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Vor dem nächsten Kreig

Ins Unreine geschrieben

Ich bin im Dorngestrüpp, doch schlaf ich nicht.

Leinwand und Wolle, ob sie alt, ob neu,

hangen mir, blutige Fetzen, um den Leib.

Was wird? Was soll ich tun? – Ich weiß es nicht.

Vor elend langer Zeit versprach er mir,

der Sänger, der Psalmist, so schön gedruckt,

nichts würd mir mangeln auf der Herr Gotts
    Welt.

Jetzt fehlt mir alles. All ist Asche, Staub.

Die Vögel hör ich schrein, das Schlachtvieh
    fern,

so gnadenlos, das jetzt ein Schlag betäubt,

ein Schnitt ausblutet. Meine Welt ist rot,

verklumpt, vom Eiter stinkend, gleichwohl tot.

Feuer versengt, was lebt. So ist Gewalt.

Unhörbar lodr’ ich auf: ein stummer Schrei,

ob nicht, verborgen in der Wurzel alt,

noch Keimkraft sei, Hoffnung, vernehmlich
    bald.

Von Anfang an

(Tafel, schräg an die Wand gelehnt)

Die Tafel schimmert wie ein Hochaltar,

Licht brechend vor dem Chaos, das da war,

woraus ein Mann, irden, am Rand hervorgeht –

allein und einzeln; die Gefährtin ist

noch nicht gefunden im Geröll umher,

das wie durch Wirbel – Staub von
    allen Toten –

emporgerissen wird aus grauer Erd.

So dunkler Berg wächst da; darüber blakt

Spur einer Feuersäule, Explosion,

worin erscheinend: Karo über Eck,

als wär es Gottes Aug, verdoppelt, doch

entschieden blind und blind gebärend noch

das Chaos, das da kommt, rötlich im Licht:

Verbrennend und zersprengend, strangulierend,

totschlagend, -stechend, -schießend,
    abgewendet,

von unsichtbarer Helligkeit geblendet,

unkenntlich noch dem eigenen Gesicht,

flieht der Mensch, namenlos, sein
    Selbstgericht.

Höhlengänge in die Zeit

Kindheitsgedicht

Ein Schälchen Milch für die Katze,

dem Hund einen Knochen.

Unter den Stämmen des Jungwalds hat
    der Abend gedämmert,

da schweigen die Räuber, die Marodeure,

und die Kinder laufen barfuß ins Tal,

zu den Brunnen, im Trog der Berge zu baden,

im alten Wasser der Salzflut,

sie, die heimlich die Tränen zählen,

die Schläge des Blutes, die Pendel über
    den Bildern.

Und blaue Krähen im Laub der Eschen
    über den Feldern;

da gehen die Ährenleserinnen.

Die Mütter sitzen am Tisch und sehen einander
    ins Auge;

davon wird ein Gemurmel im Traum
    wie das Dröhnen der Flieger,

wie das Bücken über die Erde, wenn sie
    murrt in den Gräben,

und die grollenden Berge sich lagern
    in Schluchten, die baumlos sind.

Die Dunkelheit ist wie ein Süßwassermeer
    mit verschollenen Tieren,

mit öligem Wind die Läden rüttelnd
    zerborstener Töpfereien.

Die Dunkelheit hat alle Ängste verloren,
    das Land lebt im Dunkeln.

Die Brut des Sommers,

die Brut der Mücken über der Bringschuld
    des Krieges.

Stehen am Tümpel Soldaten aus Lehm
    und schleimiger Süße.

Die Kinder spielen fraglose Spiele unter
    dem Riedgras,

an überwachsener Mauer,

woran die Gebete, die Wünsche,
    die falschen Berechnungen sind,

und singen täglich unter dem Kindermond

die Tage, die Wochen, die Schwangerschaften
    des Jahres,

das ohne Winter zur Ernte reift –

mit braunem Roggen am Hang und
    vergessenen Äpfeln.

Mein Orest

Sein Vater war im Krieg. Dann kam der Andre,

der bleiche Mann mit Bart und magrem Blick.

Nachts, als die Lampe schien im goldnen
    Dämmer,

kreischten die Mägde plötzlich auf und lachten

so schrill – es riss ihn aus dem Bett:

Die Mutter lag mit hochgerissnen Röcken

auf Kleiderhaufen, Polstern, Kissen, und

der Mann stand über ihr, sein schwarzes Euter

baumelnd an seinem Bauch, und lachte, als

er schrie vor Wutangst, Schutzwut, Panik.

Sie lachte auch. Irgend ein Arm, ein Duft,

ein Schlaf ließ ihn vergessen. Und der Mann
    blieb.

Doch flüsterten bei Nacht er und die Schwester,

wie sie ihn töten wollten mit der Axt,

der rostigen, die sie im Keller fanden:

Sie wollten oben auf der Treppe stehn,

damit sie größer wären, und die Hiebwucht
    stark.

Elektra zeigte ihm die Stelle auch

im alten Bad, wo auf dem nassen Boden

ein schwarzer Fleck war: Vaters Blut. Doch oft

umschlang die Mutter jäh ihn, hoch geschminkt

und Fieber in den Augen. So umschlang

sie ihn, als er blutig und nackt

ins alte Bad sie schleifte, und sie schrie.

Elektra schrie. Er schrie. –

          Dies Schreien gellt

ihm noch in Ohren wie ein Hörsturz, Held,

der kein Mitleid hat und haben darf.

Mit hochgerissnen Röcken schreit die Furie

der Mutter ihm im Hirn. Die Männer haben

kein Mitleid mit den Frauen. Eng im Kreis

sitzen die Jäger, gehn die Jäger jagen.

Erst auf der fernen Insel, wenn die heilige

Kopfbinde ihn dem Tod weiht, und die andre,

vergessne Schwester ihm lebendig wird,

geht ihm das Ohr auf, fließt die Panik ab,

kann er gestehn, dass er den Mord bereut.

Meine Iphigenie

Ihr Leben Trauer. –

Klein und golden geht

sie, Kind, durchs finstere Mykene, wo

das Schlachtvieh brüllt in langen Schuppen, das

die Männer mühsam mit der Axt abschlachten
    –:

das Blut! der schwarze Schlamm! der Kot!
    Gestank!

und in den hohlen Gräben schwarz die Fliegen!

Da lauern die Erschlagnen unterm Stein …

Sie auf der Burg beim Vater, singend in

goldener Helle, in der leichten Luft,

als Erstgeborene; Andres weiß sie nicht.

Dann kommt der Bruder, den sie später nennt

„Des Vaters Liebling“. Bitter. Dann aus Staub,

der windlos überm Meer von Aulis steht,

die Männerhand, die Axt, das Blut, der Schrei
    – –

Die Opfer sollen fügsam sein, sonst nützt

das Opfer nicht den Herren; Demut und

Ergebenheit sind Pflichten am Altar.

Ihr Blick bricht; Herz stockt; und die Göttin
    trägt sie

im goldenen Traum nach Tauris zur

Unterwelt des Lebens: Menschenschlachthaus.

Mit Wasser spült sie das geronnene,

verklumpte Blut und fühlt: ihr Herz vereist.

Wer kann da leben, wer kann überleben,

wo Menschen aufgeopfert werden?

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