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Vorsicht Stufe

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1Durchlässigkeit, Schnittstellen und Übergänge von der obligatorischen Schulzeit in die Sekundarstufe II

1.1Auf ins schulische Paradies oder auf direktem Weg in die Lernhölle? Ein Beispiel aus dem Alltag der Autorin

1.2Wie viele Löcher verträgt die Durchlässigkeit?Oder: Weshalb fällt die Durchlässigkeit nach unten durch?

1.2.1Von der Durchlässigkeit

1.2.2Übergänge und Schnittstellen oder gar offene Wunden?

1.2.3Wo liegen die Probleme? Ein Erklärungsversuch

1.2.4Schwellen verleiten zum Stolpern

1.2.5Sind wir nach unten offen?

2Wahrnehmung der Schnittstelle

2.1Grundlegendes zur Bildungslandschaft der Schweiz

2.2Der nahtlose Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II – der Normalfall

2.3Der holprige Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II – ein Sonderfall?

2.3.1Eine Lehrstelle finden ist (nicht?) schwer … Oder: Weshalb der Übergang an die Berufsfachschule einem Hürdenlauf gleicht

2.3.2Für wen die Hürden besonders hoch sind … Das Problem mit der Chancengleichheit

2.3.3Der schwierige Start

2.3.4Wenn dem Beruf die Theorie abhandenkommt

2.3.5Unverhofft kommt oft – so auch der Lernort Berufsfachschule

2.3.6Fazit – reduzieren wir die Hürden

3Reichen wir uns die Hände

3.1Wie ein Geländer dabei helfen kann, die Stufen zu überwinden

3.2Von der Intention zur Realisierung

3.3Die Durchführung

3.4Von der Durchführung zur Auswertung

3.4.1Auswertung im Berufsvorbereitungsjahr

3.4.2Auswertung an der Berufsfachschule

3.5Unser Fazit und wie es mit unserem Projekt weiterging

3.6Andere Kooperationen: Vom Lehrvertrag zur Schnupperlehre

3.7Quintessenz

4Ein Modell für die möglichen Kooperationsformen an der Schnittstelle zwischen der Sekundarstufe I und II

4.1Einige allgemeine Überlegungen zu Kooperationsmodellen

4.2Doch wie verhält es sich mit einem Kooperationsmodell an der Schnittstelle von Sekundarstufe I und II?

4.3Unser Modell der Schnittstellenkooperation

4.3.1Kooperationsebene der involvierten Lehrpersonen

4.3.2Kooperationsebene der Institutionen

4.3.3Kooperationsebene der übergeordneten Instanzen

5Für eine Kooperation braucht es mindestens zwei – ich kann nicht allein kooperieren

5.1Wer will mit mir kooperieren?

5.2Die Perspektive auf der Kooperationsebene der Lehrpersonen

5.3Die Kooperationsebene der Institutionen

5.4Indirekt involvierte Akteure unseres Kooperationsmodells

5.4.1Die Lehrpersonenausbildung

5.4.2Die Perspektive des Case Management Berufsbildung

5.4.3Die Perspektive eines Mitarbeiters des Jugendprogramms LIFT

5.4.4Die Perspektive einer Berufsberaterin

5.5Kooperation der übergeordneten Instanzen

5.6Fazit

6Visionen

6.1Unsere Grossvision: Keine Schnupperlehre und kein Lehrvertrag ohne Kontakt zur entsprechenden Berufsfachschule

6.2Ideale Voraussetzungen für unsere Vision

6.2.1Beteiligte Personen (Lehrpersonen sowie Berufsbildnerinnen und Berufsbildner)

6.2.2Beteiligte Schulen (auf der Sekundarstufe I und II) und beteiligte Betriebe

6.2.3Bildungspläne

6.2.4Ausbildungsorganisationen und Berufsverbände

6.2.5Gesetzliche Grundlage – politische Voraussetzungen

6.3Konkrete Beispiele

6.3.1Vorschläge von Berufslernenden

6.3.2Eine weitere Möglichkeit: Informationsveranstaltungen

6.3.3Besuch einer Berufsfachschullehrperson in der Sekundarstufe I

6.4Evaluation

6.5Quintessenz

Literaturverzeichnis

Anhang

Die Autorin und der Autor

Prolog

Das duale Berufsbildungssystem der Schweiz findet weitum Beachtung – und dies zu Recht. Der Erfolg spricht für sich und spiegelt sich unter anderem in der tiefen Jugendarbeitslosigkeit. Auch wir, die Autorin und der Autor, sind Akteure im dualen Berufsbildungssystem und sind von dessen Qualitäten überzeugt. Dennoch verorten wir eine Schwachstelle im Bereich des Übergangs von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II. Wenn wir – auch im Folgenden – von der Sekundarstufe II sprechen, dann meinen wir damit die Berufsbildung. Die Frage, inwieweit sich ähnliche Problemfelder auch im Übergang von der Sekundarstufe II zur Tertiärstufe präsentieren, muss an anderer Stelle beantwortet werden. Wir schliessen dies jedoch nicht aus.

Durch unsere Tätigkeit an der Schnittstelle zwischen der Sekundarstufe I und II – der Autor ist Lehrer an einer Berufsfachschule, die Autorin unterrichtet im Berufsvorbereitungsjahr – werden wir kontinuierlich mit dieser Schwachstelle konfrontiert. Wir beobachten, dass die Berufslernenden oft unvorbereitet auf die Situation an einer Berufsfachschule in die Ausbildung starten. Im Rahmen der Berufsvorbereitung (Schnupperlehre und Ähnliches) erfahren sie Wesentliches über die praktischen Aspekte des Berufs, welche ja auch die Schwerpunkte der Ausbildung darstellen. Der Lernort Berufsfachschule wird hingegen oftmals nur erwähnt. Mit welchen Anforderungen die Berufslernenden an den Berufsfachschulen konfrontiert werden und worin sich diese strukturell sowie konzeptionell von der Sekundarstufe I unterscheiden, scheint dabei kaum von Relevanz zu sein.

Auch wenn die Ausbildung primär auf dem Erwerb berufspraktischer Kompetenzen beruht, zeichnen sich die dualen Berufsausbildungen eben auch durch die Verknüpfung von Praxis und Theorie aus. Der einseitige Fokus bei der Vorbereitung der Berufslernenden auf die Praxis erschwert es einigen Jugendlichen, den Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II zu bewältigen, obschon sie über die schulischen und persönlichen Voraussetzungen verfügen (siehe auch Kapitel 1). Wir sind überzeugt, dass eine ganzheitliche Berufsvorbereitung mit Einbeziehung des Lernorts Berufsfachschule sich günstig auf die verschiedenen Akteure (Berufslernende, Ausbildungsbetriebe, überbetriebliche Kurse, Berufsfachschulen) auswirkt und dies gegebenenfalls zu weniger Lehrvertragsauflösungen führen kann. Diese ganzheitliche Berufsvorbereitung soll eben nicht nur der Sekundarstufe I beziehungsweise den berufsvorbereitenden Schulen und Institutionen vorbehalten sein. Vielmehr sehen wir die Sekundarstufe II ebenso in der Pflicht, die Berufslernenden von der Sekundarstufe I beziehungsweise den berufsvorbereitenden Schulen und Institutionen abzuholen, die je nach Kanton zur Sekundarstufe I oder II zählen. Wie diese Vernetzung an der Schnittstelle zwischen den beiden Sekundarstufen aussehen könnte, damit beschäftigt sich dieses Buch schwerpunktmässig.

Ausgangspunkt unserer Zusammenarbeit und damit auch der Entstehung dieses Buchprojekts waren gemeinsame Diskussionen über die Schnittstellenproblematik, bei denen wir uns gegenseitig unsere jeweilige Sicht schilderten – einerseits aus der Perspektive der Sekundarstufe I, andererseits aus der Perspektive der Sekundarstufe II. Aus diesem Gespräch entstand die Idee zur Zusammenarbeit und letztlich unser Projekt «Schnuppertage an der Berufsfachschule», das den Lernenden helfen sollte, den Übergang von der Berufsvorbereitung in die Berufsfachschule zu meistern. Den Begriff «Schnuppertag(e)» haben wir bewusst analog zur Schnupperlehre im Lehrbetrieb gewählt, weil sich unter diesem Begriff vor allem die Lernenden direkt etwas vorstellen können. Unser Projekt findet seit 2016 jährlich statt. Dabei ermöglichen wir es Lernenden des Berufsvorbereitungsjahrs, eine Berufsfachschule zu besuchen und dort einige «Schnupperlektionen» zu absolvieren (siehe Kapitel 3).

Neben unserer persönlichen Betroffenheit und dem daraus resultierenden Bedürfnis, jene Schwachstelle zu beheben, erachten wir eine systematische Optimierung an den Schnittstellen auch als adäquate Massnahme, die Qualität des Ausbildungseinstiegs zu verbessern, denn es braucht unseres Erachtens mehr als nur ein niederschwelliges Projekt, das auf eine einzelne Berufsfachschule und ein Berufsvorbereitungsjahr beschränkt ist.

Im Jahr 2006 vereinbarten Bund, Kantone und Sozialpartner mit den Leitlinien zum Projekt «Nahtstelle» das Ziel, dass im Jahr 2015 95 Prozent der 25-Jährigen in der Schweiz über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen sollten (vgl. EDK 2006). Der Bildungsbericht 2018 geht davon aus, dass diese Zahl mittlerweile nahezu erreicht ist, immer abhängig von der Herkunft der Jugendlichen (vgl. SKBF 2018, S. 111). Mit unseren Anregungen zur Verbesserung der Schnittstellenproblematik möchten wir auch dazu beitragen, dass eine Abschlussquote von 95 Prozent in nächster Zukunft erreicht werden kann.

Unser Buch richtet sich einerseits an Lehrpersonen, die an dieser Schnittstelle tätig sind, und andererseits an Personen, die in Berufsberatungs- und Informationszentren (BIZ) oder als Ausbildungsverantwortliche in den Betrieben tätig sind. Daneben möchten wir auch betroffenen Eltern sowie weiteren am dualen Berufsbildungssystem interessierten Personen eine Übersicht über diese Schnittstellenproblematik vermitteln.

Uns ist bewusst, dass wir nicht die Ersten oder Einzigen sind, die sich zu diesem Thema Gedanken machen. Wir gehen davon aus, dass es andere, ähnliche Projekte gibt. Jedoch ist es nicht Ziel unseres Buchs, eine Auflistung dieser Projekte zu geben. Wir gehen davon aus, dass andere Akteure, ähnlich wie wir, ihre Projekte durchführen, ohne dass dies weit bekannt wäre. Vielleicht kann unser Buch aber ein Anstoss sein, solche Projekte zu sammeln, sich untereinander zu vernetzen und so vielen Jugendlichen den Übergang zu erleichtern (siehe Kapitel 6).

Im ersten Kapitel geht es um eine Begriffsklärung im Zusammenhang mit dem dualen Berufsbildungssystem der Schweiz. Wir konzentrieren uns dabei auf Begrifflichkeiten, die für das Verständnis unserer Ausführungen bedeutsam sind. Wir verzichten hingegen bewusst auf eine detaillierte Übersicht sowie einen geschichtlichen Abriss.

Im zweiten Kapitel möchten wir den Lesenden aufzeigen, wie wir die Situation an der besagten Schnittstelle wahrnehmen und erleben. Zum einen geht es darum, dass Lernende der Sekundarstufe I anscheinend nicht wirklich auf den Unterricht der Berufsfachschule vorbereitet sind. Dieses Problem lässt sich aber nicht allein an den Schulen lösen. Im dualen Berufsbildungssystem müssten die Lehrbetriebe ebenfalls davon überzeugt sein, dass der Unterricht an den Berufsfachschulen eine Herausforderung für die Lernenden darstellt. Deshalb sind wir der Ansicht, dass alle Lernenden im Rahmen einer Berufserkundung oder Schnupperlehre in einem Betrieb auch Kontakt mit der entsprechenden Berufsfachschule haben sollten, bevor sie eine Lehre beginnen. Unsere Forderung lautet also «Kein Lehrvertrag ohne Kontakt der oder des Lernenden zur entsprechenden Berufsfachschule».

Einen Überblick über unser Projekt geben wir im dritten Kapitel.

Im vierten Kapitel stellen wir ein Modell vor, das die verschiedenen Akteure an der Schnittstelle zwischen den beiden Sekundarstufen in ihrem Tun unterstützen soll.

Das fünfte Kapitel ist den Rahmenbedingungen für Kooperationen gewidmet. Darunter verstehen wir neben der Schulorganisation und den Rahmenlehrplänen zum Beispiel auch die persönlichen Kompetenzen der Lehrpersonen.

Das sechste Kapitel beinhaltet unsere Visionen (Methoden, Kooperationsmöglichkeiten und so weiter) darüber, wie der Übergang an der Schnittstelle gemeistert werden kann. Welche Möglichkeiten einer vertieften Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren gibt es? Ausserdem möchten wir alle beteiligten Akteure dazu aufrufen, sich an der qualitativen Verbesserung der Schnittstelle am Übergang der beiden Sekundarstufen zu beteiligen.

Wir möchten die beteiligten Akteure ermutigen, dass sie ihrerseits aktiv und kreativ nach weiteren Kooperationsmöglichkeiten Ausschau halten und diese ihren spezifischen Gegebenheiten anpassen. Vielleicht führt dies mittelfristig dazu, dass wir in einem zweiten Band, im Rahmen einer Art Methodensammlung, ein breites Repertoire an Kooperationsmöglichkeiten aufzeigen können.

Bei unserem Buchprojekt haben uns viele Personen unterstützt. Vor allem bei unseren Interviewpartnern und beim hep verlag möchten wir uns herzlich bedanken. Ohne diese Unterstützung wäre eine Realisierung nicht möglich gewesen.

1Durchlässigkeit, Schnittstellen und Übergänge von der obligatorischen Schulzeit in die Sekundarstufe II

In diesem Kapitel beschreiben wir mögliche Schwierigkeiten, vor denen die Lernenden stehen, wenn sie in die berufliche Grundbildung übertreten, und führen die wichtigsten Begriffe und Themen ein, die uns in diesem Buch beschäftigen.

1.1Auf ins schulische Paradies oder auf direktem Weg in die Lernhölle? Ein Beispiel aus dem Alltag der Autorin

Die Autorin berichtet: Am Ende meines ersten Jahres als Lehrerin im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) herrschte geschäftiges Treiben am letzten Schultag vor den Ferien. Es flossen noch ein paar Tränen zum Abschied, und dann sollte es ab in die Sommerferien und in die «richtige» Berufswelt gehen. Ein Jahr lang hatte ich die Lernenden auf ihrem Weg in die Berufswelt begleitet, mit ihnen Höhen und Tiefen erlebt, Bewerbungen geschrieben, Vorstellungsgespräche vorbereitet, mich mit ihnen über Absagen geärgert und mich letztlich aber auch mit ihnen über Zusagen im passenden Lehrbetrieb gefreut.

Die Schulzeit lag nach dem Schuljahr am BVJ vermeintlich endlich hinter den Lernenden, die Berufswelt wartete. Endlich durften die Jugendlichen sich beweisen, würden wie Erwachsene behandelt werden. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Lernenden gut auf diesen Übergang vorbereitet hatte.

In diesem ersten Jahr kam ein Schüler am letzten Schultag zu mir und zeigte mir einen Brief von der Berufsfachschule, die er nach den Ferien besuchen sollte. Er – nicht in der Schweiz aufgewachsen, sondern erst mit 12 Jahren hierhergekommen – war vollkommen überrascht, dass er überhaupt nochmals in die Schule gehen sollte, für ihn war klar, dass er jetzt endlich arbeiten dürfe. Ich erinnerte ihn an den Lehrvertrag und die darin vermerkte Berufsfachschule, doch so genau hatte er sich den Vertrag nie angesehen.

Mit seinen Klassenkollegen entwickelte sich rasch eine heisse Diskussion: Zuerst wurde der Mitschüler ausgelacht, weil ihm nicht klar war, dass er einmal in der Woche würde zur Schule gehen müssen, aber dann kamen weitere Fragen auf: Na klar, die Berufsfachschule sei obligatorisch, aber wenn man am ersten Schultag noch in den Ferien sei, dann sei das doch nicht schlimm? Schliesslich sei das doch gar keine richtige Schule mehr, oder? Man lerne dort doch nur praktische Dinge, nicht? Man müsse sich auch gar keine Sorgen machen: Wenn im Betrieb alles laufe, dann spiele doch die Berufsfachschule gar keine Rolle, oder? Man könne gar nicht aus der Berufsfachschule fliegen und dort gebe es gar keine nervigen Fächer mehr wie Deutsch, Mathe oder Englisch. Man dürfe dort Kaugummi kauen und zu spät kommen, und es interessiere sowieso eigentlich niemanden so richtig, wie die Noten seien. Ob es dort überhaupt Noten gebe?

Woher diese ganzen Informationen stammten, wurde mir dann gleich mitgeteilt: Der «Kollege vom Kollegen vom Kollegen» sei im zweiten Lehrjahr zur Detailhandelsfachmann und verfüge damit über echtes Insiderwissen: Nirgends sei es so «chillig» wie an der Berufsfachschule.

Jetzt meldeten sich aber die Besorgten zu Wort: Die Cousine im ersten Lehrjahr zur Pharmaassistentin sei fast aus der Lehre geflogen, weil der Lehrbetrieb keine Noten unter 5.0 akzeptiere. Sie nehme einmal die Woche Nachhilfeunterricht, besuche den Stützkurs und sei aus sämtlichen Vereinen ausgetreten, um sich aufs Lernen konzentrieren zu können.

Dann kamen die Geschichten von den Kollegen, die im Betrieb und im Praktischen super seien, aber wegen schlechter Vornoten durch das QV gefallen seien. Und die Schwester von einem Kollegen sei wiederum in einer BYOD-Klasse, alles laufe nur noch über Computer, man müsse sich an 20 verschiedenen Orten anmelden, sich Passwörter merken, diese immer wieder ändern, es gebe keine Arbeitsblätter mehr, und sogar Prüfungen fänden am PC statt.

Jetzt waren spätestens die Technologie-Ängstlichen nervös, und es wurden noch Horrorgeschichten von den selbstständigen Vertiefungsarbeiten ausgepackt, die allgemeines Entsetzen hervorriefen. Aber wenigstens müsse man nur einmal in der Woche in die Schule, und schliesslich überwögen ja die Vorteile, zum Beispiel dass man endlich Geld verdiene und so weiter.

Mein Hinweis, dass der erste Lohn für Bücher und Schulmaterial draufgehen könne, trug nicht gerade zur Erheiterung bei. «Müssen wir das denn selber bezahlen? Der Betrieb will doch, dass wir in die Schule gehen?»

Die ausgelassene Stimmung am letzten Schultag war nun jedenfalls bei fast allen etwas getrübt, zumindest waren die meisten Lernenden ein wenig verwirrt: Steuerten sie nach den Sommerferien auf das schulische Paradies oder eine Lernhölle zu? Was hatten all die Begriffe zu bedeuten? Dritter Lernort, QV, Vornoten, BYOD und so weiter? Eigentlich war doch bis gerade eben noch alles klar gewesen und in bester Ordnung, und jetzt schien alles unsicher.

Und ich fragte mich: Hatte ich hier vergessen, meinen Lernenden etwas Entscheidendes zu vermitteln? Aber dabei ist doch in der Schweizer Bildungslandschaft alles klar: kein Abschluss ohne Anschluss – die Schnittstellen von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II sind klar geregelt, das System ist durchlässig.

Nach meinem ersten Schuljahr musste ich lernen, dass die Schweizer Bildungslandschaft doch nicht so klar war, wie ich bisher angenommen hatte, und dass ich es in diesem ersten Schuljahr tatsächlich versäumt hatte, meinen Schülerinnen und Schülern ein paar wichtige Dinge zu vermitteln.

1.2Wie viele Löcher verträgt die Durchlässigkeit? Oder: Weshalb fällt die Durchlässigkeit nach unten durch?

Auch wenn dieses Fallbeispiel etwas überspitzt dargestellt ist, sind dies doch Fragen und Unsicherheiten, mit denen wir – der Autor und die Autorin – in unserem Berufsalltag im Berufsvorbereitungsjahr und an einer Berufsfachschule immer wieder konfrontiert werden. In diesem Kapitel möchten wir die Begrifflichkeiten «Durchlässigkeit», «Übergänge» und «Schnittstelle» klären, weil sie für das Verständnis unserer Thematik von Bedeutung sind und eine Klärung der Begriffe den Leserinnen und Lesern dabei helfen soll, unseren Gedankengängen zu folgen. Im Weiteren legen wir den Fokus in diesem ersten Kapitel auf eine grobe Übersicht, mit welchen Themen die Lesenden in diesem Buch konfrontiert werden. In Abschnitt 1.2.5, «Sind wir nach unten offen?», befassen wir uns mit der Problematik, dass in der Regel die Schulstufe unterhalb der nächsthöheren Stufe für die Übergänge an den Schnittstellen verantwortlich zeichnet und sich die höhere Stufe passiv verhält.

1.2.1Von der Durchlässigkeit

Die dualen Berufsausbildungen in der Schweiz zeichnen sich durch ihr hohes Mass an Durchlässigkeit aus. Diese ermöglicht es den Berufslernenden, den einmal eingeschlagenen Weg fortzusetzen oder ihn in eine andere Richtung zu verlassen. Den verschiedenen Akteuren, die sich im Umfeld der dualen Berufsbildung bewegen, sind die Grundsätze «Eine Ausbildung soll nicht in einer Sackgasse enden» sowie «Kein Abschluss ohne Anschluss» bekannt. In diesem Zusammenhang sei auf die sehr gute Übersicht zur «Berufsbildung in der Schweiz» von Emil Wettstein, Evi Schmid und Philipp Gonon (2014) verwiesen.

Nach unserer Einschätzung und den damit verbundenen persönlichen Erfahrungen funktioniert die Durchlässigkeit sowohl nach oben als auch nach unten gut. Die verschiedenen Möglichkeiten, von einer zweijährigen Berufsbildung mit Berufsattest (EBA) hin zu einer dreijährigen beziehungsweise vierjährigen Berufsbildung mit Fähigkeitszeugnis (EFZ) zu wechseln, sowie die Möglichkeit, über die Berufsmaturität einen tertiären Abschluss zu erlangen, sind den Handelnden, also den Lernenden, Lehrpersonen, Eltern und so weiter, im dualen Berufsbildungskontext hinlänglich bekannt. Auch der umgekehrte Weg, also die Umwandlung einer EFZ-Ausbildung in eine EBA-Ausbildung, ist möglich und wird auch praktiziert. In der Regel wird aber ein höherer Bildungsabschluss angestrebt. Allerdings sind wir überzeugt, dass auch ein EBA-Abschluss ein wertvoller und eigenständiger Berufsabschluss ist. Wir sind nicht der Ansicht, dass sich die meisten Berufslernenden bereits während der EBA-Ausbildung auf eine anschliessende EFZ-Ausbildung vorbereiten müssen – auch wenn es Lernende gibt, für die dieses Vorgehen wünschenswert sein kann. Die schulische Durchlässigkeit innerhalb der dualen Berufsbildung bedeutet unserer Ansicht nach aber eben nicht, dass «alle» den Berggipfel bereits vom Tal aus erkennen und diesen erklimmen müssen. Wir verstehen die Durchlässigkeit nicht nur in dem Sinne, dass es unterschiedliche Routen und Schritttempi gibt, mit denen der Gipfel erreicht werden kann. Wir vertreten vielmehr den Standpunkt, dass bereits die SAC-Hütte das angestrebte Ziel sein kann.

Die Voraussetzungen für die Durchlässigkeit in den einzelnen Berufsausbildungen sind vorhanden, und deren Umsetzung hat sich in der Praxis bewährt. Dennoch verfügen manche Jugendliche und ihre Eltern noch über zu wenig Kenntnisse darüber, oder sie gewichten den schulischen Weg zur Maturität mit der anschliessenden Option auf einen universitären Abschluss höher als eine Berufslehre. Dies hat einerseits mit dem oft überbewerteten Prestige einer universitären Ausbildung zu tun, andererseits mit dem fehlenden Wissen über die Durchlässigkeit der dualen Berufsausbildungen in der Schweiz. Das betrifft vor allem auch Menschen, die in die Schweiz immigriert sind und unser Berufsbildungssystem nicht oder (noch) zu wenig kennen. In seinem Buch «Die Akademisierungsfalle» zeigt Rudolf Strahm (2014) die Vorteile der dualen Berufsausbildung auf. Die Lektüre eignet sich besonders auch als Einführung in das duale Berufsbildungssystem in der Schweiz.

Wir möchten an dieser Stelle nur so weit auf die duale Berufsbildung eingehen, wie sie für die Thematik des vorliegenden Buchs von Bedeutung ist. Zudem konzentrieren wir uns zur Hauptsache auf die Durchlässigkeit im Bereich der Schulstufen, also darauf, wie der Übergang von der obligatorischen Schule – meist der Sekundarstufe ...

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