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Von Liebe steht nichts im Vertrag

1. KAPITEL

„Sie kennen mich nicht, aber ich trage Ihr Baby in mir.“

Dominic Pirelli fühlte sich, als würde ihm das Blut in den Adern gefrieren. Sein Herz, das sich vor langer Zeit schon in Stein verwandelt hatte, schien plötzlich stillzustehen. Am liebsten hätte er den Telefonhörer auf die Gabel geknallt, aber er war unfähig zu dieser Bewegung. Denn all seine Energie war nur auf ein einziges kleines Wort konzentriert.

Nein!

Er sehnte sich nach frischer Luft. Tief atmete er ein, sein Herz schlug wieder, das Hämmern in seinen Schläfen betäubte alles und ließ nur ein einziges Gefühl zurück: Fassungslosigkeit.

Es war unmöglich! Auch wenn der Arzt an diesem Morgen versucht hatte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Und es war auch egal, was diese Frau ihm eben gesagt hatte. Es konnte einfach nicht sein.

„… ich trage Ihr Baby in mir.“

Wieder und wieder gingen ihm diese Worte durch den Kopf, die sich jeder Vernunft widersetzten und keinerlei Sinn ergaben. Erneut atmete er tief ein und versuchte, wieder klar zu denken.

Eigentlich konnte Dominic Pirelli nichts so leicht aus der Bahn werfen. Viele seiner beruflichen Konkurrenten hatten erfolglos versucht, ihn zu übervorteilen. Doch er war stets schneller. Sie wurden gleichsam hinweggespült in seinem Kielwasser, während er längst seine eigenen Pläne umsetzte.

Privat hatten viele Frauen versucht, den millionenschweren Investor einzufangen. Auch vergebens.

Normalerweise bestimmte er, was in seinem Leben geschah und was nicht.

Auch der heutige Tag hatte planmäßig begonnen, bis ihm vor einer Stunde das Schicksal einen Tiefschlag versetzt hatte.

Als die Klinik anrief und ihm die Neuigkeit mitteilte.

Ein Missverständnis, wie er zunächst vermutete.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Irgendjemand hatte sicher den falschen Namen aus den Akten gezogen und die falsche Nummer gewählt. Schließlich war es schon so viele Jahre her. Doch als er diese Vermutung äußerte, hatte man ihm mitgeteilt, dass das einzige Missverständnis drei Monate zurückliege. Damals sei der falschen Frau die falsche befruchtete Eizelle eingepflanzt worden. Obwohl sich die Klinikleitung wortreich bei ihm entschuldigte, weigerte er sich immer noch zu glauben, dass es wahr sein könnte.

Dann hatte das Telefon ein zweites Mal geklingelt, und eine Frau hatte sich gemeldet. Ihre Worte hatten diese entsetzliche Vorstellung zu einer kalten Wirklichkeit werden lassen.

„Ich trage Ihr Baby in mir.“

Schwer ließ er sich auf den Stuhl fallen und drehte sich darin, um irgendetwas anderes in sein Blickfeld zu bekommen als den Albtraum, der all sein Denken einnahm.

Doch der wunderschöne Ausblick auf den glitzernden Hafen von Sydney mit den Jachten und Fähren verschwamm vor seinen Augen zu einem Nebel. Er blinzelte und kniff sich so fest in die Wange, dass wahre Feuerwerke hinter seinen geschlossenen Lidern auftauchten. Aber selbst das reichte nicht, um von der inneren Qual abzulenken.

Es konnte einfach nicht sein!

Nicht auf diese Weise.

So war es nie geplant gewesen!

„Mr Pirelli …“, begann die Stimme erneut. Zögernd. Zittrig. Beinahe so, als sei die Anruferin genauso schockiert wie er selbst. „Sind Sie noch dran?“

Er stieß die Luft in einem lang gezogenen lauten Ton aus. Es war ihm egal, wie das Geräusch am anderen Ende klingen mochte. Im Augenblick war ihm alles einerlei. „Warum tun Sie das?“, hörte er sich selbst sagen. „Was springt dabei für Sie heraus?“

Als er einen erstickten Schrei vernahm, tat es ihm fast leid, so direkt gewesen zu sein. Beinahe. Denn im Grunde hatte er nur die Wahrheit gesagt. Und die Erfahrung lehrte ihn, dass die Menschen kaum etwas taten, wenn es ihnen nichts einbrachte.

„Ich dachte nur, Sie sollten Bescheid wissen, in Anbetracht der Umstände.“

„Zur Hölle.“

Eine Pause am anderen Ende. „Tut mir leid. Ich kann nichts daran ändern. Ich wollte nur mit Ihnen reden, um herauszufinden, ob wir irgendeinen Weg aus diesem ganzen Durcheinander finden.“

Aus diesem Durcheinander. „Sie glauben also, dass es dafür eine einfache Lösung gibt? Es wird keine gute Fee erscheinen, bei der Sie drei Wünsche frei haben.“

Er erwartete, dass sie auflegen würde. Jedenfalls hoffte er darauf, um diese Unterhaltung zu beenden, die er nicht wollte – auf die er nicht vorbereitet war.

Vor allem war er nicht sicher, ob er als Erster auflegen könnte. Weil er nicht einmal wusste, ob es tatsächlich möglich war, ein Kind zu haben, wenn der Traum davon längst Vergangenheit war. Ebenso wie seine Ehe.

Aber es gab kein erlösendes Klick am anderen Ende, das für den Augenblick seinen Schmerz lindern und ihm den Anflug von schlechtem Gewissen nehmen würde. Es gab nichts außer dem Schweigen, das mit jeder Sekunde schwerer und drückender wurde. Aus unerklärlichen Gründen wartete er auf eine Antwort von ihr. Was dachte sie? Was wollte sie wirklich? Obwohl er seit mehr als fünfzehn Jahren das größte Finanzunternehmen Australiens leitete, war er in diesem Fall hilflos.

„Ich weiß, dass das ein Schock für Sie ist“, sagte sie endlich leise. „Das verstehe ich.“

„Ach, wirklich? Das wage ich zu bezweifeln.“

„Für mich ist es auch schwer.“ Ihre Stimme klang jetzt schriller, gequälter. „Glauben Sie wirklich, dass ich außer mir vor Glück war, als ich herausfand, dass ich mit Ihrem Kind schwanger bin?“

Mit seinem Kind? Die Erkenntnis traf ihn erneut wie ein Schlag in die Magengrube. Es war nicht länger nur eine Idee. Diese Frau trug sein Kind. Seins und Carlas. Das Kind, das sie sich so verzweifelt gewünscht hatten. Das Kind, das sie nicht hatten haben können. Trotz künstlicher Befruchtung. Er legte eine Hand an seine Schläfe und fühlte bittere Galle in seiner Kehle hochsteigen.

Und doch, diese Frau, diese Fremde, hatte Erfolg, wo Carla so viele Male gescheitert war.

Warum?

Wer war diese Frau, dass sie sein Leben derart auf den Kopf stellen konnte? Wer war sie, dass sie dazu in der Lage war, die Geister seiner Vergangenheit heraufzubeschwören? Und wer gab ihr überhaupt das Recht, sein Leben so durcheinanderzubringen?

Dominic wusste nur eins: Diese Sache konnte er nicht am Telefon klären. Er musste sich mit ihr treffen. Musste ihr in die Augen sehen, wenn er die Geschichte klären wollte.

Ungeduldig lockerte er seine Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf, doch immer noch schien ihm der Raum viel zu heiß und stickig. Seine Stimme klang rau wie Sandpapier, als er endlich wieder sprach. „Wie war noch gleich Ihr Name?“

„Angie. Angie Cameron.“

„Hören Sie, Miss Cameron …“

„Eigentlich Mrs, aber Sie können gern Angie sagen.“

Ja, natürlich. Er stieß sich in seinem Stuhl zurück. Am Telefon mochte sie wie ein nervöser Teenager klingen, aber sie musste verheiratet sein, wenn sie sich den Strapazen einer künstlichen Befruchtung unterzog. „Hören Sie, Mrs Cameron“, begann er erneut, ohne auf ihr Angebot, sie beim Vornamen zu nennen, einzugehen. Noch immer hatte er Probleme damit, ihr die ganze Geschichte abzunehmen. „So etwas kann man nicht am Telefon besprechen.“

„Das verstehe ich.“

Wieder holte er tief Luft und schüttelte den Kopf. Himmel, musste sie jetzt auch noch so klingen wie eine Therapeutin? Wenn sie wirklich so aufgebracht darüber war, mit seinem Kind schwanger zu sein, warum schrie sie dann nicht oder beklagte sich über die Ungerechtigkeit, so wie er es am liebsten getan hätte? Merkte sie denn nicht, dass seine Welt gerade in sich zusammenfiel – obwohl es ihn Jahre gekostet hatte, sie aufzubauen?

„Wir sollten uns treffen“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, den Finger schon auf jener Taste am Telefon, die ihn mit Simone verbinden würde. „So bald wie möglich. Ich stelle Sie jetzt wieder zu meiner persönlichen Assistentin durch. Sie wird die näheren Einzelheiten mit Ihnen besprechen.“

Sollte sie noch etwas zu sagen gehabt haben, hörte er es nicht mehr. Er hatte schon auf die Taste gedrückt und dann entschieden aufgelegt. Seine Lungen brannten, als hätte er gerade hundert Kilometer über die Klippen zurückgelegt. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Simone würde schon zurechtkommen. Sie war gut darin, hinter ihm aufzuräumen, während er sich schon dem nächsten Schritt widmete.

Und was kam als Nächstes? Was würde auf die Fassungslosigkeit folgen?

Wut, erkannte er, als er sein Blut laut in den Ohren rauschen hörte und seine Kehle heiß wie Feuer zu brennen schien. Wie glühende Lava kochte Zorn in ihm hoch – Zorn, der explodieren würde wie ein Vulkan.

Weil das Unmögliche geschehen war.

Das Unvorstellbare.

Und irgendjemand würde dafür bezahlen!

2. KAPITEL

Langsam legte Angie den Hörer zurück. Ihre Hand zitterte immer noch, und ihre Wangen waren nass von Tränen. Aber was hatte sie eigentlich erwartet? Sollte der Mann etwa begeistert sein über die Neuigkeit, dass sie sein Kind trug, als hätte sie so etwas wie ein Wunder vollbracht?

Wohl kaum. Mit dem Handrücken wischte sie über ihre Wangen, zog ein Papiertaschentuch aus der Schachtel und putzte sich die Nase. Schließlich hatte auch sie nicht an ein Wunder gedacht, als man ihr die Neuigkeit mitgeteilt hatte. Ganz und gar nicht.

Trotzdem, hatte er wirklich so aufgebracht klingen müssen? Jeder glaubte wohl, dass sie an alldem schuld war.

Vorsichtig legte sie eine Hand auf ihren noch flachen Bauch, in dem ein Kind heranwuchs, das sie eigentlich nie wollte. Sie hatte nur zugestimmt, weil Shayne sich so verzweifelt einen Sohn wünschte. Und jetzt war dieses Kind nicht einmal von ihm.

Vielleicht war es tatsächlich ihr Fehler.

Als unnatürlich hatte Shayne ihre Haltung bezeichnet. Eine richtige Frau wolle doch wohl Kinder haben, hatte er gesagt. Die schlimmste Beleidigung aber hatte er zurückgehalten, bis sie sich mit ihrem mühsam ersparten Geld in der Carmichael Clinic einfanden, der besten Klinik für künstliche Befruchtung in Australien.

Eine richtige Frau würde kein Baby aus dem Reagenzglas benötigen, um schwanger zu werden.

Als die Behandlung dann endlich erfolgreich war, sah es tatsächlich kurz so aus, als werde sie das Kind bekommen, das Shayne sich so verzweifelt wünschte. Doch dann war die Klinik mit der Nachricht herausgerückt, dass etwas schrecklich durcheinandergeraten sei. Und wieder hatte sie in seinen Augen versagt.

Denn eine richtige Frau würde niemals das Kind eines anderen Mannes in sich tragen. Weil sie das Angebot der Klinik annähme, die Sache aus der Welt zu schaffen.

Vielleicht hatte Shayne ja sogar recht.

Doch sie brachte es nicht übers Herz, darüber zu entscheiden, ob dieses Baby leben würde oder nicht. Und deshalb war sie verdammt zu einem Kind, das sie eigentlich nie gewollt hatte und das nicht einmal ihr eigenes war. Und trotzdem war sie nicht in der Lage, die Sache aus der Welt zu schaffen, wie Shayne es umschrieben hatte.

Aus seinem Mund hatte es so einfach geklungen, als handele es sich nur darum, den Müll wegzuwerfen oder sich alter Kleider zu entledigen. Aber hier ging es nicht um einen Sack mit Abfall, den sie mit sich herumtrug. Egal, ob sie es wollte oder nicht, ein Baby wuchs in ihr heran. Ein Leben. Das Kind eines anderen Menschen.

Zudem hing ein solcher Schritt nicht nur von ihrer Entscheidung ab. Denn irgendwo lebte ein Paar, das alles getan hatte, um neues Leben zu schaffen. Ein Paar, dem dieses Kind von Rechts wegen gehörte. Ganz egal, was nun geschehen mochte oder wozu die wirklichen Eltern sich entscheiden würden, hatten sie doch zumindest ein Recht darauf, von der Existenz dieses Babys zu erfahren.

Sie kniff die Augen zusammen. Armes Baby, dass es ausgerechnet bei ihr landen musste, einer Frau, die eigentlich nie ein Kind gewollt und nur zugestimmt hatte, um ihre Ehe zu retten.

Welche Ironie des Schicksals!

„Tut mir leid, Kleines. Aber bald treffen wir deinen Dad. Vielleicht auch deine Mum. Sie wollen dich, da bin ich mir sicher.“

Und wenn nicht?

Eine Träne lief über ihre Wange, als sie an das Telefongespräch von eben dachte, an die tiefe Stimme des Mannes, in der ein vernichtender Ton mitgeklungen hatte. Als sei sie schuld an dieser folgenschweren Katastrophe. So sah er die ganze Geschichte im Moment bestimmt.

Sie hatte all das selbst durchgemacht. Den Schock. Die Fassungslosigkeit. Das schiere Erstaunen darüber, dass ein so fundamentaler Fehler passieren konnte, und das in einer hochmodernen Klinik. Einem Ort, der dazu bestimmt war, Träume wahr werden zu lassen, und nicht, Albträume zu produzieren.

Shaynes Reaktion hatte sie am stärksten getroffen. Sein Entsetzen hatte sich von einem Herzschlag zum anderen in rasende Wut verwandelt. Entrüstung darüber, dass das Baby, mit dem er wochenlang vor Familie und Freunden geprahlt hatte, nicht einmal sein eigenes war. Zorn auf die Klinik, die seine Pläne völlig durcheinandergebracht hatte.

Und dann hatte er seine Wut direkt auf sie, Angie, gerichtet, nachdem sie sich rundheraus geweigert hatte, der Abtreibung zuzustimmen, die man ihr vonseiten der Klinik angeboten und die Shayne gefordert hatte.

Oh ja, sie verstand nur allzu gut, wie schockiert Mr Pirelli im Moment sein musste. Sie hätte sogar verstanden, wenn er in seinem Zorn aufgelegt oder geleugnet hätte, dass das Kind von ihm sei.

Aber er hatte nicht aufgelegt, sondern zugestimmt, sich am nächsten Tag mit ihr zu treffen. Es war das Einzige, was sie für das Kleine, das in ihr heranwuchs, tun konnte – ihm die Chance geben, mit seinen leiblichen Eltern zusammen zu sein, den Menschen, die durch die Hölle gegangen waren, um dieses Leben zu schaffen, und die ein Anrecht auf das Kind hatten.

Sie hörte, wie draußen ein Wagen vorfuhr. Als sie auf die Uhr an der Wand sah und merkte, dass es schon beinahe sechs war, glaubte sie zuerst, es sei Shayne, der aus der Gießerei zurückkam. Und einen kurzen Moment verspürte sie Panik, weil sie noch nicht mit der Vorbereitung für das Abendessen begonnen hatte.

Bis sie einen schmerzhaften Stich verspürte, als die Erinnerung kam.

Shayne würde nicht mehr nach Hause kommen.

Sie war allein.

Auf der Hafenpromenade am Darling Harbour wimmelte es von Feriengästen mit Videokameras und einem Eis in der Hand. Möwen flogen kreischend über ihren Köpfen, und unzählige Touristen verließen gerade den Nachbau eines alten Segelschiffes.

Dominic seufzte schwer. Er fühlte sich völlig fehl am Platz, als er mit Simone beim verabredeten Treffpunkt wartete. Fast wünschte er, seine persönliche Assistentin hätte einen weniger belebten Ort für dieses Treffen ausgesucht.

Doch Simone hatte neutralen Boden vorgeschlagen und sich gegen das Büro seiner Anwälte ausgesprochen, um nicht den Eindruck zu erwecken, er sei auf eine Art Kuhhandel aus. Und auch weit weg vom Pirelli-Komplex, wo sein ungeheurer Reichtum sich schon beim Betreten der marmornen Lobby offenbarte. Auch wenn diese Mrs Cameron vorgab, aus selbstlosen Gründen zu handeln, konnte er nicht sicher sein. Also sollte er sie erst gar nicht in Versuchung führen, doch noch Kapital aus dem Unglück zu schlagen.

Simone hat in diesem Fall recht, dachte er, während er ihr teures Parfüm wahrnahm, das sich mit der vom Geruch nach Salz und Popcorn getränkten Luft vermischte. Er wusste, dass es ihr Lieblingsparfüm war. Zum letzten Weihnachtsfest hatte er ihr eine Flasche davon geschenkt. Es passte zu ihr. Elegant, nüchtern, ohne eine blumige Note. So wie sie selbst. Und genau so, wie er sich seine persönliche Assistentin vorstellte.

Er zog seine Jacke aus und hängte sie über die Schulter. Hier konnte er unerkannt bleiben, war nicht mehr Dominic Pirelli, der Investor und Wirtschaftsstratege mit Millionenvermögen, sondern nur einer der vielen Menschen, die ihrem Büro für eine Stunde entfliehen wollten.

Nur konnte er nicht auf eine erholsame Mittagspause hoffen, sondern traf eine Frau, die sein Kind austrug.

Gespannte Erwartung erfüllte ihn. Er warf einen Blick auf die Platinuhr an seinem Handgelenk und stellte fest, dass die Fremde schon ein wenig zu spät war.

„Glaubst du, dass sie überhaupt kommt?“ Simone sah über ihre Schulter, und ihr perfekt geschnittener Bob schwang mit der Bewegung mit.

Ihre Frage hatte seiner größten Angst eine Stimme gegeben.

„Was ist, wenn sie ihre Meinung geändert hat? Sie hat nicht einmal eine Nummer hinterlassen, wo sie erreichbar ist.“

„Sie wird kommen“, sagte er in dem Versuch, sich selbst zu überzeugen. Nach dem gestrigen Gespräch mit ihr würde es ihn nicht überraschen, wenn sie ihre Meinung geändert hätte. Aber es spielte keine Rolle. Er kannte ihren Namen. Sie war die Mutter seines Babys. Und sie hatte keine Chance, ihm jetzt noch zu entkommen.

Angies Augen waren geschwollen und juckten, während sie über die Fußgängerbrücke eilte, die die geschäftigen Einkaufsstraßen mit dem Touristenviertel Darling Harbour verband.

Schreiend war sie am Morgen aus dem Schlaf hochgeschreckt, aus Träumen von knurrenden Hunden, die nach ihr schnappten und an ihren Kleidern, ihrem Körper zerrten.

Eines der Tiere hatte Shaynes Gesicht angenommen, während es sie umrundete und sie laut kläffend verhöhnte, dass sie nie eine richtige Frau sein würde. Ein anderes Tier hatte sie mit tröstenden Worten zu besänftigen versucht und gleichzeitig nach ihrem Baby schnappen wollen. Plötzlich war ein noch größerer Hund aufgetaucht, der stärkste von allen. Mit gefletschten Zähnen knurrte er sie an, kam immer näher, bereit zum Angriff.

Ihre eigenen Schreie hatten ihr Angst gemacht und sie geweckt. Atemlos und verzweifelt hatte sie bemerkt, dass sie schweißbedeckt und allein in ihrem zerwühlten Bett lag, das ihr jetzt noch leerer vorkam als je zuvor. Aber zumindest war dieser entsetzliche Albtraum vorbei.

Danach war nicht mehr an Schlaf zu denken gewesen. Die Bilder der Nacht hatten sie zitternd und verängstigt zurückgelassen. Und während sie den nächtlichen Geräuschen von Sherwill lauschte – den bellenden Hunden, quietschenden Reifen, lärmenden Nachbarn –, hatte sie sich immer wieder ausgemalt, wie das heutige Treffen verlaufen würde.

Eine leichte Sommerbrise zerzauste ihre Haare. Der Gestank nach Benzin und fettigen Donuts, den der Wind mit sich brachte, ließ Angies Magen wieder revoltieren. Obwohl er leer war, hatte sie das Gefühl, sich erneut übergeben zu müssen.

Bitte, lieber Gott, dachte sie und schluckte gegen die Übelkeit an. Nicht jetzt. Nicht hier. Wenn sie noch rechtzeitig bei ihrem Treffen sein wollte, musste sie sich beeilen.

Ihr Frühstück, eine trockene Scheibe Toast und eine Tasse Tee, hatte sie direkt wieder von sich gegeben. Eine Stunde in einem überfüllten Zug hatte nicht eben zu ihrer Beruhigung beigetragen, genauso wenig wie der Mann, der sie heftig angerempelt hatte, als sie aus dem Zug gestiegen war. Ohne ein Wort der Entschuldigung war er in der Menge verschwunden, während sie geschlagene zehn Minuten hatte sitzen bleiben müssen, bis ihr Herz wieder langsamer schlug und sie den kalten Schweißausbruch bezwungen hatte.

Zehn Minuten, die sie eigentlich nicht entbehren konnte.

Dabei hatte sie entspannt und gefasst wirken wollen, wenn sie den Vater des Kindes kennenlernte, das in ihr heranwuchs.

Verdammt.

Sie blinzelte gegen die Mittagssonne an und schob die Sonnenbrille zurecht, als sie die letzten Stufen zu dem überfüllten Gehweg hinabstieg. Plötzlich wünschte sie, etwas Leichteres angezogen zu haben. Es war viel zu heiß für ihre Jeans und die biedere Strickjacke, für die sie sich entschieden hatte, um seriös zu wirken. Jetzt fand sie ihre Aufmachung abgetragen und unmodern.

Zögernd blieb sie auf der letzten Stufe stehen. Eltern schlenderten auf dem Gehweg an ihr vorbei, Kinder hopsten lachend mit ihren großen Luftballons in den Händen davon. Sie sah Paare, Hand in Hand, ganz mit sich selbst beschäftigt, ohne etwas um sich herum wahrzunehmen. Schlanke, durchtrainierte Jogger in modischem Sportdress schlängelten sich im Laufen geschickt an den Menschen vorbei.

Angie zog ihre dünne Strickjacke, die sie in einem der billigen Bekleidungsläden gekauft hatte, fester um die Schultern und kämpfte sich durch die Menschenmenge. Fast wünschte sie, diesem Treffen hier nicht zugestimmt zu haben. Darling Harbour – es hatte sowohl weltgewandt als auch exotisch geklungen, als Mr Pirellis Sekretärin ihr diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Angie hatte vorgegeben, sich auszukennen. Sie hätte es peinlich gefunden zuzugeben, dass sie seit Jahren nicht mehr dort gewesen war.

Außerdem war sie so erleichtert gewesen, dass Mr Pirelli dem Treffen überhaupt zugestimmt hatte, dass sie nicht auch noch über den Treffpunkt hatte diskutieren wollen.

Es war doch ein gutes Zeichen, dass er sie sehen wollte, oder nicht? Und wenn er sie erst einmal kennengelernt hatte, würde er das Kind doch sicher haben wollen, nicht wahr? Die Hoffnung bewahrte sie in ihrem Herzen und hegte sie. Denn nichts anderes wünschte sie sich für dieses Kind. Es sollte bei seinen leiblichen Eltern leben und von ihnen geliebt und geschätzt werden.

Und wenn sie sich gegen dieses Kind entschieden?

Tief sog sie die salzige Luft ein. Nun, es gab noch weitere Möglichkeiten. Andere Paare, die kein eigenes Kind haben konnten und das Kleine wie ihr eigenes lieben könnten. Dieses Baby würde jemanden glücklich machen, dessen war sie sicher.

Sie zog einen zerknitterten Zettel aus der Hosentasche, um noch einmal nachzuprüfen, ob sie auf dem richtigen Weg war. Angst stieg in ihr auf, als sie zu dem grünen Rundbogen hinübersah, der in das Einkaufszentrum an der Harbourside führte. Die Sekretärin hatte ihr erklärt, sie solle vor dem Café am Eingang warten.

Ihre Schritte verlangsamten sich, je näher sie kam. Auch wenn sie ihr Ziel schon fast erreicht hatte, war es bei all den vielen Menschen und dem Gedränge unmöglich, einzelne Personen genau auszumachen. Was, wenn er nicht gewartet hatte? Wenn er aufgegeben hatte und gegangen war?

Endlich entdeckte sie ein Paar. Es saß an einem Tisch, die Hände ineinander verschränkt, die Köpfe gesenkt, offenbar in gedrückter Stimmung. Angie zögerte, während ihr Herz in der Brust hämmerte. Waren diese beiden die Eltern des Kindes, das in ihr heranwuchs?

Sie sah, wie die Frau sich Tränen aus den Augenwinkeln wischte. Angie straffte sich. Das mussten sie sein. Der Treffpunkt passte, und sie selbst war zu spät dran. Weinte diese Frau vielleicht aus Angst, Angie werde nicht kommen?

Immer noch zauderte sie, weil sie jetzt nicht stören wollte. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen, sah sich weiter um auf der Suche nach einem anderen Paar, das vielleicht auch infrage kam. Eine Gruppe japanischer Studenten stand am Ende der Promenade. An einem Tisch in der Nähe saß eine italienische Familie vor großen Eisbechern. Und dann war da noch ein Mann in einem weißen Hemd, der sein Jackett über die Schulter gehängt hatte. Er stand mit dem Rücken zu ihr.

Sie hatte sich schon abgewandt, als sie ihren Blick unwillkürlich noch einmal zu ihm zurücklenkte. Groß und dunkel stand er da, und selbst aus der Entfernung wirkte er irgendwie überwältigend. Als er sich umdrehte, unterstrich sein klassisches Profil diese Wirkung noch. Leise sprach er mit einer schlanken Frau neben ihm, die Angie erst jetzt bemerkte. Aus sicherer Entfernung betrachtete Angie ihn genauer. Eine markante Nase, ausgeprägte Wangenknochen und dunkle Brauen über Augen, die nur auf die Frau an seiner Seite konzentriert zu sein schienen.

Angie konnte sich nicht vorstellen, dass es das richtige Paar war. Die Frau wirkte zu kühl und gefasst. Keine Spur von Nervosität. Dabei würde sie immerhin gleich diejenige kennenlernen, die das Kind ihres Mannes austrug. Versehentlich.

Er hingegen sah zu perfekt, zu kraftvoll und potent aus. Auch wenn Angie wusste, dass Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit nichts mit dem Aussehen zu tun hatten, schien ihr der Gedanke, dass dieser Mann in diesem Punkt Hilfe brauchte, ungeheuerlich. Ihr Blick schweifte weiter.

Und dann hörte sie plötzlich einen schmerzerfüllten Schrei und drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie die weinende Frau von ihrem Stuhl aufsprang, während der Mann nach ihrer Hand griff, um sie zurückzuhalten.

Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Sie hätte nicht zu spät kommen dürfen.

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