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Von dir krieg ich nicht genug

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PROLOG

„Hast du denn gar keine Fantasie? Ein bisschen mehr Vorstellungskraft hätte ich dir schon zugetraut! Was ist denn bitte so schlimm an einem Date mit einem heißen Typen auf einer einsamen Insel?“

Nichole Daniels betrachtete stirnrunzelnd den Teller mit den köstlich duftenden Shumai, der zwischen ihr und Maeve auf dem kleinen Tisch stand. Dann hob sie den Kopf und sah ihrer besten Freundin herausfordernd in die übermütig funkelnden eisblauen Augen. „Warum sollte ich mir den Kopf über eine erfundene Geschichte zerbrechen? Außerdem finde ich den Gedanken, allein mit irgendeinem fremden Mann auf einer abgelegenen Insel zu stranden, nun einmal nicht besonders prickelnd. Und wenn mir das passieren sollte, dann würde ich eher auf einen Mann hoffen, der mindestens einmal in seinem Leben Robinson Crusoe gelesen hat – besser noch zweimal.“

Maeve schnaubte belustigt. „Du meine Güte, Nichole! Du tust ja gerade so, als würde ich dir ein unmoralisches Angebot unterbreiten. Dabei ist es doch nur eine Art Gedankenspiel. Stell dir vor, eine einzige Nacht, ganz ohne Konsequenzen … du könntest dich völlig hingeben … absolut ungehemmt und frei … oh, mein Gott, was für Möglichkeiten! Du könntest …“

„Schon gut“, Nichole lachte und legte ihrer Freundin eine Hand auf den Arm, um deren Redeschwall zu stoppen, bevor sie unfreiwillig die Aufmerksamkeit aller Gäste des Restaurants auf sich zog. „Ich habe verstanden, worum es geht. Aber ehrlich, ich bin nicht interessiert.“

Maeve zog ungläubig die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen, du bist nicht interessiert? Es ist doch nur ein Spiel.“

Wortfetzen eines vor langer Zeit geführten und sehr emotionalen Streitgesprächs hallten in Nicholes Ohren wider. Sie erinnerte sich an Anschuldigungen und Vorwürfe, an den Kummer und die Scham, die sie empfunden hatte. Damals hatte sie sich allen möglichen Fantasien hingegeben, nur um kurze Zeit später feststellen zu müssen, dass aus ihren süßen Träumen der reinste Albtraum geworden war. Sie hatte alles verloren. Und sie hatte ganz von vorn anfangen müssen.

„Lass uns über etwas anderes reden“, bat sie mit einem angestrengten Lächeln.

Maeve stach mit ihren Essstäbchen in die Luft und sah Nichole halb belustigt, halb resigniert an. „Also weißt du, manchmal verstehe ich dich einfach nicht.“

„Da gibt es nichts zu verstehen. Ich lebe eben gern in der Realität. Und außerdem habe ich bereits alle meine Träume verwirklicht – ich habe einen super Job, ich lebe in einer der coolsten Städte der Welt und habe die besten Freunde, die man sich vorstellen kann.“ Nichole machte eine kurze Pause und sah ihre beste Freundin lächelnd an, bevor sie fortfuhr. „Was könnte ich mir mehr wünschen?“

„Tja, da würde mir ganz spontan so einiges einfallen. Ich sehe da so eine Art imaginärer Liste vor mir. Wo fange ich am besten an? Ganz oben oder lieber ganz unten? Oder vielleicht besser irgendwo in der Mitte, denn ich habe das Gefühl, dass wir von da aus schneller auf den Punkt kommen würden, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Wenn du noch lange so weiterredest, werde ich dir den letzten Shumai wegschnappen und ihn selbst essen“, drohte Nichole scherzhaft.

Maeve ließ ihre Hand mit den Essstäbchen sinken, nahm die letzte Teigtasche auf und führte den Leckerbissen mit einem breiten Lächeln zum Mund. Als sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, sah sie ihre Freundin nachdenklich an.

„Im Ernst, Nikki. Du bist jetzt seit drei Jahren Single. Fühlst du dich nicht manchmal ein bisschen einsam?“

Das Wort „Nein“ lag Nichole auf der Zunge, aber sie schwieg nachdenklich. Sie dachte an die kleine, aber hübsch geschnittene helle Dachwohnung, die sie allein bewohnte, und an das Gefühl der Leere, das sie manchmal beschlich, wenn sie an ihrem Küchentisch saß und allein frühstückte. Sie dachte auch an den wunderschönen Ausblick aus dem hohen Erkerfenster – einer der Gründe, weshalb sie sich sofort in ihre jetzige Wohnung verliebt hatte – und wie sehr sie es manchmal bedauerte, diesen schönen Ausblick mit niemandem teilen zu können.

Der Klingelton von Maeves Smartphone – Van Halens „Hot for Teacher“ – riss Nichole aus ihren Überlegungen. Sie verdrehte innerlich die Augen, denn dieser Klingelton ertönte nur, wenn Maeves älterer Bruder anrief.

Maeve musste morgen einen Geschäftstermin außerhalb der Stadt wahrnehmen, und Garrett Carter würde seine kleine Schwester erfahrungsgemäß mindestens zwanzig Minuten lang damit aufhalten, ihr zum hunderttausendsten Mal zu erklären, dass es besser wäre, vor der Reise die Stecker aller elektrischen Geräte aus den Steckdosen zu ziehen. Außerdem würde er sie inständig bitten, niemanden – wirklich niemanden – in ihr Hotelzimmer zu lassen und daran zu denken, niemals Bonbons von fremden Männern anzunehmen.

Aber Nicholes Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht, denn Van Halens Song erklang so lange, bis die automatische Voicemail ansprang. Sie seufzte erleichtert und griff nach ihrem Weinglas.

Der Moment der Entspannung war allerdings nur von kurzer Dauer, denn die Augen ihrer Freundin Maeve begannen schon wieder unheilvoll zu funkeln. „Ich denke oft, dass du und Garrett ein hübsches Paar abgeben würdet.“

Die säurehaltige Flüssigkeit kratzte unangenehm im Hals, als Nichole das Glas hustend auf den Tisch zurückstellte. „Was?“, keuchte sie, „und ich dachte, du wärst meine Freundin!“

„Nein, wirklich. Ich glaube, ihr würdet euch gut verstehen.“

„Ach ja? Glaubst du, ich würde mich genau wie er dafür interessieren, mit welchen Hausmittelchen man einen Magen-Darm-Infekt in nur zwei Tagen kurieren kann?“

„Hey.“ Maeve sah sie aus ihren blauen Augen vorwurfsvoll an. „So schlimm ist er auch wieder nicht.“

Nichole hob eine Augenbraue und beugte sich ein wenig vor. „Weißt du, wie er genannt wird? Der Frauenflüsterer. Jemand hat seinen Namen auf eine der Wände der Damentoilette geschrieben – und meine Mutter hat mich immer vor Männern wie ihm gewarnt.“

Maeve kicherte, und ihr Gesichtsausdruck verriet eine Mischung aus schwesterlicher Bewunderung für den älteren Bruder und einer gewissen Verärgerung darüber, dass jemand seinen Namen verunglimpfte. „Oh, nein, glaub mir, sie würde Garrett mit offenen Armen empfangen.“

Es wurmte Nichole, dass ihre Freundin mit dieser Vermutung höchstwahrscheinlich richtig lag.

„Übrigens – ganz unter uns –“, Maeve senkte verschwörerisch die Stimme, „Ich bin mir absolut sicher, dass es Mary Newton war, die diese Schmiererei über Garrett auf dem Damenklo hinterlassen hat. Er hat sie nämlich abblitzen lassen, als sie sich ziemlich geschmacklos an ihn geschmissen hat. Du kennst ihn noch nicht, aber ich versichere dir, Garrett ist wirklich in Ordnung.“

„Ein tyrannischer, überheblicher Frauenverführer, Workaholic und Kontrollfreak. Ups, wo habe ich diese Beschreibungen nur wieder her?“

„Entspann dich, Nikki. Ich habe nicht wirklich vor, euch miteinander zu verkuppeln. Und selbst wenn ich es vorhätte – er würde trotzdem nicht mit dir ausgehen. Er würde nie mit einer meiner Freundinnen ausgehen, da hat er ganz klare Regeln.“

Wie praktisch. Sie selbst hatte nämlich auch ihre eigenen klaren Regeln. Sie hatte schon genug Freunde verloren, weil ihre Beziehungen in die Brüche gegangen waren. Menschen, die sie bereits als Teil ihrer Familie angesehen hatte …

Maeve schnippte mit den Fingern. „Hey, ich sagte doch, dass du dich wieder entspannen kannst. Ich habe nur Spaß gemacht.“

Nichole verzog keine Miene. „Ja, du bringst mich immer wieder zum Lachen.“

„Nur eins noch. Meinst du nicht, dass es an der Zeit wäre, sich wieder einmal mit einem netten Mann zu treffen? Ein ganz harmloses Date, meine ich. Ganz vorsichtig die Tür zu neuen Möglichkeiten öffnen. Weißt du, Garrett ist der Einzige, den ich kenne, der ähnliche Beziehungsängste hat wie du. Aber du kannst dich darauf verlassen, dass er ganz sicher nicht einsam ist. Er ist der Beweis dafür, dass ein Date nicht automatisch zu einer ernsthaften Beziehung führen muss. Für ihn ist ein Date nichts anderes als … ein Date. Ganz einfach. Keine große Sache.“

Keine große Sache. Nur, dass sie das letzte Mal nach einem „harmlosen Date“ mit einem unglaublich teuren weißen Kleid dagestanden hatte, das sie am Ende nicht getragen hatte, und – als hätte das noch nicht gereicht – es hatte außerdem ein Haufen unbezahlter Rechnungen für die Vorbereitungen eines Fests, das ebenfalls niemals stattgefunden hatte, auf ihrem Tisch gelegen. Sie hatte damals das Gefühl gehabt, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Drei Jahre hatte sie gebraucht, um wieder zu sich zu kommen. Drei Jahre, in denen sie eine absolute Abneigung gegen jede Form von Träumereien in Bezug auf Männer entwickelt hatte.

Zum Glück hatte sich am Ende herausgestellt, dass ihre Entscheidung, Joel nicht zu heiraten, goldrichtig gewesen war. Und es war ebenfalls die richtige Entscheidung gewesen, nach Chicago zu gehen, um Abstand von ihrem alten Leben zu gewinnen. Die glücklichste Entscheidung von allen aber war es gewesen, im Fitnessstudio das freie Laufband neben dem zu benutzen, auf dem Maeve gerade trainiert hatte. Das war der wunderbare Anfang ihres neuen Lebens in Chicago gewesen. Und sie hatte bisher keine einzige ihrer Entscheidungen bereut.

Noch bevor Maeve ihren Vortrag zum Thema „harmlose Dates“ weiterführen konnte, hob Nichole Einhalt gebietend die Hand. „Was hältst du davon? Sollte ich in der nächsten Zeit jemanden treffen, der es mir wirklich schwer macht, ihm zu widerstehen, werde ich mich vertrauensvoll an deinen Bruder wenden. Vielleicht gibt er mir ein paar schnelle Tipps aus seinem Ratgeber ‚Der Frauenflüsterer – in sechs Schritten zu einem gelungenen Date‘. Nur vorsichtshalber, damit ich auch alles richtig mache.“

„Ha, ha, wirklich witzig“, murrte Maeve und gab der Bedienung mit einem Wink zu verstehen, dass sie zahlen wollte.

„… aber bis dahin werde ich ganz sicher keine Türen zu irgendwelchen neuen Möglichkeiten öffnen, wie du es nennst. Darauf kannst du dich verlassen.“

1. KAPITEL

Verdammt! Glaubten die beiden Turteltäubchen, sie wären allein auf der Welt?

Nichole wandte hastig den Blick von dem Paar ab, dass keine drei Meter von ihr entfernt sehr eng beieinanderstand und ganz offensichtlich nicht die Finger voneinander lassen konnte – ganz zu schweigen von ihren Zungen. Ihr wurde heiß, und sie fühlte eine fatale Mischung aus Ärger, Belustigung und Scham in sich aufsteigen.

Nichole war früher als die anderen Gäste eingetroffen, um ihrem Freund Sam zu helfen, die Willkommensparty für seinen älteren Bruder vorzubereiten, der einige Monate in Europa verbracht hatte. Sie war gerade dabei gewesen, verschiedene Getränkeflaschen in mit kaltem Wasser gefüllten Plastikwannen bereitzustellen, als das verliebte Paar die Tür zur Dachterrasse aufgestoßen hatte. Die beiden hatten sie ein wenig erschrocken angesehen, und ihr atemloses Gelächter war abrupt verstummt. Nichole hatte ihnen freundlich zugenickt und beschlossen, dass die Terrasse groß genug für sie und das Pärchen war. Ganz versunken in ihre eigenen Gedanken hatte sie nur wenige Minuten später irritierende Geräusche gehört und sich spontan umgedreht – und es sofort bereut. Sie war sich vorgekommen wie eine alte Jungfer, die beschämt anderen Leuten beim Küssen zusah.

Wenn man das, was die beiden taten, noch als Küssen bezeichnen konnte.

Sie stellte die letzten beiden Flaschen zum Kühlen in eine der Plastikwannen und blickte aus den Augenwinkeln sehnsuchtsvoll in Richtung Terrassentür. Wo nur die anderen blieben?

Normalerweise kamen alle immer früher zu Sams legendären Dachterrassen-Partys, weil man den Sonnenuntergang über der Skyline von Chicago von hier aus besonders gut bewundern konnte.

Der angenehm warme Wind trug ein unterdrücktes Stöhnen zu ihr herüber.

Oh, nein! Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Um sich abzulenken, holte Nichole ihr Smartphone aus der Hosentasche ihrer Jeans und sah nach, ob sie irgendeine Nachricht erhalten hatte. Aber sie fand lediglich eine SMS ihrer Mutter, die wissen wollte, ob sie heute Abend etwas „Besonderes“ vorhatte. Mit einem leisen Seufzen legte sie das Telefon auf den kleinen Campingtisch vor sich. Es reichte, wenn sie ihre Mutter morgen anrief.

Wieder ein Stöhnen. Diesmal weniger leise. Sie riskierte einen kurzen Blick und – Himmel! Das hätte sie nicht tun sollen.

Nichole atmete tief ein und begann langsam, Schritt für Schritt und mit gesenktem Kopf, auf die Terrassentür zuzugehen. Dabei vermied sie jeden weiteren Blick auf die beiden.

Sie erreichte die Tür, öffnete sie leise und stieg dann erleichtert die enge Treppe zu Sams Wohnung hinunter. Sie musste Maeve unbedingt gleich eine SMS schicken und ihr die Geschichte brühwarm erzählen.

Sie griff in ihre Hosentasche und – wo war ihr Smartphone?

Mit einem leisen Fluch fiel ihr ein, dass sie es auf der Terrasse hatte liegenlassen.

Ihr Magen zog sich unangenehm zusammen, als sie sich zögernd umdrehte und zur Terrassentür hinaufsah. Sie überlegte, ob sie wieder zurückgehen sollte. Den Sonnenuntergang musste sie nicht unbedingt sehen, aber das Smartphone war ihre unverzichtbare Verbindung zur Außenwelt. All ihre Kontakte waren darin gespeichert … ihre Verabredungen … Shopping-Listen … Musik … Maeve.

Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste zurückgehen. Aber bei dem Gedanken an das heftig erregte Pärchen wurde ihr schon wieder ganz flau im Magen.

Und wenn sie ein paar Minuten wartete, bis die beiden … fertig waren?

Nichole richtete sich gerade auf. Diese Situation war so was von lächerlich. Sie durfte nicht vergessen, dass sie eine souverän denkende erwachsene Frau war – und sie brauchte ihr Telefon jetzt sofort, ganz unbedingt, auf der Stelle! Entschlossen drehte sie sich um und stieg wieder ein paar Stufen hinauf.

Plötzlich drangen Stimmen aus Sams Wohnung, und Nichole blieb zögernd stehen. Ein lautes Lachen, ein Rufen, dann öffnete sich die Wohnungstür zur Dachterrasse. Hoffentlich war das Sam, dann könnte sie ihn bitten, an ihrer Stelle hinaufzugehen, um das verflixte Telefon zu holen. Wider Erwarten war er es jedoch nicht, der aus der Tür heraustrat. Nicht, dass Sam nicht auch attraktiv gewesen wäre, aber dieser gut 1,80 Meter große Fremde in der ausgewaschen blauen Jeans und dem weißen Hemd mit den lässig hochgekrempelten Ärmeln sah eindeutig … anders aus.

Der Fremde hatte Nichole noch nicht bemerkt, weil er den Kopf in die entgegengesetzte Richtung gedreht hatte. „Alles klar, wir sehen uns dann gleich oben!“, rief er in die Wohnung.

Vielleicht sollte sie ihn warnen, bevor er auf die Dachterrasse stieg und dem Pärchen da oben nichtsahnend in die Arme lief. Aber als er den Kopf mit den kurzen dunklen Locken drehte und zu ihr hinaufsah, verschlug es ihr regelrecht den Atem. Er hatte die schönsten blauen Augen, die sie jemals bei einem Mann gesehen hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie, dass ihr diese Augen irgendwie bekannt vorkamen, aber der elektrisierende Blick des Mannes machte jede weitere Überlegung unmöglich.

„Hallo! Wolltest du auch gerade hinaufgehen, um dir den Sonnenuntergang anzusehen?“, fragte der Unbekannte mit einem sympathischen jungenhaften Lächeln, während er auf Nichole zukam.

„Hm … nein, eigentlich …“, Nichole verstummte und blickte nervös nach oben, in Richtung Terrassentür. „Ich meine, von wollen kann gar keine Rede sein, aber ich habe mein Telefon liegenlassen, als ich von dort oben flüchten musste.“

Sie fragte sich, ob die beiden wohl noch immer …

„Flüchten? Warum musstest du flüchten?“

Niemand konnte so lange … nein, wahrscheinlich bestand jetzt wirklich keine Gefahr mehr. Aber auf der anderen Seite – wer weiß?

„Hat dir jemand etwas getan?“

„Oh, ja“, antwortete Nichole schaudernd und verdeckte ihre Augen mit einer Hand. Mit welcher Leidenschaft die beiden … so etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen, geschweige denn, selbst erlebt.

Vor lauter Scham wurde ihr fürchterlich heiß, die Hitze schoss ihr blitzartig ins Gesicht. Der Mann legte ihr eine Hand beruhigend auf die Schulter. „Geh zu Sam hinunter, ich werde mich um den Kerl kümmern.“

Und schon schlängelte er sich geschickt und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck auf den engen Treppenstufen an ihr vorbei. Jeder einzelne seiner energischen Schritte hallte laut in ihren Ohren wider.

Augenblick. Was hatte er gerade gesagt?

Nichole schnappte nach Luft, als ihr klar wurde, was der Unbekannte sie gerade gefragt hatte.

„Nein, nein! Warte!“, rief sie ihm hinterher.

Seine Augen blickten alles andere als sanft, als er sich nach ihr umsah, dabei aber weiter die Treppe hinaufstieg. „Keine Angst! Dem Kerl werde ich Manieren beibringen.“

Manieren beibringen? „Nein, wirklich“, rief Nichole voller Panik und stürzte hinter ihm her. „Warte … ähm … Fremder mit den blauen Augen. Stopp!“

Aber er hielt nur eine Hand hoch, wie um ihr zu bedeuten, dass nichts ihn aufhalten würde, und wandte sich mit einer entschlossenen Geste wieder der Tür zu. Nichole riss die Augen weit auf. Diese Geschichte würde für sie und den gut aussehenden Unbekannten garantiert unfassbar peinlich ausgehen, wenn sie nicht ganz schnell handelte.

„Sex!“

Na wunderbar. Sie machte es nur noch schlimmer. Aber immerhin blieb Mr Wunderschöne-Augen jetzt tatsächlich wie angewurzelt stehen und drehte sich langsam zu ihr um. „Was hast du gesagt?“

Sie schluckte schwer und sah sich um, in der Hoffnung, dass irgendjemand zur Tür hereinkommen und sie aus dieser heiklen Situation retten würde. Als sie ein paar Sekunden lang gewartet hatte und kein weiterer Prinz zu ihrer Rettung geeilt war, hob sie den Kopf. „Es ist nur … die zwei da oben auf der Terrasse hatten gerade … Sex. Mehr ist nicht passiert. Aber ich danke dir trotzdem für deine … Ritterlichkeit.“

Noch nie in ihrem Leben hatte sie jemanden kennengelernt, dessen Augen innerhalb kürzester Zeit so viele unterschiedliche Emotionen widerspiegelten. Er schien das lebendige Beispiel für die Redewendung „die Augen sind das Fenster zur Seele“ zu sein. Ein Ausdruck absoluter Verwunderung verwandelte sich zunächst in pure Erleichterung, dann in Belustigung, und als er begann, sie nachdenklich zu mustern, leuchteten seine Augen interessiert auf. Irgendwo in ihrem Hinterkopf wurden Erinnerungen an ganz ähnliche Situationen wach.

Erinnerungen, die sie nur zu gern für immer aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätte.

Plötzlich durchschnitt ein heller Schrei die Stille, woraufhin sich blitzschnell eine intensive Röte auf Nicholes Wangen ausbreitete.

„Verdammt“, der verblüffte Blick des Unbekannten mit den hübschen dunklen Locken brachte Nichole zum Lachen.

„Du sagst es“, entgegnete sie lachend, während sie sich mit beiden Händen die Ohren zuhielt. „Ich denke, wir sollten den beiden ihre Privatsphäre gönnen. Aber ich habe vorhin mein Telefon da oben liegen lassen, und ich brauche es wirklich sehr, sehr dringend. Kannst du es mir bitte holen? Ich wäre sogar bereit, dir dafür einen Kuchen zu backen.“

Maeve würde den Kuchen backen. Wäre sie hier gewesen, wäre das alles erst gar nicht passiert.

„Ein Kuchen? Fairerweise muss ich dir sagen, dass ich ziemlich verwöhnt bin, was Kuchen angeht. Meine Schwestern backen immer für mich. Aber ich mache dir einen anderen Vorschlag. Du holst dir dein Telefon, und ich werde mich so hinstellen, dass dir der Anblick der beiden Turteltauben erspart bleibt.“

Dieser hübsche Fremde wusste nicht, was ihm entging. Aber wenn er Maeves Kuchen nicht wollte … ihr konnte es nur recht sein. Auf diese Weise bekäme sie doch noch ihren Sonnenuntergang, ihr Telefon und darüber hinaus einen der besten Kuchen von Chicago. Denn, wenn sie genauer darüber nachdachte, würde ihr Maeve nach dem, was sie gerade durchgemacht hatte, sowieso einen Kuchen backen müssen. „Einverstanden.“

Einen Augenblick später betraten sie gemeinsam die Dachterrasse. Und während Nichole mit abgewandtem Blick zum Campingtischchen schlich und ihr Smartphone holte, lehnte sich der große attraktive Unbekannte so gegen das Geländer der Dachterrasse, dass das Liebespaar am anderen Ende der Terrasse quasi unsichtbar wurde. „Ich muss sagen, unser Liebespärchen ist ziemlich beweglich. Wirklich, beinah hätte ich angefangen, mir Aufzeichnungen zu machen – ich meine, wer weiß, vielleicht kann man so was noch mal gebrauchen.“

Nichole schüttelte den Kopf, konnte aber ein amüsiertes Lächeln nicht unterdrücken.

„Was ist? Ich hätte dir selbstverständlich eine Kopie meiner Skizzen gegeben. Oder meinst du, unsere Bekanntschaft ist noch zu frisch für so ein gewagtes Angebot?“

Mit einem entspannten Lachen lehnte sie sich ebenfalls gegen das Geländer und blinzelte genießerisch in das sanfte rotgoldene Licht der untergehenden Sonne.

Einige Minuten lang standen beide in den Anblick des Sonnenuntergangs vertieft still da, bis auch der letzte Rest des tiefroten Lichts hinter der Skyline Chicagos verschwunden war.

Nichole hörte, wie der vertraut wirkende Fremde neben ihr zufrieden seufzte. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, und was sie sah, gefiel ihr zugegebenermaßen ziemlich gut. „Wow. Scheint, als hättest du schon lange keine Gelegenheit mehr gehabt, einen Sonnenuntergang zu beobachten“, meinte sie neckend.

Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite und sah sie nachdenklich an. Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte ihr ernst in die Augen. „Du hast recht. Ich habe es schon lange nicht mehr so sehr genossen, einfach nur dazustehen und zuzusehen, wie die Sonne untergeht.“

In seinen Augen lag eine gewisse Melancholie, als er den Blick senkte und die Schultern leicht hochzog. „Ich war lange einfach zu beschäftigt damit, Arbeitspläne einzuhalten und To-do-Listen abzuhaken, sodass ich die einfachen schönen Dinge des Lebens überhaupt nicht mehr wahrnehmen konnte.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach, dann hob er den Blick und sah sie mit seinen strahlend blauen Augen offen an. „Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so entspannt und zufrieden war wie gerade eben – noch dazu mit einer so netten Frau wie dir an meiner Seite.“

Sein offener Blick wirkte auf Nichole geradezu hypnotisch. Sie konnte kaum die Augen von ihm abwenden. Sie hätte einen Witz machen sollen, um die Situation aufzulockern. Aber sie verspürte zum ersten Mal seit drei Jahren nicht den leisesten Drang, die prickelnde Atmosphäre durch ein paar hingeworfene Worte zu zerstören. Ganz im Gegenteil – sie hätte diesen Moment am liebsten bis in alle Ewigkeit hinausgezogen.

Auf einmal wurde ihr bewusst, wie absurd die ganze Situation war. Sie kannte diesen Mann überhaupt nicht. Außer ein paar vagen Andeutungen über sein beschäftigtes Leben wusste sie rein gar nichts über ihn. Und doch – da war sofort eine merkwürdige Vertrautheit zwischen ihnen gewesen; eine Verbundenheit, die ihr das Gefühl vermittelt hatte, sie würden sich schon ewig kennen. Er hatte sie daran erinnert, dass auch sie die schönen Dinge des Lebens während der letzten Jahre kaum hatte genießen können, aus lauter Angst, dass ...

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