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Von dir komm ich nicht mehr los

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1. KAPITEL

Rowan Dunn saß in dem stickigen Befragungszimmer am Flughafen in Sydney und zwang sich, höflich zu bleiben. Es hatte keinen Sinn, sich mit dieser Grenzbeamtin herumzuzanken, die aussah, als sei sie auf Streit aus.

„Warum sind Sie nach Australien gekommen, Miss Dunn?“

Als hätte sie das nicht schon dem Beamten von vorhin gesagt. Und dem davor. Ruhig bleiben. „Ich habe diese Netsuke in Bali gekauft.“

„Diese was?“

„Diese kleinen japanischen Schnitzereien.“ Sie tippte auf eine der 15 Figuren aus Elfenbein, die vor ihr auf dem Tisch standen. Die Tiere und mythologischen Gestalten waren bis ins kleinste Detail perfekt ausgearbeitet. „Das hier sind ganz besonders wertvolle Exemplare.“

„Und nun haben Sie weder Geld bei sich noch irgendeine Möglichkeit, sich Bargeld zu beschaffen, während Sie in Australien sind?“

„Ja, weil ich mein Konto leergeräumt und den Verfügungsrahmen meiner Kreditkarte voll ausgereizt habe, um diese Schnitzereien bezahlen zu können. Manche davon sind sehr wertvoll, glaube ich. Ich will in Sydney Grayson Darling, einen Spezialisten für Netsuke, aufsuchen – ich hoffe, er kauft mir einige Exemplare ab. Dann hätte ich genug Geld, um eine Weile in Australien zu bleiben.“

„Wie viel sind die wert?“

„Durchschnittlich 2000 Pfund pro Stück. Also insgesamt etwa 30.000, vielleicht aber auch mehr.“

„Das meinen Sie nicht ernst.“ Die Beamtin sah sie skeptisch an. „Sie sehen aus wie eine ganz normale Rucksacktouristin.“

Zum wiederholten Mal verfluchte Rowan ihre lange Lockenmähne, ihre zerschlissenen Jeans, das bauchfreie Hemd und ihren abgenutzten Rucksack. „Ich bin Rucksacktouristin, aber gleichzeitig auch Händlerin. Damit verdiene ich den größten Teil meines Lebensunterhaltes. Ich kann Ihnen den Kaufvertrag für die Netsuke zeigen.“

Die Grenzbeamtin blätterte in Rowans Pass. „Mit was handeln Sie denn noch, Miss Dunn?“

„Sie haben doch sowohl mein Gepäck als auch mich genauestens durchsucht. Sie wissen, dass ich nichts bei mir habe“, sagte Rowan müde. Sie saß schon seit mehr als sechs Stunden hier – konnte das nicht endlich vorbei sein?

„Was verkaufen Sie sonst noch, Miss Dunn?“

„Alles, was legal ist und aus dem ich Gewinn schlagen kann. Kunst, Möbel, Antiquitäten. In mageren Zeiten habe ich auch schon in einer Bar gearbeitet. Aber meistens laufen die Geschäfte ganz gut.“

„Warum haben Sie dann keine eiserne Reserve? Wo ist das, was Sie mit Ihren Verkäufen erwirtschaftet haben?“

„Den größten Teil habe ich in ein baufälliges Haus in London investiert. Ich will es renovieren, um es dann weiterzuverkaufen.“

Und mit dem Rest hatte sie die kleinen Schnitzereien gekauft. Eigentlich hatte sie nicht ihr gesamtes Geld ausgeben wollen, aber der Verkäufer der Netsuke hatte nicht mit sich handeln lassen. Und da sie sich sicher gewesen war, dass sie die Schnitzereien für das Doppelte oder Dreifache des Kaufpreises losschlagen konnte, war ihr der Handel nicht besonders riskant erschienen. Zumal sie wusste, dass Grayson nicht versuchen würde, ihren Preis zu drücken. Er war ein idealer Sammlertyp: wohlhabend und großzügig.

„Tatsache aber bleibt, dass Sie nicht über ausreichende Barschaften für die Einreise verfügen. Außerdem haben wir uns erlaubt, Sie etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Und dabei sind wir darauf gestoßen, dass Sie in der Vergangenheit ein auf Ihren südafrikanischen Pass ausgestelltes Visum um ein halbes Jahr überzogen haben.“

Rowan rutschte das Herz in die Hose. Das Ganze war nun schon über acht Jahre her – und der Grund dafür, dass Sie grundsätzlich ihren britischen Pass verwendete, wenn sie nach Australien reiste. Viermal war sie seitdem in Australien gewesen – doch nun hatte man ihre Jugendsünde aufgedeckt.

Das bedeutete, dass sie in den nächsten drei Jahren nicht nach Australien würde reisen können. Dass erst einmal Ebbe auf ihrem Konto wäre. Und dass sie sich mit Grayson übers Telefon einig werden oder einen anderen Sammler finden musste, der bereit war, anständig zu zahlen – was eher unwahrscheinlich war.

„Sie werden sich mit dem erstbesten Flug nach Südafrika zurückbegeben und dürfen in den kommenden drei Jahren nicht nach Australien einreisen.“

Rowan sah an die Decke und seufzte. Südafrika war der einzige Ort auf der Welt, wo sie gerade absolut nicht hinwollte.

Sechzehn Stunden später, nachdem sie ihren Rucksack vom Gepäckband gehievt und Passkontrolle und Zoll am internationalen Flughafen von Johannesburg hinter sich gebracht hatte, ließ sie sich niedergeschlagen auf eine Bank sinken.

Was nun?

Im Gegensatz zu den meisten anderen Großstädten der Welt kannte sie Johannesburg nicht und hatte auch keine Freunde in der Stadt. Bis auf die 100 Pfund und die 30 US-Dollar im Portemonnaie war sie pleite – sie hatte ihr ganzes Geld in dem kleinen Antiquitätenladen gelassen …

Wie dumm von ihr! Was hatte sie sich nur gedacht?

„Hey.“

Als Rowan aufsah, erblickte sie ein Mädchen um die Zwanzig.

„Hast du was dagegen, wenn ich mich kurz zu dir setze? Der Typ dahinten belästigt mich.“

Rowan schaute kurz auf eine Gruppe angetrunkener junger Männer. Solche Typen gehörten zu den Unannehmlichkeiten, mit denen man als allein reisende Frau zu kämpfen hatte. Wie oft hatte sie sich neben eine Familie oder eine andere Reisende gesetzt, um den blöden Anmachsprüchen und dem Gegrapsche solcher Typen zu entkommen! „Klar, setz dich. Bist du angekommen oder fliegst du weg?“

„Ich komme gerade aus Sydney. Ich hab dich im Flieger gesehen – du saßt ein paar Reihen vor mir.“

„Ah.“

„Ich nehme den nächsten Flug nach Durban. Und du?“

„Kein Ahnung.“ Rowan versuchte, unbekümmert zu klingen, aber es gelang ihr nicht. „Ich bin ausgewiesen worden und obendrein pleite.“

Das Mädchen sah sie mit ihren blauen Augen erstaunt an. „Im Ernst? Wie pleite?“

„Sehr pleite.“ Sie sah in das junge, enthusiastische Gesicht des Mädchens. „Wie lange bist du schon unterwegs?“

„Seit einem halben Jahr. Ich bin wegen einer Hochzeit in der Familie nach Hause gekommen, aber danach mache ich mich wieder auf den Weg. Und du?“

„Seit neun Jahren. Darf ich dir einen Rat geben? Wie heißt du?“

„Cat.“

„Cat … Was auch immer passiert … sieh zu, dass du immer genügend Geld bei dir hast. Glaub mir, es ist hart, auf Reisen komplett abgebrannt zu sein.“

Sie selbst hatte sich bislang immer an diese Regel gehalten, doch die Aussicht auf das schnelle Geld war gar zu verführerisch gewesen. Wer hätte denn geahnt, dass sie ausgewiesen werden würde? Rowan fragte sich zum hundertsten Mal, wie sie nur so blöd hatte sein können.

„Wie wär’s, wenn ich dir hundert Pfund gebe?“, fragte Cat zaghaft.

Rowan lächelte. „Das ist ein supernettes Angebot, aber nein, danke. Es gibt Leute, die ich anrufen kann. Obwohl ich liebend gern darauf verzichten würde.“

Wie naiv dieses junge Mädchen war! Wenn diese Cat ihre Gutgläubigkeit nicht bald ablegte, lief sie Gefahr, übel enttäuscht zu werden. In Australien herumzureisen war kein Problem: die gleiche Sprache, die gleiche Kultur, ein gutes Transportnetz und der Komfort der Ersten Welt. An den meisten Orten auf dieser Erde sah das ganz anders aus.

„Kommen deine Eltern damit klar, dass du alleine rumreist?“

„Doch, schon. Sie jammern ein bisschen, wenn ich anrufe, um sie um Geld zu bitten, aber das war’s auch schon“, antwortete Cat.

Da hatte sie aber Glück. Bei Rowan war es ganz anders gewesen. Die sechs Monate zwischen dem Tag, als man sie mit einem winzigen Tütchen Koks in einem Club aufgegriffen hatte, und ihrem Flug nach Thailand waren die reinste Hölle gewesen.

Zwei Monate, nachdem man sie ins Gefängnis geworfen hatte – noch immer wünschte sie Joe die Pest an den Hals dafür, dass er ihr das Kokain heimlich in die Hosentasche gesteckt hatte, dieser Dreckskerl –, war sie zu vier Monaten gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Ihr polizeiliches Führungszeugnis war sauber geblieben, weil sie damals noch nicht volljährig gewesen war.

Doch ihre Familie hatte die Geschichte gar nicht gut aufgenommen. Ihr Vater war stinksauer gewesen und brüllte sie an, ihre Mutter dagegen reagierte kalt und distanziert, und von ihrem großen Bruder erntete sie nur Missbilligung. Einmal wöchentlich wurden ihr die Leviten gelesen, um sie auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Statt in den Knast zu wandern, stand sie unter ständigem Hausarrest, wo ihre Eltern mit Argusaugen jede ihrer Bewegungen überwachten. Aber je mehr sie drangsaliert und eingepfercht wurde, um so mehr lehnte Rowan sich dagegen auf und um so stärker wurde ihr Entschluss abzuhauen.

Dass ihre Eltern sie der Lüge bezichtigten, als Rowan ihnen versuchte zu erklären, wie sie hereingelegt worden war, verschärfte die Situation zusätzlich.

Also hatte Rowan beschlossen, dass sie genauso gut wirklich der rebellische Teenager sein konnte, für den man sie ohnehin hielt – sie hatte sich nachts weggeschlichen und gefeiert wie eine Verrückte. Und nebenbei hatte sie ihre Flucht geplant.

Die hatte am Tag nach ihrer letzten schriftlichen Prüfung stattgefunden. Das Ticket nach Thailand hatte sie vom Erlös der Wertpapiere gekauft, die sie jedes Jahr von ihrer Großmutter zum Geburtstag bekommen hatte.

Alle außer ihrer besten Freundin Callie waren wütend gewesen, und alle hatten angenommen, dass sie auf die Nase fallen und sehr bald zurückkommen würde. Das erste Jahr war hart, einsam und manchmal schlicht furchtbar gewesen, aber Rowan hatte durchgehalten und war schließlich sehr gut zurechtgekommen.

Und sie hatte nicht vor, jetzt mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurückzukehren.

Sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht verlieren, nicht in ihr Elternhaus zurückkehren. Für ihre Eltern zählte nicht, dass sie zwar gerade kein Geld hatte, aber durchaus vermögend war. Für sie würde sie immer das verantwortungslose, dumme Kind bleiben, das vor neun Jahren von zu Hause abgehauen war.

„Wen wirst du denn anrufen?“, unterbrach Cat Rowans Gedanken.

„Da alle meine Nummern auf meinem Handy gespeichert sind und der Akku seinen Geist aufgegeben hat, bleiben mir nur zwei Möglichkeiten. Ich weiß nämlich nur die Telefonnummern meiner Eltern und die alte Nummer meiner besten Freundin auswendig. Allerdings ist sie weggezogen und ich würde dort nur ihren älteren Bruder erreichen, und der kann mich nicht besonders gut leiden.“

„Warum nicht?“

„Ach … Seb und ich sind immer wieder aneinandergeraten. Er ist konservativ und fleißig, ich bin wild und rebellisch. Er ist superreich und ich momentan eher arm …“

„Was macht er?“, wollte Cat wissen.

Rowan spielte an ihren goldenen Kreolen herum. „Er verwaltet die Immobilien seiner Eltern in Kapstadt. Außerdem macht er noch irgendetwas Kompliziertes mit Computern. Er hat eine Firma für Internetsicherheit oder so. Er und Callie haben nur einen Steinwurf vom Haus meiner Eltern entfernt gewohnt und ich war öfter bei ihnen als zu Hause. Ich habe ihn ziemlich gepiesackt.“

Cat sah sie neugierig an. „Warum?“

„Wahrscheinlich, weil ich es nicht geschafft habe, ihn aus der Ruhe zu bringen. Je mehr ich mich danebenbenommen habe, desto mehr hat er mich ignoriert.“

„Klingt, als hättest du ihn auf dich aufmerksam machen wollen.“

„Ich wollte damals jeden auf mich aufmerksam machen“, antwortete Rowan.

Sich mit Leuten zu unterhalten, die sie nicht seit Ewigkeiten kannte, gehörte zu den Dingen, die Rowan am Reisen besonders liebte.

„Auf jeden Fall würde ich Stunden brauchen, um dir von all den Zusammenstößen mit ihm zu berichten“, sagte Rowan lächelnd. „Also lass dir das eine Lehre sein, Cat. Pass auf, dass du immer genug Geld bei dir hast.“

„Viel Glück“, rief Cat ihr hinterher, als sie auf die Telefonzellen an der gegenüberliegenden Wand zuging.

Rowan hob zum Dank die Hand. Glück hatte sie gerade bitter nötig.

Seb Hollis setzte sich kerzengerade im Bett auf und warf die Bettdecke von sich; ihm war heiß. Reste des Albtraums von eben spukten ihm vage im Kopf herum. Schon seit sechs Tagen kehrte der Traum Nacht für Nacht wieder. Seb wurde gewürgt, gefesselt, auf den Altar geworfen … und zur Heirat gezwungen.

Ein Glück, dachte er, dass das nur ein Traum war.

Seb schlang einen Arm um seine angewinkelten Knie und griff nach dem Glas Wasser, das auf dem Nachttisch stand.

Aus alter Gewohnheit sah er neben sich, und als er sich daran erinnerte, dass Jenna für ein Jahr in Dubai und er offiziell wieder Single war, atmete er erleichtert auf. Er musste ihr nicht erklären, warum er mit Herzrasen aus dem Schlaf aufgeschreckt war. Trotz ihres beruflichen Erfolgs hatte sie wie die meisten Frauen eine fürsorgliche Ader.

Er war es aber nicht gewohnt, dass man ihn bemutterte, und konnte auch gut darauf verzichten, dass man sich allzu sehr um ihn kümmerte. Außerdem redete er nicht gern über seine Träume – genau wie über seine Gefühle, Gedanken und Wünsche. Allzu viel Nähe war nicht drin gewesen bei seiner Beziehung mit Jenna.

Und so würde es auch in jeder anderen Beziehung sein.

Seb stand auf, nahm seine Joggingshorts vom Stuhl neben dem Bett und zog sie an. Dann ging er zur Balkontür, öffnete sie und atmete die salzige Spätsommerluft ein. Hinter den Bäumen, die sein Grundstück Awelfor umgaben, sah er die Morgendämmerung.

Er hätte überall auf der Erde leben können, doch er liebte dieses Plätzchen nahe Kapstadt zwischen den Bergen und dem Meer am untersten Zipfel des Kontinents. In der Ferne, hinter den hereinrollenden Brechern, die für diesen Küstenabschnitt typisch waren, lag der weite, graue, eisige Atlantik: grimmig, kabbelig und unberechenbar. Vielleicht projizierte Seb aber auch nur seine schlechte Laune auf das noch ruhig daliegende Meer.

Jenna. Träumte er vom Heiraten, weil er so erleichtert über die Trennung von ihr gewesen war? Weil er die Beziehung beendet hatte, von der er im Gegensatz zu Jenna gewusst hatte, dass sie nirgendwohin führen würde? Er hatte ihr immer so schonend wie möglich gesagt, dass er sich nicht binden würde. Aber er wusste, dass sie gehofft hatte, dass er es sich anders überlegen und sie bitten würde, im Land zu bleiben.

Dass von Anfang an abgemacht war, dass es nie mehr als nur eine Affäre sein würde, hatte sie geflissentlich ignoriert.

Frauen hörten eben nur das, was sie hören wollten.

Plötzlich wurde die morgendliche Stille vom Brummen eines Jaguars zerrissen, der die Auffahrt hinauffuhr. Der Motor verstummte, eine Autotür klappte auf und ein paar Minuten später sah Seb seinen Vater zu dem kleinen Haus gehen, das links vom Haupthaus stand.

Also war er nicht der einzige Mann in der Familie, der Frauenprobleme hatte. Immerhin fanden seine nur in seinem Kopf statt. Denn er hatte das Glück, schon wieder Single zu sein.

„Na, Ärger mit der Liebsten?“, rief er, und sein Vater hob den Kopf.

Patch Hollis ließ seine Tasche auf den Weg fallen und stemmte die Hände in die Hüften. „Wann werde ich es wohl lernen?“

„Keine Ahnung.“ Seb beugte sich über das Geländer seines Balkons. „Was ist das Problem mit ihr?“

„Sie will ein Kind“, antwortete Patch wehleidig. „Ich bin 60 – warum sollte ich in dem Alter noch ein Kind wollen?“

„Ja, aber sie ist 28. Kein Wunder, dass sie ein Kind will. Hast du ihr gesagt, dass du dich hast unfruchtbar machen lassen?“

„Darum bin ich ja hier. Sie ist durchgedreht.“

„Ich kapiere nicht, warum du dann abhaust. Es ist dein Haus, und ihr seid nicht verheiratet.“ Plötzlich kam Seb ein grässlicher Gedanke. „Du hast sie doch nicht etwa geheiratet, oder?“

Patch wich seinem Blick aus. „Nein, aber ich war kurz davor.“

Fluchend fuhr Seb sich durch sein kurzes lockiges blondes Haar.

„Schimpf nicht mit mir! Du warst selbst einmal drauf und dran, eine Frau zu heiraten, die nur hinter deinem Geld her war“, gab sein Vater zu bedenken, und Seb musste ihm recht geben.

Damals war er völlig verblüfft gewesen, als Bronwyn sich geweigert hatte, einen Ehevertrag zu unterschreiben. Seb war die Angelegenheit rational angegangen, wie es eben seine Art war. Ihm gehörten die Firma, das Haus, das Geld und so gut wie alles andere von materiellem Wert, also wäre er derjenige gewesen, der im Falle einer Scheidung die Hälfte von seinem Hab und Gut hätte abgeben müssen.

Doch Bronwyn hatte seine Sichtweise nicht nachvollziehen können. Wenn er sie liebte, hatte sie geschrien, würde er alles mit ihr teilen wollen. Er hatte Bronwyn geliebt, aber eben nicht genug, um ihr im Scheidungsfall die Hälfte seiner Firma oder die Hälfte des Wertes seines Hauses zu geben, das seit vier Generationen im Besitz der Familie war.

Sie hatten beide auf ihrem Standpunkt beharrt und sich schließlich getrennt.

Es hatte ein paar Jahre gedauert, bis er darüber hinweg gewesen war. Er war der Meinung, dass man Probleme – eigene Fehler inbegriffen – durch Nachdenken löste. Über das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung.

Höchstwahrscheinlich hatte er sich in Bronwyn verliebt, weil sie bei oberflächlicher Betrachtung seiner Mutter ähnelte. Ein Hippiekind, das ständig seine Jobs wechselte und von einer Stadt in die nächste zog. Ein vermeintlicher Freigeist, den er zu zähmen gehofft hatte. Als er zwölf gewesen war, hatte seine Mutter die Familie verlassen, um mit dem Rucksack um die Welt zu reisen. Da sie bis heute nicht zurückgekehrt war, hatte er die Hoffnung aufgegeben, dass ihm je ihre Liebe und Anerkennung zuteilwerden würden, dass sie wiederkommen und bleiben würde. Und hatte gehofft, dass die Leere, die seine Mutter hinterlassen hatte, ausgefüllt werden würde, wenn er Bronwyn dazu bringen konnte, bei ihm zu bleiben.

Von wegen.

Doch er hatte aus dieser verheerenden Verlobung einiges gelernt. Beziehungen und Gefühle konnte er – anders als berufliche Angelegenheiten – nicht auswerten, messen und einordnen, und er verstand nicht, wie Frauen tickten. Darum zog er es neuerdings vor, eine emotionale Distanz zwischen sich und seinen Partnerinnen aufrechtzuerhalten. Eine weniger innige Beziehung, die sich auf Sex und oberflächliche Gespräche beschränkte, forderte ihm weniger ab. Und das Risiko, dass er durcheinandergebracht oder verletzt wurde, war geringer.

Als seine Mutter damals weggegangen war, hatte er sich einen Panzer zugelegt, und sein Erlebnis mit Bronwyn hatte diesen noch härter gemacht. Und es war ihm recht so – er lief keine Gefahr, sein Herz zu verlieren.

Sein Vater als ewiger Peter Pan machte es sich leicht: blond, langbeinig, vollbusig und gut im Bett waren die Ansprüche, die er an Frauen stellte; intelligent brauchten sie nicht zu sein.

„Also – kann ich hierbleiben, bis sie weg ist?“, fragte Patch.

„Dad, rein rechtlich gehört Awelfor immer noch dir. Aber ich muss dich vorwarnen: Yasmeen ist im Urlaub. Sie ist schon seit fast einer Woche weg, und ich habe alle Leckereien aufgegessen, die sie hiergelassen hat.“

Patch sah enttäuscht aus, und Seb wusste, dass es nicht daran lag, dass sein Vater auf den gewohnten Komfort verzichten musste, sondern daran, dass die ältere Frau, die fast schon zur Familie gehörte, nicht da war. Yasmeen war nicht einfach nur eine Haushälterin – sie war die Seele von Awelfor.

„Schade, dass sie nicht da ist.“ Patch gähnte. „Ich gehe schlafen. Miranda hat mich die ganze Nacht lang angebrüllt, und ich habe kein Auge zugetan.“

Seb drehte sich um, als sein Telefon klingelte. „Verrückter Morgen … Mein Vater kommt im Morgengrauen her, ich werde vor sechs angerufen … dabei will ich doch einfach nur einen Kaffee.“

Patch grinste zu ihm hinauf. „Und ich will mein Haus zurück.“

„Schmeiß sie raus“, antwortete Seb lächelnd.

„Ich bleib lieber hier, bis sie sich wieder beruhigt hat.“

Typisch – sein Vater ging Konfrontationen gern aus dem Weg. Seb ging wieder hinein, um den Anruf anzunehmen.

„Hallo, Seb, hier ist Rowan. Rowan Dunn.“

Er hatte ihre Stimme sofort erkannt, doch er war so verblüfft, dass es ihm die Sprache verschlug. Rowan? Was um alles …?

„Seb? Entschuldigung, ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt!“

„Rowan, das ist ja eine Überraschung.“ Und was für eine.

„Ich bin in Johannesburg. Am Flughafen.“

Seufzend fragte er: „Was ist passiert?“

Er hätte schon sehr beschränkt sein müssen, um die Verärgerung in ihrer Stimme nicht wahrzunehmen, als sie fragte: „Wieso gehst du automatisch vom Schlimmsten aus?“

„Weil es schon ernst sein muss, wenn du in ein Land zurückkehrst, das du hasst, in dem deine Eltern leben, bei denen du dich so gut wie nie meldest, und du ausgerechnet mich anrufst, obwohl ich doch, wie du selbst gesagt hast, der schlimmste Idiot unter der Sonne bin.“

Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen.

Schließlich gestand sie zaghaft: „Ich bin pleite und weiß nicht, wo ich bleiben soll. Man hat mich aus Australien ausgewiesen. Sie haben herausgefunden, dass ich vor Jahren ein Visum überzogen habe, und mich in den nächsten Flieger gesetzt.“

Im Vergleich zu den Sachen, die sie sich früher geleistet hatte, war das harmlos. Seb betrat seinen begehbaren Kleiderschrank, nahm ein Paar Jeans heraus und zog sie an. Stirnrunzelnd starrte er auf den alten Holzfußboden.

„Seb, bist du noch dran?“

„Ja.“

„Weißt du, wo meine Eltern sind? Ich habe bei ihnen angerufen, aber es ist keiner rangegangen.“

„Sie sind in London und haben das Haus in der Zwischenzeit an Forscher aus Peking vermietet. Sie müssten in zwei oder drei Wochen zurück sein.“

„Sie sind verreist? Im Ernst?“

„Mich hat es auch überrascht.“

„Und Callie ist noch unterwegs?“

„Ja.“

Stille. Und dann: „In dem Fall brauche ich deine Hilfe.“

„Und ich dachte, du würdest lieber sterben, als mich noch einmal um Hilfe zu bitten.“

„Wundert dich das? Immerhin hättest du mich damals aus dem Knast holen können, du gemeiner Kerl!“

Und da war er wieder, dieser Tonfall, der ihn über seine Teeniezeit hinaus so aufgeregt hatte: abgeklärt und spöttisch und so nervtötend wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzen.

„Deine Eltern haben es mir verboten – es sollte dir eine Lehre sein. Darf ich dich außerdem darauf aufmerksam machen, dass es keine gute Idee ist, mich zu beschimpfen, wenn du etwas von mir willst, Rowan?“

Sie brummte vor sich hin.

Oh ja, es gefiel ihm, dass sie ihm ausgeliefert war! „Was willst du, Quälgeist?“

Quälgeist – so hatte er sie als Kind genannt. Callie hatte Black Beauty gesagt – wegen ihrer pechschwarzen Haare und Augen und der zarten hellen Haut. Sie war tatsächlich eine Schönheit. Aber leider hatte sie das Wesen eines tollwütigen Honigdachses.

„Wann kommt Callie zurück?“

Seine Schwester, die als Einkäuferin für eine Boutique arbeitete, war beruflich viel unterwegs. „Gegen Ende des Monats.“

Wieder hörte er Rowan fluchen.

„Und dein Bruder Peter ist immer noch in Bahrain“, bemerkte Seb und nahm ein Hemd aus dem Schrank.

„Ich weiß. Es ist ja nicht so, dass ich gar keinen Kontakt zu ihnen hätte. Aber dass meine Eltern verreisen, wusste ich tatsächlich nicht. Das ist so gar nicht ihre Art.“

„Sie haben es ziemlich kurzfristig beschlossen.“ Seb ging zurück in sein Schlafzimmer. „Also … willst du mir nun sagen, worum es geht, jetzt, wo du weißt, dass du mit mir vorlieb nehmen musst?“

Sie atmete tief ein. „Ich muss zurück nach London und wollte fragen, ob du mir Geld …“

„Nein. Ich werde dir kein Geld leihen.“

„Dann kauf mir ein Ticket.“

„Moment, lass mich kurz nachdenken. Hm … nein, ein Ticket nach London ist auch nicht drin.“

„Du bist ein Sadist.“

„Aber ich würde dir ein Ticket nach Kapstadt kaufen.“

„Seb, ich kann nicht.“ Er hörte ihr die Frustration an.

Rowan zerknirscht und kleinlaut? Er hätte nie gedacht, dass er das einmal erleben dürfte.

Er wusste, dass sie sich wahrscheinlich an die Gurgel springen würden, sobald sie länger als zehn Minuten zusammen waren. Sie waren Öl und Wasser, Sonne und Schnee, Feuer und Eis. Diese Freigeister … warum hatten sie es auf ihn abgesehen? „Entscheide dich.“

„Mein Handy ist tot, ich habe nur 100 Pfund und ich kenne niemanden in Johannesburg. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als nach Kapstadt zu kommen.“

„Gut. Warte kurz.“ Seb ging zu seinem Schreibtisch in der Ecke des Zimmers, schaltete seinen Laptop ein und überflog die Flugpläne.

„Der frühestmögliche Flug geht heute Abend um sechs. Dein Ticket wird am SAA-Schalter hinterlegt. Wir treffen uns dann in der Flughafenbar“, erklärte er.

„Seb?“

„Ja?“

„Unser letzter Streit. Wegen Bronwyn …“

Er musste kurz überlegen, wovon sie redete, bevor ihm die dumme Bemerkung wieder einfiel, die sie vor fast zehn Jahren gemacht hatte.

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