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Von nun an und für immer

1. KAPITEL

Im Aufenthaltsraum der Notaufnahme herrschte ein aufgeregtes Stimmengewirr, als James Morrell mit seiner wohlverdienten Tasse Kaffee in der Hand eintrat und sich setzte.

Ein schwerer Verkehrsunfall auf der M1 hatte den ohnehin schon stressigen Freitagnachmittag in ein albtraumhaftes Chaos ausarten lassen. Ein Auto war auf der vereisten Fahrbahn ins Schleudern geraten, was eine Massenkarambolage der folgenden Fahrzeuge einschließlich eines Reisebusses zur Folge hatte.

Die matschige Fahrbahn und der Schnee hatten die Arbeit der Rettungsdienste sehr erschwert, sodass es mehrere Stunden gedauert hatte, bis alle Verletzten in verschiedene Londoner Kliniken gebracht worden waren. Der größte Teil der Patienten war dabei ins North London Regional Hospital gebracht worden, wo das Personal Sonderschichten eingelegt hatte. Auch ein Rettungsteam war von dort an den Unfallort geschickt worden.

Erst gegen siebzehn Uhr waren alle Unfallopfer versorgt, und Oberschwester May Donnelly hatte für ihre Mitarbeiter Sandwiches und Getränke kommen lassen und bestand darauf, dass alle sich eine Pause von mindestens einer halben Stunde gönnten, bevor der Routinebetrieb weiterging. Während dieser Zeit wurden keine neuen Notfälle aufgenommen, sondern an andere Krankenhäuser weitergeleitet.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Team gut versorgt war, hatte Schwester May ihren Mann angerufen, um ihm zu sagen, dass sie wieder einmal Überstunden machen würde. Glücklicherweise hatte er wie immer Verständnis gezeigt und ihr gut gelaunt erklärt, er werde dann eben allein zu Abend essen.

„Ihr habt wirklich großartige Arbeit geleistet!“, erklärte James mit seiner tiefen Stimme, woraufhin die Gespräche der Kollegen verstummten. „Ich werde den Einsatz heute noch mit jedem Einsatzteam einzeln auswerten, aber insgesamt habt ihr heute wieder einmal gezeigt, dass wir eine erstklassige Notfallversorgung leisten können. Auch die Kollegen von der Feuerwehr und von den anderen Rettungsdiensten haben uns gelobt. Vielen Dank an euch alle!“

Er sah zu den Schwesternschülerinnen hinüber, und May Donnelly konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie bemerkte, wie die jungen Damen erröteten. James Morrell dachte vermutlich, dass sämtliche Frauen stets rosige Wangen hatten, denn wann immer er in der Nähe war, trat dieses Phänomen zutage.

May war seit fast vierzig Jahren Krankenschwester und hatte nicht nur eine Menge erlebt, sondern besaß auch viel Lebenserfahrung. Normalerweise hielt sie mit ihren Ratschlägen nicht hinterm Berg, doch ihr war klar, dass diese jungen Dinger nicht auf sie hören würden, wenn sie ihnen sagte, dass sie sich umsonst um James Morrell bemühten.

Sie würden Mays Worte einfach ignorieren.

Doch wer konnte es ihnen verübeln? James war groß und kräftig gebaut, fast wie ein Rugbyspieler – natürlich ohne gebrochene Nase und Blumenkohl-Ohren. Mit seinem stets zerzausten braunen Haar und den leuchtend grünen Augen zog er alle weiblichen Blicke auf sich, wenn er über die Stationen oder durch die Notaufnahme ging. Er war zweifellos ein beeindruckender Mann, und erstaunlicherweise war er mit seinen fünfunddreißig Jahren immer noch Single – sehr zur Freude der anwesenden Frauen.

„Kommst du am nächsten Samstag zu Micks Abschiedsparty?“, fragte Kristy, eine der Schwestern, betont beiläufig. Sämtliche Frauen sahen ihn gespannt an.

„Vielleicht schaue ich auf einen Drink vorbei“, erklärte James, ohne den Blick vom Fernseher zu wenden. Wie gern hätte er sich einen Augenblick lang abgelenkt, doch es gelang ihm nicht. Obwohl das Schlimmste überstanden war, fühlte er sich noch immer angespannt und unruhig. Als wäre es noch nicht vorbei. Objektiv betrachtet war seine Reaktion natürlich ganz normal. Er hatte schließlich einen Großeinsatz geleitet, bei dem mehr als vierzig Verletzte versorgt worden waren. Doch solche Situationen hatte er schon öfter gemeistert; daran konnte es also nicht liegen. Und nun fing auch noch Abby, eine neue Kollegin, an, ihn zu bedrängen!

„Ich könnte dich mitnehmen.“ Erwartungsvoll lächelte sie ihn an. Doch James starrte angestrengt weiter auf den Fernseher.

„Ich sagte, dass ich dich mitnehmen könnte, James!“, wiederholte Abby für den Fall, dass er sie beim ersten Mal nicht gehört hatte.

Ach, wie sehr genoss May diese Unterhaltung. Sie mochte Abby nicht – was sie sich natürlich niemals anmerken ließ. Die junge Assistenzärztin war sehr von sich eingenommen, fast schon hochnäsig, und hatte ganz offensichtlich ein Auge auf James, den Hauptgewinn der Klinik, geworfen.

„Nicht nötig“, wehrte James ab. „Ich weiß noch gar nicht genau, ob ich überhaupt hingehe.“

„Aber du hast doch gerade gesagt, du würdest auf einen Drink kommen. Ich fahre dich gern! Schließlich passiert es nicht oft, dass wir beide gleichzeitig an einem Samstagabend frei haben.“

Großartig! May amüsierte sich immer mehr. Was dachte Abby sich nur dabei, so zu tun, als wären sie und James ein altes Ehepaar?

„Ich habe Samstag noch etwas anderes vor“, erklärte James und lächelte seine Kollegin dabei so unverbindlich an, dass es May eine wahre Freude war. Abby lief vor Verlegenheit über den Korb rot an.

„Wie gesagt, ich werde versuchen, kurz vorbeizukommen, denn ich möchte mich natürlich gern von Mick verabschieden. Er war schließlich über zwanzig Jahre unser Pförtner.“ Damit war jeder Zweifel ausgeräumt, und keine der anwesenden Damen konnte sich Hoffnungen machen, dass der attraktive James ihretwegen zur Party kommen würde.

May lächelte. Wann würden diese Mädchen endlich erkennen, dass James Morrell seine Arbeit und sein Vergnügen streng getrennt hielt? Andererseits … Wäre sie selbst dreißig Jahre jünger, dann würde sie es vermutlich auch bei ihm versuchen. Selbst wenn es ziemlich aussichtslos war, denn in all den Jahren, die sie nun schon mit James zusammenarbeitete, hatte May es kein einziges Mal erlebt, dass er eine Freundin mit zu einer Klinik-Veranstaltung brachte.

Ohne es genau beschreiben zu können, spürte May instinktiv eine Reserviertheit in James’ Verhalten. Er war immer höflich, nett und zuvorkommend, doch gleichzeitig stets sehr verschlossen, wenn es um sein Privatleben ging.

Er war natürlich sehr sexy – und zweifellos hatte er auch oft Sex.

Als Oberschwester musste May ihn öfter bei Notfällen zu Hause anrufen, und es war schon häufig vorgekommen, dass eine Frau den Telefonhörer abgenommen hatte oder dass ein atemloser James das Gespräch entgegennahm und im Hintergrund unmissverständliche Geräusche zu hören waren.

Mays resolute Freundin Pauline, die als Haushälterin bei James angestellt war, tratschte zwar nicht über ihren Chef, doch von Zeit zu Zeit machte sie Andeutungen darüber, dass James ein sehr reges Privatleben hatte.

James sah gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen schneite es noch immer, und der Himmel war wolkenverhangen und grau. Wieso war er nur so nervös? Egal, wie sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, seine verspannten Muskeln zu lockern und zur Ruhe zu kommen.

„Sind Sie wieder bereit zur Aufnahme?“, tönte es aus der Funksprechanlage.

„Nein, noch nicht!“, antwortete May bestimmt. Ihre Mitarbeiter brauchten diese Pause. Wegen des Massenunfalls war das North London Regional Hospital vorübergehend für alle anderen Aufnahmen gesperrt. Diese Maßnahme war absolut notwendig, um die hohe Qualität der Versorgung gewährleisten zu können, und May war nicht bereit, in diesem Punkt nachzugeben. In ihrer Abteilung herrschte ohnehin ständiger Personalmangel.

Zwei Assistenzärzte hatten die Klinik überraschend verlassen, und zu allem Überfluss war einer der Fachärzte seit Wochen krank. Abby war zwar eine gute Assistenzärztin, doch es fehlte ihr noch an Erfahrung. Sämtliche Kollegen hatten in der letzten Zeit Überstunden gemacht, und der heutige Tag war für viele eine echte Herausforderung gewesen.

Die Kollegin von der Leitstelle ließ sich allerdings nicht so leicht abwimmeln. „Es wurde gerade noch eine weitere Verletzte gefunden. Sie war in ihrem Wagen eingeklemmt. Eine junge Frau Ende zwanzig, Hypothermie und Herzstillstand.“

James war bereits aufgesprungen und eilte zur Tür. Die Vorstellung, dass sie an der zugegebenermaßen unübersichtlichen Unfallstelle jemanden übersehen hatten, entsetzte ihn. Die arme Frau musste ein paar furchtbare Stunden durchgemacht haben.

„Wir nehmen sie auf!“, sagten er und May gleichzeitig.

Sofort kam Leben in die Gruppe. Das gesamte Team machte sich daran, alles für die neue Patientin vorzubereiten. Eine elektrische Wärmedecke wurde angeschlossen, die vermutlich nötigen Infusionen in ein Wärmebad gelegt und der Anästhesist angepiept.

„Was wissen wir noch?“, erkundigte James sich über die Funksprechanlage.

„Nicht viel“, erwiderte die Leitstellendisponentin. „Der Wagen wurde über hundert Meter vom Unfallort entfernt gefunden. Da die Windschutzscheibe geborsten war, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Patientin längere Zeit ungeschützt in der Kälte ausharren musste. Sie hatte sich eine Decke um die Schultern gelegt, sodass wir davon ausgehen können, dass sie nach dem Unfall noch eine Weile bei Bewusstsein war. Als die Kollegen von der Feuerwehr sie aus ihrem Auto geschnitten haben, erlitt sie einen Herzstillstand.“

„Kennen wir ihren Namen?“

„Nein, noch nicht. Sie wurde sofort intubiert und abtransportiert. In etwa neun Minuten dürfte sie bei Ihnen eintreffen.“

„Komm mit!“, sagte James zu May. „Wir gehen schon mal nach draußen und warten auf den Rettungswagen.“

Vor der Parkbucht blieben sie stehen. James, der noch immer nur die OP-Kleidung trug, fröstelte. Ungeduldig sah er auf seine Uhr. „Über vier Stunden in dieser Kälte …“ Seine Bemerkung war kein Small Talk, sondern der Versuch, das Risiko abzuschätzen. Es war unter null Grad kalt, und die Frau war verletzt. Unterkühlte Patienten hatten oft einen Herzstillstand, wenn man sie bewegte. Der Umstand, dass das Herz erst stehen geblieben war, als der Rettungsdienst schon vor Ort war, begünstigte die Prognose immerhin.

„Die Reanimation wird mit Sicherheit eine langwierige Angelegenheit.“

„Die arme Frau. Stundenlang bei dieser Eiseskälte im Auto eingeklemmt – das muss furchtbar sein“, erklärte May in ihrem breiten irischen Akzent und kuschelte sich in ihre Strickjacke. Warum tragen Krankenschwestern eigentlich keine Capes mehr? überlegte sie bedauernd.

„Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass es noch nicht vorbei war“, bemerkte James nachdenklich. „Es waren so viele Fahrzeuge an dem Unfall beteiligt … Trotzdem werden wir in den nächsten Tagen analysieren müssen, wie wir dieses eine übersehen konnten.“

„Das machen wir“, seufzte May. „Aber denk daran, dass es schon vor vier Uhr fast dunkel war. Und dann noch der Schnee und der Regen …“ Ihre Stimme erstarb, denn von Weitem sah sie, dass der Sicherheitsdienst eine Auseinandersetzung mit dem Fahrer eines Autos hatte, der sich nicht davon abbringen ließ, in der Rettungszufahrt zu parken. Seine Frau würde in wenigen Minuten wieder da sein, erklärte der Mann, und er denke nicht im Traum daran, zur Seite zu fahren.

James hatte genug gehört. Mit zornigem Gesichtsausdruck eilte er auf den Fahrer zu. Wenn es um die Sicherheit seiner Patienten ging, verstand James Morrell keinen Spaß. Das bekam auch der Fahrer des parkenden Wagens zu spüren, der nach einem kurzen Wortwechsel mit James kleinlaut davonfuhr. May grinste.

„Dieser Vollidiot dachte, das hier sei ein normaler Parkplatz“, schimpfte James ungehalten, als er zurückkam.

„Vielleicht wusste er es nicht besser“, wandte May ein, während sie dem davonfahrenden Wagen nachsah. Dann jedoch verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. „Oh nein, die haben uns gerade noch gefehlt!“

Ein Fernsehteam, das schon seit Stunden vor Ort war, um von dem Massenunfall zu berichten, hatte anscheinend von der dramatischen Rettung des „vergessenen Unfallopfers“ gehört. Aufgeregt kamen gleich mehrere Kameramänner und Reporter mit ihren Mikrofonen auf die Notaufnahme zu.

James rief den Sicherheitsdienst an, damit Sichtblenden aufgestellt wurden. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass man die neue Patientin erkannte. Nicht auszudenken, wenn irgendwo im Land ein Kind beim Abendessen vor dem Fernseher saß und womöglich plötzlich seine Mummy im Rettungswagen sah. James konnte seine Wut über die unverschämten Reporter nur mühsam unterdrücken, während er den Kollegen vom Sicherheitsdienst beim Aufstellen der Blenden half.

„Wo zum Teufel bleiben sie denn jetzt?“, fragte James ungeduldig.

„Es wird noch ein paar Minuten dauern“, erklärte May nach einem Blick auf ihre Uhr. „Ist mit dir alles okay, James?“ Besorgt sah sie ihn an.

Gerade als er in seinem üblichen abweisenden Tonfall sagen wollte, dass alles bestens sei, erinnerte James sich daran, dass es May war, die ihn gefragt hatte. Er schätzte und respektierte die Oberschwester mehr als jeden anderen Kollegen in seiner Abteilung. Und so beschloss er, ehrlich zu sein.

„Ich weiß es nicht, May.“ Sie konnten nun bereits die Sirenen hören. In zwei Minuten würde der Rettungswagen da sein. James sah May an, sah ihr vertrautes Gesicht und ihren klugen, weisen Blick. Es hörte sich zwar nach einer Ausrede an, doch er sagte die Wahrheit. „Ich weiß es wirklich nicht.“

„Fühlst du dich nicht wohl?“, erkundigte sie sich.

„Nein, daran liegt es nicht.“ Er holte tief Luft und versuchte, die richtigen Worte zu finden. Wie sollte er seinen Zustand beschreiben? Nervös? Ängstlich? Nein, beides passte irgendwie nicht. Er fühlte sich einfach unwohl. Eine bessere Beschreibung fiel ihm nicht ein. Doch wie sollte er das May erklären?

„Im Augenblick ist bei uns in der Abteilung ja auch die Hölle los. Der Personalengpass und so …“, bot sie ihm eine Erklärung an.

„Nein, das ist es auch nicht. Ich bin völlig erschüttert darüber, dass wir jemanden übersehen haben. Ich hatte es irgendwie im Gefühl, dass es noch nicht vorbei war …“ Seine letzten Worte wurden bereits von dem ohrenbetäubenden Heulen der Sirene übertönt.

Noch bevor der Rettungswagen zum Stehen kam, hatten die Mitarbeiter des Rettungsdienstes schon die Türen aufgerissen. Als der Fahrer die sensationslüsternen Reporter mit ihren Kameras sah, zog er der Patientin schnell eine Decke über das Gesicht. Da sie intubiert war und maschinell beatmet wurde, war es kein Problem, sie so zuzudecken. Der Rettungsassistent hatte unterdessen ununterbrochen die Herzdruckmassage durchgeführt. Mit geübten Handgriffen wurde die Trage aus dem Rettungswagen gezogen, dann wurden die Räder ausgeklappt. James übernahm nun die Druckmassage, während May und der Rettungsassistent die Patientin eilig in Richtung Notaufnahme schoben.

Plötzlich blieb James wie erstarrt stehen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde zwar, aber es reichte, um einen missbilligenden Blick von May zu ernten.

Sie hatte schon immer entzückende Füße gehabt.

Obwohl sie sich stets unauffällig gekleidet und niemals geschminkt hatte, waren Lornas Zehennägel immer pink lackiert gewesen. Genau wie bei dieser Patientin hier. Und Lorna hatte ebenfalls einen Leberfleck auf ihrem rechten Fußrücken.

Die schreckliche Erkenntnis, dass sie es sein musste, ließ James erstarren. Nein, das war absurd. Lorna war nicht hier in London. Er wollte, nein, er musste der Patientin die Decke vom Gesicht ziehen, um sicherzugehen, dass es nicht Lorna war.

Doch im Grunde wusste er bereits, dass es keinen Zweifel gab.

Unter der Decke lugte eine kastanienbraune, nasse Haarsträhne hervor, und als sie die Verletzte endlich in den Schockraum gebracht hatten, wurde ihr die Decke vom Gesicht genommen. Nun hatte er die Bestätigung – auch wenn er schon seit fast einer Minute gewusst hatte, dass sie es war.

Schon oft hatte James sich gefragt, ob sie sich wohl verändert haben mochte. Als er einige Jahre zuvor in Glasgow auf einer Konferenz gewesen war, hatte er in allen Geschäften und Bars nach einer Frau mit glänzendem kastanienbraunem Haar und bernsteinfarbenen Augen Ausschau gehalten. Natürlich hatte er sich gesagt, dass seine suchenden Blicke sinnlos waren. Es war fast zehn Jahre her; vielleicht hatte sie sich inzwischen die Haare gefärbt oder war dick geworden, oder – was noch schlimmer gewesen wäre – er hätte sie getroffen, während sie einen Kinderwagen vor sich herschob. Streng hatte er sich ermahnt, vernünftig zu sein. Selbst wenn er sie zufällig treffen würde, war es gar nicht unwahrscheinlich, dass er sie überhaupt nicht erkennen würde.

Natürlich hatte er im Grunde seines Herzens gewusst, dass er sich etwas vormachte. Und heute hatte er die Bestätigung dafür bekommen.

Selbst nach zehn Jahren hatte er sie sofort erkannt – allein wegen ihres hübschen Fußes.

„Sie war bewusstlos, als sie gefunden wurde, aber der Puls war noch tastbar. Als wir sie aus ihrem Wagen zogen, hatte sie dann einen Herzstillstand“, berichtete der Rettungsassistent, als sie im Schockraum angekommen waren.

„Kennen wir ihren Namen?“ Es war May, die diese Frage stellte. James war noch immer damit beschäftigt, die Herzdruckmassage zu machen.

„Ja. Sie hatte ihren Führerschein dabei. Lorna McClelland, zweiunddreißig Jahre alt, aus Schottland. Sie ist offenbar Ärztin.“

„Wie konnte es passieren, dass sie übersehen wurde?“ Zum ersten Mal seit Lornas Einlieferung hatte James etwas gesagt.

„Ich weiß es nicht“, antwortete der Rettungsassistent. „Wir wurden vor fünfundzwanzig Minuten erneut alarmiert und sind ausgerückt. Vergessen Sie nicht, dass da draußen das totale Chaos herrscht.“

Anstelle des leitenden Notarztes musste Khan, der Anästhesist, sich um Lornas Versorgung kümmern. Er überprüfte ihre Reflexe, orderte Medikamente und überprüfte die Beatmung. Fassungslos beobachtete May die Szene. Was zum Teufel war mit James los? Egal. Sie würde es später herausfinden. Mit aschfahlem Gesicht stand er noch immer neben der Verletzten und massierte ihr Herz. Wie in Trance. Dabei hätte er eigentlich mit der aktiven Behandlung anfangen müssen.

May kannte die Symptome. Immer wieder kam es vor, dass Menschen, vor allem in der Notfallversorgung, einfach nicht mehr funktionierten, plötzlich ausgebrannt waren. Doch das hier war anders. Als sie James’ schmerzverzerrtes Gesicht sah, wusste sie es. Er kannte die Patientin!

„Abby!“ May hatte auf die Gegensprechanlage gedrückt, um die Assistenzärztin herbeizurufen. „Wir brauchen Sie hier im Schockraum.“ Suchend sah May sich um. „Lavinia, übernimm bitte die Herzdruckmassage“, bat sie eine Kollegin.

James stand vollkommen abwesend neben dem Behandlungstisch. Wie durch eine Wattewand hörte er, wie May den Kollegen erklärte, dass es ihm nicht gut gehe. In seinen Ohren rauschte es, und das schrille Piepen des Monitors lenkte ihn von allen anderen Geräuschen und Gesprächen ab.

Lornas Bluse war bereits aufgeknöpft, ihr BH-Träger zerschnitten und beiseitegeschoben. Gerade zerschnitt eine Schwester Lornas Hose und ihren Slip. James konnte ihre Operationsnarben von damals sehen und hätte am liebsten geweint. Doch er stand nur bewegungslos da und sah zu, wie man ihre Knie anwinkelte und den Katheter legte. Wie sehr hätte sie diesen ungenierten Eingriff in ihre Intimsphäre gehasst! James wollte den Kollegen sagen, dass sie so nicht mit Lorna umgehen durften. Dass sie sie in Ruhe lassen sollten. Er wollte sie in seine Arme nehmen und sie in Sicherheit bringen, doch gleichzeitig wusste er, dass seine Kollegen weitermachen mussten.

„Geh ins Bereitschaftszimmer“, befahl May. „James, hörst du mich? Geh bitte ins Bereitschaftszimmer! Du siehst aus, als würdest du gleich zusammenklappen.“

„Ich bleibe hier.“

Nie zuvor in seinem ganzen Leben war James sich so nutzlos vorgekommen. Als leitender Notarzt war er an Krisen aller Art gewöhnt, doch das hier warf ihn vollkommen aus der Bahn. Ohne Vorwarnung war sie wieder in sein Leben getreten – und das hatte ihn schlicht und einfach umgehauen. Sie war so unglaublich blass. Schon immer hatte Lorna einen hellen Teint gehabt, doch jetzt unterschied sich ihre Gesichtsfarbe kaum von dem weißen Bettlaken, auf dem sie lag. Nur ihr Haar bildete einen scharfen Kontrast. Langes, kräftiges Haar, das noch immer diesen leichten Rotton besaß. Sie hatte es also nicht gefärbt. Genau genommen hatte sie sich überhaupt nicht verändert. Sie war noch genauso schlank und zierlich, wie er sie in Erinnerung hatte.

Inzwischen hatte Abby die Versorgung übernommen und überwachte die allmähliche Erwärmung von Lornas unterkühltem Körper. Plötzlich ertönte aus dem Monitor ein durchdringender Klang. Kammerflimmern! Routiniert setzte Abby den Defibrillator an. Als der erste elektrische Schlag durch Lornas schmächtigen Körper fuhr, fürchtete James, sich übergeben zu müssen.

Das hatte sie nicht verdient!

Diesmal beschränkte May sich nicht darauf, ihn zu bitten, den Raum zu verlassen. Es waren ausreichend viele kompetente Kollegen da, um sich um Lorna zu kümmern, und so nahm die Oberschwester James’ Arm und führte ihn hinaus. Wie ein Schlafwandler folgte er ihr und ließ sich widerstandslos in sein Büro bringen, wo er in seinem Schreibtischstuhl zusammensackte und sein Gesicht in den Händen verbarg.

„Bitte, geh zurück und pass auf sie auf“, bat er leise. Obwohl er wusste, dass es richtig gewesen war, den Schockraum zu verlassen, hasste er sich dafür, nicht bei ihr geblieben zu sein. Doch er wäre nicht in der Lage gewesen, sich ausreichend abzugrenzen und sie optimal zu versorgen. Trotzdem fand er die Vorstellung unerträglich, dass Lorna schutzlos und ausgeliefert im Schockraum lag – von ihm in dem Augenblick im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten brauchte.

„May, falls sie beschließen sollten, mit der Wiederbelebung aufzuhören …“, setzte er an.

„Dann sage ich dir sofort Bescheid.“

„Ja. Und zwar bevor sie aufhören!“

„Natürlich.“

Eine Stunde später rief May erneut ihren Mann an, um ihm zu sagen, dass es diesmal wirklich später werden würde und er ruhig allein essen sollte.

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