Logo weiterlesen.de
Von Liebe kein einziges Wort?

PROLOG

„Liebst du mich, Nick?“ Meg Thornton warf ihm einen schmachtenden Blick zu und schmiegte sich an seine Brust.

Der vierzehn Jahre alte Nick Cassidy schluckte. Meg und er hatten sich vor Chad Spencer in einer Felsspalte versteckt, die sie auch vor der heißen Sonne Kentuckys schützte. In der Nähe erklangen laute Rufe.

Die von Chad. Dem Sonnyboy.

Beide atmeten schwer. Nick fühlte Megs schnellen Herzschlag an seinem Arm. Ihr Haar duftete nach Erdbeeren. Hastig sah er zur Seite. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, hier dicht an Meg gedrängt zu hocken.

Jetzt waren auch die Stimmen der anderen zu hören, und Meg schaute ihn mit ihren großen grünen Augen an. Augen wie Glasmurmeln, klar und kühl. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte sie nicht verletzen, das einzige Kind in Kane’s Crossing, das ihn nicht wie den letzten Dreck behandelte. Die Erwachsenen, von seiner neuen Pflegefamilie und Megs Tante einmal abgesehen, waren kaum besser.

Meg seufzte, setzte sich aufrecht hin und klopfte sich umständlich ihren hübschen bunten Rock ab, um Nick nicht ansehen zu müssen.

Er riss einen Grashalm aus und steckte ihn sich zwischen die Zähne. „Werde jetzt nicht rührselig, okay?“

Wie sehr hatte er sich gewünscht, dass sie nicht sauer sein würde. Aber der tieftraurige Ausdruck in ihren Augen bewies, dass er etwas Falsches gesagt hatte.

„Schon gut.“ Aus dem Augenwinkel sah er, wie Meg ihren erröteten Kopf senkte.

Seit einem Jahr lebte er in Kane’s Crossing, und er wusste, dass sie jeden Sommer ihre Tante besuchte. Im Ort wurde gelästert, dass sie mit ihren flatternden weiten Röcken und der wirren Lockenpracht einer Zigeunerin glich. Manche der Kinder verspotteten sie sogar als Hexe. Aber das war ihr egal. Sie und ihre Tante Valentine, die in dem unheimlichen Haus auf dem Hügel wohnten, lachten nur darüber.

„Hoffentlich findet Chad uns nicht. Ich hasse es, wie er redet“, flüsterte Meg.

Nick presste die Faust gegen seine abgetragene Jeans. „Keine Bange, Meggie“, beruhigte er sie.

Über ihnen trampelten Schritte, während ein hämisches Lachen ertönte. Nick blickte hoch und sah einen Schatten auf dem Felsen.

„Bringt er dir Französisch bei, Meg?“, höhnte Chad, und die anderen fingen an zu grölen. „Oder kriegt der Bastard den Mund nicht auf?“

Meg setzte an, um Chad eine schlagfertige Antwort zu geben, aber Nick brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. „Hau ab!“, knurrte er, wobei er Chad drohend anschaute.

„Hey, er kann ja sprechen.“ Chad bewegte sich. Sein goldblondes Haar blitzte im Sonnenlicht. Herausfordernd starrte er Nick mit seinen blauen Augen unter den modisch gegelten Haaren an, und den hochgestellten Kragen seines Markenpolohemds fand Chad wohl besonders hip. „Wie wär’s mit einer Mutprobe? Oder hast du Schiss?“

Nick erhob sich, streckte die Hand aus und half Meg hoch. Er hatte beschlossen, den Schleimbeutel mit Schweigen zu strafen.

Auch Chad stand auf. „Wenn du genug Mumm hast, komm heute Abend um neun zu Chaney’s Drugstore. Dann werden wir ja sehen, wie dir mein linker Haken gefällt.“

Er drehte sich um, warf aber Meg noch ein selbstgefälliges Grinsen über die Schulter zu.

Als die Clique verschwunden war, berührte Meg Nick am Arm und sah ihn besorgt an. „Geh nicht hin. Komm zu mir, wir schauen uns ein paar Videos an.“

Nick war dankbar, dass sie ihm einen Ausweg bot. Nicht viele Mädchen in ihrem Alter verstanden, dass ein Junge sein Gesicht wahren musste.

Aber tief in seinem Herzen wusste er genau, wo er heute Abend sein sollte. Sich mit Chad Spencer messen. Beweisen, dass er nicht nur das bemitleidenswerte Pflegekind war, das in Kane’s Crossing nichts zu suchen hatte.

1. KAPITEL

Oktober, sechzehn Jahre später

Meg Thornton musterte den düster blickenden Mann, der die Bäckerei betreten hatte. Er war groß, athletisch gebaut, trug eine Lederjacke und Cowboystiefel.

„Guten Tag“, sagte sie und wünschte, die Familie, die sich bei Kaffee, Kuchen und Limonade hier versammelt hatte, wäre nicht vor ein paar Momenten gegangen.

Der Fremde musterte sie durch seine Sonnenbrille. Sein Blick irritierte sie. War ihr grauer Pullover im letzten Monat zu eng geworden? Schaute der Mann auf ihre größer gewordenen Brüste? Würde er Meg ebenso verurteilen wie die übrigen Bewohner von Kane’s Crossing, wenn er wüsste, dass sie ein süßes kleines Geheimnis in ihrem Bauch verbarg?

Als sie keine Antwort bekam, fragte sie: „Kann ich etwas für Sie tun?“

Ihr Blick fiel auf das Loch im Knie der abgetragenen Jeans. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Wollte er sie ausrauben? Das Geld in der Kasse reichte nicht einmal für eine neue Hose, aber sie hatte die Miete für die Bäckerei zu bezahlen. Und in einigen Monaten bekam sie ihr Baby.

Trotzig hob Meg das Kinn. Sie war entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.

„Was wollen Sie, Mister?“, fragte sie selbstbewusst.

Er trat so nahe auf sie zu, dass Meg die Kerbe am stoppeligen Kinn sehen konnte. Seltsam, irgendetwas an dem Mann kam ihr bekannt vor. Langsam nahm er die Sonnenbrille ab. Unwillkürlich hielt Meg die Luft an.

Eisblaue Augen. Tiefgründig und undurchdringlich.

Er stand einfach da, als warte er auf eine Reaktion von ihr. Welche denn? Mochte sein, dass andere Frauen seufzend vor ihm zusammensanken, wenn er nur seine Sonnenbrille abnahm. Sie gehörte garantiert nicht dazu.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie betont akzentuiert.

Ein knappes Lächeln, dann blickte er auf seine Hände. Starke Hände.

Von einem der Resopaltische in der Ecke streckte der alte Deacon Chaney seinen Kopf neugierig vor. Großartig. So konnte sie wenigstens ihrem letzten Kunden etwas Unterhaltung bieten.

„Ich fasse es nicht“, röhrte er. „Sind wir hier im Wilden Westen?“

Meg ging das John-Wayne-Gehabe des Fremden auf die Nerven. „Was ist los mit Ihnen? Soll ich den Sheriff rufen?“

Als würde Sheriff Carson ihr zu Hilfe kommen, der sie genauso wie der Rest dieser hochmoralischen Gemeinde verachtete.

Der Mann musterte sie, bevor er ihr in die Augen blickte. Sie wurde rot. Ihr Instinkt riet ihr, sich in den hinteren Raum zu flüchten. Aber sie hatte sich noch nie versteckt. Nicht vor den Bewohnern der Stadt und gewiss nicht vor diesem Mann.

„Sie haben wohl nicht verstanden, dass ich gleich den Sheriff hole“, versuchte sie ihr Glück noch einmal, während sie sich im Stillen wünschte, er würde verschwinden.

Plötzlich brach der Mann in Lachen aus. „Dieser Sheriff ist keinen Penny wert.“ Er wollte seine Sonnenbrille wieder aufsetzen, überlegte es sich offenbar anders und schob sie in seine Hemdtasche. Dann ließ er sich auf einen der Barhocker nieder, beugte sich über den Tresen und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Stoppelbart. Er lachte nochmals und schüttelte den Kopf.

Meg kannte ihn, da war sie sich jetzt sicher, doch sie konnte sein Gesicht noch nicht einordnen.

Als sie seinen Blick auffing, glaubte sie so etwas wie Schmerz in diesen unglaublich blauen Augen zu entdecken. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt. Offensichtlich war der Mann seelisch zerrüttet. Als wortlose Entschuldigung stellte sie eine Tasse Kaffee vor ihn hin. Ein Friedensangebot.

Er hob die Tasse und nahm einen Schluck. Mit verschränkten Armen vor der Brust trat Meg einen Schritt zurück. Was sollte sie sagen? Sie biss sich auf die Lippe. Normalerweise war sie nicht auf den Mund gefallen. Sie hatte gelernt, mit fremden Menschen zu reden. Oft genug kamen Touristen bei ihr vorbei. Was man von den Einheimischen eher nicht sagen konnte. Außer, sie wollten sich irgendeinen Spaß mit der Stadthexe machen, die ein uneheliches Kind bekam, aber nicht mit der Identität des Kindsvaters herausrücken wollte.

„Ist Chad Spencer in der Stadt?“

Überrascht schaute sie auf. „Nein, schon eine Weile nicht mehr.“

Deacon Chaney meldete sich wieder aus seiner Ecke. Sie hatte ihn beinahe vergessen.

„Wer interessiert sich dafür?“ Er hockte am Rand der Sitzbank, die Kleidung hing an ihm wie an einer Vogelscheuche.

Der Fremde zögerte. „Ein alter … Freund.“

Wieder löste seine Stimme dieses merkwürdige Prickeln auf ihrer Haut aus. Seit wann klangen simple so Worte sexy?

Jetzt hieß es aber sich zusammenzunehmen. „Stammen Sie aus Kane’s Crossing?“

„Kann man nicht sagen.“

Das reichte Mr. Chaney als Information. „Chad treibt sich in Europa herum, lässt bestimmt die Puppen tanzen. Ohne ihn ist die Stadt besser dran, finde ich.“

„Das sollten Sie nicht sagen“, ermahnte Meg ihn. So sprach man nicht über den allmächtigen Chad Spencer, die Sportskanone von Kane’s Crossing. Den Herrscher über das Familienimperium. Stolz der Stadt. Schwarm aller Frauen.

Abfällig verzog Mr. Chaney den Mund und lehnte sich zurück.

„Eine Ahnung, wann Spencer zurückkommt?“, fragte der Fremde.

Meg tat so, als wäre sie beschäftigt. Er sollte nicht sehen, dass ihre Finger zitterten. Sie rückte Teller zurecht, putzte sie nach, entschlossen, seine Frage nicht zu beantworten.

Die Türglocke bimmelte heftig, als drei Männer den Raum betraten.

Sonny Jenks grinste mit nikotinbraunen Zähnen. „Na, was haben wir denn hinter Tür Nummer eins?“

Junior Crabbe, eine Baseballkappe auf dem Kopf, kratzte sich seinen schmutzigen Schädel. „Unser Flittchen. Zeig’s uns, Witchy Poo, wo hast du dein Lustfrüchtchen versteckt?“

Meg spürte, wie der Fremde erstarrte. Hoffentlich hielt er sich zurück. Mit diesem Abschaum wurde sie jederzeit allein fertig.

„Junior, es zieht“, erwiderte sie so ruhig wie möglich. „Entweder du kommst rein, oder du bleibst draußen. Und wenn du dich für drinnen entscheidest, kaufst du besser etwas.“

Die Männer lehnten sich an die Wand. Ihr schwankender Gang verriet, dass sie schon ein paar Gläser geleert hatten. Einer von ihnen, Gary Joanson, starrte die ganze Zeit zu Boden.

Sonny kratzte sich wie abwesend unter der Achsel. „He, Jungs, was denkt ihr? Nehmen wir ein paar Zaubermuffins von Chads Abgelegter?“

Im nächsten Moment sprang der Fremde vom Hocker und baute sich vor Sonny auf, der zurückwich. Die zwei anderen drängten sich feige an die Wand.

Großartig. Eine Schlägerei in der Bäckerei. Ganz Kane’s Crossing würde sich das Maul zerreißen.

„Lassen Sie’s gut sein, Mister …“

Der Mann schaute über die Schulter und hob eine Hand. „Niemand spricht so mit dir, Meggie. Jetzt nicht, und auch in Zukunft nicht.“

Die Angst vor der Prügelei schwand schlagartig. Es gab nur einen Menschen in ihrem Leben, der sie Meggie genannt hatte.

Verdammt. Kaum war er fünf Minuten in Meggie Thorntons Nähe, hatte er schon zu viel gesagt. Genau deswegen hielt er nicht viel vom Reden – irgendwann gab man etwas preis. Und seine Privatangelegenheiten waren nun mal seine Sache.

Der Feigling vor ihm sah aus, als würde ihm eine kräftige Abreibung guttun. Aber Nick hatte nicht vor, eine Schlägerei anzuzetteln. Nicht in dieser Stadt, die ihn vor Jahren als Kriminellen gebrandmarkt hatte. Er hatte auch nicht vor, sich mit irgendwelchen Tagedieben anzulegen. Es musste schon der allmächtige Chad Spencer höchstpersönlich sein.

Er trat noch einen Schritt auf den Kerl zu. „Ich habe nicht gehört, dass du dich bei der Lady entschuldigt hast.“

Der Mann quiekte. Na klar. Großes Maul und nichts dahinter. Spencers Kumpane waren nur tapfer, wenn er dabei war.

„Sonny, Junior, verschwindet doch einfach, okay?“, rief Meggie.

Sonny und Junior. Nick erinnerte sich gut. Zwei hirnlose Teenager, die ihm gemeinsam mit Chad Spencer das Leben zur Hölle gemacht hatten.

Er ballte eine Faust.

Nick wusste, seine Wut regte Meggie auf, und das wollte er am allerwenigsten. Er hätte gar nicht erst in die Bäckerei kommen sollen. In Spencer’s Bank hätte er alle Informationen bekommen. Niemals wäre Meggie einverstanden mit dem, was er vorhatte. Zumindest nicht die Meggie von damals.

Die Typen zögerten, dann nickte Sonny, und sie verzogen sich mit drohenden Blicken nach draußen.

Nick drehte sich wieder zu ihr um. Verdammt, er sah sie gern an. Das trotzige Kinn, die roten Locken, die grünen Augen, all das hatte ihn schon früher in den Bann gezogen. Aber die Jahre hatten bewirkt, dass ihr Kinn weniger trotzig wirkte, das Haar weniger schimmerte und in ihren Augen ein Schmerz stand, den er am liebsten auf der Stelle verscheucht hätte. Und ihr gertenschlanker Körper, früher so anmutig und lebendig, sah auch anders aus. Die Meggie von damals hatte nie weite graue Pullover getragen. Ihre kindliche Unbefangenheit war verschwunden, und es griff ihm ans Herz – und doch war da gleichzeitig ein anderes, unerwartetes Gefühl. Ein Verlangen, das mit der unschuldigen Sommerfreundschaft von damals nichts zu tun hatte.

Er wandte den Blick ab, denn er hatte nicht das Recht, etwas für Meggie zu empfinden. Ganz sicher erinnerte sie sich noch an den vierzehnjährigen Teenager, den man aus der Stadt warf, weil er Chaney’s Drugstore in die Luft gejagt hatte. Wie sollte sie ihn da in Kane’s Crossing willkommen heißen?

Nick fragte sich, warum diese Typen sie Chads Abgelegte genannt hatten.

Er hoffte sehr, dass er sich täuschte. Die Vorstellung, wie sie in den Armen seines Erzfeindes lag, war unerträglich.

Als er sich wieder zu ihr umwandte, stand sie da, die Hände in die Seiten gestemmt, und schüttelte den Kopf.

„Ich glaube es einfach nicht.“

Er senkte den Kopf wie ein Hund, der ausgeschimpft wurde, weil er Stinktiere gejagt hatte. „Tut mir leid, Ma’am.“ Vielleicht konnte er die ganze Sache tiefer hängen, einfach wieder verschwinden, so tun, als hätte er nie vor der Bäckerei gestanden, auf das Schild gestarrt und sich gewünscht, Meggie wiederzusehen.

„Nick Cassidy?“

Bei seinem Nachnamen brach ihre Stimme. Mit diesem Namen war er nicht geboren worden, aber das war egal. Vor einigen Jahren hatte er seine leiblichen Eltern ausfindig gemacht, und die tiefe Enttäuschung über sie nagte immer noch an seinem Selbstbewusstsein.

Wieder war da diese tiefe Traurigkeit in Meggies Augen. Was hätte er nicht alles gegeben, um sie zu vertreiben. Wie gern wäre er jetzt zu ihr hinübergegangen, hätte mit dem Daumen über ihr Gesicht gestrichen, über die Sommersprossen, an die er sich erinnerte. Ob ihre Haare immer noch nach Erdbeeren dufteten? Aber er wagte es nicht, das herauszufinden. Es war besser, jetzt zu verschwinden.

Nick wollte sich umdrehen und die Bäckerei verlassen, als sich der ältere Mann von der Bank erhob und sich vor ihn stellte.

„Cassidy?“ Prüfend starrten ihn die wässrigen Augen an.

Nick hakte seine Daumen hinter die Gürtelschlaufen seiner Jeans. Diese lässige Abwehrhaltung hatte er sich in vielen Pflegefamilien angewöhnt.

Der alte Mann verzog den Mund, grunzte kurz und ging hinaus.

„Das war Mr. Chaney. Du erinnerst dich bestimmt an ihn.“

Schwang da ein vorwurfsvoller Unterton in ihrer Stimme mit? Natürlich. Als sie ihn aus der Stadt warfen, hatten sie ihm nicht einmal die Chance gegeben, vorher mit jemandem zu sprechen – nicht mit seinen Pflegeeltern … nicht einmal mit deren Sohn Sam.

Oder Meggie.

Er hatte keinem erklären können, dass Spencer ihn zu einem Kampf an Chaney’s Drugstore herausgefordert und eine selbst gebastelte Bombe gezündet hatte, als Nick wie verabredet auftauchte. Alle waren überzeugt gewesen, dass Nick der Täter war. Dass er es abstritt, nützte ihm nichts. Sein Wort gegen das von Chad Spencer, dem Goldjungen der Stadt …

Seine Pflegeeltern wollten nichts mehr von ihm wissen. Das bereits angelaufene Adoptionsverfahren hatten sie gestoppt. Und selbst Sam, der große Bruder, den er bewundert hatte, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Nachdem Nick einige Zeit in einer Jugendstrafanstalt verbracht hatte, kam er in eine andere Pflegefamilie.

Aber nun war er zurück, um einige Dinge klarzustellen.

Vor einigen Monaten hatte er einen Autounfall überlebt. Danach sah er die Vergangenheit mit anderen Augen. Ihm war bewusst geworden, dass es mitten in Amerika eine kleine Stadt gab, in der man das Schlimmste über ihn dachte. Und er würde keine innere Ruhe finden, ehe er seinen Namen nicht rein gewaschen und Spencer nicht seine gerechte Strafe bekommen hatte.

Und Meggie verdiente eine Erklärung. „Wie ich sehe, hat man mich hier noch nicht vergessen.“

„Warum sollten sie dich vergessen haben? Du bist in dieser Stadt fast eine Legende.“

Offensichtlich glaubte sie Spencers Lügen. Ihr Sarkasmus schmerzte. „Du scheinst dir deine Meinung gebildet zu haben“, erwiderte er.

Meggie funkelte ihn an und ging zum Tresenende. Als er die leichte Rundung ihres Bauches bemerkte, hatte er das Gefühl, einen Schlag in die Magengrube erhalten zu haben.

Zeig’s uns, Witchy Poo, wo hast du dein Lustfrüchtchen versteckt? Nehmen wir ein paar Zaubermuffins von Chads Abgelegter?

Großer Gott, lass es ein Irrtum sein, dachte er.

„Meine Meinung? Über die Jahre fällt das nicht schwer. Bist du etwa zurückgekommen, um Erklärungen zu liefern, Nick?“

Erklärungen liefern? Das ganz bestimmt nicht. „Was auch immer ich sage, kein Mensch wird es mir glauben.“ Er konnte nicht anders, immer wieder musste er auf ihren Bauch schauen.

Als sie dies bemerkte, lachte sie kurz auf. „Großartig. Du bist auch neugierig. Aber die Frage kannst du dir sparen.“

Er hatte gelernt, den Mund zu halten.

„Und?“ Sie strich sich eine rote Locke aus den Augen. Ihre Hand zitterte leicht. „Warum bist du zurückgekommen?“

Warum? Weil er Gerechtigkeit wollte. Weil er seine Pflegefamilie wiederfinden wollte, wobei er hoffte, dass sie ihm ein Verbrechen verziehen hatte, für das er nicht verantwortlich war.

Sie lachte, aber es klang nicht froh. „Was willst du von unserem alten Freund Chad?“

Obwohl sie leise sprach, schienen ihre Worte im Raum widerzuhallen.

„Nichts Besonderes.“

„Na klar …“

Nick sehnte sich zurück nach der Zeit, in der sie in den Felshöhlen Schutz vor dem Sommerregen gesucht hatten. Sehnte sich nach dem Baden im See und den langen Gesprächen über die Zukunft, wenn die untergehende Sonne den Horizont glühend orange auflodern ließ. Er sehnte sich nach dem Mädchen, das jedem ins Gesicht lachte, der es Witchy Poo – Hexenfurz – nannte. Aber dieses Mädchen gab es nicht mehr.

Meggie seufzte. „Warst du bei deinem alten Zuhause?“

„Niemand war da.“

„Es ist wirklich eine Sünde, weißt du. Es war ein schönes, einladendes Haus, mit seinen Blumenbeeten und dem großen Rasen. Nun ist es nur noch …“

Ihre Augen waren jetzt dunkel, fast wie das Wasser in Venedigs Kanälen. Auf all seinen Reisen, beladen mit einem Rucksack und zu vielen schmerzlichen Erinnerungen, hatte er niemals ein solches Grün wie das von Meggies Augen gesehen. Alles hatte er getan, um die Erinnerung daran zu verdrängen, während er sich seinen Collegebesuch verdiente, während er mit Interrail durch Europa fuhr, jede Nacht in einer anderen Jugendherberge unterkam. Aber sämtliche Abenteuer hatten den Hass auf Spencer nur noch verstärkt. Er allein war für Nicks Vertreibung aus der Stadt verantwortlich.

So führten all seine Wege nur zurück nach Kane’s Crossing. Zurück zu dem Zuhause, in dem er ein einziges Jahr verbracht hatte, geliebt und umsorgt von Pflegeeltern und seinem Bruder Sam, den er vergötterte.

Wieder hakte er die Daumen in die Gürtelschlaufen. „Was meinst du damit – es war?

„Du weißt es nicht?“ Verwundert schaute sie ihn an.

Nick schüttelte den Kopf, während er sich innerlich wappnete.

„Ich dachte, irgendjemand hätte es dir erzählt. Deine Pflegeeltern sind vor fünf Jahren gestorben.“

Er hatte das Gefühl, einen Schlag gegen die Brust bekommen zu haben. Damit sie seinen tiefen Schmerz nicht sah, wandte er den Kopf ab. Nun konnte er seinen Pflegeeltern nicht mehr danken, es gab keine Hoffnung auf Verzeihen.

„Wie?“

Sie machte eine Pause, bevor sie antwortete. „Ein Unfall in der Fabrik der Spencers. Nach dem Tod deines Dads hielt deine Mum noch ein Jahr durch. Dann erkrankte sie an einer Lungenentzündung und …“

Er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er hätte wissen müssen, dass Chad Spencer schuld an ihrem Tod war.

Auch dafür würde der Mistkerl bezahlen.

„Sam verließ die Stadt. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Es gehen Gerüchte um, er wäre Cop in Washington geworden.“ Sie hielt einen Moment inne. „Er macht die Fabrik für den Tod seiner Eltern verantwortlich.“

Also war auch Sam verbittert. Nick musste an die vielen Abende denken, an denen sie beide auf dem Dach gesessen und von schönen Mädchen und schnellen Autos geträumt hatten.

Sam würde wohl seinen Plan unterstützen, mit dem er Chad Spencers Leben ruinieren wollte. Nick sehnte sich danach, Sams schiefes Grinsen wiederzusehen.

Er schluckte und riss sich zusammen. Dann deutete er mit dem Kopf auf Meggies gerundeten Bauch. „Ist das Spencers Kind?“

„Das geht dich verdammt noch mal nichts an!“ Sie trat wieder hinter den Tresen und wischte ihn mit hektischen Bewegungen ab. „War schön, dich wiederzusehen, Nick. Kannst jetzt gern gehen.“

Einen Moment stand er da, während er überlegte, ob er ihr den wahren Grund für seine Rückkehr erzählen sollte. Er hatte sie fragen wollen, ob sie mit Spencer verheiratet sei, aber die Frage hatte sich inzwischen erledigt. So wie es aussah, würde Meggie alleinerziehende Mutter werden.

Er wartete darauf, dass sie noch etwas sagte. Irgendetwas, aber sie putzte weiter den Tresen.

Nick setzte seine Sonnenbrille auf und ging auf sie zu. Ihre Augen wurden groß, sie erstarrte. Die Angst, die sich auf ihrer Miene abzeichnete, erschütterte ihn. Bis heute hatte sie ihn noch nie so angesehen.

Zur Hölle damit. Wieso sollte es ihn interessieren, wenn sie sich mit einem Schuft wie Spencer eingelassen hatte? Inzwischen war sie erwachsen und alt genug, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, ohne dass Nick Cassidy sich als Retter aufspielte.

Er griff in die Tasche, holte ein Bündel Dollarnoten heraus und warf sie neben den Lappen auf die Theke. „Als Verdienstausfall, weil ich dir die Zeit gestohlen habe“, sagte er, bevor er sich zum Gehen wandte.

Sie hielt ihn nicht zurück, und er erwartete es auch nicht. Es war dumm gewesen, in die Bäckerei zu kommen, denn nun wusste er mehr über Spencer, als ihm lieb war.

Chads Abgelegte.

Er ging hinaus, hasste sich selbst, hasste Kane’s Crossing, aber noch viel mehr hasste er das, was Chad Spencer Meg angetan hatte.

Meg schaffte es nicht, ihr Zittern in den Griff zu bekommen.

Nick Cassidy war wieder hier. Mit zwölf hatte sie ihn zuletzt gesehen, mit ihm leer stehende Häuser erkundet, war stundenlang mit ihm an Eisenbahnschienen entlanggelaufen, um zu sehen, wohin sie führten …

Sie stieß die Schwingtür zur Backstube auf und begann die Zutaten für den Schokoladenkuchen zusammenzusuchen. Sie wollte sich von der Tatsache ablenken, dass Nick zurück war.

Als sie einen Blick aus dem beschlagenen Fenster warf, sah sie eine Gestalt.

Nick. Nun endlich hatte sie Zeit, ihn sich in Ruhe anzusehen. Vorher war sie einfach zu überrascht gewesen.

Er warf einen langen Schatten auf die staubige, mit herbstlichen Blättern übersäte Straße und schien durch seine Sonnenbrille auf das Schild über dem Hintereingang zu starren. Unter der dunkelbraunen Lederjacke trug er ein Flanellhemd, das seine muskulösen Schultern und die breite Brust bedeckte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Von Liebe kein einziges Wort?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen