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Vor Gebrauch schütteln – Kein Roman

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Solange Rainald Goetz...

Die Älteren unter...

Fußnote

 

|5|»So ist das Leben«, sagte McDunn. »Immer wartet einer auf einen anderen, der nie wiederkommt. Immer liebt einer irgendetwas mehr, als dieses Etwas ihn liebt. Und nach einer Weile möchtest du es zerstören, ganz gleich, was es ist, damit es dich nicht länger quälen kann.«

 

Ray Bradbury

 

Da nun nicht der Umsturz eines Bestehenden mein Zweck ist, sondern meine Erhebung darüber, so ist meine Absicht und Tat keine politische oder soziale, sondern, als allein auf Mich und meine Eigenheit gerichtet, eine egoistische.

 

Max Stirner

 

All dies muß als etwas betrachtet werden, was von einer Romanperson gesagt wird.

 

Roland Barthes

 

Wie sonderbar, daß unsere Rationalität sich schon zufriedengibt, wenn wir für die erste beste Erklärung optieren, obwohl doch in Wirklichkeit das Wissenschaftliche wie das Übernatürliche, das Wunder des Muskels wie das Wunder des Geistes, BEIDE unerklärlich sind wie alle Wege Unseres Herrn.

 

Vladimir Nabokov

 

Freudenhaus und Schlachthaus und im Hintergrund die Kapelle, in der ein vereinsamter Papst die Hände ringt.

 

Karl Kraus

 

|7|1. Kapitel

in dem Trubschacher das Aktionsbündnis Fahrlässiger Hypochonder (AFH) gründet und jeden Cent umdreht in der Hoffnung, darunter vielleicht doch noch einen Pfennig zu finden.

|8|2. Kapitel

in dem es Trubschacher gelingt, sich zu entmaterialisieren, um in einem Spielfilm aus den 50er Jahren aufzutauchen und den jugendlichen Heinz Drache zu heiraten, und in dem er niemandem erzählt, daß er unter dem Decknamen Humus für einen Geheimdienst arbeiten wird, den es noch gar nicht gibt.

|9|3. Kapitel

in dem Trubschacher gewahr wird, daß er einen Feind hat (und der im Gegensatz zu ihm auch einen Vornamen): Hartmut Eitl. Aber er löst das Problem, indem er sich mit Eitl darauf verständigt, gemeinsam Hans Henny Jahnns »Holzschiff« zu lesen und ein dem entsprechendes Liebesparadox zu bilden, woraufhin sie leben werden, bis sie dereinst mal gestorben sind.

 

|11|Solange Rainald Goetz immer noch zwei Jahre älter ist als ich, bleibt alles in Ordnung.

Schwierig wird es, wenn er vor mir stirbt.

 

Der Profikoch, der das Essen des Kandidaten in der Kochshow kosten muß, schneidet sich ein Stück Fleisch ab. Dabei wackelt der Teller. Der Kandidat ist durchgefallen.

Dabei sah zumindest der Kartoffelbrei mit seiner Garnierung aus gerösteten Zwiebeln köstlich aus. Finde ich. Aber ich habe ja nichts zu sagen.

 

Wenn der Koch beim Kauen nickt, schmeckt ihm das Essen. Wenn er beim Kauen den Kopf schüttelt, nicht. Der Kandidat verdreht gelangweilt die Augen nach oben. Angeödet geradezu. Angewidert!

 

Ab jetzt sendet das Zweite Deutsche Fernsehen jeden Abend nach den HEUTE-NACHRICHTEN ein ZDF SPEZIAL. Einfach so. Auf Verdacht. Auch wenn nichts passiert ist.

Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um zwanzig Minuten.

 

Freundliche Gesichter haben immer etwas Dummes an sich. Warum? Oder ist das nur bei mir so?

 

Froh zu sein bedarf es wenig.

Aber finde das erst mal.

 

|12|Deine Rede sei: So so, la la.

 

Wahnsinnig werden ist schön. Muß schön sein.

 

Als Kind habe ich mich immer davor geekelt, an der Schultafel bunte Kreide in die Hand nehmen zu müssen. Die Farbe ging kaum wieder ab von den Fingern.

 

Einmal stand ich betrunken auf einem Bahnsteig. Plötzlich bemerkte ich, daß neben mir ein Dichter stand, dessen Arbeit ich sehr schätzte, ja ich beneidete ihn um seine Kunst. Lallend gab ich ihm zu verstehen, daß ich aber erfolgreicher war als er. Dafür schäme ich mich heute noch.

 

Man kann alles auch einfacher sagen.

Nein. Nichts kann man einfacher sagen.

 

Wenn mir nichts mehr einfällt, was ich meinem Hund auf unseren Runden erzählen könnte, geht es mit einem von uns beiden zu Ende.

 

Jahrzehntelang habe ich nicht gewußt, daß ich Zimt mag. All die Zeit mochte ich etwas und wußte nicht, daß es Zimt ist.

 

Seit drei Wochen liegt Schnee. Draußen war es still, totenstill. Heute kann man plötzlich wieder die Autobahn hören. Dabei ist der Schnee nicht weniger geworden!

 

Ich weiß nicht, was ich will. Ich will nur, was mir zusteht. Aber was mir zusteht, weiß ich nicht.

 

Manchmal bin ich so traurig, daß ich den Wasserhahn aufdrehe und gleich wieder zu.

 

|13|Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, sagt der Mann mit einem Grinsen, das Kumpanei erzeugen soll. Wir schauen ihn verständnislos an. Er muß wohl die Toten in der Erde meinen.

 

Der Kommissar fragt den Verdächtigen bei der Vernehmung: Wo werden Sie übermorgen abend zwischen einundzwanzig Uhr dreißig und dreiundzwanzig Uhr sein? Und: werden Sie dafür Zeugen haben?

 

Wenn man nichts zu atmen hat, möchte man nicht wissen, wie lang eine Minute ist.

 

Eigentlich ein schönes Wort: Luftgewehr. Man will gar nicht wissen, wie das Ding funktioniert.

 

So richtig es ist, verdiente Kameraden für das in der Kampfzeit Geleistete zu belohnen, so wichtig ist es aber auch, sie nicht auf Positionen zu setzen, die ihren Fähigkeiten nicht entsprechen. Im Taumel des Triumphes über das Erreichte wird leicht vergessen, wie stark der Widerstand oder zumindest die Vorbehalte gegen unsere Ideen in breiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor ist beziehungsweise sind.

 

Der Ausdruck »eine gute Freundin« ist blödsinnig. Was soll er anderes besagen als: eine Freundin? Eine schlechte Freundin kann es ja wohl nicht geben. Jedenfalls, eine Freundin von mir wird diese Woche an einem Donnerstag begraben. Plötzliche |14|Empfindung: Der Wochentag für Begräbnisse ist der Donnerstag.

(Und wenn man von einer »schlechten Freundin« spricht, will man bestimmt irgendwas verquollen Witziges sagen. Die paradoxe Dichterfalle.)

 

Menschen, die mir vorschreiben und vorsagen wollen, wie ich zu schreiben und zu sprechen habe, könnte ich töten. Negerkuß! Negerkuß! Negerkuß!

 

Wenn ich jetzt, älter geworden, einen Zugang zur Mathematik fände: Wäre das ein Verrat an meiner Jugend? Ja. Nein.

Ja.

 

Das Rollo, das beim Nachbarn auch heute morgen wie schon seit Tagen nicht hochgeht, ist nur die nicht vom Baum aufflatternde Taube.

 

SINN UND FORM. Die wunderbarste deutsche Überschrift. Und das Gegenteil dessen, was die Journalistenproleten heute schon auf der ersten Seite jeder Tageszeitung verunstalten.

 

Es interessiert mich nicht, ob es Dich interessiert.

 

Ein Musiker, der in seinem Leben 20, 30, vielleicht 40 oder mehr Alben aufnimmt, darf wohl nicht erwarten, daß »seine« Hörer jedes davon kaufen oder hören. Aber darüber traurig sein darf er schon.

 

Ein dicker Mann auf dem Beifahrersitz eines TOYOTA COROLLA reibt seinen Wanst, als könne er dadurch einen Flaschengeist zum Erscheinen bringen. Ein alter Mann ist bei |15|laufendem Motor hinter dem Steuer eines OPEL ASTRA eingeschlafen.

 

Er hatte das Gefühl, daß mancher Mensch, der ihn ansah, ganz genau über sein, des Betrachteten, zukünftiges Schicksal Bescheid wußte, ihm aber nichts darüber sagen wollte oder durfte. Und jedes Mal, wenn er sich bei einem Gegenüber darüber beschweren wollte, verschlug es ihm die Sprache, weil ihm schlagartig klarwurde, daß es sich genau andersherum verhielt. Nein, das ist zu eindeutig. Es verschlug ihm die Sprache, weil …

 

Liebe heißt: Jemand nimmt mir die Mühe ab, ich zu werden. Das funktioniert tatsächlich. Wenn ich imstande bin, für ihn das gleiche zu tun.

 

Die Figuren in Fernsehfilmen machen alles Mögliche, nur fernsehen tun sie nie. Und sie tragen zu Hause immer Straßenschuhe. Höchstens daß jemand mal barfuß geht. Aber niemals – niemals! – in Hausschuhen oder in Strümpfen, wie jeder normale Mensch.

 

Man setzt mich auf einen Stuhl, der als Lügendetektor funktioniert. Das regt mich dermaßen auf, daß der wie wild ausschlägt. Dabei sage ich, empört geradezu, daß man mir etwas anderes unterstellt, die reine Wahrheit.

 

In meiner Eigenschaft als Büroleiter von Franz Josef Strauß sage ich: Jeder Mann muß nachts mal raus. Politischer Pygmäe hin, einfacher Gefreiter her.

 

Man ist, was einem auffällt. Alles, was einem nicht auffällt, stellt das eigene Vorhandensein in Frage.

|16|Wenn von einem Verdächtigen im Krimi gesagt wird, daß er mehr weiß, als er sagt, heißt das zugleich, daß er weniger sagt, als er weiß.

 

Viele Frauen in Deutschland machen Gesichter, als hätten sie ein Erdbeben oder nahezu tödliche Prügel überlebt.

 

Ich sehe geil aus. Mein Rock bedeckt meinen Arsch nicht. Meine Titten platzen aus der Bluse. Wann werde ich endlich vergewaltigt, damit ich für den Rest meines Lebens hassen kann?

 

Irgendwo lese ich das Wort GAULTIER. Mein erster Gedanke: Was für eine dämliche Bezeichnung für ein Pferd! Als mir beim zweiten Hinsehen klar wird, daß der vollkommen idiotische französische »Modeschöpfer« gemeint ist, wird mir auch klar, daß ich nicht so alt bin wie all die jungen Szene-Arschlöcher.

 

In den frühen siebziger Jahren gab es eine deutsche Jazzrockband namens Eiliff. Als Name eher so mittel. Aber der Gitarrist hieß Houschäng Nejadepour. Wie großartig ist DAS denn.

 

Starker LKW-Verkehr auf der A4, A9, A14 und A2. Es ist ja auch ein Dienstagvormittag. Morgen ebenso starker LKW-Verkehr. Klar, es ist ja auch ein Mittwochvormittag.

 

Wenn Rockbands anfangen, mit Bläsern zu arbeiten, ist das ein untrügliches Anzeichen dafür, daß ihnen die Einfälle ausgehen. The Jam, The Clash, die Stones (die seit Jahrzehnten einfach weitermachen, auch ohne Einfälle) – die Beispiele sind Legion. Was da als Weiterentwicklung ausgegeben wird, ist der Anfang vom Ende.

 

|17|KESSE SCHERE: Mandy Kotzow aus Weinböhla gehört zu den besten Friseusen im Freistaat Sachsen. Sie ist Finalistin beim »German Haircutting Award«!

 

In Meißen, am Elbufer, etwas, das sich anhört wie der Schrei einer vereinzelten Möwe. So viele hundert Kilometer von der Mündung entfernt – das kann doch nicht sein. Oder?

Dochdoch, quaken die Enten. Aber wer weiß, ob die sich da auskennen.

 

Der undankbarste Job für Musiker im Fernsehen: Kontrabaß in einem Jazz-Klaviertrio spielen. Eine Besetzung, die gerne als Geräuschkulisse für Talkshows genommen wird. Nur: Den Kontrabassisten hörst du nie. Als ob sich die Fernsehtontechniker gegen alle Kontrabassisten verschworen hätten. Du siehst seine flinken Finger über die dicken Saiten flitzen. Aber du hörst Klavier und Schlagzeug. Und sonst nichts.

 

Eine Tierpflegerin mit einer riesigen Nase pflegt liebevoll ein kleines, schuppiges Wesen, das eigentlich insgesamt aussieht wie eine Nase mit ein bißchen Verlängerung auf vier kleinen krummen Beinchen.

 

Was bringt Hotelgäste dazu, auf ihren Zimmern sämtliche Fernsehprogramme zu verstellen? Das Bild selbst zeigt das Erkennungszeichen »ZDF«, aber das von der Fernbedienung aufgerufene »Logo« Pro 7 oder irgendetwas anderes. Und so ist es auf jedem Kanal. Was geht in diesen Leuten vor? Warum machen die das? Der gezähmte Vandalismus einsamer Batterievertreter.

 

Alles, was er sagt, ist falsch. Ausnahmslos alles. Wenn du dich nach dem richtest, was er sagt, erleidest du jedesmal Schiffbruch. |18|Nur wenn du konsequent das Gegenteil tust von dem, was er sagt, geht alles gut. Du begreifst das irgendwann und machst diese Einsicht zum Prinzip. Als er das merkt, sagt er ein einziges Mal das Richtige und vernichtet dich damit.

 

Es ist merkwürdig. Wenn man ein gutes Plattencover sieht, ist auch praktisch immer hervorragende Musik drin. Und wenn eine Band einen Namen hat wie VAN DER GRAAF GENERATOR, ist sie auch beinahe grundsätzlich ausgezeichnet.

Der Umkehrschluß gilt allerdings nicht.

 

Ich sage: Schneebrocken fallen vom Dach. Du stehst wortlos auf und verläßt den Raum. Ich sage: Seit ungefähr zwei Jahren mag ich kein Bier mehr. Du verschluckst dich vor Lachen und schlägst dir auf die Schenkel. In einem Buch lese ich: Der Bewegungsmelder ist eine Installation des Mißtrauens. Das lese ich dir vor, und du fängst an zu weinen.

 

Wenn das Rotlicht einmal kurz flackert, geht die Schranke wieder auf. Ob ein Zug vorbeigefahren ist oder nicht.

 

Bis der Arzt kommt. Aber er kommt nicht. Nie. Und wenn er doch kommt, ist er kein Arzt.

 

Ich bin 53 Jahre alt. Ich habe mehr Bücher gekauft, als ich in meinem Leben noch lesen kann. Der Rest meines Lebens. Ein angebrochenes Stück Butter in einem Kühlschrank, in dem die Sonne scheint.

 

Für das notorische Verkehrtherumtragen einer roten Baseballkappe wurde der Fernsehkoch zu zwanzig Jahren bei Wasser und Brot verurteilt.

 

|19|Der Zollbeamte schaut mich prüfend an und sagt: Öffnen Sie den Koffer. Ich will einen Witz machen und frage: Auch wenn er leer ist? Er nickt. Also öffne ich den Koffer. Er ist tatsächlich leer. Der Zollbeamte ist zufrieden. Ich schließe den Koffer wieder und gehe. Als ich zuhause angekommen bin, ist der Koffer so voll, wie ich gedacht hatte. Nein: noch voller.

 

Die Verwirklichung des Übermenschen auf US-amerikanisch: Widerwärtige, abgrundtief häßliche, quallige Fettleibigkeit der Bevölkerung, ein ekelerregendes Wabbeln, das abgesehen von den monströs unförmigen Tonnenkörpern selbst die Köpfe grauenhaft entstellt. Da bleiben keine Gesichtszüge mehr übrig, da schweinsäugelt einen nur noch Molochpampe an. Europäische Dicke sehen anders aus. Tief durchatmende Erleichterung beim Schreibenden, trotz manch überflüssigen eigenen Pfundes zum alten Kontinent zu gehören.

 

Dies ist meine ährlischste Platte. (Howard Carpendale)

 

Ein rötlichbrauner Klumpen mitten auf der Fahrbahn. Doch kein von Autoreifen zermatschtes Tier. Nur eine zerknüllte Papiertüte.

 

Ob es überhaupt einen Menschen gibt, der jemals beobachtet hat, wie ein Maulwurfshügel entsteht?

 

Wie das wohl aussähe: ein monumentales Denkmal für die Nazi-Größen, eine Groteske in Stein gemeißelt, mit der Aufschrift: Ihr lebtet, damit Deutschland sterbe.

 

Einiges spricht dafür, daß Jimi Hendrix seinen Höhepunkt überschritten hatte, als er starb. Die letzten Stücke, die er fertigstellte, deuten eine Hinwendung zum Funk an. Eine Musik, die |20|viele machten und machen und innerhalb derer seine Einmaligkeit weitgehend anonymisiert und eingedumpft worden wäre. Gott, wie ketzerisch gedacht! Scheiterhaufen, anyone?

 

Auf der Straße lacht eine Handvoll Jungen. Hinter den Vorgartenhecken kreischen Katzen, als würden sie gequält. Keine Aufregung, hier tut niemand so etwas. Leichte Bewegung in den Gardinen. Dahinter stehen ein paar Alte, lauschen, nicken und schütteln die Köpfe. Als hätten sie erst einen Witz verstanden und dann doch nicht.

 

Deutsche Fernseh-Comedy hat genau vier Themen: Ficken, Exkremente, Saufen und Niedertracht. Wenn man es recht bedenkt, wird das Bedürfnis mancher Moslems, uns die Kehlen durchzuschneiden, immer verständlicher.

 

Seit nunmehr sechs Wochen haben wir Winter. Einen, wie er früher üblich war. Viel Schnee, Temperaturen weit unter null, Schwierigkeiten auf rutschigen Straßen, Kälte, die einem ins Gesicht beißt. Schon nach einer Woche meldet sich die wütende innere Stimme: Klimawechsel, sehr witzig. Da sind wir wohl wieder mal nach Strich und Faden verarscht worden von den Grünen, diesen Alt-68er-Verfassungsfeinden. Und man möchte so gerne losziehen und diese verfluchten Windräder abhacken, die uns den Himmel verriegeln, vernageln, verhageln, und endlich auch in dieser Beziehung lauthals Botho Strauß recht geben. Es schwant einem zwar irgendwie, daß die Sache nicht ganz so einfach ist. Aber DEN Schwan ließe man doch allzugern an sich vorüberziehen.

 

Der abstoßende Anblick kreischender Fans. Bei Obama, bei Madonna, bei Maradona, alles eine Wichse. Man bekommt regelrecht Angst davor, zur gleichen Spezies zu gehören.

 

|21|Die Medien verfallen sofort in Schockstarre, sobald man im Interview auch nur das geringste sagt, was nicht zum erwarteten Dauergrinsen paßt. Die DDR ist an ihren Lebenslügen zugrunde gegangen. Das neue Deutschland lächelt sich zu Tode.

 

Ich gehe dahin, wo es weh tut. Du mußt ja nicht mitkommen. Du kannst hierbleiben und warten, bis ich zurückkomme. Ich erzähle dir dann, wie es da ist, wo es weh tut. Und wenn du mich danach fragst, erzähle ich dir auch, wie sehr es weh tut. Das Problem ist nur: Du bist dann nicht dabeigewesen. Du hast die Gegend nicht gesehen. Du hast die Schmerzen nicht gespürt. Du mußt mir also glauben, was ich dir erzähle. Vielleicht erzähle ich aber etwas Verkehrtes. Nicht weil ich dich belügen will. Warum sollte ich dich belügen? Ich will weder angeben noch dich in die Irre führen noch dir etwas Böses. Was hätte ich davon? Ich mag dich doch. Aber ich könnte mich irren. Ich könnte mich falsch erinnern. Ich könnte etwas durcheinanderbringen oder übertreiben, ohne schlimme Absicht. Du kannst dich also bestenfalls auf meinen guten Willen verlassen, nicht aber darauf, daß er dir ein getreues Abbild liefert von dort, wo es weh tut. Und wie es weh tut. Wenn du es also wirklich wissen willst, dann komm mit. Dahin, wo es weh tut. Und wer weiß: Vielleicht finden wir beide dann die Gegend gar nicht. Das wäre doch schön.

 

Die Vorboten des Frühlings können mir gestohlen bleiben. Die Boten will ich.

Eigentlich sind doch die Boten die Vorboten.

 

Du schaffst es nicht, das Garagentor zu schließen. Du wirfst einen Brief in den Kasten und bist dir plötzlich sicher: richtiger Umschlag, falsches Schreiben drin. Beim Abholen des |22|Jungen von der Schule kommst du zu spät, weil die Bahnschranke länger als doppelt so lange unten bleibt wie üblich. In der Nacht läßt sich das Schlafzimmerrollo nicht mehr bewegen. Warum gibt es solche Tage?

 

Nach und nach wird es immer deutlicher: Der einzige wirklich schulemachende und schulebildende Musiker aus der großen Aufbruchszeit Ende der 70er Jahre ist Robert Smith von The Cure. Lange wurde er als schrulliger Goth belächelt, heute hat er eine Legion von Nachahmern. Warum? Weil man von den Sex Pistols oder den Clash allenfalls die Attitüde nachmachen kann, musikalisch bleibt da nichts, sie waren einfach zu lausig. Selbst bei dieser Musik also, die das Einfache, ja Primitive zum Dogma machte, zählt letzten Endes dann doch wieder klar konturiertes Können. Und Robert Smith ist halt ein minimalistischer Könner. Was für ein tröstlicher Gedanke! Einmal ließ ich mich in einem Hotelfoyer mit ihm fotografieren. In Anspielung auf das zweite Cure-Album frotzelte ich: »Don’t worry Sir – it’ll only take seventeen seconds.« Er schenkte mir, mit seinen wie immer absichtsvoll stylish verschminkten Lippen, ein wunderschönes Lächeln.

 

Die Frage alter Leute nach unserer Gesundheit hat etwas Lauerndes: Wann geben wir endlich zu, daß sie uns abhanden gekommen ist? Sie wollen mit ihren Krankheiten nicht allein sein. Es hat den Kindern noch niemals besser gehen sollen als den Eltern.

 

Die Deutschen sind zu dick. Thomas Gottschalk macht Werbung für Fast Food und Süßigkeiten. Und erklärt dann womöglich in Talkshows ganz engagiert und betroffen, warum Colorado, eine Gummibärenmarke, in der Steiermark liegt. Die Deutschen saufen zuviel. Wie vermutlich die meisten |23|Völker. Rudi Assauer macht Werbung für Bier. Und wird preisgekrönt dafür. Die Deutschen rauchen zuviel. Der Bundesgesundheitsminister macht – nur ein Scherz. Aber wie lange noch? Wirbt irgendwann der Papst für die Rüstungsindustrie? Die viel zu vielen Erdenbewohner, die unverhütet auf die Welt kommen, müssen ja irgendwie in großem Stil dezimiert werden. Werbung ist ehrlicher als Wirklichkeit. Werbung ist Aufklärung.

Sie erhellt die wahren Antriebskräfte des Menschen: Gier. Destruktivität. Haß auf sich und seinesgleichen. Werbung ist die älteste Form menschlicher Selbsterkenntnis. Seit der Schlange und dem Apfel ist sie das beschlagene Gefäß unserer Scham und Schande. Von innen beschlagen, denn diese Scham und diese Schande sind blind. Werbung ist der Code unseres tiefsten Geheimnisses: Solange wir sterben wollen, werden wir das auch.

 

Die Fernsehquizsendungen können ruhig astronomische Preisgelder ausloben. Ihre Macher wissen ja, daß so gut wie alle Leute viel zu dämlich sind, um in die höheren Regionen vorzustoßen. Aber riesig muß die Verlockung schon sein. Für 5000 Euro würde ja nicht mal der letzte Depp mit abgebrochenem Realschulwissen sich auf den Weg zum Sender machen. Die kann er ja jedes Wochenende beim nächsten Miß-Arsch-Contest in der Dorfdisco abräumen.

 

Also ein paar Dinge müssen geklärt werden, ehe wir anfangen können.

Zum Beispiel, daß es niemals einen Grund gab, weswegen sich die Beatles vor den Beach Boys hätten fürchten müssen. Die Beatles sind nämlich richtig gut gewesen, mit über fünfzig merkt man das wieder, auch wenn man sie zwischenzeitlich ein bißchen hintangestellt hat, man hat sie dennoch bei allem |24|anderen irgendwie im Hinterkopf mitgehört. Die Beach Boys hingegen sind eine flache, schlagernahe, karieserzeugende rechtsradikale Zuckergußkapelle aus mehrheitlich fettleibigen Schwerstgestörten.

Oder daß der Don Quichotte der größte Roman der Welt sein soll. Und der lustigste. Einer der dicksten ist er bestimmt. Lustig aber ist er überhaupt nicht. Gähnend langweilig ist er. Vielleicht fanden die Leute so was zum Lachen, als es noch kein Fernsehen gab. Jede noch so abgeschmackte Folge von »Die dreisten Drei« mit Markus Majowski auf SAT1 ist lustiger. So. Jetzt können wir anfangen.

Wir möchten ein Buch schreiben, das wir selber gerne lesen würden. Wir, das bin ich. Mein Freund Jürgen hat mal gesagt, ich würde niemals ein Buch schreiben können, ich sei nämlich kein Erzähler. Lyrische Texte wohl schon, aber eben niemals ein Buch. Lügen strafen will ich ihn nicht, er ist ja mein Freund. Aber eines Besseren belehren. Ich glaube, es wird ziemlich hin und her gehen, drunter und drüber. Und deswegen: wir.

Eigentlich sollte man doch annehmen, daß das jeder Autor möchte: ein Buch schreiben, das ihm selber gut gefällt. Es scheint aber so zu sein, daß das durchaus nicht für alle Schreibende das Wichtigste ist.

James Joyce zum Beispiel antwortete auf die Frage, was ihn am meisten beim Dichten umtriebe, mit sicherlich nicht ganz unberechtigter, aber dennoch schwer zu ertragender Arroganz, er wolle noch in 300 Jahren den Literaturwissenschaftlern Kopfzerbrechen bereiten, und sollte Dublin jemals zerstört werden, könne man es anhand seiner Werke detailgetreu wiederaufbauen. Das mit dem Kopfzerbrechen dürfte ihm gelungen sein – sollte man ihn nicht wie das allermeiste Bedeutende innerhalb der nächsten 50 Jahre vollständig vergessen haben, werden vermutlich auch in 500 Jahren noch einige erlesene |25|Entrückte über seinen neunmalklugen Silbenrätseln brüten. Sollte allerdings ein ungnädiger Gott in nächster Zeit Dublin verwüsten, weil er sich für das Lebenswerk von U 2 rächen will (Ein Kalauer! Ich mag U 2! Auch das noch!), dürfte man doch stark bezweifeln, daß eine Handvoll promovierter Anglisten mit dem Spezialgebiet Judaistik samt allem, was jemals zwischen Cork, Stonehenge, dem Zweistromland und Ayers Rock herumkreuchte und fleuchte, die richtigen Leute sind, um den wenigen nach dem irischen Armageddon übriggebliebenen einarmigen Architekten die für ein New Dublin notwendigen Äpfel vom Baum der Erkenntnis zu reichen. Und zwar geschält.

Langer Rede schwacher Sinn: Der Ulysses ist sterbenslangweilig. Dreimal habe ich es versucht. Ein Buch, das ich dreimal abbrechen muß, kann nichts taugen. So blöde kann ich nicht sein. Ein derartiges Selbstbewußtsein ist angesichts der deutschen Geschichte, ihrer daraus erwachsenen Verpflichtungen und der gebrochenen Verhuschtheit moderner mitteleuropäischer Männer vielleicht in gewissen interessierten Kreisen unpopulär. Aber die Wahrheit muß ans Licht.

 

Du verliebst dich in den Squadron Leader eines Bienenstocks. Dein Papa gibt dir die Autoschlüssel. Eine Kurve weiter brennt der Porsche. Du verbringst die meiste Zeit im Liegen, besonders bei Rampenlicht. Du verschwindest ohne Ortsangabe. Irgendwas machst du falsch, Süße. Auf dem Ring an deinem großen Zeh steht NIMMERWIEDERSEHN. Du nagelst deinen Personal Trainerjesus an ein Fadenkreuz. Wenn dich Leute nach der Uhrzeit fragen, sagst du: Nix passiert. Deine Häuser an der Schwarzmeerküste liegen in Trümmern. Unterhalt, Sorgerecht, Karaoke, Kokain, Haute Couture und Neopren. Irgendwas machst du falsch, Süße. Irgendwas läuft hier schief. So ist das Leben. Tel Aviv.

 

|26|Sonntag, 14. Februar 2010. Wie sinnig! Die deutschen Fernsehkanäle werden von Karnevalsschwachsinn überflutet. 3 SAT sendet den Film über den Stammheim-Prozeß. Die Ulrike. Der Andreas. »Revolutionäre Identität gegen die Agonie der Isolation.« Immer noch das beste Karnevalsprogramm.

 

Warum sagt man eigentlich zu Nachbarn, zu denen man sonst nie was sagt, beim Vorbeigehen guten Tag. Kann man doch auch still bleiben. Ein freundliches Nicken vielleicht, wenn’s hochkommt. Hätte wenigstens ein Geheimnis.

 

In einem Drittligafußballspiel der Männer pfeift eine Schiedsrichterin. Offensichtlich kommt sie nur mit dem ungleich gemächlicheren Tempo und der weniger ausgeprägten Körperbetontheit beim Spiel der Frauen zurecht, denn sie übersieht für beide Mannschaften je einen sonnenklaren Elfmeter. Ja und glaubt ihr denn etwa, der Fernsehreporter traut sich, ihr offen und ehrlich eine indiskutable Leistung zu bescheinigen? O nein. Das kommt ihm nicht über seine Schamlippen.

 

Irgendwie wollte ich, als ich 1975 Abitur machte, daß nunmehr die Jugend vorbei sei. Aber nicht nur für mich. Auch für alle, die älter waren. Über die Jüngeren machte ich mir keine Gedanken. Die existierten für mich eigentlich gar nicht. Die Jugend sollte ein für allemal abgeschlossen sein und von niemandem mehr gelebt oder erinnert werden dürfen.

 

– Du hast so lange geduscht heute morgen. Hattest du Geschlechtsverkehr mit Fremden, den du dir abspülen wolltest?

– Nein, ich hab mir nur die Haare gewaschen.

– Ach so.

 

|27|Die meisten Kritiker sind sich einig, daß »Exile On Main Street« von 1972 der Höhepunkt der Rolling Stones gewesen sei. Das ist natürlich Blödsinn, wie meistens, wenn sich die meisten Kritiker einig sind. Das beste Album der Stones war »Let It Bleed« 1970, und die letzten paar guten Songs gab es 1971 auf »Sticky Fingers« zu hören. 1972 begann das Wachkoma der Band, das bis heute anhält und nur noch zwei Sorten von Platten zuläßt: erträgliche und weniger erträgliche Alben mit Stones-Atmosphäre, aber ohne nennenswerte Songs. Ist das nicht unglaublich? Seit 40 Jahren verzinst diese Gruppe höchst erfolgreich das Kapital der acht Jahre bis 1971, in denen sie Bemerkenswertes zustande gebracht hat. Welcher Unterhaltungskünstler kann das von sich sagen? Nicht mal Johannes Heesters. Udo Jürgens, könnte man einwenden. Aber der war wesentlich länger als acht Jahre lang produktiv.

 

Zoff im Kindergarten: Eine Erzieherin fühlt sich »gemobbt« und beschwert sich bei der Leiterin. Grund: Sie spricht die unerträglichste Hardcore-Variante des Sächsischen: Vogtländisch. Die Leiterin schaltet einen Konfliktcoach ein. Der gibt der empörten Dame recht: Niemand dürfe wegen seiner Aussprache benachteiligt werden. Sosehr ich auch für die Vielfalt der Mundarten bin – ist das Recht der Erzieherin, sich selbstverwirklichend auszumaulen, mehr wert als das Anrecht der armen Kinder auf Hochdeutsch? Jens Weißflog mag kauderwelschen, bis sich die Sprungschanzen verbiegen. Aber der ist ja auch nur ZDF-Co-Kommentator.

 

Die besten Bands der Welt. Deutschland: Can, Kraftwerk, Neu, Cluster, Faust, Interzone. Irland: Them, Skid Row, Taste, Undertones und, ja doch, U 2. Amerika: The Doors, Velvet Underground, The Stooges, MC5, CCR, Talking Heads, Pere Ubu, Pavement, Byrds, Buffalo Springfield, Eagles, Little Feat, |28|Steely Dan. Great Britain: Beatles, Kinks, Who, Yes, Led Zeppelin, Pink Floyd (auch nach dem Feuern des überschätzten Syd Barrett), King Crimson, Soft Machine, Traffic, Family, Free, Genesis (mit Gabriel), Van Der Graaf Generator, Gentle Giant, Jethro Tull (bis »Heavy Horses«), Mott The Hoople, Roxy Music, Wire, XTC, The Fall, Henry Cow. Rest der Welt: AC/ DC (Australien), Magma (Frankreich).

 

Die Gehässigkeit, mit der junge Politiker in Debatten alte Politiker nicht zu widerlegen, sondern der Lächerlichkeit preiszugeben und zu vernichten versuchen, beunruhigt mich. Schlimmer als im Tierreich. Das kann man nicht unter Reviermarkieren abbuchen. Was soll aus uns werden, wenn selbst in Parlamenten der Generationskrieg tobt? (Wäre mir das vor 30 Jahren auch schon aufgefallen? Vermutlich nicht.)

 

Eine blinde Sportlerin, die bei den Paralympics in Kanada Medaille um Medaille erringt, wird im Fernsehen nicht »blind« genannt, nein, sie ist »sehbehindert«. Political correctness als grausame Verhöhnung der Betroffenen: Wie gerne wäre sie wohl sehbehindert statt blind!

Wer ist der beliebteste Nordrhein-Westfale aller Zeiten? Wählen Sie! Abteilung Musik – A) Ludwig van Beethoven, B) Nena.

 

Die besten Solokünstler der Welt: Bob Dylan. Neil Young. Randy Newman. Tom Waits. David Bowie. Paul Simon. Elvis Costello. Der andere Elvis auch. Joni Mitchell (eine Frau! eine Frau!). Elton John (jawohl). Leonard Cohen. Johnny Cash. Tim Buckley. Paul Brady. Brian Eno. Lou Reed. John Cale. Und sein Alter ego: ich.

 

|29|Lieber Hanns Dieter Hüsch, großer Freund, großes Vorbild, großer Förderer – wie sehr habe ich die Zeiten genossen, die wir im Radio miteinander verbringen durften. Mal habe ich Dich anmoderiert, mal Du mich. Und daß Du mir bei einem Kölner Italiener mal zugemurmelt hast, ich könnte Dein Kronprinz werden, ist mir genauso unvergesslich wie die Aufmunterung von Pete Townshend. Damals war ich noch nicht soweit, Hanns Dieter. So erbärmlich unfertig. Heute kann ich die Leute zum Lachen bringen. Regelmäßig. Und Du bist nicht mehr da. Du fehlst mir. Dich durfte ich immerhin noch im Vollbesitz Deiner Kräfte kennenlernen. Wolfgang Neuss habe ich zwar auch besucht, aber da war er bereits in einem unansprechbaren Zustand.

 

Der lebende Beweis, daß Melancholie und Intelligenz untrennbar zusammengehören: Alfred Biolek.

 

Warum ist das antike Griechenland die Wiege der abendländischen Kultur? Weil dort der Pöbel nichts zu melden hatte. Genau wie in kommunistischen Diktaturen übrigens. Politik wurde von einer kleinen aufgeklärten Elite gemacht. Auf dem Rücken von Sklaven, gewiß. Nobody is perfect. Heute führen die herrenlosen, von allem und besonders vom eigenen Hirn befreiten Sklaven allerorts das große Wort. Auch und gerade im verkommenen Griechenland. Soll das etwa Demokratie sein, daß Dieter-Bohlen-Anhänger darüber mitbestimmen dürfen, wer mich regiert?

 

Es gibt da so ein »Klassik Radio«, eine Art seichtsämiger Musikantenstadl für alles mit Geigen oder Klavier. Die größten »Hits« der sogenannten klassischen Musik werden zuweilen auch von Filmmusiken durchsetzt und fermentiert, was beinahe noch ehrlicher klingt. Und nun machen die ein Gewinnspiel, |30|das die Hörer genauso demütigen und abrichten soll wie normales Popradio. Für viel Geld sollen die Anrufer einen Satz vervollständigen, der natürlich mit keinen anderen Worten enden darf als: Klassik-Radio hören. Als Lockvogel gibt sich der Vergeiger David Garrett her und säuselt: »Wenn ich entspannen will, gibt es für mich nur eins …« Nun aber rufen die Hörer an, und da sie tatsächlich glauben, einem ernsthaften Sender zu lauschen, nehmen sie auch die Frage ernst! Sie spekulieren: ein gutes Buch lesen? Spazierengehen? Schlafen? Keiner sagt das Dressurwort, keiner kassiert den Jackpot. Der Moderator implodiert langsam, aber krümelnd vor Verzweiflung. Da möchte man fast wieder an die Menschheit glauben.

 

Sah heute in Leipzig zunächst ein Schild: Bestattungen Lunkenbein. Und wenig später einen Leichenwagen mit der großen knallgelben Aufschrift Lebensraum. Vielleicht wäre Leipzig ein guter Ort zum Sterben.

 

Warum kann nicht einfach alles wieder gut werden? Die dumme Antwort lautet: Weil es nie gut war. Die richtige Antwort lautet: Weil es einmal gut war.

 

Ich heiße Trubschacher. Einen Vornamen habe ich nicht. Vielleicht merken die Leute, was ich für ein Format habe oder nicht habe, wenn ich es wechsle.

 

Wie viele Orte es in Deutschland gibt, die wie Schauspieler heißen? Oder umgekehrt? Ein Ferch. Ein Lauterbach. Mehrere Adorfs. Bei Musikern funktioniert das nicht so. Oder gibt’s irgendwo im bergigen Mittelhessischen vielleicht doch ein Stockhausen?

 

|31|Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, daß der frühe Joe Jackson aussah wie eine Leptosomen-Ausgabe des großartigen Schauspielers Axel Milberg?

 

Ich bemühte mich, nicht zu schluchzen, und fragte sie: »Du siehst so glücklich aus, was ist mit dir?«

»Ich hatte sehr viel guten Sex heute nachmittag.« Sie lächelte boshaft. »Mit dem Mann, der dich gestern zusammengeschlagen hat. Du lieber Himmel, du müßtest mal dein Gesicht sehen können. Geh ihm besser aus dem Weg. Wenn er dich ein zweites Mal sieht, stehst du nicht wieder auf. Aber ein Lover ist er, kann ich dir sagen (sie räkelte sich wie eine Leopardin), gute Güte, er fickt wie ein junger Gott.«

Alles, was ich dazu hätte sagen können oder wollen, kam mir einfach nicht über die Lippen, wie ich es auch anzustellen versuchte. Ich heulte so sehr, daß es mich schüttelte. Noch nie hatte mich ein Mensch mit so viel spöttischer Verachtung gemustert wie sie jetzt.

»Ich weiß genau, was du willst, mein armer Liebling«, säuselte sie. »Alles wiedergutmachen. Einen neuen Anfang. Eine zweite Chance. Vor allem aber: mit mir schlafen, immer und immer wieder, so oft es dein schwächer werdendes Triebleben noch zuläßt. Ich habe recht, nicht wahr?«

»Du hattest immer recht«, murmelte ich.

»Stimmt«, erwiderte sie lachend. »Späte Einsicht. Zu spät. Viel zu spät. ER hat mich jetzt. So oft, wie er will. Auf jede nur denkbare Art. Und weißt du was? Es macht Spaß. Zum ersten Mal im Leben macht es mir Spaß.«

»Hör auf«, flehte ich.

»Schon gut.« Sie nickte. »Ich bin ja gar nicht so.«

Ohne ein weiteres Wort hatte sie plötzlich einen Revolver in der Hand, mit dem sie mich erschoß. Aus diesem Traum wachte ich nicht mehr auf.

|32|Wer anderen immer den Vortritt läßt, behält sich des öfteren den Nachtritt vor.

 

Ein kleines, gutbürgerliches (Apothekergattinnen aus Bielefeld würden sagen »schnuckeliges«) Hotel auf Mallorca in einer von dessen erträglichen Ecken, niveaumäßig etwa auf halber Höhe zwischen Ballermann und Deja angesiedelt. Die alte Besitzerin sieht aus wie der späte Willy Millowitsch mit einer Ingrid-Steeger-Perücke. Der alte Besitzer reibt beim Frühstück eine trockene Scheibe Brot mit einer Tomate ab, läßt die Tomate dann liegen und mümmelt die Brotscheibe in sich hinein. Das Hotel ist ausgebucht, zwei Drittel Deutsche, ein Drittel Engländer. Einer der Deutschen, offensichtlich ein Kölner, trägt ein sehr mutiges T-Shirt, zumindest für den Fall, daß er es auch zu Hause anzieht. Er ist nämlich Fußballfan, und auf dem Hemdchen steht: »Die Raute (also Gladbach, HRK) im Herzen, die Scheiße vor der Tür.«

Alle Liegen am Pool sind grundsätzlich besetzt, wie das funktioniert, weiß keiner, denn der übliche morgendliche Badetuchhinterlegewettkampf findet nicht statt, dafür ist man hier zu distinguiert. Sobald jemand aufsteht, ist die Liege verloren. Neuankömmlinge versuchen, durch Bestechung die Kellner als Vermittler oder Schiedsrichter zu gewinnen, aber sie geben es bald auf. Demzufolge verläßt so gut wie niemand mehr seine Liege. Die Luft ist erfüllt vom Stöhnen der Badegäste, die sich mit darmzerreißender Inbrunst die Verdauung verkneifen. Still und hellblau dunstet der Pool.

 

Nicht daß ich der grassierenden Kinderlosigkeit das Wort reden will, aber der Anblick zeitgenössischer schwangerer westlicher Frauen ist mir unangenehm. Wie patzig, ja aggressiv sie ihre geschwollenen Leiber vorzeigen – der trotzige Aufschrei plumper Körpersprache: begehrenswert, jetzt erst recht. Zur |33|Fortpflanzung soll Schamhaftigkeit gehören, du verkommener Westen. Die Schamlosigkeit soll sich bitte nicht weiter fortpflanzen. Sie hat es schon genug getan.

 

Ich bin Gesinnungsvegetarier. Vegetarier zu sein finde ich total richtig. Aber wann im Leben macht man schon mal, was man total richtig findet.

 

Für den weiteren Verlauf dieser Aufzeichnungen behaupte ich einfach mal, daß ich großartig bin. Gegebenenfalls werde ich das widerrufen, aber die Wahrscheinlichkeit ist gering. Auf jeden Fall ist das eine interessante, für mich neue Arbeitshypothese, denn ich neige eher zum bohrenden, nagenden, saugenden Selbstzweifel. Die meiste Zeit meines Lebens mochte ich mich nicht. In welcher Gegend ich auch immer war: Keine Fotos, bitte. Nur Postkarten, wo ich mit Sicherheit nicht drauf bin. Das liegt, glaube ich, hoffe ich, an meinem Taktgefühl. Doch doch, das habe ich, übertrieben sogar. Aber nur Menschen mit Taktgefühl kommen als Noten in der Symphonie des Lebens vor. So. Also ein Buch wollen wir schreiben. Ein gutes natürlich. Ein wertvolles, unentbehrliches. Weltliteratur. Pascal, Montaigne, mindestens. Geht das – noch? Ich meine: nicht weltgeschichtlich, sondern eigengeschichtlich? Neulich lernte ich einen wichtigen, etwa gleichaltrigen Theatermann kennen. (Er tut mir übrigens sehr leid. Als Intendant einer der renommiertesten deutschen Bühnen muß er den ganzen Müll beseitigen, den sein Vorgänger, ein onanistischer Selbstverwirklichungsidiot, angerichtet hat. Jeder Golfplatz hat mehr Niveau als das deutsche Gegenwartstheater. Wenn man Golf spielen will, braucht man eine Platzreife. Als progressiver schrumpfgermanischer Theatermacher nicht mal eine Sitzplatzreife.) Er war der festen Überzeugung, mit 50 schreibe man kein erstes Buch mehr, der Zug sei abgefahren. Nachdenklich |34|stimmte ich ihm zu, wie es so meine Art ist, wenn ich jemanden beeindruckend und sympathisch finde. Natürlich war ich nicht seiner Meinung – wie sollte ich auch? Ich habe es ja schließlich vor, schon seit ich 18 war – wenn das mal reicht. Gute Prosa – was ist das? Ich finde, gute Prosa muß sein wie eine Gischt unendlicher, hauchdünner Nichtigkeit, man muß vergessen können, was man schreibt (liest), und man muß vergessen können, DASS man schreibt (liest) – ein Gefühl wie Atmen muß sich einstellen, wie leeres Schauen, wie angeregter Schlaf. Wer würde mir da zustimmen – Paul Valéry vielleicht? Die beste Prosa, die es gibt, stammt von Marcel Proust, glaube ich. Das wäre doch mal ein Ziel. Ähem.

Manchmal denke ich sogar: Ein gutes Buch zu schreiben – das kann doch gar nicht so schwierig sein. Was haben das nicht schon alles für Leute geschafft. Das ist so ein Verdacht bei mir, ähnlich dem, daß Dieter Bohlen nach und trotz allem, was man über ihn weiß oder zu wissen glaubt, erschütternderweise ein riesig angenehmer Mensch sein könnte. Möglich ist alles. Fast.

 

Es gibt übrigens tatsächlich Menschen, die mich so angenehm finden, daß sie mir über Dritte das Du anbieten – weil sie am Ende des Abends zu besoffen waren, daran zu denken. Das freut mich dann und läuft meinem schon erwähnten miesen Selbstwertgefühl zuwider. Meistens sind das aber unzuverlässige Dritte, so daß man sich auf ihre diesbezüglichen Auskünfte nicht verlassen kann. Und schwups, ist mein angekratztes Ego statt im Haben schon wieder im Soll. Allerdings korrespondiert mit meinem Mangel an gesundem Selbstwertgefühl eine merkwürdig entgegengesetzte Empfindung: Es fällt mir außerordentlich schwer, mir vorzustellen, daß nicht jeder Polizist, der mir einmal die rote Kelle gezeigt, nicht jeder Schalterbeamte, der mir einmal eine Briefmarke verkauft, und |35|nicht jeder Kellner, der mir einmal eine Apfelschorle gebracht hat, sich noch lange danach an mich erinnert, ja mich möglicherweise sein Leben lang nicht vergißt. Und ich betone, daß das nicht das geringste mit meinem sogenannten »Namen« zu tun hat. Das soll ganz allein von mir ausgehen, wie kein Krieg mehr von deutschem Boden.

 

Ich bin kein guter Freund. Ich habe am liebsten meine Ruhe. Immerhin bin ich deswegen auch kein guter Feind.

 

Das Potsdamer Stadtschloß wird wieder aufgebaut. Endlich. Die häßlich gähnende Leerstelle mitten in der Stadt, entstanden durch Ulbrichts Sprengung der bombardierten Reste, verschwindet. Und in der Fernsehbefragung maulen die Spießbürger über Verschwendung. Mehr Kindergärten, mehr Schulen: bitte. Damit noch mehr unfähige Lehrer gelangweilten verwahrlosten Kindern nichts beibringen. Manchmal kotzt mich das vermuckt Preußische meiner Landsleute dann doch an. Etwas mehr Frankreich, etwas mehr Italien, bitte.

 

Das Tolle an den unverwüstlichen, lebenslustigen Leuten zwischen Unna und Duisburg? Daß sie solche Schelmenstreiche und Roßtäuschereien wie »Industriekultur« oder »Kulturhauptstadt Ruhrgebiet« gar nicht brauchen, um einfach gut drauf zu sein. Wie Frank Goosen sagt, wenn er sich in seinem Bochum (und in dem von meinem Freund Hennes Bender) umschaut: »Schön is dat nich.« Aber WIE sie das sagen, bringt andere und sie selber immer wieder zum Lachen.

 

Regen ist auf Dauer doch angenehmer als Schnee. Sieht zwar nicht so gut aus, aber man muß ihn nicht schippen.

 

|36|Das Banjo ist eine Gitarre mit Atemwegserkrankung und verhält sich somit zu ihr wie das Cembalo zum Klavier.

 

Wenn die grüne Führungsriege davon spricht, daß Schwarz-Gelb überall und unter allen Umständen verhindert werden müsse, beschreibt sie den politischen Gegner wie eine tödliche Seuche. Mir ist keine derartige bakteriologische Kampfsprache seitens der Bürgerlichen bekannt.

 

Was immer so zusammengeschmiert wird. Stand doch neulich in der FAZ: »Konrad Adenauer und Helmut Kohl dachten europäisch. Angela Merkel denkt ans Geld.« Wer jetzt und heute ans Geld denkt, denkt verantwortlicher als irgendwelche Phrasendrescher – die nur heimlich ans Geld denken.

 

Das Schlimmste an der sogenannten Lebenserfahrung: Je genauer du alle Dinge betrachtest, die dich interessieren, desto klarer wird dir, daß sie dich eigentlich doch nicht interessieren. Mit den meisten Menschen ist es genauso.

 

Straffreiheit für Leute, die jugendliche Autoproleten erschießen, bei denen ihre Discodrecksmusik so brüllend laut aus der geschlossenen Fahrerkabine donnert, daß man noch Hunderte von Metern weit in der ...

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