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Von diesem Glück hab ich geträumt

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Karen Rose Smith

Von diesem Glück hab ich geträumt

Ein alarmierender Anruf erreicht den Fotojournalisten Dylan: Seine Schwester ist verunglückt – nur ihr kleiner Sohn Timmy hat überlebt! Sofort fährt er ins Krankenhaus, wo die hübsche Shaye, eine Freundin seiner Schwester, erklärt, dass sie das Sorgerecht haben will! Dylan ist fassungslos. Aber als er sie in bangen Stunden um Timmy tröstend in die Arme nimmt, erwacht plötzlich Sehnsucht in ihm. Auf der ganzen Welt hat er vergeblich nach Liebe gesucht. Hat sein Herz jetzt endlich ein Zuhause gefunden?

1. KAPITEL

Er konnte es nicht fassen, dass seine Schwester ihren Sohn lieber Shaye Bartholomew anvertraut hatte als ihm. Dylan Malloy hatte zwei Reisetage hinter sich und stand noch immer unter Schock, als er die Neugeborenen-Intensivstation betrat. Eindringlich betrachtete er die Frau, die neben Timmys winzigem Bett saß – die Frau, die das Sorgerecht für seinen Neffen besaß.

Walter Ludlows Anruf war ein schwerer Schlag gewesen, von dem Dylan sich immer noch nicht erholt hatte. Sein Anwalt und langjähriger väterlicher Freund hatte ihn von Wild Horse Junction in Wyoming aus in Tasmanien erreicht.

„Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll“, hatte Walter gesagt. „Julia und Will hatten einen schlimmen Unfall. Will war sofort tot. Julia hat noch so lange durchgehalten, bis Timmy geboren war. Dann haben wir auch sie verloren.“

Dann haben wir auch sie verloren.

Dylan war wie vor den Kopf gestoßen. Und gleich darauf hatte Walter hinzugefügt: „Julia hat Shaye Bartholomew die gesetzliche Vormundschaft übertragen. Sie wollte dich nicht noch einmal belasten.“

Dylan war kaum in der Lage zu begreifen, dass er Julia verloren hatte. Die Trauer hüllte ihn ein wie ein düsterer Schatten, der keinen Raum für irgendetwas anderes ließ.

„Kämpfe, Timmy. Du musst kämpfen“, hörte er nun Shaye Bartholomews leise, brüchige Stimme.

Die Ärzte hatten Dylan erklärt, in welchem Zustand Timmy sich befand. Er war erst achtundzwanzig Wochen alt und wurde künstlich beatmet, um seine Lungen zu unterstützen. Seine Überlebenschancen standen gut. Aber beim Anblick der vielen Schläuche und Drähte fiel es Dylan schwer, den Ärzten zu glauben.

Shaye hatte sich über das Baby gebeugt, und ihre Lippen bewegten sich. Vielleicht im Gebet?

Seine Arbeit als Tierfotograf hatte Dylan Stille und Geduld gelehrt. Aber nun hatte er Fragen, und Shaye Bartholomew kannte die Antworten. „Miss Bartholomew?“

Erstaunt blickte sie auf, erkannte ihn jedoch sofort. Sie hatten sich bei Julias College-Abschlussfeier kennengelernt und angefreundet.

„Mr. Malloy. Das mit Julia tut mir schrecklich leid.“ Tränen standen in ihren Augen.

Am liebsten hätte er sie in diesem Moment in die Arme genommen, um ihnen beiden Trost zu spenden. Doch Dylan wusste, dass er ungepflegt aussah. Er war unrasiert, sein Haar zerzaust und das Sweatshirt völlig zerknittert.

„Ich bin so schnell gekommen, wie es ging.“ Er hatte gerade Kängurus fotografiert, als der Anruf kam. Das schien eine Ewigkeit her zu sein.

Shaye stand auf, damit er näher an das Bett herantreten konnte. Er bemerkte, wie ihre schulterlangen dunkelbraunen Haare in dem künstlichen Licht schimmerten, und sah den Glanz in ihren bernsteinfarbenen Augen. Ihre Blicke trafen sich, bevor Dylan auf seinen kleinen Neffen hinunterblickte.

Sanft meinte Shaye: „Während Julias Schwangerschaft haben wir über Namen gesprochen. Sie wollte ein Mädchen nach eurer Mutter und einen Jungen nach eurem Vater nennen.“

Ironischerweise waren ihre Eltern genau wie Julia und ihr Mann auf einer vereisten Straße ums Leben gekommen.

Die Schärfe in Dylans Stimme war nicht zu überhören, als er erklärte: „Ich möchte wissen, wieso Sie zu Timmys Vormund ernannt worden sind …“

Da begann auf einmal einer der Monitore laut zu piepen. Sofort erschien eine Krankenschwester an Timmys Bett, während eine andere schnell einen Arzt holte.

Ein Arzt im weißen Kittel eilte herein. Eine der Schwestern legte Shaye die Hand auf den Arm und sagte zu Dylan: „Bitte warten Sie draußen.“

„Ich will wissen, was hier passiert“, verlangte er. Sein Herz hämmerte wie wild vor Angst um seinen Neffen.

„Wir müssen sie ihre Arbeit tun lassen.“ Shaye zog ihn beiseite. „Der Arzt wird mit uns reden, sobald sie Timmy stabilisiert haben. Wir sind hier nur im Weg.“

Ungehalten befreite Dylan sich aus ihrem Griff und ging mit langen Schritten zur Tür.

Im Vorraum wies Shaye auf das Wartezimmer, doch er lief lediglich unruhig auf und ab. „Ich bleibe lieber in der Nähe.“ Er fuhr sich durch das sandfarbene Haar, und wieder sah sie den Schmerz in seinen grünen Augen.

Sie wünschte, sie könnte seinen Kummer lindern, aber das konnte niemand. „Haben Sie schon mit dem Arzt gesprochen?“

„Ja, als ich in London auf meinen Anschlussflug warten musste.“

„Dann wissen Sie ja auch, dass jetzt alles von Timmy abhängt. Wie er auf die Antibiotika und all die anderen Maßnahmen reagiert.“

„Das verstehe ich. Aber alles andere begreife ich nicht. Warum ist Will bei schlechtem Wetter mit Julia unterwegs gewesen? Schließlich war sie im siebten Monat schwanger!“

„Wegen des schlechten Wetters war Julia schon über eine Woche zu Hause eingesperrt. Will wollte sie nicht mal einen verschneiten Weg entlanggehen lassen, weil er Angst hatte, sie könnte stürzen. Aber sie bekam allmählich einen Lagerkoller. An dem Morgen …“ Shaye drohte die Stimme zu versagen, und sie räusperte sich. „An dem Morgen des Unfalls bin ich bei ihr vorbeigekommen, und sie war so gut gelaunt. Sie erzählte, dass sie Will dazu überredet hatte, sie abends mit zu den Johnsons mitzunehmen. Das gute Wetter sollte eigentlich bis zum nächsten Morgen anhalten.“

„Die Johnsons wohnen praktisch mitten in den Bergen“, murrte Dylan. „Die Straßen sind dort immer gefährlich, und ganz besonders, wenn sie verschneit sind.“ Fluchend wandte er sich ab, drehte sich dann aber wieder zu Shaye um. „Haben Sie gewusst, dass Julia Sie als Vormund angeben würde?“

„Ja“, antwortete sie ruhig.

Dylan presste die Kiefer zusammen. „Julia hat oft von Ihnen gesprochen, Miss Bartholomew. Ich weiß, dass Sie gute Freundinnen waren. Aber ich muss unbedingt erfahren, wie diese … Vereinbarung zustande gekommen ist.“

„Nennen Sie mich doch Shaye“, murmelte sie und machte eine Kopfbewegung zum Wartezimmer. „Kommen Sie, wir setzen uns.“

Zögernd folgte er ihr. Sie nahm auf einem Stuhl Platz, doch Dylan blieb stehen, wodurch sie sich etwas unbehaglich fühlte. Shaye holte tief Luft. „Sie wissen ja, dass Julia und ich uns vom College her kennen.“

Er nickte.

„Da wir beide aus Wild Horse Junction stammten, haben wir uns gemeinsam Mitfahrgelegenheiten gesucht, um von Laramie nach Hause zu fahren. Zuerst dachte ich, sie wollte gar nichts von mir wissen, weil sie immer so reserviert war. Dann habe ich gemerkt, dass sie aus reinem Selbstschutz zurückhaltend war. Julia erzählte mir, was Ihren Eltern zugestoßen war, und von der Zeit, die sie in Pflegefamilien verbracht hatte.“

Julia hatte ihr auch erzählt, wie Dylan und Walter Ludlow zu Freunden geworden waren. Mit achtzehn hatte Dylan die Highschool abgeschlossen und einen Job bei der Lokalzeitung bekommen. Daraufhin war er in die Kanzlei des Anwalts gekommen und hatte erklärt: „Ich brauche einen Rechtsanwalt, um die gesetzliche Vormundschaft für meine Schwester zu bekommen.“

Julia war acht und Dylan sechzehn gewesen, als sie zu Waisen wurden. Dylan wusste, dass seine Schwester in ihrer Pflegefamilie todunglücklich war, und er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um das Sorgerecht für sie zu erlangen. Er sorgte dafür, dass sie sich glücklich und geborgen fühlte, bis sie zum College ging. Erst dann hatte er seine Heimatstadt verlassen, um seine eigenen Träume zu verfolgen.

„Julia hat mir immer wieder gesagt, wie dankbar sie Ihnen gewesen ist, dass Sie sie gerettet haben“, setzte Shaye leise hinzu.

„Nicht schnell genug.“

„So schnell Sie konnten.“

Er ignorierte ihre Bemerkung. „Nach Ihrem College-Abschluss haben Sie noch weiterstudiert.“

„Das stimmt. Und als ich nach Wild Horse zurückkam, hatte Julia Will kennengelernt und ihn in aller Stille geheiratet.“

„Sie wollte keine große Hochzeit“, meinte Dylan. „Ich hätte gern eine für sie ausgerichtet.“

„Ich denke, Julia und Will wollten ihr gemeinsames Leben ohne großes Trara beginnen. Sie hat sehr oft zu mir gesagt, sie möchte ein Zuhause und eine eigene Familie haben. Einen Ort, an den sie gehört.“

„Sie wusste, dass sie immer auf mich zählen konnte.“

„Ja, aber ihr war auch bewusst, dass Sie ihr acht Jahre Ihres Lebens geopfert haben. Sie wusste, wie viel es Ihnen bedeutete, Tierfotograf zu sein.“

„Sie war mir wichtiger.“

„Das haben Sie bewiesen, indem Sie hier bei der Zeitung gearbeitet haben, obwohl Sie viel lieber an irgendwelchen exotischen Orten gewesen wären.“

Dylan musterte Shaye intensiv aus seinen grünen Augen. „Sie scheinen ja eine Menge über mich zu wissen.“ Er rieb sich den Nacken. „Ein unangenehmes Gefühl, weil ich Sie kaum kenne. Haben Sie irgendwelche Erfahrungen mit Kindern?“

„Als Sozialarbeiterin habe ich manchmal mit Kindern zu tun. Abgesehen davon … Meine Mutter starb, als ich zehn war. Mein Vater, ein Kardiologe, hat viel gearbeitet. Deshalb habe ich mich um meine beiden jüngeren Brüder gekümmert.“

„Ganz allein?“

„Nein, wir hatten eine Haushälterin. Aber sie hat ihnen weder Gutenachtgeschichten vorgelesen noch ihnen Cracker mit Erdnussbutter und Marshmallows gemacht oder ihnen geholfen, eine Hütte zu bauen.“

„Sie waren also gleichzeitig Schwester und Mutter?“

„Ja, sozusagen. Und ich bin davon überzeugt, dass meine Brüder es nicht immer gut fanden.“

Dylan sah aus dem Fenster. „Ich habe nie versucht, Julia den Vater zu ersetzen. Wir waren Bruder und Schwester, mehr brauchten wir nicht. Zumindest habe ich das geglaubt.“

Shaye sah ihm an, dass er an Timmy dachte und sich erneut fragte, warum Julia ihr und nicht ihm das Sorgerecht für ihren Sohn übertragen hatte. Offenbar reichte ihm ihre Erklärung nicht aus.

Von draußen näherten sich Schritte, und gleich darauf kam Dr. Carrera ins Wartezimmer. „Wir haben Timmy stabilisiert und überwachen ihn sehr genau. Ich glaube, es wäre gut für Sie und ihn, wenn Sie uns ein bisschen Zeit geben. Gehen Sie essen, oder machen Sie einen Spaziergang.“

„Was ist, wenn etwas passiert?“, fragte Shaye besorgt.

„Ich habe Ihre Handynummer“, erwiderte der Arzt mitfühlend.

„Meine haben Sie auch“, warf Dylan brummig ein. „Ich habe sie den Schwestern gegeben.“

Dr. Carrera blickte von einem zum andern. „Shaye ist der gesetzliche Vormund, aber ich weiß, dass Sie der nächste Angehörige sind, Mr. Malloy. Gibt es hier etwas, was ich wissen sollte?“

Geschmeidig wie eine Raubkatze trat Dylan neben den Arzt und schob die Hände in die Taschen seiner Cargohose. „Am Sonntag habe ich von Julias Unfall gehört. Ich hatte vor meinem Abflug in Tasmanien keine Zeit zum Duschen oder Umziehen, und ich konnte im Flugzeug nicht schlafen. Bisher hatte ich noch keine Chance, den Schock zu verarbeiten, dass meine Schwester tot ist, geschweige denn, dass sie Shaye zum Vormund ihres Kindes bestimmt hat. Shaye und ich müssen dringend miteinander reden.“ Über die Schulter hinweg sah er sie an. „Was halten Sie von einem Spaziergang?“ Er ließ den Blick über ihre rote Bluse, die dunkelblaue Hose und die schwarzen Stiefel gleiten. „Oder würden Sie lieber hierbleiben?“

Shaye stand auf und nahm einen blauen Parka vom Garderobenständer. „Ich könnte ein wenig frische Luft gebrauchen.“ Dylan griff nach seiner schwarzen Lederjacke.

„Falls irgendetwas sein sollte, habe ich ja Ihre beiden Nummern“, meinte der Geburtsmediziner diplomatisch und verschwand.

Schweigend gingen sie zum Lift, wo Dylan den Rufknopf drückte. Shaye wickelte sich ihren Schal um den Hals und setzte eine Wollmütze auf. Im Aufzug spürte sie Dylans Blick und merkte, wie auf einmal ihr ganzer Körper darauf reagierte. Ihr wurde seltsam warm. Aber es war doch sicher nicht möglich, dass ihr heiß wurde, nur weil ein Mann sie ansah, oder?

Neben Dylan fühlte Shaye sich ungewohnt befangen. Normalerweise wusste sie immer etwas zu sagen. Warum jetzt nicht?

In der Eingangshalle zog sie noch Handschuhe an, bevor sie in den kalten Februarabend hinaustraten.

Wild Horse Junction war im achtzehnten Jahrhundert gegründet und lag am Fuße der Painted Peak Mountains. Einige der ursprünglichen Gebäude gab es heute noch. Daher war die Stadt eine Mischung aus Alt und Modern und hatte von allem ein bisschen.

Früher einmal hatte Shaye darüber nachgedacht, Wild Horse zu verlassen, um ihrem damaligen Freund Chad zu folgen. Aber eigentlich wollte sie das gar nicht. Ihre Familie und ihre Freunde waren hier. Während der Touristensaison kamen viele verschiedene Leute hierher, die sie interessant und aufregend fand. Doch die meisten von ihnen gingen wieder, während sie blieb. Und so gefiel es ihr.

„Sollen wir einmal ums Krankenhaus gehen oder in den Park?“, erkundigte sich Dylan.

„In den Park.“

Wild Horse Junction besaß einen ungewöhnlichen Park. Die Stadt war nach den wilden Mustangs benannt, die früher die Painted Peak Mountains durchstreift hatten, nun jedoch etwa eine Autostunde entfernt in den Big Horn Mountains lebten. Bronzeskulpturen der Tiere verschönerten den Park, und an vielen Stellen standen schwarze, schmiedeeiserne Sitzbänke.

Gerade als Shaye und Dylan die Straße überqueren wollten, fuhr ein Jeep mit überhöhter Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Schützend fasste Dylan Shaye am Ellbogen, wobei sie selbst durch ihre dicke Daunenjacke die Wärme seiner Finger spürte.

Er sah sie an, und obwohl es allmählich dunkel wurde, bemerkte sie einen seltsamen Ausdruck in seinem Gesicht … eine Art elektrisierender Spannung zwischen ihnen.

Verlegen lief sie mit ihm über die Straße, wobei sie sich beeilen musste, um mit ihm Schritt zu halten. Sobald sie den Kiesweg erreichten, der durch den Park führte, fing es leicht an zu schneien. Shaye hob den Kopf, denn ihr war, als würden die kalten Schneeflocken sie von dem Chaos der letzten zwei Tage befreien.

Unvermittelt blieb Dylan stehen und sagte dann rau: „Ich wünschte, ich hätte meine Kamera dabei.“

„Wieso?“

„Ich habe noch nie ein Bild von einer Frau gemacht, die so aussah wie Sie gerade eben, als Sie zum Himmel geguckt haben.“

Ein erotisches Prickeln durchzuckte Shaye, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. „Fotografieren Sie oft Menschen? Die Bilder in den Zeitschriften, die Julia mir gezeigt hat, waren meistens von Tieren.“

„Den meisten Menschen gefällt es, fotografiert zu werden. Für mich ist es eher eine Herausforderung, ein Tier in seiner natürlichen Umgebung zu fotografieren und wie es mit seinen Artgenossen kommuniziert. Das ist alles echt und wahr.“

„Anders als bei den Menschen?“

„Menschen sind wesentlich komplizierter. Vieles von dem, was sie tun, geschieht aus irgendeinem Motiv.“

„Zum Beispiel?“

„Haben Sie öfter mit Pflegefamilien zu tun?“

„Ja.“

„Weder Julia noch ich haben in dieser Hinsicht gute Erfahrungen gemacht. Die Familien, zu denen wir kamen, haben uns nicht aus Mitgefühl aufgenommen.“

„Julia hat mir erzählt, dass ihr Pflegevater Alkoholiker war und immer laut und aggressiv wurde, wenn er trank.“

„Das stimmt“, bestätigte Dylan. „Ich musste sie unbedingt dort rausholen.“

„Und was war mit Ihrer Pflegefamilie?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich war ja nicht lange da.“

„Zwei Jahre können eine Ewigkeit sein, wenn man unglücklich ist.“

Wieder blieb er stehen. „Sie haben eine ziemlich gute Wahrnehmung.“

„Das muss ich bei meiner Arbeit auch. Ich nutze meine Intuition genauso wie meine Ausbildung.“

Einen Augenblick sah er sie an, ehe er gestand: „Meine Pflegefamilie wollte nur das Geld, das sie jeden Monat für mich bekam. Ich war gut genug, um im Haushalt und am Haus mitzuarbeiten, aber im Grunde war ich ihnen egal.“

„Das tut mir leid“, sagte Shaye aufrichtig.

„Es ist lange her, und ich habe es schon fast vergessen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Menschen nicht aus Nächstenliebe handeln.“

„Aber Sie haben nicht an sich gedacht, als Sie für sich und Julia eine Existenz aufgebaut haben.“

„Sie war meine Schwester.“

Ein paar Minuten gingen sie schweigend unter den russischen Olivenbäumen entlang, auf denen sich der Schnee sammelte. Espenzweige bewegten sich leicht im Wind.

„Glauben Sie, dass Julia eine Vorahnung hatte?“, fragte Dylan plötzlich. „Hat sie deshalb einen Vormund benannt, noch bevor das Baby geboren war?“

„Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Aber ich weiß, dass Julia unter allen Umständen die Zukunft ihres Kindes sichern wollte.“

Dylan blieb stehen, fasste Shaye am Arm und sah ihr eindringlich in die Augen. „Sie sind alleinstehend und berufstätig. Wollen Sie Timmy überhaupt eine Mutter sein?“

„Oh ja, von ganzem Herzen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit er zu einem Mann heranwächst, auf den Julia stolz sein könnte.“

Forschend betrachtete er sie. Ihr weißer Atemhauch vermischte sich miteinander, und in diesem Moment entstand eine innere Verbindung zwischen ihnen.

Dylan nickte und ließ Shaye los. „Gehen wir zurück.“

Doch sie wusste, es gab kein Zurück, und das machte ihr Angst.

„Geh nach Hause, und sieh zu, dass du etwas Schlaf kriegst“, sagte Walter Ludlow am späteren Abend zu Dylan.

Rastlos lief dieser in der Anwaltskanzlei auf und ab, die sich in Walters Haus befand. Walter war mittlerweile verwitwet und lebte in einem der Backstein-Reihenhäuser nicht weit vom Stadtzentrum entfernt.

„Ich fahre zurück zum Krankenhaus“, erklärte Dylan.

„Du tust dem Baby keinen Gefallen, wenn du dich kaputtmachst.“

Dylan war noch gar nicht in seiner Wohnung gewesen. Sein Gepäck, sein Laptop und die Kamera lagen noch im Kofferraum des Mietwagens, den er sich am Flughafen genommen hatte, um so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen.

Nach dem Spaziergang hatte er eine Stunde lang mit Shaye zusammen an Timmys Bett gesessen. Schließlich war sie zum Essen gegangen, und als sie zurückkehrte, war Dylan zu Walter gefahren.

„Ich bin unbequeme Schlafstellen gewohnt. Auf einem Stuhl im Wartezimmer zu schlafen, wird mich nicht umbringen. Für Timmy zählt jetzt jede Stunde. Ich muss das für Julia tun.“

„Du bist es ihr schuldig, auf dich aufzupassen.“

Dylan setzte sich auf einen Ledersessel vor Walters Schreibtisch. „Ich dachte, ich kenne meine Schwester in- und auswendig, aber dieses Testament von ihr … Vielleicht sollte ich einen Privatdetektiv engagieren, damit er mir einen Bericht über Shaye Bartholomew liefert.“

„Reine Geldverschwendung“, entgegnete Walter. „Ich kenne Shayes Familie sehr gut. Carson Bartholomew war nicht gerade der beste Vater. Er ist Herzchirurg. Du kannst dir also vorstellen, wie viel er arbeitet.“

„Woran ist Shayes Mutter gestorben?“

„An einem Hirnaneurysma, von dem sie nichts wusste. Sie ist einfach eines Abends eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Danach hat Carson sich zwar um die materiellen Bedürfnisse seiner Kinder gekümmert, aber das war’s dann auch. Obwohl er eine Haushälterin einstellte, hat Shaye die Mutterrolle für ihre Geschwister übernommen. Deshalb ist sie eine ausgezeichnete Sozialarbeiterin geworden. Sie ist wirklich ein wundervoller Mensch, Dylan. Sie war Julia eine gute Freundin, und ich denke, deine Schwester wusste, was sie tat.“

Dylan fuhr auf. „Willst du damit etwa andeuten, dass ich das Sorgerecht nicht verdient hätte?“

„Darum geht es nicht, mein Junge. Julia hat dich geliebt. Sie wollte nur das Beste für dich. Sie wusste, dass deine ganze Leidenschaft deiner Arbeit gehört. Warum hätte sie dich mit einem Baby belasten sollen? Und wenn Timmy bei Shaye ist, kannst du, wenn du hier bist, so viel an seinem Leben teilhaben, wie du willst. Ich bin sicher, sie würde es dir nicht verwehren.“

„Ich habe das Gefühl, ich trage eine Verantwortung …“

„Du hast deine Verantwortung mehr als erfüllt, als du Julia aufgenommen und für sie gesorgt hast. Spiel jetzt nicht den Märtyrer.“

Walter hatte ihm gegenüber nie ein Blatt vor den Mund genommen, und zum ersten Mal heute entspannte Dylan sich, wobei er auf einmal merkte, wie erschöpft er war. Er stand auf und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. „Okay. Ich fahre jetzt nach Hause, um mal nach dem Rechten zu sehen und mich zu duschen. Aber wenn du mich brauchst, ich bin im Krankenhaus.“

„Du warst schon immer ein Sturkopf.“

„Das musste ich sein.“ Dylan ging zur Tür. „Danke für alles. Ich halte dich auf dem Laufenden.“

Als er das Haus verließ, sah er Bilder von Julia vor sich. Wie glücklich sie gewesen war, als sie zu ihm gekommen war, um mit ihm zusammenzuleben. Wie sie für ihn gekocht hatte oder an ihrem Bleistift kaute, wenn sie über ihren Matheaufgaben saß. Dieses Mal war Dylan nicht über Weihnachten nach Hause gekommen, sondern hatte geplant, sich zur Geburt seines Neffen einige Zeit freizunehmen.

Dylans Augen brannten. Er stieg in den Wagen, und trotz seiner Sorge um Timmy dachte er plötzlich an Shayes Gesicht, als sie zu den Schneeflocken hochgeblickt hatte. Entschlossen verbannte er das Bild.

Sie ist bloß eine Frau wie jede andere.

Doch dann erinnerte er sich daran, wie sehr seine Schwester Shaye gemocht hatte, und daran, dass sie beschlossen hatte, ihr Kind ihrer Freundin anzuvertrauen.

Ein Aufruhr der Gefühle tobte in ihm, und Dylan wusste, dass die nächsten paar Tage darüber entschieden, ob er in Wild Horse Junction bleiben oder zu dem Leben zurückkehren sollte, das er liebte.

2. KAPITEL

Dylan trug die letzten Gepäckstücke in seine Wohnung, die er seit sechs Monaten nicht mehr betreten hatte. Sie lag im oberen Stockwerk eines weitläufigen alten Farmhauses am Stadtrand. Der pensionierte Farmer, der unten wohnte, kümmerte sich um die Wohnung, wenn Dylan unterwegs war, und schickte einmal im Monat jemanden zum Saubermachen hinauf. Bisher hatte die Wohnung für Dylan immer ihren Zweck erfüllt. Nun jedoch fühlte er sich von den vielen Erinnerungen an Julia und ihre gemeinsamen Jahre bedrängt.

Die Einrichtung war einfach und funktional, und abgesehen von dem bequemen Sofa hatte er nach Julias Auszug kaum etwas verändert. Ihr früheres Zimmer war jetzt voll von Aktenschränken, in denen er Dias und Negative aufbewahrte. Überall standen Kartons mit fotografischer Ausrüstung herum. Und das dritte Zimmer war hochwertigen technischen Geräten vorbehalten – Computer, Scanner, zwei Drucker sowie ein Faxgerät. Julia hatte oft lächelnd den Kopf geschüttelt und ihrem Bruder gesagt, er solle sich lieber anständige Gardinen anschaffen, anstatt seinen Computer aufzurüsten. Ohne Erfolg.

Die Atmosphäre dieses leeren, unbewohnten Apartments machte ihm zu schaffen, obwohl es ihn sonst nie gestört hatte. Vielleicht, weil ich Julia verloren habe und sie nie wieder vorbeikommen wird, um mit mir zu reden, während ich arbeite? fragte er sich. Weil sie nie wieder ein neues Rezept an mir ausprobieren wird? Nie wieder …

Seine Brust zog sich zusammen, und er konnte kaum atmen.

Nachdem er die Heizung aufgedreht hatte, zog Dylan seine Sachen aus und stellte sich unter die Dusche. Der wohltuende heiße Wasserstrahl half ihm dabei, die schmerzlichen Bilder zu verdrängen.

Gerade hatte er saubere Jeans und ein hellbraunes Flanellhemd angezogen, da klingelte sein Handy. Hastig griff er danach.

„Mr. Malloy? Hier ist Dr. Carrera.“

Dylans Herz fing an zu hämmern. „Ja, Doktor?“

„Welche Blutgruppe haben Sie?“

„AB positiv.“

„Gut.

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