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Von der Wüste und vom Meer

Vorwort

Unterwegs in Meer und Wüste oder Zwei Welten, eine Sehnsucht

 

Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles.

Friedrich Hölderlin

Am Anfang war eine Empfindung, die zu einer der schillerndsten Formen von Sucht zählt – Sehnsucht. Jene Sehnsucht, die einen fernab aller Alltagszwänge hinaus ins Unbekannte zieht, um die Welt zu erleben, wo sie noch faszinierend ist. Eine Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und selbstbestimmtem Leben, die uns wie der Gesang einer Sirene betörte und die wir beim Unterwegssein in der grenzenlosen Weite fanden: der eine auf dem Meer, der andere in der Wüste.

Über viele Jahrzehnte sogen uns Meereswüste und Sandozean immer tiefer in sich hinein. Wir erlebten zeitlose Leerräume, die zu den einsamsten Regionen der Erde zählen, wo Größen und Distanzen nicht mehr den normalen menschlichen Erfahrungswerten entsprechen, wo dem visuellen Erleben keine Grenzen gesetzt sind und wo sich die menschliche Winzigkeit ins Unfassbare steigert. Jenseits aller Vorstellungskraft erlebten wir die Magie und den Schrecken der grandiosen Extremwelten Meer und Wüste, die so viele verwandte Wesenszüge haben.

Meer und Wüste sind Sinnbilder für das Unermessliche, sind phantastische Gegenwelten, die durch vielfältige Wechselwirkungen miteinander verbunden sind. Oft entstehen Wüsten dort, wo von der See keine Wolken hinkommen. Und dort, wo große Mengen Wüstenstaub auf die Meere wehen, gedeiht Plankton sehr viel üppiger als andernorts. Zudem sind kalte Meeresströme ausschlaggebend für die Entfaltung großer Wüsten: So ist der Benguela-Strom, der aus der Antarktis kommt, maßgeblich verantwortlich für die Entstehung der Namib-Wüste an der Küste Südwestafrikas. Und auch der kühle Humboldt-Strom trägt zur Ausdehnung der lebensfeindlichen Atacama-Wüste bei, die sich am Küstenstreifen Südamerikas über mehrere Tausend Kilometer erstreckt.

Meer und Wüste sind Extremwelten. Extrem sind Hitze und Kälte, Sturm und Stille, Flora und Fauna. Extrem sind auch die Szenerien. Denn Wasser und Sand sind Elemente des Unsteten schlechthin, stetig rastlos, immer und niemals sich gleich. Verwandlung ist das vorherrschende Charakteristikum, vor allem wenn der Wind in den Wellenbergen aus Wasser oder Sand immerzu neu Gestalt annimmt und die riesigen Sandareale in ständigem Wandel sind, ganz ähnlich der Oberfläche eines aufgewühlten Meeres. So gleichen die komplexen Dünenketten einer Wüste nicht selten erstarrten Wellen einer windbewegten See, während die enormen Ausdehnungen großer Einöden ein Gefühl ozeanischer Weite vermitteln.

Meer und Wüste gewähren Einblicke in unsere Vergangenheit, sind »Tagebücher der Erdgeschichte«, deren Zeugnisse in den kargen Weiten und ozeanischen Tiefen allgegenwärtig sind.

Meer und Wüste leuchten zum Sonnenauf- und Sonnenuntergang in einem Kaleidoskop schillerndster Farben. Und nachts wölbt sich über dem Meer und der Wüste ein gigantischer Sternenhimmel, der sich in eine schwindelerregende Tiefe dehnt, während man in eine vollkommene Stille hinaushorcht, bis das Blut in den Ohren rauscht.

Meer und Wüste beanspruchen seit undenklichen Zeiten den Orientierungssinn des Menschen. So suchten schon die frühen Nomaden der See ihren Kurs, indem sie die Gestirne, ziehende Vogel- und Fischschwärme, Wellenmuster, Wolkenstraßen, Strömungen, Küstenstreifen, Klippen und Winde beobachteten. Vergleichbar den Meernomaden machten es auch die Wüstenbewohner, die sich am Sternenhimmel orientierten, an der Farbe des Erdbodens, an den Spuren von Käfern, an Wasserstellen, Pflanzenwuchs, Wegmarken, Steinsetzungen und einprägsamen Landmarken, um über gewaltige Entfernungen punktgenau ans Ziel ihrer Reisen zu gelangen.

Meer und Wüste galten noch in der frühneuzeitlichen Ära der Entdeckungen als »Terra incognita«, als »unentdecktes Land«. Es war der »Schrecken vor der Leere« (Horror Vacui), der die Kartographen in jenen Tagen dazu veranlasste, ihre geographische Unkenntnis mit gruseligen Phantasiegebilden zu bevölkern: Auf die »weißen Flecken« ihrer Karten zeichneten sie beängstigende Bilder von hundsköpfigen Völkern oder monströsen Seeschlangen, die jahrhundertelang in den Köpfen der Menschen herumspukten.

Meer und Wüste sind gleichsam Urwelt und reale Gegenwart, geprägt von Weite, Gleichförmigkeit und Zerstörung. Vor allem Wasser und Sand sind die bestimmenden Elemente. Beides gibt der Weite ein Gesicht, doch niemals auf ein und dieselbe Weise: So können Wasser und Sand weich und anschmiegsam sein, prickelnd und geschmeidig, rau und abweisend, aufwühlend und wild.

Seit vielen Jahrzehnten waren wir immer wieder auf den Meeren und in den Wüsten der Welt unterwegs, jeder auf seine ganz individuelle Art, wo wir in den magischen Projektionsflächen unserer Sehnsüchte erfahren haben, in welchem Ausmaß Wasser und Sand ein Gehirn beeindrucken und auf den Kopf stellen kann. Was uns trieb und was wir an Außergewöhnlichem beim Unterwegssein in Meer und Wüste erlebten, haben wir hier zusammengetragen. Viel Spannendes und Phantastisches, das uns – neben dem Ernst des Segelns und des Gehens – für all die Mühen und Strapazen entschädigte. Hinzu kamen Einsichten und Erfahrungen, die unserer entzauberten Welt nüchterner Tatsachen so manche Gegenentwürfe liefern, und die – vielleicht – eingefahrene Denkweisen ein bisschen aufbrechen und verändern können.

So entstand ein Buch unserer Meeres- und Wüstenleidenschaft, in dem wir die Faszination dieser Extremwelten schildern. Ein Meeres- und Wüstenkaleidoskop, so vielfältig wie die geheimnisvollen Naturgroßräume selbst, die seit eh und je eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf den Menschen ausüben – und uns immer wieder zu neuen Aufbrüchen locken.

Wilfried Erdmann, Achill Moser
im Juli 2012

Faszination

Seit undenklichen Zeiten reist der Mensch durch die ungeheuren Weiten der archaischen Naturgroßräume von Meer und Wüste, die er erforscht und auch gefühlsmäßig erlebt. Beides, Entdeckerlust und Empfindungsvermögen, ist untrennbar miteinander verbunden – denn in ihrer Wirkung auf uns zeigen Meer und Wüste, was sie sind: Faszination und Bedrohung.

Warum das Meer?

Wilfried Erdmann

DIE ERDE führt durch die Erde; aber du, Meer, führst durch den Himmel.

Juan Ramón Jiménez, Traum-Nocturno

Ich hätte nie geglaubt, dass mein Leben wieder so lebendig werden könnte: Umso richtiger schien mir mein Entschluss, über den Atlantik zu segeln. Nun war ich schon lange unterwegs und erwartete, jeden Augenblick Land zu sehen, im Dunkeln ganz plötzlich in der Brandung zu stehen oder sogar in einer ruhigen Bucht Grund zu spüren. Wenn ich so daran dachte, im Mast, an Deck oder im Cockpit beim Ausguckhalten, raste mein Herz, und mir wurde so blümerant, dass ich mich festhalten musste. Wenn ich die Seekarte ausbreitete, dachte ich sogar: Nur schnell wieder raus an Deck, die Insel liegt vielleicht voraus – zum Greifen nahe! Eigentlich lächerlich. Ich wusste, jedes hohe Land ist bei klarem Wetter selbst des Nachts über Meilen hinweg sichtbar. Ich wusste auch, dass ich nicht wusste, wo ich mich nach den Koordinaten befand. Ich hatte die Orientierung verloren. Was Wunder nach fast sieben Wochen Unterwegssein, ohne den Längengrad (mangels einer korrekten Uhrzeit) berechnen zu können. Die Folge: Ich konnte an Bord nur nach der Breite navigieren. Das führte zu dieser bedenklichen Situation.

Auf der westlichen Seite des Atlantiks liegen die Antillen. Insel neben Insel. Vielleicht war ich in dunkler Nacht schon hindurchgesegelt, ohne es zu bemerken. Ich hoffte nicht. Der Gedanke daran war bedrückend. Kaum zu beschreiben, wie ich mich fühlte – statt das ersehnte Blau einer Bucht, Riffe und Korallen zu sehen, war ich völlig im Ungewissen.

Es gab nichts Schöneres: Mit der ersten kathena allein um die Welt.

Seit 45 Tagen war ich auf dem Atlantik allein mit meinem Segelboot kathena unterwegs. Sie war für das Meer recht klein, sieben Meter, aber hübsch. Gleichwohl ein bisschen langsam. So wie ich. Der Atlantik war mein erster Ozean, und den wollte ich nicht mit Risiko »volle Pulle drauflos« queren. Also machte ich wochenlang nichts anderes als mein Boot steuern, Segel trimmen, Segel flicken, kochen (wenig), schlafen (noch weniger). Aber obwohl ich an Bord auch Tage mit Nichtstun (bei Flaute) hatte, war ich trotzdem völlig erschöpft. Vom Gucken. Vom Träumen. Von den Bewegungen. Vom Meer. Davon bekam ich genug: Reflexionen im Gegenlicht, Spiegelungen bei Flaute, das seidene Glänzen des Wassers am Horizont. Dann wieder gab es diese Tage, wo der Himmel ins Meer fällt, weil der Horizont nicht auszumachen ist; eng umschloss mich das Universum. Und unvergessen ist die Zeit bei schlechtem Wetter, wenn ich richtig nass wurde, die Gischt mir ins Gesicht spritzte und ich vom Deck nicht wegkam. Von allem bekam ich nichts häppchenweise.

Es war sensationell. Wunderschön und angenehm ermüdend wie ein anhaltender warmer Strom, der über Wochen durch meinen Körper rauschte. Ich hatte Gefallen am Meer. Es war nie langweilig. Meine Aussicht veränderte sich ständig mit dem Licht und mit dem Wind. An keinem Tag war die See wie zuvor. Manchmal dunkel, hell, kurz, lang, weiß, flau. Ich schlummerte hinweg in wohliger Stimmung. Da war gar nichts, was mich störte, und auch nichts, was ich vermisste. Zudem war ich absolut unerreichbar. Kein Funk, kein Radio, keine Uhr (was mich allerdings, wie schon erwähnt, in die Bredouille brachte), keine Pflichten (gut, Kurs halten war Pflicht, aber ich empfand es nicht als solche). Und dann natürlich genoss ich meine Segeltage, wenn ich auf dem Bauch an Deck lag und die Hand durchs Wasser ziehen ließ, genoss das Schwimmen auf 4000 Meter Wassertiefe oder stand am Heckkorb und staunte über die Kraft des Bootes. Wohliges Nichtstun manchmal, nur zusehen, wie wir übers Wasser flitzten. Es ging mir gut. Ich erwartete nichts weiter.

Den letzten Druck machte ich mir, als Gran Canaria achteraus lag, die Insel mit meinem Abfahrtshafen Las Palmas. Ich schwang mich in die Kajüte, machte in der Seekarte ein dickes Kreuz und fügte Tag und Zeit hinzu. Doch dann stürzte ich schnell wieder an Deck. Riss mein Hemd über der Schulter frei und schrie in alle Richtungen: »Jetzt gehört das Meer uns.« Ein Gefühl von Aufatmen.

Das Meer hatte mich berührt und erreicht. Und beglückt.

Wirklich? Wirklich. Zumindest bis zu diesem Augenblick dicht vor den Antillen. Da ich keine Ahnung über meine Position hatte, wollte ich nun unbedingt Land sehen. Alles war plötzlich nicht mehr so lustig. Nervös kletterte ich in den Mast bis zur Saling und spähte angestrengt voraus – konnte aber nichts erkennen. Kein Land, keine Insel. »Mein Segelgott, das ist doch nicht möglich!«

Eine Atlantiküberquerung von den Kanaren in die Karibik schaffen die meisten Segler in einem Monat. Ich segelte eindeutig langsamer, weil das Wetter nicht auf meiner Seite war und mir zudem das Leben auf dem Wasser gefiel. Auf mich wirkte dieses Element wie eine Verlockung, eine Droge. Sie sollte mir nicht verlorengehen.

Dennoch: Nun kam ich nicht mehr zur Ruhe. Ich fand kaum Schlaf, konnte nicht essen, nicht abschalten, mich auf nichts konzentrieren.

Ich zwang mich, in meine Kajüte zu steigen und mich hinzulegen. Als ich gegen Morgen wach wurde, stand ich Sekunden später wieder an Deck. Mir war, als ob ich endlich Land voraushatte. Hand über Hand enterte ich zum x-ten Mal den Mast halb hoch – und tatsächlich, da war Land. Kleine Eilande mit brechenden Seen über Untiefen dazwischen. Aufpassen, dachte ich, sind das etwa die Grenadinen? Sie waren es. Schnell befanden wir uns mitten in dem Archipel. Die Grenadinen waren wegen der zahlreichen Inseln und Untiefen die einzige Gegend, wo ich nicht landen wollte.

In meinem Logtagebuch hielt ich fest:

Der 47. Tag: Mit Mühe identifiziere ich anhand meiner Seekarte eine Insel voraus. Es ist Petit Canouan. Aber davor liegen Petite Moustique und Savan. Ich lege Kurs mittendurch. Mein Glück erscheint mir sagenhaft. Alle Mastkletterei hat sich gelohnt. Von Deck aus war Land nicht zu sehen. Hätte ich mich noch einmal in die Koje gelegt und die Seekarte studiert, wie ich es häufig morgens mache, wäre es zu spät gewesen – dann würden diese Zeilen nicht in meinem Logtagebuch stehen.

Eigentlich hätte ich der glücklichste Mann in der Karibik sein müssen, doch das war nicht der Fall. Zuerst musste ich durch das Gewirr von Inselchen, Felsen und Brandung segeln. Die Seekarte wurde wichtig, der Kurs, der Ausguck, meine Übersicht. Die Schot verhakte sich. Das Vorliek killte. Der Fockbaum schleifte im Meer. Wo war die Seekarte? Ich flog über Deck.

Nachdem ich die Enge Savan, Petite Moustique, Bequia und einige Felsbrocken passiert hatte peilte ich St. Vincent im Norden an. 20 Meilen entfernt gegen den Wind. Noch vor Anbruch der Dunkelheit würde ich dort sein. Ich hatte einen ganzen Nachmittag für läppische 20 Seemeilen. Jaa.

Ich will es schaffen. St. Vincent, ich komme! Stelle die Segel um, Genua gegen Fock. Um beim Wenden schneller durch den Wind zu kommen, hetze ich über Deck und helfe die Genua überzuholen. Nutze jede Windänderung. Reiße wild an den Schoten. Passiere zwar noch Bequia, schaffe es aber nicht zu meinem Ziel. Eine weitere Nacht auf See steht mir bevor. Kräftiger Fluch. Dann wasche ich mein Landgangshemd und lasse es auf der Reling trocknen. Wenigstens das klappt.

Erst am nächsten Morgen kreuzte ich in die weit geschwungene Hafenbucht von Kingstown. Es war der 13. Dezember 1966.

Amerika. Ich habe es allein geschafft. 47 Tage. 2856 Seemeilen auf dem Schlepplog. Das ist nicht großartig. Segeltechnisch. Für mich trotzdem ein ziemlich guter Tag. Quatsch, ein Tag fürs Leben. Ich bin nicht gescheitert. Werde nicht scheitern. Ich bin 25 und habe soeben einen Ozean überquert. Allein mit meinem Können, meinen Mitteln, meiner Kraft. Mutterseelenallein, würde meine Mutter sagen. Da ist mir wirklich ein Ding gelungen. Ich stehe auf dem Bug, recke mich, fühle mich größer als der Mast. Klopfe mir selbst auf die Schulter.

Stolz notierte ich diese Zeilen sofort in mein Logtagebuch. Und dann?

Dann sprang ich über Bord. Tauchte ein ins blaue Wasser und schwamm eine große Runde in der Bucht, um ganz entspannt meine kathena vor Anker zu bewundern. Schrie über den Hafen, wo ich absolut solo war. Himmlisch! Danach schwebte ich in eine Bar, schwebte in der kleinen Stadt den Hang hoch und ließ es mir gutgehen. Erst spät am Abend begriff ich, dass Alleinsegeln sowohl Vergnügen als auch Strafe ist. Ich wollte reden, mich mitteilen, aber da war niemand.

Vier Seemeilen haben meinen Lebensweg entschieden. Vier Meilen, das kommt 30 Minuten Segelzeit gleich, die mich vor Schiffbruch in den Grenadinen retteten. Es wäre das Ende aller meiner Seefahrerträume gewesen. Ob ich nochmals Kraft und Willen gefunden hätte, jahrelang auf ein Boot hinzuarbeiten? Überhaupt eine lange Fahrt von neuem zu planen? Ich habe große Zweifel.

Obwohl: Da ist das Meer. Der Pazifik, der Atlantik und das Südpolarmeer. Das Leben auf dem Meer ist und bleibt meine große Liebe. Nicht das Land Schleswig-Holstein, die Knicks und Wälder, das Bauerndorf, Fußball, Holzhacken und Rennrad. Auch nicht unsere Binnenseen – so verlockend sie auch daliegen und auf Segler warten. Es ist das Meer. Ich habe da draußen immer wieder wunderbare Momente erlebt. Sah Wellen und Weiße, die sonst niemand sieht. Wie hoch, wie steil darf eigentlich eine Welle sein, damit sie mein Schiff nicht unter sich begräbt? Die Physik der Wellenberge zeigt mir, dass es nur eine Welle gibt, die mich vernichten könnte. Und die kommt nie allein. Sie kommt gestaffelt. Blau und grün, grau und weiß sind ihre Farben. Die Luft ist dann von Gischt erfüllt und sinnlich der Geschmack von Salz auf der Haut. Für mich gibt es nichts Schöneres, als auf dem Meer zu segeln. Abends in den Himmel zu schauen, ob ins herrliche Licht der pazifischen Südsee oder in die unendliche Gräue der südlichen Breiten. Dafür mache ich es.

Warum das Meer? Warum fortgesetzt Segeln übers Meer? Weil es da ist, weil es zwei Drittel unseres Planeten bedeckt und weil es nass ist. Ja, auch weil es einen vor Herausforderungen stellt. Keine andere »Landschaft« bietet diese Faszination in Kombination mit ernsthaften Aufgaben.

Natürlich wird man sich bewusst, dass dieses gewaltige Element tödlich sein kann. Als 15 bis 20 Meter hohe Seen sich am Heck des Bootes brachen, habe ich mich wirklich gefürchtet. Das war 1985 während meiner ersten Nonstop-Fahrt. Da erstarrten Körper und Geist. Das Adrenalin jagte durch den Körper. Stundenlang. Zwei Mal ist es mir passiert, dass ich resigniert habe – bildlich gesprochen, den Kopf in den Segelsack gesteckt habe. Denn ich hätte nichts anders machen können.

Doch zu guter Letzt am Ziel erfüllt mich wieder und wieder ein großes Gefühl der absoluten Leichtigkeit, es geschafft zu haben. Ich glaube, nirgends sonst ist der Bruch beim Wechsel vom bürgerlichen Leben in die pure Natur harscher und einfacher. Alles ist für mich schöner am Meer, im Meer und auf dem Meer.

Ein Boot, zwei Segel. Auf geht’s. Schweben übers Wasser (auch wenn du schläfst). Schwimmen (der Geschmack von Salz und Algen). Faulsein (nichts tun und trotzdem zufrieden sein).

So fing es bei mir an. Kein Wecker würde mich aus dem Morgenschlaf holen. Keine Kompromisse standen an. Da ich allein segeln wollte, würden mir keine »Durchblicker« hereinreden. Alles dies war für mich entscheidend. Genau davon träumte ich. Kochen auf einem einflammigen Kocher, Logbuch schreiben, in der Seekarte Ziele abstecken und nach dem Kompass den Kurs steuern. Nackt und ungestüm wollte ich leben. Wenn mir die Lust nach Land stand, würde ich in einer Bucht vor Anker gehen oder in einem Hafen festmachen, wenn ich Lust zum Schwimmen hätte, Segel bergen und über Bord springen. Jeder Handgriff würde eine Nuance zum Gelingen beitragen. Jede einzelne Tätigkeit wäre wichtig. Daher wollte ich immer aufmerksam und sorgfältig an die Dinge herangehen.

Das war wahrscheinlich eine völlig verklärte Sicht auf die Dinge, aber heute wünsche ich mir manchmal, dass die Segelwelt ein wenig einfacher wäre, weniger technische Hilfsmittel im Angebot hätte. Viele Zusammenhänge sind heutzutage nur schwer durchschaubar. »Kommen Sie«, sagte einmal ein Ostseesegler zu mir, »ich zeige Ihnen mal, was ich alles an Bord habe.« Radar, Bimini, Heckdusche, Mikrowelle, Kaffeemaschine, Kühlung, Heizung, Plotter, den besten Computer. Voller Stolz wurde mir all das vorgeführt. Wenn ich jedoch vor einer Ozeanfahrt die Wahl zwischen einem schlichten Boot und einer Yacht mit perfekter Technologie hätte – ich würde das einfache Boot wählen und den Computer am Kai stehen lassen. Immer.

Natürlich war Segeln in den frühen Sechzigern ohne Selbststeueranlage, ohne GPS, Rollsegel und andere sogenannte Erleichterungen äußerst mühsam. Mein Holzboot leckte von oben wie von unten. Ich habe mich halbe Tage mit der Astronavigation im Kopf und auf dem Papier betätigt, um die Position festzustellen. Das gibt’s aus heutiger Sicht gar nicht mehr. Mit einem GPS-Handhold für 200 Euro kann man um die Welt segeln. Aber die Welt damals drehte sich auch um einiges langsamer. Auf den ersten Blick haben früher Angst und Sorge und Arbeit rund ums Boot die Freiheit beim Ozeansegeln beschnitten, aber vielleicht haben die geringeren Anforderungen den Segelmenschen damals auch einiges leichter gemacht. Es gab weniger Behördenpflichten, weniger Auflagen, weniger Kosten.

Wünschen würde ich mir, dass junge, abenteuerlustige Segelfans vieles unter einen Hut bringen: Schule, Beruf, Erfolg, Partnerschaft, Aussteigen. Es ist wunderbar, dass das heute möglich ist. Aber weil eben alles möglich ist, will man auch alles erreichen. Manchmal kommt es mir vor, als würden manche versuchen, den Inhalt von vier Leben in eines zu stecken. Umso schwerer erkennt man dann, was für einen als Mensch und Segler wirklich wichtig ist, welchen Weg man einschlagen sollte.

Um es gleich zu sagen: Ich bin bis heute dem Einfachen treu geblieben und glaube, so der Faszination des Natursports Segeln nähergekommen zu sein.

Den Sand lieben und mit dem Wind wandern

Achill Moser

Jeder von uns bewahrt mehr oder weniger verborgen eine Sehnsucht nach dem Nomadenleben.

Michel Butor

Als ich fünfzehn war, wollte ich zum Mare Tranquilitatis. Ein lateinischer Name, der soviel wie »Meer der Ruhe« bedeutet. Ein Meer ohne Wasser, deren steinerne Wellen von einem nicht vorhandenen Wind aufgekräuselt wirken. Von diesem Mare Tranquilitatis träumte und schwärmte ich, sodass mich meine Freunde zuweilen für total verrückt hielten. Und recht hatten sie, denn der Haken war, dass das Mare Tranquilitatis ein Mondmeer ist auf dem Erdtrabanten, das sich auf den selenographischen Koordinaten 8° 30' N 31° 24' E befindet. Eine lebensfeindliche Region, die in Äquatornähe des Mondes liegt, der seit Tausenden Millionen Jahren ein toter Trabant ist.

Ohne einen Tropfen Wasser, ohne Pflanzen, ohne Menschen und ohne Tiere ist das Mare Tranquilitatis ein wüstes Meer, das einen mittleren Durchmesser von 873 Kilometern hat. Dort, inmitten einer relativ ebenen Oberfläche, landete am 20. Juli 1969 die erste bemannte Mondfähre von Apollo 11. Wie eine überdimensionale Spinne wirkte die in einer Prismenform gebaute Landefähre Eagle mit ihren vier Teleskopbeinen. Als sie mit den amerikanischen Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin sanft auf der Mondoberfläche aufsetzte, wirbelte sie Milliarden Jahre alten Wüstenstaub auf, während Michael Collins an Bord des Mutterschiffes Columbia blieb und den Mond umkreiste. Aus den Sichtluken des Raumschiffs behielt er den Erdtrabanten im Blick, wo die Sonneneinstrahlung, durch keinerlei Atmosphäre gefiltert, auf über 100 Grad Celsius steigt, während die Temperatur auf der Schattenseite des Mondes auf mehr als 200 Grad unter null fällt.

In der Einsamkeit und Weite der Wüste wird das Gehen zur Meditation.

Einen Tag später, am 21. Juli, setzte Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes und schickte per Funk einige Worte zum amerikanischen Raumfahrtzentrum Houston. Worte, die um die ganze Welt gingen: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.« Anschließend spazierten Armstrong und Aldrin in ihren Raumanzügen durch das »Meer der Ruhe«. Mit Raumhelm und Sauerstofftank, der wie ein großer Buckel auf dem Rücken befestigt war, hüpften sie wie ungelenke Gespenster über die Mondoberfläche. Deutlich spürten sie in ihren schwerfälligen Bewegungen die Leichtigkeit einer verringerten Schwerkraft, während kaltes Wasser kontinuierlich in kleinen Röhrchen durch ihre Kunststoffanzüge floss und für Kühlung sorgte.

Nur 21 Stunden blieben Armstrong und Aldrin auf dem Erdtrabanten, sie machten Fotos, sammelten Steine und nahmen Staubproben. Zudem stellten sie eine Fahne, einen Spiegel und einen Seismographen auf, ehe sie zu ihrem Mutterschiff zurückkehrten.

Begeistert verfolgte ich damals am flackernden Bildschirm – zusammen mit weltweit 600 Millionen Fernsehzuschauern – die schemenhaften Bilder vom Spaziergang auf dem Mond. Bilder, die aus der Unermesslichkeit des Alls zur Erde gefunkt wurden und den Beginn einer neuen Epoche einleiteten. Bilder, die mein Vorstellungsvermögen nährten und nur schwer zu fassen waren. Bilder, die mich niemals so ganz losließen.

Zum Mare Tranquilitatis bin ich natürlich nie gelangt, doch fand ich mein »Meer der Ruhe« zwei Jahre nach der ersten Mondlandung im Süden Marokkos, wo sich die Sahara ausdehnt, die größte Wüste der Welt, die die Araber Bahr bela Ma nennen – »Meer ohne Wasser«. Nichts konnte damals meinen Blick mehr bannen als diese endlose Weite, in der ich glückliche Tage voller faszinierender Naturerscheinungen erlebte. Meine Begeisterung und Neugier für die Wüsten der Welt und mein Wunsch, ihre Geheimnisse zu durchdringen, waren geweckt. Damals ahnte ich schon, dass mich die Wüste nicht mehr loslassen würde. Denn es war Liebe auf den ersten Blick.

Seit jenen Tagen – ich war damals siebzehn – hat nichts mein Leben, mein Denken und Fühlen nachhaltiger beeinflusst und verändert als die Wüsten der Erde, die für mich atemberaubende Räume der Schönheit und Stille sind. Magische Räume jenseits aller Vorstellungskraft, maßlos, unberechenbar, lebensfeindlich. In vier Jahrzehnten habe ich mir zu Fuß und per Kamel 27 Wüsten erwandert. Mehr als 2000 Tage habe ich in den Einöden verbracht und rund 20 000 Kilometer wie ein Nomade zurückgelegt. Im Laufe der Zeit ließ mich das Wüstenwandern regelrecht süchtig werden. Die schier grenzenlosen Weiten aus Sand und Stein wurden für mich zur Droge, von der ich nicht mehr lassen kann.

Als ich mich damals auf die Wüste einließ, war alles so herrlich fremd. Ich erlebte eine Welt der Widersprüche, die sich mir einerseits sehr karg und abweisend zeigte, andererseits aber auch bunt und belebt. Denn auch hier gab es Bäume, Büsche und Blüten sowie Menschen und Tiere, die mehr oder weniger perfekt angepasst lebten und sich an die schwierigen Lebensumstände dieser scheinbar unbewohnbaren Extremwelt gewöhnt hatten. Diese Beobachtung war mir in der Wüste unglaublich hilfreich. Ich spürte, dass auch ich mich in diese extreme Welt einfügen musste, sodass die wesentlichen Hindernisse nicht nur in den äußeren Umständen lagen, sondern vor allem in mir selbst.

Auch begriff ich, dass es eine gewisse Zeit der Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse brauchte, um das ureigene Universum der Nomaden kennenzulernen – ein Wunsch, der für mich zu einem einzigartigen Abenteuer wurde und die Erfüllung all meiner Träume war.

Was mir damals zudem sehr dienlich war, um den Geist und die Seele der Wüste zu erfassen, war die Begeisterung, die ich für die Landschaften der Ödnis empfand. Hingerissen von den Bühnenbildern erster Schöpfungstage, war ich tief bewegt von Sandmeeren und Gesteinskorridoren, von Salzseen und Hochplateaus, von bizarren Vulkangebirgen und himmelstürmenden Felswänden, von staubgefüllten Becken und ausgetrockneten Flussläufen. Hinzu kam das Farbenspiel des Lichts, wenn sich in der Abenddämmerung der Sand der Dünenketten auf der einen Seite rötete und die langen Schatten auf der anderen Flankenseite ganz schwarz wurden. Das waren Augenblicke, in denen ich erkannte, dass Weite und Enge in der Absolutheit eins sind.

Darüber hinaus erlebte ich jede Wüste als ein »Land der Ursprünge«, das vor allem anderen entstanden ist. Schon zu Beginn unserer Erdgeschichte beherrschten die Urwüsten alle kontinentalen Landmassen, nachdem die glutflüssigen Magmaströme erstarrt waren und erste Pflanzen die Vorzeitozeane verließen. Ihnen folgten vielfältigste Tiere, die als erste Landbewohner die Areale der Trockenheit eroberten. Auch heute noch sind 30 Prozent aller Kontinente von Einöden bedeckt, die sich über 31 Millionen Quadratkilometer erstrecken. Damit nicht genug: Unentwegt wachsen die Wüsten der Erde auf allen Kontinenten weiter und weiter. Jährlich gehen weltweit rund 200 000 Quadratkilometer Ackerland an die ariden Zonen verloren.

Kein Wunder also, dass die ozeangleichen Naturräume der Einöden von vielen Menschen als unwirtlich und lebensfeindlich empfunden werden. Vor allem die Angst vor dem Unbekannten führt dazu, dass die Wüste häufig als Todeszone bezeichnet wird, besonders wenn man weiß, dass die Hitze – wie zum Beispiel in der iranischen Wüste Lut – bis auf 70 Grad Celsius ansteigen kann. Dagegen sinkt die Temperatur in der ägyptischen Wüste Sinai während der Wintermonate nachts weit unter null Grad, sodass sich eisige Kälte ausbreitet, die das Trinkwasser in den Kanistern gefrieren lässt.

Gleichwohl mag ich die extremen Temperaturschwankungen der Wüsten, sind sie doch Ausdruck einer kompromisslosen Umwelt, die allen Lebewesen eine große Anpassung abverlangt. Zudem sind die enormen Temperaturschwankungen das prägendste Merkmal der Wüsten, denn sie formen das Bild der Einöde und verleihen ihr ihre bizarre Gestalt.

Vor allem in den heißen Sommermonaten habe ich in den vulkanischen Felsmassiven der Sahara immer wieder ein Krachen und Bersten gehört, wenn gewaltige Gesteinsplatten oder mächtige Felsblöcke plötzlich aufrissen und auseinanderbrachen. Für solche Erosionsprozesse sind die Kräfte der Verwitterung verantwortlich. Denn wenn ein Gesteinsblock erst einmal einen Riss zeigt, dringt in den Nächten Feuchtigkeit ein, Mineralien quellen auf, verschließen die vorhandenen Risse wieder und erzeugen eine enorme Sprengkraft. So verwandeln Hitze und Kälte in großen Zeiträumen ganze Bergmassive, die schließlich zu Trümmerlandschaften zerfallen, ehe der Wind hinzukommt und ein natürliches Sandstrahlgebläse das härteste Gestein zerlegt und zu feinstem Sand zerschmirgelt. Es entsteht eine Landschaft, die eigentlich gar keine Landschaft mehr ist, sondern das Antlitz eines abweisenden, unnahbaren Planeten. Eine Welt, wie sie schon im 1. Buch Mose beschrieben wird: Und die Erde war wüst und leer.

Ich liebe Sand. Er ist ein geheimnisvoller Stoff, der Endzustand aller Materie. Sand ist weder richtig fest noch flüssig. Ein Zwitterstoff, der gleichermaßen verzaubert und große Gefahren birgt: Sand bildet riesige Strandflächen, die wir als Badeplatz nutzen, er dient Kindern zum Spielen in der Sandkiste und dehnt sich in den Wüsten über weite Ebenen, wo er hohe Dünenmeere bildet. Ein Stoff zum Wohlfühlen, fein und geschmeidig, der, je nach Region, meist aus vielfältigen Mineralien besteht, die man unter dem Mikroskop betrachten kann: Mal sind es transparente, milchig trübe Quarzkörper, dann wieder ist es ein Gemenge aus Granit-, Basalt- und Flintsteinchen.

Zudem sind Sandkörner Getriebene des Windes, die sich in stechende Ungetüme verwandeln können, wenn wilde Windfurien gelbe Sandbänder vor sich her treiben. Dann verdichten sie sich zu einem Staub- und Sandsturm, der die Wüste im Nu zu einem aufgewühlten Ozean werden lässt. Heftigste Böen peitschen lange Sandstreifen über hohe Dünenkämme, als würde weißer Schaum von den Wellen eines Meeres durch die Luft wirbeln.

Und dann ist da noch der gefürchtete Treibsand, in dem Mensch und Tier versinken können, wenn die Sandkörner keinen »guten Kontakt« zueinander haben. Häufig treten Treibsande dort auf, wo der Sand durch eine unterirdische Quelle mit Wasser gespeist wird. Solche Stellen sind nur schwer zu erkennen, weil der sandige Boden fast immer fest wirkt. Erst unter Druckeinfluss verhält sich der Treibsand wie eine flüssige Substanz, in der ein Mensch rasch den Boden unter den Füßen verliert und versinkt. Da hilft auch nicht das Wissen, das aufgrund der spezifischen Dichte des menschlichen Körpers, die dem Wasser sehr nahe kommt, ein vollständiges Einsinken ausgeschlossen ist. Wer allein in einer Wüste bis zur Hüfte in einem Wasser-Sand-Gemisch feststeckt, hat ohne fremde Hilfe kaum eine Überlebenschance.

Als mir mit den Jahren immer klarer wurde, dass ich für ein bürgerliches Leben mit seinen einengenden Konventionen nicht so gut geschaffen war, nahm ich – neben Schule und Studium – verschiedene Teilzeitjobs an, um finanziell imstande zu sein, die abgesteckten Grenzen unserer Gesellschaft zu verlassen. Manchmal war ich bis spät in die Nacht als Lagerarbeiter tätig, und am anderen Morgen drückte ich schon wieder die Studierbank. All diese Strapazen nahm ich aber gern auf mich, um hinaus in die Welt zu kommen: nach Afrika, Asien, Amerika, Australien – und vor allem in die Wüsten.

Meine Eltern und auch manche Freunde begegneten meinen Bemühungen, in die Ferne und Fremde zu reisen, jedoch mit großer Skepsis. Immer wieder versuchte ich ihnen begreiflich zu machen, dass ich mir ein Leben voller Risiken und Unwägbarkeiten sehr viel eher vorstellen konnte, als am Schreibtisch irgendeines Großraumbüros zu verkümmern. Vor allem wollte ich eigene Ideen und Vorstellungen umsetzen. Damit meine ich nicht ein selbstbestimmtes Leben ohne Beschwernisse. Was mir vorschwebte, war die Freiheit zum eigenen Ich, zum eigenen Leben, um sich selbst auszuprobieren, um Erfahrungen und Erlebnisse zu sammeln, die einem dauerhaft bleiben – so wie ein Drahtseilakt unter hoher Zirkuskuppel, aufregend und gefährlich. Nur: Ich wollte keine Absicherung und kein gespanntes Netz.

Das war es, was ich anstrebte. Doch schließlich musste ich feststellen, dass das Entkommen von zu Hause gar nicht so einfach war. Wieder und wieder musste ich mich rechtfertigten, ließ mich auf ermüdende Diskussionen ein, rannte zuweilen gegen Mauern aus Unverständnis an und war empört, als mir schiere Selbstsucht vorgeworfen wurde.

Was mir schließlich half, war eine »Jetzt erst recht«-Durchhaltetaktik. Mein Ego steckte sich einfach Watte in die Ohren, und ich ließ mich nicht davon abbringen, meine Träume auszuleben.

Auf meinen Reisen konnte ich mich dann zwar in den euphorischsten Gedanken verlieren, musste mich aber besonders in den Wüsten an so mancherlei gewöhnen: an Sand und Staub, Schotter und Geröll, Hunger und Durst, Skorpione und Schlangen, blendende Helligkeit und sengende Glut, die Fliegen, die mich piesackten, das Toben der Stürme, das Knirschen des Sandes zwischen den Zähnen – und daran, dass man nachts wie ein Tier schläft, niemals tief, immer bereit zu reagieren. Trotz all dieser Fremdartigkeit und der physischen wie auch psychischen Anstrengungen fühlte ich mich in der Wüste von Kargheit, Weite und Stille angezogen. Ich war elektrisiert von einer Welt, in der Freiheit kein Tagtraum war. Eine Welt, so komplex wie eine Galaxis, in der ich jenen unwiderstehlichen Drang verspürte, immer unterwegs zu sein, immer weiterzuziehen. Ein Drang, der den Nomaden der Wüste so eigen ist.

Diese Nomaden waren es auch, die mir in jeder Hinsicht eine unbekannte und geheimnisvolle Welt erschlossen. Die archaische Lebensform der Beduinen, Araber, Samburu und Uiguren sprach mein Wesen mehr an als jede andere. So kam es, dass ich Jahr für Jahr mit einem Gefühl der inneren Befreiung – und einem bruchstückhaften Wortschatz verschiedener Sprachen – in das überschaubare und traditionelle Leben unterschiedlichster Nomadenstämme eintauchte, wo ich ein einfaches und bescheidenes Leben genoss, geprägt von der Beschränkung auf das Wesentliche. Keine Verklärung einer idealen Lebensform, die von Einfachheit bestimmt wird, sondern ein Dasein jenseits der übertechnisierten Zivilisationswelt, das mir die Augen für all die tausend Kleinigkeiten öffnete, die die Magie des Lebens ausmachen.

Zudem traf ich in Ödland und Leere viele Menschen, die trotz ihres harten Daseins keine Bitternis zeigten. Stattdessen waren ihre Gesichter von Güte und Heiterkeit geprägt, als hätten sie den Sinn des Lebens erkannt. Und manchmal vermittelten sie mir sogar den Eindruck, als wäre dieses Leben für sie nicht Herausforderung oder Wagnis, sondern ein Geschenk.

So begann ich die wüsten Welten mit den Augen eines Nomaden zu betrachten und war begeistert von dem, was mir widerfuhr. Ich genoss das Erwachen in der lichtdurchfluteten Morgendämmerung, wenn das Gleißen der Sonne den Sternenglanz vertrieb, genoss den Duft des frischen Minzetees, der auf einer kleinen Feuerstelle kochte, während ich mich aus dem Schlafsack wühlte, genoss das Backen eines Fladenbrots, das Blau des ungeheuren Himmels und die grünen Palmengärten der Oasen. Ich genoss das monotone Laufen in einem Kameltreck, genoss das fließende Dahinschreiten der Wüstenschiffe, während das Trinkwasser in den Kanistern der großen Satteltaschen plätscherte. Und ich genoss am Abend das entspannte Ausruhen am Lagerfeuer, wenn ich meine Gedanken in den sternenklaren Nachthimmel entließ.

Die Wüste bot mir die Möglichkeit, viele Nomadengemeinschaften kennenzulernen. Fast immer wurde ich dort mit Wohlwollen aufgenommen, obgleich manche Wüstenbewohner von Armut und Hunger bedroht sind und gerade sie allen Grund hätten, ihr Hab und Gut für sich zu behalten. Doch das Gegenteil war der Fall: In der Achtung vor dem Nächsten zeigten sie mir auf eindrucksvolle Weise ihre selbstlose Gastfreundschaft und Freigebigkeit. Niemals fragten sie mich beim Unterwegssein in der Einöde: »Was bist du? – Was hast du?« Auch erkundigte man sich fast nie nach meiner Religionszugehörigkeit. Niemals musste ich etwas darstellen, um »dazuzugehören«. Ich war einfach da und wurde angenommen, erfuhr vor allem Hilfsbereitschaft und Freundschaft, indem ich mich an ihre traditionellen Lebensumstände anpasste und mich ohne Widerspruch an ihre Bedürfnislosigkeit gewöhnte. Es ist eine bescheidene Genügsamkeit, die zuweilen aus der Not entstand und nach der sich viele Nomaden unbewusst ausgerichtet haben, um so die einzige wirkliche Form der Freiheit zu leben. So spürte ich schon bald, dass es in der Wüste nicht um weltliche Genüsse, sondern um geistige Freuden ging – und erlebte besonders in den großen Einöden des afrikanisch-arabischen Sprachraums kaum eine Trennung zwischen Alltag, Tradition und Spiritualität. Die arabischen Wüstenbewohner sind vom Vertrauen in die Vorbestimmung ihres Schicksals geprägt. Oft erklären sie ihr hartes Dasein in Sand und Stein nur mit einem Wort: Mektub – »Alles steht geschrieben!«

Selbst in der Art des Gehens unterscheidet sich der Nomade von uns Europäern. Sein Gangbild ist ganz anders: Meist schlurfen die Menschen der Wüste über den ausgetrockneten Erdboden, manchmal scheinen sie auch zu »huschen« oder federleicht zu tänzeln, als würde ihnen das Gehen auf dem steinigen und sandigen Untergrund kaum etwas ausmachen. Dabei stecken ihre Füße häufig in Plastiksandalen oder handgenähten Lederpantoffeln. Manch einer ist auch barfuß unterwegs, wobei sich unter den Fersen schon seit Kindesbeinen eine dicke Schicht Hornhaut gebildet hat.

Gleichwohl hat mich das Gehen in der Wüste von Anfang an begeistert. Nicht, weil ich – zum Leidwesen meiner Frau Rita – bis zum heutigen Tag noch immer keinen Führerschein gemacht habe, sondern weil ich ein leidenschaftlicher Fußgänger bin, dem so mancher Schritt in der Einöde als einzigartig erscheint. Denn oft betrete ich unberührten Boden, laufe über unerschlossenes Terrain, auf dem vielleicht nie zuvor ein Mensch gewandelt ist. Und manchmal kann ich es kaum ertragen, dass ich beim Wüstenwandern mit meinen Schritten im unversehrten Sand Spuren hinterlasse, die jedoch der Wind irgendwann wieder hinter mir zudecken wird.

Der Wind ist mir eigentlich immer auf den Fersen. Nur selten lässt er mich allein, fast immer ist er da und begleitet mich, ob ich will oder nicht. Schon am frühen Morgen, wenn ich aus dem Biwak krieche, empfängt er mich. Manchmal streichelt er mich ganz sanft, ein anderes Mal springt er mich unwirsch an. Fast immer führt er Staub- und Sandpartikel mit sich, die sich auf meine Haut legen, während ich durch die Wüste gehe und meinen Gedanken freien Lauf lasse, ohne die Möglichkeit, mit dem Rest der Welt in Verbindung zu treten. Denn niemals habe ich ein Handy oder ein Funktelefon im Gepäck. Es gehört zum einfachen Nomadenleben, dass ich mich nur auf mich selbst verlasse.

Zudem empfinde ich das Gehen in der Wüste als eine Vereinfachung des Lebens. Es ist eine kindliche Begeisterung, die ich besonders spüre, wenn ich durch Sand und Stein gehe und gehe und gehe – und mein Kopf zu einer Art Motor wird, der den Körper wie einen Apparat antreibt. Ich gehe um des Gehens willen, das in Weite, Stille und Einsamkeit Balsam für Körper und Seele ist. Es ist, als würde mich das Wüstenwandern von allem befreien: Alltagsgedanken fallen von mir ab, und meine Sinne können sich in der stillen Abgeschiedenheit vom Lärm der Zivilisationswelt und der Informationsflut durch E-Mails, Internet, Fernsehen und Radio langsam erholen. Meist kann ich mich schon nach wenigen Tagen in der Wüste wieder auf die gegenwärtigen Augenblicke konzentrieren, um die kleinen Dinge meiner Umwelt wahrzunehmen.

Oft gebe ich mich beim Wüstenwandern auch lustvoll einer seltsamen Fiktion hin, die aus dem Gefühl entsteht, in einer wilden Natur – jenseits aller bürgerlichen Normen – unterwegs zu sein. Dann fühle ich mich von der Wüste »angeschaut« und herrlich berauscht. Das sind Augenblicke, in denen ich Glückseligkeit pur spüre, auch wenn ich weiß, dass in all meinen Wüstenreisen etwas Verrücktheit steckt. Sei’s drum, schließlich lebe ich nun schon seit 35 Jahren als Pendler zwischen zwei Welten: auf der einen Seite das Zuhause in Hamburg mit meiner Frau Rita und unseren beiden Söhnen, die mittlerweile erwachsen sind. Und auf der anderen Seite das Leben in der Wüste, wo ich – jedes Jahr aufs Neue – als Nomade unterwegs bin, schreibend und fotografierend, beides freiberufliche Tätigkeiten, die ich mit Begeisterung und Leidenschaft einer sicheren Existenz vorgezogen habe.

Gleichwohl war mein Leben als Pendler zwischen den Welten niemals frei von Unwägbarkeiten, Problemen, Zweifeln und auch Ängsten. In der Summe all meiner Wüstenunternehmungen haben aber die positiven Erlebnisse und Erfahrungen überwogen. Das Leben in den Einöden hat mich mit einzigartigen Erlebnissen, phantastischen Begegnungen und wunderbaren Menschen reich beschenkt. Zudem war und bin ich mir über eines ganz sicher: Das, was ich beim Unterwegssein in der Wüste suche, sucht auch mich.

Aufbruch

Wer hat nicht schon mal davon geträumt, sich freizumachen von den Konventionen unserer übertechnisierten Wohlstandswelt, sich herauszulösen aus den Zwängen des Alltags, einfach aus- und aufzubrechen, um die Welt zu erleben, wo sie noch überschaubar und faszinierend ist? Doch jeder Entschluss zum abenteuerlichen Aufbruch erfordert nicht nur Mut und Phantasie. Auch Tatkraft, Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen sind nötig sowie eine sorgfältige Planung, Vorbereitung und Organisation des Unterwegsseins, damit der Schritt ins Unbekannte und die Verwirklichung des eigenen Traums nicht scheitern.

Der magische Moment

Wilfried Erdmann

Man fragt eine Möwe nicht, warum sie gelegentlich zur offenen See fliegt. Sie fliegt einfach, mehr lässt sich nicht darüber sagen.

Bernard Moitessier

Ich wollte doch nur segeln. Fortsegeln. Weit fort. Immer weiter. Am besten um die ganze Erde. Hatte ich doch einmal ein erstes Segelerlebnis mit achtzehn Jahren auf einem Kahn an Indiens Malabarküste gehabt. Dort roch es betörend nach Fisch, Gewürzen und verbrannten Kokosfasern und vor allem nach salziger Luft. Ich saß am Ufer mit über 10 000 Radkilometern in den Beinen, müde und dünn wie eine Heugabel, und genoss um mich herum Sand, Riffe und die Farben Blau, Türkis, Braun. Weiter im Westen Brandung, Meer und Horizont. Irgendwo dort zu meiner Rechten, wo die Küste eine Bucht bildete und eine kleine Mole hervorstach, lag ein Boot mit Mast. Ein Segelboot. Es war ein einheimisches Boot, das einem Fischerkahn mehr ähnelte als einer Yacht.

Da ich nicht besonders schlau war, dachte ich, damit könnte ich meine Reise übers Meer fortsetzen. Eine Handvoll Dollarnoten hatte ich ja noch. Aber es waren nicht genug. Nach einem Segelausflug in der Lagune wurde mir gesagt, das Boot sei zu klein, zu schwach für das große Meer. Dennoch: Ein Segelboot erschien mir spontan traumhaft und erstrebenswert. Sport, Ferne, Exotik. Zu Inseln segeln zu können, wo Bananen wild wachsen und wo mir die Mädchen ins Cockpit schwimmen.