, um solche Oberschenkel zu bekommen?

Eine Sekunde später schlossen sich ihre Finger um das Telefon. Rasch zog sie es heraus, bevor sie vor lauter Verlegenheit rot anlief.

Bradys Lächeln, mit dem er das Handy entgegennahm, war auch nicht besonders hilfreich. Hastig drehte sie sich zur Seite, um ihn zumindest symbolisch ungestört telefonieren zu lassen.

Sie hörte, wie er jemandem lachend mitteilte, dass er unerwartet aufgehalten worden sei. Dann versprach er, später wieder anzurufen und einen neuen Termin auszumachen.

„Alles in Ordnung, Aspyn?“, fragte er, während er das Handy in die linke Hosentasche schob.

Reiß dich zusammen. „Mir geht’s gut. Tut mir leid, dass ich Ihre Termine durcheinander gebracht habe.“

„Ja. Ich glaube Ihnen sogar, dass das hier nicht Ihre Idee war, aber vielleicht sagen Sie diesem Kirby – so heißt er doch? –, dass die nächste Person, der er Handschellen anlegt, nicht so verständnisvoll sein könnte.“

„Heißt das, dass Sie keine Anzeige erstatten werden?“, erwiderte Aspyn und hielt den Atem an.

„Das habe ich nicht vor.“

„Vielen Dank. Ich verspreche Ihnen, dass ich Kirby persönlich den Hals umdrehen werde.“

„Ich verstehe bloß nicht, was er damit erreichen wollte.“

„Es hat Ihre Aufmerksamkeit geweckt, oder etwa nicht? Wissen Sie, wie schwierig es ist, in dieser Stadt Aufmerksamkeit zu bekommen? Besonders wenn man selbst nicht zu den wichtigen Leuten gehört?“

„Das kann ich mir vorstellen. Aber das rechtfertigt nicht, Leuten Handschellen anzulegen, denn …“

Sie bemühte sich gar nicht erst, ihre Frustration zu verbergen. „Unser ganzes Leben lang sagt man uns, wir sollen uns einmischen, nur um dann festzustellen, dass es eigentlich niemand will. Man sagt uns, wir sollen uns Gehör verschaffen, aber niemand scheint zuzuhören. Und das ist nicht nur bei unserer Organisation der Fall. Die meisten von uns sind seit Jahren Aktivisten. Wir haben ziemlich früh bemerkt, dass niemand wirklich hören will, was wir zu sagen haben.“

Brady nickte langsam. „Ich kann mir vorstellen, dass das frustrierend ist.“

„Oh, es ist mehr als frustrierend“, blaffte sie, weil sein gönnerhafter Ton sie ärgerte.

Aber ein Protest öffnet auch keine Kommunikationskanäle. Es geht nur darum, wer am lautesten schreien kann.“

Aber wenn wir laut und lange genug schreien, hört uns vielleicht irgendwann jemand. Was wir zu sagen haben, muss gehört werden. Wissen Sie, wie der Bergbau den Appalachen schadet? Wie ein Regenwald nach einer Rodung aussieht? Oder haben Sie jemals Seevögel vom Öl gesäubert?“

Brady schüttelte den Kopf.

„Nun, aber ich. Ich weiß, dass all das Ihrer Ansicht nach das hier nicht rechtfertigt …“, sie hob ihre gefesselten Handgelenke, „aber ich verstehe Kirbys Absicht. Ich heiße sie zwar nicht gut, begreife aber, was ihn dazu getrieben hat.“

Im ersten Moment schwieg er, und Aspyn befürchtete bereits, dass sie ein wenig zu weit gegangen sein könnte. Doch dann überraschte er sie mit seiner Antwort. „Ich lege ein gutes Wort für Sie bei Louise ein. Es wird Ihnen zwar keinen Termin bei meinem Vater einbringen, aber vielleicht – und ich sage bewusst vielleicht – können Sie jemanden aus seinem Mitarbeiterstab treffen.“

„Das würden Sie tun?“ Erstaunen beschrieb nicht mal ansatzweise ihre Reaktion.

„Sicher. Aber nicht wegen dieser Aktion“, betonte er. „Ich will nicht, dass die Leute glauben, das wäre eine gute Idee.“

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