Logo weiterlesen.de
Von keltischer Götterdämmerung. Die Kelten-Saga. Band 1-3: Anation - Wodans Lebenshauch / Völva - Wodans Seherinnen / Brictom - Wodans Götterlied. Die komplette Saga in einem Bundle.Historische Fantasy

Rauner, Astrid: Von keltischer Götterdämmerung. Die Kelten-Saga. Band 1-3: Anation - Wodans Lebenshauch / Völva - Wodans Seherinnen / Brictom - Wodans Götterlied. Die komplette Saga in einem Bundle. Historische Fantasy. Hamburg, acabus Verlag 2020

Originalausgabe

ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-773-2

Print: ISBN 978-3-86282-661-2

Lektorat: Claudia Müllerchen, acabus Verlag; Karina Woller, acabus Verlag; Laura Künstler, acabus Verlag

Korrektorat: Julia Boege, acabus Verlag

Cover: ds, acabus Verlag; © Marta Czerwinski, acabus Verlag

Covermotiv: © rubyfox - Fotolia.com, © Eky Chan - Fotolia.com, keltische Maskenaplike, Dreiwirbelstater, Nauheimer Quinar: © Harro Junk, Oberursel; © Erica Guilane-Nachez - Fotolia.com

Die Originalfunde stammen aus dem Heidetränk-Oppidum bei Oberursel/ Taunus. Sie sind im Vortaunusmuseum in der Keltenausstellung zu besichtigen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© acabus Verlag, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.acabus-verlag.de

cover

image

Astrid Rauner

Anation

– Wodans Lebenshauch –

Von keltischer Götterdämmerung 1

image

Zu Ehren der Götter und Göttinnen, der Unsterblichen

Nach einer lateinischen Weihinschrift aus Obergermanien

Vorwort

Es beginnt im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, in einem Land, von dem wir nicht wissen, wie seine Bevölkerung es nannte. Wir nennen es heute Deutschland. Es ist die letzte Blütezeit eines Volkes, dessen Namen aus griechischen Quellen als „Keltoi“ überliefert wurde. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich diese Kultur zunächst im heutigen Österreich, in der Schweiz und Süd- bis Mitteldeutschland, baute Höhenburgen, schmiedete Eisen und Kunstwerke aus Gold, die heute neben Tonscherben und Knochen oft die einzigen Überreste sind, die Archäologen zur Interpretation ihres Lebens haben. Denn über Stämme und Zeitalter, über welche kein antiker Schriftsteller aus Griechenland oder Rom berichtet hatte, haben wir keine Schriftquellen.

Deshalb sind die Überlieferungen aus jener Zeit lückenhaft, mit der sich diese Geschichte befasst. Und vieles davon ist nur eine Möglichkeit, was sich in ferner Vergangenheit zugetragen hat, als Prosatext abgefasst und nicht als Sachbuch.

Im späten zweiten Jahrhundert v. Chr. beginnt der Anfang vom Ende der keltischen Kultur in Deutschland. Und während die keltischen Stämme im heutigen Bayern noch ganze Städte nach mediterranen Vorbildern errichten, steht bald eine der großen Völkerwanderungen der Vorzeit, der Auszug der Kimbern und Teutonen, bevor. Es ist der Beginn eines Umbruchs im Stammesgefüge Deutschlands – und wo die alten Kulturen in Wandel geraten, gelangen womöglich auch alte Götter in der vielseitigen heidnischen Religion der damaligen Stämme zu neuer Bedeutung.

Doch begeben wir uns zuerst an den Anfang dieser Geschichte, zu einem Stamm im Grenzland des keltischen Einflussgebietes, im äußersten Norden der keltischen Welt.

Prolog

Über den Wiesen leuchtete blasses Zwielicht. Die Morgensonne hatte bisher kaum ihre ersten Strahlen über den Horizont geschickt, sodass die Schatten der Nacht noch nicht gewichen waren.

Aigonn fröstelte, als das nasse, hohe Gras seine nackten Arme streifte. Der kleine Junge ärgerte sich, dass er in all der Heimlichtuerei weder einen Mantel noch ein längeres Hemd mit sich genommen hatte, sondern stattdessen nur einen leichten Kittel, der in einem heißen Sommer wie diesem bei Tag vollkommen ausreichte. Die Sommersonne jedoch war mit all ihrer Wärme erst im Erwachen begriffen, sodass die Luft noch frisch und feucht war vom Morgentau.

Nebelschwaden krochen lautlos über das feuchte Gras. Aigonn jagte ein Schauer über den Rücken, als er den Geschichten seines Vaters gedachte, die man sich abends über die Geister und Wesen der Dämmerung erzählte. Wenn der Junge aber ehrlich war, fürchtete er sich viel mehr vor den wilden Tieren …

Es knackte. Aigonn fuhr zusammen. Sein Atem versiegte gleichzeitig, während sein Körper zu versteinern schien. Angsterfüllt lauschte er in das Zwielicht.

Das Gras raschelte leise. Die kleinen Tiere der Wiese waren erwacht, Hasen, Mäuse, vielleicht sogar ein Fuchs. Nichts deutete auf ein Raubtier hin. Aigonn wusste aber, ein Wolf würde sich nicht durch ein unbedachtes Geräusch auf der Jagd verraten. Wenn jetzt doch …

Du furchtbarer Hasenfuß!, schalt er sich in Gedanken. Du möchtest ein Krieger sein wie dein Vater und fürchtest dich vor Hasen? Immerhin war Aigonn bereits zehn – alt genug, um vielleicht in fünf oder sechs Jahren schon die Weihe zum Krieger zu erhalten. Fraglich war nur, was ihm all dies jetzt nutzte. In der Eile, in welcher er sich aus dem Haus seiner Eltern geschlichen hatte, hatte er es nicht gewagt, an den Waffen seines Vaters zu rühren.

Aigonn nahm einen tiefen Atemzug, um das Zittern in seinen Händen zu unterdrücken. Er war kein dummer Junge mehr! Sicherlich, es hatte einen Grund, warum sein Vater ihm verboten hatte, zu einer solchen Tageszeit die große Siedlung zu verlassen. Doch eine andere Chance hatte er nicht gehabt. Nicht, wenn er dem Donnerwetter entgehen wollte, das ihm so gut wie sicher war.

Aigonns Vater war Schäfer. Er hatte oft genug bei der Arbeit geholfen, während die Tiere auf den nahen Wiesen und in den Wäldern geweidet hatten. Und es hatte nicht lange gedauert, bis sein Vater ihn mit Schafen und Hunden allein hatte lassen können. Sicher, Aigonn war ja schon groß! Und bisher war es ihm immer gelungen, alle Tiere wohlbehalten zurück zum Hof seiner Eltern zu führen. Immer – bis auf gestern. Aigonn hatte so lange in der Abenddämmerung gewartet und in seinen Gedanken versunken zum Sonnenuntergang gesehen, dass er den Dachs erst bemerkt hatte, als dieser sich zähnefletschend unter die Schafe gemischt hatte. Panisch waren die Tiere auseinander gestoben, während die beiden besten Hunde von Aigonns Vater den Kampf mit dem Raubtier aufnahmen.

Aigonn selbst hatte sich einige böse Kratzer geholt, bis er das junge Raubtier mit seinem Speer und den Hunden vertrieben hatte. Doch während er danach in Eile mit allen Tieren nach Hause aufgebrochen war, hatte er völlig vergessen, dass er im Wald etwas zurückgelassen hatte.

Das Jagdmesser seines Vaters war im Tumult mit dem Dachs aus der Scheide am Gürtel gefallen. Aigonn war so durcheinander gewesen, dass er erst im Haus seiner Eltern mit Schrecken bemerkt hatte, dass er das kostbare Messer verloren hatte. Sein Vater hatte es ihm zur Jagd auf kleinere Tiere gegeben. Gestern noch hatte dieser nicht daran gedacht und den Verlust nicht bemerkt. Aigonn jedoch war sich sicher, dass er spätestens heute, wenn er wieder selbst mit seinen Schafen in den Wald aufbrechen wollte, das Messer verlangen würde.

Aigonn hatte keine Wahl. Er wusste, wo das Messer zu Boden gefallen sein musste. Und deshalb war es auch gar nicht schwer. Er würde einfach zurück in den Wald gehen, das Messer suchen, holen, zu der Siedlung zurücklaufen, die nun im Nebel hinter ihm verborgen lag, und auf seinem Lager den Schlafenden mimen, bis seine Eltern erwacht wären. So etwas musste doch schnell zu machen sein!

Doch während er sich zitternd seinen Weg durch das taunasse Gras suchte, schienen seine Beine mit jedem Schritt schwerer zu werden. Trotzig hatte er seine Arme ineinander verschränkt. Es war albern, sich so weichlich zu benehmen! Doch trotz allem Mut, den Aigonn sich einzureden versuchte, stach die Kälte weiter in seine nackte Haut.

Der Wald war eine schwarze Silhouette über der grauen Wiese. Aigonn fühlte, wie sein Herz immer fester zu schlagen begann, als er das erste Flüstern der Bäume hörte. Du bist schon so oft hier gewesen! Du gehst einfach zur alten Hainbuche, wo die Schafe geweidet haben, und suchst nach dem Messer. So nah am Waldrand gibt es keine gefährlichen Tiere. Hier gibt es nur Hasen, und Rehe, und Füchse …

Ein Rascheln. Aigonn wirbelte so schnell herum, dass er seinen erstickten Schreckensschrei nicht mehr bremsen konnte. Er stürzte beinahe zu Boden, als blitzschnell ein Tier an seinem Bein vorbeijagte. Grasbüschel bogen sich. Dann mischte sich in das Raunen des Windes das panische Quieken einer Ratte, bevor man Knöchelchen knacken hörte.

Aigonn schien das Herz bis in die Kehle zu pochen. Die Erleichterung wagte einen kläglichen Versuch, seine Angst zu vertreiben, als er die Silhouette der Wildkatze erkannte, die soeben ihre Beute zerlegte. Doch es gelang ihm nicht.

Es dauerte nicht lange, bis der Waldrand in Sicht kam. Er brauchte kaum fünfzig Schritte, um die Weidestelle mit dem einsamen Felsen auszumachen, der neben der gewaltigen Hainbuche ruhte. Hier hatte er das Messer verloren. Er rannte fast, bis er endlich die Stelle erreichte, wo er mit dem Dachs gekämpft hatte. Das Laub war noch immer aufgewühlt, doch da die Schafe die niedrigen Pflanzen abgefressen hatten, würde er das Messer schnell gefunden haben.

Die Kälte stach Aigonn wie Nadeln in die Haut, als seine Hände über den Boden fuhren. Im Wald war es so dunkel, dass er kaum mehr als helle und dunkle Schatten erkannte. Seine Ohren, Hände und Füße ersetzten nun seine Augen, denn bis hierhin war das blasse Morgenrot noch nicht durchgedrungen. Lediglich die Nebel hingen in silbrigem Dunst über dem Dickicht. Aigonn fühlte ihren klammen, feuchten Griff auf seiner Haut. Es fröstelte ihn wider Willen, während er weiter durch das Unterholz kroch.

Doch das Messer war nicht zu finden. Allmählich brach Panik in ihm aus. Sein Vater würde es ihm niemals verzeihen, wenn die wertvolle Waffe unter Laub begraben im Dickicht liegen bleiben würde. Er musste sie finden! Ganz egal, wie viel er sah oder spürte. Vielleicht lag sie noch auf dem Felsen, wo er gesessen hatte. Aigonn raffte sich auf und wollte im Laufschritt hinüber rennen. Er hatte ihn fast erreicht …

Plötzlich erstarrte er. Der Felsen war mit Nebeln umhüllt, als wollten diese den gewaltigen Stein verschlingen. Die ersten, blassen Strahlen der Morgenröte brachen durch das Blätterdach in den Bäumen und beleuchteten im Zwielicht eine Gestalt.

Eine Frau saß in anmutiger Haltung auf dem flachen Felsen. Aigonns Blick schien mit ihrem Anblick verwachsen, so starr stand er zwischen den Bäumen und wagte nicht, auch nur ein einziges Mal einzuatmen. Die Haut der Frau war bleich wie das Mondlicht. Ihre Konturen schienen so weich, dass sie mit den Nebeln zu verschwimmen begannen. Spinnweben gleich fielen ihre Haare über den ganzen Körper hinab, berührten den Felsen und verfingen sich einzeln in den Ästen der alten Hainbuche. Ihre Gestalt, ihr ganzer Körper war im Grunde zart wie der eines Mädchens, doch in ihren Augen erkannte Aigonn die Schwere und das Wissen unzähliger Jahre.

Aigonn war wie versteinert. Innerlich erschrak er ein zweites Mal, als er erkannte, wie die seidigen, schneeweißen Finger der Frau Erdkrümel von der Schneide eines kunstvoll geschmiedeten Jagdmessers wischten.

„Ich habe gefunden, was du suchst.“

Ihre Stimme war ein Raunen, das mit dem Wind widerzuhallen schien. Aigonn brachte kein Wort über die Lippen, als sie entspannt ihren Kopf hob, und ihre Augen seinen Blick einfingen. Die pechschwarzen Iris durchbohrten ihn. Es lag weder Feindlichkeit noch Abneigung in ihnen, doch Aigonn glaubte, unter der uralten Macht in ihnen zusammenzubrechen.

Sie ist kein Mensch. Er wagte kaum, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Die Frau begann zu lächeln, als hätte sie seine lautlose Schlussfolgerung gehört, neigte leicht den Kopf und fragte herausfordernd: „Weißt du, wer ich bin?“

Aigonns Zunge schien mit seinem Gaumen verwachsen. Die Frage erschreckte ihn so sehr, dass er am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht hätte und ohne das Messer in den Wald gerannt wäre. Doch er wagte nicht, seine Beine zu bewegen. Schweigend wartete die Frau auf seine Antwort. Es machte ihn so nervös, dass er stotternd hervorbrachte: „Ihr … seid eine Nebelfrau? Die … die Geister, die aus Nebeln geboren werden.“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Wenn ihr es in eurem Volk so nennt, … hast du ganz recht.“ Federleicht wendete sie das schwere Jagdmesser zwischen ihren Fingern. „Du fürchtest dich vor mir?“

Aigonn antwortete nicht. So blind konnte sie nicht sein, dass sie es sich nicht selbst hätte denken können!

Doch sie wartete und schwieg. Die Nebelfrau schien längst zu wissen, dass er nicht antworten würde, und er wollte es nicht. Er wollte nach Hause laufen, sich unter seinem Schlaflager verkriechen. Doch sie schien ihn zu hypnotisieren, während sich das Jagdmesser zwischen ihren Fingern drehte. Die Nebelschwaden umgarnten lautlos ihre Züge, umspielten das zarte Lächeln auf ihren Lippen. Und je länger Aigonn ihre pechschwarzen Augen fixierte, desto mehr schien es ihm, als hauchte sie ihm einen Funken seiner Zukunft entgegen.

Die Schlacht

Aigonn starrte schweigend in die Dunkelheit. Die Schwärze konnte ihn glauben machen, er wäre längst eingeschlafen. Doch selbst wenn ihm die Augen zufallen wollten, wusste er, in dieser Nacht würde es für ihn keinen Schlaf mehr geben.

Das Feuer, das man draußen vor dem Zelt entzündet hatte, schimmerte noch blass und orange durch die alte Plane, erreichte aber nicht mehr die niedrige Decke. Auf diese Weise starrte Aigonn in einen namenlosen Schatten hinein. Nur manchmal drehte er den Kopf zur Seite, fing den letzten Schein der Flammen ein. An ihnen haftete eine einfache, ursprüngliche Schönheit, die ihn hätte wehmütig werden lassen, wenn er den Moment hätte vergessen können. Diese Nacht aber brachte kein Vergessen. Es hatte doch alles keinen Zweck mehr!

Die erregten Stimmen, die mit dem Sonnenuntergang noch das Lagerfeuer umgeben hatten, waren in der Stille der Nacht verschwunden. Es war eine trügerische Stille, weniger Ruhe als das Schweigen, das nur der Tod mit sich bringen konnte. Mochten all diese Krieger draußen noch am Leben sein, lange würde dieser Zustand nicht mehr andauern.

Reglos lag Aigonn auf seinem Schafsfell. Das leise Atmen zweier weiterer Personen war das einzige Lebenszeichen in diesem Zelt, vielleicht im ganzen Heerlager. Der einzige Beweis für Aigonn, dass sie alle noch nicht gestorben waren. Das leise Flüstern, das vom nahen Wald her zu ihm herüberdrang, ein Raunen im Wind, das Kraft und Hoffnung längst verloren hatte, zählte nicht für ihn. So konnten auch die Klagelieder der Todesfeen klingen, wenn sie die gefallenen Seelen in die Andere Welt geleiteten.

In jenem Zustand aus Halbschlaf und apathischem Wachen hätte Aigonn beinahe vergessen können, warum sie überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Sie vierhundert. Sie letzter Überrest eines Heeres, das man dahingemetzelt hatte wie die Fliegen. Im Grunde hatte es keinen Sinn mehr, sich noch über solche Dinge Gedanken zu machen. Spätestens zur Mittagszeit des nächsten Tages würden sie alle tot sein.

Aigonns Stamm, die Bärenjäger, hatte niemals die kriegerischen Auseinandersetzungen gesucht. Es mochte oftmals die Anklage gefallen sein, ihr Anführer Behlenos sei zu feige und nicht in der Lage, ein fähiges Heer zu formieren. Doch was immer die Gründe auch sein mochten, um zu diskutieren war es nun zu spät.

Die Eichenleute waren ihnen die längste Zeit wohlgesonnen gewesen. Aigonn wusste nicht, was der Anführer ihres Stammes getan hatte, um das befreundete Volk so gegen sich aufzubringen. Aber sie waren wütend genug gewesen, um mit einem Schlag fünfhundert Krieger der Bärenjäger zu ihren Ahnen zu schicken. Sie vierhundert waren der klägliche Rest, der Behlenos geblieben war, um sein Land zu verteidigen – nicht in einer Festung. Sie hatten sich auf dem offenen Gelände verschanzt, am Rand eines unwegsamen Steilhanges, der von zwei Seiten Schutz bot und einen entscheidenden Höhenvorteil. Das unzugängliche Dickicht rund um ihre Siedlung machte es Feinden schwer, unbemerkt an anderer Stelle bis dorthin vorzudringen, sodass sie nun den schnellsten Durchgang verteidigten. Fraglich war nur, wie viel ihnen all das nützen würde. Behlenos mochte einfache Palisaden errichtet haben, die Nachtwachen verstärkt. Doch das Raunen, das vom Wald her in das Lager drang, verriet Aigonn, dass ihr Anführer dasselbe Bild gesehen hatte, das sich ihnen am vergangenen Tag geboten hatte.

Aigonn wusste nicht, ob er sich fürchten sollte. Er war neunzehn. Ein gutes Alter für einen Krieger, ein gutes Alter, um nach seinem Tod Teil mystischer Legenden zu werden. Alle großen Helden starben vor ihrer Zeit – zumindest die meisten, von denen sein Vater ihm früher erzählt hatte. Vielleicht war es seine Chance, nun auch auf diese Art und Weise unsterblich zu werden. Dann hatte dieses ganze Leben bis hierher wenigstens einen Sinn gehabt. Es gab niemanden mehr, der sie retten konnte. Selbst wenn sie wegrannten, wenn ein Geist aus der Anderen Welt sie holen würde, ihre Ehre und ihr Ethos als Krieger verlangte es, an der Seite ihrer Kameraden zu kämpfen und diesen beizustehen. Zu einem Stamm zu gehören bedeutete, eine Sippe zu sein, die Kinder derselben Ahnen zu sein, dasselbe Blut in seinen Adern zu haben. Einen Angehörigen seiner Sippe zu verraten bedeutete, seinen Bruder zu hintergehen. Wie viele Brudermorde es doch in den letzten Jahren gegeben hatte …

Es war schwer zu sagen, was Aigonns Unterbewusstsein ihm kundtun wollte, dass er im Halbschlaf der alten Begegnung mit der Nebelfrau gedachte. Die Tochter des Morgentaus war ihm binnen der vergangenen Jahre eine merkwürdige und vor allem seltene Gefährtin gewesen. Manchmal suchte sie ihn auf und sprach mit ihm – zu keinem besonderen Anlass. Aigonn hatte sich eine Zeit lang eingeredet, sie würde kommen, wenn er ihre Hilfe bräuchte. Doch mit den Jahren schien es ihm immer mehr, als käme sie nur dann, wenn es ihr gerade passte. Warum also sollte sie ihm in dieser Nacht helfen? Sie hatte keinen Grund. Ebenso wenig dafür, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Die Nebelgeister waren keine Menschen. Kein Mensch konnte also für sich behaupten, sie zu verstehen.

Das Raunen am Waldrand verstummte. Aigonn spürte, wie ihm unmerklich ein Kloß in der Kehle wuchs. Die junge Frau war also tot, war ihnen vorausgegangen. Er wusste nicht, warum Behlenos und sein Schamane Rowilan den Göttern noch jenes letzte, sinnlose Opfer dargebracht hatten – das Leben einer jungen Frau, ganz gleich, ob sie sich aus freiem Willen dazu bereiterklärt hatte. Aigonn glaubte nicht mehr daran, dass die Götter ihnen ein Wunder schicken würden. Er glaubte gar nichts mehr.

Damit hörte er auf zu denken. Es war ihm zu mühselig. Schweigend mit halb wachen Augen tippte sein Finger auf die Felle, manchmal im Einklang mit seinen Gefährten, jedoch nur, bis diese Tempo zulegten. Er nicht mehr.

Bei dreihunderteinundneunzig hörte er den ersten Aufschlag auf den Palisaden, dann ertönte ein Schrei. Die Krieger jagten so mechanisch aus ihren Zelten, als wären sie nur noch Werkzeuge, keine denkenden Wesen mehr. Und auch, als Aigonn die ersten Fackeln über die Palisaden fliegen sah, setzte sein Verstand nicht mehr ein.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte. Beinahe fünfzig ihrer vierhundert Männer mussten von Lanzen durchbohrt von den Plattformen hinter den Palisaden fallen. Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft wie ein Pesthauch. Er stach Aigonn in die Nase, schien den Brechreiz aus ihm herauskitzeln zu wollen, doch er nahm davon keine Notiz mehr. Fünfzig gefallene Männer, bis das Unvermeidliche kam.

Der Lärm aus Kampfschreien und Kriegshörnern übertönte das Signal, als einer der Eichenkrieger die Palisaden erklommen hatte und nun von innen das Tor zum Lager öffnete. Die Faust, die sich krampfhaft um Aigonns Schwertgriff schlang, verriet ihm, dass er noch hier war, sein Körper noch mit seiner Seele verbunden – und er nicht neben sich stand.

Gurgelnde Laute, als Schwertklingen sich in Kehlen bohrten. Das verzweifelte Aufbegehren ihrer winzigen Streitmacht. Aigonns Kopf war leer. Es gab nichts mehr, das ihn zurückhielt. Er packte sein Schwert noch fester, dann rannte er los.

Der erste Gegner empfing ihn nach weniger als zehn Schritten. Aigonn roch die Wolke aus Schweiß und Blut, die ihm von dem nackten und mit Kraft spendenden Zeichen bemalten Oberkörper entgegenschlug, bevor ihre beiden Schwerter krachend aufeinandertrafen.

Funken sprühten. Aigonn sah, dass der Eichenmann sein Schwert zu verkanten versuchte, entwand sich dem Griff mit einer Drehung und schlug zu. Blut spritzte. Aigonn hörte sich selbst schreien, als ob er eine dritte Person wäre, bis er dem nächsten Gegner in die offene Deckung rannte und diesen mit einem einzigen Schlag zu Boden fällte.

Sein Geist war nicht anwesend, hatte sich längst von dem Körper gelöst, der sich verzweifelt einen Weg durch die Feinde suchte – und damit so kläglich scheiterte wie der Rest seines Stammes.

Die Bärenjäger wurden in Richtung des Waldes gedrängt. Die wenigen Bäume vor dem Steilhang der Felswand schienen wie das Tor zum Jenseits auf sie zu warten. Aigonn wurde von seiner Gruppe getrennt und nach Osten gejagt.

Als der Krieger ihn mit einem mörderischen Schlag zu Boden stieß und kaltes Metall das Fleisch seines Armes durchschnitt, kehrte Aigonns Geist zum ersten Mal wieder in seinen Körper zurück. Er wollte schreien, doch der Schmerz saugte alle Luft aus seinen Lungen. Einen Moment lang verschwammen die Bilder vor seinen Augen, dann wollte ihn ein Fußtritt gänzlich in die Schwärze reißen.

Halb betäubt spuckte er blutiges Laub aus seinem Mund. Die Äste eines Strauches hatten sich in seinen halblangen Haaren verfangen, während Aigonn panisch den Gegner mit Fußtritten auf Distanz zu halten versuchte. Keuchend tastete er nach seinem Schwert, das ihm aus den Fingern geglitten war. Als er Laub statt Metall unter seinen Fingern spürte, überschlug sich sein Herzschlag. Er konnte es nicht finden! Der Eichenkrieger wich seinen Tritten immer besser aus, schlug energischer mit seinem Schwert auf den Boden, während Aigonn kaum noch ausweichen konnte. Seine Hand fegte über das Laub, fand das Schwert nicht, fühlte schließlich Erde unter den Fingern bröckeln.

Erschrocken riss Aigonn seinen Kopf zur Seite. Unter seiner rechten Hand öffnete sich schwarz ein Loch, vier Fuß breit, sechs Fuß lang – nicht abschätzbar, wie tief. Der eigenwillige Geruch verbrannter Kräuter, wie die Schamanen sie zur Zwiesprache mit den Göttern nutzten, stieg ihm in die Nase. Die Opfergrube. Der Ort, an welchem man die junge Frau den Göttern als Geschenk dargebracht hatte, nicht tief, aber trotzdem zu tief für Aigonns Arm. Der Widerschein der brennenden Palisaden spiegelte sich auf der Schneide seines Schwertes. Es lag auf dem leblosen Körper der jungen Frau.

Plötzlich presste ein Tritt Aigonn alle Luft aus den Lungen. Knochen knackten. Er spürte, wie ihm die Galle den Rachen hinaufjagte. Er hatte keine Kraft mehr, sein Gleichgewicht zu halten, Erde bröckelte, er fiel.

Der Ekel übertrumpfte für einen Moment die Übelkeit, als der noch nicht vollständig erkaltete Körper Aigonns Fall bremste. Doch Zeit hatte er keine. Eine Schwertklinge jagte auf ihn zu. Er hatte kaum mehr die Kraft, seinen Kopf rechtzeitig zur Seite zu ziehen, es war keine Zeit da, um sich aufzurichten. Der feindliche Krieger stürzte sich mit einem ohrenbetäubenden Schrei zu ihm in die Grube. Aigonn wurde schwindelig. Er spürte den leblosen Körper der Frau an seinem gebrochenen Arm, während sein heißes Blut die erkaltende Haut wieder anzuwärmen begann.

Die junge Frau hatte ihre Lider im Angesicht des Todes nicht geschlossen. Die toten Augen schienen Aigonn zu rufen, ihm den Weg weisen zu wollen im Angesicht der Gewissheit, die nicht mehr abwendbar war. Er konnte sein Schwert nicht mehr erreichen – dort, wo es lag, links neben dem Körper der Frau auf Höhe ihrer Beine, wie bei einer Kriegerbestattung. Aigonn sah die Schwertklinge auf ihn niederrasen. Der finale Schlag. Bevor er die Augen schloss, schien es ihm, als ob die Frau ihm ein letztes Mal zublinzeln würde. Die Kälte der nassen Erde umfing ihn. Die Geräusche verschwammen. Irgendwo neben ihm schienen Knochen zu knacken. Der Luftzug erreichte ihn, Stoff streifte seinen Körper.

Plötzlich hörte er ein Röcheln. Aigonn riss seine Augen auf, als müsste er sich davon überzeugen, dass er nicht seinen eigenen Körper in diesem Moment sterbend auf der Erde liegen sah. Aber was er erblickte, wollte er noch weniger glauben. Er öffnete die Augen zum zweiten Mal – und in diesem Augenblick setzte sein Herz einen Schlag aus.

Der Körper des Eichenkriegers zuckte noch im Fall, während ein dünner Blutfluss aus seinem Mund troff. Bis zum Anschlag steckte Aigonns Schwert in dessen Brust. Er erkannte, wie irgendjemand – irgendetwas – den Griff festhielt, während der sterbende Körper zu Boden sackte und das Schwert mit einem tiefen Schnitt aus dem blutenden Fleisch befreit wurde.

Aigonn wagte nicht zu atmen. Über ihm stand in der gut vier Fuß tiefen Grube eine Frauengestalt. Erschrocken schnellte seine Hand nach links, tastete über die Erde, dort, wo die Leiche gelegen hatte. Er fand sie nicht. Stattdessen stand dort die junge Frau, mit gebückten Knien, sie berührten sich fast, die Leiche des Kriegers von sich stoßend, die im Fall noch einmal Aigonns verletzten Arm streifte.

Einen Herzschlag lang starrte er durch den Schwindel des Schmerzes, der ihn zu übermannen drohte. Es war bekannt, dass Menschen im Angesicht ihres Todes Wahnvorstellungen bekamen. Sein Geist weigerte sich vehement, auch nur in Betracht zu ziehen, es könnte wahr sein, was er soeben vor sich sah. Die junge Frau blieb vollkommen reglos. In der Dunkelheit konnte Aigonn es nicht erkennen, doch er wusste, dass ihr Blick auf ihm haftete. Die Augen einer Lebenden.

Dann auf einmal wandte sie sich um. Der Lufthauch ihres Kleides streifte ihn, als sie sich aus der Grube schwang und er leise ihre Schritte auf dem feuchten Laub aufkommen hörte.

Aigonn rührte sich nicht. Selbst wenn er es gewollt hätte, in diesem Moment des Schocks überwog der Schmerz allen Willen, den er aufbringen konnte. Die Nerven in seinem linken Arm pochten unerträglich – genauso wie in seinem Brustkorb. Nun, da das Adrenalin ihn verlassen hatte, versteiften seine verletzten Glieder. Die Knochen waren gebrochen – das wusste er ohne hinzusehen.

Es dauerte einen langen Moment, bis er endlich die Kraft fand, sich aufzurichten. Sein Schwert war fort. Er wunderte sich gar nicht mehr darüber. Ebenso wenig wie über die Tatsache, dass nun anstelle einer Frau ein erstochener Krieger an seiner Seite lag.

Der Aufschrei schien Aigonn erbärmlich, als er sich aus der Grube hievte. Seine Beine wollten ihm den Dienst versagen, sodass er Stütze an einem Baumstamm finden musste. Der Geruch der Kräuter aus der Opfergrube, der überall an seinem Körper klebte, trug nicht dazu bei, seiner Übelkeit abzuhelfen.

Trotz allem gelang es ihm, sich bis in unmittelbare Nähe des Schlachtfeldes zu schleppen – so abseits, dass ihm im ersten Moment niemand Aufmerksamkeit zollte. Der Lärm war ohrenbetäubend, die Erde getränkt und übersät von blutenden Körpern, über welchen die Lebenden die letzten Züge dieses Kampfes fochten.

Eine Seite war am Zurückweichen. Aigonn hatte nicht mehr die Kraft, um sich darauf zu konzentrieren. Der Schwindel begann ihn zu übermannen. Mit letzter Kraft gelang es ihm, seinen Blick zu klären, während er sich schwankend an einen Baum klammerte. Vom Rand aus schien es, als schlage jemand oder etwas eine Schneise in die Reihen der Männer. Immer mehr und mehr Krieger wichen zurück – nicht mehr erkennbar, ob Eichenkrieger oder Bärenjäger.

Aigonns Beine gaben nach. Zwanghaft versuchte er, sich zu fangen, doch es war zu spät dafür. Seine Augen flackerten. Die Bilder begannen zu verschwimmen. Das Letzte, was er sah, bevor die Dunkelheit ihn einhüllte, war eine Frauengestalt. Eine Kriegerin in einem wollweißen Leinenkleid, die wie ein böser Geist durch die Reihen der Eichenkrieger jagte und niederzwang, wer immer versuchte, sich ihr in den Weg zu stellen.

Geopfert

Seine Lider flackerten, als Aigonn versuchte, die Augen aufzuschlagen. Die Bilder hatten jeglichen Fixpunkt verloren, sodass Schwindel in ihm aufstieg, je länger er hinsah. Unwirsch schloss er die Augen wieder, versuchte, zurück in den wohligen Schlaf zu fallen, der ihn von all diesen Unannehmlichkeiten fernhielt. Doch es gelang ihm nicht. Aigonn konnte dem Schmerz nicht mehr entkommen, der dumpf und unbarmherzig in Rippen und Arm zu pochen begonnen hatte. Seine Kehle wollte zu würgen beginnen, doch sein Wille war stark genug, um sich im Zaum zu halten.

Aigonn war müde. Er war so unendlich müde, dass er weder denken noch sich bewegen wollte. Am liebsten hätte er geschlafen, bis zum Ende seines Lebens, doch etwas in seinem Kopf hielt ihn bei Bewusstsein. Er wusste nicht, was es war, doch in Gedanken verfluchte er es unzählige Male.

Erschöpft fielen seine Augen zu, während er die Stirn in Falten legte. An seinen Rücken schmiegte sich ein Tierfell – vermutlich dasselbe Schafsfell aus seinem Zelt im Heerlager, das irgendjemand mit sich genommen hatte. Leise Stimmen drangen gedämpft bis zu ihm hervor. Mehrere Menschen – scheinbar fast eine ganze Versammlung – unterhielten sich leise, doch in hörbar erregtem Ton. Aigonn wollte nicht darüber nachdenken, was Ursache dafür war.

Plötzlich stutzte er. Seine Lider schossen so schnell in die Höhe, dass ihn der Schwindel zum zweiten Mal überkam. Die Schlacht! Sie war vorüber, er in Sicherheit. Die Eichenleute hatten sie ziehen lassen? Aigonn wollte es kaum glauben. Es wäre fast zu schön gewesen, wenn sie alle dieselbe Halluzination gehabt hätten wie er – eine geopferte Frau, die aus ihrem Grab auferstanden und wie eine Kriegsgöttin über die Feinde hergefallen war. Die sinneserweiternden Kräuter, welche der Schamane in der Opfergrube und überall rund herum verbrannt hatte, mussten seine Wahnvorstellungen begünstigt haben. Immerhin – Nebelgeister mochte er wirklich sehen können. Was allerdings die Toten betraf, so wagte er dies doch zu bezweifeln.

Das leise Schleifen einer Tür auf dem mit Strohmatten belegten Boden ließ Aigonn aufsehen. Er bereute die abrupte Bewegung sofort – denn scheinbar hatte sein Schädel die Schlacht schlechter überstanden, als er geglaubt hatte. Neuer Schwindel betäubte seine Sinne und verwandelte die Gestalt, die sich Aigonn auf Zehenspitzen näherte, in kaum erkennbare Farbmuster.

„Aigonn?“ Die flüsternde Stimme war ihm vertraut. Als er die Welt um sich – ein abgedunkeltes Zimmer mit mehreren Schlaflagern, Vorratskrügen, nur von einer einzigen Fackel erhellt – endlich richtig erkannte, entdeckte er dort auch einen jungen Mann, der sich ihm erst vorsichtig, dann mutiger näherte. „Ah, du bist wach! Ein Glück, ich hatte schon Angst, dich wecken zu müssen. Bei den Tränken, die Rowilan dir eingeflößt hat, wäre das kein Vergnügen geworden!“

Rowilan …, Tränke, … Die Stimme gehörte Efoh. Aigonn konnte nicht leugnen, erleichtert zu sein, als ihm das schmale Gesicht seines jüngeren Bruders mit den großen, braunen Augen und den halblangen, dunklen Haaren entgegensah. Efoh war kaum älter als sechzehn. Jung noch für einen Krieger. Aigonn hatte sich beinahe mehr um ihn gesorgt als um sich selbst, als sie gemeinsam in die Schlacht gezogen waren. Eine unschöne Schnittwunde wurde auf seiner linken Wange sichtbar, als der junge Krieger neben dem Schlaflager in die Knie ging, und Aigonn noch mit leichtem Schwindel fragte: „Aufwecken? Wieso, was ist passiert?“

„Geht es dir wieder gut? Diese Eichenleute haben dir einen ganz schönen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Rowilan hat den Verband abgenommen und nur lose ein Tuch unter die Wunde gelegt, weil sie so genässt und sich ständig verklebt hat. Ich glaube, es ist besser, wenn du dich wieder hinlegst …“

„Efoh!“ Aigonns Stimme war so scharf, dass sein Bruder abrupt abbrach. „Was – ist – passiert?“

Efoh suchte einen Herzschlag lang nach Worten. „Die Frau, die so plötzlich auf dem Schlachtfeld erschienen ist und die Eichenleute Hals über Kopf in die Flucht geschlagen hat … Behlenos hofft, du könntest ihm etwas über sie sagen!“

Aigonn hielt einen Moment inne, um zu verinnerlichen, was er soeben gehört hatte. Ungläubig schüttelte er den Kopf, bevor er nachhakte: „Du willst mir nicht sagen, du hast sie auch gesehen!“

Efoh machte große Augen. „Wir haben sie alle gesehen. Es war kaum etwas anderes möglich, während sie über das Schlachtfeld gejagt ist: Das blutbefleckte Leinenkleid, die bleiche Hautfarbe, der heilige Ocker auf ihren Wangen, während in ihrer Kehle dieser gewaltige Schnitt geklafft … Was hast du denn geglaubt?“ Auf diese Frage gab Aigonn keine Antwort. Er stützte sich auf die Schulter seines Bruders, bevor er die Augen schloss und sich mit einem schwindelerregenden Ruck auf die Beine hievte.

Draußen erwartete die beiden eine Gruppe von gut und gern zwanzig Menschen. Der breite Raum, den sie sich zum Versammlungsort rund um einen schweren Eichenholztisch auserkoren hatten, war ohne Zweifel ein Teil des Hauses von Behlenos selbst. Eben deshalb hatte der Hausherr es sich nicht nehmen lassen, von der Stirnseite aus die Runde zu überblicken, und begrüßte Aigonn mit einem warmen, aber deutlich misstrauischen Ausdruck: „Ah, Aigonn! Wie schön, dass ein weiterer unserer wenigen Überlebenden zu uns zurückgekehrt ist. Ich hoffe, deine Verletzungen bereiten dir nicht mehr allzu viele Schmerzen!“

Aigonn verneinte, worauf Behlenos ihm einen Platz zwischen Efoh und dem Schamanen Rowilan zuwies, der ihn mit sichtlichem Interesse beobachtete. Ein Becher Met wurde ihm über den Tisch hinweg zugeschoben, dann fuhr Behlenos ohne Abwarten fort: „Nun, Aigonn, wie es scheint, haben die Götter sehr unverhofft unser Opfer erhört, als wir ihnen die junge Lhenia zum Geschenk dargeboten haben. Denn immerhin ist es ihr ganz allein durch ihr sonderbares Auftreten gelungen, dem Kampf zwischen den Eichenleuten und unserem Volk einen kleinen … Aufschub zu verschaffen.“ Er nahm einen Schluck Met, bevor er ergänzte: „Ich frage mich nur, ob du uns, Aigonn, vielleicht etwas zu diesem zweifellos göttlichen Phänomen zu sagen hast. Immerhin trug sie dein Schwert bei sich, wie man an den außergewöhnlichen Verzierungen unschwer erkennen konnte.“

Aigonn war überfragt. Er starrte mit großen Augen zu seinem Met hinab, bevor er ratlos und haarklein von dem seltsamen Vorfall berichtete, der ihm widerfahren war. Sie alle, die hohen Krieger, Behlenos, der Schamane Rowilan, Efoh, lauschten ihm schweigend, schienen am Ende seiner Ausführungen jedoch ein wenig enttäuscht.

„Das ist alles?“ Behlenos zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. „Sie kam dir einfach zur Hilfe, als du in Not warst? Ein schöner Stoff für eine Sage, aber ich kann nicht glauben, dass es das damit gewesen sein soll!“

„Was erwartet Ihr denn? Eine Erscheinung?“

„Vielleicht.“ Diesmal war es Rowilan, der Aigonn fragend ansah. Misstrauen stieg in ihm auf, als er erkannte, welche hintergründige Botschaft in den Augen des Schamanen verborgen lag. Aigonn hatte nie etwas von den Nebelgeistern erzählt, doch er war sich sicher, dass Rowilan von seinen sonderbaren Begegnungen wusste. Aigonn hatte oft genug vermutet, dass sich der Schamane hintergangen fühlte. Einen solchen Kontakt musste man mit ihm besprechen, ihn wenigstens darüber informieren. Doch Aigonn hatte niemals etwas davon berichtet – egal, wie oft der Schamane ihn beinahe ertappt hätte.

Aigonn für seinen Teil fehlte an diesem Morgen die nötige Kraft für Diskussionen. Sein Hinterkopf schmerzte, während er nicht wusste, ob es bloß an der Wunde lag oder an der Gewissheit, die er nicht wahrhaben wollte. Rowilan bedachte ihn mit einem missgünstigen Blick, als er auch seine Frage verneinte. Und nach einem Augenblick, in welchem er seinen Blick fassungslos auf dem Met in seinem Becher hatte ruhen lassen, brach es schließlich aus ihm heraus: „Was … was ist, wenn sie überhaupt nicht tot war, Lhenia … Wenn Ihr sie bei dem Opfer versehentlich nicht getötet, sondern nur … nur betäubt habt?“

„Sie hatte eine breite, klaffende Wunde in ihrer Kehle – groß genug, dass ihr der Kopf fast vom Hals gefallen wäre, wenn diese nicht wie von Geisterhand mit jedem Herzschlag mehr geheilt wäre!“ Behlenos’ Einwand erlaubte keinen Widerspruch. Sein Blick hatte deutlich an Schärfe gewonnen, als er Aigonn beobachtete. Dieser wollte es nicht glauben. Es konnte einfach nicht möglich sein, dass eine Tote aus ihrem Grab auferstand! Die Götter waren mächtig, er hatte sie niemals unterschätzt, nie an ihnen gezweifelt – aber dies, dies überstieg seinen Verstand.

Die Atemluft schien die Zweifel bis zu Behlenos zu tragen. Es war beinahe eine Drohung, als dieser in den Raum hinein verkündete: „Die Götter haben uns ein Zeichen geschickt. Es steht außer Zweifel, dass wir ein solches Wunder nicht unbeachtet dahinziehen lassen können …“

Aigonn hörte Behlenos’ Worte nur mit geteilter Aufmerksamkeit. Sein Kopf focht mit seiner Erinnerung einen fast sinnlosen Kampf darum, was er glauben oder nicht glauben sollte.

„… Aus diesem Grund müssen wir die Gelegenheit nutzen. Seit sie nach dem Kampf verschwunden ist …“

„Sie ist verschwunden?“ Aigonns Unterbrechung brachte ihm einen scharfen Blick seines Fürsten ein.

„Wie ein Geist. Wir wollen nicht hoffen, dass die Götter sie nur für diesen einen Kampf zu uns gesandt haben. Doch so fluchtartig, wie sie in die Wälder verschwunden ist, müssen wir zumindest nach ihr suchen!“

Das Unwohlsein kam schneller, als Aigonn Behlenos’ Blick auf sich haften spürte. Eine unausgesprochene Aufforderung lag in der Luft, fast einer Drohung gleich, dass gerade er sich nicht aus dieser Affäre ziehen konnte.

Die Versammlung begann sich nach einer Reihe belangloser Gesprächsthemen aufzulösen. Gerade Aigonn suchte schneller das Weite, als Behlenos es gerne gesehen hätte. Die Nerven in seinem Hinterkopf hatten wieder zu pochen begonnen – ebenso wie die gebrochene Rippe, die Rowilan so fest mit Binden verschnürt hatte, dass er sich steif, aber trotzdem fast normal bewegen konnte. Wie leblos hing der verletzte Arm verbunden an seiner Seite. Die Fleischwunde war nicht tief, doch schmerzte sie mit jeder Bewegung. Aigonn war nicht in der Lage, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als er den Weg nach draußen suchte. Es war früher Morgen. Die Nebel von den Flussauen waren selbst durch die Palisaden der kleinen Siedlung gedrungen und krochen lautlos den erdigen Boden entlang.

Wenn ich nicht wüsste, dass es euch gibtheute würde ich es glauben! Aigonn schmunzelte, als er glaubte, im Wind ein kaum hörbares Lachen zu vernehmen. Die Nebelgeister hörten ihn immer – so wie alle anderen Menschen. Seit seiner Kindheit hatte er sich gefragt, was das Besondere an ihm war – das Besondere, das die Nebelgeister nicht nur zuhören, sondern auch mit ihm Kontakt aufnehmen ließ. Manchmal zumindest. Rowilan musste diese Eigenschaft an ihm seit Jahren eifersüchtig beobachtet haben – ohne, dass er etwas hätte tun können. Aigonn als Sprachmedium zu den Geistern der Wälder und Wiesen zu benutzen, hätte seine eigene Unfähigkeit als Schamane bewiesen. Denn Aigonn war sich sicher, zu Rowilan hatten die Nebelgeister – wenn überhaupt – seit langem kein Wort mehr gesprochen.

Angestrengt fasste Aigonn sich an die Stirn. Die Wunde an seinem Hinterkopf hämmerte und strahlte den Kopfschmerz bis in seine Stirn. Er wollte schlafen – solange weiterschlafen, bis er genesen war. Ganz gleich, ob er wusste, dass sich dies nicht bewerkstelligen ließ.

„Aigonn!“

Er wandte sich um. Mit Stirnrunzeln erkannte er Rowilan neben einem Schuppen, während dieser mit scharfen Augen zu ihm hinübersah.

„Mein Herr Rowilan? Wie kann ich Euch helfen?“

„Indem du mir die Wahrheit sagst!“ Aigonn verstand die unterschwellige Drohung. Unbewusst wich er drei Schritte zurück, während Rowilan auf ihn zukam, das rote Haar wie ein Gewand auf die Schultern gelegt.

Aigonn wusste, dass der Schamane ihm nicht glauben würde. Doch er konnte nichts anderes antworten: „Ich habe Euch nicht angelogen! Niemals!“

„Ach wirklich?“ Rowilan schnellte so plötzlich nach vorne, dass Aigonn nicht ausweichen konnte. Ein erstickendes Keuchen entkam seinen Lippen, als der Schamane ihn am Kragen packte. Drohend zischte dieser: „Versuch nicht, mich zum Narren zu halten! Du hast weder das Wissen noch die Erfahrung, es mit einem Mann wie mir aufzunehmen, also rate ich dir …“

Ein Windzug, das Echo von Aigonns Herzschlag in seinen Ohren …

„… Sag mir, was du getan hast, um sie zum Leben zu erwecken oder zumindest, um den Göttern diese Tat abzuverlangen!“

Nun wusste Aigonn wirklich nicht, was er antworten sollte. Es erleichterte ihn, dass sein perplexer Ausdruck Rowilan kurze Zeit unsicher werden ließ. Doch der Schamane wurde nur noch zorniger, als Aigonn ausstieß: „Seid … seid Ihr verrückt geworden?“

„Vielleicht bin ich es, dass ich einen Menschen wie dich frei und hemmungslos herumlaufen lasse!“

Das scharfe Zischen hatte die Aufmerksamkeit einiger Kinder erregt. Mit großen Augen starrten sie hinter einem der kleinen Häuser zu der sonderbaren Szene und verschwanden ängstlich, als Rowilan sie verscheuchte. Dann auf einmal wurde seine Stimme weicher und sein Griff um Aigonns Kragen lockerte sich.

„Junge, versteh doch! Ich will dir nichts Böses! Vielmehr glaube ich, dass du eine herausragende Fähigkeit besitzt, mit der Geisterwelt zu kommunizieren, mit der vielleicht ein Mensch in einer Generation geboren wird.“

Aigonn wollte seinen Ohren nicht trauen. Hatte er richtig gehört? Rowilan hatte ihm soeben unterschwellig zugestanden, begabter zu sein als er selbst? Am Ausdruck des Schamanen wurde sichtbar, dass er Aigonns Gedanken erahnte. Obwohl ihm ein Hauch von Missgunst über das Gesicht huschte, ergänzte er: „Du müsstest mir nur endlich verraten, zu was du in der Lage bist!“

„Ich habe damit wirklich nichts zu tun!“, antwortete Aigonn. Nun war Rowilan ehrlich enttäuscht. Die Miene des Schamanen verhärtete sich wieder, als er abschließend sagte: „Dann soll es so sein, wenn du es nicht anders haben willst! Aber eines sage ich dir: Komm nicht zu mir, wenn du irgendwann nicht mehr kontrollieren kannst, was du tust!“

Damit ging Rowilan. Aigonn war verunsichert, als er den Schamanen in seinem aus Holz und Lehm erbauten Haus verschwinden sah. War dies soeben ein echtes Angebot gewesen? Ein Angebot ohne Haken und Hintergedanken? Aigonn bezweifelte es. Rowilan mochte kein von Grund auf schlechter Mensch sein, doch er war kaltblütig; kaltblütig auf eine Weise, dass bei dem Gedanken daran ein dumpfer Schmerz Aigonns Magen zusammenzog.

„Aigonn!“ Erschrocken stolperte er nach vorn. Die Stimme war mit dem Wind so leise und nah an seinem Ohr vorbeigerauscht, dass er reflexartig die Hand an den Kopf presste – bevor er verstand, was es bedeuten sollte. Die letzten Nebelschwaden verschwanden in der wärmer werdenden Morgensonne.

„Folge uns!“ Der Wind trug die Nebel durch das Palisadentor hindurch und Aigonn folgte ihnen, ohne darüber nachzudenken. Die Wachen stellten keine Fragen, die nachdenklichen Blicke in seinem Rücken spürte er jedoch noch immer, als nasses Gras Aigonns Hose streifte. Er folgte den sich auflösenden Schwaden bis in die Nähe einiger Holundersträucher, die seine Gestalt vor den Blicken der Torwachen verbargen. Erst in diesem Moment ballten sich die silbernen Schwaden. In den ersten Sonnenstrahlen des Tages kaum sichtbar erschien die Nebelfrau. Das erwachende Licht verwischte ihre Konturen. Aigonn erkannte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, bevor sie bis zum Abend wieder von den Wiesen verschwände.

Die Nebelfrau schwieg, als Aigonn sie grüßte. Nachdem sich ihre Blicke aber trafen, erschrak er wider Willen so sehr, dass er einen Schritt zurückwich. Ihr Blick war kalt. Aigonn hatte niemals von sich behauptet, die Gefühlsregungen der Nebelgeister verstehen und erklären zu können. Doch der offensichtliche Ärger, der hinter der Kühle ihrer Iris verborgen lag, bereitete ihm Sorgen.

„Rowilan hat eine herausragende Gabe, die Dinge zu beobachten. Das muss ich gestehen.“ Die Nebelfrau sprach steif. Aigonn wurde den Eindruck nicht los, dass tief in ihr etwas zu lodern begonnen hatte, eine Wut, eine Angst, ein Drang nach irgendetwas Unaussprechlichem – und je länger er darüber nachdachte, desto weniger wollte er es wissen.

Verunsichert blickte er in die pechschwarzen Iris der geisterhaften Gestalt. Dann fragte er zögerlich: „Mir scheint es, als ob du eine Nachricht für mich hättest, Herrin.“

„Oh ja“, erwiderte sie spitz. „Dieser Tage geschehen Dinge, die euch Menschen vielleicht ungewöhnlich erscheinen, doch seit Jahrtausenden immer wiederkehren. Würdet ihr länger leben, wüsstet ihr, dass die Toten schon in anderen Epochen zurückgekommen sind.“

„Dann ist es wahr?“ Aigonn wollte es nicht glauben. „Lhenias Seele ist in ihren toten Körper zurückgekommen?“

„Womöglich.“ Die Nebelfrau zögerte. Je mehr Augenblicke verstrichen, desto schwärzer schienen sich ihre Augen zu färben. Finsternis bekam eine neue Definition, etwas Düsteres, das man nur noch im Geiste erkennen konnte. Aigonn schauerte es. Er traute sich kaum zu fragen: „Ist … irgendetwas geschehen?“

„Ich weiß, dass du dich in diesem Moment noch zu befangen fühlst, um die außergewöhnliche Gabe zu nutzen, die dir eigen ist. Doch ich rate dir, den Blick nicht von allem abzuwenden, das du nicht verstehst!“

Sie fixierte ihn. Unwirklich, als wäre die Nebelfrau nicht Teil dieser Welt, glitt eine heftige Windböe durch ihren Körper hindurch und schien Aigonn verhöhnen zu wollen, als sie ihm die dunkelblonden Haare vor die Augen wehte. Die schwarzen Iris durchbohrten ihn. Sie schienen etwas finden zu wollen, das Aigonn weder erkannte noch verstand. Und ihm kam keinerlei Erkenntnis, als die Nebelfrau sagte: „Finde die Wiedergekehrte. Finde sie, bevor irgendein anderer es tun wird! Denn ich weiß, dass du der einzige bist, der ihre Absichten verstehen wird!“

Ihr Körper begann sich aufzulösen. Aigonn schien es, als erwache er aus einem Traum, während er einwarf: „Wo soll ich sie denn finden?“

„Es gibt einen Ort, der der Anderen Welt näher ist als der euren, den du fürchtest.“ Die Nebelschwaden verflogen im Wind. „Du wirst ihn finden, wenn du es willst.“

Damit war sie verschwunden. Eine Böe trieb den letzten Dunst über die Wiese hinaus und hinterließ lediglich den Hauch unwirklicher Beklemmung. Ein altes Gefühl, dessen Facetten Aigonn einen Herzschlag lang zu verstehen glaubte, schien in der Luft zu liegen. Solange, bis der Moment vorbeizog und Ratlosigkeit hinterließ.

Erinnerung

Es gab zahlreiche Dinge, die Aigonn in seinem Leben so gut es ging zu meiden versuchte. Einfache Belanglosigkeiten, die trotz allem ängstigen konnten. Doch als er in diesem Moment dasaß und sich immer wieder vergeblich einen einzigen Gedanken auszureden versuchte, spürte er, dass es Zeit wurde, den Schritt zu gehen, der in seinen Augen immer einer zu viel gewesen war.

Nachdenklich grub Aigonn seine nackten Zehen in die feuchte Erde. Die Grasbüschel neben dem kleinen Lehmhaus seiner Familie waren noch nass vom Regen des frühen Morgen. Die wenigen Strohhalme, die aus der Hauswand herausragten, raschelten leise, als Aigonn sich ein Stück nach hinten anlehnte.

Auf eine gewisse Weise hatte er geahnt, dass es so kommen würde. Es amüsierte ihn, dass er an einem Tag wie heute ausgerechnet zu einer solchen Erkenntnis gekommen war. Denn solange er ehrlich mit sich blieb, verstand er rein gar nichts von den Umständen, in die er sich nun verwickeln sollte. Oder vielleicht bereits verwickelt war.

Aigonn mochte mit den Nebelgeistern sprechen, seit er klein war. Das war ihm eigentlich nicht Grund genug dafür, nun eine wiederauferstandene Tote irgendwo in der Wildnis zu suchen. Doch das alles ausgerechnet an diesem einen Punkt zusammenlaufen würde – dem Teil seiner Erinnerung, den er am liebsten auf ewig gemieden hätte – hätte Aigonn niemals geglaubt.

„Es gibt einen Ort, der der Anderen Welt näher ist als der euren.“

Aigonn kannte ihn. Erst in diesem Moment war ihm klar geworden, wie tief die Nebelfrau in seine Seele gesehen hatte. Sicher, er würde ihn finden. Und schon allein diese Erkenntnis verriet ihm – auch wenn er sich dagegen wehrte – dass er ihn finden wollte. Sonst hätte er diesen Gedanken längst wieder verdrängt.

Gras raschelte neben dem kahl getretenen Pfad zwischen den kleinen Lehm- und Holzhäusern. Eine Gestalt näherte sich vorsichtig. Efoh setzte sich neben Aigonn ins Gras. Dieser sah nicht auf.

Der junge Mann beobachtete Aigonn, wartete ab, ob sein großer Bruder auf ihn reagieren würde. Doch als dieser weiterhin nur versonnen in die Leere starrte, bemerkte Efoh zögerlich: „Behlenos stellt sich das alles zu einfach vor. Ich glaube nicht, dass er sie finden wird!“

Erst jetzt sah Aigonn zur Seite. Einen Herzschlag lang starrte er seinen Bruder an, als ob er sein Kommen gar nicht bemerkt hätte, bevor er fragte: „Wen finden?“

„Lhenia. Behlenos gedenkt noch heute die Suche nach ihr zu beginnen – und erwartet von allen Männern, die in der Lage sind zu reiten, rege Mithilfe.“

Aigonn verstand die unterschwellige Botschaft dieser Worte. Nur zu gut konnte er sich vorstellen, welchen einen Mann Behlenos damit besonders ansprach. Erbost stieß er aus: „Als ob ich der Allwissende wäre, nur weil eine Tote neben mir zum Leben erwacht ist! Was bitte habe ich denn getan? Nichts! Rein gar nichts! Manchmal habe ich mir ja gewünscht, mehr Fähigkeiten als die gewöhnlicher Menschen zu besitzen, aber glaube mir, wenn ich sie wirklich besitzen würde, hätte ich sie euch nicht vorenthalten!“

Aigonn blickte zu seinem Bruder, der prüfend zurücksah. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die unterschwellige Lüge in seinen Worten Efoh nicht entgangen war. Doch der junge Mann schwieg. Sein Blick wanderte von Aigonn ins Gras, bevor er sich ihm wieder zuwandte und auf einmal tiefer Ernst in seiner Stimme lag: „Du weißt wirklich nicht, was geschehen ist?“

„Nein, bei den Göttern! Ich schwöre es dir, wenn du willst!“ Efoh nickte, als ob Aigonn mit diesen Worten einen schmerzhaften Zweifel ausgelöscht hätte. Und Aigonn tat es ebenso weh. Er mochte es nicht, wenn sein kleiner Bruder ihn für einen Lügner hielt. Trotz allem war er nicht vorbereitet, als es plötzlich aus Efoh herausplatzte: „Aber die Frau in den Nebeln hat dir irgendetwas gesagt, nicht wahr? Ich weiß, dass du mit ihr sprichst – auch wenn du dich unbeobachtet fühlst. Verrätst du es mir?“

Einen Moment lang starrte Aigonn schweigend seinen Bruder an. Dann, als er sich vergewissert hatte, dass der Weg zwischen den Häusern der kleinen Siedlung keine unerwünschten Zuhörer bot, raunte er Efoh zu: „Versprich mir, niemandem davon ein Wort zu sagen!“ Efoh nickte, bevor Aigonn fortfuhr: „Ich werde versuchen, den Weg zum Grab der Götter wiederzufinden.“

Efoh erschrak. In seinen geweiteten Augen erkannte Aigonn die Funken einer Erinnerung, die ihnen beiden gemein war. Unterschwellige Angst – eine Furcht, die viel älter war als ein zurückliegender Kampf oder Krieg, sprach aus seiner Stimme, als er flehte: „Tu das nicht! Es bringt kein Glück, einen Ort aufzusuchen, der sich so weit von der Wirklichkeit entfernen kann! Die Macht der Menschen schwindet an der Grenze zwischen den Welten. Ich brauche dir nicht zu sagen, was dort geschehen ist!“

Nein, das brauchte er wahrlich nicht. Wider Willen spürte Aigonn eine bleischwere Beklemmung in seinem Magen aufsteigen. Wenn es wenigstens nur die Wesen der Anderen Welt wären, denen ich gegenübertreten müsste!

Doch Aigonn spürte, dass man ihm die Entscheidung längst abgenommen hatte. Irgendwann würde er sich diesem Ort stellen müssen. Doch vielleicht noch nicht heute.

Die plötzliche Entschlossenheit in Aigonns Stimme verwirrte Efoh, als er sagte: „Es hat keinen Zweck, wenn ich weiterhin davor flüchte. Aber noch bleibt Zeit. Ich bezweifle sehr, dass Behlenos es wagen wird, am Grab der Götter zu suchen!“

Damit stand Aigonn auf und lief auf den Eingang seines Elternhauses zu. Er fühlte den nachdenklichen Blick seines Bruders im Rücken. Efoh spürte wohl, dass Aigonn trotz aller Worte eine weitere Chance zur Flucht nutzen wollte. Als er im Türrahmen innehielt, wollte er sich noch einmal zu Efoh umdrehen. Doch stattdessen verwarf er den unausgesprochenen Gedanken und trat in das Haus ein.

Schummriges Dämmerlicht lag über dem einzigen großen Raum. Mehr ließen die kleinen Windaugen nicht zu. Einen Herzschlag lang beobachtete Aigonn versonnen die Staubkörner, die in einer Lichtsäule vom Rauchabzug hinabtänzelten. Auf der Feuerstelle im Zentrum des Raumes glomm nur noch der schwache Rest einer Glut. Mit dem Sommer wurde die Luft draußen warm genug, dass ein größeres Feuer überflüssig wurde.

Ein leises, melodisches Summen lag in der Luft. Aigonn suchte sich seinen Weg an den Schlaflagern vorbei bis zu einem Regal, das man aus mehreren Baumstämmen geschnitten hatte und somit Platz für allerlei Tontöpfe bot.

Dort blieb er kurz stehen und lugte vorbei. Eine Frau kniete neben einem Webrahmen auf dem Boden. Ihr ausgewaschenes Leinenkleid wurde eins mit dem gleichfarbigen Rehfell, das ihr als Unterlage diente. Faltig und locker fiel der dünne Stoff an ihrem mageren Körper hinab. Lediglich spitze Schultern erkannte man unter einem breiten Ausschnitt, die umgeben waren von einer Flut hüftlanger, schneeweißer Haare.

In Gedanken versunken glitt Aigonns Mutter die Melodie von den Lippen, während sie das Schiffchen wie mechanisch zwischen den einzelnen Fäden hin und her schob. Vorsichtig näherte sich Aigonn ein Stück. Sein prüfender Blick war ein Zeichen für seine Unsicherheit, ob er seine Mutter nun stören würde oder nicht. In Wahrheit aber kannte er die Antwort längst. Die Gewissheit versetzte ihm einen Stich. Seine Mutter störte man nicht mehr. Ihre großen, braunen Augen blickten so abwesend und leer durch den Webrahmen hindurch, dass man nicht sicher sein konnte, ob sie noch an der Außenwelt teilnahm. Aigonn bezweifelte es. Sie hatte es schon lange nicht mehr getan.

„Mutter?“

Er trat bis an den Webrahmen heran und ließ sich dort auf die Knie sinken. Die sonderbare Melodie brach nicht ab, als der Blick seiner Mutter durch ihn hindurchging. Kein Blinzeln, kein kurzes Flackern in ihren Augen verriet, dass sie ihn wahrnahm. Nur ihre Hand schien wie von selbst den Faden mit dem Schiffchen zu führen.

„Er ist schön geworden … der Stoff.“ Seine Finger tasteten über den rostroten Wollstoff. „Was willst du daraus nähen?“

„… Himmel stehen die Sterne, leuchten dort …“

Aigonn schluckte. Erst jetzt erkannte er das alte Wiegenlied, das seine Mutter ihm früher immer zum Einschlafen gesungen hatte. Noch einmal fragte er: „Nähst du dir daraus ein Kleid?“

„… allein sein. Denn ich bleibe da …“

Aigonns Blick wurde traurig. Im Grunde wusste er, dass seine Versuche zwecklos waren. Seine Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Nicht mit Efoh und auch nicht mit irgendjemand anderem. Seit Jahren nicht mehr. Sein Blick verriet mehr Kummer, als es ihm lieb war, während er seiner Mutter sanft über die Wange streichelte. Dünn wirkte ihre Haut, wie der Kokon, den eine Raupe zurückließ, nachdem sie zum Schmetterling geworden war. Sie schien unter seinen Fingern zu zerfallen, so fühlte es sich an. Er konnte den Kloß nicht vertreiben, der ihm plötzlich im Hals steckte.

Wenn ich feige bleibe, wird damit auch nichts ungeschehen werden. Gar nichts.

Wiederkehrer

Das Grab der Götter war eine Gruppe von vier Monolithen, die – teilweise dreihundert Fuß hoch – schon von weitem über den Wipfeln des Waldes zu sehen waren. Aigonns Wallach schnaubte in der Hitze des Nachmittags. Seit dem späten Vormittag hatte das steile, hügelige Land Tier und Reiter zu schaffen gemacht. Sobald man die fruchtbaren Auen um Aigonns Heimatsiedlung verlassen hatte, trat man ein in das ungezähmte, wilde Land seiner Ahnen. Riesige Wälder bildeten eine fast geschlossene Decke über der hügeligen Region. Lediglich Niedermoore und sumpfige Feuchtwiesen unterbrachen das Dickicht, bevor die Bäume sich Land und Boden zurückeroberten.

Beklemmung hatte Aigonns gesamten Körper erfasst. Es war dasselbe Gefühl, das jeden Menschen überkam, wenn er sich der ruhenden Kraft dieser Wildnis bewusst geworden war. Hier hatte kein Mann, keine Frau mehr Macht über den Lauf der Dinge. Die Wälder und Moore waren das Reich der Geister und menschenscheuen Wesen, die nur die wenigsten je mit eigenen Augen gesehen hatten.

Prüfend blickte Aigonn über die Wiese hinweg, die vor ihm lag. Sauergras und Heidelbeere verrieten ihm, dass tückische Sumpflöcher unter der dünnen Schicht Bewuchs verborgen sein konnten. Mit Missfallen hörte er das Schmatzen des Bodens unter den Hufen seines Pferdes. Er würde bald absteigen müssen.

Unbarmherzig brannte die Nachmittagssonne vom wolkenfreien Himmel. Aigonn erkannte von weitem das Gestein der vier Monolithen, das mit seiner goldgelben Farbe im Sonnenlicht leuchtete wie der Festschmuck der Fürsten. Es war eigenartig. Gäbe es nicht immer noch diese eine Erinnerung, die sich mit jedem Schritt voran immer schwerer verdrängen ließ, so hätte die Schönheit dieses Anblicks Aigonn wohl gefangen gehalten.

Doch das vermochte das Grab der Götter nicht mehr. Faszination und Ehrfurcht hatten einer Bedrückung Platz gemacht, die jeden Baum, jeden Strauch auf dem Weg zu den Monolithen zu umgeben schien. Immer wieder huschte Aigonns Blick nach hinten, zur Seite. Er wusste, dass so nah an der Grenze zur Anderen Welt nicht nur Damwild, Bären und Wildschweine die Wälder bewohnten – dazu die Monolithen wie vier steinerne Wächter über den Baumkronen.

Unwillkürlich kam Aigonn die alte Sage in den Sinn, welche diesem Ort ihren Namen gegeben hatte: Ein Krieg, am Anfang der Zeit, hatte zwischen den Mächten der Erde getobt. Ein Krieg um die Ordnung in der Welt, der Chaos und Verwüstung gebracht hatte, bis es den Göttern gelungen war, einen Stillstand zu erringen, eine Ordnung auf der Erde, die der heutigen gleichkam. Dutzende hatten ihre letzten Kräfte bei diesem Versuch gegeben. Und es sollen vier Geschwister gewesen sein, die auf dem Hügel, den Aigonn soeben bestieg, kraftlos zur Erde gesunken waren.

In Gestalt vierer Felsen warteten sie nun dort, bis die alte Ordnung wieder ins Wanken geraten, das Firmament auf die Erde stürzen, das Land sich auftun und schließlich das Meer alle Reste ihres großen Werkes verschlingen würde. Dann würde der Kampf von Neuem beginnen und ihm ein ungewisses Ende folgen – so wie jeder Mensch wiedergeboren wurde.

Das war es, was die Bärenjäger sich seit Generationen erzählten. Und als Aigonn den Wald vor sich aufgehen sah und die vier gewaltigen Felsen vor ihm lagen, schien es, als ob der letzte Hauch dieser alten Tage noch immer Teil des Ortes wäre.

Er nahm einen tiefen Atemzug, als er seinen Wallach anhielt und sich langsam auf den Boden rutschen ließ. Dort war er. Dort, wohin ihn die Nebelfrau gewiesen hatte. Der südlichste der vier Monolithen leuchtete golden in der Nachmittagssonne. Windböen verfingen sich immer wieder in den kleinen Ausbuchtungen und winzigen Felshöhlen, während der Wald leise flüsterte. Das Pferd schnaubte unruhig. Irgendwo, weit entfernt, hörte er Vögel in den Baumwipfeln singen. Doch viel näher als sie schien ihm ein feines, unterschwelliges Wispern – nicht auszumachen, woher es kam.

Beklommen ließ Aigonn den Strick seines Pferdes ins kniehohe Gras sinken. Sein Wallach rannte ihm nicht davon. Und wenn ihn an einem Ort wie diesem doch zu große Furcht übermannen würde, wollte er das Tier nicht halten.

Vorsichtig trat er fünf Schritte auf die kleine Lichtung hinaus, die sich nahe der Monolithen wieder in einem Wald mit undurchsichtigem Strauchdickicht verlor. Hier war er. Die Erinnerungen in seinem Kopf verselbstständigten sich beim Anblick dieses Ortes. Es wurde plötzlich Nacht in seinen Gedanken, die bedrückende Dunkelheit eines wolkenverhangenen Himmels. Nur fahles Mondlicht zwischen den Wolkenfetzen und das flackernde Licht einer Fackel erhellten die Lichtung. Damals hatte er sich geängstigt, hatte kaum mit seiner Mutter Schritt halten können, die voller Panik vorausgeeilt war …

Unwirsch schüttelte Aigonn den Kopf. Er war nicht hierhergekommen, um dieser längst vergangenen Nacht zu gedenken, sondern hatte den Weg auf sich genommen, um jemanden zu finden. Es stimmte ihn ärgerlich, dass dieser eigentliche Auftrag für ihn so schnell an Priorität verloren hatte.

Entschlossen ließ er das Pferd auf der Lichtung zurück und ging weiter auf das Dickicht zu. Nirgendwo verriet ein abgebrochener Ast oder niedergetrampeltes Gras, dass jemand vor Aigonn hier gewesen war. Doch es musste nicht sein. Das Schlachtfeld, auf welchem die Bärenjäger und Eichenleute zusammengetroffen waren, lag weiter westlich. Lhenia hätte genauso gut von einer anderen Seite das Grab der Götter erreichen können.

Aigonn hatte sein Schwert gezogen, um sich mit dessen stumpfer Seite einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Von Moos und Flechten bewachsen harrte der südliche Monolith, der Sternenfänger, zu seiner Rechten. Mit jedem Schritt, der Aigonn von der Lichtung mit seinem Reittier entfernte, schien die wirkliche Welt ein Stück weiter in die Ferne zu rücken. Unwirklich wiegten sich die Wipfel der Holunder-, Hasel-, Vogelbeer- und Dornensträucher im lauen Wind. Es schien Aigonn, als summten sie mit dem Wald eine alte Melodie. Die Vertrautheit, die ihr innelag, war ihm unheimlich. Immer mehr schien sie dem Wiegenlied zu gleichen, das seine Mutter gesungen hatte. So gut es ihm möglich war, lenkte er seine Aufmerksamkeit nach vorn, versuchte auf die Spuren der Wirklichkeit zu achten, dieser Welt, nicht der Anderen, die irgendwo, vielleicht direkt vor ihm, beginnen konnte, wenn seine Gedanken sich zu sehr von seiner Heimat entfernten.

„Lhenia?“ Der Ruf hallte leise von der Steilwand des Monolithen wider. Allmählich erkannte Aigonn vor sich die anderen drei Felsen aufragen, mächtig und bedrückend, als ob acht Augen jeden seiner Schritte verfolgten.

„Lhenia? Ich bin es, Aigonn. Nur ich. Ich bin allein. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben!“

Das Raunen des Waldes, das Singen des Windes, das Wispern der Sträucher, aber sonst hörte Aigonn nichts. Niemand antwortete. Nicht einmal ein Rascheln zwischen den Sträuchern, die so eng standen, dass keine Bewegung ungehört bleiben würde, gab einen Hinweis darauf, dass die junge Frau wirklich hier war.

Als Aigonn dem Zentrum zwischen den vier Steinen immer näher kam und seine Rufe keinerlei Reaktion hervorriefen, beschlich ihn allmählich eine düstere Ahnung. Sie ist gar nicht hier. Die Nebelfrau hat mich hierher gelockt, obwohl sie wusste, dass Lhenia nicht hier ist.

Doch was war, wenn Aigonn sich nun getäuscht hatte? Die Nebelfrau hatte das Grab der Götter an sich niemals erwähnt. „Aber sie kann keinen anderen Ort gemeint haben“, flüsterte er zu sich selbst. „Nirgendwo sonst ist man der Anderen Welt so nahe …“

Aigonn verstummte. Er konnte diesem Gefühl keinen Namen geben, doch es war – wie ein Fremdkörper – ihm plötzlich so nahe, dass sich all seine Körperhaare aufstellten. Ein Schauer überkam ihn. Ohne, dass er etwas dagegen tun konnte, versank der dämmernde Nachmittag in der Schwärze einer bewölkten Nacht. Er spürte die klamme, feuchte Kälte auf den nackten Armen unter seinem kurzärmeligen Hemd. Aigonns Atem ging stoßweise, während er seiner Mutter hinterherstolperte. Seine Mutter, die auf all seine Rufe nicht achtete und einfach vorwärtseilte. Sie hatte ganz vergessen, dass ihr eigener Sohn auf seinen kurzen Kinderbeinen nicht nachkam. Er teilte nicht dieselben Ängste wie sie. Er hatte nur bruchstückweise gehört, wie Rowilan zu seiner Mutter geeilt war, gesagt hatte, Derona wäre verschwunden …

In dieser Nacht hatte er sich nur gefürchtet, das Licht der Fackel in der Hand seiner Mutter aus den Augen zu verlieren. Er hatte ihre Panik gar nicht verstehen können, sie hatte ja nichts gesagt …

Wie ein Flackern mischte sich Wirklichkeit mit Erinnerung. Aigonn spürte gerade noch so, wie seine Füße mechanisch nach vorne liefen, schneller als er wollte auf den nördlichen der Monolithen zu. Die Bilder aus der lange vergangenen Nacht zuckten immer wieder vor die Realität. Aigonn wurde es schwindelig. Er war damals denselben Weg gelaufen. Alles in seinem Kopf schrie, dass er anhalten, nicht weitergehen sollte, doch die Beine gehorchten seinem Willen nicht mehr.

Der nördliche Monolith kam immer näher. Vor seinem geistigen Auge sah er Fackeln vor dem Fuß des riesigen Felsens in der kalten Nachtluft zucken. Irgendwo raschelten Steine in der Finsternis, weit oben. Er hörte, wie seine Mutter plötzlich voller Panik einen Namen in die Dunkelheit schrie, ihre Fackel zu Boden fiel. Noch mehr Steine fielen hinab, dann eine Gestalt. Wie ein gewaltiger Vogel war sie Aigonn damals erschienen, als die junge Frau den etwas weniger als einhundertfünfzig Fuß hohen Monolithen hinabstürzte, ihr Körper gegen den harten Stein schlug.

Das Knacken hallte wie ein Donnerschlag in Aigonns Ohren wider. Das Knacken, als ihre Knochen barsten. Unnatürlich verdreht lag sie im Schein der Fackeln auf dem Boden. Aigonn erkannte sie, seine Mutter, wie sie schreiend nach vorne stürzte.

Zwei tote Augen sahen Aigonn entgegen. Der letzte Glanz des Lebens haftete ihnen noch an, bevor er sich zu lösen begann, die Schwärze ihm nachfolgte. Damals hatte er nicht schreien können. Er war gar nicht alt genug gewesen, um zu begreifen, was dort geschehen war. Doch in sein Innerstes war eine Kälte gekrochen, die ihn noch heute zu Boden zwängen wollte.

Sein Blick hing auf den leeren Augen der Frau, jung wie sie damals noch waren. Seine Mutter, die in diesem Moment innerlich zerbrach.

Zwei kalte Hände klammerten sich um Aigonns Kehle. Alle Luft schien ihm aus den Lungen zu weichen. Sein Atem verwandelte sich in ein Röcheln, als sein Hals sich zuschnürte. Er keuchte, seine Lunge verkrampfte sich. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die ungeheure Kraft, die mit der Macht aller alten Verzweiflung auf ihm haftete, solange, bis der klamme Griff, der ihm den Atem raubte, plötzlich nachließ.

Aigonn schrie. Er konnte den Gefühlen keinen Namen mehr geben, die in diesem Moment aus ihm herausbrachen. Der ganze Ort, das Singen, das Raunen, alles schien sich in nackte Wände verwandelt zu haben, von welchen seine eigene Stimme wie ein ohrenbetäubendes Echo immer wieder zurückgeworfen wurde. Ein widerliches Kreischen schien sich dazwischen zu mischen …

Dann war es plötzlich vorbei. Keuchend öffnete Aigonn die Augen. Erst jetzt schmeckte er das Blut, das aus seiner aufgebissenen Lippe lief. Eiskalte Schweißperlen rannen seine Nase entlang, während er – auf beide Hände gestützt – zu Boden starrte.

Das plötzliche Gefühl, nicht mehr allein zu sein, ließ ihn ruckartiger als gewollt den Kopf zur Seite reißen. Und dort war sie. Ihre blauen Augen vor Schrecken geweitet kniete sie halb im Gras. Der rechte Arm schien nach Aigonn greifen zu wollen, war jedoch mitten in der Bewegung erstarrt. Ihr Ausdruck spiegelte Schockiertheit wider, Unverständnis. Einen Herzschlag lang starrte sie ihm in die Augen, bevor sie stotternd hervorbrachte: „Geht … geht es dir gut?“

Erst jetzt wurde Aigonn sich bewusst, was soeben geschehen war. Alle Eindrücke der Wirklichkeit schlugen auf ihn ein – das Keuchen, der pochende Schmerz in seinem überbelasteten, verletzten Arm, die gebrochene Rippe. Es raubte ihm ein weiteres Mal den Atem, bevor er sich auf sein Gesäß fallen ließ und einen Moment nach Luft schnappte.

Die junge Frau hatte sich in der Zwischenzeit wieder gefasst. Zwar lag ihrem Blick noch immer Misstrauen inne, doch ihre Stimme wirkte gefasster, als sie bemerkte: „Du solltest vorsichtiger sein, wenn du so unbedacht einen Platz wie diesen betrittst. Orte bewahren Erinnerungen lebendiger und besser als Menschen. Das hättest du bedenken können!“

„Das habe ich bedacht.“ Endlich hatte Aigonn seine Stimme wiedergefunden. Unwirsch schüttelte er den Kopf, um wieder Klarheit zu erringen. Dann hievte er sich auf die Beine, während ihm bewusst wurde, dass er vor der Person stand, die er gesucht hatte.

Auf den ersten Blick war sie die Lhenia, die ihm am Abend der Schlacht begegnet war. Der heilige rote Ocker, der sie zum Geschenk an die Götter machte, war noch immer über ihr ganzes Gesicht verschmiert und bildete einen sonderbaren Einklang mit den rot-blonden, leicht ausgeblichenen Haaren, die kaum schulterlang waren. Ein naturfarbenes Leinenkleid, mit einem dünnen, geflochtenen Ledergürtel auf Taille gebunden, umspielte ihren schlanken, fast mageren Körper, war jedoch über ihren bloßen Füßen dreckverschmiert und beinahe bis zu den Knien eingerissen.

Sie war es. Auf den ersten Blick hätte sie jeder als die Lhenia erkannt, die sie gewesen war. Lediglich der Ausdruck ihres Gesichts, als wäre ihr Geist plötzlich um Jahre gereift und gealtert, wollte nicht so recht in Aigonns Erinnerung passen – ebenso wie die Stimme, die ihm tiefer erschien. Doch darin konnte er sich täuschen.

Die junge Frau für ihren Teil schien sich unter Aigonns intensiver Musterung unwohl zu fühlen – überspielte dies aber, als sie ihre Stirn in Falten legte. „Mir erschien es nicht so, als ob du das bedacht hättest. Hast du sie nicht gesehen?“

Fragend sah Aigonn auf. „Gesehen? Wen?“

Die junge Frau war überrascht. „Sie, hinter dir, an deinem Hals … wirklich nicht?“

Verwirrt schüttelte Aigonn mit dem Kopf. „Wen soll ich denn gesehen haben?“

„Schon gut.“ Sie wandte sich von Aigonn ab. Dieser wollte bereits nachhaken, bevor er an ihrer Gestik erkannte, dass sie keinerlei weitere Erklärung geben würde. Mit einem Kopfschütteln warf er den letzten Rest der Beklemmung von sich ab und vertrieb – diesmal mit Erfolg – die prägnante Erinnerung in einen Winkel seines Kopfes. Ihm kam wieder in den Sinn, weshalb er eigentlich hier war.

„Lhenia!“ Die junge Frau lief noch einen Schritt weiter, bevor ihr einfiel, dass sie sich angesprochen fühlen musste. Dann drehte sie sich um.

„Lhenia. Eigentlich habe ich nach dir gesucht!“ Aigonn machte einen Schritt auf sie zu und erforschte ihren Blick, der im Moment lediglich abwartend war. Ihre Augen hatten eine ungeheure Tiefe gewonnen, bemerkte er wie nebenbei. Aigonn konnte sich nicht entsinnen, dies je bei der kaum siebzehnjährigen Lhenia bemerkt zu haben.

„Wirklich?“ Ihre Entgegnung klang nicht wie eine echte Frage. „Das wusste ich. Und ich hatte eigentlich nicht vor, mich finden zu lassen.“

„Scheinbar doch. Du brauchst mich nicht zu fürchten. Ich bin allein gekommen. Rowilan, Behlenos und die anderen wissen nicht, dass ich hier bin.“

Eine Erinnerung schoss Aigonn durch den Kopf. Wahrhaftig. Im Grunde wusste keiner, dass er hier war. Efoh hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, dass sein Bruder irgendwann binnen der nächsten Tage den Weg wagen und an diesen Ort reiten würde – und im Grunde hatte Aigonn das selbst geglaubt. Er konnte nicht sagen, warum er sich auf einmal – kurz nachdem er den wenig erfreuten Behlenos damit vertröstet hatte, er könne mit seinen Brüchen kaum reiten und den Männern auf der Suche nicht behilflich sein – doch auf den Weg gemacht hatte. Und etwas Wahres hatte in seinen Worten gelegen: Die Verletzungen hatten ihm den Weg beschwerlich gemacht.

Doch dies war im Moment nicht wichtig. Die junge Frau antwortete auf Aigonns Bemerkung nicht, sondern duckte sich unter den Sträuchern weg, bis sie auf einer weiteren – jedoch beinahe zugewucherten – Lichtung am Fuße des nördlichen Monolithen ankam. Ein letztes Mal zuckte die Erinnerung vor Aigonns innerem Auge vorbei, eine Leiche, tote Augen. Er erkannte kurz die Stelle, an der die Fackeln im Boden gesteckt hatten, bevor er sich schnell abwandte.

Die junge Frau lief bis an den Fels heran, lehnte ihren Kopf gegen das golden schimmernde Gestein. Sie stützte sich auf einem Moospolster ab und ihr Blick verlor sich im Leeren.

„Ich komme aber nicht mit dir“, sagte sie nach einem Moment. „Nicht jetzt.“

„Warum nicht?“ Aigonn trat ein Stück an sie heran. „Lhenia, glaube mir, ich werde dafür sorgen, dass die anderen dich erst einmal in Ruhe lassen. Sicherlich hat es viel Aufhebens gegeben … Es erwacht ja nicht jeden Tag eine Tote zum Leben, aber … dein Vater freut sich trotzdem über alles, dass du …“

„Hör auf!“ Ihre Stimme brachte Aigonn zum Schweigen. „Hör auf damit, das hat keinen Sinn!“

„Lhenia, ich …“

„SEI STILL, HÖRST DU NICHT?“ Die junge Frau fuhr auf. Ihre plötzliche Reaktion ließ Aigonn einen Schritt zurückweichen, bevor sie ihm entgegenwarf: „Ich bin nicht Lhenia, verstehst du das? Ich bin das nicht! Diese Lhenia, wer auch immer sie gewesen sein mag, ist fort, in die Andere Welt hinübergetreten, um darauf zu warten, dass sie wiedergeboren wird!“ Ihre Stimme verlor an Härte und trug nun einen Hauch Unsicherheit mit sich. „Ich bin das nicht. Und ich weiß auch nicht, wer diese ganzen Leute sind, von denen du redest. Lass mich einfach gehen!“

Einen Herzschlag lang starrte Aigonn die junge Frau nur an. Wie, als ob es ihm helfen würde zu begreifen, wiederholte er in Gedanken. Sie ist nicht Lhenia … nicht Lhenia … Wer denn sonst?

„Wer bist du denn stattdessen?“, platzte es aus ihm heraus. Und kurze Zeit später bemerkte er, dass dies die falsche Frage gewesen war. Die Miene der jungen Frau verfinsterte sich. Sie zog sich ein Stück weiter in Richtung eines Strauches zurück und lehnte sich dabei an das riesige Moospolster am Fuße des Monolithen. „Ich fühle, wer ich bin. Wissen werde ich es bald. Ich verstehe zwar nicht, warum ausgerechnet dich das so beschäftigt, aber ich werde es dir sagen, wenn es so weit ist!“

„Kennst du die Geister, die im Nebel wohnen?“ Aigonn wusste nicht, warum er das auf einmal sagte. Selbst hatte er niemals mit einem Menschen darüber gesprochen. Doch ein Gefühl sagte ihm, dass dies der richtige Weg war. Und die Reaktion der jungen Frau bestätigte ihn. Sie horchte auf. „Die Geister, die nachts und in der Dämmerung als Dunstschwade über den Wiesen schweben? Ich glaube, du kennst sie. Und vielleicht solltest du wissen, dass sie mit mir reden.“

Die Entschlossenheit in den Augen der jungen Frau hatte zu bröckeln begonnen. Es schien, als ob Erinnerungen in ihren Gedanken aufflackerten. Einen Herzschlag lang wirkte sie angreifbar wie ein Kind, bevor sie fragte: „Was haben die Nebelgeister dir gesagt?“

„Dass ich nach dir suchen soll, alleine, hier – sonst hätte ich dich wohl nicht gefunden.“

„Und sonst?“

„Nichts.“ Die Art, wie Aigonn die Augenbrauen hochzog, verriet Missfallen. „Sie sind nicht sehr gesprächig, musst du wissen.“

Die junge Frau hielt einen Moment inne. Ihr Blick zeigte, dass der Entschluss, nicht mit Aigonn zu gehen, ins Wanken geriet. Es dauerte lange, bis sie zögerlich sagte: „Ich werde dich ein Stück begleiten.“

Mehr war es nicht. Und viel mehr sagte sie auch nicht zu Aigonn – ganz egal, was dieser fragte – bis sie den friedlich grasenden Wallach etwas abseits der Lichtung des Sternenfängers erreicht hatten.

Heimkehr

Der Wallach keuchte mindestens so sehr wie auf der Hinreise. Obgleich nun die Abendsonne als roter Glutball über dem Horizont hing, war es nun das Gewicht zweier Menschen, das das falbfarbene, kleine, aber im Grunde doch stämmige Tier belastete. Aigonn kraulte ihm immer wieder den Widerrist unter der dunkelbraunen Mähne, während das Tier den Hang des Hügels hinabtrabte.

Der Wald, der Aigonn und die junge Frau umfing, war licht – sonst wären sie wohl nicht mit einer solchen Geschwindigkeit vorangekommen. Von weitem erkannte Aigonn, wie der Strom der Rur die nahen, leicht sumpfigen Flussauen durchschnitt. Bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, würden sie die Siedlung der Bärenjäger erreicht haben. Aigonn hoffte dies zumindest.

Die ersten Schreie der Waldkäuze durchbrachen das Dämmerlicht des Abends. Aigonn fühlte die erste, frische Kühle auf seinen Armen, während nur der Atem gegen seine Haare und der Griff um seine Taille verriet, dass die junge Frau noch immer hinter ihm auf dem Pferd saß.

Schweigend verfolgte sie den Ritt, in ihre eigenen Gedanken versunken. Aigonn hatte es aufgegeben, ein Gespräch mit ihr zu beginnen – geschweige denn tiefere Fragen zu stellen. Denn sie antwortete nicht. Aigonn blieb somit allein mit seinen Gedanken – und den Erinnerungen, die ihn weiter verfolgten.

Die Wirkung des Erlebnisses an diesem Nachmittag war immer noch nicht von ihm gewichen. Seine Finger fühlten sich unsicher an, während sie die Zügel festhielten. Es wurde Zeit, dass sie die Siedlung erreichten!

Während die Sonne hinter den Horizont sank, fiel es Aigonn immer schwerer, den Weg zu erkennen. Er verließ sich zum Teil auf den Instinkt des Pferdes, das ihm schon einmal in einer solchen Lage gute Dienste getan hatte. Doch als die ersten Nebelschwaden im Zwielicht aufstiegen, musste er sich eingestehen, dass sie vom Weg abgekommen waren.

Erst als er unruhig zu werden begann und immer wieder an markanten Wegpunkten Halt machte, um sich umzusehen, fragte die junge Frau: „Haben wir uns verirrt?“ Ihre Stimme zeigte keinerlei Beunruhigung. Viel mehr erweckte es den Anschein, als erwache sie gerade aus einem langen Schlaf – was Aigonn jedoch bezweifelte. Seine Antwort sollte sicher klingen: „Wir haben einen kleinen Umweg genommen, stelle ich fest. Ich glaube aber zu wissen, wo wir sind.“

„Schön.“ Ihre Stimme verriet dezenten, aber amüsierten Spott.

„Ich weiß es wirklich!“, bestärkte er seine Worte mit Nachdruck, während er zu ihr nach hinten sah. „Wir sollten uns nur vorsehen, den Jägern der Nacht nicht zu begegnen.“ … und was sich sonst noch alles herumtreibt.

Damit lenkte Aigonn das Pferd herum, suchte sich einen Weg in der Nähe des Waldrandes – noch weit genug entfernt davon, um nicht in einen möglichen Sumpf zu geraten – und folgte im Zwielicht einer Mischung aus Wissen und Ahnung, wohin sie zu reiten hatten.

Als die Rur wieder zwischen ihren Flussauen auftauchte, war Aigonn erleichtert. Die Bäume und der dichte Uferbewuchs verrieten ihm, dass der Boden an Stabilität gewann und sie bald würden im Freien reiten können. Je weiter er jedoch der Flussaue folgte, desto mehr beschlich ihn ein Gedanke. Das Strauchwerk, das eigentlich überall wachsen sollte, war von Menschenhand entfernt worden. Kleinere Äcker bestätigten diese Ahnung. Wir können noch gar nicht so weit geritten sein. Die Äcker unserer Siedlung sind anders gelegen, die Rur nimmt einen anderen Lauf. Hier beginnt nicht unser Siedlungsland!

Auf einmal durchbrach flackernder Feuerschein die aufziehende Dunkelheit. Aigonn spürte, wie ihm das Herz in den Magen zu rutschen schien. Selbst von weitem erkannte er in dem zuckenden Fackellicht die gewaltige Eiche, die am Rand einer schlecht befestigten Siedlung thronte.

Sie waren es, die Eichenleute. Niemand sonst grub jene mächtigen Bäume aus dem Boden der Wälder, um sie in die eigenen Siedlungen zu pflanzen. Es dauerte kaum zehn Herzschläge mehr, bis er das erste Echo leiser Stimmen vernahm. Die Nachtwache lief heiter und scheinbar leicht angetrunken an den Palisaden vorbei. Die Fackeln in ihren Händen wanderten, als ob Sterne vom Himmel fallen würden.

So leise er konnte, zügelte Aigonn sein Pferd und brachte es augenblicklich zum Stillstand. Er hörte Besorgnis in ihrer Stimme, als die junge Frau in sein Ohr raunte: „Es scheint nicht so, als ob wir in deiner Heimat angekommen wären.“

„Nein, wahrhaftig nicht.“ Lautlos drückte Aigonn seinen linken Fuß gegen das Fell des Pferdes, worauf dieses zurück in Richtung Waldrand lief. „Hier wohnen Menschen des Stammes, vor dem du uns gerettet hast, als du so unvermutet in die Schlacht eingegriffen hast.“

Als Aigonn die frisch aufgeschütteten Grabhügel erkannte, die nahe der Palisaden wie verlassene Wohnstätten ihrer Ahnen in der Dunkelheit lagen, fügte er in Gedanken hinzu: Und ich glaube nicht, dass sie erfreut sein werden, uns zu sehen.

Er hörte den Herzschlag in seinen Ohren pochen, als die Dunkelheit ihn und die junge Frau wieder verschluckt hatte. Einen Feuerstein hatte er mit sich genommen – nur wollte Aigonn nicht so töricht sein und sich durch ein offenes Feuer verraten. Würde er allerdings weiterhin im Dunkeln reiten, konnte er nicht sehen, wo knackende Äste und raschelnde Sträucher wuchsen. Sein Pferd konnte ja nicht ahnen, was sie gerade riskierten – auch wenn es Aigonns Anspannung spürte.

Mit jedem Schritt durch das Unterholz schickte Aigonn ein Gebet gen Himmel und in die Erde hinab. Sein Blick verfolgte wie gebannt die beiden Wachposten, deren Fackeln ihre Position verrieten. Zwar wusste er, dass er damit sein Pferd verwirren und womöglich noch in die falsche Richtung lenken konnte, doch die unterschwellige Panik in ihm war stärker als sein Wille.

Langsam entfernten sich die Wachposten, sie zogen an der Siedlung vorüber. Aigonn atmete auf.

Plötzlich aber scheute der Wallach. Ein Lichtfleck, eine Fackel, schoss so unvermutet aus dem Dickicht des Waldes hervor, dass das Pferd vor lauter Schreck aufwieherte und mit den Vorderhufen ausschlug.

Aigonn konnte sich kaum auf dem Pferderücken halten. Die junge Frau sog scharf die Luft ein, während sich ihr Griff um seine Taille verstärkte. Einen Herzschlag lang wedelte er hilflos mit den Zügeln, bevor das Pferd seine Vorderbeine wieder auf den Boden setzte – und er erkannte, was ihnen unvermutet vor die Hufe gekrochen war.

Ein junger Mann, eher ein Halbwüchsiger, saß geduckt auf dem Boden und klammerte sich an seine Fackel, als ob diese sein Leben retten würde. Erschrocken lugte er in die Dunkelheit. Eine breite Schnittwunde auf seiner Wange wirkte sonderbar unpassend in seinem jugendlichen, von Pusteln übersäten Gesicht. Zusammen mit dem Schwert an seinem Gürtel bewies sie, dass er die Kriegerweihe längst abgelegt hatte.

Für einen Moment schien die Zeit eingefroren. Die Hand des jungen Eichenkriegers zitterte wie Espenlaub, als er es wagte, die Fackel zu heben – und was er in ihrem Schein erkannte, schockierte ihn noch viel mehr.

Seine Augen schienen aus ihren Höhlen zu fallen. Er saß wie versteinert, bevor er plötzlich die Fackel fallen ließ, stolpernd auf die Beine kam und mit einer solchen Panik zur nahen Siedlung rannte, als wäre ihm ein böser Geist auf den Fersen.

Aigonn wartete nicht. Als die Schreie des Halbwüchsigen über die Palisaden drangen, galoppierte er in den Wald hinein, wie er es noch nie getan hatte. Die junge Frau hatte sich geduckt und ihren Griff nicht gelockert, sodass sie nun zwischen seinem Arm und der Armbeuge hindurchlugte, als sie fragte: „Was bitte hat er gesehen, dass er solche Angst bekommen hat? Er hätte doch als Krieger wenigstens reagieren und uns drohen können. So jung war er doch nun wirklich nicht mehr!“

„Dich vermutlich.“ Gehetzt glitt Aigonns Blick immer wieder nach hinten, wo die Dunkelheit des Waldes ihre Spuren bereits verschluckt hatte. Laute Stimmen aus der Siedlung machten deutlich, dass man die Verfolgung nach ihnen aufnahm. Doch mit jedem Herzschlag, den das Pferd am Waldrand durch das Dickicht jagte, wurde ihr Vorsprung größer.

„Ich könnte mir vorstellen, der Winzling wird bei der letzten Schlacht gegen Behlenos dabei gewesen sein. Du scheinst einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.“

„Ist das jetzt gut?“

Ihre Stimme war so ruhig und gelassen, dass es Aigonn allmählich unheimlich wurde.

„Das kann ich dir jetzt noch nicht sagen.“

Der Sprung über einen umgefallenen Baum schüttelte die beiden Reiter durch, bevor Aigonn endlich die Muße hatte, um auf seine Umgebung zu achten. Die Schwärze der Nacht hatte alle Farben verschlungen. Das blasse Mondlicht, das manchmal als Lichtsäule zwischen lichten Baumkronen zu Boden fiel, ließ genügend Silhouetten erscheinen, dass Aigonn sich nicht nur auf den Instinkt des Pferdes verlassen musste.

Eine Weile führte ihr Weg ins Ungewisse, bevor im Mondschein ein alter Menhir erschien. Eine Decke aus Moos und Flechten hatte den uralten Stein überzogen, den Aigonns Ahnen vor Jahrhunderten schon an dieser Stelle aufgerichtet hatten, und gab ihm weiche, fast unwirkliche Konturen.

Erleichtert atmete er auf. Zwar hatte Aigonn die Siedlung der Eichenleute nicht gekannt, an welcher sie vorbeigeritten waren. Doch er hatte bereits geahnt, dass sie sich von dieser Richtung seiner Heimat nähern würden. Der Umweg war gewaltig gewesen. Mitternacht musste längst erreicht sein.

Er bremste das Pferd auf einen zügigen Schritt, als zwischen den letzten Bäumen des Waldrandes endlich die vertrauten Lichter von Aigonns Siedlung erschienen. Noch ein letzter Gedanke wanderte zurück zu den Eichenkriegern, die ihre Spur schon lange verloren hatten. Ob sie von der Siedlung seines Stammes wussten, die in solcher Nähe zu ihrer eigenen lag? Kannte man den Weg quer durch den Wald, würde man nicht einmal von Sonnenaufgang bis zum Vormittag brauchen, um im Feindesland zu sein. Behlenos würde diese Neuigkeit interessieren!

Sie befanden sich gerade auf Höhe der Holunderbüsche, wo die Nebelfrau Aigonn erschienen war, als die junge Frau bat: „Halt bitte an!“

Überrascht wandte Aigonn sich um. „Kommst du nicht mit mir?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. In der Dunkelheit war ihr Gesicht nur ein schwarzer Schatten vor den grauen Umrissen des Waldes. „Es ist noch nicht die richtige Zeit dafür gekommen. Aber sorge dich nicht. Ich lasse euch nicht im Stich.“

Aigonn wusste nicht, was er antworten sollte. Im Grunde wusste er gar nichts. Die Nebelfrau hatte ihm lediglich aufgetragen, die junge Frau zu finden, bevor es andere seines Stammes taten. In dieser Welt fernab des Menschenmöglichen erhielt man ja keine Antworten auf seine Fragen!

Der kurze Verdruss verflog, als die junge Frau fast lautlos vom Rücken des Pferdes rutschte. Als Aigonn sie drei Schritte durch das hohe Gras streifen sah, erschien es ihm einen Herzschlag lang so, als ob doch Lhenia zu ihnen zurückgekehrt wäre. Anders als früher, anders als in seinen Erinnerungen, doch sie und niemand sonst.

Der Eindruck verging. Sie blickte sich noch einmal zu Aigonn um, als ob ihr noch etwas auf den Lippen läge. Doch sie schwieg. Schwieg, bis Aigonn zum Abschied nickte, sein Pferd bereits in Richtung Siedlung laufen ließ, bevor sie ihm doch noch hinterherraunte – mehr zu sich selbst: „Es scheint ja so, als ob ich nicht ganz ohne Grund hier wäre.“

image

Als Aigonn an den Palisaden seiner Siedlung um Einlass bat, begrüßte ihn der Wachposten mit einem angestrengten Ausdruck auf dem Gesicht. Auf eine Nachfrage von Aigonn hin schwieg er. Doch die Reaktion ließ vermuten, dass man den Bruder des Efoh bei den Bärenjägern unlängst vermisst hatte.

Gedanklich hatte Aigonn genügend Zeit, sich auf einen unschönen Empfang vorzubereiten, während er das Pferd in die nahen Stallungen brachte. Doch als er das Haus seiner Mutter betrat, war all dies zwecklos gewesen.

Die halbe Siedlung schien sich um das kleine Herdfeuer versammelt zu haben. Seine Mutter saß teilnahmslos summend dazwischen, als ob sie gar nicht dazugehörte. Links von ihr hockte Behlenos selbst auf den weichen Bärenfellen, einen Becher Met in den Händen, den er missmutig wiegte, bis er Aigonn eintreten hörte.

Seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. Der scharfe Blick aus den Augen Rowilans, welcher an der Seite seines Fürsten saß, verhieß Aigonn nichts Gutes. Sämtliche Krieger aus dem höchsten Rat, Frauen und Alte hatten sich um seine Mutter gescharrt, hielten sie in den Armen, wie um ihr die Trauer um ihren verstorbenen Sohn zu nehmen, der in diesem Moment lebend in der Tür stand. Irgendwo saß Efoh dazwischen, eine Mischung aus Verwirrung und Missgunst über den derzeitigen Zustand im Gesicht.

Behlenos’ Stimme bot keinen Raum für Nachsicht, als er Aigonn voll Zorn begrüßte: „Ach, sieh an! Wer kehrt denn so spät noch von einer Reise zurück?“

Aigonn wusste nicht, was er antworten sollte. Zögerlich wagte er sich bis neben das Regal vor, bevor sein Fürst auf die Beine sprang und ihn anschrie: „WO, BEI ALLEN GÖTTERN, BIST DU GEWESEN? Warst du es nicht, der mir noch heute Nachmittag erzählte, er könne nicht mit uns reiten und seinen Kriegern beistehen, weil ihm die Verletzungen zu schwer zu schaffen machen?“

„Ich bin in den Wald hinaus gelaufen, um nach Brennholz und Kräutern für meine Mutter zu suchen.“ Etwas Geschickteres fiel Aigonn nicht ein. Widerwillig bemerkte er die Unsicherheit in seinen Worten. Und bereits, als er ihnen noch einen Satz hinzufügte, spürte er, dass niemand ihm glaubte. „Das Pferd habe ich als Lasttier mitgenommen.“

„Ach wirklich?“ Ein gefährliches Funkeln blitzte in Behlenos’ Augen auf. Drohend trat der Fürst an Aigonn heran, sein Atem fuhr ihm ins Gesicht, als wolle Behlenos ihm den Pesthauch entgegenjagen. „Vielleicht solltest du nicht vergessen, dass wir uns noch immer im Krieg befinden!“

Als die erste Wut von ihm abgefallen war, erkannte Aigonn endlich, was der wahre Grund für Behlenos’ Aufruhr war. Unruhe und Rastlosigkeit sprach aus den Zügen aller Anwesenden – mit Ausnahme seiner Mutter vielleicht, die eines der Jagdmesser seines Vaters in den Händen hielt und es leise singend polierte.

Die Stimme des Fürsten hatte etwas an Härte verloren, als er erklärte: „Die Eichenleute sind außer sich. Auf unserer Suche nach Lhenia haben wir beobachtet, wie verstreute Kriegerscharen in hellem Aufruhr in Richtung unserer Siedlungen geritten sind. Wir waren genug, um einen kleinen Trupp aufzuhalten, aber dabei sind ihnen Tarages und Rhenward zum Opfer gefallen.“

Erschrocken sah Aigonn auf. Die beiden jungen Männer waren kaum älter als Efoh gewesen. Der jüngere, Tarages, hatte ihm selbst Zeit seines Lebens immer zur Seite gestanden, war da gewesen, wenn kein anderer sonst für Aigonn eine Hilfe gewesen wäre. Taubheit legte sich über sein Gesicht. Aigonn wusste, dass kein echter Schmerz sein Fleisch erfasste. Doch jener, der so plötzlich aus seinem Inneren hervordrang, siegte über seinen Verstand.

Er hörte kaum mehr zu, als die Wut ein weiteres Mal in Behlenos aufloderte und der Fürst ihn anfuhr: „NIEMAND WIDERSETZT SICH IN DIESEN TAGEN MEINEN BEFEHLEN, verstehst du das? Und ich lasse mich schon gar nicht von einem wie dir zum Narren halten!“

Aigonns Augen leerten sich. Er sah weder seinen Fürsten, die anderen Menschen, noch Efoh, der ihm aus der Menge besorgt entgegenblickte. In seine Gedanken drängte sich eine Erinnerung, ein braunhaariger, junger Mann, hager, schweigsam, doch stets mit einem Lächeln auf den Lippen, das außer Aigonn nur wenige bemerkten. Ein Junge, den man übersah, wenn man es wollte, unauffällig, doch der einzige, dem Aigonn je alles erzählt hatte. Tarages hatte mehr gewusst als Efoh. Aigonns kleiner Bruder hatte den Gleichaltrigen immer eifersüchtig beäugt, da er wusste, welches Vertrauen Aigonn diesem im Gegensatz zu ihm entgegenbrachte. Aber wirklich viel gesprochen hatten sie all die Jahre über nicht. Tarages war kein Mensch großer Worte gewesen. Doch wann immer er gespürt hatte, dass Aigonn nach einem Vertrauten suchte – damals, als sein Vater verschwunden war und seine Mutter den Bezug zur Realität verloren hatte –, war er da gewesen. Aigonn konnte die Schuld nicht ermessen, die er dem jungen Krieger noch immer zu begleichen hatte. Und nun war er fort, Aigonns Chance vertan. Auch wenn er binnen des letzten Monats kaum mit Tarages gesprochen hatte. Die Lücke, die er plötzlich spürte, war unsäglich …

„Aigonn!“ Die scharfe Stimme seines Fürsten brachte ihn zurück in das Hier und Jetzt.

„Aigonn, wo ist sie?“

„Was?“ Seine Unwissenheit war keine Schauspielerei. Aigonns Gedanken hatten so fernab jeglicher Realität verharrt, dass Behlenos ungeduldig seine Frage wiederholen musste, bevor Aigonn verstand, was man von ihm wollte.

„Wo ist Lhenia? Ich weiß, dass du sie gefunden hast. Welchen Grund hättest du sonst haben können, ohne uns aus der Siedlung zu reiten? Genauso gut hättest du uns folgen können, aber du hast es nicht getan. Also, wo ist sie?“

Einen Moment lang war Aigonn verführt, dieselbe Ausrede zu gebrauchen, die ihm schon bei seiner Ankunft in den Sinn gekommen war. Doch beim Anblick seines Fürsten und der umstehenden Krieger spürte er, dass es zwecklos war.

„Ich habe sie gefunden“, antwortete er zögerlich. „Beim Grab der Götter. Aber sie wollte nicht mit mir kommen.“

„Hast du sie nicht einfach mit dir genommen? Hat sie etwas zu dir gesagt?“ Behlenos’ Interesse war geweckt. Der Zorn schien im Angesicht dieser Informationen an hintere Stelle getreten zu sein.

„Sie hat nicht viel gesprochen. Lhenia misstraut uns und möchte nicht zurückkommen. Sie hat Angst, ihr könntet ihr wegen der merkwürdigen Umstände ihrer Wiederkehr etwas antun. Ich habe ihr versichert, dass es nicht so ist, aber sie wollte nicht.“

Die Lügen nun mit halben Wahrheiten zu spicken, fiel Aigonn leichter, als eine neue Geschichte zu erfinden. Einen Herzschlag lang gewann er den Eindruck, Behlenos würde ihn durchschauen. Doch der Fürst begnügte sich erstaunlicher Weise mit dieser Antwort. Vorerst wohl.

„Dann wissen wir wenigstens, wo wir sie finden. Ich werde mich morgen selbst aufmachen und ihr unsere guten Absichten versichern.“ Der Fürst wirkte ermüdet. Erst jetzt bemerkte Aigonn die schwarzen Schatten unter seinen Augen, die ihn optisch um Jahre altern ließen.

Trotz allem atmete er auf, als Behlenos seinen Rat zu sich befahl und sie nacheinander das kleine Haus verließen. Nur Efoh und seine Mutter blieben zurück und sahen zu – der eine mehr, die andere weniger – wie Aigonn sich auf das Bärenfell fallen ließ. Der Pelz strahlte noch immer die Wärme des Kriegers aus, der zuvor an diesem Platz gesessen hatte. Wie durch den Schleier eines Traumes hindurch musterte Aigonn die plattgesessenen Haare. Tarages war tot. Nun auch noch er.

„Behlenos treibt es wirklich zu weit mit dir!“

Aigonn sah auf. Er hatte nicht bemerkt, wie einer der Krieger in der ersten Hälfte des Hauses zurückgeblieben war und nun mit finsterem Gesicht an dem Regalaufbau lehnte. „Es mag sein, dass dir ein sonderbarer Ruf anhängt und du manchmal bei ungewöhnlichen Vorfällen direkt danebenstehst, oder -liegst …“ Ein Lächeln huschte über seinen von einem Vollbart umgebenen Mund. „… aber das ist kein Grund, dich zum Sündenbock für jede übernatürliche Erscheinung in diesem Land zu machen.“

Aigonn nickte schweigend. Er kannte den Alten. Aehrel war mit seinen achtunddreißig Jahren ein reifer Mann, einer der Ältesten unter Behlenos’ Beratern und gelegentlicher Gehilfe Rowilans, verteidigte seine Position als Krieger jedoch schon seit Jahren vehement gegen alle jüngeren Anwärter. Graue Strähnen durchzogen sein struppiges, schulterlanges Haar. Doch sonst bot sein stämmiger, muskulöser Körper kaum Anzeichen dafür, wie alt Aehrel bereits war.

Als er andeutete, sich wieder zurück in die nun deutlich geschrumpfte Runde zu setzen, holte Efoh vier tönerne Becher, füllte drei davon mit frischem Bier, das er selbst gebraut und in einem Fass in einer Ecke aufbewahrt hatte, und verteilte die Getränke. Seiner Mutter füllte er den Becher mit Milch, stieß damit behutsam gegen ihre polierenden Hände und wartete, bis sie – ohne hinzusehen – danach langte. Einen Herzschlag lang beobachteten alle Anwesenden ihre ungelenken Bewegungen, als sie trank. Dann sagte Aehrel mitfühlend: „Es tut mir Leid um die beiden Jungen, die heute sterben mussten. Man wird sie morgen angemessen auf ihre Reise in die Andere Welt vorbereiten.“

Wieder nickte Aigonn nur. Seine Gedanken waren nicht anwesend, als er nippend das Bier hinunterschlürfte. Bis er schließlich blinzelte und Aehrel fragte: „Was genau ist eigentlich geschehen, dass die Eichenleute uns so zürnen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nur wegen dem Affront von Behlenos plötzlich wieder so außer sich geraten.“

„Wenn ich das wüsste!“ Aehrel lachte witzlos. „Es scheint so, als ob bei ihnen irgendetwas oder irgendjemand ihre Kinder und jungen Krieger dahinrafft – oder zumindest verschwinden lässt. Damit sind sie schon beim letzten Mal zu Behlenos gekommen. Aus irgendeiner unergründbaren Begebenheit heraus geben sie uns die Schuld daran. Unsere Schamanen wären mit den Mächten des Bösen im Bunde. Wir würden Geister aus den finsteren Zeitaltern zurückrufen und sie gegen die Eichenleute aufhetzen – oder es zumindest versuchen. Frag mich nicht, womit sie das begründen!“

Ungläubig schüttelte Aigonn den Kopf. Auch ihm war zu Ohren gekommen, dass eine Krankheit – ein Pilz im Getreide hieß es – in den Siedlungen der Eichenleute ausgebrochen sei. Doch dass man ihnen, den Bärenjägern, nun dafür die Schuld gab, war ihm unbegreiflich.

Aehrel leerte geräuschvoll seinen Becher, bevor er kurz innehielt und Aigonn und Efoh daraufhin anbot: „Wenn … wenn ihr beiden einmal Hilfe brauchen solltet … Ihr wisst, dass ihr immer zu mir kommen könnt.“

„Wir danken dir“, ergriff Aigonn für seinen Bruder das Wort. „Sollte es dazu kommen, werden wir es dich wissen lassen.“

Der Alte nickte nachdenklich. Einen Moment lang ruhte sein Blick auf Aigonns und Efohs Mutter, ein unergründlicher Ausdruck darin, bevor er aufstand und sich mit knappen Worten verabschiedete. Aigonn sah ihm nach. Er hatte die Jahre über viel Zeit mit Aehrel, dem Bruder seiner Mutter, verbracht. Er war derjenige, der sich in ihrer Rolle versucht hatte und den Trost bot, dass es zumindest noch einen gab, der ihm und Efoh nahestand.

Alte Seele

Der frische Nachtwind trug Nebelschwaden über die Wiesen. Fast wie feine Wolken verbreitete sich der Dunst – nicht so dicht und undurchsichtig wie im Herbst und Winter, doch trüb genug, um so manche Gestalt darin verschwinden zu lassen.

Die junge Frau saß mit geschlossenen Augen im hohen Gras. Der volle, weiße Mond am sternenklaren Himmel hatte der Dunkelheit ihre Schwärze genommen. Silbrig und schattenhaft erkannte man Silhouetten von Bäumen, Sträuchern, der Siedlung und den Jägern der Nacht, die in der Luft oder den nahen Wiesen auf Beutezug gingen.

Sie hörte das Rascheln eines Dachses, der unweit von ihr durch das Gras strich. Er musste ihre Witterung längst aufgenommen haben. Doch mochte es ihre Ruhe sein, ihre Unbewegtheit oder jene merkwürdige Aura, die alle Menschen in ihrer Umgebung empfanden, das Tier näherte sich nicht.

Diese Tiere fürchten sich vor den Menschen. Die Gedanken der jungen Frau hallten merkwürdig laut in ihrem eigenen Kopf wider. Es schien, als habe Lhenias Tod eine gähnende Leere hinterlassen, die es nun wieder mit ihren eigenen Erinnerungen zu füllen galt. Wie gut, dass sie bisher kaum solche hatte.

Der Tod war ein Einschnitt gewesen. Der Gedanke fühlte sich sonderbar an, dass sie selbst schon einmal gestorben war, vielleicht vor Jahrzehnten, vielleicht aber erst vor gar nicht langer Zeit. Es war nicht normal, dass Menschen sich derart bewusst an dieses Detail ihrer früheren Leben erinnern konnten. Doch obgleich ihr kein Bild, keine Empfindung in den Sinn kam, spürte die junge Frau unbewusst, wie es sich anfühlte, das Sterben.

Orte tragen Erinnerungen in sich. Solange ich diese nicht wiederfinde, werde ich mich auch nicht entsinnen können, warum ich möglicherweise wieder hierher geschickt wurde – auf so ungewöhnlichem Wege, in den erwachsenen Körper einer frisch Verstorbenen und nicht als Säugling.

Der Wind schien zu flüstern, als er ihre kurzen Haare erfasste. Die junge Frau presste ihre Lider aufeinander und nahm einen Atemzug – so tief, bis sie die Kühle in ihrer Lunge spüren konnte. Sie war nicht ohne Grund hier. Kein Mensch wurde so unerwartet und abrupt wieder ins Leben gerufen, wenn es nicht etwas gab, das dieser dringend tun musste. Ihre Zeit war noch nicht gänzlich abgelaufen gewesen, als sie vor unbekannter Zeit gestorben war – dessen war die junge Frau sich jetzt sicher.

Und irgendetwas gab es an diesem Ort. Sie konnte es spüren. Eine Empfindung, die ihr sagte, dass er auch Teil ihrer Vergangenheit gewesen war. Sicherlich, wie hätte es auch anders sein können?

Doch anstatt die alten Erinnerungen wiederzufinden, blieb ihr Kopf leer. Sie spürte es, aber dem Gefühl fehlten die Bilder. Nicht einmal ob positiv oder negativ wusste sie zu sagen, obgleich sie sich – schon durch die sonderbare Begegnung mit jenem Mann namens Aigonn – sicher war, dass es etwas Wichtiges gab, an das sie sich eigentlich erinnern müsste. Eigentlich.

Der Wind frischte auf. Die Bäume erzählten flüsternd aus älteren Tagen. Geschichten, die Menschen mit ihren Ohren für gewöhnlich nicht hören konnten. Nicht mehr. Vorsichtig schlug die junge Frau ihre Augen auf. Sie spürte es. Irgendetwas hatte sich binnen eines Herzschlages geändert. Eine alte, doch zeitlose Kraft schien über dem ganzen Land zu liegen. Pulsierend und regelmäßig wie der Herzschlag der Erde. Und je mehr ihre Gedanken zum Wald hinwanderten, dem ihr Körper den Rücken zugedreht hatte, desto mehr fühlte sie, wo die Quelle lag.

„Seit wann hast du Grund, dich vor mir zu fürchten?“

Der jungen Frau schossen alle Nackenhaare in die Höhe. Ein Schauer ließ ihren Körper erzittern, während jene Stimme, fast klanglos, in ihrem Kopf widerhallte und ein Gefühl zurückließ, für dessen Beschreibung Menschen nicht genug Worte kannten.

Langsam, als bedeutete jede zu schnelle Bewegung den Tod, wandte die junge Frau sich um. Sie wusste nicht, was sie erwartete, doch ein Gefühl in ihr flüsterte vertrauenerweckende Worte. Ihr Geist kannte die Macht, die unmittelbar hinter ihr erschienen war. Sie war allgegenwärtig, durchzog jeden Grashalm dieses Landes. Aber sie wollte nicht glauben, nun mit eigenen Augen zu sehen, was ihrer aller Geschicke gelenkt hatte – und es noch immer tat.

Die Gestalt war so unwirklich, dass man sie mit menschlichen Augen kaum erfassen konnte. Blass, durchscheinend, die Konturen weich wie die Nebelschwaden stand sie zwischen den Bäumen. Die junge Frau konnte nicht sagen, ob dieses Wesen einem Menschen, einem Mann ähnlich war. Es hatte kein Geschlecht, keinen Körper wie die Bewohner der Erde. Und doch war es realer als alles, das sie kannte.

Entfernt vermochte sie zu sagen, dass dieses Wesen einem Mann ähnelte. Das Gesicht war von Zügen geprägt, deren Alter niemand mehr schätzen konnte. Denn das Altern selber gab es in diesem Antlitz nicht. Ein Hirschgeweih, mächtiger als jedes, das man je an einem lebenden Tier gesehen hatte, ragte schummrig und unwirklich in das Blätterdach des Waldes hinein. Die junge Frau erkannte die Gestalt nur verschwommen. Doch das milde, geheimnisvolle Leuchten, das sie umgab, spürte sie deutlicher als jede Mittagssonne.

Er ist gekommen, der Herr Des Waldes. Sie wagte kaum, diese Worte in ihren Gedanken zu formen. Der Ausdruck im Gesicht des Gottes war undeutbar, als er sich mit einem Lächeln um die Lippen näherte. Die junge Frau glaubte, dem nicht mehr standhalten zu können. Seine ruhende Macht, alt wie die Zeit, schien sie zu überwältigen. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und ihr Gesicht in den Armen verborgen. Doch sie wagte nicht, sich abzuwenden.

„Ich kann fühlen, was es für dich bedeutet, wieder hier zu sein.“ Die junge Frau bekam eine Gänsehaut. „Es ist nicht üblich, einer Seele einen sterbenden Körper statt den eines Neugeborenen zu schenken. Aber manche Situationen erfordern eine solche Tat.“

„Mein Herr …“ Die Stimme der jungen Frau zitterte. „Ich bin überzeugt, es gab einen triftigen Grund.“

„Den gab es.“

Sie schauderte erneut. Obgleich es an Blasphemie grenzte, so etwas auch nur zu denken, schien in der Stimme des Gottes ein Hauch von Wut mitzuschwingen. Die Ruhe, die von seiner Aura ausging wie ein Duft, geriet ins Wanken.

„Und es bietet sich dir damit eine neue Möglichkeit, zu vollenden, was dir in deinem vergangenen Leben nicht gelungen ist.“

Die junge Frau stutzte. „Ich kann mich nicht erinnern. Was ist damals geschehen?“

„Das kann und will ich dir nicht sagen. Jeder erfährt seine Chance zu gleichen Teilen. Aber ein Mensch wie du wird schneller Antworten auf seine Fragen finden, als er glaubt.“

Die Präsenz des Gottes ließ nach. Noch immer hatte das strahlende Antlitz ihren Blick gebannt, hielt ihn gefangen, sodass sie ihn nicht abwenden konnte.

„Antworten werden kommen. Aber dir bleibt keine Zeit zum Zögern mehr.“

Damit begann die Gestalt sich aufzulösen. Die junge Frau kämpfte mit dem Drang, den Herrn Des Waldes zurückzurufen und ihm alle Fragen zu stellen, die in diesem Moment fast unerträglich auf ihrer Zunge brannten. Doch sie konnte es nicht. Sie spürte, dass dies nicht Sinn seiner Anwesenheit war. Der Glanz seiner Augen berührte sie ein letztes Mal. Sie keuchte auf, als würde er ihr wie ein Schwert tief in die Seele dringen. Sie konnte das nicht ertragen, es war unmöglich, in einer solchen Kraft bestehen zu können.

Dann war er fort. Was der Herr Des Waldes zurückließ, war ein unsichtbarer Schimmer, die letzte Spur seiner Aura, die kaum wahrnehmbar über den Grashalmen flackerte. Die Lunge der jungen Frau bebte, als wäre sie um ihr Leben gerannt. Ihr ganzer Körper zitterte. Die uralte Kraft schien wie eine Stütze aus ihrem Inneren weggebrochen – die Hand der Mutter, wenn ein Kind laufen lernt. Sie wusste, was zu tun war. Es wurde Zeit, dass das Kind auf seinen eigenen Beinen stand.

Am Grab eines Freundes

Die Bäume schienen zu flüstern, als der Wind lau über das Wasser strich. Morgengrauen war angebrochen. Die Hitze des Sommers hatte den Kampf mit den Frühnebeln noch immer nicht gewonnen, sodass eine feuchte, klamme Kühle über den Wiesen lag. Für Aigonn schien es in diesem Moment nichts Passenderes zu geben. Die Morgenröte lag zwischen Wolkenfetzen verborgen. Das rote Licht drang nur wie ein Schleier zu der kleinen Prozession hindurch, die sich vor einer Zeit lang bereits aus der Siedlung der Bärenjäger zur Totenaue begeben hatte.

Aigonn fröstelte es, als er seinen Blick über das Land schweifen ließ. Die Totenaue war eine leicht sumpfige Wiese. Hohe Gräser wuchsen in der Schwemmwasserzone eines Sees, dessen Schilf sich immer weiter ins Land vorkämpfte. Aigonn selbst hatte mehrmals nur mit Mühe den kaum sichtbaren Schlickrinnen in Ufernähe ausweichen können. Denn mit jedem Regen eroberte der See ein Stück mehr der an einem Waldrand gelegenen Wiese zurück.

Lediglich die Sommerhitze vermochte ihn zu bremsen. Einmal im Jahr, um die Sommersonnenwende herum, wich das Wasser weit genug, um alte, von den Naturgewalten zu Fall gebrachte Menhire wieder zum Vorschein zu bringen, die das Wasser längst unter sich begraben hatte.

Ein Schauer jagte Aigonn über den Rücken. Die alten Steine schienen wie Boten aus ferneren Zeiten zu ihm hinüberzusehen – anklagend, weil man dieses ehemalige Heiligtum so widerstandslos dem See zurückgegeben hatte. Die Totenaue hatten schon die Ahnen der Bärenjäger als den heiligen Ort erkannt, der er war, so nah an diesem See, dessen wahre Tiefe niemand kannte. Schon als Kind war es Aigonn leicht gefallen, sich vorzustellen, wie die Seelen der Verstorbenen durch das Wasser direkt das Tor zur Anderen Welt erreichten. Wenigstens würde Tarages es nicht weit haben.

Rowilan lief den Bewohnern des kleinen Dorfes voran. Danach folgten ihm Behlenos und Tarages’ Vater, die zusammen den Toten auf einer Trage trugen. Das Zwielicht des Morgens machte die Blässe im Gesicht des jungen Mannes kaum sichtbar. Es schien Aigonn, als brachte man soeben einen Schlafenden zu dem offenen Grabhügel, der den Ahnen seiner Familie schon als Ruhestätte gedient hatte.

Aigonn hatte sich niemals die Mühe gemacht, alle Gräber zu zählen, die in vielen verschiedenen Jahrhunderten von Vorfahren und deren Nachfahren errichtet worden waren. Wie eine Stadt der Toten lag das Ufer da – und mit ihm so viele nicht erzählte Geschichten, dass sie für Aigonn zum Leben zu erwachen schienen. Immer wieder blickte er verstohlen über die eigene Schulter. Da er an diesem Morgen vor lauter Müdigkeit beinahe verschlafen hatte, folgte er mit Efoh der Prozedur an letzter Stelle – was ihn zum einen verdrießlich stimmte, zum anderen aber genug Raum für seine Verklärtheit bot. Wie mechanisch stimmten seine Lippen in den monotonen Sprechgesang ein, den die Menschen über die feuchte Wiese trugen. Er verstummte erst, als Rowilan vor dem offenen Erdhügel zum Stehen kam.

Schwarz sah der Eingang des von innen mit Baumstämmen abgestützten Erdhügels in den frühen Tag hinaus. Das Grab, das man in Eile mit einer weiteren Kammer ausgestattet hatte, war kaum höher als der Schamane selbst und wirkte armselig neben den stolzen Ruhestätten von Kriegern und Fürsten aus anderen Jahrhunderten.

„Vater Himmel, Mutter Erde, Mächte von Vergehen und Ewigkeit, die ihr uns geschaffen habt, eure Kinder grüßen euch!“

„Wir grüßen euch!“, folgte das einstimmige Echo von Rowilans Worten aus allen Mündern der Anwesenden. Dann legte sich eine Stille über die Aue, die Aigonn Gänsehaut auf die Arme trieb. Rowilan hatte den Kopf gen Himmel gereckt. Aigonn konnte es von weitem nicht erkennen, doch er wusste, dass sich langsam die Pupillen des Schamanen wegzudrehen begannen. Der heilige Trank, der Zwiesprache mit den Göttern erlaubte, begann Wirkung zu zeigen. Sein Körper versteifte sich. Ein feines Zucken ließ erkennen, dass sich kein Glied der berauschenden Kraft mehr entziehen konnte.

Fast reglos stand er da. Und obgleich Rowilans Bewusstsein längst die Grenze des Menschlichen überschritten hatte, schien seine Stimme noch aus dieser Welt zu kommen. „Vater Himmel, Mutter Erde, ein Sohn unserer Gemeinschaft hat die Welt der Menschen verlassen. Als Held ging er von uns im Kampf gegen unsere Feinde. Ehre und Ruhm ruhen auf seinem Haupt. Wir bitten euch, öffnet die Tore zur Anderen Welt! Wir bitten euch, nehmt ihn in eure Reihen!“

„Wir bitten euch“, echote die Menge abermals. „Öffnet die Tore zur Anderen Welt! Wir bitten euch, nehmt ihn in eure Reihen auf!“

Behlenos, der unmittelbar hinter Rowilan stand, ergriff eine Trommel. Der gleichmäßige, monotone Takt ergriff Aigonns Körper wie sein eigener Herzschlag. Es war zwecklos, sich ihm entziehen zu wollen. Wie von einer fremden Hand geleitet, fielen alle Menschen des Dorfes in seinen Rhythmus ein und wiegten sich, während sie immer und immer wieder die Bitte wiederholten: „Wir bitten euch, öffnet die Tore zur Anderen Welt! Wir bitten euch, …“

In einer kleinen Tonschüssel, die er in einer Hand hielt, entzündete Rowilan eine Flamme. Die Kräuter, die er darin verbrannte, verbreiteten ihren Rauch über der ganzen Aue. Aigonn wurde schwindelig. Von weitem schien es ihm, als könnte er nun die Seele des toten Tarages erkennen, ein flackerndes Licht, leicht abseits des Leichnams. Zwei Teile eines großen Ganzen, das nie wieder zusammenfinden würde. Die letzte Stufe eines Kreislaufs, der an dieser Stelle geschlossen werden sollte.

Der Trommelschlag gewann an Tempo. Aigonn klammerte sich an eine Tonschüssel, die sein Abschiedsgeschenk für Tarages verwahrte. Jeder hatte einen letzten Gruß für den Toten mit sich genommen. Und dieser schien nun mit wachen, neugierigen Augen darauf zu spähen, was man ihm mitgebracht hatte.

Unschuldig wie ein Kind, entkam es Aigonn. Und als er dies zu Ende gedacht hatte, schien die Seele des Toten ihren unsichtbaren Blick direkt auf ihn gerichtet zu haben. Er lächelte. Es gab nichts, an dem man diese Behauptung festmachen konnte. Doch Aigonn wusste es. Nur einen Herzschlag lang begegneten sich die beiden Freunde zum letzten Mal, dann wandte Tarages sich ab und blickte zum See hinaus.

Plötzlich stolperte Aigonn zwei Schritte nach hinten. Eine Druckwelle jagte über den See, heftig, wie ein Erdbeben, doch von keiner einzigen Welle verraten. Ihr folgte eine Kraft nach, eine Kraft, die nichts Böses in sich trug, doch die von einer solchen Stärke und ungewohnten Beschaffenheit war, dass es Aigonn die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Schwer atmend sah er zum See hinaus. Ein blasses Licht schimmerte in dessen Zentrum. Er brauchte Rowilan nicht, um zu wissen, dass die Götter ihre Bitten erhört hatten. Dieses Tor zur Anderen Welt stand offen.

Dann verstummten die Bittrufe der Menschen. Im Takt der Trommel legte jeder sein Geschenk auf den Boden, während zwei Männer den Leichnam des Toten in den Grabhügel trugen. Vier Schritte, dann hatte die Dunkelheit den toten Körper verschlungen. Tarages’ Seele stand unbewegt da. Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen blickte er auf die Gegenstände, die man ihm darbot: Waffen, teures Geschirr, voll von kostbarem Wein, schön geschmiedeter Schmuck und kunstvoll bestickte Tücher. Sie waren alle Zeichen von Freundschaft, von jahrelanger Anerkennung. Niemand hatte den Tod dieses jungen Mannes herbeigewünscht, der kaum das Mannesalter erreicht hatte. Tarages lächelte.

Aigonn jedoch taumelte wie ein Betrunkener, als seine Tonschüssel ins Gras glitt. Kalte Schauer jagten ihm über den Rücken. Für einen Herzschlag spähte er nach oben, um zu sehen, ob er der einzige war, der diese gewaltige Kraft fühlen konnte. Und es wurde ihm mulmig zumute, als sich seine Vermutung bestätigte.

Nimm dieses Geschenk, alter Freund! Es kostete ihn Überwindung, sich auf die unausgesprochenen Worte zu konzentrieren. Seine Finger fassten das Tuch und enthüllten drei bronzene Schmuckstücke in der Schüssel. Sie waren keine Kunstwerke, nur einfache aus Draht gedrehte Armreife für das Handgelenk, die Aigonn einem fahrenden Händler abgekauft hatte. Doch trotz ihrer Schlichtheit hatte Tarages ihn immer um sie beneidet. Sie hatten ihm besser gefallen als vieler anderer Schmuck. Deshalb wollte Aigonn sie ihm überlassen.

Er schwankte, während er aufstand. Die Trance der Trommel war so undurchdringlich, dass niemand bemerkte, wie Aigonn das Schauspiel in nicht gekannter Intensität verfolgte. Als der Rhythmus noch einmal an Tempo gewann, sog Aigonn scharf die Luft ein. Aus der Kraft, die von der Mitte des Sees einen Strahlenkranz aussandte, begann sich ein Sog zu bilden. Tarages’ Seele formte einen letzten Gruß. Begleitet von den Stimmen all seiner Freunde, Verwandten und früheren Gefährten, löste er sich von dem Grabmal und schwebte hinaus, auf das Licht zu.

Plötzlich verlor Aigonn das Gleichgewicht. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, krallte sich ein unbekanntes Etwas um seinen Hals. Sein Atem versiegte. Röchelnd schlug er ins nasse Gras, während er panisch an seinen Hals zu greifen versuchte. Doch anstatt etwas Fassbares in Händen zu halten, spürte er nur eine Kälte, die ihn so plötzlich erfasste, dass ihm das Herz stehen bleiben wollte.

Was bist du?, schrie er panisch in seinem Kopf. Wo vorher sein Hals gewesen war, spürte er nur ein Kältebrennen, dass ihm der Schädel zu platzen schien. Der Boden verlor an Substanz unter seinem Körper. Schwindel überkam ihn. Hilflos strampelte Aigonn, während sein Bewusstsein immer weiter aus der Welt der Menschen abdriftete. Nur noch durch einen Schleier sah er den kleiner werdenden Lichtkegel in der Mitte des Sees immer näher kommen. Er bekam keine Antwort. Nur ein Zischen, das niemals ein Mensch hätte erzeugen können, hing über ihm in der Luft. Irgendeine Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass er es verstehen konnte, wenn er wollte, doch seine Kräfte schwanden mit jedem Herzschlag.

„Nicht … kein weiterer … weiteres Mal … wirst du …wirst du mir entgehen! Erwache, Schlafender, erwache endlich!“

Aigonn glaubte, sein Trommelfell würde platzen. Die Stimme hallte so hoch in seinem Schädel wider, dass er am liebsten aufgeschrien hätte. Doch zum Schreien fehlte ihm der Atem. Das Röcheln reichte immer tiefer. Seine Lunge verbrannte. Irgendein Teil seines Kopfes hatte sich mit dem Unvermeidbaren abgefunden und besänftigte seinen Widerstand. Meine Zeit scheint gekommen zu sein …

Plötzlich war sein Hals frei. Der Druck brandete so unvermutet zurück, dass Aigonn einen Herzschlag lang meinte, zurückgeworfen werden zu müssen. Wasser. Er schwebte direkt über dem See. Wo war das Wasser? Seine Kräfte ließen nach. Er konnte nicht mehr. Ein einziger, gewaltiger Atemzug war genug, dass er im Schwindel ertrank. Ein grau-weißer Lichtblitz zischte an ihm vorüber. Das ohrenbetäubende Kreischen kehrte zurück – das Kreischen, das ihn beim Grab der Götter verfolgt hatte. Und sie kamen wieder, die Bilder. Bevor die Dunkelheit ihn verschlang, sah er sie noch einmal, zwei große, tote Augen in einem verrenkten und verdrehten Körper. Derona. Derona …, rette mich!

„AIGONN!” Ein Schlag. Die Haut brannte auf seiner Wange, als Aigonn aus dem Schwindel in die Wirklichkeit auftauchte. Die farbigen Schlieren nahmen so schnell Gestalt an, dass ihm beinahe übel geworden wäre. Doch der unsägliche Schmerz in seiner Kehle betäubte jegliche weitere Empfindung.

„AIGONN, bei allen Göttern! Hörst du mich?“

„Efoh…“ Das Wort brannte in seinem Hals. Er schien so ausgetrocknet, dass der Husten ihn schneller überkam als die Beherrschung. Röchelnd spie Aigonn Schleimklumpen auf die Erde, halb ohnmächtig vor Schmerz, während die Wirklichkeit wieder Konturen annahm.

Kein Wasser. Er lag auf dem Gras direkt neben der Tonschale, die seine Geschenke an Tarages beinhaltete. Flüchtig erhaschte er aus dem Augenwinkel den letzten Lichtfunken aus der Mitte des Sees. Er lag auf dem Trockenen. Das Feuchte an seinem Körper war sein eigener, kalter Schweiß.

Alle Menschen des Dorfes hatten sich zu einer schreckensstummen Traube um ihn zusammengefunden. Als Aigonn sich vorsichtig aufzurichten begann, wichen sie erschrocken zurück, als ob etwas Böses von jeder seiner Bewegungen ausging. Aigonn wusste nicht, was er tun sollte. Der Schrecken hatte sich so tief in seine Züge gebrannt, dass er nicht sagen konnte, ob er einfach sitzen bleiben oder schreiend davonrennen sollte. Am liebsten rennen. Er wollte rennen, weg, irgendwohin, wo ihn dieses namenlose Geschöpf nicht verfolgen konnte. Seine Finger prickelten noch immer vor Kälte, als ob alle Wärme des Sommers nicht mehr zu ihm durchdringen konnte.

In sicherem Abstand standen die Menschen um ihn herum. Efoh war der einzige, der nur mit Bestürzung, nicht mit namenloser Angst zu ihm hinabsah. Für einen Herzschlag glaubte Aigonn, die Zeit würde einfrieren, bis Rowilan langsam die Menge teilte und vorsichtig auf ihn zukam.

Der Schamane schwankte – ganz gleich, wie gern er diese Tatsache verborgen hätte. Die Wirkung des heiligen Göttertrankes war kaum von ihrem Höhepunkt abgeklungen, sodass seine Augen fern und geweitet wirkten.

Mit einem undeutbaren Ausdruck sah der Schamane zu ihm hinab, bevor er vor Aigonn in die Knie ging. Schweigend fischte seine Hand eine Faust breit neben Aigonns Kopf nach einer unsichtbaren Substanz, die niemand außer ihm zu sehen schien. Einen Herzschlag lang schienen die Augäpfel aus seinen Höhlen zu fallen, bevor er sich fing, schwankend aufstand und mit klarer Stimme verkündete: „Habt keine Furcht! Das … das Böse umgibt ihn nicht mehr!“

Aigonn glaubte ein Aufatmen zu hören, aber dennoch kam niemand näher. Endlich gelang es ihm, mit heiserer Stimme hervorzupressen: „Was … war das … das Böse?“

„Das kann ich dir selbst nicht sagen!“ Rowilans Miene wurde plötzlich so finster, dass es Aigonn schauerte. „Aber du, junger Mann, entkommst mir kein weiteres Mal. Jetzt ist Schluss mit deinen Spielereien!“

Der Schamane

Schweigend kehrten die Bärenjäger zu ihrer Siedlung zurück. Efoh war der einzige, der Aigonn stützend neben sich herschleppte, während diesem immer wieder die Beine wegbrachen. Der junge Krieger ging unter dem Gewicht seines Bruders beinahe in die Knie. Doch außer Rowilan, der mit düsterer Miene vor ihnen herlief, wagte sich niemand näher als zwanzig Fuß an die Spitze der Prozession heran.

Mehrmals hatte Aigonn mit einer Ohnmacht zu kämpfen, bis die Palisaden des Dorfes in Sicht kamen. Die beiden Wachposten, die zurückgeblieben waren, empfingen ihre Sippenmitglieder mit verwunderten Blicken und wagten erst, Fragen zu stellen, als Aigonn, Rowilan und Efoh endlich das Haus der beiden Brüder erreicht hatten.

Erschöpft stolperte Aigonn über die Schwelle. Obgleich die schwüle, rauchgeschwängerte Luft im Inneren wie Holzspäne in seiner Kehle scheuerte, fühlte er doch die alte Sicherheit, die dieses Haus seit Kindertagen auf ihn ausstrahlte. Leise drang das Singen seiner Mutter durch den Raum. Kein Laut verriet, dass sie die Ankunft ihrer Söhne wahrnahm – auch nicht, als diese mit Rowilan bis zum Herdfeuer liefen.

Der Schamane nahm sich nicht die Zeit, die Hausherrin zu grüßen. Ungeduldig wartete er, bis Efoh seinen Bruder auf einem der Felle abgesetzt hatte, bevor er sich vor ihm aufbaute und zu sprechen begann: „So, mein junger Freund! Wenn du glaubst, weiterhin auf eigene Faust Kräfte zu erwecken, die du nicht kontrollieren kannst, unterschätzt du mich sehr!“

Rowilan sprach nicht laut, aber die Drohung war unverkennbar. Aigonns Blick flackerte, als ob er das Bewusstsein verlieren würde. Der Schamane aber gab ihm diese Gelegenheit nicht.

Mit einem Schlag auf die Wange brachte er Aigonn in die Wirklichkeit zurück. Dieser wollte protestieren, aber Rowilan schnitt ihm das Wort ab: „Verstehst du, was ich sage? Weißt du, in welche Gefahr du uns alle bringen kannst?“

„Ich habe nichts getan!“ Aigonn war nicht wach genug, um dieses Wortgefecht zu bestreiten. Das eisige Brennen in seiner Kehle hatte nachgelassen, machte jedoch keine Anstalten, ihn zu erlösen. Immer wieder verschwammen die Bilder vor seinen Augen, während er Rowilan zornesrot anlaufen sah und der Schamane seine Beherrschung verlor:

„ELENDER, VERBISSENER LÜGNER! Wann akzeptierst du endlich, dass ich dir nicht schaden will, sondern uns alle nur vor einem gewaltigen Unheil bewahren! WAS HAST DU GETAN? WIE HAST DU DIESES BÖ-SE, WAS IMMER ES SEIN MAG, GERUFEN? WELCHE GEISTER HAST DU ERWECKT?“

„BEI ALLEN GÖTTERN, ICH TRAGE DARAN KEINE SCHULD!“ Nach diesem Schrei brannte es Aigonn so sehr im Hals, dass er röchelnd zu husten begann. Efoh war vor Schreck aufgefahren und besann sich erst langsam, dass er zwei Becher voll Bier in den Händen hielt. Selbst ihrer beider Mutter war für Bruchteile eines Augenblicks zusammengezuckt und hatte in die Richtung ihres ältesten Sohnes gesehen, als hätte die Wirklichkeit sie endlich wieder für sich gewinnen können. Doch der Schein trog. Weder Aigonn noch Efoh bemerkten, wie sie sich wieder abwandte und in die Apathie verfiel, die ihre eigene Art zu leben war.

Der Aufschrei hatte Rowilan zum Schweigen gebracht. Finster wartete der Schamane, bis Aigonn zu Atem gekommen war und ließ ihm Zeit, nach einem Schluck Bier endlich seine Sicht der Dinge zu erläutern. Aigonn hatte die Augen halb geschlossen, als er mit gequälter Stimme erzählte: „Ich habe niemanden gerufen! Ich habe lediglich der Prozession beigewohnt, bis die Götter unsere Wünsche erhört haben und die Tore zur Anderen Welt aufgegangen sind. Dazu habe ich gar nichts beigetragen, nichts! Ich habe nur gewartet und mitgesprochen, nichts sonst!“

„Gar nichts?“ Rowilan blieb skeptisch. „Du hast auch nicht zufällig versucht, mit einem kleinen, selbstgebrauten Trank deine Sinne zu erweitern? Oder einem Händler irgendein Wundermittelchen abgekauft?“

„Nein, so glaubt mir doch! Ich brauche so etwas gar nicht. Es ist ganz egal, wohin ich gehe, sobald die Grenze zwischen den Welten dünner wird, kann ich die Kraft dieser Orte spüren, auch die der Anderen Welt. Ich habe es kaum ertragen können, als sich das Tor geöffnet hat. Dieses … dieses Wesen, was immer es sein mag, hat mich einfach überfallen.“

Rowilan schwieg nachdenklich. Obgleich sich die finstere Miene tief in sein Gesicht eingefurcht hatte, schien er Aigonn allmählich Glauben zu schenken. Prüfend überflog sein Blick die Gestalt seines Gegenübers, als er sich endlich vor Aigonn auf den Fellen niederließ und anmerkte: „Dass du große Kraft besitzt, weiß ich. Das wusste ich schon lange. Wenn deine Mutter es zugelassen hätte, wärst du jetzt vielleicht schon bereit, meine Nachfolge anzutreten, wenn mir etwas zustoßen würde. Doch ich kann nicht verstehen, warum irgendein Geist aus der Anderen Welt dich angreifen oder dir schaden will. Sicherlich mag es solche geben, die uns Menschen nicht wohlgesonnen sind. Aber sie würden niemals jemanden angreifen, der ihre Macht so deutlich vor sich sehen kann. Das bringt ihnen keinen Vorteil – schon gar nicht, wenn du nicht versuchst, sie zu jagen. Oder hast du so etwas probiert?“

Der scharfe Ton entlockte Aigonn ein genervtes Schnaufen. Er hatte überhaupt keinen Sinn dafür, Rowilan jetzt sein Herz auszuschütten. Es gab keinen Grund dafür, dem Schamanen zu vertrauen. Er wusste genug und hatte vor allen Dingen genug gesehen, um ihm zu misstrauen – ganz gleich, wie sehr ihn diese Geschehnisse ängstigten. Die Nebelfrau würde Rat wissen. Er würde mit ihr sprechen, gleich heute schon.

Als Rowilan keine Antwort erhielt, drängte der Schamane weiter: „Aigonn, glaub mir doch endlich, dass du beginnen musst, deine Fähigkeiten kontrollieren zu lernen! Es ist nicht zu spät, noch immer mein Schüler zu werden! Wenn du mir vertrauen und mir erlauben würdest, in einem Ritual deinen Gedanken beizuwohnen, sehen zu können, was du siehst, dann könnte …“

„NEIN!“ Plötzlich war Aigonn das Wesen, das versucht hatte, seine Seele in die Andere Welt zu ziehen, völlig egal. Eine uralte Welle des Misstrauens und der Abscheu überkam ihn so unvermittelt, dass jegliches Verständnis für Rowilan zu Staub zerfiel. Er wollte es noch immer. Dieser Mann hatte die Hoffnung auch nach all den Jahren nicht aufgegeben, dass er eines Tages Aigonns Kräfte würde kontrollieren können. Mehr wollte der Schamane doch nicht!

„Nein, Ihr kommt nicht in meinen Kopf! Niemals! Das lasse ich nicht zu!“

Die Hoffnung bröckelte aus Rowilans Gesicht wie trockener Schlamm. Wutentbrannt sprang der Schamane auf. Die Zornesröte schoss ihm in die Adern, dass er wie ein tobender Stier über Aigonn stand. Und in seiner Stimme lag nicht nur Wut, sondern auch Enttäuschung, als er durch den Raum schrie: „IHR GÖTTER HELFT MIR! Wann begreifst du endlich, dass ich nicht die Schuld am Tod deiner Schwester trage! Ich habe nichts getan! Nichts hat darauf hingedeutet, was sie geplant hat. Denkst du nicht auch, dass es mich ebenso schlimm getroffen hat wie dich selbst?“

Nein, dachte Aigonn. Und sein Blick spie puren Hass. Einen Herzschlag lang blickte Rowilan zu ihm hinunter, als hoffte er tief in seinem Innersten noch immer, auf Verständnis zu treffen. Aber als er sich klar machte, wie zwecklos all dieses Bitten und Flehen war, schüttelte er den Kopf und stürmte zornig zur Tür hinaus.

Einen Moment lang herrschte Totenstille in dem kleinen Haus. Das Feuer war zu einer schwachen Glut heruntergebrannt, deren Knistern man nur noch mit Mühe hören konnte. Aigonns Mutter saß neben dem Regal und starrte mit fragendem Blick in den Raum, als kämpfte ihr Geist gegen die löchrige Barriere zur Außenwelt, die einen Teil der Auseinandersetzung hineingelassen haben mochte. Efoh hockte reglos neben dem Bierfass, den vollen Becher in der Hand, den Rowilan nicht angerührt hatte. Sein Blick ruhte auf Aigonn, der hasserfüllt zur Tür starrte, als könnte sein Blick dem Schamanen selbst durch die Hauswand einen Dolch in den Rücken jagen.

Er hatte es so oft versucht! So oft wollte er Rowilan schon Glauben schenken, dass er unschuldig war, dass er für Derona immer nur das Beste gewollt hatte. Doch die Bilder, die Aigonn vor Augen hatte, sprachen eine andere Botschaft.

Als Efoh den Becher abstellte, holte das Geräusch Aigonn in die Wirklichkeit zurück. Mit nach Bestätigung suchendem Blick sah er zu seinem Bruder, erhielt aber nur eine wortlose Antwort, die er nicht recht zu deuten wusste. Schon oft hatte Efoh bemerkt, dass er Aigonn zustimmte, dass er sich ebenso sicher war wie sein Bruder, was Deronas Tod betraf. Auch, wenn er sich ungern dazu geäußert hatte. Doch an diesem Abend gewann Aigonn den Eindruck, er hatte nie alles erfahren, was Efoh bewegte. Und was Efoh wirklich dachte, so klein er damals beim Tod ihrer beider Schwester auch gewesen war.

Die Müdigkeit war es, die Aigonn dazu brachte, nicht weiter über diese Dinge nachzugrübeln. Efoh hüllte sich in Schweigen. Und als seine Mutter wieder leise vor sich hin zu summen begann, brachte ihm die Vertrautheit seines Zuhauses endlich die Ruhe, die er sich ersehnt hatte.

Aber als er einschlief, entglitt sie ihm wieder.

Derona stand vor dem Haus im Regen. Ihre brustlangen, dunkelblonden Haare klebten wie Schlangen an ihrem triefend nassen Kleid, das ihren abgemagerten Körper wie ein Leichentuch zu umgeben schien. Jung war sie, kaum neunzehn Jahre alt. Aigonn erinnerte sich an den Anblick ihrer grünen Augen, die gehetzt nach draußen starrten, ungewiss, welche Gedanken sich dahinter verbargen. Er sah sich selbst, ein Kind, einen kleinen Jungen, der am Rockzipfel seiner Schwester zupfte, bevor sie ihn mit einer unwirschen Bewegung davonscheuchte.

Sie sprach nicht mit ihm. Auch nicht, als er zu weinen begann. Ihrer beider Mutter war nicht im Haus. Sie hatte ihre beiden ältesten Kinder voller Sorge zurückgelassen, um Efoh suchen zu gehen, der vom Spielen im Wald noch immer nicht zurückgekehrt war. Aigonn war allein mit Derona. Er hatte sich beim Schnitzen tief in den rechten Handballen geschnitten und presste weinend einen Stofffetzen auf die blutende Wunde. Seine Mutter hatte ihm immer die Wunden verbunden, mit Salben eingerieben. Doch er wusste nicht, welches Tontöpfchen er nehmen musste, denn manche von ihnen enthielten Gift, das seine Mutter gegen die Mäuse im Vorratslager verteilte.

Derona hätte ihm das richtige Döschen geben können. Doch so sehr er um ihre Hilfe bettelte, sie beachtete ihn nicht. Sie schien ihn so wenig wahrzunehmen, dass ein Hund an seiner Stelle an ihrem Rock hätte reißen können.

Es verging ein langer Moment, in welchem der blutende Aigonn hinter seiner Schwester ausgeharrt hatte, bis Rowilan durch den Regen seine Bitten erhörte. Rasch lief der Schamane zu ihrem Haus. Ein besorgter, furchtsamer Blick haftete auf Derona, bevor er Aigonn an der Hand nahm und ihn im schnellen Schritt ins Haus hineinführte.

„Was hast du denn gemacht?“ Der Ton des Schamanen verriet, dass seine Gedanken nicht bei der Sache waren. Als Aigonn ihm den tiefen Schnitt in seiner Hand zeigte, ließ sich Rowilan sagen, wo Aigonns Mutter die Salben verwahrte. Es brauchte nur eine kurze Geruchsprobe an verschiedenen Töpfchen, bevor er gefunden hatte, was Aigonn brauchte. Die Salbe brannte in der Wunde, und der Verband, den Rowilan aus einem Lumpen band, saß unangenehm fest. Doch bald ließ der Schmerz nach.

Der Schamane im Gegenzug vergaß den Jungen binnen weniger Herzschläge. Vorsichtig näherte er sich Derona. Aigonn sah seine Hand zittern, als Rowilan die junge Frau an der Schulter berührte, leise ihren Namen flüsterte und hinnahm, dass sie ihn ignorierte.

„Derona! Derona, hörst du mich?“ Seine Stimme war sanft. So sanft, wie Aigonn es nur von seinem Vater kannte, wenn dieser mit seiner Mutter sprach. Er wusste, dass Derona Rowilans Schülerin war – auch wenn er damals nicht begriffen hatte, worin ihre besonderen Fähigkeiten bestanden. Sie beide verbrachten viel Zeit miteinander. Mehr, als es Aigonns Mutter lieb war.

„Derona!“ Als Rowilans Hand zärtlich über Deronas Wange zu streichen begann, kehrten die Gedanken der jungen Frau einen Augenblick lang in die Wirklichkeit zurück. Ruckartig packte sie den Schamanen am Handgelenk. Der Hilfeschrei, der in ihrem Blick mitschwang, jagte Rowilan einen Schreck in die Knochen, den selbst Aigonn vom Haus aus erkennen konnte. Deronas Hände zitterten. Ihre Lippen vibrierten vor Anspannung, als sie dem Schamanen mit gebrochener Stimme zuflüsterte: „Ich bitte dich, hilf mir!“

Das Bild verschwand vor Aigonns Augen. Er konnte sich erinnern, dass es andere Tage gegeben hatte. Tage, an welchen Rowilan voller Triumph mit seiner Schülerin vor die Menschen getreten war, um ihnen zu verkünden, welche großartigen Fortschritte sie machte. Niemals hatte er sich genau ausgedrückt, was hinter den Lehmwänden seiner leicht abgeschiedenen Behausung geschah. Denn das Wissen der Schamanen war ausnahmslos den Eingeweihten vorbehalten, in jeder Hinsicht. Weder Aigonn noch seine Eltern hatten erfahren, zu was Derona in der Lage war, was sie wirklich gesehen hatte. Aigonns Mutter hatte immer geglaubt, dass Rowilan die Fähigkeiten seiner Schülerin unterschätzte, verkannte. Aber der Schamane gab nichts auf ihre Worte.

Die Monate zogen an Aigonn vorbei. Einzelne Bilder blitzten vor seinen Augen auf. Er sah seine Schwester, ihr helles Gesicht mit den klaren, strahlenden Augen, die binnen weniger Monate stumpf geworden waren, wie Edelsteine, die zu lange auf rauen Boden gerieben wurden. Er wusste, was kommen würde. Die Zukunft war so undankbar, ihm alles zu zeigen, ihn allem beiwohnen zu lassen – jetzt, wo er das Ende der Geschichte kannte, ganz gleich, ob er sie verstand.

Aigonn wusste nicht, ob er schrie, ob er sich im Schlaf wehrte. Doch er entkam ihr nicht. Noch einmal sah er sie, die grünen Augen, ein warmes, strahlendes Lächeln, das plötzlich verblasste. Das Licht erlosch wie eine Fackel.

Das Grab der Götter, der Fackelkreis, ihre Knochen, die brachen, zwei tote Augen, die ihn durch die Dunkelheit ansahen, mit einer Botschaft, die er nicht deuten konnte. Niemand wusste es, niemand hatte es verhindern können. Denn niemand hatte gewusst, wie weit Derona gegangen war, wie viel sie von der Anderen Welt gesehen hatte. Außer Rowilan.

Zurückgekehrt

Als Rowilan in den Vormittag hinaustrat, schäumte er vor Wut. Seine Beine fanden den Weg zurück zu seiner kleinen Hütte, die abseits des eigentlichen Dorfes gelegen war, fast von allein. Ein Bachlauf unterbrach dort die Palisaden und machte einen eigenen Wachposten nötig, der dort täglich eine besondere Runde abschritt. Denn selbst wenn es einem gepanzerten Krieger nicht gelingen würde, unbemerkt in die Siedlung einzudringen – groß genug für eine Frau oder ein Kind war der Durchlass allemal.

Der Schamane grüßte den Krieger flüchtig, bevor er die Tür seiner Hütte aufriss. Der vertraute Duft getrockneter Kräuter, die wie Trophäen überall von der Decke hingen, bezähmte sein erhitztes Gemüt. Hier, in seinem Reich, geschahen die Dinge nur so, wie er es wollte. Hier gab es keinen Ärger, keine sinnlosen Debatten über Ehre, Vertrauen und Stolz. Nur den murmelnden Bach, dessen Geister in stiller Zufriedenheit über die schlammige Erde glitten, überall dorthin, wohin sie gehen wollten. Wasser hielt man nicht auf.

Abgespannt ließ sich der Schamane auf sein Schlaflager fallen. Der Ärger über den Jungen Aigonn nagte noch immer an seinem Stolz. Er kam sich verhöhnt vor, an der Uneinsichtigkeit dieses jungen Mannes gescheitert. Am liebsten hätte er irgendeines seiner Tongefäße gegriffen und auf dem Boden zerschlagen. Doch es wäre vergebens gewesen.

Deshalb entschied sich Rowilan, einen Moment lang neue Konzentration zu finden. Er verdrängte die Außenwelt aus seiner Behausung. Ohne auf die Geräusche der Siedlung zu achten, trank er lediglich den Anblick seiner Einrichtung in sich hinein: Die Kräuter, die an den Deckenbalken festgebunden waren, der niedrige Dachstuhl, die unzähligen Regale an seinen Wänden, wo sich Tontöpfchen und Fläschchen häuften, die Fässer neben seinem aus ganzen Stämmen geschnittenen Tisch, der halb unter unordentlich hingeworfenen Tüchern verborgen lag, die Wandnische mit den heiligsten Kultgegenständen, sein Hocker …

Dort hielt Rowilan inne. Auf dem Hocker saß Behlenos. Der Fürst begann schelmisch zu grinsen, als er sich endlich der Aufmerksamkeit seines Schamanen gewiss war. Rowilan hingegen legte die Stirn in Falten.

„Du weißt, ich mag es nicht, wenn du ohne meine Erlaubnis dieses Haus betrittst!“

„Und du hast noch nie so lange gebraucht, um meine Anwesenheit zu bemerken! Dieser Junge muss dich ganz schön geärgert haben.“

Rowilan schüttelte mit dem Kopf. „Es ist nicht zu fassen. Ich kann gar nicht verstehen, was dir Grund zu solcher Gelassenheit gibt.“

„Die Dinge gelassen zu betrachten, bedeutet nicht, ihnen weniger Bedeutung zuzuweisen. Hast du etwas ausrichten können? Wenigstens eine Kleinigkeit?“

Auf Behlenos’ Frage hin stieß der Schamane angespannt die Luft aus. Der Fürst war nicht viel älter als er selbst. Sie standen beide kurz vor dem dreißigsten Lebensjahr. Während jedoch Behlenos’ athletischer Körper Schwielen und Überbelastungen aufwies, die mehr einem Bauer als einem Krieger entsprachen, war der hagere Schamane schlank wie ein Jüngling. Hätte er Zeit und Geduld, sich den struppigen, unsauberen Bart aus dem feinzügigen Gesicht zu schneiden, könnte er den Lichtfeen nacheifern, wenn er wollte.

„Er ist beharrlich und stur, wie eh und je. Zwar hat Aigonn gestanden, dass er die Andere Welt sehen konnte, als ich das Tor geöffnet habe. Aber ich glaube immer noch, dass er mir nur die halbe Wahrheit erzählt. Es ist zum Verzweifeln!“

„Moribe hatte schon immer großen Einfluss auf ihre Kinder. Als sie nach Deronas Tod den Verstand verloren hat, konnte Aigonn ja gar nicht anders, als alles Vertrauen in dich zu verlieren.“

„Dass diese Menschen immer noch glauben, ich hätte sie geopfert!“ Die Wut hatte Rowilan eingeholt. So oft er diese Worte auch ausgesprochen hatte, sie brannten in seinem Mund wie beim ersten Mal. „Ich habe diese Frau geliebt! Derona wäre die Gefährtin an meiner Seite gewesen, nach der ich mein Leben lang gesucht habe! WEISST DU, WAS ICH GEBEN WÜRDE, WENN ICH SIE ZURÜCKHOLEN KÖNNTE?“

„Ich weiß es.“ Behlenos’ Tonfall änderte sich kaum. „Du warst damals ein sehr junger Schamane, kaum aus der Lehrzeit entlassen. Ich selbst habe meinen Vater ermahnt, dass du noch nicht reif genug sein könntest, um gleich die höchste Position deines Standes zu übernehmen.“ Diese Worte versetzten Rowilan einen Stich. Widerwillig spürte er seine Lippe zucken, als der Fürst weitersprach: „Aber du warst gut, besser als viele andere. Ich kannte dich, und du weißt, dass ich dir immer vertraut habe. Doch es ist nicht das erste Mal gewesen, dass ein geliebter Mensch zugunsten deines Wissensdurstes auf der Strecke geblieben ist. Und bis heute bist du der einzige, der weiß, weshalb Derona sich in den Tod gestürzt hat!“

„ICH WEISS ES NICHT, BEI ALLEN BÖSEN GEISTERN DIESER WELT!“

„Wirklich nicht?“ Behlenos erhob sich. Als ob der zornesrote Schamane vor ihm ein brüllendes Kind wäre, lief der Fürst ungerührt in Richtung Tür und verharrte dort nur kurz, um zu sagen: „Du weißt, was wir beschlossen haben. Mir ist es egal, mit welchen Mächten du dich anlegst, solange es uns nicht schadet. Denn ich weiß, dass es dir nicht aus den Händen gleitet. Aber bitte bring diesen Jungen unter deine Kontrolle, bevor etwas Schlimmeres passiert als der Verlust seines Lebens!“

Damit ging der Fürst. Rowilan starrte ihm mit geweiteten Augen nach, der Atem bebend, als wäre er über die Wiesen gerannt. In seinem Kopf tobte es. Er brauchte drei tiefe Atemzüge, bevor er aufsprang, zur Tür rannte, aber dort verharrte. Behlenos war gerade zwischen den ersten Häusern des Dorfes verschwunden. Der Bach plätscherte ungerührt in den Tag hinaus, während der wolkenlose Himmel werdende Sommerhitze versprach.

Rowilan wusste nicht, was er tun sollte. Der Zorn wurde zu einer Ohnmacht, die ihn nur noch mehr in Rage brachte. Gerade wollte er die Tür hinter sich zuschlagen, als eine Stimme ihn aufhielt: „Rowilan!“

Der Schamane wandte sich um. Aehrels bärtiges Gesicht blickte ihm von der Dorfseite aus entgegen, während die linke Hand des Kriegers das Leinen seines Hemdes knetete. „Du wolltest mich heute nach der Prozession sprechen, damit ich dir zur Hand gehen kann. Wenn du aber lieber für dich sein willst, werde ich …“

„Nein, nein.“ Rowilan mäßigte sich gezwungen. „Ich lasse mir von diesem Narr nicht alles aus dem Ruder werfen, das ich anpacken wollte. Komm mit hinein!“

„Vielleicht solltest du mich zuerst zum Tor begleiten. Was der Wachposten dort entdeckt hat, könnte dich interessieren!“

„Was soll das sein?“ Rowilan horchte auf. Der alte Krieger sprach jedoch nicht weiter, sondern winkte den Schamanen nur zu sich und folgte dem Weg zum Ausgang der Siedlung.

Versprochen hatte Aehrel nicht zu viel. Rowilans Augen weiteten sich einen Augenblick, als er an die Seite des Wachpostens – oben auf dem Wehrgang – getreten war und nun hinunter auf die Wiese schaute.

„Soll ich sie einlassen?“ Der junge Krieger blickte unsicher immer wieder nach unten und von dort zurück zu seinem Schamanen. Dieser jedoch antwortete nicht.

Vor dem Tor stand Lhenia. Rowilan erkannte ihr Äußeres, auch wenn er nicht sagen konnte, was sich an ihr verändert hatte. Denn etwas gab es. Ruhig sah sie zu den drei Männern hinter den Palisaden hinauf, zu welchen sich immer mehr Schaulustige gesellten. Mit faltiger Stirn musterte Rowilan sie. Es war Lhenia. Doch auf eine gewisse Weise auch nicht. Vielleicht war es der Ausdruck in ihren Augen. Ein unheimlicher Schimmer, nicht menschlich, nicht einmal irdisch, schien von ihr auszugehen. Es war eine Aura, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Der Schamane konnte nicht sagen, wie ein Mensch sich veränderte, wenn er die Andere Welt gesehen hatte. Aber Lhenia hatte es, da war er sich sicher.

„Öffne das Tor!“, gebot er dem Wachposten und folgte diesem die Palisaden hinunter. Ein feines Lächeln umspielte die Lippen der jungen Frau, als man ihr Einlass gewährte. Der Schamane war wider Willen bereits von einer Horde neugieriger Kinder umgeben, die erwartungsvoll zwischen den Beinen ihrer nicht minder angespannten Eltern hervorlugten. Mit einer unwirschen Handbewegung hielt Rowilan die Menge auf Abstand, als sich das Tor zur Gänze geöffnet hatte und er nun die Frau von Angesicht zu Angesicht sah, die sie auf wundersame Art und Weise alle gerettet hatte.

„Sei gegrüßt, mein Kind.“ Ungewollt schauerte es den Schamanen ein zweites Mal. Obwohl Lhenia sich teilweise gewaschen und scheinbar mehrere Nächte unter freiem Himmel verbracht hatte, waren ihre Kleider noch immer dieselben, mit denen sie vor die Götter der Anderen Welt getreten war. Blut klebte braun und angetrocknet überall auf dem verdreckten Leinen, als wäre sie eine der Todesfeen, die vor jeder Schlacht die Hemden der Todgeweihten wuschen. Die Wangen waren noch immer gerötet vom heiligen Ocker. Sie trug die geweihte Farbe der Geopferten wie eine Kriegsbemalung, während sie ruhig und berechnend zu Rowilan aufsah.

Der Schamane spürte, dass Lhenia versuchte, sich zu geben, wie sie früher gewesen war – zu tun, als ob nie etwas Sonderbares geschehen wäre. Doch sie war nicht in der Lage dazu. Lhenia war anders, anders als früher. Rowilan spürte es, und noch mehr bereitete ihm Unbehagen, dass dieses junge Mädchen mit einer solchen Situation erstaunlich gelassen umzugehen schien.

Als ihm allmählich bewusst wurde, wie unverhohlen er Lhenia musterte, löste Rowilan sich aus seiner Erstarrung und forderte sie auf: „Nun komm doch herein! Niemand hat dich verstoßen, nur weil die Götter dir ein besonderes Schicksal auferlegt haben. Wir sind froh, dass du zu uns zurückgekehrt bist!“

Damit ging er auf Lhenia zu und breitete die Arme zum Willkommensgruß aus. Zögerlich erwiderte die junge Frau seine Geste. Rowilan spürte Unsicherheit, Verkrampfung, sodass Lhenia sich schnell wieder löste.

Der Schamane lächelte warm und legte väterlich eine Hand auf ihre Schulter. „Und nun folge mir! Du hast viel erlebt und bist sicherlich erschöpft. Es gibt keinen Grund, dass du hier stehst wie eine Fremde!“

Wenn du wüsstest! Die Mundwinkel der jungen Frau zuckten so unmerklich, dass es dem Schamanen nicht auffiel. Sie war erleichtert zu erfahren, dass dieser Junge namens Aigonn ihr Geheimnis scheinbar niemandem anvertraut hatte. Das machte die Sache einfacher. Zwar mochte es ihr schwer fallen, eine Person zu mimen, die nur noch wie ein grauer Schleier in ihrem Schädel hing. Doch die Vertrautheit, die jenes Mädchen namens Lhenia mit diesem Ort, dem Dorf, verbunden hatte, erfasste den fremden Körper noch immer.

Das Dorf war voller Erinnerungen. Die junge Frau konnte nicht sagen, ob es die Lhenias oder vielleicht sogar ihre eigenen waren. Doch Wärme, Geborgenheit und Sicherheit machten die Ankunft in dieser Siedlung bei weitem einfacher.

Mit einem knappen Dank an das freundliche Willkommen des Schamanen folgte sie dem Mann in das Dorf hinein. Die junge Frau konnte nicht leugnen, dass sie sich trotz äußerer Gelassenheit unbehaglich fühlte, während sämtliche Menschen auf Wegen, in Hauseingängen und Gärten bei ihrem Anblick innehielten, verstummten und kurz darauf misstrauisch zu tuscheln begannen. Als ich zurückgekehrt bin, haben sie einen Eindruck von der Welt erfahren, die normalerweise nur ein Schamane in solchem Ausmaß erlebt. Und es prickelte auf ihrer Haut, als die junge Frau sich bewusst machte, dass sie – sie, wer auch immer das war – wie die alten Großmeister vergangener Tage den Sprung zwischen den Welten vielleicht nicht selbst gewagt, aber trotzdem vollbracht hatte. Sie hatte die Andere Welt gesehen. Sie war mit dem Bewusstsein ihres vergangenen Lebens und den Eindrücken aus der Welt der Götter und Geister auf die Erde zurückgekehrt – ganz gleich, wie unterschwellig und dumpf sich diese Erinnerungen verborgen hatten.

Doch als die Gedanken der jungen Frau in die Wirklichkeit abschweiften, dämpfte das ihre Euphorie. Der Schamane spürte, dass etwas geschehen war. Auch wenn er sicherlich vermuten musste, dass der Gang zwischen den Welten auch eine vertraute Seele nicht ungerührt lassen würde, schien er doch zu erkennen, dass noch mehr geschehen war als das.

Spürte er, dass sie eine andere war? Und wenn ja, war es klug, sich ihm anzuvertrauen? Die junge Frau vermochte nicht einzuschätzen, ob man diesem Mann – Rowilan, wie er gerufen wurde – nun wahrlich vertrauen konnte. Er schien eine ganz eigene Sorte Mensch zu sein – nicht der Menge nachfolgend, sondern polarisierend. Ein Mann der Macht, der nicht einen Funken davon verschenken würde.

Verstohlen huschte der Blick der jungen Frau immer wieder zu den umstehenden Menschen. Es waren vorwiegend Frauen. Viele Männer hatte sie draußen auf den Feldern arbeiten sehen. Doch auch einige Halbwüchsige und Krieger hatten sich dazwischen gemischt. Immer wieder glaubte sie, Aigonn erkannt zu haben, doch sie irrte sich. Er war nicht da. Hatte scheinbar nichts von ihrer Ankunft erfahren. Auf eine gewisse Weise wurde der jungen Frau ihr Weg dadurch schwerer. Sie fühlte sich unwohl in dieser fremden Haut, die jeder der Anwesenden kannte und mit einem Menschen verband, der längst vor die Götter getreten war. Jeder, außer Aigonn. Der einzige, dem sie sich anvertraut hatte. Innerlich musste die junge Frau sich eingestehen, dass sie ihn gern an ihrer Seite gewusst hätte. Mit jedem Schritt, den sie dem Schamanen nachfolgte, fühlte sie sich mehr so, als wollte man sie einem Richter ausliefern.

Der Schamane Rowilan für seinen Teil würdigte sie keines Blickes, bis sie ein größeres Lehmhaus erreicht hatten, das sich durch die kunstvollen Schnitzereien in den Dachbalken schon von weitem von den anderen Behausungen abhob. Innen fand sie eine kleine Gruppe Männer vor, die man scheinbar auf ihren Besuch nicht vorbereitet hatte.

Ganz gleich, wie freundlich Rowilan ihnen die Nachricht verkündete, als die junge Frau in den großen Speiseraum hineintrat, starrten sie acht geweitete Augen an, als wäre sie ein Geist und kein Mensch. Es brauchte einen langen Augenblick, bis einer der Männer, den sein filigraner Goldschmuck als Mann von Einfluss auswies, aufstand und nun mehr verblüfft als bestürzt herausbrachte: „Lhenia! Lhenia …, es … es freut mich sehr, dass du zurückgekehrt bist!“

Der Mann fasste ihre Hände. Wie ein Blitz flammte eine unkenntliche Erinnerung tief im Geist der jungen Frau auf. Doch sie verschwand schneller, als dass ein Name zurückgeblieben wäre. Er ist der Fürst. Mehr konnte sie nicht sagen. Ihr Magen verkrampfte sich zusehends, als der Mann sie zärtlich am Rücken fasste und zu dem Tisch führte, wo die anderen Männer sie noch immer schweigend anstarrten.

„Mein Kind …“ Der Fürst hatte sich gefasst. Während Rowilan mit den anderen Männern undeutbare Blicke tauschte, sagte er: „Verzeih, dass wir dich so unhöflich begrüßen, aber – zugegeben – heute hat niemand mit dir gerechnet.“

„Das dachte ich.“ Ein Lächeln umspielte die Lippen der jungen Frau. Die Augenbraue des Fürsten zuckte, bevor er väterlich nach ihrer Hand griff und mit warmer Stimme fragte: „Aber nun – wie geht es dir? Ich kann mir vorstellen, dass dich die Geschehnisse sehr mitgenommen haben. Gibt es irgendetwas, das ich für dich tun kann?“

Hinter den Augen des Fürsten arbeitete es. Die junge Frau musste sich zusammenreißen, nicht berechnend zu lächeln. Sie spürte, dass die lieben Worte nur die Einleitung in ein freundlich getarntes Verhör waren. Sie wissen nicht, was geschehen ist. Sie wollen mich aushorchen. Doch der abwartende Blick des Fürsten brachte sie von ihren Gedanken ab und zu einer zögerlichen Antwort: „Ich … würde gerne meine Familie sehen.“

Das Lächeln des Fürsten wurde breiter. „Aber sicher! Bestimmt hat jemand deinem Vater bereits Bescheid gegeben. Doch … bis er kommt … wärst du mir böse, wenn ich dir einige Fragen stelle?“ Sein Blick war vielsagend. Die junge Frau musterte ihn misstrauischer, als sie es beabsichtigte. Immer wieder ermahnte sie sich: Lhenia kannte ihn, sie hätte ihm vertraut. Doch wenn es dieses Vertrauen jemals gegeben hatte, war es fort. Die junge Frau vertraute diesem Mann nicht. Sie war nicht Lhenia. Sie wusste nur, dass man ihr einen Auftrag zugedacht hatte – und solange sie nicht sagen konnte, um was es sich handelte, wollte sie diese fremden Menschen nicht einweihen. Dabei konnte ihr der Schamane bestimmt einen Rat geben. Vielleicht würde sie zusammen mit ihm die Erinnerungen an ihr eigenes Leben wiederfinden. Doch wenn sie ihm gar nicht vertrauen durfte?

„Ich bin sehr müde. Ich würde wirklich gern zuerst mit meinem Vater sprechen, bevor ich Eure Fragen beantworte.“

Die junge Frau schluckte. Skepsis durchzuckte für einen Herzschlag die Augen des Fürsten und sie verstand, was ihn misstrauisch machte. Zu schnell, zu ausweichend war diese Bitte gekommen. Vielleicht hatte sie jetzt schon verraten, dass sie etwas zu verheimlichen hatte.

Doch was immer die Männer dachten, sie hatten keine Gelegenheit mehr, weiter in sie einzudringen. Ohne ein vorheriges Klopfen flog die Tür zum Haus auf. Eine junge Dienerin wich erschrocken aus, als ein Bauer – die Hände und Kleidung noch braun von Erde und das Gesicht schweißbenetzt – in den Raum stürmte und vor dem Tisch wie angewurzelt stehen blieb.

Einen Atemzug lang starrte er die junge Frau an – ohne etwas zu sagen. Sie selbst war bestürzt von dem Schwall aus Emotionen, der ihr entgegenschlug: Verwirrung, Fassungslosigkeit, dazwischen Trauer und Verzweiflung, die noch immer nicht weichen wollten, obwohl der Mann längst zu begreifen begann, dass es dafür keinen Anlass mehr gab.

Wider Willen zitterte die junge Frau, als sie aufstand. Sie hatte sich kaum erhoben, als der Bauer plötzlich aus seiner Starre erwachte und sie unversehens in die Arme schloss. Tränen schossen ihm in die Augen. Sie vermischten sich mit dem Ocker in ihrem Gesicht, malten rote Streifen auf ihre Wangen, während er mit brechender Stimme herausbrachte: „Mein Kind! Mein Kind, du bist wieder da!“

Die junge Frau glaubte, an Ort und Stelle zusammenzubrechen. Die Gefühle, die über ihr zusammenschlugen, waren von einer solchen Intensität, als ob man sie mit Eiswasser überschüttete. Sie war nicht soweit. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Am liebsten hätte sie den Mann von sich gestoßen und wäre davongerannt. Doch sie wusste, dass sie das nicht tun konnte. Er weiß es ja nicht. Wie kann er wissen, dass ich eine andere bin? Eine, die so lange tot gewesen ist, dass sie mit dieser Welt nicht mehr umgehen kann.

Als jedoch die Überrumpelung aus ihren Gedanken wich, fühlte sie endlich die grenzenlose Wärme, die auf sie einströmte. Endlich jemand, der keine Hintergedanken hatte, jemand, der ihr nicht misstraute. Es tat der jungen Frau gut, die bedingungslose Ehrlichkeit zu spüren, die von diesem Mann ausging. Und sie konnte sich schließlich dazu bringen, die Umarmung zu erwidern.

Es dauerte einen Moment, bis der Bauer von ihr abließ und sich wieder fasste. Erst jetzt erkannte sie, dass das Gesicht unter seinen schneeweißen Haaren längst nicht so alt war, wie die junge Frau gedacht hatte. Voll Rührung stand er vor dem Fürsten, dem Schamanen und den anderen Männern, suchte nach Haltung, bevor er stammelte: „Herr Behlenos, ich … Verzeiht mir, aber …“

„Ist schon gut.“ Der Fürst lächelte mild. Zwar konnte die junge Frau erkennen, dass Enttäuschung in seiner Stimme mitschwang. Doch er unternahm nichts mehr, das sie oder Lhenias Vater zurückhalten würde. „Nimm deine Tochter ruhig mit. Wir können später mit ihr reden!“

„Ich danke Euch.“ Er hielt noch einen Moment inne. Dann packte er die Hand der jungen Frau, als würde augenblicklich ein Dämon zur Tür hereinstürzen und sie ihm wieder entreißen, bevor er sich umwandte und ihr mit strahlenden Augen zu verstehen gab, dass er gerne gehen wollte.

Die junge Frau fügte sich. Sie wusste nicht, ob sie sich nun besser fühlen sollte – zusammen mit einem fremden Mann nach Hause zu gehen, der in ihr seine Tochter sah, eine Tochter, die er unlängst verloren geglaubt hatte. Auf eine gewisse Weise fühlte sie sich schäbig, mit ihm auf solche Weise zu spielen. Doch ganz gleich, wie er darauf reagieren würde. Dieser Moment erschien ihr für die Wahrheit mehr als unpassend.

Gefangen

Als Aigonn die Augen aufschlug, schien ein Felsen auf seinem Körper zu liegen. Er blinzelte verschlafen in das Zwielicht des Raumes, während er sich wunderte, woher um alles in der Welt diese Müdigkeit kam. Doch sie war da. Sie schien ihn zu erdrücken. Und es fiel ihm schwer, dagegen anzukämpfen.

Als er das leise Rascheln von Schritten auf Strohmatten vernahm, zwang er sich dazu, die Augen offen zu halten. Verschwommen konnte er die Gestalt eines jungen Mannes erkennen, der leise flüsternd Obst aus einem Vorratstopf räumte, es klein schnitt und danach auf einem Teller einer sitzenden Frau in die Hand drückte.

Efoh. Die Wirklichkeit brachte auch die Schmerzen zurück. Unvermutet begann Aigonn zu husten, als er seinen Körper in eine sitzende Position hievte. Das Brennen in seiner Kehle war zu einem stechenden Kratzen verklungen, mit dem er leben konnte. Doch woher die Müdigkeit rührte, vermochte er sich nicht zu erklären.

„Aigonn!“ Efohs Stimme ließ Aigonn aufblicken. Sein Bruder stand schmunzelnd neben dem Regal, einen Apfel in der einen, ein Messer in der anderen Hand. „Haben die Geister dich aus ihren Fängen entkommen lassen?“

„Das ist nicht so witzig, wie du glaubst.“ Aigonn konnte darüber nicht grinsen. Der heisere Ton seiner Stimme erschreckte ihn – noch mehr, als er durch ein Räuspern nicht besser wurde. Finster blickte er zu Efoh auf, während er krächzte: „Wie lange habe ich geschlafen?“

Prüfend blickte sein Bruder zum Lichtstreifen unter dem Türspalt, der nur noch blass zu erkennen war. „Die Sonne müsste sehr bald nicht mehr zu sehen sein. Draußen herrscht bereits wieder Dämmerung.“

„Große Götter!“, flüsterte Aigonn, während er sich mit einer Hand über die Augen fuhr. Einen ganzen Tag hatte er geschlafen. Einen Tag lang. Verbissen versuchte er endlich, sich von der Müdigkeit zu befreien, die noch immer nach ihm langte. Je länger er sich behauptete, desto intensiver kehrten die Erinnerungen wieder – und mit ihnen Ratlosigkeit. Die Bilder hingen wie die grotesken Fetzen eines Traumes in seinem Schädel, das ohrenbetäubende Geschrei dieses Wesens hallte in seinem Kopf wider, ohne dass er es irgendeiner lebenden Kreatur zuordnen konnte.

„Möchtest du gar nicht wissen, was du verschlafen hast?“

„Was?“ Auf eine gewisse Weise störte Efoh. Aigonn war endlich wach genug, über die Geschehnisse dieses Morgens angemessen nachzudenken. Am liebsten hätte er Efoh in den Tierpferch geschickt, gleichwohl wissend, dass dieses Haus wie ihm ebenso seinem Bruder gehörte. Nur aus dem Augenwinkel erkannte Aigonn, dass seine Mutter ihn beim Essen der Obststücke immer wieder verstohlen musterte. Er hielt inne. Es war das erste Mal seit Jahren, dass seine Mutter von ihm mehr wahrnahm, als die Hintergrundgeräusche ihres vegetierenden Daseins. Abwesend schob sie sich die Apfelstücke in den Mund, während ihre Augen flackernd über sein Gesicht huschten. Aigonn konnte nicht sagen, an was sie dachte. Fragend legte er den Kopf schief. Binnen eines Herzschlags hoffte alles in ihm, dass seine Mutter auf ihn reagieren, ihm ein Zeichen geben würde. Doch sobald er die Geste vollführt hatte, trübte sich ihr Blick, driftete ihr Geist davon in die undurchdringlichen Weiten ihres Kopfes.

Enttäuscht lehnte Aigonn sich zurück. Efoh hatte wachsam die stumme Begegnung der letzten Überlebenden seiner Familie beobachtet, bevor er den Faden wiederfand. „Aigonn?“

„Was? Ja, ich höre dir zu!“

„Lhenia ist wieder hier.“

Aigonn stockte. Einen Herzschlag lang starrte er auf die Innenfläche seiner Hand, mit welcher er sich die Schläfen massiert hatte. Dann sah er zu Efoh auf. „Was sagst du?“

„Lhenia ist wieder im Dorf. Heute Morgen, wohl kurz nachdem du Rowilan deinen unbeugsamen Willen demonstriert hast, hat sie vor dem Tor gestanden. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“

Die Gedanken überschlugen sich in Aigonns Kopf. Die junge Frau, sie war zurückgekehrt. Vielleicht hatte sie Antworten auf die Fragen gefunden, die sie und Aigonn beschäftigten. Womöglich wusste sie, was hier vorging.

Ohne etwas hinzuzufügen, sprang Aigonn auf. Er gab Efoh keine Erklärung, stürzte an seiner Mutter vorbei und stolperte halb zur Tür hinaus. Das Dämmerlicht draußen kam dem Feuerschein im Inneren des Hauses nahe. Nur noch ein letzter goldgelber Schleier hing über dem Horizont, während die grauschwarze Nacht mit ihren ersten Sternen an Stärke gewann.

Die feuchte Luft und plötzliche Ruhe draußen vor dem Haus dämpften Aigonns Übermut. Sollte er einfach in das Heim des Bauern Oran stürzen und nach dessen Tochter verlangen? Das konnte er nicht. Nicht, wenn er nicht dem ganzen Dorf beichten wollte, dass er mehr von der jungen Frau zu wissen schien als sie alle. Auch wenn man dies längst vermutete. Scheinbar hatte sie nicht versucht, irgendjemand anderen in den Umstand einzuweihen, dass sie eine ganz andere als Lhenia war. Wer auch immer sie nun sein mochte. Wahrscheinlich war der Gedanke, den er eben gefasst hatte, das Unklügste, das er tun konnte.

Doch er hatte Fragen. So viele Fragen, dass deren Beantwortung nicht aufschoben werden konnte. Zielstrebig wandte er sich dem Palisadentor zu. Von hinten hörte er undeutlich, dass eine der Nachtwachen denselben Weg eingeschlagen hatte.

Die Nebelfrau! Sie würde Antworten haben! Ganz egal, wie rätselhaft sie sich sonst gerne gab. Dieses Mal würde sie Aigonn endlich Rede und Antwort stehen müssen, was auch immer für ein Spiel sie selbst mit ihm trieb.

Die Nebelschwaden, die Aigonn von weitem bereits vor dem Wald aufziehen sah, bestärkten ihn in seinem Beschluss. Als er die Palisaden erreicht hatte, wollte er bereits ohne große Fragen zu stellen das Tor öffnen. Doch auf einmal zog ihn der feste Griff einer Hand rückwärts.

„Aigonn!“ Die scharfe Stimme einer Torwache ließ Aigonn aufsehen. „Was soll das werden?“

Erstaunt hielt Aigonn inne. Ohne sich einen Reim darauf machen zu können, welchen Fehler er soeben begangen hatte, fragte er den Mann, der nur undeutlich zu erkennen war: „Was? Ich möchte hinaus, das ist alles! Hat Behlenos jetzt eine nächtliche Ausgangssperre erteilt, weil er fürchtet, die Geister der Anderen Welt könnten uns bei Dunkelheit in den Wäldern besser zu fassen kriegen?“

Aigonn hatte die Worte halb im Spaß gemeint. Doch als sich der Griff auf seiner Schulter versteifte, spürte er, dass er zu weit gegangen war. Strenge schwang in der Stimme des Wachpostens mit, als er Aigonn anwies: „Spotte nicht über unseren Fürsten! Jeder kann gehen, wohin er will! Jedoch hat Behlenos kurzfristig beschlossen, dass er dich außerhalb des Dorfes ausschließlich in seiner oder Rowilans Nähe wissen will.“

Aigonn traute seinen Ohren nicht. Er hätte beinahe gelacht, so unsinnig erschienen ihm die Worte des Wachpostens. Doch als er diesen mit voller Beharrlichkeit seine Stellung wahren sah, überkam ihn die unfassbare Wahrheit. „Das meint er doch nicht ernst! Mit welchem Recht sperrt Behlenos mich im Dorf ein!“

Das Krächzen hatte Aigonns Ausruf in eine heisere Fistelstimme gekleidet. Nur einen Atemzug lang kam ihm der Gedanke, wie ungeheuer albern er gerade eben geklungen haben musste. Doch dafür blieb ihm keine Zeit. Wut wallte ungebremst in ihm auf. Vorausschauend baute der Wachposten sich in seiner vollen Körperstärke vor Aigonn auf, sodass es ihm wenigstens ansatzweise gelang, diesen einzuschüchtern. Flüche lagen Aigonn auf der Zunge. Ein Teil von ihm hätte sie am liebsten herausgeschrien, doch die drohende Gestalt der Wache mahnte ihn eines Besseren.

Ein unkenntlicher Laut entkam seinen Lippen, als er sich umwandte und zum Dorf zurückstampfte. Aigonn kochte vor Wut. Am liebsten wäre er unversehens ins Haus seines Fürsten – oder noch besser zu Rowilan – gestürzt und hätte dort all seinem Zorn Ausdruck verliehen. Doch die Vernunft in ihm mahnte ihn schreiend zur Ruhe. Und sie hatte Recht. Wenn er so seinem Fürsten gegenübertrat, würde alles noch schlimmer werden. Die Menschen des Dorfes vertrauten ihm nicht mehr. Warum auch? Wäre er ein anderer, er hätte nicht besser gehandelt. Vielleicht würde Behlenos mit sich reden lassen. Aber nicht jetzt – und nicht in der Verfassung, in welcher Aigonn sich befand.

Tief atmend versuchte er sich zu bremsen, während er den Weg zurück in Richtung seines Hauses suchte. Es dauerte einen Augenblick, bis er feststellte, dass der Wachposten, der ihm schon bis zum Tor gefolgt war, noch immer hinter ihm herlief. Eine neue Zorneswelle überkam Aigonn. Ließ Rowilan ihn jetzt schon bespitzeln? War er so gefährlich, dass er Bewachung bedurfte? Zweimal wandte Aigonn sich herum. Am liebsten hätte er seine Wut an der Wache ausgelassen, aber ihm war klar, dass diese wohl von allen am wenigsten Schuld trug.

Somit besänftigte Aigonn sich ein zweites Mal und steuerte zielgerecht auf das Haus seiner Mutter zu. Er musste mit der Nebelfrau reden. Aigonn war bewusst, dass sie ihm noch kein einziges Mal innerhalb der Palisaden erschienen war. Womöglich gab es sogar einen Spruch, einen Bann – irgendetwas, das Rowilan gesprochen hatte, um böse Geister außerhalb des Dorfes zu halten, der die Nebelfrauen abschreckte, Gestalt anzunehmen – gewollt oder nicht. Aber er musste es versuchen. Sie wusste die Antworten auf seine Fragen. Dessen war Aigonn sich sicher.

Als er das Haus seiner Mutter erreicht hatte, stürmte er zur Tür herein, ohne sich noch einmal umzusehen. Efoh war erstaunt, seinen Bruder zornesrot wiederzusehen – so schnell. Der junge Mann legte den abgenutzten Korb beiseite, den er auszubessern begonnen hatte, und beobachtete fragend, wie Aigonn zu seinem Schlaflager stampfte und sich dort hinfallen ließ.

„Was ist dir denn widerfahren? Hast du versucht, mit Lhenia zu sprechen?“

„Nein! Nein, nein, hab ich nicht!“ Aigonns Wut war nur zum Teil abgeklungen.

„Was denn dann?“

„Was? Ach …, vergiss es! Vergiss es, ich werde es dir morgen erzählen! Ich glaube, ich lege mich noch einmal hin!“

Efohs Augen wurden groß. Selbst in Aigonns Ohren hatten diese Worte unglaubwürdig geklungen, doch als er auf einmal schwieg und mit dem Kopf an die Lehmwand gelegt nach draußen horchte, hörte er nichts.

Fragend zog Efoh seine Augenbrauen in die Höhe. Er spürte, dass sein Bruder mit diesen Worten etwas ganz anderes zu bezwecken versuchte. Und als Aigonn einen Moment nach draußen gelauscht hatte, ohne ein Geräusch ausmachen zu können, flüsterte er Efoh zu: „Rowilan lässt mich bespitzeln! Was auch immer er vorhat, ob er mir Druck machen will, ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich das Dorf ohne ihn oder Behlenos nicht mehr verlassen darf!“

Efoh fiel alles aus dem Gesicht. Er musste zweimal ansetzen, bis er die

Frage über die Lippen brachte: „Er hat was verordnet?“

„Sei leise!“

Efoh bremste seinen Ausruf, bevor er im Flüsterton wiederholte: „Rowilan will dich hier einsperren?“

„Er hat es scheinbar schon getan. Aber ich muss nach draußen. Ohne meine persönliche Leibwache. Er muss glauben, dass ich mich schlafen gelegt habe!“

Einen Moment hielt Efoh inne, schien setzen lassen zu müssen, was er soeben erfahren hatte. Dann holte er Luft, sah von Aigonn zu ihrer beider Mutter, danach die Decke hinauf, bevor er sich sammelte und mit bemüht gelassenem Ton aussprach: „Willst du wirklich nichts mehr essen, bevor du dich schlafen legst?“

„Nein.“ Aigonn hatte den mürrischen Ton angeschlagen, mit dem er diese Auseinandersetzung begonnen hatte. Sein Schmunzeln auf den Lippen dankte Efoh jedoch dafür, dass der junge Mann dieses Spiel mitspielte. Die beiden Brüder wechselten noch einige belanglose Sätze, begannen Pläne für den kommenden Tag zu machen – zwei der Kühe müssten wieder gemolken werden, es wäre an der Zeit, neue Bäume im Wald zu schlagen. Dann verstummten sie und gaben vor, Aigonn würde sich schlafen legen.

Lange, schier unerträgliche Augenblicke vergingen, in welchen Aigonn mit dem Ohr an einer Ritze in der Lehmwand lag und nach draußen horchte. Er wollte sicher gehen, dass der Wachposten wirklich die Aufmerksamkeit auf andere Dinge gelenkt hatte, als er sich erhob und so leise wie möglich den zum Wohnraum hin offenen Stall ansteuerte.

Es schabte leicht auf den Strohmatten, als er einen der Pferche öffnete. Reflexartig sandte Aigonn ein Stoßgebet gen Himmel, die Götter mochten verhüten, dass die Kühe in erschrockenes Muhen ausbrachen. Doch im Grunde war es unnötig. Ein einziger fragender Ton erklang vom anderen Ende des Stalles – mehr so, als wollten die Tiere ihn willkommen heißen. Beruhigend strich Aigonn den Kühen über Hinterteil und Kopf, während er sich zwischen ihnen einen Weg hindurch suchte. Der Geruch von Stroh, Tier und Gülle hing in der Luft. Er fuhr erschrocken zusammen, als ein Kalb verschreckt aufsprang. Es hatte auf dem Boden gelegen. Aigonn hatte es getreten. Ein unverständlicher Fluch entrang sich seinen Lippen, während seine Stirn noch tiefere Falten bildete. Die Düsternis machte es fast unmöglich, die liegenden Tiere zwischen dem Stroh auf dem Boden zu erkennen.

Es dauerte lange, fast endlose Herzschläge, bis Aigonn endlich am rückwärtigen Tor des Stalles angelangt war. Einige Schafe, die in einem separaten Teil des Raumes untergebracht waren, gaben verschlafene Laute von sich. Als Aigonn innehielt und sich einen Moment Zeit ließ, fanden die Tiere den gewohnten Rhythmus des Abends wieder. Ihre Stimmen pendelten sich auf die gleichmäßige Geräuschkulisse ein, die für Aigonn schon immer ein Teil seines Zuhauses gewesen war.

Angestrengt lugte er durch den Spalt, der seit einiger Zeit zwischen den großen Türen des hinteren Stalltors klaffte, und spähte nach draußen. Nichts regte sich. So leise er konnte, schob Aigonn eine der Türen durch das nasse Gras – nur so weit wie nötig – und zwängte sich darauf in die Nacht hinaus. Zwei Häuser mit Stallungen trennten ihn von dem nahen Wall. Bis zum letzten Gebäude überwand er diese Strecke beinahe ohne Hindernis. Doch nun galt es zu warten.

So eng wie möglich presste Aigonn sich an den feuchten Lehm. Die Nachtwachen drehten dieser Tage – da der Krieg noch so nahe war, dass niemand Unachtsamkeit wagte – zu viert ihre Runden hinter den Palisaden entlang. Die Plattform, die ihnen erhöhte Sicht und zugleich noch immer Schutz vor heranfliegenden Lanzen bot, hatte Behlenos vor wenigen Monaten in Eile zusammennageln lassen – so sporadisch, dass Aigonn gefürchtet hatte, sie würde nach einem Tag wieder zusammenbrechen. Doch einige stützende Balken hatten es möglich gemacht, dass die Wachen unbehelligt nach Feinden Ausschau halten konnten – oder unerwünschten Flüchtlingen aus dem Inneren.

Leise Schritte verrieten Aigonn, dass die erste Wache nahe war. Er wagte nicht zu atmen, als er sich in den Schatten der Stallungen drückte und abwartete, bis der Krieger auf dem Wehrgang vorbeigelaufen war. Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig Herzschläge – dann hatte Aigonn genügend Abstand gewonnen, dass er sein Vorhaben wagen konnte.

So schnell wie möglich huschte er aus seiner Deckung und suchte Halt bei den Stützbalken des Wehrganges. Ein kurzer Blick über die Siedlung verriet ihm, dass zwei der Wachen noch auf der anderen Seite des Walls ausharrten – zu seinem Glück scheinbar in ein Gespräch vertieft. Der vierte Wachposten schlenderte gemütlich den Wall entlang, müde – und weit genug entfernt.

Mit gehörigem Schwung hievte Aigonn sich auf den Wehrgang. Ihm blieb der Atem im Halse stecken, als er die Bretter unter sich knarren hörte. Nicht nur vor Schreck. Der Schmerz in seinen gebrochenen Rippen trieb ihm alle Luft aus den Lungen. Mit dem steif bandagierten Arm hatte er sich kaum mit der nötigen Behändigkeit auf den Wehrgang ziehen können. Aber das war nun egal. Niemand hatte ihn bemerkt, niemand reagierte.

Leise presste Aigonn sich gegen die Palisaden. Er war gerade groß genug, dass sein Kopf über die angespitzten Enden der zugeschnitzten Baumstämme hinwegsah – ganz gleich, ob es ihm etwas nutzte. Die Nacht war hell, aber finster genug, dass der nahe Wald nur ein schwarzer Schatten war. Die Nebelschwaden auf den Wiesen schienen wie alter Staub von den Sternen gefallen. Aigonn konnte nicht sagen, wo ihre Gestalt einen Anfang nahm, und wo sie endete. Das war seine Chance. Die einzige, um in dieser Nacht noch Antworten zu erhalten.

„Herrin!“ Sein geflüsterter Ruf verschwand im Schrei eines Waldkauzes. „Herrin, höre mich! Ich brauche deine Hilfe!“

Nichts geschah. Der milde Wind brachte in die Nebel eine kaum merkliche Bewegung, die weder Ziel noch Beginn zu haben schien. Doch niemand antwortete ihm. Keine Gestalt erhob sich aus den silbernen Schwaden.

„Herrin! Ich bitte dich!“ Aus Aigonns verklungener Wut wurde Missmut. Er glaubte selbst schon nicht mehr daran, dass er die Antworten erhalten würde, nach denen es ihn so verlangte, als er es zum letzten Mal versuchte: „Herrin aus den Nebeln! Höre mich!“

Doch sie hörte ihn nicht. Ein Blick über die Schulter mahnte Aigonn, dass es an der Zeit war, den Wehrgang zu verlassen. Die beiden Wachposten hatten sich wieder getrennt. Aigonn erkannte die schemenhafte Gestalt von einem der Krieger, die sich undeutlich vom nachtschwarzen Firmament abhob. Noch einmal, mit der einzigen, übrig gebliebenen Hoffnung spähte er auf die Wiesen hinaus. Sein Ruf blieb ungehört. Ungehört.

Enttäuscht schwang Aigonn sich die Palisaden hinab. Ihm war der Sinn nach Fragen und deren Antworten vergangen. Er unterdrückte sie, sperrte sie weg, die Fragen, tief hinein in seinen Kopf. In dieser Nacht hatte es ja doch keinen Sinn.

Die andere Lhenia

Der nächste Tag versprach für Aigonn nur wenig mehr Hoffnung als der zurückliegende. Behlenos und Rowilan hatten an ihrer Idee festgehalten. Ohne ihre Aufsicht und Zustimmung war Aigonn der Gang aus der Siedlung verwehrt – ungeachtet der Tatsache, dass weder ein Fürst noch ein Schamane nach dem Gesetz der Bärenjäger uneingeschränkte Macht innehatte. Doch Chancen verschuf diese Tatsache Aigonn keine. Das Stimmrecht bei jedem Beschluss, jeder Bestrafung hatte das gesamte Dorf mit Ausnahme der Halbwüchsigen und Kinder. Aigonn hätte eine Versammlung einberufen und seinen Missmut zur Sprache bringen können. Doch er war sich bewusst, dass niemand für seine Sache stimmen würde – außer Efoh vielleicht. Aigonn war den Menschen unheimlich geworden. Man machte große Bogen an ihm vorbei, wenn man seinen Weg kreuzte. Seit er bei der Begräbniszeremonie beinahe einem Geist, einem Wesen – was immer es sein mochte – zum Opfer gefallen war, sprach kaum einer der Dorfbewohner mehr offen mit ihm. Es gab lediglich das verstohlene Geflüster hinter vorgehaltenen Händen, das nicht für ihn bestimmt sein sollte, aber trotz allem seine Ohren erreichte. Zum ersten Mal in seinem Leben verstand Aigonn wahrhaftig, welche Angst die anderen Menschen vor den Geistern dieser und der Anderen Welt mit sich trugen. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob sie damit nicht im Recht waren.

Da die Wachen ihm den Ausgang aus der Siedlung verwehrten, musste Aigonn Efoh allein mit zwei anderen jungen Männern in den Wald schicken, um zwei oder drei Bäume zu fällen. Für den kommenden Winter musste neues Holz geschlagen und zum Trocknen aufgestapelt werden – ganz gleich, wie viel Zeit ihnen bis dahin noch blieb. Der verletzte Arm und die gebrochenen Rippen verhinderten, dass Aigonn eine Axt vernünftig schwingen konnte. Letztendlich blieb ihm nur noch eine einzige Möglichkeit, an diesem Tag zu dem Verdienst seiner geschrumpften Familie beizutragen.

Die Prozedur längst gewohnt, stand das Schaf ruhig nahe der Stallwand. Das Nesselseil, das seinen Hals an einen dicken Holzpflock fesselte, störte das Tier nicht im Geringsten, während es geräuschvoll Grasbüschel ausriss und verzehrte. Lediglich die Abwesenheit seiner Artverwandten bereitete dem Schaf von Zeit zu Zeit Sorgen, sodass es den Kopf hob und nach seiner Herde schrie. Doch die anderen vier Schafe, die Aigonn im Stall zurückgelassen hatte, besänftigten das Tier. Sie würden das Schicksal ihres Artgenossen teilen.

Seit dem Tod von Aigonns und Efohs Vater war dessen Herde sichtlich geschrumpft. Der alte Hund war zum unscheinbaren Gast geworden, der nur noch hin und wieder den Wohnteil des Hauses betrat, sondern lieber im Stall unweit der Schafe Wache hielt. Aigonn hatte ihm dort mit Decken eine eigene Ecke zugeteilt, von welcher aus das zottige Tier ihn nun beobachtete.

Der Tag war sonnig. Obgleich Mittag nicht in Sicht war, erfüllte eine Schwüle die Luft, wie nur Gewitter sie bringen konnten. Schweißperlen glänzten wie teurer Schmuck auf Aigonns Stirn und Brust, auch nachdem er sich seines Leinenhemdes entledigt hatte. Unwirsch kratzte er sich am Rand der Bandage um seine Rippen, unter welcher es seit einigen Tagen juckte. Noch hatte er es nicht gewagt, sie zum Waschen abzunehmen, da ihm nicht der Sinn danach stand, Rowilan um ein neues Anlegen zu bitten. Denn dann galt es neue Salben aufzutragen, die Aigonn selbst nicht besaß.

Für einen Atemzug blitzte es angsterfüllt in den Augen des Schafes auf, als Aigonn ein kurzes, fast sichelförmiges Bronzemesser an einem Stein schärfte. Die Form war nahezu perfekt, meisterlich geschmiedet und scheinbar wie geschaffen dafür, eine Kehle zu durchtrennen. Doch Blut wollte Aigonn heute nicht sehen.

„Ruhig, meine Große!“ Besänftigend strich er dem Schaf über den Kopf. Dann ging er über dem Tier so in die Hocke, dass seine Knie es festhielten, umfasste mit der Hand des verletzten Arms die Brust und setzte das Messer auf dem Rücken an. Das Schaf blökte auf, als es erstes Fell fallen spürte. Leise fluchend bemerkte Aigonn, dass er das Messer zu nah an der Haut vorbeigeführt hatte, sodass das Tier zumindest die Schärfe der Klinge gespürt haben musste.

Beruhigend redete er auf das Schaf ein, während mehr und mehr Wolle zu Boden fiel. Für einen Moment ließ das Weibchen das Scheren über sich ergehen, dann verging ihm die Lust. Das Schaf bockte und wehrte sich so heftig, dass Aigonn mit seinem verletzten Arm keinen Halt mehr fand. Er musste ausweichen, als das Tier missmutig einen kleinen Sprung nach vorne machte, das Seil straffte und beleidigt Gras zu fressen begann.

„Kann man dir helfen?“

Aigonn sah auf. All das Misstrauen um ihn herum ließ die Frauenstimme unwirklich erscheinen, die ihn so direkt angesprochen hatte. Doch als er sie erkannte, begann er wissend zu lächeln.

Die junge Frau stand mit einem Korb voller Wäsche unter dem Arm im Schatten des Hauses und beobachtete Aigonn mit Interesse. Sie schmunzelte matt, als dieser anmerkte: „Schön, dich wiederzusehen. Mir sind Gerüchte über deine Anwesenheit zugetragen worden. Doch wahrhaft glauben wollte ich es noch nicht.“

„Du kannst es glauben.“ Sie kam auf Aigonn zu, stellte den Korb beiseite und packte das entflohene Schaf so an Rücken und Brust, dass es ihr nicht entkommen konnte. Widerstrebend blökte es. Doch als Aigonn noch immer unbewegt dastand, forderte die junge Frau ihn auf, mit seiner Arbeit fortzufahren.

„Wie geht es dir?“ Aigonn schob mit dem Fuß das Schafsfell beiseite. „Du scheinst den Glauben aufrechterhalten zu wollen, dass du selbst die wiedergekehrte Lhenia bist und niemand sonst.“

„Ich brauche deine Hilfe!“ Auf einmal war ihr Ton gedämpft. Ohne auf Aigonns Anmerkung einzugehen, erläuterte die junge Frau: „Ich kann nicht einschätzen, wem ich in diesem Dorf vertrauen kann. Die Erinnerungen in diesem Körper sind so schwammig, als ob diese Lhenia sie alle mit sich genommen hätte. Ich kann nicht sagen, wer mit mir sein Spiel treibt. Meine Menschenkenntnis hat gelitten, während ich in der Anderen Welt geweilt habe, deshalb bin ich vorsichtig. Und bei der Art, wie der Schamane mich empfangen hat, scheint mein Misstrauen berechtigt.“

„Oh ja. Du glaubst gar nicht, wie sehr!“ Die Abfälligkeit, mit welcher Aigonn diese Worte ausgesprochen hatte, ließ die junge Frau innehalten und bedeutungsvoll aufsehen. Ein Hauch von Furcht blitzte in ihren Augen auf. Aigonn mäßigte sich augenblicklich, sich bewusst darüber, dass seine Probleme nicht ihre waren und er ihr vielleicht mehr Zeit zum Eingewöhnen geben sollte. Wenn man es genau nahm, war sie eine Neugeborene, die das Überleben erlernt hatte, mit den Umgangsformen unter Menschen aber ungeübt war.

Die junge Frau ließ zwei Atemzüge vergehen, dann setzte sie ihre Rede fort: „Was ich eigentlich sagen wollte, betrifft Lhenia. Ich gedenke, die Rolle mitzuspielen, die man mir zugeteilt hat. Nur kann ich nicht im Geringsten einschätzen, wer sie war, diese Frau …“

„Mädchen“, korrigierte Aigonn. „Ihr Körper war zum Heiraten reif gewesen, nur ihr Geist hat nicht mithalten können. Sie war ausgesprochen naiv. Kein schlechter Mensch, aber fast – ohne unhöflich zu sein – ein bisschen dümmlich. Oder zumindest ausgesprochen liebenswert, wenn man es positiv ausdrücken will.“

Die junge Frau zog angestrengt die Augenbrauen in die Höhe. Aigonn konnte nicht sagen, was hinter ihrer Stirn vorging – dem Gesicht, das so fremdartig erschien, allein durch den Charakter dieser Person, die nun von ihm Besitz ergriffen hatte.

Wie alt sie wohl wirklich sein mag?, schoss es Aigonn durch den Kopf. Die junge Frau erschien ihm sehr reif. Vielleicht war sie dreißig, oder sogar vierzig gewesen, als sie starb. Starb. Ohne zu wissen woher, bereitete Aigonn der Gedanke Unbehagen, vor einer Person zu stehen, die den ewigen Wandel von Tod und Wiedergeburt so plastisch werden ließ. Er wollte gerade das letzte Bauchfell des Schafes wegschneiden, als ihn abfälliges Getuschel aufblicken ließ. Zwei junge Frauen, Töchter zweier Bauern, standen vor Aigonns Elternhaus und beobachteten ihn verstohlen mit seiner Gehilfin die Arbeit verrichten.

„Habe ich grünen Ausschlag im Gesicht, oder warum gafft ihr wie die alten Tratschweiber?“

Nun sah auch die junge Frau an Aigonns Seite auf. Er selbst hatte eigentlich nicht ausfallend werden wollen, doch die Art, wie man ihn im Moment behandelte, ließ Zorn in ihm hochkochen. Die Bauerntöchter zogen ertappt ihres Weges weiter, doch der Ausdruck auf ihren Gesichtern verriet offenen Spott. Aigonn wurde klar, was an dieser Szenerie so ausgefallen wirken musste. Er und die vermeintliche Lhenia schoren gemeinsam die Schafe. Der Geisterjunge und die wiederauferstandene Tote. Wie passend! Wie einleuchtend für Rowilan, wenn er sie beide hätte beobachten können.

Aigonns Ton war gedämpft, als er der jungen Frau zuraunte: „Ich danke dir für deine Hilfe. Aber ich fürchte, es ist besser, wenn du gehst. Das ganze Dorf hält mich für einen gemeingefährlichen Geisterbeschwörer. Wenn wir zu häufig zusammen gesehen werden, werden alle vermuten, dass nicht nur ich ein Geheimnis zu verbergen habe. Zumal ich Zeit ihres Lebens Lhenia ohnehin nicht sehr mochte.“

Die junge Frau antwortete nicht, sondern bedachte Aigonn nur mit einem intensiven, vielsagenden Blick. Als sie weitere Menschen näher kommen hörte, fragte sie schnell: „Kann ich dich treffen, allein, irgendwann?“

„Rowilan schickt mir Spitzel hinterher. Sie beobachten mich nicht ununterbrochen, doch ebenso wenig lassen sie mich aus den Augen. Es könnte schwierig werden.“

Der jungen Frau lag eine Antwort auf den Lippen. Sie wollte gerade zu sprechen beginnen, als erregte Stimmen vom Tor her alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Überrascht sah Aigonn auf. Die Wolle sammelte er zügig in einem Korb, bevor er sich die Sichel in den Gürtel steckte und bis zum Erdweg lief, um besser sehen zu können.

Am Eingang der Siedlung versammelte sich eine Menschentraube. Aigonn konnte Torwachen erkennen, die versuchten, die Ankommenden in Palisadennähe zu halten, während andere Behlenos und seine Berater aus den Häusern riefen.

Es waren Fremde. Nur vereinzelte Gesichter blitzten in Erinnerungen auf, verschwommen, flüchtig, teilweise um Jahre gealtert. Doch mit Namen kannte er keinen von ihnen. Es sind Bärenjäger aus dem Osten. Die große Anzahl an Frauen und Kindern verriet ihr Schicksal an die Außenwelt. Im Kampf gegen die Eichenleute hatten vor allem die abgelegenen Siedlungen den größten Teil ihrer Männer verloren. Denn obgleich alle von ihnen die Kriegerweihe erhalten hatten, waren die wenigsten für den Kampf wahrlich vorbereitet gewesen. In seiner Verzweiflung hatte Behlenos jeden, ob Bauer, Schmied, Hirte oder Töpferlehrling, zusammengerufen, um den anrückenden Feinden zumindest zahlenmäßig angemessen gegenübertreten zu können – ganz gleich, wie groß die Übermacht der Eichenleute trotz allem gewesen war.

Es dauerte einen Moment, bis Behlenos die Flüchtlinge aus den entlegenen Siedlungen seines Einflussgebietes begrüßte. Schon von weitem konnte Aigonn das Missfallen erkennen, das er für Fremde zwar gut zu unterdrücken wusste, durch seine Gestik jedoch allen Vertrauten unverhohlen zuteil werden ließ. Als Aigonn die junge Frau an seiner Seite spürte, trat er mit ihr einige Schritte vor, um das Gespräch besser verstehen zu können. Das halbe Dorf schien sich währenddessen um den kleinen Platz vor dem Tor versammelt zu haben und es ihm nachzutun – zu lauschen.

Die geflüchteten Bärenjäger waren armselige Gestalten. Schmutz, Wunden und abgenutzte Kleidung, ob an Frau, Mann oder Kind, verdeutlichten die Anstrengungen, die sie auf sich genommen hatten, um den Weg in diese Siedlung zu finden. Eine hochgewachsene Frau mit selbstbewusstem Auftreten schien sich zur Wortführerin der Gruppe erklärt zu haben, trat vor Behlenos und berichtete ihm, nachdem sie förmliche Grüße ausgetauscht hatten: „Die Eichenleute haben nicht von der Idee abgelassen, Rache an uns zu nehmen. Vor vier Tagen hat ein kleiner Trupp von ihnen unsere Siedlung nachts in Brand gesteckt. Wir konnten das Feuer löschen, aber ohne die Krieger ist es sinnlos, den Kampf gegen die Eichenleute aufzunehmen.“

Behlenos presste verbissen die Lippen aufeinander. Er suchte nach den richtigen Worten, bevor er so höflich wie möglich entgegnete: „Wenn ihr von den Eichenleuten behelligt werdet, werde ich nach Kriegern senden, die euch verteidigen. Die meisten, die mir in der letzten Schlacht beigestanden haben, sind heimgekehrt. Es mögen nicht viele übrig geblieben sein. Aber hinter Wällen und Palisaden seid ihr den Angreifern entschieden im Vorteil.“

„Behlenos!“ Ihr scharfer Ton ließ den Fürsten aufsehen. Mit Nachdruck blickte die Frau zu dem Mann hinauf, der sie gut und gern um zwei Köpfe überragte, und verdeutlichte langsam: „Behlenos, wir haben unsere Heimat verloren. Das Feuer konnte gelöscht werden, aber die Wälle sind beinahe restlos zerstört. Kurz nachdem wir die Siedlung verlassen haben, sind die Eichenleute über unsere Häuser hergefallen und haben alles vernichtet, das sie finden konnten. Sie waren wie wahnsinnig! Als gäbe es Dämonen zu verjagen!“

Behlenos schwieg. Aigonn konnte an seinen Augen erkennen, wie es hinter seiner Schädeldecke arbeitete. Das Anliegen dieser Menschen war offensichtlich. Sie waren Angehörige der Bärenjäger, des Volkes, dem Behlenos als Fürst Schutz und Verantwortung geschworen hatte. Als hätte Aigonn in den Kopf dieser Frau gesehen, wiederholte sie fast wörtlich, was er für sich dachte: „Ich bitte dich! Ich weiß, dass es euch nicht weniger schwer getroffen hat als uns, aber die Kinder und Frauen müssen irgendwo leben. Zurück können wir nicht. Wenn du etwas verlangst, dass wir als Gegenleistung erbringen können, sag es, aber bitte …“

„Ja!“ In der Stimme des Fürsten schwang so viel Missbilligung mit, dass er sich dafür hätte schämen müssen. Doch ganz gleich, ob Behlenos der Mensch war, derartige Gewissensbisse zu entwickeln, in diesem Moment tat er es nicht. Ein kurzer Blick über die Menschenmenge vor ihm verschuf ihm Zeit, um nach den richtigen Worten zu suchen: „Ich fürchte, wir können nicht alle von euch in Häusern einquartieren. Wie viele seid ihr?“

„Siebenunddreißig.“

„Siebenunddreißig …“, wiederholte er. „Nein, das wird nicht funktionieren. Wenn ihr Bekannte oder Freunde habt, die euch in ihre Häuser aufnehmen wollen, dann sucht diese auf. Allen anderen kann ich nur anbieten, Jägerzelte zu errichten, die als notdürftige Unterkunft dienen müssen. Seht nach, wo ihr Platz findet!“

Ein dünnes Lächeln umspielte die Lippen der Frau. Bei näherem Hinsehen schien die Wortführerin der Geflüchteten Behlenos ein wenig ähnlich zu sehen. Aigonn schätzte sie beide etwa auf das gleiche Alter. Vielleicht waren sie verwandt. Er konnte sich entsinnen, dass die Cousine seines Fürsten die Fürsprecherin einer eigenen Siedlung war. Doch Aigonn konnte sich auch täuschen.

Während Behlenos die Flucht ergriff, traten seine Berater und andere Einwohner des Dorfes zu den Leidensgenossen vor und verwickelten sie in erregte Gespräche. Die Geschichte über den Überfall und die Eichenleute musste mehrmals erzählt werden, bis man die erschöpften Bärenjäger endlich zu Häusern und Hütten führte, um sie willkommen zu heißen.

Die junge Frau musterte Aigonn schweigend von der Seite. Er selbst wusste nicht, wie viel sie von den Umständen des Krieges erfahren hatte. Doch als er ihrem Blick begegnete, erfasste ihn das unsägliche Gefühl, dass hinter diesem Gesicht viel größeres Wissen und viel ältere Erinnerungen ihren Weg zurück zu ihrer Besitzerin fanden, als er es selbst auch nur ahnen konnte.

Als sich der Marktplatz allmählich geleert hatte und schon wieder die ersten Blicke auf dem ungleichen Paar hafteten, raffte die junge Frau ihren Rock, suchte den Korb mit der Wäsche und klemmte sich diesen wieder unter den Arm. Der Schatten des Hauses verschuf ihr für kurze Zeit Schutz vor den Blicken der Außenstehenden, sodass sie leise sagen konnte: „Oran möchte die Wiederkehr seiner verschwundenen Tochter feiern. Dazu will er sämtliche Bewohner des Dorfes heute Abend in sein Haus einladen, wie auch immer das möglich sein soll. Vielleicht können wir dort ungestört reden.“

Aigonn zog die Augenbrauen in die Höhe. Es erschien ihm ebenso fragwürdig, wie der weniger gut situierte Bauer Oran gut und gern siebzig Menschen in seinem winzigen Haus unterbringen wollte – die unerwarteten Gäste von außerhalb nicht eingerechnet –, als auch, wie man in dieser Menschenmenge ein unbemerktes Gespräch führen sollte. Doch Aigonn gab keinen Einwand. Es hatte keinen Sinn, diese Frage auszudiskutieren – und die junge Frau ließ ihm dafür ohnehin keine Zeit.

Sie verabschiedete sich nur mit einem kurzen Nicken, rückte den Korb zurecht und verschwand schließlich zwischen den Häusern in Richtung des Baches. Aigonn blieb zurück und starrte versonnen zu dem Schaf, das sich – größtenteils geschoren – das von der Sonne strapazierte Gras zu Gemüte führte. Er seufzte. Es hätte ihn nicht gestört, wenn die junge Frau geblieben wäre, um ihm beim Scheren der übrigen Schafe zu helfen.

Orans Haus

Auch wenn Aigonn sich sicher gewesen war, dass Orans Vorhaben betreffend der Feier nur übermütigen Reden entsprungen war, so musste er sich täuschen. Mit Mühen hatte er gerade die fünf Schafe von ihrem dichten Pelz befreit, als der Bauer persönlich zu ihm gekommen war, um ihn einzuladen. Aigonn war erfreut gewesen, einen weiteren Menschen gefunden zu haben, der ihn nicht ausschließlich mit Argwohn betrachtete. Doch in Gedanken an die vielen anderen Bewohner des Dorfes, denen er am liebsten aus dem Weg gehen wollte, hätte er die Einladung zur Feier am liebsten ausgeschlagen. Aber die junge Frau erwartete ihn. Das wusste er. Auch wenn er den wahren Grund nicht wirklich kannte, ermahnte ihn eine Stimme in seinem Kopf der Wichtigkeit, dieser Frau beizustehen, wer auch immer sie war. Ganz gleich, dass er nicht wirklich glücklich über diese Erkenntnis war.

Aus diesem Grund weihte er den schweißdurchnässten Efoh bei dessen Wiederkehr aus dem Wald in die Neuigkeiten ein, die sich ergeben hatten; lediglich das Gespräch mit der jungen Frau ließ er aus. Sein Bruder hatte nach der Mühe, das an diesem Tag unwirsche Pferd als Zugtier der Baumstämme zum Dorf zurückzulotsen, keinen rechten Sinn für Klatsch und Geschichten. Stattdessen leerte er einen Krug Wasser in einem Zug, machte sich auf den Schlaffellen breit und meinte dann endlich zu Aigonn: „Meint Oran ernst, was er dort geplant hat?“

„Scheinbar.“ Aigonn zuckte mit den Schultern, während er vor seinem Bruder stehen blieb und sich versonnen Waldbeeren zwischen die Lippen schob.

„Das wird ihn in den Ruin treiben. Seit seine Frau gestorben ist und er die Felder nicht mehr allein bewirtschaften kann, lassen seine Erträge zu wünschen übrig. Vieh hat er kaum. Mich würde interessieren, womit er die vielen Menschen bewirten will!“

„Ich hoffe, dass unsere Brüder und Schwestern genügsam sind und seine Lage bedenken. Wobei er wenigstens zwei, drei Fässer Bier bereitstellen sollte … Wie auch immer. Ich weiß es nicht …“

„Wovor fürchtest du dich, Aigonn?“

Die unerwartete Frage seines Bruders brachte Aigonn vollkommen aus dem Konzept. Er wollte schon einmal nachhaken, bevor er sich der Bedeutung bewusst wurde, innehielt, die Stirn runzelte und schließlich entgegnete: „Warum glaubst du, dass ich mich fürchte?“

„Etwas beschäftigt dich. Das kann ich sehen. Etwas, das du nicht vollends greifen kannst und dir unheimlich wird. Was ist es?“

Aigonn schwieg. Einen Herzschlag lang kam ihm ein Gedanke, der eine passende Antwort hätte sein können. Doch er behielt ihn für sich und beschloss stattdessen, ihn mit einer anderen Person zu teilen, die mehr von diesen Dingen wusste als sie alle. Dessen war Aigonn sich sicher.

image

Einen langen, stillen Moment atmete Rowilan die feuchte Luft des Waldes, bis seine Gedanken zur Ruhe kamen. Die Sonne war dabei, ihren Weg über das Firmament zu beenden. Die roten Strahlen zwischen den Baumkronen verwandelten sich allmählich in graues Zwielicht; und endlich fand Rowilan die Konzentration, sich auf den Moment zu besinnen. Immerhin hatte er diesen Tag schon lange Zeit vorher errechnet.

Bald würde die Sonne den Höhepunkt ihres Jahreslaufs erreichen. Auf diesen Zeitpunkt, dem Moment im Sonnenjahr, der das langsame Sterben des mächtigen Gottes am Himmel ankündigte, nach dem die Tage kürzer wurden, warteten alle Geister und Wesen der Welt gleichermaßen. Zur Sonnenwende wurden Geister, Menschen, Licht- und Schattenwesen gleich. Bald darauf würde goldenes Getreide auf den Feldern stehen – solange die Götter, die Sonne und der Mond den Menschen gewogen bleiben würden.

Aus diesem Grund war Rowilan an diesem Abend in den Wald gekommen. Der Hain, der sich zwischen dem Strauchwerk des Dickichts vor ihm auftat, schimmerte im Zwielicht auf seine ureigene, geheimnisvolle Art. Rowilan erkannte den mächtigen Menhir bereits von weitem, den dort ein alter Gott für die Menschen hinterlassen hatte, damit dieser ihnen immer nahestehen konnte. So wollten es zumindest die Legenden. Bereits die Urahnen der Bärenjäger waren an diesen archaischen Ort gekommen, um zu den Göttern zu sprechen. Und die Heiligkeit haftete ihm noch bis heute an.

Rowilan verneigte sich ehrfürchtig, bevor er auf das feuchte Laub des Hains hinaustrat. Eine gewaltige Eiche dominierte den Ort, schien wie ein Schutzgeist auf den Menhir hinabzusehen, und durchzog mit ihren knorrigen Wurzeln die gesamte Fläche. Die Geister des Baumes beäugten Rowilan misstrauisch. Er kannte sie, schon seit seiner Ausbildung. Doch sie trauten ihm bis heute nicht.

In seiner rechten Hand hielt er eine schwere, kunstvoll verzierte Bronzekanne. Kleine Götterfiguren waren an ihrem Rand angebracht und wachten über den heiligen Trank, den Rowilan zum ersten Mal seit Monaten wieder gebraut hatte. Er würde es ihm ermöglichen, weiter zu sehen, als es seine Fähigkeiten für gewöhnlich zuließen. Heute nämlich galt es zu erfahren, was die Götter als Preis dafür forderten, die Felder zur Sonnenwende zu segnen.

Für einen Moment blitzte der vergangene Tag in seinem Geist auf. Der Ärger über Aigonn und die Rückkehr von Lhenia vermischten sich zu einer Wolke aus Gefühlen, die wie Kopfschmerz in seinem Schädel pochte.

Unwirsch schüttelte Rowilan seinen Kopf und schob die Erinnerungen beiseite. In diesem Hain hatte der Alltag keinen Platz. Die Götter und die Andere Welt waren ihm näher als die irdische Wirklichkeit. Er konzentrierte sich darauf, weshalb er gekommen war, wie viel an diesem Ritual hing.

Als es hinter ihm im Dickicht zu rascheln begann, sah Rowilan sich nicht um. Es gab nur eine Person, die den Mut hatte, eine solch heilige Stätte ohne Weiteres zu betreten.

„Ich bin bereit!“, begrüßte Aehrel den Schamanen, bevor der alternde Krieger mit drei Fackeln in den Händen in den Hain hinaustrat. Nur eine hatte er bisher entzündet – wohl um damit leichter durch das Dickicht zu gelangen. Drei war die heilige Zahl der Götter – das Symbol für Geburt, Tod und Wiedergeburt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die heilige Dreiheit.

Aehrel lief zu Rowilan, der mit gut zehn Fuß Abstand vor dem Menhir stand und ehrfürchtig zu dem Felsen hinaufsah. Rowilan hörte, wie der Krieger in einiger Entfernung etwas auf den Boden fallen ließ, ein Säckchen, irgendetwas, es war nicht von Bedeutung. Als Aehrel direkt hinter ihm stand, sagte er: „Lassen wir es beginnen!“

Damit nahm Rowilan die Kanne in beide Hände. Fast lautlos steckte Aehrel vor ihm die Fackeln in den Boden. Das trockene, talgbestrichene Holz entflammte knisternd, die Wärme der Flamme erfasste Rowilan wie ein sommerlicher Windhauch. Mit jedem Knacken des Holzes, jedem Rascheln der Blätter über ihm entfernte sich sein Geist immer weiter von der Wirklichkeit.

Es zischte. Dann verbreitete sich ein schwerer Geruch, der Rowilan in den Schleimhäuten brannte und bis zu seinem Geist vorzudringen schien. Ein dichter Rauch wehte mit dem Wind über den Hain, verschleierte die Bilder vor seinen Augen. Jetzt war es an der Zeit.

Der bittere Geschmack des Trankes mochte Rowilan schon seit vielen Jahren vertraut sein, doch er schüttelte ihn mit jedem Mal so, als hätte er ihn noch nie gekostet. Die Wirkung setzte rasch ein, die Welt drehte sich vor seinen Augen, während Rowilan auf die Knie sank und langsam den Kopf hob.

„Ihr Götter, Beschützer dieses Landes, unsterbliche Seelen dieser Welt! Ich rufe euch!“

Der Schwindel, der Rowilan erfasst hatte, wurde immer stärker. Er wollte sich bereits auf den Boden stützen, bis er sich ermahnte, dass er nicht fiel, sich von dem Gefühl nicht täuschen lassen durfte. Das Laub unter seinen Knien schien an Substanz zu verlieren, die Welt sich aufzulösen.

Als Rowilan die Augen öffnete, war der Menhir fast vollkommen im Dunst der Flammen verschwunden. Der Rauch breitete sich aus, schien Gestalt anzunehmen, als hätten die Geister des Ortes von den Fackeln Besitz ergriffen. Lautlose Worte hallten über den Hain hinweg. Rowilan hörte seinen eigenen Atem wie den Wind in seinen Ohren rauschen, vermischt mit Stimmen, die kein Mensch verstehen konnte; nicht er. Noch nicht.

„Ihr Götter, uns steht eine neue Wende bevor!“ Seine Worte verloren sich in einem Stimmenmeer. „Der Herr des Lichts und des Reifens, die göttliche Sonne, schreitet zu seinem Höhepunkt, der uns Gedeihen und Ernte bringen wird. Er ist der Richter, der bestimmt, wie wir den Winter verbringen. Er entscheidet, womit wir unsere Vorräte füllen. Sagt mir nun, ihr Götter, was verlangt ihr für eine neue, gute Ernte?“

Mit seiner letzten Frage kam ein Wind auf. Die Stimmen wurden lauter, kamen näher. Sie schmerzten Rowilan in den Ohren, während er angespannt in den Rauch starrte, wartete, ob etwas geschah.

Auf einmal verschwammen die Flammen mit ihrem Dunst. Die Farben vermischten sich zu einer unkenntlichen Masse, während die Stimmen direkt neben Rowilans Ohren zu sprechen schienen. Das Flüstern vibrierte auf seiner Haut, sein Name erklang vielstimmig dazwischen. Es wurde immer schwerer, sich zu konzentrieren, während Rowilan immer noch abwartete. Doch kein Gott sandte ihm eine Botschaft. Er spürte keine Präsenz, nur die Geister, die ihm allmählich so nahe waren, dass es ihn schauerte. Mit aller Macht versuchte Rowilan sich zu konzentrieren, doch schließlich konnte er nicht anders, als zu fragen: „Was wollt ihr von mir?“

Keine Antwort. Nur ein Lachen. Ein feines, wissendes Lachen, das ihn verhöhnte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Rowilan zwinkerte, versuchte die Visionen abzuwenden. Jeder Schamane hatte gelernt, sich aus einer Trance zu befreien, wenn es nötig wurde. Doch der Weg in die Wirklichkeit war verschwunden. Er fühlte ihn nicht mehr, hatte den Bezug zum Boden, zum Wald, zum Hain verloren. Nur noch der Wind und das schwimmende Farbenmeer waren verblieben. Rowilan war plötzlich orientierungslos geworden. Wider Willen wogte Panik in ihm auf. Er musste jetzt ruhig bleiben, sonst würde er die Kontrolle verlieren, den Weg zurück! Seine Stimme hatte keinen Klang mehr, als er ins Nichts hineinschrie: „Aehrel!“

Keine Antwort. Keine Reaktion, weder von den Menschen noch von den Göttern. „Aehrel, hilf mir!“ Das Lachen wurde lauter. Je näher es kam, desto mehr verwandelte es sich in eine Stimme, die seine eigene Panik widerspiegelte, eine Stimme, die ihm immer vertrauter wurde. Es gab kein Entkommen davor, keinen Ausweg. Keinen Weg zurück.

image

„Herrin!“ Aigonns geflüsterter Ruf verlor sich in den Schatten. Der Tag dämmerte bereits in leuchtenden Rottönen über dem Horizont und beschwor eine erste, frische Brise, die den Bärenjägern endlich Abkühlung schenken sollte.

„Herrin, bitte höre mich!“ Keine Antwort. Nur das leise Flüstern des Waldes von fern her. Missmutig presste Aigonn die Lippen zusammen, während er unterhalb des Wallganges entlanglief, die feinen Nebelschwaden im Auge, die immer wieder unter den Palisaden hindurchdrangen.

Rasch warf er einen Blick nach hinten. Er war sich sicher, dass die Wachen ihren Dienst nicht beendet hatten und Aigonn noch immer nachstellten. Doch in diesem Moment wollte er sie eigentlich nicht beachten – aller Unvernunft zum Trotz.

„Herrin, ich bitte Euch! Sprecht mit mir! Hört mich, ich brauche Euren Rat.“

Die Nebelschwaden entgegneten nichts. Gar nichts. Keinen Laut, kein Wort, schon wieder nicht. Aigonn überkam fast das Gefühl, zu verzagen. Er konnte nicht verstehen, warum die Nebelfrau nicht mit ihm sprechen wollte – jetzt, da viel mehr im Gange zu sein schien, als Menschen es kontrollieren konnten. Doch vielleicht interessierte sie sich gar nicht dafür. Wer konnte wissen, wonach den Nebelgeistern der Sinn stand?

Fast wütend über diese Vorstellung – wahr oder nicht – wandte Aigonn sich um. Der Abend hatte Ruhe gebracht, hatte die Stimmen gedämpft und viele von ihnen in einem kleinen Haus aus Stroh und Lehm zusammengebracht, das zwischen den anderen Behausungen niemandem aufgefallen wäre.

Oran hatte Wort gehalten und das gesamte Dorf zu sich eingeladen – die übrigen Flüchtlinge inbegriffen. Zwei andere befreundete Bauern hatten sich bereiterklärt, Schemel und Feuerholz zu spenden, sodass sich eine riesige Menschentraube eng um ein einziges kleines Häuschen drängte. Die wenigstens saßen im Inneren. Mehrere Feuer waren entzündet und es floss genügend Bier und Wasser, um die Menschen vorerst bei Laune zu halten.

Aigonn näherte sich verhalten. Es drängte ihn noch immer nicht, zu dieser Feier zu kommen, nicht einmal, um jemand anderem damit einen Gefallen zu tun. Die reservierten Blicke, die ihn trafen, bestätigten sein Gefühl. Zwar wurden nicht alle Gespräche leiser, als er an den Menschen vorbeilief, doch seine Gedanken malten genügend Bilder aus, um ihm die Stimmung gänzlich zu verderben.

Efoh erwartete ihn bereits im Inneren des Hauses. Die Wand aus Schweißgerüchen, tierischen Ausdünstungen von den nahen Ställen, Bier und bratendem Fleisch ließ Übelkeit in ihm aufsteigen, doch Aigonn erinnerte sich daran, dass es im Winter manchmal in seinem eigenen Elternhaus nicht anders gerochen hatte. Das Haus des Oran war bis in die letzten Winkel mit Menschen gefüllt. Der fast euphorisch wirkende Gastgeber suchte sich halb springend seinen Weg durch die Reihen, um neues Bier zu bringen – und seine Geschwindigkeit ließ erahnen, wie schnell das für ihn fast kostbare Getränk aufgebraucht sein würde.

Efoh hatte sich irgendwo in die Menge gedrängt und einen Platz am heimischen Herdfeuer ergattert. Dorthin winkte er Aigonn, einen Becher Bier in der Hand und halb in ein Gespräch mit zwei anderen jungen Männern des Dorfes vertieft.

Aigonn grüßte flüchtig. Die argwöhnischen Blicke, die ihm selbst von den Freunden seines Bruders begegneten, kümmerten ihn fast nicht mehr. Er hatte sich die größte Zeit seiner Kindheit damit abgefunden, dass er anders war als die anderen und nur wenige wirklich seine Gesellschaft gesucht hatten. Tarages vielleicht. Ein paar wenige andere. Menschen, die nicht mehr lebten. Die meisten davon. Die anderen hatten sich verändert, waren erwachsen geworden und hatten die Geschichten und Warnungen ihrer Familien ernster genommen. Nach den jüngsten Ereignissen, in die Aigonn sich aus für ihn unbekannten Gründen verwickelt hatte, erst recht.

Efoh für seinen Teil ließ sich seine Stimmung nicht trüben, rief Oran herbei, dessen Gesicht vom vielen Hin-und-Her-Laufen bereits rot angelaufen war, und bat um einen Trunk für seinen Bruder. Dieser kam, auch wenn Aigonn seinem Bruder weniger enthusiastisch entgegenprostete, als dieser es vormachte. Als Aigonn keine Anstalten machte, sich größer in das Gespräch über Schafe, Lämmer und Tragzeiten einzuklinken, verlor man auch bald das Interesse an ihm, sodass er sich näher an das Herdfeuer setzte und endlich Gelegenheit hatte, die Hütte sorgsam nach der jungen Frau abzusuchen.

Ein Teil der Frauen hatte sich von den Männern abgeschottet und saß zusammen mit kleineren Kindern auf der Bettstatt des Bauern und seiner Tochter. Es dauerte einen Moment, bis Aigonn die junge Frau zwischen ihnen entdeckte. Auf eine gewisse Weise verschuf es ihm Genugtuung, dass er nicht die einzige Person in diesem Raum war, die sich in dem Trubel unwohl fühlte.

So argwöhnisch wie man Aigonn betrachtete, so vorsichtig sprach man mit der vermeintlichen Lhenia. Scheinbar war es ihr recht so, denn die anderen Frauen schienen sich im Geheimen zu fragen, wie sehr Tod und Wiedergeburt Orans Tochter verändert haben mussten. Aigonn schmunzelte über ihre Unwissenheit und erkannte eine Mischung aus Neugierde und Furcht in den Blicken der Mütter, wenn diese die Münder zum Sprechen öffneten.

Es dauerte einen Augenblick, bis die junge Frau sich endlich aus dem Gespräch ausklinkte, den Blick über die Menge schweifen ließ und für einen kurzen Moment des Erkennens bei Aigonn innehielt. Dann wandte sie sich wieder ab. Es vergingen jedoch keine hundert Herzschläge mehr, bis sie mit der Ausrede, sie wolle nach ihrem Vater sehen, die Runde verließ und sich draußen unter die anderen Gäste mischte.

Aigonn wartete eine Zeit, dann tat er es ihr nach. Er wollte nicht den Anschein erwecken, mit ihr besser bekannt zu sein. Daher machte er zunächst einen großen Bogen um sie, stellte sich an ein anderes Feuer und blickte nur flüchtig zu ihr. Die junge Frau zeigte kaum eine Reaktion. Sie wartete sehr lange, sprach immer wieder mit den Leuten, bis sie auf einmal – mit einer Ausrede, die Aigonn nicht verstehen konnte – die Gesellschaft verließ, hinter dem Haus verschwand und in einem geeigneten Moment ganz in die Dunkelheit eintauchte.

Auf einmal hörte Aigonn sein Herz in den Ohren schlagen. Er wusste, wenn Rowilan ihn nun allein in der Dunkelheit mit der vermeintlichen Lhenia entdeckte, würde er nicht eher Ruhe geben, bis er wissen würde, welches Geheimnis sie beide teilten. Dabei gab es nichts Verwerfliches an dieser Wahrheit. Auch nichts Gefährliches – so hoffte er es zumindest.

So unauffällig wie möglich folgte Aigonn dem Weg, den die junge Frau genommen hatte. Erst als er vollends in die Schatten eingetaucht war, beruhigte sich sein Herzschlag. Seine Reaktion schien ihm albern, er tat nichts, wofür eine Strafe angebracht wäre. Und doch konnte er nicht sagen, warum ihn das ungute Gefühl, das ihn schon den Abend über begleitet hatte, noch immer nicht loslassen wollte.

Als eine schmale Hand seine Schulter fasste, zuckte er ungewollt zusammen. Im Zwielicht des Abends erkannte er die junge Frau fast nur noch als Silhouette, doch die Helligkeit genügte, um das feine Schmunzeln auf ihren Lippen zu sehen.

„Wen erwartest du hier zu finden? Einen bösen Geist?“

Aigonn antwortete nicht. Er versuchte pikiert zu wirken, doch ihr wissender Blick entwaffnete ihn. Er gab sich geschlagen, jedoch machte die junge Frau keinerlei Anstalten mehr, Späße weiter in die Höhe zu treiben.

Ihr Ausdruck wurde ernst. Sie blickte sich kurz nach beiden Seiten um, bevor sie mit gedämpfter Stimme anmerkte: „Manchmal frage ich mich, ob es an mir liegt, dass ich diese Menschen nicht verstehe! Dieser Bauer, Oran, niemand verlangt doch von ihm, dass er so viele Leute bewirtet, ohne dass er es sich wirklich leisten kann! Oder nicht?“

„Nein, du hast Recht. Oran hat ein gutes Herz, aber meiner Meinung nach überschätzt er zu oft seine Möglichkeiten.“

Die junge Frau nickte nur, als hätte sie diese Vergewisserung gebraucht, um sich selbst und ihre Art zu denken zu bestätigen. Sie überlegte kurz, dann sagte sie: „Gibt es Dinge, die ich wissen sollte, wenn ich weiterhin versuche, Lhenia zu spielen?“

„Sicherlich.“ Aigonn hielt inne. Das Unwohlsein war nicht von ihm gewichen, und allmählich vermutete er, dass es nicht allein in seiner Sorge um den Zorn des Schamanen begründet war. Er begann vorsichtig, als er einwarf: „Ich könnte dir viele Dinge erzählen, aber … vielleicht würdest du mir zuvor meine Fragen beantworten?“

Die junge Frau zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Was weißt du darüber, was hier geschieht? Ich glaube dir, dass du nicht bewusst diese Rolle angenommen hast, die du nun verteidigen musst, aber du kannst mir nicht erzählen, dass du vollkommen ahnungslos durch diese Welt wandelst, bis dich irgendein Lichtblick ereilt!“

„Nun …“ Ihre Mundwinkel zuckten unmerklich. „Erinnerungen kehren wieder, das ist wahr. In diesem Moment würde ich sagen, dass all das, was ich wusste, zumindest wie ein Instinkt in mir mein Handeln bestimmt. Und du hast Recht, ich bin nicht umsonst hier.“ Nun zögerte sie. Ein kurzes Blitzen in ihren Augen verriet, dass sie Aigonn längst nicht so sehr traute, wie sie vorgab. Sie zweifelte an seinem Wissen, seinem Verständnis für die Dinge, die am Laufen waren, um was auch immer es sich handelte – und diese Tatsache machte ihn wütend.

Die Nebelfrau erschien ihm nicht mehr, hatte kein Ohr für seine Fragen. Eine wildfremde, wiederauferstandene Tote, die sich unerkannt unter seinen Leuten aufhielt, sah ihn gern als offene Informationsquelle, speiste ihn aber mit Belanglosigkeiten ab. Wie ein Kind, als dumm gebrandmarkt, fühlte Aigonn sich plötzlich, und die junge Frau spürte diese Regung ebenso schnell, sodass sie besänftigend hinzufügte: „Ich kann dir nicht so viel sagen, wie du vielleicht glaubst. Ich erinnere mich noch immer fast gar nicht an das … was ich war … Aber ich kann dir verraten, dass ganz andere Mächte als die Nebelgeister mein Eingreifen wünschen. Warum auch immer.“

Für einen Herzschlag waren Aigonn die Worte entfallen. Die Fragen in seinem Kopf bedrängten ihn und quälten ihn immer weiter um Antworten, die ihm niemand geben konnte. Niemand! Eben dies schien ihn in den Wahnsinn zu treiben. Erneut überkam ihn die nun gut gekannte Enttäuschung, sodass es ihm fast sinnlos schien zu fragen: „Du weißt wirklich nicht, was hier geschieht?“

Die junge Frau schüttelte nur mit dem Kopf, während ihr Blick zu Boden wanderte. Die lauten Stimmen, die auf einmal vom Haus her zu ihnen drangen, unterbrachen die Spannung des Moments, sodass die junge Frau vorschlug: „Wir sollten ein Stück weiter in das Dorf hineinlaufen. Ich fürchte, wir bekommen ansonsten sehr bald Mithörer.“

Aigonn nickte nur. Er folgte der jungen Frau zwischen den Häusern hindurch. Sie wählten bewusst die engeren Wege zwischen Ställen und Viehpferchen, um den Schatten der Gebäude zu nutzen. Als sie ihn wieder verließen, leuchtete für einen Moment Lhenias rotes Haar im letzten Licht des Tages, als wäre sie entflammt. Ein fremdartiger Anblick, allein, weil Aigonn hätte glauben können, es wäre nichts passiert. Kein Krieg, kein Opfer, dieselbe Lhenia, die er immer gekannt und nie sonderlich gemocht hatte. Eine Illusion, einen Herzschlag lang.

Irgendwann blieb die junge Frau stehen und drehte sich wieder Aigonn zu. Die Stimmen hatten sich entfernt und stattdessen Platz gemacht für das leise Lied des Windes. Aigonn fröstelte unmerklich. Die Hitze des Tages war verschwunden. Erste Feuchtigkeit haftete auf dem Gras.

„Ich würde dir wirklich gerne sagen, was hier geschieht.“ Die Stimme der Frau hatte an Spannung verloren. Stattdessen wirkte sie erschöpft, so angreifbar, dass Aigonn sich dabei fast unwohl fühlte. „Aber ich kann es nicht. Ich hatte gehofft, du würdest mir behilflich sein, diese Frage zu beantworten, ganz egal wie!“

Aigonn schmunzelte witzlos. „Ich weiß nichts. Um mich herum geschehen Dinge nur, niemand erklärt mir, was sie bedeuten!“

Unvermutet begann die junge Frau zu lächeln, zügelte sich aber, um Aigonn nicht zu beleidigen. „Zu meiner Zeit hätten die Menschen dich einen Seher genannt. Du hast ein Gespür für die Wesen der Anderen Welt, wie kein Schamane es jemals vermögen würde. Doch die Geister treiben immer nur ihr Spiel mit dir. Du kannst sie sehen, mit ihnen sprechen, doch du durchdringst die Kräfte und Mächte nicht, von denen sie und wir alle zehren. Deshalb hast du keine Macht über sie.“

Aigonn stockte. Was auch immer er hatte sagen wollen, die Worte waren ihm entfallen. Er musste zweimal neu ansetzen, bevor er über die Lippen brachte: „Woher willst du das wissen?“

„Das kann ich sehen.“ Nun lächelte die junge Frau wieder so, wie sie es bei ihrer Begegnung an diesem Mittag getan hatte – wissend und schwer durchdringbar. „Die Geister dieser Welt umgeben dich immer, ständig, du scheinst sie anzuziehen. Eigentlich müsstest du es spüren können.“

Müsste er das? Auf einmal war Aigonn die Lust vergangen, über diese Dinge nachzudenken. Obwohl er nun Antworten erhielt – andere, als er erhofft hatte, aber Antworten –, sah er sich nicht im Stande dazu, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht, weil er Dinge wissen würde, die er doch lieber nicht erfahren hätte. Ein Seher. Er kannte diesen Begriff aus den alten Sagen, die seine Mutter ihm früher erzählt hatte. Was Rowilan wohl dazu sagen würde?

„Du bist eine Schamanin gewesen, nicht wahr? Als du noch gelebt hast.“

Die junge Frau lächelte noch immer. Bei Aigonns Frage schien sich ihr Blick nach innen zu kehren, als ob sie nun in ihren eigenen Erinnerungen suchen müsste. „Ich glaube ja. Zumindest bei euch wäre ich es gewesen.“

Aigonn nickte. Das Zwielicht hatte die Schwelle zur Dunkelheit überschritten und alle Gestalten in schwarze Silhouetten verwandelt. Neben Orans Haus hatte man weitere Lagerfeuer entzündet, die nun wie Scheiterhaufen gen Himmel loderten.

Auf einmal hielt Aigonn inne. Neben den lauten, allmählich betrunken klingenden Stimmen der Feier schien eine weitere Stimme vom Wind herangetragen zu werden. Monotone, mehr geraunt denn gesungene Verse. Aigonn schauerte es unwillkürlich, je länger er sich darauf konzentrierte. Der Wind hatte aufgefrischt, doch trotz allem schien die Luft um Aigonn und die junge Frau immer stickiger zu werden, immer dünner. Er atmete schneller, kürzer. Sein Herz fügte sich in diesen Takt, trieb seinen Puls in die Höhe. Wie ein Sog schien es Aigonn herumzureißen.

Eine schier eiskalte Hand auf seinem nackten Unterarm zog ihn in die Wirklichkeit zurück. Aigonn musste dreimal die Augen öffnen und schließen, bis er erkannte, dass die junge Frau an ihn herangetreten war. Ihr Blick durchbohrte ihn, als sie Aigonn beschwor: „Oran hat wenig Nützliches über dich, Rowilan und die anderen Menschen des Dorfes erzählt. Doch was auch immer dieser Schamane für ein Mensch ist, wenn du nicht bald lernst, in die Geschehen um dich herum einzugreifen anstatt sie nur zu beobachten, wirst du schneller dein Leben verlieren, als es dir lieb ist.“

Damit wandte sie sich ab und machte einige Schritte in die Dunkelheit hinein; solange bis sie merkte, dass Aigonn ihr nicht folgte. „Nun komm! Oran wird seine Tochter bald vermissen!“

Aigonn folgte ihr schweigend. Einige Herzschläge vergingen, bevor die junge Frau, nun weniger bestimmend, einwarf: „Wer hält zu dieser Zeit Rituale im Wald ab? Dein Schamane?“

Er stutzte kurz. Aigonn musste gestehen, dass er diese Frage gar nicht beantworten konnte. Die Annahme der jungen Frau war nicht unwahrscheinlich – zumal er Rowilan an diesem Abend bisher nicht gesehen hatte. Warum – dafür wusste er spontan keinen Grund. Doch er glaubte nicht annähernd von sich zu wissen, was in Rowilans Gedankenwelt vor sich ging.

„Es scheint so zu sein“, war seine Antwort. „Warum, kann ich dir aber auch nicht sagen.“

Die junge Frau beließ es dabei. Als sie sich Orans Haus näherten, kamen ihnen bereits die ersten Dorfbewohner entgegen, die für diesen Abend heimkehren wollten. Aigonn ließ sich bewusst ein Stück zurückfallen, suchte Schutz in den Schatten der Häuser, doch recht Notiz nahm keiner von ihm. Kurz bevor sie den Lichtschein des ersten großen Lagerfeuers betrat, hielt er die junge Frau jedoch noch einmal zurück. Sein Atem ließ feine Haare flattern, als er ihr über die Schulter hauchte: „Kannst du mir nun deinen Namen verraten?“

„Nein.“ Sie sprach, ohne ihn anzusehen. Dann überquerte sie die flackernde Grenze und trat ins Licht.

Verloren

Es schmeckte fast modrig, als Aigonn sich über die Lippen leckte. Das Gefühl, als hätte sich eine Schicht Erde in seinem Mund gesammelt, ließ ihn das Gesicht verziehen, während sein Geist vom Halbschlaf in die Realität zurückkehrte. Das Leinenhemd des Vortages, das er zum Schlafen anbehalten hatte, war von der plötzlichen Feuchtigkeit im Raum klamm geworden. Die stickige Luft und erkaltender Schweiß schienen es in eine tote, zweite Haut zu verwandeln, die sich um Aigonns Oberkörper krallte und ihn mit dem Hauch der Verwesung umarmte.

Angewidert riss er sich das Kleidungsstück vom Leib, bevor er es neben sich auf die Felle warf. Die verbrauchte Luft innerhalb des Raumes war unmerklich abgekühlt, feuchter. Über Nacht musste es geregnet haben, lange nachdem Aigonn heimgekehrt war. Denn er hatte noch eine nicht einschätzbare Zeitspanne lang wachgelegen und in die Dunkelheit gestarrt. Abende wie der Zurückliegende und eine Flut schwer zu ordnender Gedanken riefen zu leicht verflogene Erinnerungen zurück – ganz egal, wie sehr Aigonn sich dagegen gewehrt hatte.

Das flache Atmen von der anderen Seite der erloschenen Feuerstelle verriet die friedlich schlafende Moribe, die sich von dem plötzlichen Erwachen ihres Sohnes nicht hatte stören lassen. Efoh war nicht zu sehen. Aigonn vermutete seinen Bruder im Lager der befreundeten Handwerker – oder noch immer bei Oran im Haus, betrunken oder gerade auf dem besten Weg, sich auszunüchtern. Er gönnte es ihm, das alles, die Geselligkeit, die Kameraden, die Zeit seines Lebens mit Aigonn selbst nie sehr viel hatten anfangen können.

Je länger er neben der verloschenen Feuerstelle stand, desto stickiger schien die Luft zu werden. Als würde er im Inneren des Hauses ersticken, lief er barfuß und mit nacktem Oberkörper zur Tür hinaus. Die strähnigen Haare klebten im Schweiß an seinem Rücken.

Das Dorf draußen schien noch zu schlafen. Oran war es mit drei Fässern Bier, viel gutem Willen und ehrlicher Sympathie gelungen, den größten Teil der Bärenjäger einen ganzen Abend so zu unterhalten, dass es die meisten heute noch spüren würden. Aigonn schmunzelte darüber. Seine Laune trübte sich lediglich, als er feststellen musste, dass nur der Wachposten, der ein Auge auf ihn haben sollte, seiner Aufgabe größere Priorität gegeben hatte als Feiern und Alkohol.

Aigonn stand jedoch nicht der Sinn danach, sich weiterhin über diese Tatsache aufzuregen. Allmählich gab er sich Mühe, sich mit diesem Zustand abzufinden, an welchem er ohnehin kaum etwas ändern konnte. Aus diesem Grund scherte er sich gar nicht um die Anwesenheit des jungen, sichtlich verschlafenen Kriegers und wandte sich unverhohlen in Richtung der Palisaden.

Was hatte er schon zu verlieren? Es würden viele neue Geschichten entstehen, aber wirklich begreifen, was hier vor sich ging, würde von den Dorfbewohnern ohnehin kein einziger. Das tat ja nicht einmal Aigonn selbst.

Aus diesem Grund nahm er keine Notiz von dem Wachposten, als er sich auf den Wehrgang der Palisaden schwang. Der Krieger hatte den Mund bereits geöffnet, um ihn zurechtzuweisen, doch Aigonn entgegnete ihm schon: „Keine Sorge! Ich kann euch gar nicht schnell genug entkommen, ohne dass ihr mich niederstreckt!“

Einen Herzschlag brauchte der Wachposten, dann stieß er mit finsterer Miene aus: „Für welche Verbrecher hältst du uns, dass du glaubst, wir würden unsere eigenen Leute mit Lanzen erstechen?“

„Ich sprach nicht von töten. Das dürft ihr nicht, sicherlich. Aber mit den dünnen Speeren nach den Beinen zu werfen, würde doch schon genügen. Dir würde so etwas sicherlich gelingen, nicht wahr?“

Für einen Moment glaubte Aigonn, der Krieger würde ihm die Faust ins Gesicht schlagen. Er war schon bereit, sich zu ducken, seine Nerven gespannt, doch der Krieger besann sich schließlich eines Besseren. Zwei Schritte weit nahm er demonstrativen Abstand. Aigonn konnte die Botschaft seiner Augen nicht recht deuten, nicht ausschließlich ablehnend, vielleicht ein Hauch Enttäuschung darin enthalten. Doch seine Stimme war kalt, als er Aigonn entgegenwarf: „Renn doch in deinen Tod, wenn du dich für so nutzlos hältst. Niemand wird dich daran hindern!“

Damit ging er. Aigonn stand einen Moment still und überlegte, da ihm die Bedeutung dieses Satzes nicht recht klar wurde. Doch dann beließ er es dabei. Die Stirn in tiefe Falten gelegt trat er an die Palisaden heran und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen.

Es war noch früh am Tag, doch später, als er beim Erwachen zunächst geglaubt hatte. Gräuliche Gewitterwolken über den Höhenzügen am Horizont bestätigten Aigonns Vermutung ebenso wie das vom Regen noch nass glänzende Gras. Zu seiner Enttäuschung hatten sich die Nebelschwaden größtenteils wieder verzogen. Im Grunde hatte er die Hoffnung längst aufgegeben, dass die Nebelfrau innerhalb der nächsten Dutzend Tage wieder mit ihm sprechen würde, doch der Drang nach Antworten hatte ihn wieder hier auf die Palisaden hinausgetrieben. Zwar hatte es nachgelassen, das Drängen um Fragen und Antwort, sodass es fast die Gewohnheit war, die ihn dazu veranlasst hatte. Doch sie war noch mächtig genug, um ihn zu beherrschen. Aigonn befand es seltsam. Sich und sein Handeln.

Schließlich versank er so weit in seinen Gedanken, dass er den zweiten Wachposten nicht wahrnahm, der hinter ihm auf die Palisaden stieg – jener, der ihn überwachen sollte. Dieser begann zögerlich die Hand zu erheben, so als ob er Aigonn ansprechen wollte. Der beobachtete dies nur aus dem Augenwinkel, nahm keine Notiz davon, sondern blickte über die Sträucher am Waldrand hinweg, dorthin, wo er als kleiner Junge zum ersten Mal der Nebelfrau begegnet war.

Der Wachposten hatte den Mund schon geöffnet, als Aigonns Reaktion ihn innehalten ließ. Denn dieser stutzte. Aigonn erhob sich und spähte konzentrierter auf die Wiese hinaus. Es fiel ihm schwer, genau auszumachen, was er dort – unweit des Waldrandes – entdeckt hatte. Doch das, was er erkannte, war ein zerschlissenes Leinenhemd.

„Sieh mal!“ Als hätte der Wachposten schon immer an dieser Stelle gestanden, fasste Aigonn ihn an der Schulter und fragte: „Siehst du das?“

Der Krieger trat an seine Seite.

„Ist das ein Körper?“

„Bei allen Göttern, ja.“

Einen Augenblick sahen die beiden Männer sich fragend in die Augen, dann sprang der Wachposten auf einmal vom Wehrgang und rief Aigonn im Laufen zu: „Komm mit!“

Der Wache am Siedlungstor blieb kaum genug Zeit, um nachzuhaken, was der Krieger und Aigonn gesehen hatten. Ersterer verschuf sich eigenmächtig Ausgang, beschleunigte seinen Schritt, als er auf die Wiese hinaustrat, und steuerte – Aigonn hinter sich – auf den Waldrand zu.

Als sie das Dorf hinter sich gelassen hatten, schien es Aigonn plötzlich, als ob die Luft ihn mit einer unwirklichen Kühle umfassen würde. Die Feuchtigkeit und Frische des Morgens intensivierte sich in unrealistische Ausmaße. Jegliche Haare an seinen Armen und Beinen richteten sich auf, während er mit Falten in der Stirn auf die Umrisse der Gestalt, dieses Etwas starrte, dem er sich immer weiter näherte.

Als er endlich nah genug herangetreten war, musste er feststellen, dass er sich nicht getäuscht hatte. Ein toter Körper lag mit dem Gesicht nach unten im Gras. Strähnige Haare, noch immer schweißnass, hatten sich wie die Äste eines Strauches um seinen Kopf verteilt. Unendlich langsam, als würde der Tote binnen den nächsten Augenblicken wieder zum Leben erwachen, ging Aigonn neben dem Körper auf die Knie. Was ist, wenn er gar nicht tot ist?, schoss es ihm durch den Kopf.

Zögerlich streckte er die Hand aus. Als er die Schulter berühren wollte, zuckte er noch einmal zurück, als wäre der Körper brennend heiß. Doch dann wagte er es und stieß ihn fest genug an, sodass sich der Körper halb auf den Rücken drehte.

Es bestand kein Zweifel, der Mensch war tot. Ein Mann. Aigonn erschrak so sehr, dass er zwei Schritte nach hinten stolperte, auf den Po kippte und sich sogleich wieder aufrichtete. Blankes Entsetzen hatte sich scheinbar für die Ewigkeit in den Zügen des Mannes vertieft. Das makabere Gegenstück zu der Ruhe, die allen Toten innegewohnt hatte, deren Bestattungen Aigonn je beigewohnt hatte. Allen, bis auf einer.

Wenn er sich genug Mühe gab und Beherrschung bewahrte, konnte er einen jungen Mann zwischen all der Verzweiflung erkennen, zwanzig, jünger. Ein unsauberer, eine Kinderelle langer Schnitt prangte auf seiner Brust, von Blutkrusten halb verdeckt, doch noch nicht überall geronnen. Die Lache, die sich unter der Leiche gebildet hatte, war nur spärlich vom Regen verwaschen. Das Wasser hatte das viele Blut weder von der Leiche noch vom Boden wegspülen können. Nicht einmal die Natur hatte den Toten reinwaschen wollen.

Zwei Herzschläge lang schloss Aigonn die Augen, dann richtete er sich auf und tauschte einen wortlosen Blick mit dem Wachposten, der neben ihm stand.

Unweit der Leiche lag ein Jagdmesser auf dem Boden. Das Blut, das den gesamten Oberkörper des jungen Mannes zu bedecken schien, klebte an der unsauber geschmiedeten Bronzeschneide. Fingerabdrücke einer blutbeschmierten Hand bedeckten den Griff, noch immer deutlich genug, um einen Vergleich zu ziehen.

Aigonn wollte den Gedanken ebenso schnell wieder verdrängen, wie er gekommen war. Ein Selbstmörder. Er hatte es nicht probiert, doch er war sich sicher, dass die Hand des Toten genau auf die Abdrücke am Messergriff passen würde. Bilder flackerten vor seinen Augen auf. Die Vergangenheit jagte wie eine Welle auf ihn zu, wollte ihn mitreißen. Aigonn kämpfte mit seinem Gleichgewicht, während die Wache besorgt immer wieder von ihm zu der Leiche blickte.

Es brauchte einen Moment, bis Aigonn sich wieder gefangen hatte. Er begegnete dem Blick des Wachpostens, der kaum älter war als er selbst. Sein Name war Bral. Ein Mensch, den Aigonn niemals wirklich gekannt hatte – wie so viele andere nicht. Er spürte, dass Bral etwas sagen, fragen wollte. Doch der Krieger brachte es nicht über die Lippen.

Dann hörte Aigonn Schritte. Als er sich herumdrehte, sah er gut und gern zehn Bewohner der Siedlung, zwei Wachen, einen Schmied und zahlreiche Bauern auf sich und die Leiche zueilen – allen voran Behlenos selbst.

Als der Fürst angelangt war, streifte er Aigonn mit einem Blick, der so viel Drohung enthielt, wie er es noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Wieder er. Schon wieder ein unschönes Ereignis, und er war der erste, der es gesehen hatte. Fast konnte er Behlenos verstehen.

„Wisst ihr, wer das ist?“ Die Frage war an alle gerichtet. Der Fürst presste angewidert die Lippen aufeinander, sodass seine langen Schnurrbartenden um seine Mundwinkel spielten. Niemand antwortete. Stattdessen drängte eine junge Frau die Umstehenden beiseite, nicht hektisch, aber bestimmt, bis sie die Leiche sehen konnte.

Erstaunt sah Aigonn auf. Die junge Frau stand wie zu Stein erstarrt. Unzählige Gefühlsregungen durchliefen ihr Gesicht binnen Herzschlägen, bis sie eine Mischung aus Entsetzen und schockiertem Erkennen bildeten, das alle Umstehenden überraschte.

„Lhenia?“ Es dauerte einen Moment, bis die junge Frau auf Behlenos reagierte. „Lhenia, kennst du diesen Mann?“

„Nein …, nein eigentlich …“

„Eigentlich was?“

„Ich weiß es selbst nicht.“ Ihr Ausdruck mäßigte sich, doch die Leiche schien ihren Blick gefangen zu halten. Aigonn versuchte, aus ihren Zügen zu lesen, doch es war zwecklos. Er konnte die Herzschläge nicht zählen, bis sie auf einmal, schlagartig, ihren Blick abwandte, sich umdrehte und an den Männern vorbeilief, als wären diese gar nicht existent.

image

„Ich danke euch, dass ihr so schnell gekommen seid!“ Behlenos’ Stimme verriet seit langem so nicht gespürte Anspannung. Der Hauptaufenthaltsraum seines geräumigen Hauses war rund um das Herdfeuer mit allen Bewohnern des Dorfes bevölkert, die dort noch Platz gefunden hatten. Aigonn selbst hatte man

mehr oder minder freiwillig bis in Sichtweite des Fürsten vordringen lassen – ganz gleich, ob dieser lieber einen anderen Platz eingenommen hätte.

Behlenos warf immer wieder hilfesuchende Blicke in die Menge, bevor er – erfolglos – ohne Unterstützung zu sprechen begann: „Es wird sich herumgesprochen haben, was … Aigonn und Bral am Waldrand gefunden haben. Hat einer …“ Seine Stimme ging beinahe im Getuschel und Gemurmel der Anwesenden unter. „RUHE BITTE!“ Augenblicklich wurde es still. Der Fürst strich sich den Schweiß von der Stirn, als seine Stimme an Ruhe gewann: „Hat einer von euch den Toten Zeit seines Lebens gekannt?“

Aigonn jagte ein weiterer ungezählter Schauer über den Rücken. Behlenos hatte den Toten auf dem Marktplatz aufbahren lassen – eine ehrfürchtige Geste für den Verstorbenen, jedoch in diesem Fall eher zweckmäßiger Art.

Keiner der Bärenjäger konnte den jungen Mann beim Namen nennen. Nach einem Moment jedoch löste sich Bral zögerlich aus der Menge, fischte ein Stück Stoff aus einem Lederbeutel und hielt es Behlenos mit spitzen Fingern entgegen.

„Was ist das?“ Der Fürst beugte sich ein Stück vor, beäugte nachdenklich das blutverschmierte Leinen, auf dem sich undeutlich eine feine Stickerei abzeichnete.

„Das ist ein Stück seines Hemdes. So zerfetzt wie es war …, habe ich mir erlaubt, den Stoff abzureißen.“

„Und? Was soll ich sehen?“

„Das …, die Stickerei da. Das ist ein Eichenblatt.“

Behlenos stutzte. Er nahm Bral das Stoffstück aus der Hand und starrte beschwörend auf die Stickerei, als ob er sie damit verzaubern könnte. Auf der Suche nach einer letzten Hoffnung warf der Fürst ein: „Die Eiche ist ein heiliger Baum. Viele Stämme schmücken sich damit.“

„Aber nicht so. Schaut Euch die Stickerei an, Behlenos. So schmücken sich nur die Eichenleute.“

Herzschläge schienen sich in Tage zu verwandeln. Lautlos beschwor Behlenos das Stück Stoff, als ob diese Geste irgendeinen Sinn und Zweck erfüllen würde. Jeder wusste, was er dachte – das, was sie alle dachten. Eine unheilvolle Wahrheit. Unheilvoller als vieles, das ihnen hätte widerfahren können.

„Das kann nicht sein. DAS DARF NICHT WAHR SEIN!“ Behlenos’ Schlag ließ die Tischplatte erzittern. Aigonn sah Tonbecher schaukeln, die von den Beratern des Fürsten, die diesem am nächsten saßen, aufgefangen

wurden.

Es war nicht auszumachen, ob Behlenos vor Wut schäumte oder es mit der Angst zu tun bekam. Als wäre er ganz alleine im Raum, spie er aus: „Ein toter Eichenmann in unserem Dorf! Wir können froh sein, dass die Eichenleute sich dieser Tage mehr mit ihren eigenen Leuten beschäftigen. Wenn sie davon erfahren, werden sie uns in Stücke reißen! Sie werden … BEI ALLEN MÄCHTEN DES BÖSEN, WO IST ROWILAN?“

image

Die Grenze zwischen den Welten verschwamm, sobald der Schamane die Augen aufschlug. Für kurze Zeit erkannte er das Strohdach seines Hauses mit den getrockneten Kräutern, bevor es sich zurück in eine Flut aus fließenden Farben verwandelte. Rowilan war allein in seinem Haus. Zumindest glaubte er das. Manchmal schien es, als würde eine Gestalt zwischen seiner einfachen, aber zum größten Teil überfüllten Einrichtung umherlaufen, Dinge hin und her tragen und versuchen, ihm zuweilen einen Becher an die Lippen zu setzen. Doch wahrscheinlicher war es, dass er sich täuschte.

Die Geister der Anderen Welt hatten nicht aufgehört, ihn zu verfolgen. Der Schamane war nicht wach genug, um in Erfahrung zu bringen, welcher Fehler ihm unterlaufen war. So oft suchte er nachts die Zwiesprache mit den Göttern, brachte Opfer und fand Antworten, die sonst niemandem zuteil wurden. Doch dieses Mal war es anders gewesen.

Die Kräuter mussten es gewesen sein. Wenn er die heiligen Pflanzen der Götter überdosierte, konnte er so tief in die Welt der Geister eindringen, dass er daraus nicht mehr vollkommen zurückkehrte. Eine stumme Angst flammte in ihm auf. Das menschliche Bewusstsein schrie in seinem Kopf um Hilfe, während sich eine zweite Seele – ganz gleich, ob es sie gab – von seinem Körper zu lösen schien und den Menschen Rowilan in seinem schwachen Leib zurückließ.

Behlenos nahm sich kaum Zeit, um ordnungsgemäß an der Tür des Schamanen zu klopfen. Nach einem kurzen Pochen stieß der Fürst gegen das Holz, gefolgt von seinen Beratern und einer ganzen Reihe Schaulustiger. Aigonn hatte sich dazwischen gemischt. Es hatte ihn vor allen Dingen die Neugierde so nah hinter Behlenos her getrieben – in der Hoffnung, er würde verstehen können, was der Fürst mit Rowilan zu sprechen hatte. Doch zu allseitiger Enttäuschung empfing sie lediglich Aehrel, dessen überraschte Miene bald ärgerlicher wurde.

„Wo ist Rowilan?“ Behlenos nahm von dem alternden Mann kaum Notiz. Sein Blick durchstreifte die Behausung, die auf einen Fremden unordentlich wirkte, in den Augen des Schamanen jedoch sicherlich System hatte. Als der Fürst versuchte, zwischen Körben, Schemeln und Regalen in die andere Seite des großen Hauptraumes zu gelangen, schnitt ihm Aehrel kurz entschlossen den Weg ab.

„Mein Herr, nicht so schnell!“ Bestimmt baute der Krieger sich vor dem Fürsten auf. Man erkannte bereits den Zornesfunken in Behlenos’ Augen, der bedrohlich genug war, um jeden zurückweichen zu lassen. Doch Aehrel fügte seinen Worten nur hinzu: „Rowilan geht es sehr schlecht. Er hat gestern die Grenze zwischen den Welten berührt und ist bis jetzt nicht vollständig in seinen Körper zurückgekehrt. Ich weiß nicht, welcher Fehler ihm unterlaufen ist, ich war nicht die ganze Zeit über bei ihm. Aber er ist derzeit kaum in der Lage, Euch Rede und Antwort zu stehen!“

„Ach wirklich?“ Damit stieß Behlenos den Krieger kurzerhand beiseite. Aigonn beobachtete, wie Aehrel die Hand erhob, um seinen Fürsten zurückzureißen. Doch dieser hatte die Bettstatt des Schamanen längst erreicht. Mit finsteren Augen sah er zu Rowilan herab. Furcht und Zurückhaltung waren gleichermaßen in seinem Blick enthalten, als er auf die Gestalt blickte: Der sonst so unantastbare Rowilan lag mit offenen Augen und entrücktem Blick auf seinen Fellen im Stroh. Die Lippen zuckten immer wieder, als ob er stumme Beschwörungen sprechen würde, doch seine Worte erreichten keinen Sterblichen. Angreifbar wie ein Kind war er geworden. Aigonn konnte sehen, dass dieser Umstand Behlenos fast Angst bereitete.

„Rowilan!“ Seine Worte erreichten den Schamanen nicht. „Rowilan, hörst du mich?“ Wieder keine Antwort. Frustriert wandte sich Behlenos von Rowilan ab und sagte stattdessen zu Aehrel: „Wir haben einen toten Eichenmann in unserer Siedlung! Bral und … und Aigonn haben ihn heute Morgen unweit des Waldrandes gefunden.“

„Was sagt Ihr?“ Aehrel hielt inne und vergaß, was er seinem Fürsten an den Kopf hatte werfen wollen.

„Er scheint ein Selbstmörder zu sein. Die Götter allein wissen, welches Grauen ihn getrieben hat. Doch der Ort seines Todes liegt nicht allzu weit von dem Hain entfernt, wo Rowilan gestern Nacht seine Rituale abhalten wollte. Wart ihr dort?“

„Ja.“

„Ihr habt nichts bemerkt?“

„Nein, wirklich nicht. Ich habe Rowilan nur bei seinen Vorbereitungen geholfen und mich dann zurückgezogen. Ihr wisst ja, da ich kein Eingeweihter, kein ausgebildeter Schamane bin, darf ich nicht …“

„Ja, ja!“, unterbrach Behlenos Aehrel. „Ihr habt wirklich nichts gesehen?“

„Nein, so glaubt mir doch!“

„Schon gut.“ Aigonn spürte, dass sein Fürst sich geschlagen gab. Behlenos ließ Aehrel stehen und lief durch die Gasse, welche die umstehenden Schaulustigen ihm freimachten. Er schien gar nicht mehr hinzuhören, als Aehrel die vielen Leute aus dem Haus des Schamanen warf, sondern tauschte stattdessen stumme Blicke mit einem seiner Berater. Dieser fragte schließlich: „Was sollen wir mit dem Toten machen?“

„Verbrennen. So schnell wie möglich. Sollte irgendein Händler hier auftauchen – ganz egal, wie unwahrscheinlich das ist – dann erzählt ihm, dass einer der Flüchtlinge aus dem Osten an seinen Verletzungen gestorben ist. Ich will diesen Fluch nicht länger als nötig hier bei uns behalten!“

„Behlenos, aber … sollten wir dem Toten nicht vielleicht ein richtiges Begräbnis ausrichten? Auch wenn er nicht unserem Stamm angehört. Ich glaube kaum, dass in der nächsten Zeit ein Reisender oder Händler hier vorbeikommt, der uns bei den Eichenleuten verraten könnte. Und in diesen Zeiten ist es kaum klug, eine verlorene, umherziehende Seele zu haben, die in unserem Dorf gefangen ist und uns nicht schlafen lässt. Ihr wisst, was ich meine!“

„WIE LANGE SOLL ICH DENN DIESEN KERL HIER AUFGEBAHRT LASSEN? Er ist ein Fremder! Wir sind nicht verantwortlich für ihn!“

„Behlenos!“ Der Berater wurde nachdrücklicher. „Behlenos vertraut mir, es ist besser, wenn wir ihn angemessen beerdigen!“

Der Fürst antwortete nichts mehr. Sein scharfer Blick, der sich in die Augen seines Beraters bohrte, verriet allen Umstehenden, dass er sich geschlagen gab – auch wenn er dies nicht öffentlich zugestand. Ohne noch ein Wort zu sagen, schritt er durch die Menschen hindurch und suchte Zuflucht in seinem eigenen Haus – ohne Berater und ohne Diener. Die warf er hinaus.

image

Die junge Frau hatte sich Zeit gelassen, mit der Menge nach draußen zu strömen. Sie konnte schwerlich beschreiben, welche Gedanken in ihrem Kopf vorgingen. Immer wieder blickte sie zu dem entrückten Schamanen zurück, als ob sein Anblick ihr irgendein Geheimnis verraten würde. Doch würde es Erinnerungen geben, sie kehrten nicht zu ihr zurück.

Unwirsch schüttelte sie den Kopf, als ein junger Krieger sie beim Hinausgehen an der Schulter anrempelte. Sie war so weit zurückgefallen, dass sie fast als Letzte das Haus verlassen würde.

„Jetzt beeilt euch schon! Das ist hier nicht der Marktplatz!“

Plötzlich berührte sie eine Hand an der Schulter. Die junge Frau zuckte zusammen, als hätte sie ein glühendes Metallstück getroffen. Die Stelle der winzigen Berührung brannte – nicht schmerzhaft, sondern mit einer Flut von Emotionen behaftet, dass ihr kurzzeitig schwindelig vor Augen wurde. Sie wirbelte herum. Es fühlte sich so vertraut an, viel vertrauter als eine bloße Bekanntschaft, eine Liebschaft, sie konnte das Gefühl nicht beschreiben, es war so viel stärker. Fast so, als wäre diese Person ein Teil von ihr.

Aehrel starrte die junge Frau aus großen Augen an. Überrascht von ihrer Reaktion zog er eine Augenbraue in die Höhe und fragte: „Alles in Ordnung, Lhenia?“

Die junge Frau nickte – nicht, weil sie ihm zustimmte, doch weil sie in diesem Moment nichts anderes antworten durfte. Für einen Atemzug sah sie Aehrel an. Die Erinnerung pochte in ihrem Kopf wie ein Schmerz, doch der Moment verflog. Die Erkenntnis, nach der sie gesucht hatte, stellte sich nicht ein. Und sie spürte, dass sie in diesem Augenblick nicht mehr tun konnte.

Noch einmal schüttelte die junge Frau wortlos den Kopf, bevor sie sich umwandte und der Menge nach draußen folgte. Sie fühlte Aehrels Blick in ihrem Rücken; in seinen Augen hatte zuletzt ein Ausdruck gelegen, den sie nicht recht hatte deuten können. Aber sie beschloss, die unzähligen Fragen, die diesem Moment anhafteten, beiseite zu schieben und sich zuerst darauf zu konzentrieren, was viel wichtiger war.

Vom Sterben

Gemischte Gefühle stiegen in Aigonn auf, als er Behlenos davoneilen sah. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, von dem Toten. Während sich seine Gedanken mit ganz elementaren Fragen beschäftigten, stieg immer wieder ein namenloses Gefühl in ihm auf – eine Angst, Bedrückung, was auch immer es war. Er wünschte sich, dass er sich davon befreien könnte, doch es war zwecklos.

Auf einmal fasste eine Hand nach seinem Arm. Die Menge der Schaulustigen hatte sich gelichtet, sodass niemand bemerkte, wie die junge Frau zu ihm sagte: „Komm mit mir!“ Dann zog sie ihn, ohne auf eine Entgegnung zu warten, hinter sich her in den Schatten zweier Ställe.

Aigonn wusste nicht, ob er erstaunt oder erschrocken sein sollte, als er den Augen der jungen Frau begegnete. Ganz gleich, ob es Lhenias Körper gewesen war, er hatte dem toten Mädchen gegenüber noch nie so fremd gewirkt wie in diesem Moment. Erkennen, erschrockene Klarheit hatte sich in die Zügen der jungen Frau eingebrannt, und er hörte es an ihrer Stimme, als sie sagte: „Das ist es!“

„Was?“

„Dieser Tote. Er ist es, warum ich da bin.“

Aigonn stutzte einen Moment, auch wenn er diese Nachricht längst erahnt hatte. Schon in dem Augenblick, als er die junge Frau vor der Leiche hatte stehen sehen, war ihm klar geworden, dass sie etwas erfahren hatte, was außer ihr niemand sonst wusste. Antworten!, schrie es in Aigonns Kopf. Jetzt gibt es Antworten!

„Woher weißt du es?“, fragte er sie.

„Ich habe es gesehen. Ich kann dem, was ihm widerfahren ist, keinen Namen geben. Aber als ich sein Gesicht gesehen habe, habe ich mich erinnert – an ein Gefühl. An ein abscheuliches Gefühl. Es schien, als ob ich gefühlt hätte, was er gefühlt hat.“

„Glaubst du wirklich, dass er sich selbst getötet hat?“

„Ja“, antwortete sie mit Bestimmtheit. „Ich bin sicher. Es steckt etwas dahinter. Ich kann dir nicht sagen, was es ist. Aber das muss es sein. Das, weshalb ich hier bin.“

Auf einmal bremste sich ihre Aufregung. Ihr Blick erforschte Aigonns Miene und ließ sie sich daran erinnern, was ihr aufgefallen war. „Aber du! Du weißt auch mehr als alle anderen. Es hat einen Grund, warum die Nebelfrau ausgerechnet dich ausgeschickt hat, um nach mir zu suchen. Und ich glaube, es hängt damit zusammen, was du weißt. Auch du hast dich an etwas erinnert, als du ihn gesehen hast. Was war es?“

Aigonn erstarrte. Die Schatten, die ihn seit diesem Morgen verfolgten, hatten in jenem Moment seine Abwehr überwunden und umarmten ihn mit all der Grausamkeit, vor der er zu fliehen versuchte. Bilder zuckten vor seinen Augen umher. Er wusste genau, was die junge Frau meinte und es graute ihm davor, dass es nun an der Zeit war, der Vergangenheit wiederzubegegnen.

„Wir sollten uns einen Ort suchen, an dem wir wirklich vor unliebsamen Zuhörern geschützt sind.“

„Ich folge dir.“

Aigonn führte die junge Frau durch das Dorf in Richtung seines Elternhauses. Als sie am Marktplatz vorbeikamen, mied er den Anblick der verzweifelten Gestalt, die selbst im Tod keine Ruhe gefunden hatte. Er flüchtete sich durch die Tür in das stickige Halbdunkel und begrüßte Efoh, der gerade ein einseitiges Gespräch mit ihrer Mutter führte: „Efoh, würdest du uns kurz allein lassen?“

Efoh verharrte kurz, blickte von Aigonn zu der jungen Frau und wieder zurück, bevor er entgegnete: „Sind deine Geheimnisse doch so groß und wichtig, dass du sie nicht mit mir teilen willst?“

„Sie sind es. Es tut mir leid, aber diesmal … ist es nicht für dich gedacht, was wir besprechen müssen. Würdest du gehen?“

Aigonn traf der stumme Blick seines Bruders. Er spürte, dass er Efoh in diesem Moment mehr enttäuscht hatte, als er es bislang vermutete. Doch als sein Bruder das Haus verließ, gab Aigonn sich zufrieden und bot der jungen Frau einen Sitzplatz auf den Fellen am Herdfeuer an.

Moribe webte leise summend an dem Stück Stoff, das wohl niemals fertig werden würde. Aigonn hatte sie einmal dabei beobachtet, wie sie die Fäden wieder aus dem Rahmen herausgezogen hatte, kurz bevor sie ihr Werk beendet hätte. Der Stoff zuvor, den sie fertig aus dem Rahmen gelöst hatte, war dem Herdfeuer zum Opfer gefallen.

„Möchtest du etwas essen oder trinken?“

„Nein.“ Der Ton der jungen Frau verriet, dass sie endlich zur Sache kommen wollte. „Nun erzähl!“

Aigonn atmete tief ein, als er sich neben sie ans Feuer setzte. Kurz huschte sein Blick zu seiner Mutter, als ob sie ihm helfen könnte, diese Bürde zu tragen. Denn immerhin war sie dabei gewesen, als geschehen war, was er nun erzählen würde. Doch Moribe nahm von ihrem Sohn keine Notiz, auch nicht von der fremden Frau. Sie blieb ein Teil ihrer eigenen Welt. Nichts sonst.

„Meine Schwester Derona ist eine Schülerin unseres Schamanen gewesen. Sie war sehr viel älter als ich. Ich kann dir nicht sagen, worin genau ihre Talente bestanden, doch Rowilan hat sehr viel in ihr gesehen. Und obwohl es nicht üblich ist, hat er sie kaum nach Abschluss seiner eigenen Ausbildung in die Lehre genommen.“

Aigonn sah die junge Frau nicht an. Er starrte auf die ausgeglühten Holzscheite der Feuerstelle, als ob er die Flammen damit wieder entzünden könnte.

„Ich glaube, Rowilan war in Derona verliebt. Vielleicht wollte er sie deshalb so schnell an sich binden. Sie hat ihn nicht unattraktiv gefunden. Genau kann ich es nicht einschätzen, es ist sehr lange her. Jedenfalls hat er gehofft, irgendetwas mit oder durch Derona zu erreichen. Er ist damals noch sehr ehrgeizig gewesen. Was es war, das brauchst du mich nicht fragen. Aber Derona war zu Dingen in der Lage, die er nicht beherrscht hat. Deshalb hat er sie gebraucht. Ich kenne nicht genügend Details …“

„Was ist geschehen?“, fiel die junge Frau Aigonn ins Wort. Sie schien zu spüren, dass er schon wieder vor dem relevanten Geschehen zu flüchten versuchte. Doch sie wollte es nicht zulassen. Ungewollt begann seine Stimme zu zittern:

„Wie gesagt, ich weiß nicht, was sie getan oder versucht haben. Aber Derona hat es nicht verkraftet. Sie ist mit der Zeit immer verstörter geworden, hat sich verfolgt gefühlt. Rowilan hat es nicht ernst genug genommen oder nicht verstanden. Jedenfalls … eines Tages … ist sie zum Abend hin verschwunden. Sie muss mit meiner Mutter vorher über ihre Ängste gesprochen haben, sonst hätte sie nicht gewusst, wo sie suchen musste.“

In diesem Moment verließ Aigonn die Gegenwart. Er kehrte zurück in jene sternenlose Nacht, zum Grab der Götter, sah seine Mutter mit der Fackel vorauseilen.

„Wir haben Derona beim Grab der Götter gefunden – dort, wo ich dich gefunden habe. Ich bin dabei gewesen. Wir waren zu spät, um sie aufzuhalten. Ich glaube …“ Die letzten Worte sprach er nicht aus. … diese Bilder werden mich bis ans Ende meines Lebens verfolgen.

„Aigonn!“ Die junge Frau sah ihn an, fast fürsorglich.

„Sie hat sich von einem der Felsen gestürzt.“ Zwei tote Augen sahen zu ihm auf. Augen, denen dieselbe Verzweiflung innelag, wie sie der Leiche auf dem Marktplatz anhaftete.

Die junge Frau fragte nicht weiter. Sie verstand, was diese Botschaft für sie beide bedeutete. Vorsichtig hakte sie nach: „Du warst dabei?“

„Ja.“ Aigonn konnte nicht sagen, wer für ihn redete. Sein Körper war nur noch eine lebende Hülle. Sein Geist wurde von einem unsichtbaren Sog in der Vergangenheit gehalten, dem er sich nicht entziehen konnte. Tote Augen. Die Verzweiflung schien auf ihn überzugreifen. Derona hatte so oft stumm nach Hilfe gerufen, selbst er hatte es damals gesehen.

Warum hatte seine Mutter nicht früher vorausgeahnt, was kommen würde? Im Grunde war er sich sicher, dass sie damit gerechnet hatte. Warum hatte sie nichts getan? Und vor allem, warum hatte Rowilan nichts getan? Er war der einzige, der von den Umständen ihres Todes gewusst hatte, der mitverfolgt hatte, was sie so in den Wahnsinn getrieben hatte. Eine unsägliche Wut brannte plötzlich in Aigonn auf. Ihm schien es, als müsse er hinaus zum Haus des Schamanen rennen und endlich jede Antwort einzeln aus diesem verhassten Subjekt herausprügeln. Rowilan hatte ihn zum Lehrling haben wollen. Ihn, nachdem er seine Schwester in den Tod getrieben hatte! Der Geschmack dieser Dreistigkeit wurde ihm erst in diesem Moment voll und ganz bewusst. Er hatte so lange vermieden, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Alles, alle Gefühle wogten wie eine Sturmwelle über ihn hinweg. Sein Kopf schien zu zerbersten.

Die Hilflosigkeit, das Versagen seiner Angehörigen, die Wut – so, wie er damals dem Geschehen ausgeliefert gewesen war, so hielten ihn nun diese Emotionen in fester Hand, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Hätte er nicht selbst damals etwas tun können? War es nicht auch seine Schuld? Aber er war so jung gewesen. Was hätte ein Kind schon tun können?

Er merkte kaum, dass er laut aussprach: „Ich ertrage ihn nicht mehr, diesen Tod. Überall verfolgt mich der Tod. Ich kann mich nicht dagegen wehren, er ist immer da …“

„Aigonn!“ Als eine Hand seinen Arm berührte, zuckte er so heftig zurück, als wäre diese brennend heiß. Die Wirklichkeit schien unter der Flut unkontrollierter Emotionen aufzutauchen. Er starrte der jungen Frau mehrere Herzschläge lang ins Gesicht, bis ihm einfiel, warum sie hier war, was er ihr erzählt hatte. Unsicherheit verbarg sich in ihrer Stimme, als sie fragte: „Was ist nach dem Tod deiner Schwester geschehen? Hat euer Schamane verraten, was ihr widerfahren ist?“

„Nein.“ In Aigonn loderte es. Unmerklich begannen seine Hände zu zucken. „Rowilan ist bestürzt gewesen. Ich will nicht abstreiten, dass er etwas für Derona empfunden hat, aber er hat eisern geschwiegen – selbst Behlenos gegenüber. Die beiden sind seit jeher gute Freunde gewesen und haben sich scheinbar untereinander arrangiert. Ich weiß nicht wie, aber jedenfalls hat Behlenos versucht, die Angelegenheit ruhen zu lassen und zu warten, bis die Zeit Wunden heilt. Aber es ist ihm nicht gelungen.“

Aigonns Blick haftete auf seiner Mutter. Für einen kurzen Augenblick war es ihm vorgekommen, als hätte sie seine Augen gestreift, eine stumme Zustimmung zu dem gegeben, was er berichtete. Doch er konnte sich auch täuschen.

„Meine Mutter hat Deronas Tod nicht verkraftet. Sie hat sich tagelang zurückgezogen und nur durch das Zureden und die Fürsorge meines Vaters wieder dem normalen Leben zugewandt. Er hat geschwiegen, aber nur Efoh und mir zuliebe. Gut ein Jahr später hat er es nicht mehr ausgehalten und versucht, Rowilan zur Rede zu stellen. Als der sich ihm verweigert hat, hat ihn die Wut überkommen. Ich weiß nicht genau, was geschehen ist. Aber einen Tag später hat Rowilan ihn vor Behlenos angeklagt, dass er versucht habe, ihn zu töten. Mein Vater hat die Anklage nicht abgestritten. Vor niemandem. Behlenos muss wohl Angst vor noch mehr Aufsehen und Unruhe gehabt haben, denn er und der Rat haben ihn nicht zum Tode verurteilt, sondern stattdessen aus dem Dorf gejagt. Wahrscheinlich ist er tot, wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.“

Aigonn hatte gesprochen, als wäre er nicht anwesend gewesen. Erst jetzt, als sein Geist wieder Notiz von Moribe nahm, die keine fünf Fuß weit von ihm entfernt saß, stockte er und schwieg einen langen Moment. Dann fügte er hinzu: „Nachdem mein Vater verschwunden war, hat meine Mutter den Verstand verloren. Den Tod meiner Schwester hat sie nicht verkraftet, und heute spricht sie mit niemandem mehr, nimmt keinen in ihrer Gegenwart wahr. Schon andere Schamanen außer Rowilan haben versucht, ihr zu helfen, aber es hat nichts genutzt. So wie sie heute ist, wird sie wohl bis an ihr Lebensende bleiben.“

Der Zorn loderte in ihm. Auf einmal konnte er gar nicht mehr verstehen, warum ihn all dies so spät erst ereilte. Vielleicht war er zu lange weggelaufen. Vielleicht hatte sein Unterbewusstsein warten wollen, bis er bereit sein würde, seiner Schwester, seiner Mutter und seinem Vater die Gerechtigkeit zu bringen, die ihnen verwehrt worden war. Ja, vielleicht war es nun an der Zeit. Ein gefährliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Aigonn umfasste und rieb sich immer wieder die Hände, als könnte er sie nie wieder still halten. Gerechtigkeit. Es war das erste Mal seit so vielen Jahren, dass ein Hauch der Genugtuung in seinem Geist aufflammte – Genugtuung im Gedanken daran, was er tun konnte. Zu was er nun in der Lage war. Als Aigonn geradeaus auf die gegenüberliegende Hauswand sah, erkannte er dort für einen Herzschlag ein nicht identifizierbares Wesen – unwirklich wie eine schwarze Nebelwolke, aber da, klein wie ein Kind. Sah man lange genug hin, konnte man sich die Umrisse eines Menschen einbilden. Diesmal verspürte Aigonn nur einen kurzen Schreck, keine Angst. Er wusste, dass er diesem Wesen nicht das erste Mal begegnete. Doch dieses Mal ging von ihm keine Bedrohung aus. Vielmehr schien es, als spiegelte sich in dieser Gestalt dasselbe Lächeln, das noch immer unbewegt auf Aigonns Lippen ausharrte.

Als die junge Frau Aigonns starren Blick bemerkte, neigte sie sich ein Stück in seine Richtung und versuchte zu sehen, was er sah. In diesem Moment verschwand das Wesen. Aigonn schien wie aus einem Schlaf zu erwachen, schüttelte sich kurz, bevor er seinen Blick abwandte und die junge Frau ansah. Deren Gesicht verriet, dass sie nicht wusste, was sie von all dem halten sollte. Misstrauen und ein Funke Unsicherheit verbargen sich in ihren Augen, während sie überlegte, was es nun zu sagen gab.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, bis sie endlich wagte zu fragen: „Glaubst du, dass deiner Schwester dasselbe widerfahren ist wie diesem toten jungen Mann auf dem Marktplatz?“

„Ja.“ Mehr konnte Aigonn dazu nicht sagen. Seine Gedanken kreisten noch immer um die Möglichkeiten, die sich ihm plötzlich aufgetan hatten. Unfreiwillig musste er sich wieder von ihnen abwenden, als er die junge Frau neben sich leicht hin und her rutschen hörte. Schließlich fragte er: „Was willst du jetzt tun?“

„Im Moment können wir nicht herausfinden, was diesem jungen Mann zugestoßen ist, aber …“

„Aber was?“

„Wenn du mir helfen würdest, bliebe uns eine Möglichkeit. Ich muss nur sagen, ich weiß nicht, ob es gelingen wird. Du hast niemals eine Ausbildung erhalten. Das, was ich vorhabe, könnte schwer für dich werden.“

„Um was geht es?“

„Es ist … Inwieweit lehrt man euch über Tod und Wiedergeburt?“

Aigonn zuckte mit den Schultern. „Wenn wir sterben, gelangt die Seele in die Andere Welt. Sobald sie bereit ist, wird sie in einem neuen Körper wiedergeboren. Das ist es, was ich weiß.“

Die junge Frau schürzte die Lippen. Aigonn konnte erkennen, dass sie mit dieser Antwort unzufrieden war.

„Das mag stimmen. Aber es gibt noch mehr. Hast du schon einmal davon gehört, dass Erinnerungen an Orten zurückbleiben können?“

Aigonn hob nur fragend die Augenbrauen.

„Nun …, ich wurde gelehrt, dass jedes sterbliche Wesen eine Spur an dem Ort hinterlässt, wo es gelebt hat oder vielleicht nur einmal gewesen ist. Wichtige, schwerwiegende Ereignisse beispielsweise hinterlassen eine Art … ‚Abdruck‘ dort, wo sie stattgefunden haben. Das ist der Grund, warum noch Generationen nach einem Krieg oder einer Schlacht Nachfahren von Kriegern dasselbe Grauen spüren wie ihre Ahnen, wenn sie einen Ort betreten – auch wenn sie nichts über dieses Schlachtfeld wissen.“

Die junge Frau hielt kurz inne, um zu prüfen, ob Aigonn ihren Worten noch folgte. Dieser lauschte schweigend, weshalb sie fortfuhr: „Dasselbe gilt für Menschen. Wenn eine Person wiedergeboren wird, kann sie sich meist kaum mehr an ihr vergangenes Leben erinnern. In der Regel bleibt Wissen wie eine Art Instinkt erhalten, aber am seltensten behält man sich die persönlichen Erinnerungen, Namen, Gefühle, dergleichen. Wie viel erhalten bleibt, ist von der Person selbst abhängig. Ein Greis, der sein Lebensende nahen spürt und sich lange auf seinen Tod vorbereitet, kann viele Erinnerungen mit sich nehmen. Jemand aber, der plötzlich stirbt, wird sich im nächsten Leben an wenig erinnern. Die Bilder, die er zurückgelassen hat, bleiben entweder am Ort seines Todes oder in seinem Körper.“

„Was hilft uns das?“ Aigonn wusste nicht recht, was die junge Frau ihm sagen wollte.

„Ich habe … einmal gelernt, diese verlorenen Erinnerungen zu finden. Der junge Mann wird nicht viel mit in die Andere Welt genommen haben. Vielleicht … können wir sehen, wie er gestorben ist.“

Aigonn zog die Augenbrauen in die Höhe. Er hatte sich nie mit Schamanen und deren Lehren auseinander gesetzt, weshalb er sich im Moment kaum vorstellen konnte, von was die junge Frau sprach. „Und wofür brauchst du mich?“

„Nun …, ich habe gelernt, die Erinnerungen zu finden. Aber du bist der Seher. Du wirst sie sehen, besser als ich. Du wirst viel mehr aus ihnen lesen können und behalten, denn deine Sinne sind dafür geschärft. Damit wurdest du geboren. Ich würde nicht ansatzweise so viel aus diesen Erinnerungen mitnehmen wie du!“

Aigonn schluckte. Er saß steif auf seinem Fell und starrte die junge Frau an, als hätte sie einen Fluch über ihn ausgesprochen. Er sollte ein solches Ritual ausführen? Er? Er, der niemals versucht hatte, diese Fähigkeiten zu kontrollieren, die er scheinbar besitzen musste, besitzen sollte? Zweifel schwangen in seiner Stimme mit: „Heißt das, ich werde sehen, wie dieser Junge gestorben ist?“

„Du wirst weniger sehen“, antwortete die junge Frau zögerlich, „als vielmehr fühlen, … was ihn in den Tod getrieben hat. Das ist der Nachteil daran. Ich kann nicht von dir verlangen, das für mich zu tun; ich kann es auch ohne deine Hilfe probieren. Aber du würdest mir helfen, sehr sogar.“

Unwirsch schüttelte Aigonn mit dem Kopf. Auf einmal hatte er das Gefühl, dass ihn all das Gesagte und die vielen Erinnerungen, die noch immer in seinem Geist aufblitzten, grenzenlos übermannten.

„Was habe ich eigentlich damit zu tun, mit all dem? Warum ich?“

„Ich fürchte, weil es sonst niemanden hier gibt, dem ich vertrauen kann.

Ich kann dir nicht sagen, was hier vorgeht, aber vielleicht werde ich es bald. Du hast deine halbe Familie aus einem Grund verloren, der dir immer noch nicht schlüssig wird. Das könnte sich ändern!“

Aigonn schwieg. Einen Moment lang fragte er sich, ob er überhaupt wissen wollte, was seine Schwester in den Tod getrieben hatte. Doch eine Stimme in seinem Inneren sagte ihm, dass es richtig war, wenn er es erfuhr. Für eine kurze Zeit rang er noch mit sich selbst, dann antwortete er der jungen Frau: „Ich werde dir helfen, soweit ich es vermag. Aber es liegt an dir – alles. Das letzte Mal, als ich auch nur unfreiwillig von meinen Fähigkeiten Gebrauch gemacht habe, wäre ich fast gestorben. Wenn ich dir helfen soll, fürchte ich, vertraue ich dir mein Leben an.“

„Du kannst mir vertrauen. Das ist das einzige, das ich dir verspreche.“

Aigonn nickte. Er zweifelte nicht an der jungen Frau, dafür hatte er gar keinen Grund. „Wann wollen wir es versuchen?“, fragte er.

„Ist es immer noch so, dass ein Toter nicht länger als einen Tag und eine Nacht aufgebahrt sein darf, bevor man ihm sein Begräbnis zukommen lässt?“

„Ja.“

„Dann schon morgen. Dein Schamane oder sein Gehilfe werden den jungen Mann morgen beerdigen müssen. Sobald seine Seele in die Andere Welt übergegangen sein wird, müssen wir versuchen, an den Leichnam zu gelangen. Im Zweifelsfall werden wir das Grab öffnen.“

Aigonn schauerte es. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, was auf ihn zukam, wenn er versuchen wollte, der jungen Frau zu helfen. Doch er spürte, dass er das Richtige tat. Er hatte gerade den Mund geöffnet, um seinen Worten noch etwas hinzuzufügen, als es auf einmal an der Tür klopfte.

Er schloss seinen Mund, erhob sich unwillig und rief: „Wer ist da?“

„Ich bin es, Oran.“

Die junge Frau sog scharf die Luft ein. Sie schien ganz vergessen zu haben, dass Lhenias Vater seine vermeintliche Tochter suchen würde.

„Komm herein!“ Die Tür öffnete sich und der alternde Bauer blickte schüchtern in das Haus hinein. Hinter ihm erkannte Aigonn Efoh, dem scheinbar die Lust vergangen war, sich draußen die Zeit zu vertreiben. Denn heute hatten keine größeren Arbeiten angestanden. Ein anderer Schäfer überwachte Aigonns und Efohs Herde zusammen mit seiner eigenen.

„Verzeih die Störung, Aigonn, aber … Oh, da bist du ja, Lhenia! Du bist heute Morgen so aufgeregt gewesen, ich hatte schon Angst, du …“

„Nein, hier bin ich doch.“ Die junge Frau lächelte warm, erhob sich und lief zu Oran. Aigonn erschrak fast darüber, wie sich schlagartig der Ausdruck ihres Gesichtes änderte und damit ihr ganzes Antlitz. Sie wirkte viel jünger, mädchenhafter – fast so, wie Aigonn die echte Lhenia in Erinnerung behalten hatte.

„Aigonn und ich haben nur etwas geredet. Du brauchst dir doch keine Sorgen zu machen!“

Oran erwiderte nichts mehr, sondern strich seiner vermeintlichen Tochter stattdessen nur durch das kurze Haar. Die junge Frau verabschiedete sich und verließ mit ihrem Vater das Haus. Im Gegenzug trat Efoh ein, tauschte einen kurzen Blick mit seinem Bruder und ließ sich dann auf die Felle sinken.

„Aehrel möchte morgen kurz bei uns vorbeisehen“, sagte er merkwürdig tonlos. „Haben wir noch Fleisch da, um ihn zu bewirten?“

Aigonn zögerte mit seiner Antwort. Er spürte, dass Efoh beleidigt war, und er wusste selbst zu gut aus welchem Grund. Daher ging er erst gar nicht auf die Frage ein, sondern sagte beschwichtigend: „Efoh, bitte! Ich wollte dich nicht kränken! Du brauchst nicht zu glauben, dass ich dir misstraue. Aber ich kann dir im Moment von diesen Dingen nichts erzählen. Es wäre auch … zu umständlich, dir alles zu erklären.“

Efoh sah zu ihm auf. Sein Blick hatte etwas Scharfes an sich. Er schien Aigonn zu stechen, als er dessen Augen fand. Der wunde Nerv war getroffen.

Anstatt jedoch auf Aigonns Entschuldigung einzugehen, beließ Efoh es dabei und wiederholte nur noch einmal: „Haben wir Fleisch da?“

Was zurückgelassen wurde

Es fiel Aigonn schwer zu beschreiben, was in ihm vorging. Der sonst blutrote Abendhimmel hatte unter den grauen Gewitterwolken einen satten Violett-Ton angenommen, der selbst bis jetzt, zu Beginn der Nacht, noch angehalten hatte. Ein lautloses Unwetter tobte über dem Horizont. Weiße Blitze zuckten über den Himmel. Irgendwo in der Ferne mussten Regenschwalle auf die Erde niedergehen, doch bis jetzt verriet lediglich der warme, aber kraftvolle Wind den jähen Wetterwechsel.

Nur noch wenige Menschen durchquerten zu dieser Zeit das Dorf. Hier und da wurden noch Hunde hineingelassen, letzte Pferde von den nahen Weiden geholt. Doch abgesehen von den Nachtwachen war Aigonn beinahe allein.

Innerlich erfüllte ihn Befriedigung. Nach seiner Entdeckung am frühen Morgen schien Bral den undankbaren Posten, Aigonn zu überwachen, abgegeben zu haben. Nur hatte bislang niemand die Aufgabe des jungen Kriegers übernommen. Aigonn selbst lächelte darüber. Es hätte ihm nicht gelegener kommen können – unabhängig davon, dass er an diesem Abend keinen Schlaf gefunden hatte. Bis jetzt konnte er den Gefühlen keinen rechten Namen geben, die ihn trieben. Doch je weiter er durch das Dorf lief, den Bach entlang zu den hinteren Palisaden, desto mehr fühlte er den Zorn, den er an diesem Vormittag erweckt hatte. Seit die junge Frau gegangen war, war er bestimmt davon. Seine Hände streckten sich unablässig und wurden wieder zur Faust. Es war ihm schlagartig kaum mehr möglich gewesen, vor Efoh den Gelassenen zu spielen. Dieser hatte gespürt, was in ihm vorging, doch sich scheinbar auch damit abgefunden, dass er nicht eingeweiht werden würde. Aus diesem Grund wusste Aigonn nicht, ob sein Bruder bemerkt hatte, wie er vor kurzer Zeit das Haus verlassen hatte und im Zwielicht verschwunden war.

Die Ställe und Häuser, die Aigonns Weg bisher gesäumt hatten, wurden weniger. Ein einzelnes, fast verlassen daliegendes Haus neben dem Bach war als Silhouette in der Dunkelheit zu erkennen. Und je näher er diesem kam, desto mehr beschleunigte sich sein Puls. Das Blut pochte in seinen Ohren. Ab und zu schien es, als ob zwischen diesem monotonen Klang eine feine Stimme in sein Ohr wisperte.

Warum hatte er diesen Beschluss nicht schon viel früher gefasst? Warum in dieser Nacht? Dabei war der Augenblick fast vollkommen, um zu tun, was Aigonns Geist bestimmte.

Als er Rowilans Behausung erreicht hatte, war die Stille der Nacht fast drückend geworden. Kein Laut drang aus der Siedlung. Nur der nahe Wald raunte eintönige Lieder in den Wind, beschwörend, als wollten sie Aigonn einen Ratschlag geben. Doch dieser konnte die Stimmen der Geister nicht mehr hören. Als er bis auf zehn Schritte herangetreten war, mäßigte er seinen Schritt, suchte sich fast lautlos einen Weg durch das Gras, welches das Haus umgab. Dann legte er das Ohr an die dünne Lehmwand und horchte.

Nichts war zu hören, nicht mal ein Atmen. Sollte Aehrel noch immer bei seinem Schamanen Wache halten, war er eingeschlafen oder harrte vollkommen reglos aus – wobei Aigonn letztere Möglichkeit jedoch unwahrscheinlich erschien. Er warf schnelle Blicke nach links und rechts, dann schlich er bis zur Tür und zog behutsam an dieser.

Sie öffnete sich. Aigonn hätte beinahe aufgelacht. Niemand hatte sie verriegelt. Warum auch? Für gewöhnlich drohte keinem Bärenjäger in seiner Siedlung Gefahr, schon gar nicht Rowilan, der unter den Menschen so hohe Achtung genoss.

Er lächelte scharf. Wer hätte auch ahnen können, dass er in dieser Nacht dem Schamanen einen Besuch abstatten wollte?

So leise wie möglich öffnete Aigonn die Tür noch ein Stück, zwängte sich durch den Spalt für den Fall, dass eine Wache den offenen Eingang bemerken würde, und schritt langsam über den mit Grasmatten ausgelegten Lehmboden. Im Dunkeln erfüllte Rowilans Haus jegliche Vorstellungen des Schlupfwinkels von einem greisen, alten Einsiedler, der nach den Geistern und Göttern suchte. Nur die schwache Flamme einer Talglampe erhellte den Raum, sodass Aigonn zweimal wider Willen gegen Körbe oder Regalecken stieß. Beim zweiten Mal sog er scharf die Luft ein, doch es rührte sich nichts. Aehrel war weder zu hören noch zu sehen, sodass neuer Platz geschaffen war für das Lodern, das Aigonn vorwärtstrieb.

Er fühlte die Wut, den Hass. Sie hatten sich in eine beständige Flamme verwandelt, die nach neuem Zunder dürstete. Vorsichtig schritt er durch den Raum, bis er die Bettstatt erkennen konnte, auf der Rowilan lag. Aehrel hatte an diesem Nachmittag berichtet, dass es dem Schamanen nicht besser ging. Welches Ritual auch immer ihn in diesen prekären Zustand gebracht hatte, Aigonn war es in diesem Moment ganz egal. Stattdessen dankte er Rowilan in Gedanken für diesen Fehler, der ihm endlich erlaubte zu tun, was seinem Vater nicht gelungen war.

Langsam trat er an die Bettstatt des Schamanen. Je näher er kam, desto mehr hörte er eine innere Stimme in sich aufschreien, die ihn zurückhalten wollte. Doch sie erstickte, würde übertönt von einem Wispern in seinen Ohren, einem Wispern, das ihn daran erinnerte, weshalb er hier war, welche guten Gründe es gab, diesen Hass zu empfinden und ihn auszuleben, ihm Gestalt zu verleihen.

Dort lag er, Rowilan, wehrlos, halb schlafend, halb in der Anderen Welt gefangen. Es schauderte Aigonn, als er die Präsenz der Geister wahrnahm, die den Schamanen noch immer gefangen hielten. Er war ein Seher. Jemand der die verlorenen Erinnerungen eines Toten wiederfinden konnte. Warum sollte er nicht versuchen, auch die eines Lebenden zu sehen, einen Menschen dazu zu zwingen, ihn daran Teil haben zu lassen? Dies war seine einzige Chance – die Chance, von Rowilan das zu erfahren, was ihm immer in der Seele gebrannt hatte. Und vielleicht dann endlich Gerechtigkeit walten lassen zu können; Gerechtigkeit, die seiner Familie so lange schon verwehrt geblieben war.

Aigonn ging in die Knie. Er sah Rowilans Lippen kaum hörbare Worte murmeln. Die Augen des Schamanen zuckten unter ihren Lidern, als führten sie ihren eigenen Kampf gegen die Bewusstlosigkeit. Aigonn konzentrierte sich. Niemals hatte er bewusst versucht, diese Fähigkeiten, die ihm gegeben waren, kontrolliert zu benutzen. Nun tat er es. Er wollte sehen, Rowilan dort erreichen, wo er in diesem Moment gefangen war.

Plötzlich spürte er die Geister der Anderen Welt mit so nicht gekannter Heftigkeit. Beinahe wäre er drei Schritte nach hinten gestolpert, doch Aigonn mahnte sich zur Ruhe. Wenn mich heute Nacht jemand hier in diesem Haus entdeckt, werden sie mich umbringen. Und von diesem Gedanken war er überzeugt.

Deshalb versuchte er, sich zu beherrschen. Gestaltlose Lichtwesen waren auf einmal rund um die Bettstatt zu erkennen, die Aigonn jedoch nicht weiter identifizieren konnte. Für einen kurzen Moment überkam ihn der Gedanke, sie um Hilfe bei seinem Vorhaben zu bitten. Doch er kam schnell zur Vernunft. Rowilan konnte ihnen nicht entkommen. Was würde ihm wohl blühen, wenn dieses Experiment außer Kontrolle geriet?

Somit blendete er die fremden Geister bestmöglich aus und konzentrierte sich ganz auf den schlafenden Schamanen. Aigonn wusste zwar nicht, was er sehen sollte. Doch er spürte, dass er Rowilan aus anderen Augen ansah. Das Gefühl elektrisierte ihn. Sein Geist schien nicht mehr vollständig mit dem Körper verbunden. Er schien mit einem Mal ungeheure Macht zu besitzen, und dieser Gedanke verwandelte Zorn in Euphorie.

Selbstsicher näherte Aigonn sich nun Rowilans Ohr. Als sein Atem die Haare des Schamanen in Bewegung brachte, hauchte er aus: „Derona. Derona …“

Dann wartete er. Rowilan zuckte unmerklich bei seinen Worten, presste die Augen fester aufeinander. Schließlich wiederholten seine Lippen fast unhörbar Deronas Namen.

Aigonn hätte am liebsten aufgejubelt. Es geschah, was geschehen sollte. Als er sich Rowilans Ohr ein zweites Mal näherte, schienen selbst die fremden Geister innezuhalten und zu lauschen, was dieser kleine Sterbliche dem Schamanen zu entlocken versuchte.

Er formulierte eine Frage: „Wozu war Derona in der Lage?“

Stille folgte. Die Welt schien den Atem anzuhalten. Die Lichtwesen um Aigonn herum schwebten still in der Luft. Ihre Blicke schienen wie feine Nadeln in seine Haut zu stechen. Ein weiterer Schauer jagte ihm den Rücken hinab. Dann antworte Rowilan flüsternd: „Derona hat gesehen, was ich nicht sehen konnte.“

„Was hat sie gesehen?“

„Die Andere Welt, ihre Wesen, die Geister, all das, viel klarer als ich.“ Rowilan begann, keuchend zu husten. Durch seine liegende Position waren es nur leise, erstickende Laute, die sich schnell legten. Die Lichtwesen schienen näher an die beiden Männer herangerückt. Eines von ihnen schimmerte keine Hand breit neben Aigonns Gesicht. Er fühlte es mehr, als dass er es sah. Doch diese Empfindung genügte, damit eine eisige Kälte jegliche Wärme aus seinem Körper vertrieb. Unwillkürlich fröstelte er.