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Von Liebe stand nichts im Vertrag

Susan Mallery

Von Liebe stand nichts im Vertrag

1. KAPITEL

Bis zu dem Augenblick, als Noelle Stevenson das Wort „schwanger“ auf dem Teststreifen sah, hatte sie geglaubt, alles wird gut. Es war ihr erstes und einziges Mal gewesen, und da würde doch nicht gleich etwas passieren, oder?

Doch die Realität sah anders aus. Fassungslos drehte Noelle den Streifen hin und her. Ich bin schwanger. Ich.

Unvorstellbar. Was würden ihre Eltern dazu sagen? Natürlich brachten sie ihre Tochter nicht gleich um. Zuerst würden sie sich wortlos anblicken, auf eine Weise, die Noelle und ihre Schwestern schon immer aufgebracht hatte. Anschließend käme die Frage, was sie nun tun wolle. Immerhin habe sie sich selbst in diese Situation gebracht. Nun müsse sie sich den Konsequenzen stellen. Ja, sie wären sehr enttäuscht, und das war das Schlimmste.

Resigniert betrachtete Noelle ihr Spiegelbild. Sie hatte Angst vor der Zukunft. In zwei Wochen würde sie zwanzig sein, und im Herbst wollte sie mit dem zweiten College-Jahr beginnen. Das wäre unmöglich mit einem Baby.

Nein, es kann alles gar nicht wahr sein.

Schritte auf dem harten Holzfußboden ließen Noelle aufhorchen. Zu dieser Zeit, kurz nach sechs Uhr morgens, hielt sich normalerweise kein Mensch im Büro auf. Wer, außer ihr, erschien ausgerechnet heute so früh hier?

Noelle steckte den Teststreifen in die Schachtel zurück und versteckte diese hastig in ihrer Manteltasche. Hektisch sah sie sich in dem Bad ihres Arbeitgebers um. Als sie sicher war, nichts vergessen zu haben, eilte sie durch sein Büro auf den Flur.

Auf dem langen Flur begegnete sie ausgerechnet dem Menschen, dem sie gerade nicht über den Weg laufen wollte.

„Warum so eilig?“ Devlin Hunter wollte Noelle aufhalten und streckte die Hand aus.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. Was sollte sie antworten? Keinesfalls die Wahrheit. Was er wohl für ein Gesicht machen würde, wenn sie heraussprudelte: „Oh, Mr. Hunter, ich musste heute so früh kommen, weil ich einen Moment allein in Ihrem Bad sein wollte. Zu Hause muss ich es nämlich mit meinen drei Schwestern teilen. Ich fürchte, ich bin von Ihrem verstorbenen Bruder schwanger, und möchte den Schwangerschaftstest lieber hier durchführen, wo ich ungestört von meiner Familie bin.“

Stattdessen sagte sie: „Jetzt bin ich gar nicht mehr in Eile. Ich hatte nur dringend etwas zu erledigen und wollte gleich danach voll in meine Arbeit einsteigen.“

Mr. Hunter warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist erst kurz nach sechs.“

„Ich weiß.“

„Sollte Katherine eine so strenge Chefin sein?“ Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund.

Noelle arbeitete nicht direkt für Mr. Hunter, sondern für seine Assistentin, war also Sekretärin der Assistentin. Sie bewunderte Katherine, die den Dienstplan immer so gestaltete, dass Noelle neben ihrer Arbeitszeit auch noch das College besuchen konnte.

„Nein, wirklich nicht. Ich wollte heute besonders fleißig sein.“ Noelle wusste selbst, dass sie eine schlechte Lügnerin war. Hoffentlich verrieten ihre Augen sie nicht.

Mr. Hunter war groß. Größer als Jimmy. Beide hatten dunkles Haar, wobei Mr. Hunters Augen grün und Jimmys braun waren. Das war nicht der einzige Unterschied. Jimmy war viel jünger gewesen und längst nicht so verantwortungsbewusst – jedenfalls nicht, bevor er zur Army gegangen war.

Aber jetzt wollte Noelle schnell vergessen, dass Jimmy nicht mehr lebte und sie schwanger war. Deshalb versuchte sie lächelnd an Mr. Hunter vorbeizuhuschen. Da sie sich nach links wandte und er einige Schritte nach rechts machte, während sie sich noch immer anlächelten, stießen sie zusammen.

Er entschuldigte sich, streifte aber aus Versehen mit seiner Aktentasche Noelles Manteltasche. Als daraus etwas auf den Boden fiel, bückte er sich und hob es auf.

Noelle blieb vor Schreck beinahe das Herz stehen. Am liebsten hätte sie sich in ein Mauseloch verkrochen.

Einen Moment schwiegen beide. Dann fragte Mr. Hunter ruhig: „Habe ich Sie vor oder nach dem Test gestört?“

„Danach.“

„Und?“

Noelle sah ihn an. „Ich bin schwanger.“

Dev hatte damit gerechnet, dass der schlimmste Teil dieses Tages eine Auseinandersetzung mit einem seiner Lieferanten sein würde. Aber da hatte er sich getäuscht. „Ich glaube, wir müssen uns wohl mal miteinander unterhalten“, sagte er und ging voraus in sein Büro.

Schwanger.

Insgeheim stöhnte Dev Hunter auf, als er die Schachtel mit dem Schwangerschaftstest auf seinen Schreibtisch stellte. Jimmy war noch so jung gewesen – Noelle sogar noch jünger …

Mit angstvoll aufgerissenen Augen saß Noelle ihm jetzt gegenüber. Sie wirkte verlegen und wünschte sich offensichtlich weit weg. Auch für ihn war die Situation äußerst peinlich. Aber er fühlte sich gezwungen, seiner Verantwortung nachzukommen …

Schon immer hatte er sich um seinen Bruder gekümmert und ihm aus der Patsche geholfen. Aber ein Baby …?

„Waren Sie mit meinem Bruder eng befreundet?“

Noelle nickte, ohne Dev anzublicken. „Wir waren erst ein paar Monate zusammen, als er zur Army ging. Und während seines Heimaturlaubs …“ Sie schluckte. „Wir sprachen von Heirat.“

Dev kannte seinen Bruder. Wahrscheinlich hatte Jimmy von Heiraten gesprochen, um das Mädchen in sein Bett zu locken. Das war einer seiner Tricks.

„Ich dachte …“ Noelle spielte mit den Knöpfen ihres Jacketts. „Ich mochte ihn wirklich sehr gern, und wir hatten auch viel Spaß zusammen. Sein Beruf war gefährlich, er sagte selbst, ihm könnte jederzeit etwas zustoßen.“

Jimmy ist nicht nur für das Baby verantwortlich, dachte Dev entsetzt. Möglicherweise war Noelle zuvor noch nie mit einem Mann zusammen gewesen. „War es Ihr erstes Mal?“, fragt er geradeheraus.

Das blonde Haar fiel ihr ins Gesicht. Sie nickte schüchtern.

Am liebsten hätte Dev seinem Bruder eine Tracht Prügel verpasst. Aber Jimmy war im Irak gefallen. Auf irgendeine Weise war es Jimmy immer gelungen, seine Probleme auf Dev abzuwälzen. Zur Trauer um Jimmy kamen quälende Schuldgefühle. Und nun musste sich Dev auch noch mit Noelle auseinandersetzen.

Er wusste herzlich wenig über sie. In dieser Situation konnte er natürlich nicht einfach den Computer anstellen und sich über ihren Lebenslauf informieren. Er wusste nur, dass sie für seine Assistentin Katherine arbeitete und noch kein Jahr in seiner Firma beschäftigt war. Anfangs hatte Noelle kaum Ahnung von der Büroarbeit, aber sie arbeitete hart, und inzwischen wusste Katherine gar nicht mehr, was sie ohne Noelle machen sollte.

Irgendwann im Frühling hatten sein Bruder und Noelle sich kennengelernt und sich dann öfter verabredet. Mehr wusste er nicht. Was zum Teufel sollte er nur tun?

„Ich wollte nicht, dass so etwas passiert.“ Noelle sah Dev noch immer nicht an. „Ich dachte, ich liebe ihn, war mir aber nicht sicher. Er war so lieb … Aber ich wusste genau, dass es vernünftiger wäre, noch zu warten. Nach seinem Tod dachte ich zuerst, ich hätte richtig gehandelt, und eine Weile glaubte ich, es wäre noch mal gut gegangen, auch wenn ich spät dran war. Erst vor ein paar Tagen wurde mir klar, dass ich vielleicht … na ja, Sie wissen schon.“ Noelle verstummte und begann zu weinen.

Dev stand auf und ging in die Garderobe, wo ein unsichtbarer Geist immer eine Schachtel mit Papiertaschentüchern bereitlegte. Er reichte Noelle eines und nahm auf der Schreibtischkante Platz.

„Wie alt sind Sie, Noelle?“

„In ein paar Wochen werde ich zwanzig.“

Selbst noch ein Kind, dachte Dev. „Gehen Sie aufs College?“

„Ja. Mein zweites Jahr beginnt im Herbst.“ Noelle zog die Stirn kraus. „Zuerst wollte ich auf ein Privat-College gehen, aber in meinem letzten Highschool-Jahr brach ich mir beim Skifahren ein Bein.“ Noelle lächelte schüchtern. „Ich fuhr gegen einen Baum, musste operiert werden und anschließend lange zur Physiotherapie gehen. Meine Mutter unterrichtete mich zwar zu Hause, und ich schaffte den Abschluss, aber für das längere College-Studium konnte ich mich nicht einschreiben. Bei vier Kindern ist das auch okay. So sparen wir eine Menge Geld. Meine Eltern sind nicht gerade vermögend.“

„Sie wohnen zu Hause?“

„Ja. Ich bin das älteste von vier Mädchen.“ Das Lächeln in ihren Augen verschwand. „Eigentlich müsste ich ein gutes Vorbild sein.“

„Was machen Ihre Eltern?“

„Mein Vater ist Pastor in unserer Kirche, und meine Mutter arbeitet im Büro.“

Super. Jimmy hatte eine Pastorentochter verführt.

„Was für Berufspläne haben Sie?“

„Ich möchte Kinderkrankenschwester werden.“ Abwehrend hob sie eine Hand. „Machen Sie mir jetzt bitte keine Vorhaltungen und sagen, ich sollte lieber Medizin studieren. Im Krankenhaus waren die Krankenschwestern für mich die wichtigsten Menschen. Deshalb möchte ich mich um die kranken Kinder kümmern und ihnen helfen, ihre Angst zu vergessen.“

„Keine Vorhaltungen“, versprach Dev.

Aber wie soll es jetzt weitergehen?, überlegte er. Die junge Frau war schwanger mit dem Kind seines Bruders. Damit lag die Verantwortung für sie bei ihm. Wenn Jimmy noch lebte, könnte er darauf bestehen, dass sie heirateten …

Aber Jimmy lebte nicht mehr, und Dev fühlte sich schuldig an seinem Tod.

Verlegen rutschte Noelle auf dem Stuhl hin und her. Sie war Mr. Hunter für seine Anteilnahme dankbar, fragte sich aber, was er eigentlich von ihr wollte. Er war nicht der Vater des Babys. Die ganze Angelegenheit war nicht sein Problem. Immerhin hatte er nicht bezweifelt, dass Jimmy der Vater war. Er schien auch nicht schlecht von ihr zu denken.

Ein Baby. Noelle legte eine Hand auf ihren Bauch. Sie konnte es noch nicht fassen, dass in ihr ein Kind heranwuchs. Sicher, sie hatte sich immer Kinder gewünscht, aber nicht ohne Ehemann, und nicht so bald. Da Jimmy nicht mehr lebte, würde das Baby das Einzige sein, was ihr von ihm blieb.

Was hätte er wohl zu einem Baby gesagt? Trotz seines gefühlvollen Heiratsantrags bei seinem letzten Besuch zu Hause war Noelle sich nicht sicher, ob er die Heirat wirklich gewollt hätte. Sie konnte nicht einmal sagen, was sie wirklich für ihn empfand. Alles hatte sich so schnell entwickelt. Sie waren miteinander ausgegangen und hatten ihren Spaß gehabt. Während Jimmy im Irak stationiert war, schrieben sie sich Briefe und E-Mails. Und als er dann für nur kurze Zeit nach Hause kam, war sie nicht mehr imstande gewesen nachzudenken.

„Wir sollten heiraten.“

Noelle glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Sie sah Mr. Hunter ungläubig an. Hatte er das wirklich gesagt? „Wie bitte?“

„Wir sollten so schnell wie möglich heiraten. Jimmy war mein Bruder. Damit trage ich die Verantwortung für das Baby. Ich trete nur an seine Stelle.“

Seine Verantwortung? Er war der Onkel des Babys. Vor allem aber war er Mr. Hunter, der Boss von ihrer direkten Vorgesetzten und jemand, den Noelle so gut wie gar nicht kannte.

„Ich schlage eine Vernunftehe vor“, fügte Devlin ruhig hinzu. „Eine befristete Ehe. Sagen wir: auf zwei Jahre. Da haben Sie genug Zeit, um sich auf Ihre Mutterrolle einzustellen und darauf vorzubereiten, auf eigenen Füßen zu stehen. Nach diesen zwei Jahren lassen wir uns scheiden. Sie erhalten Jimmys Erbteil. Ich möchte gern Kontakt zu dem Kind behalten und es als einen Hunter aufwachsen sehen. Ansonsten sind Sie frei, Ihr Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen einzurichten.“

„Sie schlagen mir eine Heirat vor und reden gleichzeitig von Scheidung.“ Um Noelle schien sich alles wirr im Kreis zu drehen. Mr. Hunter machte ihr einen Heiratsantrag? Das konnte nicht wahr sein! „Sie kennen mich doch kaum, Mr. Hunter. Und ich kenne Sie überhaupt nicht. Wir können nicht heiraten.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Keine Angst. Ich werde nicht versuchen, Sie zu verführen, Noelle. Auch während wir im selben Haus leben, gehen wir getrennte Wege. Ich möchte Ihnen helfen. Ich bin Jimmys einziger Verwandter, also liegt bei mir die Verantwortung für sein Kind.“

Das konnte sie verstehen. Aber heiraten? Warum bot er ihr nicht einfach Unterstützung für das Kind an? „Ich möchte nicht heiraten, um mich wieder scheiden zu lassen. Diese Lösung leuchtet mir nicht ein. Für mich ist die Ehe eine ernste und dauerhafte Bindung.“

„Eine solche Bindung können Sie danach immer noch eingehen“, sagte Dev. „Mit jemandem, den Sie wirklich lieben. Ich bin ganz offen mit Ihnen, Noelle: Sie sind gerade zwanzig Jahre alt, wenn das Baby auf die Welt kommt. Sie arbeiten in Teilzeit und besuchen das College. Wobei Sie sagten, Ihre Eltern seien finanziell nicht sonderlich gut gestellt. Können sie es sich leisten, ein weiteres Kind aufzuziehen? Möchten Sie Ihnen das zumuten? Was wird aus Ihrem Berufsziel? Und wie wollen Sie Miete, Rechnungen, Versicherungen und andere laufende Kosten bezahlen? Wollen Sie das wirklich alles selbst übernehmen?“

Dev beugte sich vor. „Ich biete Ihnen eine Lösung an, die Ihnen ermöglicht, Ihr Leben wie geplant weiterzuführen. Für all Ihre Ausgaben ist gesorgt. Nach Ablauf der vereinbarten Frist besitzen Sie genügend Geld und können sich dann selbst um alles kümmern. Wenn Sie behutsam damit umgehen, brauchen Sie nicht zu arbeiten.“

„Warum?“, fragte Noelle. „Warum wollen Sie das alles tun?“

Zum ersten Mal, seit Dev Noelle in sein Büro gebeten hatte, wich er ihrem Blick aus. „Dass Jimmy sich bei der Army gemeldet hat, war meine Idee“, gestand er. „Ich bin schuld an seinem Tod.“

Er sprach vollkommen ruhig, dennoch hörte Noelle den Schmerz in seiner Stimme.

„Sie haben Ihren Bruder nicht umgebracht, Mr. Hunter.“

„Finden Sie nicht, dass Sie mich unter diesen Umständen Dev nennen sollten?“

„Wie bitte? Oh, natürlich. Dev. Ich bin aber der Meinung, dass Sie weder für Jimmys Tod noch für meine Schwangerschaft verantwortlich sind.“ Mr. Hunter – Dev – würde sich normalerweise niemals für sie interessieren. Noelle hatte einige der Ladys gesehen, mit denen er auszugehen pflegte. Alle waren groß gewachsene, schlanke und außergewöhnlich attraktive Frauen. Wogegen sie mit ihren blonden Haaren und den Sommersprossen eher wie ein Bauernmädchen aus Wisconsin wirkte.

„Mein Heiratsantrag ist absolut ernst gemeint“, betonte Dev.

Weil er sich für mich und mein ungeborenes Kind verantwortlich fühlt, dachte Noelle. Das passt zu ihm. Sie wusste einiges über ihn, weil Jimmy manchmal von ihm gesprochen hatte. Dev ging zur Highschool, als seine Mutter starb, aber Jimmy war erst sechs oder sieben. Als der Vater sie kurz darauf verließ, übernahm der Großvater die Erziehung der beiden Jungen. Leider starb er schon wenige Jahre später, und so musste Dev sich um seinen jüngeren Bruder kümmern.

Jimmy hatte sich oftmals bei Noelle über Devs Strenge beklagt, aber Noelle empfand damals nur Bewunderung für Dev, der die schwere Aufgabe übernommen hatte, einen Teenager zu erziehen. Soviel sie gehört hatte, hatte Jimmy ihm das Leben auch nicht leicht gemacht.

Aber Jimmy war Devs einziger Angehöriger, zu dem er Kontakt hatte, und nach Jimmys Tod gab es dann nur noch das Baby …

„Sie müssen mich nicht heiraten, um Kontakt zu dem Kind Ihres Bruders zu haben“, sagte sie. „Ich würde Sie niemals von ihm fernhalten. Das gebe ich Ihnen auch gern schriftlich, falls Sie meinem Wort nicht trauen.“

„Meinen Sie, es geht mir darum?“

Noelle richtete sich in ihrem Stuhl gerade auf und sah Dev in die Augen. „Ich bin jung, aber nicht dumm. Glauben Sie mir, ich bin mir der Probleme bewusst, die auf mich zukommen werden. Ich hatte mein Leben anders geplant, aber nun ist es passiert, und ich trage die Konsequenzen.“ Nicht schlecht, meine kleine Ansprache, dachte Noelle und hoffte, er würde nicht merken, wie sehr sie beim Reden zitterte.

Dev musterte sie. „Sie sind ganz anders, als ich erwartet habe. Die meisten Freundinnen von Jimmy waren eher …“

„… hohl im Kopf?“

„Genau.“ Dev musste lachen.

„Ich weiß. Das hat er mir selbst erzählt. Er sagte, seine Beziehung zu mir zeige seinen Willen, erwachsen zu werden. Aber ich glaube, es war eher dieses Spielchen: Braves Mädchen, böser Bube, oder: Gegensätze ziehen sich an.“

„Als braves Mädchen interessierten Sie sich für die bösen Buben?“

„Ich war immer neugierig“, gab Noelle zu. „Aber vor Jimmy hatte ich noch keinen festen Freund.“ Sie zog die Stirn kraus. „Die Jungen in der Schule wussten, wer mein Vater war. Keiner wollte sich mit einer Pastorentochter einlassen. Die Jungen, die sich mit mir verabredeten, waren immer sehr gut erzogen.“

„Bis auf Jimmy“, stellte Dev fest.

„Richtig.“

Dev löste sich von der Schreibtischkante und setzte sich auf den Stuhl, der neben Noelles stand. So konnte er ihr in die Augen sehen. Er nahm ihre Hand.

„Noelle, ich möchte, dass Sie sich mein Angebot ernsthaft überlegen. Ich könnte Sie einfach mit Geld abfinden, aber Sie brauchen mehr als Geld. Ich besitze ein geräumiges Haus mit viel Platz für Sie und das Baby. Wenn Sie verheiratet sind, brauchen Sie auch niemandem peinliche Fragen zu beantworten. Ich weiß nicht, was Jimmy über mich erzählt hat, aber ich gehöre nicht zu den bösen Buben. Meine Fehler sind alle ziemlich langweilig, und ich werde mich bestimmt um Sie und das Baby kümmern. In ein paar Jahren, oder wann immer Sie bereit sind, lassen wir uns scheiden. Bis dahin sind Sie finanziell gesichert, und das Kind ist aus den Windeln.“

Obwohl Noelle fasziniert seinen Worten lauschte, vergaß sie keinen Moment, dass Dev ihre Hand hielt. Die Berührung war zart und fest zugleich. Sie wirkte nicht erotisch oder romantisch. Trotzdem war Noelle sich Devs Nähe sehr bewusst.

„Ich bin nicht materiell eingestellt“, sagte sie, während sie die Hand wegzog und aufstand.

Dev stand ebenfalls auf. „Das behauptet auch niemand. Noelle, Sie würden doch sicher erwarten, dass Jimmy Sie heiratet, wenn er noch lebte?“

Darauf wollte sie nicht antworten. Wer heiratete heutzutage schon wegen eines Babys? Aber tief drinnen in ihrem Herzen hätte sie es erwartet.

„Sie sind nicht Jimmy.“

„Dann sehen Sie in mir einfach seinen Vertreter.“

Hätte Jimmy sie geheiratet? Noelle war sich nicht sicher.

„Es sind nur zwei Jahre. Die Zeit vergeht schnell. Wissen Ihre Eltern von Ihrer Beziehung zu Jimmy?“

„Wie?“ Der plötzliche Themenwechsel verwirrte Noelle. „Nun ja, sie wussten, dass ich mit jemandem aus der Firma gehe. Mehr nicht.“

„Demnach könnte auch ich es gewesen sein. Jimmys Kind erhält unseren Familiennamen, und ich nehme an seinem Leben teil.“

„Sie können beides haben, ohne mich zu heiraten.“

„Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist, aber ich kann mein Bestes geben und Ihnen helfen. Sie kennen mich nicht, Noelle, aber letztendlich müssen Sie mir in dieser Sache vertrauen.“

Das war kein Problem. Dev Hunter war der Typ Mann, der alles schriftlich festlegte.

„Ich will Jimmys Erbe nicht“, sagte sie. „Das ist zu viel.“ Devs Firma, Hunter Manufacturing war ein riesiges millionenschweres Unternehmen. „Vielleicht eine finanzielle Unterstützung für das Kind und ein Haus.“ Selbst das klang in Noelles Augen noch gierig. „Nein, eine Unterstützung für das Kind ist genug. Die hätte Jimmy bestimmt auch gezahlt.“

Dev schob die Hände in die Hosentaschen und lächelte. „Sie sagen also Ja?“

„Oh.“ Noelle überlegte. „Ich glaube.“ Wann hatte sie sich zu dieser Entscheidung durchgerungen? War das noch wichtig? Dev hatte recht. Sie würde es leichter haben, wenn sie seinen Vorschlag akzeptierte.

Dennoch begriff sie nicht, was Dev für einen Vorteil aus diesem Handel zog. Außer, dass er damit für eine kurze Zeit Teil einer Familie war. Sollte ihm das wichtig sein?

„Ich kenne Sie doch gar nicht“, sagte sie.

„Das werden wir ändern“, versprach er. „Lassen Sie uns heute Abend essen gehen. Dabei können wir alles genau besprechen, einen Terminplan aufstellen und die nächsten Schritte überlegen.“

Das hörte sich ganz nach einem Geschäftsvertrag an. Aber wenn sie es sich genau überlegte, war es auch nichts anderes. „In Ordnung“, stimmte sie zu. „Wo treffen wir uns?“

„Bei mir zu Hause.“ Er ging zum Schreibtisch und schrieb seine Adresse auf ein Blatt Papier. „Gegen halb sieben?“

Sie nickte. „In Ordnung. Ich glaube, ich … ich sollte jetzt an meine Arbeit gehen.“

„Danke, Noelle“, sagte Dev. „Machen Sie sich nicht so viele Sorgen. Wir schaffen das schon. Alles wird gut.“

Noelle verließ den Raum. Alles wird gut? Sie war schwanger, hatte sich gerade für eine befristete Ehe mit einem Mann entschieden, der ihr völlig fremd war, und musste sich für ihre Familie eine Menge Lügen einfallen lassen, um diese Entscheidung erklären zu können …

2. KAPITEL

Gegen zwölf Uhr mittags verließ Noelle ihren Arbeitsplatz. Sie hatte in letzter Zeit ohnehin schon einige Überstunden gemacht. Heute hatte sie konzentriert gearbeitet, aber nun brauchte sie unbedingt Zeit für sich, denn nur so würde sie die nächsten Stunden überstehen.

Endlich konnte sie zu ihrem Wagen eilen und nach Hause zu ihrer Mutter entfliehen.

Seltsam, dass sie mit neunzehn Jahren noch immer den Trost ihrer Mutter suchte. Dieses Bedürfnis würde wahrscheinlich nie vergehen. Dabei würde sie in acht Monaten selbst Mutter sein.

„Unmöglich“, murmelte Noelle vor sich hin, als sie den Parkplatz verließ. „Die ganze Situation ist unmöglich.“

War sie wirklich schwanger? Ja, auch wenn sie es nicht glauben konnte. Und wieso hatte sie überhaupt in Erwägung gezogen, Dev Hunter zu heiraten? Sie war wohl nicht ganz klar im Kopf gewesen, als sie seinen Antrag angenommen hatte. Es ist nicht immer vernünftig, den einfachsten Weg zu wählen, sagte sie sich. Dev bot ihr Sicherheit, aber wollte sie ihn dafür tatsächlich heiraten? Hatte sie zu vorschnell gehandelt? Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Aus diesem Grund hatte sie es so eilig, nach Hause zu kommen. Ihre Mutter kam mittags immer für ein paar Stunden aus dem Kirchenbüro. Sie würden sich zusammensetzen, und dann konnte sie ihrer Mutter alles beichten. Sie wüsste bestimmt einen Rat.

„Hey, Mom!“, rief sie, als sie ihr Elternhaus durch die Hintertür betrat. Obwohl das Haus alt und etwas heruntergekommen war, war es urgemütlich und bequem.

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