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Von der Liebe, linken Händen und der Angst vor leeren Einkaufskörben

Über Fred Vargas

Fred Vargas, geb. 1957 und von Haus aus Archäologin. Sie ist heute die bedeutendste französische Kriminalautorin und eine Schriftstellerin von Weltrang. 2004 erhielt sie für »Fliehe weit und schnell« den Deutschen Krimipreis, 2012 den Europäischen Krimipreis für ihr Gesamtwerk.

Ihre Werke sind in über 40 Sprachen übersetzt und liegen sämtlich bei Aufbau in Übersetzung vor:In deutscher Übersetzung liegen im Aufbau Verlag vor:

Kriminalromane mit Kommissar Adamsberg:

Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

Bei Einbruch der Nacht

Fliehe weit und schnell

Der vierzehnte Stein

Die dritte Jungfrau

Die schwarzen Wasser der Seine

Das Zeichen des Widders (Graphic Novel)

Der verbotene Ort

Die Tote im Pelzmantel (Graphic Novel)

Die Nacht des Zorns

Kriminalromane mit den »drei Evangelisten«:

Die schöne Diva von Saint-Jacques

Der untröstliche Witwer von Montparnasse

Das Orakel von Port-Nicolas

Andere:

Im Schatten des Palazzo Farnese

Essai:

Vom Sinn des Lebens, der Liebe und dem Aufräumen von Schränken

Von der Liebe, linken Händen und der Angst vor leeren Einkaufskörben (Herbst 2013)

Informationen zum Buch

Vom Sinn des Nichtstuns

Fred Vargas ist mit ihren literarischen Kriminalromanen um Kommissar Adamsberg weltberühmt geworden. Mit diesem charmanten Buch unternimmt sie den Versuch, das »monströse Knäuel des Lebens« zu entwirren und den Schlüssel zum Glück zu finden: Nur wer das Unnötige schätzt, ist imstande, die Balance zu halten und einen direkten Draht zum Glück herzustellen. Eine hinreißende kleine Farbenlehre entwirft die Autorin zum Thema Liebe – und empfiehlt dringend, sich dabei nicht von der Angst vor leeren Einkaufskörben treiben zu lassen.

»Es gibt eine Magie Vargas.« Le Monde

Fred Vargas

Von der Liebe, linken Händen und der Angst vor leeren Einkaufskörben

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

Für meine Zwillingsschwester, Jo Vargas

Ihr macht einen entspannten Eindruck, finde ich, wenn ich euch so ansehe.

Bleibt ganz entspannt, ich selbst aber, solltet ihr wissen, habe enorm viel Arbeit. Da sehe ich Leute, unbekümmert vor sich hin pfeifend, durch die Straßen schlendern und mal rechts, mal links einen Moment verweilen, während ich in ebendiesem Augenblick enorm viel Arbeit habe.

Ich hätte, unter uns gesagt, nichts dagegen, wenn ich sie loswerden könnte. Wenn ich sie kurz packen, an einen Baum binden und mich so schnell wie möglich aus dem Staub machen könnte. Und da sollte mich erst mal einer kriegen.

Doch ich kann nicht, ich habe zu tun.

Ich nehm’s euch ja nicht übel, aber es ist ein wenig eure Schuld. Gewiss doch. Erinnert euch bitte, während ich pfeifend durch die Straßen laufe, beschäftige ich mich pausenlos mit eurem Leben und diesem und jenem. Während ich, die Hände in den Taschen, anscheinend herumbummle, wache ich über euch und mache mir Gedanken über eure Probleme, mit der rastlosen Beharrlichkeit eines Zugochsen, der stur und würdevoll seine Furchen zieht. Ihr müsst zugeben, ein nicht ganz alltäglicher Fall, da habt ihr Glück. Ich, nebenbei gesagt, auch, weil ich bei dieser Gelegenheit ja mich selbst im Blick habe, da uns am Ende alles Menschliche gemeinsam ist.

Diese kleine zoologische Übereinstimmung ist es übrigens auch, die mich auf den Gedanken brachte, mich mit den Sorgen anderer Leute zu beschäftigen.

Ein hartes Stück Arbeit, das mir erspart geblieben wäre, wenn die Natur, als sie sich über die Wiege der Menschheit beugte, uns die Gabe verliehen hätte, unsere Probleme auf freiem Feld unbemerkt fallen zu lassen, nie gesehen, nie gekannt. Oder sie auf einer Brache zurückzulassen. Oder sie nächtens in einen Gully zu stopfen, an ein Bahngleis zu ketten, unauffällig über die Reling zu werfen, nie gesehen, nie gehabt. Aber die Natur hat das nicht erlaubt. Vielleicht aus Gedankenlosigkeit, vielleicht aus Knickrigkeit oder auch um uns zu ärgern. Sinnlos, sich darüber noch aufzuregen, Fakt ist: Wir können unsere Probleme weder von uns werfen noch sie mit einer Metallsäge zerkleinern und in Müllsäcke stecken, um sie dann ganz diskret irgendwo in der freien Natur zu entsorgen. Ich kenne etliche Leute, die das versucht haben, sie waren voller Hoffnung, aber leider schlecht informiert über die Sitten und Gebräuche von Sorgen. Und wurden grausam enttäuscht.

So dass wir uns über eins von vornherein im Klaren sein sollten: Der Ärger lebt auf dem Menschen und pflanzt sich auf ihm fort wie unser räuberisches Insekt, der Floh. Ich weiß, manch einer unter euch würde gern den wahren Namen dieses Flohs erfahren und noch mehr über die Sitten und Gebräuche dieser kleinen Siphonaptera wissen. Doch ich zögere. Ich fürchte, die Sache führt uns zu weit. Eins immerhin lässt sich sagen, im Gegensatz zu unserem Floh, einem ja eher launigen Gesellen, der als Schmarotzer auch noch auf anderen Tierchen lebt wie dem Dachs oder dem Schakal, befällt der Ärger strikt nur den Menschen. Was, zugegeben, nicht gerade toll ist. Ich kenne Leute, die versucht haben, ihre Probleme einem Dachs aufzuhalsen, und sich die Zähne daran ausgebissen haben. Außerdem lässt sich, im Unterschied zum Floh, der Ärger nicht im Badewasser ersäufen. Dieses Hausmittel betäubt ihn nur vorübergehend. So viel zur Erinnerung an den wissenschaftlichen Kontext, um unsere Überlegungen etwas genauer abzustecken und zu begreifen, dass der Ärger sich von Natur aus und auf Dauer dem Menschen an die Frackschöße hängt, außer in so seltenen Augenblicken der Gnade wie der Liebe, die für sich allein schon ein enormes Problem darstellt.

Wir müssen unsere Probleme also zwangsläufig mit uns herumschleppen, am besten zu einem großen Bündel geschnürt und ans äußerste Ende eines Stocks geknotet. Diese zuverlässige bäuerliche Beförderungstechnik hat sich bewährt. Versucht es gar nicht erst mit dem Koffer, dem Karton, dem Handwagen, alles wenig flexible und für den Transport von Problemen ungeeignete Geräte. Bleibt beim Stock, locker über die Schulter gelegt nach der sogenannten »Wandervogelmethode«. Als Variante bietet sich an, die Probleme auf zwei Bündel zu verteilen und sie jeweils an einem Ende des Stocks zu befestigen, den man entweder auf einer Schulter trägt, »Wasserträgermethode« genannt, oder quer über beiden Schultern, das wäre die »chinesische Methode«. Die erste drückt auf den Trapezmuskel, die zweite reizt die Zervikalmuskeln. Ich halte mich an die Grundbegriffe, das ist wichtig.

Manche Leute sind schon auf den Gedanken gekommen, ihre Probleme einem Lasttier, einem Esel oder Ochsen, aufzuladen. Diese sogenannte »Satteltechnik« eignet sich zwar gut für Mehlsäcke, Weintrauben und Oliven, funktioniert jedoch überhaupt nicht bei Problemen, die sehr bald mitkriegen, dass sie auf einem fremden Wesen sitzen, und sich flugs wieder auf ihren angestammten Wirt zurückziehen, den Menschen, dem sie sich auf neurotische Weise verbunden fühlen. Diese tiefverwurzelte Anhänglichkeit des Problems, diese archaische und geradezu monomanische Treue hat durchaus ihre Schattenseiten. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle nützlicherweise anmerken, dass das Problem in seinem Ursprung weit in die Geschichte zurückreicht. Wundervolle Exemplare, die sich in Gesellschaft von Mücken in fossilem Bernstein erhalten haben, konnten auf vier Millionen Jahre geschätzt werden. Was so viel heißt, als dass die Sache nicht erst von gestern datiert. Leider hat es seit seinem ersten Auftauchen so gut wie keine morphopsychologische Entwicklung durchgemacht noch ethische oder sexuelle Mutation erfahren. Könnte man nicht von einer Zukunft träumen, in der die Neo-Probleme unter Missachtung jeder Moral wie Schmetterlinge von einem Bündel zum andern gaukeln würden, uns eines schönen Morgens verließen, um zum Nachbarn zu flattern, und uns auf diese Weise mal eine wohltuende Atempause gönnten? Leider nein! Das Problem, konformistisch und reaktionär, zeigt keinerlei Neigung zur Veränderung.

Und seid vor der jahrhundertealten Versuchung gewarnt, euer Problembündel mal schnell gegen das eines anderen zu tauschen in der Hoffnung, dass dieses harmloser oder flexibler ist. Das hat manch einer schon schwer bereut. Denn der einzige Vorteil unserer eigenen Probleme liegt doch im langen Zusammenleben mit ihnen, bei dem wir gelernt haben, sie zu zähmen. So kommt es schon mal vor, dass wir dem einen oder anderen unserer Probleme befehlen können: Platz! Sitz! Ab in die Hütte mit eingezogenem Schwanz! Wenn ihr hingegen einem andern seine Probleme stehlt, kriegt ihr es mit einer unbekannten wilden Meute zu tun, versucht das bloß nicht. Al contrario, passt auf, dass euch nicht irgendwo im Gedränge, in einer weinseligen Nacht, im Bus, in einer Kriegspiroge, einem Café, alles Orte, wo ausgeflippte Spitzbuben sich mit Vorliebe herumtreiben, jemand euer Bündel klaut.

Wir sehen, der Ursprung der Probleme, ihre Evolution nach Darwin, ihre Beförderungsmöglichkeiten, ihre Handlichkeit, all das stellt ein schlichtweg faszinierendes Thema dar. Und ihr hättet gern, dass ich es noch weiter ausführe. Mache ich aber nicht. Denn alles bisher Ausgeführte stellt nicht mehr als eine zaghafte Annäherung an besagtes Bündel dar, eine akademische Abhandlung, die ich schon früher für ein viel ehrgeizigeres Ziel aufgegeben habe: die Rebellion organisieren, das Problembündel in die Luft jagen, es zerstören, in Schutt und Asche legen, zu Staub zermahlen, zertrümmern, sein Haupt auf eine Stange spießen. Genau. Beflügelt von der Hoffnung auf eine neue Welt, machte ich mich auf der Stelle an diese ebenso gottlose wie befreiende Aufgabe. Und dank der Hartnäckigkeit, mit der ich dabei zu Werke ging, gelang es mir, mit den kleineren Verdrießlichkeiten des Daseins wie der Liebe, der Metaphysik, dem Krieg, der Religion, der Kunst, dem Sinn des Lebens, dem Nichts spielend fertigzuwerden. Was mein eigentliches Bündel wesentlich leichter machte, das auf den bescheidenen Umfang eines Tischtennisballs schrumpfte, der ohne weiteres in eine Jackentasche passt. Wobei es auch nicht verboten ist, Tennis damit zu spielen, was bei einem Bündel undenkbar wäre. So hatte ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Dieser beispiellose Fortschritt bescherte mir Augenblicke heiterer Gelassenheit. Und sogleich keimte in mir der Gedanke, die beeindruckende Summe der von mir entwickelten Listen mit meinem Nächsten zu teilen. Was mir bisher schon enorm viel Arbeit gemacht hat, ich betone es, ich habe Blut und Wasser geschwitzt, um euch mit Engelsgeduld in den Gebrauch der Schlüssel einzuweisen, mit denen man die Probleme des Lebens in den Griff kriegt, vor allem das Problem der Liebe, das für sich allein schon eine geradezu betonharte Nuss ist. Und während ich mich abmühte, habt ihr mir manchmal nur zerstreut zugehört, doch, doch, ich erinnere mich genau. Allerdings bin ich auch der Ansicht, wer sich aus freien Stücken das Problembündel anderer Leute aufhalst, sollte sich nicht über zu viel Arbeit beklagen. Stimmt, das wäre ja der Gipfel.

Und so entstand, lebendig, bündig und geradezu revolutionär, der Kleine Ratgeber zu einigen Wahrheiten unseres Daseins*, der Frieden und heitere Gelassenheit in euer Leben bringen sollte. Und der einiges Aufsehen erregte, das könnt ihr mir glauben. Das Resultat lässt sich sehen. Ihr macht einen entspannten Eindruck, der Magen hat sich entkrampft, das Herz beruhigt, die Stirn geglättet. Und in eurem Hosenbund, ich ahne es, steckt die kleine Schrift von damals, die euch so sicher an den rauen Klippen des Daseins vorbei in die spiegelglatten Buchten der Seelenruhe geleitete. Das also wäre getan, reden wir nicht mehr drüber, es liegt hinter uns, bedankt euch nicht, im Gegenteil, ich habe euch zu danken. Und so seht ihr mich, gekleidet in grobes Linnen und Sandalen, wie ich gemächlichen Schritts umherschlendere und aus den Augenwinkeln die Wohltaten betrachte, die wir eingefahren haben. Reiben wir uns still die Hände.

Dennoch mache ich mir Sorgen. Ich würde nämlich einen schweren Fehler begehen, wenn ich euch weiter so friedlich im Wasser planschen ließe. Ja, denn Glückseligkeit bringt in kürzester Zeit einen ebenso heimtückischen wie unauffälligen Feind hervor: die Langeweile. Seinerzeit habe ich kaum von ihm gesprochen, dazu waren wir viel zu sehr mit den Verwicklungen von Liebe und Metaphysik beschäftigt, ihr erinnert euch. Zu der Zeit wussten wir nicht, wo wir zuerst hinrennen sollten, wir stürzten scharenweise von einem Problem zum andern, verbanden Wunden in Eile, pumpten Toxine ab, räumten Hindernisse aus dem Weg, versetzten Berge, eine Heidenarbeit, die uns fünf Tage am Stück in Atem hielt. Doch die Langeweile, länger kann ich es euch kaum verbergen, ist eine derart korrosive Substanz, dass sie allein sämtliche Fundamente, Zapfen und Zapfenlöcher eures Glücks zerfressen kann. Die Langeweile ist für die Seligkeit, was die Mistel für den Apfelbaum ist, das heißt – ich übersetze für alle, die nicht das Glück haben, in der Normandie geboren zu sein –, was der Parasit für den Baum, was die Ratte für das Schiff ist. Die Langeweile ist die ultimative Bedrohung, ein überflüssiger, gefräßiger Dreck, den sich Satan persönlich an einem müßigen Abend ausgedacht hat, nachdem er zuvor alle Menschengegenden mit Kriegen überzogen hatte. Wenn ich »Satan« sage, dann aus Spaß, rein zum Vergnügen, denn ich habe euch ja unlängst bewiesen, dass es den Teufel nicht gibt, wodurch sich zwei Drittel unseres verfinsterten Horizonts schlagartig lichteten, erinnert euch. Doch ich bin ja da, und ich passe auf. Ich lasse die Langeweile nicht aus den Augen, die sich an eure dösenden Körper heranschleicht. Aber Gott sei Dank gibt es einen lieben Gott – und wenn ich »Gott« sage, so aus Spaß, denn die Frage haben wir bereits vor Zeiten gründlich ventiliert –, mithin auch Ablenkungen von der Langeweile, ziemlich viele sogar. Ein Schlüssel für jedes Schloss, wie ich euch seinerzeit zu eurer Beruhigung klarmachte.

Wir könnten hier in wenigen Sätzen etwas über den Ursprung dieser Ablenkungen sagen, die sich schon früh, bereits im Karbon, vom Zweig der Hymenoptera abgekoppelt haben, über ihre Evolutionsgeschichte laut Darwin, ihre verschiedenen Gattungen und Untergattungen, ihre Verwendbarkeit in der Praxis. Ich kenne euer neugieriges Wesen, ich weiß, das hättet ihr gern. Doch ohne euren Wissensdurst zügeln zu wollen, halte ich es nicht für sinnvoll, diese gerade entstehende Schrift in ein Handbuch der Paläontologie menschlicher Probleme und ihrer möglichen Zerstreuungen ausufern zu lassen.

Nein, an dem Punkt, an dem wir mit diesem kleinen Opus sind, halte ich es für sehr viel nützlicher, zunächst eine Idee zu finden. Ein ausgezeichneter Plan, ich schlage die Sache vor, ich starte das Projekt. Ein umso geeigneteres Projekt, als die Idee ein wirksames Gegengift für die Langeweile ist, vielleicht das mächtigste überhaupt, ein geradezu eherner Schild. Und jeder kann sich daran beteiligen. Wobei ich persönlich bereits eine Idee habe, das sei gesagt. Aber ich bin ein Mensch von offenem Wesen, ich bin für die Beteiligung aller. Und ich sehe nicht, warum die Idee für ein Buch zwangsläufig vom Autor kommen muss und nicht vom Leser. Immerhin handelt es sich um ein gemeinschaftliches Werk, es wäre darum nicht fair, alles einem Einzelnen aufzubürden. Also schreibt eure Idee auf einen Zettel und steckt ihn in die Urne. In einer Viertelstunde machen wir uns ans Auswerten, mehr Zeit braucht es nicht. Und wenn ich »Idee« sage, so meine ich ebenso gut einen »Stoff«, ein »Thema«, einen »Inhalt«, alles Bausteine, die sich problemlos ineinanderfügen. Also lasst eure Ideen hören, redet frei von der Leber weg.

In begrenztem Umfang. Denn es geht hier nicht darum, dass ihr mir eine Idee für das heutige Abendessen andreht und was genau wir eigentlich essen könnten (obwohl ich euch für ein wenig Unterstützung in diesem Punkt dankbar wäre). Nein, es handelt sich darum, mir eine Idee für ein Buchthema zu liefern, wir spielen hier doch in einer ganz anderen Liga.

Aber keine Sorge, an Themen herrscht kein Mangel, die wachsen wie Unkraut, das ist ein Glück. Und da wir schon alle Freiheit haben, peilen wir doch gleich etwas ganz Besonderes an, was meint ihr? Nehmen wir uns ein schwieriges, handfestes, nach Möglichkeit unerschöpfliches Thema vor. (Und ich glaube, genau so eins habe ich zufälligerweise.) Lassen wir Themen fallen, die nur Schein und Bling-Bling sind und sich allenfalls für einen Smalltalk eignen. Ich bin entschieden gegen Smalltalk, ich denke, das habt ihr begriffen, schon gar, wenn es bei der Sache um ein Buch geht. Suchen wir nach tiefgründigen, ja abgründigen Themen, solchen, die echtes Nachdenken erfordern, also Arbeit bedeuten. Wenn möglich, kolossal viel Arbeit. Je kolossaler der Arbeitsaufwand ist, desto mehr schwindet die Langeweile. Leider sind derlei Themen nicht leicht zu finden, sie machen sich rar wie das Edelweiß im Hochgebirge, wie der Quastenflosser in den ozeanischen Tiefen. Nur wirklich hartnäckige Naturen können hoffen, ihrer habhaft zu werden. Ich selbst habe zwei Jahre gebraucht, den seltenen Vogel aufzuspüren, und das war ein Kreuzesweg, kann ich euch sagen. Aber ich beklage mich nicht. Ich bin der Meinung, wenn jemand sich in den Kopf setzt, ein abgründig tiefes Thema zu suchen, ohne dass ihn irgendein Mensch dazu gezwungen hat, sollte er sich lieber nicht beklagen. Das wäre ja der Gipfel.

Die Bequemen, die Sprunghaften, die Maßlosen will ich gleich beruhigen: Auch die Verknüpfung flüchtiger kleiner Themen, die man aufs Geratewohl hier und da zusammengeklaubt und irgendwie aneinandergereiht hat, ergibt eine ganz passable Verteidigungsstrategie gegen die Langeweile, wenn allerdings auch ungeeignet für die Literatur. Das sage ich aus Beobachtung, nicht aus eigener Erfahrung, da ich durch meine rigorose Veranlagung kaum zu solcherart intellektueller Schamlosigkeit neige, das könnt ihr euch sicher denken. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die bis zum Morgengrauen über alles und nichts schwafeln können. Ich wäge meine Worte, ich rede wenig, und wenn ich spreche, dann aus gutem Grund. (Beeilt euch, eure Zettel in die Urne zu werfen, ihr scheint mir nicht sehr bei der Sache zu sein.) Ich habe auch nichts mit Witzbolden, Schmierenkomödianten oder Schaumschlägern zu tun, die sich forsch in jedes Unternehmen stürzen, ohne überhaupt eine Idee zu haben, die aufs Geratewohl ihre Pirouetten drehen, ohne Netz noch Thema, einzig zu dem Zweck, sich ein wenig zu unterhalten. In diesen Dingen verstehe ich nicht viel Spaß, das gebe ich zu. Schon gar nicht, wenn es sich um die Idee zu einem Werk handelt. Und da wir gerade davon reden – ihr drängt mich ja regelrecht –, ich denke, wer so ein Opus verfassen wollte und ohne Sinn und Verstand einfach drauflosquasseln würde, der täte etwas Nichtswürdiges. Reiner Dilettantismus wäre das, und den verurteile ich. Darin bin ich eisern, geradezu stur. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Ihr enttäuscht mich.

Die Urne ist leer.

Man kann nicht gerade sagen, dass ihr mir sehr helft, ehrlich. Ihr bringt mich in die schreckliche Lage, dieses Opus allein verfassen zu müssen, was eine Heidenarbeit bedeutet. Mit anderen Worten, ihr halst mir alles auf, das ist gar nicht christlich.

Doch da wir nun schon an dem Punkt sind, ist es ein unverhofftes Glück, dass ich schon ein Thema habe. Ein glücklicher Zufall, der wie gerufen kommt, damit sind wir aus dem Schneider. Denn was würde sonst aus unserem Werk? Es ginge geradewegs den Bach runter.

Aber sicher habe ich ein Thema. Und, da könnt ihr mir vertrauen, kein modisches Blabla, das ich mir für den Anlass schnell zusammengebastelt hätte. Nein. Es ist ein handfestes Sujet, anspruchsvoll, ehrgeizig, unverzichtbar. Das werden wir uns gründlich vornehmen. Ohne auf die Uhr zu sehen.

Welches Thema?

Halt. Nicht so schnell.

Bedenkt, in diesem Augenblick, da ich mit euch spreche, treibt ihr total entspannt, geradezu aufgeweicht im leisen Geplätscher der Bucht. Und ich glaube, euch in dieser Verfassung ein so kompaktes Thema wie das meine einfach so hinzupfeffern, würde einen viel zu großen Schock für euch bedeuten. Ich halte es für feinfühliger und vor allem klüger, die Sache aufzuschieben und schrittweise an euch heranzutragen.

Halten wir zunächst einmal fest, dass die Natur in ihrem Hang zum Unendlichen nicht vorgesehen hat, dass wir irgendwo an einen Schlusspunkt gelangen. Ihr habt sicher bemerkt, dass, sobald etwas hinter uns liegt, sich auch vor uns schon wieder etwas abzeichnet, und immer so weiter. Zerbrecht euch nicht den Kopf darüber, ich sage euch die Antwort, dieses irritierende Phänomen nennt sich das Leben. Und ohne euch in der Abgeschiedenheit eurer Bucht aufstören zu wollen, erlaube ich mir, euch darauf hinzuweisen, dass just das Leben da vor uns liegt. Ja, so ist es, c’est la vie. Seht doch selbst hin, wenn ihr mir nicht glaubt. Ich verlange ja nicht viel von euch, nur dass ihr mal kurz den Kopf zum Horizont hin wendet, statt immer nur selig in den Himmel zu starren. Eine Vierteldrehung nach rechts, damit ihr den Horizont ins Visier kriegt. Genau so.

Ich sehe, niemand rührt sich, euer Gleichmut freut mich, wie er mich andererseits ernsthaft beunruhigt. Es war höchste Zeit, einzuschreiten. Ja, denn Gelassenheit führt zu Langeweile, also zu Melancholie und in der Konsequenz zu Angst. Ihr seid mir viel zu entspannt. Ich glaube, ihr habt ein etwas übersteigertes Vertrauen in die Wohltaten des Kleinen Ratgebers gesetzt. Nicht dass ich auch nur ein Wort davon verleugnen würde, aber immerhin. Habt ihr, so frage ich mich, es mit dem Bändchen vielleicht ein wenig übertrieben? Gewiss, ich hatte euch seinerzeit wärmstens geraten, es beim geringsten Zweifel, der unerwartet in eurem Dasein auftauchen sollte, zu konsultieren, aber möglicherweise habt ihr zu viel darin gelesen. Und planscht nun dort in einem beängstigenden Zustand von Gelöstheit im blauen Wasser herum.

Ich mache euch keinen Vorwurf, ich versuche euch nur sanft an den Schultern zu rütteln. Ich fürchte, ihr habt dieses kleine Kompendium etwas exzessiv genutzt und ein unverhältnismäßig hohes Vertrauen in mich gesetzt. Tut so was nie! Hört niemals blindlings auf den ersten Besten, selbst wenn ich dieser erste Beste wäre. Außer, das versteht sich von selbst, wenn ich euch sage, dass ich ein Thema habe. Logisch. Ein echtes Thema, zumal mit einer Idee dahinter, einer ehrgeizigen Idee, so schwer zu finden wie das Edelweiß in den ozeanischen Tiefen. Wenn manche Leute glauben, das erstbeste Thema unterm Busch auflesen zu können nach dem Motto, dass der Teufel in der Not Fliegen frisst – bitte schön. Mein Ding ist das allerdings nicht. Darin bin ich eisern.

Ganz nebenbei, ich weiß nicht, wie man dieses Problem mit dem »ersten Besten« in sprachlicher Hinsicht lösen könnte, denn es ist ja keine sehr glückliche Formulierung. Genauso verhält es sich mit dem ätzenden »Ich geh mal ins Café einen Kaffee trinken«, das ich in vier Jahren Forschung nicht habe lösen können und das mit vielen anderen unerledigten Angelegenheiten in der Schwebe verblieben ist. Ich kann schließlich nicht alles lösen, und das ist nur eines unter tausend Beispielen. Doch sosehr diese kleinen Formulierungsnöte einen auch nerven, ich habe keine Sekunde Zeit, mich ihnen zu widmen. So ist es nun mal. Denn ich habe ein Thema zu behandeln, ein ehrgeiziges, anspruchsvolles Thema, das meine ganze Aufmerksamkeit verlangt. Wenn ihr euch jetzt davonmachen wollt unter dem Vorwand, dass ich nicht alles lösen kann, bitte, es steht euch frei. Dann hättet ihr euer Geld aus dem Fenster geworfen, als ihr dieses Buch kauftet, aber diese unbesonnene Geste, die im Übrigen einer gewissen Poesie, ja Anmut nicht entbehrt, geht allein euch etwas an. Ihr seid widerspenstig, auch das gehört zur Freiheit, ich habe nichts dagegen. Ich bin nicht dagegen, dass man ein Buch wegwirft, solange man es mit Grazie tut und schon gar in einer blauen Bucht unter milder Märzsonne. Erinnert euch, dass ich die Freiheit des anderen in einem Maße achte, das man sich kaum vorstellen kann, ja, ich frage mich, ob ich es mit dieser Haltung nicht übertrieben habe, ob diese außergewöhnliche Achtung mir nicht mitunter sogar von Nachteil gewesen ist. Aber darauf kommen wir vielleicht noch zurück, jetzt erst mal die anderen, danach ich, das sag ich doch immer.

Ich kehre zu euch zurück, wie ihr da träge auf den Wellen des Behagens schaukelt, nicht mal fähig, eure Nase zum Horizont zu drehen, und auch euren kritischen Verstand habt ihr in einem Maße eingebüßt, dass es mich ängstigt. Nein, ich ängstige mich nicht, das liegt nicht in meiner Natur, aber dennoch. Seid vorsichtiger, mit dieser Arglosigkeit bringt ihr’s nicht weit. Ihr habt doch schon ein Weilchen gelebt, verdammt, passt auf, wo ihr den Fuß hinsetzt, tragt immer euren Freien Willen (FW) bei euch, fest vertäut am Hosenbund, und gebraucht ihn. Ich bestehe darauf, mit Verlaub: Wenn ihr das Gefühl habt, irgendein übermächtiger Einfluss bricht über euch herein, ihr verliert den Faden eurer Gedanken und eure Urteilsfähigkeit, dann tretet schnell ein Stück zurück und geht erst mal ins Café einen Kaffee trinken (ohne euch auch nur eine Sekunde bei besagten stilistischen Belanglosigkeiten aufzuhalten, wir klären das später). Und sobald ihr im Café seid, entspannt euch, setzt euch mit weit ausgestreckten Beinen an einen Tisch, verschränkt die Hände im Nacken und holt euren FW hervor. Das Ding vergesst bitte nie, diese List des Augenblicks, wir sind gerade noch mal an der Katastrophe vorbeigeschrammt. Es hat gravierende Folgen, wenn man seinen Freien Willen einbüßt. Schlendern wir ohne ihn durch die Gegend, hängen wir, die Hände in den Taschen, einfach herum, schon schießt unser Tiefinnerstes (TI) wie eine hirnlose Flipperkugel aus uns heraus, bereit, unseren Nächsten zu lynchen, aber ja doch, da könnt ihr mir aufs Wort glauben, genauso läuft es. Doch nehmen wir ein heimtückischeres Beispiel: Treibt nur mal ohne euren FW auf dem Wasser, fern allen Küsten, allen Themen, gebt euch hemmungslos eurem Glücksgefühl hin, und die Langeweile wird nach euch schnappen wie ein Hammerhai.

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