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Voodoo für Anfänger

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Prolog

Regen prasselt auf die Trauergemeinde. Mit aufgespanntem Schirm steht der Pfarrer vor dem offenen Grab. Sein Talar weht im Wind. Die hagere Gestalt erinnert mich an Mary Poppins, bevor sie in die Lüfte gehoben wird. In den Bäumen hocken Krähen. Es ist ein Traum von einer Beerdigung.

„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“

Sabine entkommt ein Schluchzer. Als ich ihr von der Seite einen bösen Blick zuwerfe, zieht sie schuldbewusst den Kopf ein.

„Ach, es ist halt so ergreifend!“, entschuldigt sie den Ausrutscher. „Außerdem hast du gesagt, es sei gut fürs Geschäft, wenn wir Mitgefühl zeigen.“

„Pst!“, macht jemand aus den vorderen Reihen.

„Dabei weißt du ganz genau, dass wir bei Beerdigungen nicht gern gesehen sind, weil wir anscheinend immer unangenehm auffallen. Man sollte uns hier gar nicht zulassen“, spricht sie ungeniert weiter.

„Pssst!“

„Sorry.“ Sie lässt den Blick über den Friedhof schweifen und zieht dabei den Schirm, den sie hält, über meinem Kopf weg.

„Mensch, pass doch auf, ich werde ja ganz nass!“

„Keine Bullen weit und breit“, sagt sie, ohne sich darum zu kümmern, dass ich noch immer im Regen stehe. „Zumindest keine in Uniform.“

Energisch packe ich den Griff und zerre den Schirm wieder über meinen Kopf. Sie drückt sich näher an mich. Sabine zittert, was wahrscheinlich an ihrem hauchdünnen Kleidchen liegt und an den Riemchensandalen, durch die das Regenwasser fließt. Auch mir krabbelt die Kälte die Beine hoch.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Sabine. Sie können uns nichts anhaben. Ich bin unschuldig, es war kein Mord“, sage ich, während der Pfarrer was vom schweren Verlust eines guten Menschen erzählt. „Pah!“, entkommt es mir ungewollt, aber umso lauter.

Zornige Mienen schießen zu mir herum. Sabine grinst, gönnt mir die Blamage.

Demütig senken wir die Köpfe.

Ich tripple von einem Fuß auf den anderen. Es ist arschkalt. Ich wünschte, wir wären daheim geblieben. Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass es nötig ist. Ich muss sicher gehen, dass der Sarg auch tatsächlich in die Grube gelassen wird.

Sabine tut es mir nach und wir trippeln zu zweit, haben anscheinend die gleiche Melodie im Ohr. Wenn ich auf unsere Füße blicke, ist unser kleines Tänzchen, das Sabine mit einem flotten Sidestep beendet, fast hübsch anzuschauen.

Jemand räuspert sich laut. Hat wahrscheinlich Halsschmerzen von der Kälte. Ich möchte betonten, wir haben Anfang Mai!

„Die Wetterfrösche haben auch keine Ahnung“, sage ich.

Es prasselt noch lauter.

„Wer?“, fragt Sabine.

„Die Wet-ter-frö-sche!“

„Kenn’ ich nicht.“

„Bist du taub? Die Wetterfritzen aus dem Fernsehen, die von gelegentlichen leichten Schauern gefaselt haben. Diese Flitzpiepen!“

Als habe wer den Wasserhahn zugedreht, verebbt der Regen, ein Sonnenstrahl fällt auf die aufgeschüttete Erde. Es ist mucksmäuschenstill. Als ich aufblicke, hat sich die 30-köpfige Trauergesellschaft geschlossen zu uns umgedreht, sogar der Pfarrer, dem der beseelte Ausdruck aus dem Gesicht gewichen ist, schaut zu uns herüber.

Schnell fummle ich ein Tempo aus meiner Manteltasche und presse es mir auf den Mund. „Was für ein Verlust! Unfassbar!“, jammere ich wie ein orientalisches Klageweib.

Wir haben großes Glück, denn die Trauernden packen ihre Messer und Fäuste wieder ein, und der Pfarrer kann endlich diesen wundervollen Satz sprechen, bei dem ich regelmäßig eine Gänsehaut kriege. „Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

„Schön, nicht?“, findet auch Sabine.

„Ich muss noch zu einem anderen Grab“, flüstere ich.

Natürlich hat meine beste Freundin den opulenten Rosenstrauß hinter meinem Rücken längst entdeckt, er ist nun wirklich nicht zu übersehen, obwohl ich ihn vor den anderen Trauergästen tunlichst versteckt halte. Sie zieht ein moralinsaures Gesicht wie meine Musiklehrerin, die der Meinung war, ich tauge nicht einmal fürs Triangelspiel.

„Für wen sind die denn?“

Ich tue überrascht. „Och, die …“

Sie ringt nach Luft.

„Doch nicht für etwa ihn? Rosen? Für das Schwein?“, hallt es so weit über den Friedhof, dass sogar die Krähen in den Bäumen verstummen.

„Ruuuhhee!“, plärrt der Pfarrer mit hochrotem Kopf. „Ruhe! Verdammt noch mal!“ Wütend stampft er mit dem Fuß auf. Das hölzerne Podest, auf dem er steht, knarrt entsetzlich, fängt zu schaukeln an, bis es schließlich polternd in sich zusammenfällt. Der Pfarrer gerät ins Straucheln, rudert mit den Armen. Die Trauergemeinde zuckt einhellig zusammen, als er vor aller Augen wortlos nach vorne kippt und – den Regenschirm noch immer fest umklammert – hinab ins offene Grab fällt.

Das wäre Mary Poppins wohl nicht passiert.

Vielleicht hat Sabine doch recht. Man sollte uns eigentlich nicht auf Beerdigungen zulassen. Wir sind absolut beerdigungsinkompatibel.

1. KAPITEL

Brentooney

Warum lässt mich dieser Kerl nicht in Ruhe? Wieder eine schlaflose Nacht. Ich wälze mich hin und her, denke an saftig grüne Wiesen und zähle die Schäfchen, die dort an Grashalmen knabbern.

Doch spätestens ab blökendem Schaf Nummer 17 huscht eine Frau im Brautkleid durchs das Bild. Die Braut bin ich.

Eine betrogene Braut!

Aber es hätte noch schlimmer kommen können, beruhige ich mich, um vielleicht wenigstens eine kleine Mütze voll Schlaf abzubekommen. Lothar hätte mich auch vor dem Traualtar stehen lassen können. Eine meiner Horrorvorstellungen.

Ich boxe in mein Kopfkissen. „In der Hölle sollst du schmoren!“

Es sei nichts von Bedeutung gewesen, war seine Entschuldigung. Bis ich von noch einem Seitensprung erfuhr.

„Nein, noch besser, du Aas! Am Grund eines Karpfenweihers sollst du ruhen und von schmatzenden Fischmäulern gefressen werden. Oder kopfüber vom Empire State Building kopfüber stürzen. Ja, das ist gut!“

Und wenn ich daran denke, wie bereitwillig ich mein Konto von ihm erleichtern ließ, ich dummes Schaf …

„Die Pest sollst du am Hals haben! Dir den Hals brechen, einen Ebola-Virus aufschnappen, von einem brüllenden Löwen zerfetzt werden, in tausend kleine Stücke …“

Inzwischen habe ich eine beruhigende Routine darin entwickelt, meinen Verflossenen zu verfluchen. Jedenfalls kann ich sogar einschlafen dabei.

Als ich wach werde, klammere ich mich an meinem Kopfkissen fest, und draußen wird es schon hell. Nach einer Katzenwäsche steige ich, die Zahnbürste zwischen den Lippen, hastig in meinen Rock und schnüre mein Mieder. Ich streife die Schürze glatt, das muss genügen, und binde sie mir um. Während ich in die Schuhe steige, flechte ich mir Zöpfe.

Ich seufze wie jeden Morgen, die beneidend, die im Job Jeans und Turnschuhe tragen können. Ich hingegen darf das mittelalterliche Burgfräulein geben, die glorreiche Idee meines Vaters, der auch mein Boss ist. Und dann flitze ich auch schon aus dem Haus.

Zwanzig Meter von der Rolltreppe entfernt, höre ich die U-Bahn einfahren und renne, soweit meine Absätze mich tragen.

„Entschuldigung, Tschuldigung, Entschuldigung. Darf ich vorbei?“, rufe ich und drängle mich an den Trantüten vorbei, die die Rolltreppe auf beiden Seiten blockieren. Wind bläst mir den mit Haarspray betonierten Pony senkrecht in die Höhe. Ich stöckle die Stufen hinunter. Meine schicken Stiefeletten klackern über den glatten Steinboden. Kurz bevor die automatischen Türen zufahren, springe ich ins Abteil, einem Latzmannträger direkt in den Wohlstandsbauch.

Peinlich betreten arbeite ich mich in die Mitte des Wagons vor. Um nicht wie ein Hund zu hecheln, halte ich den Atem an. Völlig falsch. Ich verschlucke mich, versuche das Husten zu unterdrücken, bis der darauffolgende Hustenanfall auch den letzten Träumer in der hintersten Sitzreihe aufschrecken lässt.

Es ist nicht mein Tag. Kein Tag ist mein Tag.

Der Schlafmangel und die Erinnerung an die verpatzten Flitterwochen auf Phi Phi Island gären in mir. Ohne es zu bemerken, nehme ich mein Gegenüber ins Visier und brenne dem Mann meinen Wutstempel auf die Stirn. Schuldbewusst zieht der Anzugträger den Kopf ein und betrachtet seine Schuhspitzen. Es tut mir leid, falls du zufälligerweise kein Schuft sein solltest, aber gerate nie in Emma Himmels Wutblickbahn.

Die U-Bahn schnellt von Station zu Station. Als einige Fahrgäste aussteigen, schnappe ich mir kurzerhand einen günstiger gelegenen Sitzplatz, wo mir nicht jeder über die Schulter gucken kann. Im Handspiegel überprüfe ich meine kunstvolle Hochsteckfrisur aus geflochtenen Zöpfen und Strähnen, die ich mir inzwischen schon im Schlaf feststecken kann, sogar ohne wie die Zenzi von der Alm auszusehen. Mittelalterlich soll sie sein, obwohl sich jeder Mittelalterfrisurenexperte wahrscheinlich wie ein Hund schütteln würde. Aber es kümmert mich nicht. So viele Mittelalterexperten führt es ohnehin nicht ins städtische Heimatkundemuseum, meinem Arbeitsplatz, sondern überwiegend die üblichen Touristen in karierten Wanderhemden, Regenhäuten und protzigen Reiseführern unterm Arm.

Auf meinem Schoß liegt mein Schmöker, auf dem ich das Nagellackfläschchen abstelle. Das Anfahren und Abbremsen der U-Bahn balanciere ich geschickt mit den Knien aus. Wenn ich wollte, könnte ich sogar noch einen Becher Cappuccino halten, alles schon ausprobiert. Ich bin multimultitaskingfähig, was zwangsläufig natürlich gelegentlich auch zu kleinen Katastrophen führt.

Gerade mit dem kleinen Fingernagel beschäftigt, kriege ich plötzlich einen Ellbogen gegen das Ohr gerammt. Kann der nicht aufpassen? Rempelt mich an. Hat der keine Augen im Kopf?

Ich schieße gallegiftige Blicke auf den Mann ab, der sich ohne sich zu entschuldigen neben mich setzt und die Zeitung aufschlägt. Mit jeder Seite, die er umblättert, rumst er mich leicht an, kein Muh, kein Mäh. Mein auffälliges Hüsteln, mit dem ich meine lackierte Nagelhaut kommentieren will, ignoriert er unverschämterweise.

Aber er riecht gut. Holzig und doch frisch.

Man möchte die Augen schließen und den Mann einfach einatmen.

Nur fehlt mir dafür die Zeit. Nur noch vier Stationen.

Ich schraube den Nagellack zu, kratze die fehlgelaufenen Stellen ab und puste mir die Nägel trocken. Dabei fällt mein Blick auf Remplers Zeitung. Er hat die Traueranzeigen vor sich. Guckt er nach, ob er drinsteht?

Ein schwarz gerahmter Name sticht mir ins Auge, und mein Herz bleibt stehen. Das kann nicht sein.

Die Schrift verschwimmt, ich blinzle. Nein, das ist unmöglich!

Lothar ist tot.

Der Rempler blättert um.

„Entschuldigen Sie bitte!“, sage ich vorwurfsvoll und klatsche mit der Hand auf das Blatt. „Dürfte ich das wohl zu Ende lesen?“

Der Mann schaut mich entgeistert an.

 

Plötzlich und unerwartet ist mein geliebter Ehemann

 

Lothar Overbeck

 

für immer von uns gegangen.

In ewiger Liebe, deine Lydia

Nee, das kann nicht Lothar sein.

Geliebt …

Ehemann …

Ich scanne die Anzeige nach einem Geburtsdatum, und es ist tatsächlich Lothars Geburtstag.

Der Rempler nimmt meinen Arm mit spitzen Fingern und legt ihn mir auf den Schoß, bevor er die Zeitung wieder an sich nimmt. „Entschuldigen Sie bitte, ich steige hier aus.“

Ich schaue ihm ins Gesicht. Wieder so einer mit blauen Augen …

Wenn ich spontan eine Zeugenaussage machen müsste, würde ich sagen, ein Mischung aus Dr. Brentano aus der Sachsenklinik und George Clooney, nur um etliche Jahre jünger und nicht ganz so perfekt, und eben blauäugig. Denn wenn ich mich erinnere sind beide Schauspieler braunäugig, oder? Muss ich bei Gelegenheit googeln.

Brentooney steht auf und wirft einen letzten Blick auf meine Haarpracht.

Was denn? Noch nie eine Hochsteckfrisur gesehen? Oder habe ich den Ponylockenwickler vergessen? Erschrocken schießt meine Hand an die Stirn. Alles okay.

„Mein Beileid!“

Ich muss Mitleid erregend aussehen, denn in einem großzügigen Akt von Nächstenliebe reißt er die Seite heraus und hält sie mir wie ein Taschentuch hin, an dem ich meine Tränen trocknen kann.

Ich starre auf den schwarz umrahmten Kasten, knabbere mir die klebrigen Nagellackspitzen ab.

Lothar ist tot.

2. KAPITEL

Mittelalterliche Schönheiten

„Schwarz steht dir nicht!“

Noch immer habe ich Lothars abfällige Worte in den Ohren. Dabei liebe ich Schwarz.

Natürlich werde ich auf Lothars Beerdigung diese Farbe tragen, auch wenn er es nicht sehen kann. Und ob ich Schwarz tragen werde!

Mechanisch kaufe ich bei „Back-Blitz“ ein Quarkteilchen und eine Laugenbrezel, die pockenartig mit grobem Salz bestreut ist. Ich zähle die Münzen auf den Glasteller. Meine Fingernägel sehen wie aus dem Häcksler gezogen aus.

Ohne darüber nachzudenken, gelange ich zu meinem Arbeitsplatz.

Das Heimatkundemuseum ist in einem dreistöckigen Stadtschloss untergebracht, in dem vom 13. bis zum 19. Jahrhundert eine reiche Patrizierfamilie lebte.

Ich betrete das Schlösschen durch den Seiteneingang, höre im Nebenraum den Hausmeister werkeln, der hier seine Dienstwohnung hat. Mein Vater kommt nicht vor zehn Uhr und verschwindet sofort in seinem Büro im 3. Stock. Wenn ich Glück habe, sehe ich den ollen Pedanten und Nörgelfritzen tagelang nicht.

Ich hole die Post aus dem Briefkasten und sortiere sie vor, die Werbung behalte ich bei mir, freue mich über die Mode-Kataloge und die neue Sommerkollektion. Ganz ehrlich, was frustriert mehr als am Balkon in der Altweibersonne die Winterkataloge zu studieren?

Ich sperre die Kasse auf, fülle Prospekte in Deutsch, Englisch, Spanisch und Japanisch in den Drehständer nach.

Ich funktionieren wie von selbst.

Um zehn Uhr schließe ich die schwere Holztür auf und lasse die schnatternde Gänseschar herein.

Eigentlich habe ich nichts gegen Touristen, ich bin auch gerne einer. Aber diese Dauerurlaubsstimmung verbreitende Horde kann ganz schön anstrengend sein, wenn du nicht grundlegend der Typ bist, der auf Knopfdruck täglich Fröhlichkeit verströmt.

„Oh, guck doch wie süüüß! Dat Mädel sieht aus wie die Heidi aus den Schweizer Bergen! Die mit dem Almöhi!“, schnellt ein Touri-Finger aus der Menge hervor.

Trotz des Trubels geht es mir ständig durch den Kopf: Lothar ist tot.

Wie auf Kommando tritt Miriam hinter dem schweren Wandvorhang hervor, hinter dem sich nichts Simpleres als unsere Teeküche befindet. Sie trägt natürlich das perfekte Mittelaltergewand, an dem unser Experte nichts auszusetzen hätte. Seidig und tief dunkelblau gleitet es an ihrem schlanken Körper hinab, der Ausschnitt ihrer Bluse ist völlig indiskutabel, zieht aber magisch Männerblicke an. Da kann sie sich gerne mal bei den Jahreszahlen verhauen, die interessieren eh keine Sau.

Angeblich hat sie Kulturanthropologie studiert. Ihr Dienstkleid wurde von der Stadt genehmigt, die lumpige Kartenabreißerin darf sich die Klamotten selber kaufen.

Miriam Schnulle ist eine doofe Kuh und scharf auf meinen (verheirateten!) Vater. Denn Dr. Julius Himmel sieht für sein Alter verdammt gut aus. Würde man Sean Connery (ohne Bart) mit Michael Degen (Vice-Questore Patta aus den Brunetti-Filmen) kreuzen, wiederum beide wesentlich jünger, stünde mein Vater vor Ihnen.

Miriam gegenüber ist er auch kein Nörgelfritze, sondern kann ausgesprochen charmant sein.

Wahrscheinlich nur wegen des indiskutablen Blusenausschnitts.

Auf ihr Historiengesülze, das sie pro Führung völlig affektiert herunterleiert, braucht sie sich nichts einzubilden.

Dieser Toilettenstuhl, meine Damen und Herren, stammt aus dem 16. Jahrhundert und Freifrau Lotte von ,Aufunddavonʻ soll ihn benutzt haben.

Die Namen und Jahreszahlen habe ich nicht ganz so auf Lager wie Miriam, ansonsten kann ich ihren Text auswendig, selbst ohne Studium. Ich allerdings würde mehr Herz hineinlegen und weniger Brüste.

Ich rufe Sabine vom Diensttelefon aus an und hoffe, mein Vater kann die Gespräche auch wirklich nicht mithören. Denn er hat mir offiziell verboten, noch einmal über „diesen“ Lothar Overbeck in seinem Beisein zu sprechen.

Mama hatte nach Lothars Abflug tagelang wegen der verpatzten Hochzeit geheult. Warum musste sie auch bereits die halbe Stadt einladen?

Ihre grauen Haare habe sie allein mir zu verdanken. Zum Gespött der Leute hätte ich sie gemacht. Und dass der flotte Lothar sich verdrückt hatte, daran könne nur ich schuld sein. Ich sei einfach nicht bindungsfähig. Welche normale junge Frau hat mit siebenundzwanzig noch immer keinen Ehemann an Land gezogen?

Angelina Jolie sei auch fast vierzig gewesen, als sie ihren Brad heiratete, habe ich zu meiner Verteidigung erwidert, was sie ein wenig beruhigt hatte. Ob die in meine Klasse gegangen sei, wollte sie daraufhin nur noch wissen.

Sabine lässt das Telefon ewig klingeln.

Wenn ich es nicht bald loswerde, bekomme ich vielleicht Verwachsungen im Hals vom ständigen wieder Hinunterschlucken.

Als sie endlich rangeht, lasse ich sie erst gar nicht ihr dusseliges Sprüchlein „Firma Hollenwecker und Werkel Süßwaren vom Feinsten GmbH, guten Tag. Sie sprechen mit Sabine Vonderbrügge, was kann ich für Sie tun?“ zu Ende sagen, sondern falle ihr während der „Süßwaren GmbH“ bereits ins Wort.

„Lothar ist tot!“

Völlig Stille. „Emma?“

„Ja-ha! Hast du gehört?“

„Was ist denn los?“

„Lothar ist tot!“

Völlig Stille, dann: „Dein Lothar?“

„Natürlich mein Lothar! Wie viele Lothars kennen wir denn? Und überhaupt ist er nicht mehr mein Lothar!“

Wenn sie doch nicht dauernd schweigen würde, sonst quasselt sie doch auch in einer Tour. Ich brauche eine Reaktion, dringend!

„Dein Lothar ist tot? Na, super, freu dich doch!“

Da habe ich meine Reaktion.

Das kann sie nicht verstehen. Da habe ich ihn monatelang zum Teufel gewünscht. Ihn gevierteilt, in einem Weiher mit schmatzenden Spiegelkarpfen ertränkt und ihn nackig bei Eis und Schnee durch die Fußgängerzone gehetzt – und jetzt das! Was nützen denn die galligsten Rachegedanken, wenn der Mistkerl vorher stirbt?

Was soll ich denn jetzt in meinen schlaflosen Nächten tun? Bislang habe ich seine Untreue mit Grausamkeiten bestraft, die nur einer betrogenen Frau einfallen können. Wovon träume ich jetzt? Der kann sich doch nicht einfach aus dem Staub machen!

Er hat mich des Einzigen beraubt, was meine wunde Seele leckt, mein angeknackstes Ego wieder aufrichtet, mein krankes Herz versöhnt – meiner Rache!

3. KAPITEL

Geisterstunde

Sabine bringt abends Pizzabrote und zwei Eimer Häagen-Dazs mit. Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug im Greta Garbo-Stil, das braune Haar hat sie zu einer Banane hochgesteckt.

Ich gieße Walnussöl über den Rucola-Datteltomaten-Ziegenkäsesalat und bringe die Schüssel ins Wohnzimmer.

Sabine stellt das Eis ins Gefrierfach und die italienischen Keramikteller auf den Wohnzimmertisch, bevor sie in die Küche zurückgeht. Ohne Worte wuselt jede vor sich hin. Auch dieser Zustand, der wortlose, ist bei uns möglich. Wir wären ein tolles Paar.

Meine Wohnung mit Blick auf einen belebten Platz mit Reiterstandbild hat drei Zimmer, aber sie sind miniklein. Dennoch ist es gut, seinen Krimskrams über mehrere Räume verteilen zu können – und nirgends steht ein Werkzeugkasten im Weg oder liegen Autozeitschriften neben der Toilette.

Fisch kommt an die Aquariumsscheibe und buhlt um Sabines Aufmerksamkeit. Bei ihr fallen immer ein paar Flocken außer der Reihe ab, und Fisch ist ein Opportunist. Sobald die Flocken ins Wasser sinken, ist die Futtergeberin vergessen.

„Aber nicht alles auf einmal fressen, ist das klar?“, höre ich sie sagen. Wir sprechen mit Fisch, worüber die meisten den Kopf schütteln.

Fisch ist mittlerweile vierzehn Jahre alt, und hätte ich geahnt, wie alt er wird, ich hätte ihm damals einen wohlklingenderen Namen gegeben. Sharky, vielleicht?

Ein Aquarium macht weniger Lärm und stinkt weniger als ein Hund, dachten meine Eltern damals. Seit meinem dreizehnten Geburtstag ist Fisch, eine schwarz-rot-orange gestreifte Prachtschmerle, mein Haustier und hat bereits zwei Umzüge mit mir hinter sich gebracht. Natürlich tummeln sich sporadisch auch Guppys und Black Mollys im Becken, aber Fisch überlebt sie alle. Gelegentlich hege ich den Verdacht, er sieht sie nicht als Kumpane, sondern als schwimmendes Frühstücksbüffet.

„Woran ist Lothar denn gestorben?“, fragt Sabine, als ich zu ihr in die Küche komme, wo sie Schiffchen aus Servietten faltet, in die sie smartiesähnliche Bonbons (Bruchware aus Hollenwecker und Werkels Fabrikverkauf) streut. Sie kann nicht ohne Schnickschnack.

„Wahrscheinlich hat ihn eine betrogene Frau oder ein gehörnter Ehemann erdolcht.“

Sabine hebt den Kopf und schaut mich irritiert an. „Ehrlich?“

Wir setzen uns an den Tisch im Wohnzimmer, es duftet herrlich nussig. Ich zünde die Kerzen an.

„Herzschlag vielleicht?“, rätselt sie weiter.

„Nein, das kann nicht sein. Lothar hatte kein Herz.“

„Aber er sah toll aus!“, sagt sie voller Inbrunst.

Bitte?! Verräterin! Eine Freundin darf niemals Partei für den Feind der besten Freundin ergreifen.

„Der? Pah! Wegen der dunklen Locken, oder was?“

„Schon, auch. Aber vor allem wegen seinem Body. Einen Arsch hatte der …“

Arsch?

„Du hast Lothar auf den Hintern geschaut? Während ich mit ihm zusammen war?“

Sabine bläst die Backen auf. „Nun hab dich mal nicht so. Jetzt ist er ja tot.“

Nicht zu fassen!

„Gehen wir wirklich auf seine Beerdigung?“, versucht sie wieder einzurenken, was ganz schön auf halb acht hängt. „Ich würde natürlich mitkommen, wenn du willst.“

Ich beiße vom köstlichen Pizzabrot ab. „Ich weiß nicht recht. Ich gehöre nicht zu seiner Familie, keine Ahnung, ob er überhaupt Familie hat. Lothar hat immer behauptet, Vollwaise zu sein.“ Ich schlucke und nehme noch einen Bissen. „Aber seine Ehefrau würde ich zu gerne kennen lernen. Wie schräg muss die drauf sein, den Saukerl zu heiraten?“

„Vielleicht ist sie auf ihn hereingefallen.“ Auch Sabine beißt herzhaft zu.

„Wie du“, ergänzt sie überflüssigerweise mit vollem Mund.

„Stell es bloß nicht so hin, als sei ich doof! Lothar war ein Blender, auf den jede Frau hereinfallen würde!“

Sabine nimmt die Traueranzeige, die vom ständigen Lesen schon ganz welk ist, in die Hand.

„Plötzlich und unerwartet. Woran verstirbt man denn plötzlich und unerwartet? Ob es ein Unfall war?“

Mitternacht. Die bösen Geister kommen aus meinem Kleiderschrank und unter dem Bett hervor.

Ein Unfall? Mit dem Auto?

Lothar war ein Raser gewesen. Gelbe Ampeln wurden generell überfahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen galten für die anderen, was war eine 30er-Zone?

Ach und überhaupt – die anderen …

Vorrangig waren seine Belange. Die Gefühle anderer trampelte er nieder wie ein Büffel junges Gras. Ich glaube, es war nicht einmal unbedingt böswillige Absicht, nicht immer jedenfalls. Er merkte es einfach nicht. Er merkte nicht, dass es noch andere Lebewesen auf dieser Welt gab.

In Lothars Leben gab es nur einen Stern am Himmel: Ihn.

Oh, nicht dass ich es nicht genossen hätte, diesen Traummann an meiner Seite zu haben.

Aber hätte das Erwachen so schmerzhaft sein müssen? Einem Heiratsschwindler aufgesessen zu sein, realisierte ich erst, da war mein Konto schon leer geräumt und das Brautkleid noch nicht abgestottert.

Ich wälze mich im Bett, zerknuffe mein Kopfkissen.

Lothar lässt mich einfach wieder einmal nicht einschlafen. Ich lasse alle meine Rachebilder vor mir ablaufen.

Aber wo bleibt die Erleichterung?

Gibt es eine größere Strafe als die göttliche, die Lothar erhalten hat?

Für ihn nicht.

Aber was ist mit mir? Hätte ich nicht eine klitzekleine Genugtuung zu seinen Lebzeiten haben können?

Ihm eine lange Nase ziehen können, ätsch?

Plötzlich und unerwartet …

Die Straßenlaterne wirft einen gezackten Lichtstreifen auf mein Bett.

Ich war’s nicht, flüstere ich unter meiner Bettdecke, die ich mir bis unter die Nase hochgezogen habe. Oder doch?

Habe ich Lothar etwa nicht in die Hölle gewünscht?

Aber wie man das halt so sagt: „Der soll doch in der Hölle schmoren!“

Damit wünscht man doch keinem den Tod.

Oh, mein Gott …

Ich sitze senkrecht im Bett.

Ich habe ihm den Tod gewünscht!

Barfuß tappe ich in die Küche und gieße mir ein Glas Leitungswasser ein. Die Uhr in Prilblumenform tickt, der Bistrovorhang bewegt sich vor dem gekippten Fenster, der Kühlschrank brummt. Raschelt es nicht im Schlafzimmer?

Eine Gänsehaut überzieht meine Unterarme.

Schafft der Hundskerl es noch aus der Leichenhalle mich zu nerven!

Ich mache Wasser heiß, werfe einen Teebeutel in einen Humpen, hole mir meinen Schmöker und eine Decke, nur wegen dem Kuscheleffekt, und schalte den Fernseher ein, den Ton aber aus. Auf die Weise fühle ich mich nicht so alleine.

Dies ist einer der wenigen Vorteile einer festen Beziehung. Hast du den Blues, hast du eine breite Schulter zum Anlehnen und etwas, wohin du deine kalten Füßen stecken kannst.

Besonders wenn der Ex zum Geistern kommt …

4. KAPITEL

Schwarze Katze mit Buckel

Der Stundenzeiger springt auf Acht und ich wähle Sabines Handynummer. Ich weiß, acht Uhr ist für einen Samstagmorgen egoistisch früh, außer man ist eine Mutter, die fragt, ob man morgen zum Schweinebratenessen kommt.

Das Sonntags-Schweinebratenessen-Ritual, das dich nicht auslässt, ob du achtzehn, dreißig oder in den Wechseljahren bist.

Von einer rosa flockigen Wolke umhüllt, sehe ich vor mir, was sich eben in Sabines Schlafzimmer abspielen muss. Ihr Arm kriecht wie eine Schlange unter der Bettdecke hervor, mit der Hand schlägt sie nach dem Wecker, bis ihr gewahr wird, dass ihr Handy klingelt. Das Handy hat sie wie immer irgendwo verschlampt. Sie muss also aufstehen und dem Klingelton folgen, mit der Gewissheit, das Gespräch ohnehin zu verpassen.

Sie könnte liegenbleiben. Doch ganz oben auf Sabines Chart-Liste steht Neugier. Und deshalb sucht sie weiter, gackert leise Schimpfwörter vor sich hin und nimmt unterwegs einen Schluck Mineralwasser aus der Flasche.

Ein anderer Anrufer hätte längst wieder aufgelegt. Womöglich ahnt sie schon, dass der völlig gestörte Vollidiot nur ihre beste Freundin sein kann, die allerdings zu dieser nachtschlafenden Zeit nur anrufen würde – wenn es brennt!

„Ja“, krächzt sie ins Telefon. Die Flasche Rotwein ging fast ausschließlich auf ihr Konto, ich vertrage nämlich nichts und halte mich deswegen zurück. Und weil sie so schön in Stimmung war, hat sie den Baileys aus meiner Pseudo-Bar – hauptsächlich lagern dort Chili-Reiscracker, Erdnussbutterriegel, Marshmellows, saure Colafläschchen, Lakritzschnecken – gekapert und niedergemacht.

„Ich bin’s.“

„Sag mal, spinnst du?!“ Ihre Reibeisenstimme berührt mich mütterlich.

„Ich habe Lothar umgebracht.“

„Sag noch mal, was du gerade gesagt hast. Es muss an meinem Kater liegen, ich habe verstanden, dass du denkst, du hättest Lothar umgebracht.“

„So ist es. Ich lag die ganze Nacht lang wach. Immer und immer wieder habe ich alles durchdacht, eingegrenzt und verworfen. Am Ende kam ich immer zum selben Schluss: Ich war es.“

Ich vernehme ein leichtes Schaben aus dem Hörer.

„Putzt du dir die Zähne?“

Während wir über meinen Mord sprechen? Die Frau ist wirklich kalt wie eine Hundeschnauze.

Ich lasse sie gurgeln und ausspülen.

„Emm“, sagt sie schließlich, Sabine findet Emm schicker, weil es sie nicht so sehr an ihre rundliche Großtante Emmi erinnert. „Emm, ich weiß, das war ein schwerer Schock für dich. Aber wie willst du Lothar umgebracht haben, wenn du nicht einmal weißt, woran er gestorben ist?“

Ich hole tief Luft. „Ich habe ihn mit meinen Gedanken umgebracht“, verkündige ich stolz.

„Und das geht?“ Ich kann förmlich vor mir sehen, wie Sabine die Nase rümpft.

„Es kann nur so sein. Ich habe all meine Energie in meine Flüche gesteckt, sie gebündelt und mich absolut auf Lothar konzentriert. Bis er daran starb.“

„Du meinst, das ist so etwas wie eine selbst erfüllende Prophezeiung … nur in Form von … Verwünschungen?“

Sie hat es erfasst.

„Das ist aber saumäßig gefährlich. Wenn ich dran denke, was ich manchmal den Leuten an die Backe wünsche. Gut, dass ich deine Fähigkeit nicht habe.“

Ich hatte auf handfestere Unterstützung gehofft, um aus der Chose wieder herauszukommen.

„Einen Vorteil hat es. Man wird dir nie etwas nachweisen können. Jedenfalls kannst du keine Fingerabdrücke hinterlassen haben.“

Sabine schweigt, doch ich höre regelrecht, wie es in ihrem Kopf rattert.

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