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Vorsicht: Frisch getraut!

Christie Ridgway

Vorsicht: Frisch getraut!

1. KAPITEL

Noch im Halbschlaf drehte Emily Garner den Kopf zur Seite. An ihrer Wange spürte sie das kratzige Material des Kopfkissens. Moment mal! Seit wann waren Kopfkissen denn kratzig?

Sie versuchte die Zehen zu bewegen, doch es ging nicht. Merkwürdig. Als sie tief durchatmete, stellte sie fest, dass sie offenbar noch immer den unbequemen trägerlosen BH trug, den sie sich von Izzy geliehen hatte. Die Bügel drückten so, dass Emily das Gefühl hatte, bald zu ersticken.

Hmm. Sie war also noch komplett angezogen. Und statt unter der Bettdecke lag sie auf der Tagesdecke.

Dann hatte sie also gestern Abend tatsächlich …

Beim Gedanken daran wurde sie schlagartig hellwach. Mit weit geöffneten Augen setzte sie sich ruckartig auf.

Die schweren Hotelvorhänge verdunkelten den Raum, doch an den Rändern zeigten sich helle Streifen, ein sicheres Zeichen dafür, dass draußen die Sonne lachte und es nicht Minuten, sondern schon Stunden her war, seit sie sich aufs Bett gesetzt hatte.

Die Badezimmertür öffnete sich. Emily erschrak, als sie eine dunkle Silhouette im Türrahmen erkannte.

„Will?“, fragte sie, doch ihre Stimme war nur ein heiseres Krächzen. „Bist du das, Will?“

„Ich bin es nur“, antwortete ihre beste Freundin Isabella Caveletti – Izzy –, deren Stimme auch nicht besser klang als Emilys.

Emily atmete erleichtert auf. „Dann war es also nur ein Traum?“, fragte sie voller Hoffnung, um gleich darauf tief enttäuscht zu werden.

„Nein“, erklärte Izzy, während sie sich die Haare frottierte. „Es ist wirklich passiert. Und nachdem wir geheiratet haben, müssen wir ziemlich bald eingeschlafen sein. Ich bin gespannt, wie es unseren Ehemännern ergangen ist.“

„Ehemänner“, flüsterte Emily fassungslos, während Izzy die Vorhänge aufzog. Rasch bedeckte sie ihre vor Helligkeit schmerzenden Augen mit den Handflächen. „Was in aller Welt haben wir uns nur dabei gedacht?“

Zwischen ihren Fingern hindurch beobachtete Emily, wie Izzy sich zielstrebig im Raum bewegte. „Wir haben uns gedacht, dass es eine gute Idee ist.“

Emily hätte am liebsten losgeheult, aber schließlich war sie mit dreißig Jahren kein Kind mehr.

Und genau das war ihr zum Verhängnis geworden. Sie und Izzy hatten beschlossen, ihren dreißigsten Geburtstag groß zu feiern. Dass er am Wochenende nach dem alljährlichen Bibliothekarkongress in Las Vegas stattfand, kam ihnen dabei nur entgegen.

Und dann hatten sie am Freitagabend beim Verlassen des Hotels in der Lobby völlig überraschend Will Dailey und seinen Freund Owen getroffen. Wie es der Zufall wollte, waren die beiden ebenfalls hier abgestiegen.

Emily nahm vorsichtig die Hände von den Augen und blinzelte Izzy an, die gerade stirnrunzelnd auf ihr Handy sah. „Oh, Mann, Izzy. Dabei hatte ich gar nicht den Eindruck, dass wir so viel getrunken haben.“

Izzy zuckte die Achseln. „Offenbar war es genug. Besonders in Verbindung mit dem Schlafmangel nach zwei durchgemachten Nächten und der Gesellschaft der Models von Mai und August aus dem Feuerwehrmännerkalender. Dass wir dabei zurechnungsfähig bleiben, kann doch wohl niemand ernsthaft von uns erwarten.“

Will – das Model für den Monat Mai – war ein Jugendfreund von Emily. Der Junge, in den sie in den Sommerlagern, wohin ihre Eltern sie vom zwölften bis zum siebzehnten Lebensjahr geschickt hatten, verknallt gewesen war.

„Weckt das vielleicht Erinnerungen bei dir?“ Izzy trat neben Emilys Bett und hielt ihr das Handy hin, auf dem Display ein Foto von Emily und Will. Sie umarmten sich und lachten in die Kamera. Emily sah glücklich aus und Will …

… erwachsen. Gut aussehend, mit starken Schultern, breiter Brust und muskulösen Armen, mit denen er Emily so eng an sich gezogen hatte, dass sie sich noch immer an den Duft seiner Haut erinnern konnte.

Sie seufzte und betrachtete ihr eigenes Bild noch einmal genauer. „Den Schleier hatte ich völlig vergessen.“

„Wir haben ihn ausgeliehen, weißt du nicht mehr? Aber die Eheringe haben wir gekauft. Die dürfen wir behalten.“

Emily sah auf ihre Hand. Beim Anblick des schmalen, goldenen Bands fiel ihr alles wieder ein: der Spaß, den sie gehabt haben, und die verrückte Idee, das Versprechen einzulösen, das sie und Will sich als Jugendliche gegeben hatten. Bei ihrem Abschied am Ende ihres letzten gemeinsamen Sommers hatten sie nämlich vereinbart zu heiraten, sofern sie beide an ihrem dreißigsten Geburtstag noch ledig sein sollten. Izzy und Owen, Wills bester Freund, waren sofort begeistert gewesen von der Idee und hatten sich als Trauzeugen angeboten.

Nur Augenblicke später hatten sie spontan beschlossen, ebenfalls zu heiraten. Irgendwie hatten die Paare einander gegenseitig so lange angestachelt, bis sie es schließlich gewagt hatten.

Nach ihrer Rückkehr aus der Hochzeitskapelle wollten sich die Frauen kurz in ihrem gemeinsamen Hotelzimmer frisch machen. Die Ehemänner beschlossen, inzwischen in der Bar auf ihre Frauen zu warten.

„Ich wollte mich doch nur für eine Minute aufs Bett setzen“, seufzte Emily.

Izzy nickte, während sie ihr Handy zur Seite legte. „Ich hatte meinen Lippenstift verloren und dachte, ich könne mich daran erinnern, wo ich ihn hingelegt hatte, wenn ich für einen Moment die Augen schließen würde.“

Augen schließen klang nach einer guten Idee, fand Emily, deren Kopf zu zerspringen drohte. Sie dachte darüber nach, was es bedeutete, verheiratet zu sein.

Und das auch noch mit Will, ihrem Jugendschwarm. Natürlich hatte sie an ihn gedacht, als sie bei der Jobsuche auf eine interessante Arbeitsstelle gestoßen war, die zufällig in Wills Heimatstadt Paxton lag. Doch als sie sich beworben und die Stelle angenommen hatte, war sie nicht davon ausgegangen, ihn tatsächlich einmal wiederzusehen. Zumindest nicht ernsthaft.

Mit dem Daumen drehte Emily den Ehering um ihren Ringfinger. Außer, dass er bei der Feuerwehr arbeitete, wusste sie kaum etwas über Will und sein Leben in den vergangenen dreizehn Jahren. Doch ihr Zusammensein in den letzten beiden Tagen hatten sie genauso genossen wie damals im Sommerlager.

Am Hotelpool hatten sie Menschen beobachtet, waren in der Nacht im Lichtermeer den Las Vegas Strip auf und ab spaziert und hatten zusammen mit Izzy und Owen mehr als nur eine Tanzfläche unsicher gemacht.

Doch was nun? Schließlich war eine Ehe bei Licht betrachtet kein Scherz, und sie mussten die Angelegenheit so bald wie möglich klären! Bestimmt dachten ihre Ehemänner genauso.

Will und Owen arbeiteten beide als Feuerwehrmänner in Paxton. Emily war drauf und dran, für ihren neuen Job ebenfalls nach Paxton zu ziehen. Izzy dagegen beriet Bibliotheken im ganzen Land und reiste viel. Ihre Sachen waren von Los Angeles bis New York im ganzen Land bei Freunden verteilt, und Emily war sich nicht einmal sicher, dass Izzy irgendwo dazwischen ein eigenes Apartment besaß.

Emily fiel es schwer, sich vorzustellen, dass Izzy einmal irgendwo sesshaft werden würde. „Ich bin froh, dass wir wenigstens gemeinsam in diesem Schlamassel gelandet sind. Zum Glück bist du hier, Izzy!“

Sie öffnete vorsichtig die Augen und sah zu ihrer Freundin, die neben dem anderen Bett stand, auf dem ein fertig gepackter und bereits geschlossener Koffer lag. In Izzys hübschem, braun gebrannten Gesicht lag ein schuldbewusster Ausdruck, und sie wich Emilys Blick aus.

Nun schreckte Emily endgültig hoch. „Isabella Caveletti, was hast du vor?“, fragte sie streng.

Izzy, schick wie immer, trug einen eleganten Hosenanzug aus schwarzem Leinen, dazu flache Schuhe, die vorne so spitz zuliefen wie Amors Pfeile. „Ich … ich muss meinen Flug erwischen, das weißt du doch. Morgen früh muss ich in Massachusetts sein. Die Bibliothek in Lawton braucht mich.“

„Oh, nein“, widersprach Emily energisch. „Ich brauche dich. Darf ich dich daran erinnern, dass wir gestern Nacht geheiratet haben? Da kannst du doch heute nicht so einfach weglaufen!“

„Ich habe jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern“, wehrte Izzy leicht errötend ab. „Ich muss arbeiten, und außerdem …“

„Was wird Owen denken? Was soll er tun?“ Und was soll ich tun? hätte Emily am liebsten geschrien, doch sie verkniff es sich, weil sie fürchtete, dann endgültig die Fassung zu verlieren.

„Owen wird schon eine Lösung finden. Du kannst ihm ja meine Handynummer geben. Moment, warte, besser nicht. Sag ihm, ich rufe ihn an, sobald dieser Job erledigt ist. Oder der danach.“

Emily starrte die Freundin entgeistert an. Noch nie hatte sie Izzy aufgebracht oder in Panik gesehen, doch jetzt zitterten ihre Hände. Sie stand auf, ging zu ihr und umarmte die Freundin. „Was ist los?“

Izzy lachte unsicher. „Was los ist? Du meinst außer der Tatsache, dass wir gestern geheiratet haben? Glaubst du … glaubst du, wir können unsere Ehen annullieren lassen?“

Emily seufzte. „Wahrscheinlich schon. Zumindest haben wir nicht mit unseren Ehemännern geschlafen.“

Izzy ließ die Schultern hängen und flüsterte halbherzig: „Nein.“

„Wie bitte?“ Emily riss die Augen auf. „Izzy …“

„Ich muss gehen.“ Hastig schnappte sich Izzy ihren Koffer und ihre Handtasche und lief mit den Worten „Wir telefonieren!“ zur Tür.

„Izzy!“ Doch die Tür schloss sich hinter der Freundin, und Emily blieb allein im Zimmer zurück.

Schon wieder allein.

Genau wie in den vergangenen acht Monaten, seit ihre Mutter, ihre letzte lebende Verwandte, gestorben war.

Doch statt sich selbst zu bemitleiden, versuchte sie, sich auf das aktuelle Problem zu konzentrieren. Was sollte sie tun?

Am liebsten wäre sie Izzys Beispiel gefolgt und hätte die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Aber das schien ihr einfach nicht richtig.

Emily nahm ihren ganzen Mut zusammen und griff nach dem Hoteltelefon. Sie hatte zwar keine Handynummer von Will, aber an der Rezeption konnte man sie bestimmt zu seinem Zimmer durchstellen.

Doch er hob nicht ab.

Auch zehn Minuten später, nachdem sie ihre Sachen gepackt hatte, hatte sie kein Glück.

Einmal würde sie es noch versuchen. Und wenn es wieder nicht klappte, würde sie ihm eine Nachricht hinterlassen. Sie übte vorsichtshalber schon einmal laut: „Hallo Will, hier ist Emily. Tut mir leid, aber ich muss abreisen. Wir sprechen uns dann in Paxton und klären diese Sache.“

Zum Glück klang ihre Stimme fröhlich, beinahe ein wenig übermütig. Weder ihre innere Unruhe noch die Erleichterung, dass sie die unvermeidliche Konfrontation mit ihrem Ehemann noch etwas hinauszögern konnte, waren ihr anzumerken.

Sobald sie die Nachricht hinterlassen und den Telefonhörer aufgelegt hatte, ergriff sie die Flucht.

Zum ersten Mal in seinem Leben wäre Will Dailey lieber Polizist als Feuerwehrmann gewesen. Dann hätte er geradewegs durch die Glastür in die Stadtbibliothek marschieren, die Frau am Infoschalter festnehmen und ihr Handschellen anlegen können.

Emily Garner.

Seine Frau.

Bei dem Gedanken daran krampfte sich sein Magen zusammen. Das ging ihm ständig so, seit er festgestellt hatte, dass die Frau, die er geheiratet hatte, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Las Vegas geflohen war. Hinterlassen hatte sie ihm nur eine – entschieden zu fröhliche – Telefonnachricht.

Will war daraufhin selbst abgereist und hatte eine Woche gebraucht, um sie zu finden. Er hatte sich sagen lassen, dass heute Emilys erster Arbeitstag war.

Und sein Gesicht war das Erste, das sie sehen würde. Das hatte er sich fest vorgenommen. Also öffnete er die Tür und betrat das Gebäude, fest entschlossen, diese leidige Situation noch heute zu bereinigen. Kneifen galt nicht.

Tatsächlich, da stand sie vor ihm, die attraktive Brünette, die ihm vor einigen Tagen mit einem sexy Glitzern in den Augen versprochen hatte, ihn zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod sie schied.

Emily Garner gefiel ihm schon, seit er sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal gesehen hatte.

Er war damals neu im Sommerlager gewesen. Seine Eltern hatten gedacht, eine Auszeit von seinen fünf jüngeren Geschwistern, die zwischen zwei und zehn Jahre alt waren, würde ihm guttun. Damit hatten sie vollkommen recht gehabt. Emily war schon im Jahr davor im Lager gewesen und hatte ihm, dem Neuankömmling, alles gezeigt.

Damals hatte sie Zöpfe getragen und einen großen Mückenstich auf einem ihrer braun gebrannten Beine gehabt. Will fand, dass ihre Augen die blauesten der Welt waren, und er hatte vom ersten Tag an gewusst, dass dieser Sommer der schönste seines Lebens werden würde.

Fünf weitere aufregende Sommer waren gefolgt: schwimmen, paddeln, Bogenschießen. Lagerfeuerromantik. Emily hatte über seine Witze gelacht und ihn in allen möglichen Disziplinen herausgefordert. Sie war auch das erste Mädchen gewesen, das er geküsst hatte, als sie beide dreizehn Jahre alt waren.

Später hatte er auf der Highschool viele andere Mädchen geküsst. Flirten hatte er sozusagen als Sport betrachtet.

Doch die Sommer hatten Emily gehört. Er hatte Emily gehört. Will hatte das Freundschaftsband getragen, das sie ihm geknüpft hatte, und sie sein Lieblingssweatshirt.

Am letzten Tag ihres letzten gemeinsamen Sommers hatten sie Schulter an Schulter auf dem Rücken im Gras gelegen. Mit dem Duft der Kiefern in der Nase und dem süßen Aroma der ersten Liebe auf der Zunge hatten sie sich ihre Zukunft ausgemalt.

Sie hielten Händchen und schworen einander, zu heiraten, falls sie beide mit dreißig noch Single waren.

Am nächsten Tag waren sie beide nach Hause gefahren, und an einem regnerischen Septemberabend kurz darauf geschah das Unglück, das sein Leben für immer verändern sollte.

Oh, nein, nicht für immer, korrigierte Will seine Gedanken schnell. Tatsächlich hatte er sein Leben nämlich gerade erst zurückbekommen. Und das würde er sich mit Sicherheit nicht so schnell durch eine impulsive, improvisierte Heirat in Las Vegas wieder wegnehmen lassen. Auf keinen Fall hatte er vor, sich gleich wieder neue familiäre Verpflichtungen aufbürden zu lassen, nachdem er die alten endlich losgeworden war.

Er atmete tief durch, doch er war noch nicht bereit für die Konfrontation, und Emily hatte ihn nicht bemerkt. Verstohlen beobachtete er sie weiter. Vielleicht fand er dabei ja heraus, wie sie es geschafft hatte, ihn dazu zu bringen, ihr vor einem als Elvis verkleideten Standesbeamten das Jawort zu geben.

Sie sah sehr erwachsen aus in ihrem hochgeschlossenen, kakifarbenen Kleid. Ihr haselnussbraunes Haar trug sie mittlerweile kurz. Ihre Nase und ihr Gesicht hatten genau die richtigen Proportionen. Wie ihr weicher Mund. Er erinnerte sich noch, wie …

„Wild Will!“

Beim Klang seines alten Spitznamens fuhr Will herum, als wäre er bei etwas Verbotenem ertappt worden. Er starrte in die Augen eines jungen Mannes, der ihm entfernt bekannt vorkam, und überlegte. „Jared? Jon? Hm …“

„Jake.“ Der junge Mann streckte die Hand aus und schüttelte die von Will kräftig. „Ich bin ein Freund von Betsy. Erinnerst du dich an die Poolparty? Ich habe mir bei einem Kopfsprung die Stirn aufgeschlagen, und du hast mich in die Notaufnahme gefahren.“

„Oh, ja, jetzt weiß ich es wieder.“ Obwohl das weder das erste noch das letzte Mal gewesen war, dass er seine Geschwister oder ihre Freunde entweder selbst verarztet oder ins Krankenhaus gefahren hatte.

„Wie geht es Betsy?“

„Sie hat vor Kurzem ihren Collegeabschluss gemacht.“ Will lächelte zufrieden. Endlich war auch seine jüngste Schwester mit ihrer Ausbildung fertig und damit für sich selbst verantwortlich!

Nach dreizehn Jahren voller Arbeit und Sorgen, in denen er sich aufopfernd um seine Geschwister und ihr Wohlergehen gekümmert hatte, war der Zeitpunkt gekommen, wo er keine Rücksicht mehr auf seine Familie nehmen musste.

Er war frei!

„Ist sie ausgezogen?“

„Ja. Genau wie alle anderen.“

Jake musste die Erleichterung in seiner Stimme gehört haben, denn er lachte. „Haha, das hört sich an, als wärst du fest entschlossen, die verlorene Zeit aufzuholen. Endlich ist wieder Wild Will am Zug, was?“

Wild Will. Da war er wieder, sein alter Spitzname aus der Highschool, dem er alle Ehre gemacht hatte. Zumindest während des Schuljahres, denn die Sommer hatten ja Emily gehört. Er warf einen Blick in ihre Richtung und stellte fest, dass sie ihn nach wie vor nicht bemerkt hatte.

Ach, wenn es ihnen nur in Las Vegas genauso ergangen wäre! Doch ihre Blicke hatten sich zufällig getroffen, und sie waren beide wie angewurzelt stehen geblieben, weil sie kaum glauben konnten, dass sie das Schicksal tatsächlich wieder zusammengeführt hatte.

Unfassbar. Von allen Frauen auf der Welt musste er unbedingt sie treffen, nachdem er erst Wochen zuvor endlich seine Freiheit zurückerobert hatte!

Und das nur, um sie postwendend und mehr oder weniger freiwillig wieder aufzugeben. Wie hatte ihm das passieren können?

„Stimmt genau. Ich habe einiges nachzuholen“, verkündete Will. „Viel zu lange war ich der Sklave meiner Geschwister.“

„Ich verstehe dich vollkommen“, antwortete Jake grinsend. „Aber eine Bibliothek wäre für mich persönlich nicht der erste Ort, an den ich gehen würde, um Spaß zu haben.“ Er sah sich prüfend um, bis er die Lage plötzlich erfasste und einen anerkennenden Pfiff ausstieß. „Andererseits habe ich auch noch nie eine so attraktive Bibliothekarin gesehen. Am liebsten würde ich statt eines Buches gleich die ganze Frau mit nach Hause nehmen.“

Ärgerlich sah Will erst Emily, dann Jake an. Er wusste gar nicht, was ihn mehr störte: dass Emily nicht aussah, wie man sich eine Bibliothekarin vorstellte, oder dass Jake so über seine Frau sprach.

Oh, nein. Seine Frau!

„Ich frage mich“, fuhr Jake fort, „ob die noch zu haben ist.“

Bevor Will etwas erwidern konnte, meldete sich sein Pager. Will sah aufs Display und seufzte.

„Was ist los?“

„Eine Nachricht vom Kommandanten. Wir haben jede Menge Krankenstände, weil es anscheinend eine Grippewelle gibt. Einer nach dem anderen muss ins Bett. Eigentlich habe ich heute frei, aber jetzt werde ich wohl doch zur Arbeit müssen.“

„Ach, du Ärmster.“ Jake klopfte ihm tröstend auf die Schulter. „Selbst wenn es heute nicht klappt – ich bin sicher, dass du in nächster Zeit voll auf deine Kosten kommst.“

Will wandte sich zum Gehen und warf noch einmal einen kurzen Blick zu Emily hinüber. Oh, ja, er würde ganz bestimmt auf seine Kosten kommen. Sobald er wieder Junggeselle war.

Erst am Tag nach seiner Extraschicht kehrte Will in die Bibliothek zurück. Er war hellwach, und nach einer Dusche und zwei Tassen Kaffee wurde es höchste Zeit, diese leidige Heiratssache aus der Welt zu schaffen.

Sobald er das Gebäude betreten hatte, entdeckte er Emily. Wieder saß sie am Infoschalter, und wieder sah sie umwerfend aus. Aber jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um über das Wort mit drei Buchstaben nachzudenken, das mit S begann und mit x endete.

Nicht, wenn ihr blaues Oberteil so wundervoll zur Farbe ihrer Augen passte und ihre vollkommene Figur so unbeschreiblich gut zur Geltung brachte.

Und vor allem dann nicht, wenn sie von drei Teenagern belagert wurde, die Arbeitsblätter und Stifte in den Händen hielten und andächtig an ihren Lippen hingen.

„Fünfundneunzig Thesen“, erklärte Emily lachend. „Martin Luther soll fünfundneunzig Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben.“ Dann drohte sie den Jugendlichen spielerisch mit dem Finger. „So, aber das war mein letzter Tipp. Eure Geschichtslehrerin wollte ganz sicher nicht, dass ihr der Bibliothekarin Löcher in den Bauch fragt, sondern dass ihr die Antworten auf die Fragen in unseren Büchern sucht.“

„Nur noch eine Frage“, bettelte einer der Jungen, dessen kräftige Statur und das Footballtrikot einfache Rückschlüsse darauf zuließen, womit er seine Freitagabende verbrachte. „Bitte. Ich muss gleich beim Training sein, und wenn ich die Antworten bis dahin nicht habe, schaffe ich am Abend die Matheaufgaben nicht mehr.“

Emily schüttelte gerade den Kopf, als sie plötzlich Will bemerkte, der sich dem Infoschalter näherte. Sie errötete, und Will sah, wie sie schluckte. „Nun, ich denke …“

„Miss Garner hatte schon immer ein Herz für Footballspieler“, erklärte Will. „Sie hilft euch sicher gern noch ein bisschen.“

Emily warf ihm einen strafenden Blick zu, während der kräftige Junge auf sein Arbeitsblatt starrte und schließlich vorlas: „Wessen Hauptwerk ist Il Principe?“

„Das ist die letzte Frage“, fügte das Mädchen in der Gruppe entschuldigend hinzu.

„Oh, die Antwort auf diese Frage habe ich schon: Marquis de Sade“, trumpfte der zweite Junge auf.

„Nein, ganz bestimmt nicht“, quietschte das Mädchen. „Der Marquis de Sade war der Typ mit den Peitschen und Ketten.“

Der Footballspieler warf ihr einen sehr interessierten Blick zu. „Was weißt du denn schon über Peitschen und Ketten, Amanda? Du hast doch bestimmt noch nicht einmal einen Jungen geküsst!“

„Klar habe ich das!“ Das Mädchen warf die langen, blonden Haare über die Schulter. „Als ob du …“ Sie brach ab und boxte den Jungen in den Oberarm. „Brent Spier, du bist neugierig und frech.“

„Und laut. Ihr seid alle drei zu laut“, mahnte Emily mit gedämpfter Stimme. „Der Autor von Il Principe ist Niccolò Machiavelli, und die Geschichte tut ihm unrecht, wenn ihr mich fragt. Sein Name steht heute für rücksichtslose Machtpolitik unter Ausnutzung aller verfügbaren Mittel, aber er hat nicht die Meinung vertreten, dass das richtig ist, sondern nur die politische Realität der damaligen Zeit beschrieben.“

Emilys kurze Geschichtsstunde stieß bei den Teenagern, die endlich die letzte Lücke auf ihren Arbeitsblättern füllen konnten, allerdings auf taube Ohren. Das Mädchen fragte nur noch rasch, wie man Machiavelli schreibt, danach rannten die Jugendlichen aus der Bibliothek, als stünde sie in Flammen.

Und ließen den Feuerwehrmann und seine Frau allein zurück.

2. KAPITEL

Doch nun, da Will endlich Emilys ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, wusste er plötzlich nicht mehr, was er sagen sollte. Es war keine Feigheit. Etwas anderes ließ ihn zögern, doch es gab kein Zurück. Heute würden sie endlich Nägel mit Köpfen machen.

Mit gespieltem Interesse sah er den drei Teenagern nach. „Waren wir auch einmal so jung?“, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

Sie zuckte die Schultern. Ihre Wangen erschienen ihm noch immer stärker gerötet als sonst. „Schwer vorzustellen. Aber ich bin ziemlich sicher, dass ich mit sechzehn noch nichts über den Marquis de Sade wusste.“

„Dafür umso mehr über das Küssen.“

Nun errötete sie erst recht, und Will hatte deswegen noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

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