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Von Kürbissen, Kerlen und Kastanien

HomoSchmuddel Nudeln

Von Kürbissen, Kerlen und Kastanien


Für die Schwestern


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Von Kürbissen, Kerlen und Kastanien

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Foto von shutterstock

Covergestaltung: Lars Rogmann

Copyright für die Texte liegt bei den jeweiligen Autoren

Vorwort:


Diese Anthologie zugunsten eines gemeinnützigen Zwecks entstand aus einem Wettbewerb mit drei Themenvorgaben:

Von Kürbissen und süßen Sachen

Wenn’s draußen stürmt, muss es drinnen nicht ruhig werden

Kastanien erinnern mich immer an …

Angelehnt an den Vorgängerband ‚Positive Storys‘ haben viele Autoren das Thema HIV aufgegriffen, ansonsten wird es einfach herbstlich und auch Halloween lässt grüßen.

Alle Storys, die für den Wettbewerb eingereicht wurden, sind in diesem Band enthalten. Es handelt sich dabei um Spenden: Die Autoren verzichten auf Honorare. Sämtliche Erlöse gehen an einen karitativen Verein, aktuell an die Schwestern der perpetuellen Indulgenz Berlin e.V., die sich ehrenamtlich in zahlreiche Projekte einbringen.

Ergänzt ist dieser Band um einige Bonusstorys, die außerhalb des Wettbewerbs gestiftet wurden.

Danke an alle Autoren und natürlich Danke an die Leserinnen und Leser.

Für die HomoSchmuddelNudeln:

Sissi Kaiserlos


Der Kürbis trägt Rosa - Bernd Schroeder


Armer Henri!

Erst versucht seine Freundin Rosi ihn zum Besuch einer Halloween-Party zu überreden und dann taucht auch noch diese furchtbare Britta bei ihm auf! Dabei hat er doch gar keine Lust auf diese Veranstaltung. Er sehnt sich doch nach jemand ganz anderen. Wie soll er diesen Abend nur überstehen?

~ * ~


„Ach, nun komm schon, sei kein Frosch!“

Meine Freundin Rosi konnte wirklich hartnäckig sein. Bereits seit einer geschlagenen Stunde versuchte sie mich zu überreden, mit ihr noch heute Abend gemeinsam auf eine Party zu gehen, die, der Jahreszeit entsprechend, unter dem Motto `Gay Halloween´ stand.

Den Untertitel `Der Kürbis trägt Rosa´ fand ich zwar ganz witzig, aber ich wollte mich einfach nicht zwischen irgendwelche schwitzenden Körper begeben, die, vollkommen testosterongesteuert, epileptische Anfälle imitierten und das Ganze dann auch noch für besonders cooles Balzverhalten hielten.


Ich hasste Halloween und ich hasste Partys. Genauer gesagt, hasste ich mittlerweile jegliche Ansammlungen von Menschen.

Außerdem wusste ich doch, dass meine hinterhältige Rosi wieder einmal nur einen ihrer peinlichen Versuche unternehmen wollte, mich an den Mann zu bringen.


„Du musst aber mitkommen“, nölte sie mich an. „Alleine gehe ich auf keinen Fall und wenn es dir nicht gefällt, gehen wir nach spätestens einer Stunde auch wieder brav in deine heimische Höhle zurück und dann ich spiele mit dir eine aufregende Partie Halma! Versprochen!“

„Oh Mann, du bist aber auch ein penetrantes Miststück!“, schimpfte ich ihr entgegen und hatte dabei schon das Gefühl, verloren zu haben.

Ich spürte, heute würde sie mich wirklich dazu bringen, mein Schneckenhaus zu verlassen und sie wusste genau, dass sie bereits gewonnen hatte, denn mit dem triumphierende Grinsen in ihrem Gesicht hätte man einen ganzen Straßenzug beleuchten können.


Plötzlich läutete es an meiner Tür. Ich sah auf die Uhr und war mehr als irritiert. Genau 19.00 Uhr, eine Zeit, zu der ein guter Gast punktgenau der Einladung zum Abendessen gefolgt wäre, wenn ich denn verabredet gewesen wäre. Doch ich konnte mich nicht erinnern, eine entsprechende Einladung ausgesprochen zu haben.


Rosis singender Tonfall, mit dem sie aufgesprungen war und mir ihr „Ich geh schon!“ entgegenjubelte, hätte mir ein weiteres Mal Vorwarnung sein müssen. Hier lag etwas im Argen, das von langer Hand geplant war.


Kurz darauf hörte ich gleich zwei weibliche Stimmen aus dem Flur.

Das wilde Geschnatter meiner Freundin war ja nicht schwer für mich zu erkennen, doch die andere Stimme konnte ich so gar nicht einordnen.


„Und?“, fragte die Unbekannte.

„Er hat ja gesagt. Endlich kommt er mal wieder raus!“, tirilierte Rosi, schob sich in mein Wohnzimmer und die unbekannte Frau folgte ihr.


Was hatte ich angeblich gesagt? Ich hatte mich gar nicht reden hören, doch das, was ich nun sah, unterbrach meine Gedanken.

Ehrlich gesagt war ich beim Anblick dieser Person gar nicht mehr sicher, ob es sich denn wirklich um eine Frau handelte. Vielleicht sollte man warten, bis die Labor-Ergebnisse vorlagen, um eine sichere Aussage über das Geschlecht dieses Menschen zu treffen.

Hätte meine Freundin mir diesen Schrank von Frau als sibirische Zehnkämpferin oder als ukrainische Meisterin im Kugelstoßen vorgestellt, hätte ich ihr das glatt abgenommen.

Doch stattdessen erklärte sie mir: „Das ist Britta, meine Freundin. Du weißt doch, die Maskenbildnerin.“

Ich erinnerte mich, dass Rosi einmal eine Britta erwähnt hatte. Irgendetwas von Maskenbildnerei hatte ich auch noch im Hinterkopf, aber ich verstand immer noch nicht, warum diese Frau denn nun ausgerechnet in meinem Wohnzimmer auftauchte.


Britta warf schwungvoll einen metallenen Koffer und einen kleinen Rucksack auf mein Sofa, während ich, noch immer am Esstisch sitzend, das Gefühl hatte, vollkommen überrumpelt worden zu sein.


„Ist das der Kleine?“ Britta streckte mir die Hand entgegen und sah dabei aber erst Rosi an, bevor sie sich mir widmete.


„Na, dann wollen wir doch Mal gucken, was wir daraus Schönes zaubern können.“ Britta legte ihre Hand unter mein Kinn, damit ich sie ansah, strich mit ihrem Daumen durch mein Gesicht und untersuchte danach noch meine Frisur. Ich hatte schon beinahe das Gefühl, ich sein ein junger Hund, der nun in einen neues Zuhause abgegeben werden sollte.

Immerhin, ihre Begutachtung fiel offensichtlich zu meinen Gunsten aus.


„Das ist keine Kunst“, stellte sie fest. „ Bist `n hübscher Bengel, da kann ich schnell noch so Einiges herausholen.“ Sie stupste mir grob gegen die Brust, ging ein paar Schritte zurück und öffnete ihren abgelegten Rucksack.

„Fangen wir mit dem Wichtigsten an“, bestimmte sie. „Rosi? Gläser!“


Rosi kannte sich ja in meiner Wohnung mittlerweile besser aus als ich selbst und so wunderte ich mich nicht, dass sie an meinen Schrank ging, drei Sektgläser herausnahm und diese auf dem Tisch platzierte.

Britta zog indessen eine Flasche Prosecco heraus, öffnete sie gekonnt und goss uns ein.

„Nich´ lang schnacken, Kopp im Nacken!“, bestimmte sie und wie ferngesteuert stieß auch ich mit den beiden Ladys an.


Noch immer konnte ich nicht glauben, was hier gerade passierte.

„Darf ich fragen, was das hier werden soll?“ Meine Stimme gehorchte mir leider nicht immer so, wie ich es wünschte und man konnte bestimmt auch jetzt meine Unsicherheit heraushören.


„Nö, Klappe halten und die Mutti machen lassen!“, dröhnte die gelernte Maskenbildnerin.


Rosi begann zu lachen. „Schatz! Schatzi!! Schatzilein!!!“, flötete sie mich an. „Wir gehen gleich auf eine Halloweenparty! Das bedeutete: Verkleiden und Schminken! Dachtest du etwa, die Ringe unter deinen Augen reichen schon aus, um die Leute zu erschrecken?“

„Du hast Austrinken vergessen!“, übernahm Britta wieder die Führung. „Das bedeutet, jetzt im Moment, auch Austrinken!“ Sie goss mir vom Schaumwein nach und ihr Blick ließ keinen Zweifel, dass auch ich das Glas zu leeren hatte.


Ich ergab mich meinem Schicksal, trank und spürte, wie Britta plötzlich an meinem Shirt zog. „Ausziehen!“, befahl sie.

Ungläubig sah ich sie an. Langsam begann mir diese Walküre mit dem Charme einer Gefängnisaufseherin wirklich auf die Nerven zu gehen.


„Nun mach schon“, forderte nun auch Rosi mich auf, Britta wird dir schon nicht deine Hühnerbrust wegschauen.“

Ich fasste schließlich mein Shirt am Bund und zog es mir über den Kopf.


Britta trat näher und musterte ausgiebig meinen Oberkörper.

„Hübsch“, grinste sie. „Aber was ist das denn hier?“ Da ich nicht sofort antwortete, bohrte sie nach.

„Was das hier ist, habe ich gefragt!“ Mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger streichelte sie mir über die Brusthaare, dann zog sie sogar daran.


Bevor ich antworten konnte, hatte sie bereits den Metallkoffer geöffnet.

„Wie gut, dass die Mutti auf alles vorbereitet ist“, sagte sie und nahm eine Dose Rasierschaum und einen Einwegrasierer heraus. Gleich darauf schob sie mich ins Bad, wo ich mich auf den Rand meiner Badewanne setzen musste.

Ich wurde eingeschäumt und musste mich Stück für Stück von meiner nicht sehr ausgeprägten Brustbehaarung verabschieden.


Als ich nun von jeglichem Fussel, der jemals den Weg auf meinen Oberkörper gefunden hatte, befreit war, drückte sie mir den Rasierer in die Hand.

„Den Urwald da unten kannst du ja wohl selber roden.“ Ihr Blick richtete sich eindeutig auf meinen Schritt, während ich rot anlief.


Endlich war ich von diesem Weib befreit, denn die Tür zu meinem Bad schlug hinter ihr zu.

Nur um Zeit zu gewinnen, folgte ich sogar ihrer Anweisung und begann mit der Rasur meines Intimbereiches, sei es auch nur, um den Moment der Stille auszukosten.


Die Ruhe dauerte jedoch nicht lange an. Als ich den letzten Schaum von meinem Geschlecht gespült hatte und wieder meine Boxer und die Jeans angezogen hatte, hörte ich das kreischende Gelächter der beiden aus meinem Wohnzimmer. Seufzend ging ich zu ihnen zurück.


Beide Ladys waren offensichtlich bester Stimmung, was mich nicht wirklich erstaunte. Sie hatten schließlich eine zweite Flasche geöffnet und ihre Gläser waren wieder gut gefüllt.

„So, Kleiner, dann werden wir jetzt einmal Kunst machen“, sagte Britta sachlich und stellte ihren `Zauberkasten´, wie sie den mitgebrachten Koffer nannte, auf den Tisch. Sie förderte mehrere Kästen hervor, die mich an die Wasserfarben aus meiner Schulzeit erinnerten, stellte einige Pinsel in unterschiedlicher Dicke dazu und legte noch einige Schwämmchen bereit. Das war offensichtlich die Ausstattung eines Profis.


Zunächst nahm sie einen der Schwämme und verteilte weiße Farbe auf meinem Gesicht. Augenbrauen und Lippen wurden dabei gleich mehrfach überschminkt. Mit einem feinen Pinsel begann sie, meine Augen schwarz zu umranden. Auch meine Nase bekam einen schwarzen Anstrich.

Über und unter den Lippen zog sie einige, feine Linien und umrandete das Ganze ebenfalls. Auf meinen Wangen verteilte sie mehrere Grautöne.



Mir kam die Zeit dieser schrecklichen Prozedur unendlich vor, doch dann trat sie endlich einen Schritt zurück und besah sich mit großer Selbstgefälligkeit ihr Werk.

Rosi stellte sich neben Britta und die beiden grinsten um die Wette.


„Darf ich jetzt wenigstens in den Spiegel sehen?“, fragte ich ungeduldig.

„Ne, Süßer, da fehlt noch eine Kleinigkeit.“ Der Schwamm wurde wieder mit weißer Schminke bedeckt und sie begann mich, vom Hals abwärts, über die ganze Brust verteilt, damit einzufärben.

„Hat er eine schwarze Hose?“, fragte Britta. Rosi rannte gleich los, in mein Schlafzimmer und ich hörte, wie sie meinen Schlafzimmerschrank öffnete.

Ein Einspruchsrecht hatte ich offensichtlich nicht.


Schließlich kam sie mit einer schwarzen Jeans zurück, die ich eigentlich aussortiert hatte, weil sie mir zu klein erschien.

Britta warf einen Blick darauf und schmiss sie mir auf den Schoß.

„Anziehen!“, befahl sie und mir blieb nichts anderes übrig, als vor den beiden Damen die Hose zu wechseln.


Auch das ließ ich über mich ergehen, ohnehin war ich schon viel zu tief gesunken.


„Und nun kommt die Krönung!“ Britta feierte sich offensichtlich gerne selbst.


Sie öffnete den Reißverschluss ihres Rucksackes und zog ein Hemd daraus hervor.

„Das stammt noch von meinem Ex“, klärte sie mich auf, „Der war Formationstänzer und hat den Fummel bei mir vergessen, bevor er mit seinem Tanzlehrer durchgebrannt ist.“

Gehorsam zog ich das Hemd über und begann, nach Knöpfen zu suchen, doch das war ein offensichtlich vergebliches Unterfangen.

Dieser Hauch von weißem Stoff war so geschnitten, dass ein riesigen `V´ einen freien Blick auf meine Brust zuließ.

Nur ganz unten, unterhalb meines Bauchnabels, fand ich endlich doch noch einen Knopf, der das Ganze zusammenhielt.


Die Frauen nickten sich anerkennend zu und endlich durfte ich mich im Spiegel betrachten.


Zum ersten Mal an diesem Abend erschrak ich.

Britta mochte eine nervige Person sein, aber ihr Handwerk verstand sie.

Sie hatte mein Gesicht in eine hässliche Fratze verwandelt. Da, wo sich vorher meine Lippen befanden, befanden sich nun schwarz umrandete Zähne.

Auf meinem Hals saß nun ein Totenschädel.

Nachdem ich den ersten Schock über das, was sie aus meinem Gesicht gemacht hatte, überwunden hatte, sah ich an mir herunter.

Ich musste zugeben, dass das etwas tuntige Hemd perfekt an mir saß und meinen schlanken, leicht muskulösen Körper perfekt betonte.

Außerdem fiel mir wieder ein, warum ich diese alte Hose eigentlich in die Altkleidersammlung hatte geben wollen.

Sie saß einfach zu stramm! Auf offener Straße hätte man mich, aufgrund der extremen Betonung meiner Beule, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses durchaus verhaften können.


Kopfschüttelnd kehrte ich zu den Ladys zurück.

„Das ist doch wohl nicht euer ernst?“, fragte ich vorwurfsvoll. Britta schubste mich einfach aufs Sofa, während Rosi mir mein, noch immer nicht geleertes, Glas in die Hand drückte.


„Keine Widerrede!“, befahl meine Freundin. „Es wird Zeit, dass du wieder einmal unter Leute kommst, statt noch immer deinem Frank hinterherzutrauern.“


Die große Maskenbildnerin baute sich nun auch noch mit verschränkten Armen neben ihr auf und starrte mich böse an.

„Entweder du gehst heute freiwillig mit, oder ich werfe dich über meine Schulter und trage dich den ganzen Weg. Ist das klar?“

Ich sah sie an. Als mich dabei die Erkenntnis traf, dass sie durchaus dazu in der Lage wäre, zog ich es vor zu schweigen. Ich kuschte brav und drückte mich in die letzte Ecke meines Sofas.



Während Britta sich mittlerweile an die Verwandlung meiner Freundin machte, begann ich zu träumen.


Vor zehn Monaten hatte ich mich von meinem Freund und Lebensgefährten Frank getrennt.

Ich hatte mein „großes Moppelchen“, wie ich ihn nannte, bei der Arbeit kennengelernt. Eigentlich ist er mir so richtig zugelaufen und genau genommen war es sogar Liebe auf den ersten Blick.

Als mein Chef, Herr Heister, unser Großraumbüro mit dem großen, nicht gerade schlanken Kerl neben sich betreten hatte, musste ich nur in die wundervollen, grünen Augen des „Neuen“ blicken, um zu wissen, dass vor mir eine sehr unruhige Zeit liegen würde.


„Herr Zoll, darf ich Ihnen unseren neuen Mitarbeiter vorstellen? Das hier ist Herr Frank Adam. Er wird uns von nun an in Ihrer Abteilung unterstützen. Ich möchte, dass Sie ihn durch unsere Firma führen, ihm erklären, wo er was findet und danach machen Sie ihn bitte mit unserem Computerprogrammen vertraut.“


Damit hatte sich Herr Heister verabschiedet und diese unglaublichen Augen leuchteten mich erwartungsvoll an.

Ich brauchte einen Augenblick, um mich aus ihrer Faszination zu lösen. Erst als Frank mich fragend ansah, bemerkte ich, dass ich ihn immer noch anstarrte.

Errötend stand ich auf, gab ihm die Hand und stellte mich vor. „Henri! Henri Zoll, ich freue mich, dich, äh, Entschuldigung, ich freue mich Sie kennenzulernen“, stammelte ich ihm entgegen.

Der große Bär, der mir gegenüber stand, strahlte mich an, nahm meine Hand entgegen und begann zu lachen.

„Ich bin Frank und wenn es für dich in Ordnung ist, können wir uns gerne duzen.“


Ich werde nie vergessen, welch elektrischen Schlag ich bekam, als sich unsere Hände zum ersten Mal berührten. Ich wusste, dieser Mann war etwas ganz Besonderes.

Ich führte ihn durch die leicht unübersichtlichen Räumlichkeiten unseres Betriebes, stellte ihn anderen Kollegen vor und zeigte ihm den Gang zu unserer Kantine. Dies war schließlich der wichtigste Weg eines jeden Arbeitstages.


Zurück im Büro, richtete er sich den Schreibtisch ein, der dem meinem gegenüberstand und ich erklärte ihm, was er über unsere Computer wissen musste. Immer wieder stellte er Fragen, auf die ich nur zu gerne reagierte.

Häufig stellte ich mich beim Beantworten hinter ihn und legte eine Hand auf seine Schulter, während ich mit der anderen erklärte, auf den Bildschirm zeigte und in seine Arbeit helfend eingriff.

Der Typ roch auch einfach zu gut und war trotz seiner leichten Rundungen zu verführerisch.

Ich kann nicht einmal sagen, was mich an ihm derartig fasziniert hat, aber später wusste ich, dass man Liebe nicht immer erklären kann.


Am Ende seines ersten Arbeitstages bedankte er sich dann sehr höflich bei mir. „Dafür, dass du so geduldig mit mir warst, würde ich dich gerne auf ein Getränk einladen“, sagte er und mir fiel auf, dass die leichte Röte diesmal in seine Wangen fuhr. „Natürlich nur, wenn du Zeit hast“, schob er hinterher.

Sein kleiner Anfall von Verlegenheit machte ihn für mich nur noch attraktiver. Er war einfach zu niedlich, wie er so vor mir stand.


Einen Augenblick lang stutzte ich, doch dann wurde mir klar, dass ich mehr über ihn erfahren musste. Diese Gelegenheit konnte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.

„Gerne, wenn deine Freundin nichts dagegen hat, können wir ja noch ein schnelles Feierabend-Bier nehmen“, tastete ich mich langsam vor.

Sofort begann Frank zu strahlen und ich hätte ihm am liebsten in seine Wangen gekniffen, um ihn zu unserem ersten Kuss an mich zu ziehen.


Wir verließen gemeinsam das Büro und kehrten in ein kleines Bistro in der Nähe ein, wo wir uns stärkten und eine Flasche Wein miteinander teilten.

Der große Typ mit dem Bauchansatz war tatsächlich so bezaubernd und sympathisch, wie ich es vermutete hatte.

Wir fanden jede Menge Themen, über die wir reden konnten, hatten denselben, etwas schrägen Humor und als er mir dann gestand, dass er sich sechs Monate zuvor von seinem Lover getrennt hatte, war es endgültig um mich geschehen.

Er war genauso schwul wie ich und ich erlaubte mir, in ihm mehr zu sehen, als nur den neuen Arbeitskollegen.

Eindeutig war ich, nach langer Zeit, wieder einmal richtig verliebt.

Als wir uns an diesem Abend trennten fand ich richtig schade, dass nicht mehr zwischen uns passiert war.


Aber wir sahen uns von nun an ja jeden Tag bei der Arbeit. Ich freute mich jeden Morgen auf den Dienstbeginn.

Nach Feierabend gingen wir oft noch zusammen aus und das kleine Bistro war längst zu unserem Lieblingslokal geworden.

Ich ließ mich sogar von seiner Liebe zur Oper mitreißen und begleitete ihn eines Abends ins Theater.

Nachdem alle wichtigen Personen auf der Bühne endlich unter lautem Wehklagen verstorben waren und die Zuschauer den wieder auferstandenen Akteuren frenetischen Beifall gezollt hatten, spürte ich beim Verlassen des Gebäudes, wie er, vorsichtig und schüchtern, nach meiner Hand griff.


„Es gibt da etwas, was ich dir gerne sagen würde“, stammelte er so leise, dass ich es kaum verstand, doch seine Augen sprachen Bände.

In der Hoffnung, seinen Blick und seine Gesten nicht falsch verstanden zu haben, zog ihn einfach an mich, legte meine Arme um ihn und wir trafen uns zu unserem ersten Kuss.

Ich hatte mich nicht geirrt. Er empfand für mich offensichtlich dasselbe, wie ich für ihn, denn sein Drängen, mit dem er meinen Kuss erwiderte, war mehr als eindeutig.

„War es das, was du mir sagen wolltest?“, fragte ich, nachdem wir uns kurz voneinander gelöst hatten.

Frank nickte nur stumm und vor Rührung hatten wir beide mit den Tränen zu kämpfen.


An diesem Abend begann die schönste Zeit meines Lebens. Frank und ich wurden ein Paar.

Schon nach wenigen Monaten zogen wir in eine gemeinsame Wohnung. Unser Zusammenleben war perfekt aufeinander abgestimmt. Wir mochten dieselben Dinge, liebten es, auf dem Sofa zu relaxen und der Sex mit ihm war einfach nur bombastisch. Es verging kein Tag, an dem wir nicht mindestens einmal übereinander herfielen.

Wir waren das perfekte Duo.

Nichts wünschte ich mir mehr, als dass dieser Zustand die Ewigkeit bedeutete.



Doch dann pochte das Schicksal an die Pforte.

Die Aufträge für unsere Firma wurden weniger und bald schon gab es die ersten Gerüchte über Entlassungen.

Alleinverdienern und langjährigen Mitarbeiter wurde zwar zugesichert, dass sie ihre Arbeitsplätze behalten konnten, doch Mitarbeiter, an denen keine Familie hing, sowie die zuletzt Eingestellten traf es mit der ganzen Härte.


Mein Frank war einer von ihnen. Da er noch nicht lange genug unter Vertrag gestanden hat, fiel auch die Abfindung eher karg aus.

Die Nachricht traf ihn wie ein Schlag, doch ich versuchte ihn so gut aufzufangen, wie ich konnte.


Mit weniger Geld auszukommen fiel uns leicht. Unsere Ansprüche waren nicht übermäßig hoch, doch die Rollenverteilung in unserer Beziehung wurde neu strukturiert.


Anfangs übernahm mein Freund nahezu komplett den Haushalt, verschickte fleißig Bewerbungen und gab sich reichlich Mühe, seine ihm nun zur Verfügung stehende Zeit in unser Zusammenleben zu investieren.

Doch nach einigen Wochen, als immer mehr Absagen ins Haus geflattert kamen, wandelte sich seine Enttäuschung schleichend in Antriebslosigkeit um.


Es kostete mich immer mehr Überredungskunst, ihn wenigstens ab und zu noch zu irgendwelchen Aktivitäten zu animieren.

Selbst den Spaß an seinen geliebten Opernbesuchen hatte er verloren.


Stattdessen schlief er immer länger und wenn ich morgens das Haus verließ, bekam ich statt eines Abschiedskusses immer häufiger nur ein Brummen zu hören.

Ich musste im Haushalt wieder wesentlich mehr mit anpacken, da viele Arbeiten sonst vollkommen liegengeblieben wären.

Wenn ich am späten Nachmittag nach Hause kam, lag Frank meistens auf dem Sofa, im Fernseher lief irgendein Schwachsinn und er stopfte eine Tüte Chips in sich hinein oder hatte bereits eine ganze Tafel Schokolade verputzt.

Den Kampf gegen Gummibärchen und Lakritz-Schnecken hatte er zu einer neuen Sportart erhoben. Schon bald war er der Meister dieses Faches. Auch andere Süßigkeiten bezwang er vollkommen problemlos und in rauen Mengen.


Abends folgten dann immer ein bis zwei Bier oder mehrere Gläser Rotwein und selbst beim Sex wurde er träge, lehnte mein Drängen immer häufiger ab, weil er zu müde, oder gerade nicht in Stimmung war.


Doch ich wusste ja, es war eine schwere Zeit für ihn.

Ich versuchte ihm, so gut ich konnte, beizustehen. Ich redete ihm gut zu, forderte ihn auf, mit dem Schreiben von Bewerbungen wieder anzufangen oder sich um Weiterbildungen zu kümmern.

An guten Tagen versprach er mir, sich gleich am nächsten Tag darum zu kümmern und stimmte mir zu.

An schlechten Tagen bekamen wir uns hingegen heftig in die Haare.

Er warf mir dann vor, dass ich ihn nicht mehr lieben würde, weil er kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mehr sei. Für mich war das natürlich der absolut platte Unsinn, doch ich begriff langsam, dass er sich wirklich so sah.

Mein Frank hatte sich nahezu selbst aufgegeben und das zu sehen tat weh.


Ich schlug ihm vor, sich um eine Therapie zu kümmern.

Man musste kein Arzt sein, um zu erkennen, dass sich bei meinem Frank eine handfeste Depression eingeschlichen hatte.


Mit Engelszungen begann ich auf ihn einzureden, doch das Ergebnis blieb gleich null.

Ich versuchte, ihm noch mehr Liebe und Verständnis entgegenzubringen, um ihm zu zeigen, wie sehr ich an ihm hing, doch auch diese Versuche prallten an ihn ab.

Immer häufiger stritten wir, laut und erbarmungslos, sodass selbst die Nachbarn mich fragten, ob es meinem Lebensgefährten nicht gut ginge. Ich nahm diese Vorwürfe auf mich und erklärte, dass es sich bei uns um eine vorübergehende Krise handeln würde, denn immer wieder versöhnten wir uns.

Doch gegen den stetigen Abbau meines geliebten Freundes war ich machtlos.


Dann kam der Abend unseres persönlichen `Waterloos´. Die Niederlage unserer Beziehung war unausweichlich.


Ich kam, nach einem ohnehin stressigen Tag, aus dem Büro, schloss die Tür auf und fand den Küchentisch noch immer mit unserem Frühstücksgeschirr beladen. Selbst die Lebensmittel gammelten noch darauf vor sich hin.

Lediglich der leere Pizzakarton eines Lieferservices, der vom Mittagessen meines Liebsten sprach, war noch hinzugekommen.


Ich ging in das Schlafzimmer, um meine Jacke abzulegen. Dort sah es aus, als seien die Husaren hindurchgeritten.

Auch im Wohnzimmer sah es nicht besser aus. Hier hatten offensichtlich die Hunnen ihr Unwesen getrieben.

Meinen Freund fand ich, wieder einmal, schlafend vor der Glotze sitzend, auf dem Sofa.

Sein Shirt war hochgerutscht und sein blanker, in den letzten Wochen stark gewachsener Bauch gähnt mir entgegen, während er ein lautes Schnarchen von sich gab.

Wütend, aber still, begab ich mich in die Küche und begann mit den Aufräumarbeiten.

Als die Arbeit fast getan war erschrak ich, als ich seine verschlafene Stimme hinter mir hörte.

„Ach, das wollte ich doch eigentlich machen“, murmelte er.

Mit zusammengebissenen Zähnen presste ich hervor: „Hast du aber nicht.“

„Hätte ich aber noch!“


Das war zu viel für mich. Ich platzte und begann zu brüllen, wie ich noch nie in meinem Leben gebrüllt hatte.

Monatelang hatte ich alles versucht ihm beizustehen, hatte mir Mühe gegeben, Verständnis für ihn aufzubringen.

Ich versuchte ihn immer wieder zu motivieren, wollte ihn wachrütteln. Doch all das war vergebens.


Ja, ich liebte ihn, brauchte ihn und wollte ihn, doch auch meine Kräfte waren nicht unerschöpflich.

Nachdem ich alle meine Vorwürfe aus mir herausgeschrien hatte, nuschelte ich erschöpft: „Und sieh zu, dass du abnimmst, du siehst aus wie ein Walross! Ich kann dich nicht mehr sehen“, hinterher.

Kraftlos verließ ich die Wohnung und ging mehrere Stunden ziellos durch die Straßen unserer kleinen Ortschaft.


Als ich zurückkam war Frank verschwunden. Er hatte das meiste seiner Kleidung aus dem Schrank geräumt, seine persönlichen Utensilien aus unserem Bad waren verschwunden und auf dem Küchentisch lag lediglich ein Zettel.

„Verzeih mir!“, stand darauf, sonst nichts.


An jenem Abend blieben meine Versuch, ihn auf dem Handy zu erreichen ebenso vergeblich, wie in den nachfolgenden Tagen.

Obwohl ich wusste, dass er sich bereits vor Jahren mit seiner Familie zerstritten hatte, versuchte ich Kontakt zu ihnen aufzunehmen, doch man wollte von ihm genauso wenig wissen, wie von mir.

Meine systematischen Anrufe in sämtlichen Krankenhäusern der Stadt blieben ohne Ergebnis und die Polizei erklärte mir, dass sie nichts machen könnten.

Frank blieb verschwunden.

Jeden Tag betete ich, dass er zu mir zurückkommen würde, denn ich vermisste ihn doch so sehr.

Mein schlechtes Gewissen über das, was ich ihm an den Kopf geworfen hatte, nagte an mir und wenn es gar zu still war in unserer Wohnung, überkam mich immer wieder die Horrorvision, dass es doch noch an der Tür schellte und mir zwei Polizeibeamte eine schreckliche Mitteilung machen würden.


Mir selbst hatte die Trennung so schwer zugesetzt, dass ich, abgesehen von meinem täglichen Gang zur Arbeit, kaum noch aus dem Haus ging.



Erst als sich vor drei Monaten meine neue Nachbarin bei mir vorstellte, begann ich wieder einigermaßen in das Leben zurückzukehren. Rosi wohnte seitdem in der Wohnung neben mir. Ihre positive, lebensbejahende Art gefiel mir vom ersten Augenblick.

Sie war es, die mich aus meiner Lethargie lotste und mich Stück für Stück wieder in ein nahezu normales Leben zurückführte.

Einer Massenveranstaltung, wie die Halloweenparty heute Abend, fühlte ich mich aber noch nicht wirklich gewachsen. Ich begann gerade mich wieder darüber zu ärgern, dass ich mich dazu hatte überreden lassen, als mich Rosis Stimme aus meinen Grübeleien weckte.


„Was du dazu sagst, will ich wissen.“ Sie hatte ihre Frage zum zweiten Mal stellen müssen, bevor ich den Kopf hob und sie ansah.

Genauer gesagt, ich sah gar nicht mehr Rosi an, sondern Morticia, die Mutter der Addams Family stand vor mir.

Auch hier hatte Britta ganze Arbeit geleistet. Rosis lange, schwarze Haare waren geglättet und Weiß schien Brittas Lieblingsfarbe zu sein, wenn es um das Schminken von Gesichtern ging. Rosis Augen wirkten noch größer und der einzige Farbtupfer war ihr roter Mund.

Mir war klar, wenn Rosi gleich noch in das schwarze Kleid schlüpfen würde, das sie mir schon vorhin bei ihrer Ankunft gezeigt hatte, würde es mich nicht wundern, wenn das eiskalte Händchen aus ihrer Handtasche herauswinken würde.


„So, nun mache ich mich noch schnell fertig und dann geht es los!“. Brittas Ton ließ wieder einmal keinen Widerspruch zu.

Sie nahm einen Lippenstift aus ihrer Zauberbox, zog ihn sich geschickt über die Lippen und stellte fest: „Fertig, wir können los!“


Die Frage, die sich mir aufdrängte, nämlich ob das alles sei, was sie im Vergleich zu Rosi und mir mit sich selbst anstellen würde, musste ich gar nicht erst aussprechen.

Sie baute sich vor mir auf, sah mir scharf in die Augen und stellte fest: „Schatzi, guck mich an. Ich habe schon das ganze Jahr über Körper-Fasching, da brauche ich keine Kostüme!“

Mir fiel darauf nichts anderes ein, als nach dem Telefon zu greifen und uns ein Taxi zu bestellen.



Ca. 30 Minuten später erreichten wir dann den Club, in dem die Party stattfand.

Während Rosi den Taxifahrer bezahlte, stiegen Britta und ich bereits aus.

Der Veranstalter hatte schon im gesamten Eingangsbereich jede Menge Dekoration auffahren lassen. Von Überall grinsten uns geschnitzte Kürbisse an und jeder von ihnen war tatsächlich mit rosa Farbe besprüht worden.


Wir waren relativ früh dran und so mussten wir nicht übermäßig lange warten, bis wir unsere Eintrittsgelder entrichtet hatten und jedem dafür ein Plastikarmband um das Handgelenk gelegt wurden.

Auch der Innenraum war reichlich mit Kürbissen, Masken und allerlei sonstigem Schnickschnack ausgestattet. Ganze Schwärme von Fledermäusen aus Gummi hatten hier ihren Weg in die Freiheit gefunden.

Auf den Tischen und auf der Theke waren Schalen mit typischen Süßigkeiten, zum Thema passend, verteilt und eine gut sichtbar abgestellte Flipchart warb für ein Getränk, das sich `Blutkürbis´ nannte. Ich wollte lieber nicht wissen, was sich dahinter verbarg.


Wir gingen zunächst an die Bar und bestellten etwas zu trinken. Auf der Tanzfläche zappelten die ersten Besucher bereits rhythmisch zur Musik. Ich sah mich um und stellte fest, dass trotz der zahlreichen, gut aussehenden Burschen um mich herum keiner dabei war, der mich wirklich interessierte.

Rosi sah mir meine schlechte Laune offensichtlich an. „Nun grummel doch nicht so, dein Traumprinz des Abends wird vielleicht noch später kommen.“

Britta griff mir mit zwei Fingern an die Mundwinkel und zog sie so nach oben.

„Dabei kannst du so hübsch aussehen, wenn du lächelst.“

Ich reagierte mit einem fiesen Grinsen, das wahrscheinlich meinem geschminkten Gesicht einen Hauch von Unwiderstehlichkeit verlieh.

Rosi und Britta lachten.

Immerhin hatten die zwei ihren Spaß, wenn auch auf meine Kosten.


Langsam füllte sich der Laden und auch auf der Tanzfläche wurde es voller.

Der Alkohol entspannte mich zwar ein wenig, aber wirklich in Partystimmung war ich noch immer nicht.

Eigentlich war ich schon drauf und dran mich von den beiden Ladys zu verabschieden, um den restlichen Abend daheim zu verbringen, als mich ein seltsam wohliges Gefühl beschlich.

Hinter mir stand ein offensichtlich junger Mann und bestellte Getränke. Ich drehte mich zu ihm um, doch sein Gesicht blieb mir verborgen, da er mir den Rücken zugewandt hatte.


Eigentlich waren es immer die Augen, die mich an einem Mann, der mich interessierte, zuerst ansprachen, doch bei diesem Typen war irgendetwas anders.

Eine seltsame Faszination ging von ihm aus, obwohl er mir doch nur einen Blick auf seine Rückenpartie gewährte.

Auch als er seine bestellten Getränke nahm und sich entfernte, konnte ich ihn nicht aus den Augen lassen.

Ich starrte auf seine breiten Schultern, die in einem weißen Hemd steckten und bewunderte seinen geilen Hintern, der ebenfalls in eine schwarze Jeans gegossen war.


Meinen beiden Begleiterinnen blieb meine Reaktion nicht verborgen. Britta gluckste, Rosi lachte und ich wurde so aus meinen beginnenden Tagträumen gerissen.

„Was denn, ihr blöden Sumpfhühner?“, stieß ich hervor, doch sofort sah ich wieder diesem Typen hinterher, der sich an einen der Tisch setzte.

„Könnte ja doch noch ein schöner Abend für dich werden, oder?“ Obwohl ich Rosis direkte Art mochte, hätte ich sie in diesem Moment dafür erschlagen können.

Für sie war ich ein offenes Buch und jederzeit, wenn sie wollte, las sie in mir.


„Nun mach schon, Tiger! Versuch es doch wenigstens. Ein Tanz schadet doch nicht!“

Natürlich musste sich nun auch noch Britta einmischen, doch im Grunde hatten sie ja beide recht.


Ich erhob mich und versuchte mich durch die Menge zu dem Kerl durchzuschlagen, doch der war bereits aufgestanden und drängte sich zur Tanzfläche.

Noch immer war mir nur sein Rücken zugewandt, als ich beobachtete, wie er einen großen, kräftigen Dunkelhäutigen anzutanzen begann. Darauf gesellte sich sofort noch ein wesentlich jünger aussehender Bengel hinzu und sie tanzten zu dritt miteinander.


Enttäuscht hätte ich beinahe den Versuch aufgegeben, mich an den Kerl heranzumachen, als ich von kräftigen Händen weitergeschoben wurde.

„Vergiss es, Kleiner! Du ziehst das jetzt durch!“ Britta hatte mich gepackt und zog mich mit Riesenschritten in die Mitte der Tanzfläche, bis wir bei dem Dreigestirn angekommen waren. Das Objekt meiner Begierde und ich bewegten uns nun Rücken an Rücken und wieder fühlte ich diese ganz besondere Ausstrahlung des Typens hinter mir.

Plötzlich und unerwartet gab Britta mir einen Schubs und ich fiel gegen den Kerl hinter mir, während sie lachend in der Menge verschwand.


Ich drehte mich um, um ich zu entschuldigen, doch mir versagte die Stimme.

Ich blickte direkt in das Gesicht von Frank.


Ungläubig musterte ich ihn. Er hatte offensichtlich stark abgenommen, denn von seinen Rundungen war nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen stand der Mann meiner Träume wieder vor mir und war schöner als je zuvor.


Frank brauchte einen ganze Weile, bis er mich endlich erkannte. Mich wunderte das nicht, schließlich hatte ich mich vor wenigen Stunden vor dem Spiegel selbst kaum wiedererkannt.

„Henri?“ Er sagte nur meinen Namen, doch ich erkannte, wie brüchig seine Stimme war.


Ungefähr 1500 Raketen zündeten gleichzeitig in meinem Kopf. Ich wusste einfach nicht, was ich nun tun sollte.

Meinem ersten Impuls, ihm um den Hals zu fallen, ihn in meine Arme zu ziehen um ihn nie wieder freizugeben, konnte ich nicht nachgeben. Viel zu groß war meine Wut darauf, dass er einfach so verschwunden war. Die Nächte, die ich schlaflos vor Sorge um ihn verbracht hatte, waren nicht vergessen.

Ich ballte sogar kurz meine Fäuste und dachte daran, sie ihm in Gesicht zu schlagen, doch stattdessen steckte ich meine Hände vorsichtshalber in die Hosentaschen.


Gerade als ich es mir trotz meiner verwirrten Gedanken anders überlegt hatte und die Hand ausstreckte, um sie sanft auf seine Wange zu legen, umschlangen ihn von hinten zwei starke, muskulöse Arme.

Der große Dunkelhäutige zog Franks Körper an sich und funkelte mich an.

„Macht der Kerl dir etwa Ärger?“ Sein zorniger Blick, der eindeutig gegen mich gerichtet war, die Aggression in seiner Stimme, gepaart mit der besitzanzeigenden Geste, waren absolut eindeutig.

Diese sechs Worte reichten aus, um die Situation endlich zu begreifen.


Frank hatte einen Neuen und ich konnte es ihm nicht einmal verdenken. Der Typ sah aber auch unverschämt scharf aus. Selbst der Kleine, der neben diesem Muskelprotz stand, sah in verliebt an.


Stumm wendete ich mich von ihnen ab. Träge und kraftlos schlurfend, verließ ich die drei Gestalten, bis ich mich genug gesammelt hatte, um zu verstehen, dass ich so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden musste.


Die Tränen, die mir aus den Augen traten, verschleierten meinen Blick, als ich mich durch die Massen der Feiernden drängte. Immer wieder stieß ich gegen fremde Menschen, die mir ihre Beschimpfungen hinterher warfen.

Irgendwo, aus weiter Ferne, mengte sich noch Rosis Aufforderung, ich solle doch warten, in diese Geräuschkulisse. Doch ich wollte sie nicht hören.

Als ich endlich das Freie erreichte, lief ich los, ohne zu wissen, wohin es mich zog.

Vollkommen kopflos überquerte ich die Straße vor dem Club. Als ein Auto mit quietschenden Reifen gerade noch vor mir zum Stehen kam, war mir auch das egal.

Ich schlug mit den Fäusten auf die Motorhaube ein und starrte kurz auf den Fahrer. Mein noch immer zur Fratze geschminktes Gesicht reichte vermutlich aus, um dem Insassen des PKWs einen gehörigen Schreck einzujagen. Der Wagen setzte zurück und umfuhr mich, da ich noch immer mitten auf der Straße stand.


Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine kleine Grünanlage, die ich nun ansteuerte. Ich ließ mich auf einer Parkbank nieder und schlug die Hände vor mein verheultes Gesicht.

Ich spürte weder die Kälte, noch den Körper, der sich nach wenigen Minuten neben mich setzte.

Erst als sich eine Hand auf meine Schulter legte, begann ich wieder zu denken.

„Verpiss dich, Rosi! Ich möchte allein sein!“ Ich war nicht gerade nett zu meiner Freundin, aber letztlich war doch ohnehin alles ihre Schuld.


„Wer ist Rosi?“, hörte ich Franks Stimme. Hastig sprang ich auf. Er war es also, der mich verfolgt hatte.

„Was willst du gottverdammter Idiot von mir? Habe ich dir und deinem Stecher etwa den Abend versaut? Oder warst du wirklich auf einen Fick zu dritt mit dem Kleinen aus?

Wo warst du in den letzten Monaten? Hast du auch nur den Ansatz einer Ahnung, wie ich gelitten habe?“

Ich überschlug mich förmlich bei der Flut meiner Worte.

Ich hob die Hände und wollte Frank tatsächlich schlagen, wollte meine Wut an ihm abreagieren.

Doch Frank war schneller, hielt meine Hände fest, umklammerte sie und ging vor mir auf die Knie.


„Tayo ist nicht mein Stecher, er ist nur ein guter Freund, den ich beim Sport kennengelernt habe. Zwischen ihn und seinen Yannik passt nicht einmal ein Blatt Papier.

Henri, bitte! Hör mir zu. Lass uns reden!“ Franks flehender Blick ließ mich nicht kalt. Noch immer wollte ich in diesen Augen ertrinken. Noch immer wollte ich diese Hände spüren, die mich jetzt festhielten. Noch immer schlug mein Herz für diesen Kerl.


Immerhin verstand ich, dass weder dieser Tayo, noch sein Freund zwischen uns standen.

Mit einem Ruck löste ich mich aus dem Schraubstockgriff seiner Hände und setzte mich wieder auf die Bank. Ohne Frank anzusehen, wies ich auf den Platz neben mir.


Frank atmete tief durch, als er sich setzte. Endlich begann er zu erzählen:

„Es tut mir so wahnsinnig leid, was ich dir alles angetan habe. An dem Abend, als wir uns so gestritten haben, da habe ich mich so furchtbar geschämt, vor mir selbst, aber erst recht vor dir.

Ich war fett geworden, bin dir mit meinen Launen auf die Nerven gegangen. Ich war faul und träge. Alles habe ich dir überlassen, die Wohnung, das Geldverdienen, einfach alles. Nicht einmal im Bett konnte ich dich noch befriedigen. Ich war ein wertloses Stück Gammelfleisch. Und du dagegen?“ Frank lachte kurz und bitter auf, fuhr aber gleich fort.

„Du warst so lieb und verständnisvoll. Du hast alles für mich gemacht, hast versucht mich wieder ins Leben zu katapultieren, aber ich hatte die Kraft nicht, mich aufzuraffen.

Als du dann sagtest, du könntest mich nicht mehr sehen, da war es um mich geschehen. Ich wusste, dass ich für dich nur noch eine Last war. Deshalb habe ich beschlossen, dich von dieser Last zu befreien. Du hast ein Recht darauf glücklich zu werden, aber mit mir an deiner Seite ging das einfach nicht.

Ich wollte für immer aus deinem Leben verschwinden und für jemanden Platz machen, den du verdienst. Bitte, verzeih mir.“


Ich hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte. Dass er es ernst meinte konnte ich heraushören, aber die Ungewissheit, in die mein Freund mich geworfen hatte, saß einfach zu tief.


„Und was ist das mit diesem Tayo und seinem kleinen Schoßhund?“, fragte ich bitter.

„Tayo und Yannik sind nur sehr gute Freunde von mir. Die beiden lieben sich so, wie wir uns geliebt haben.

Als ich unsere Wohnung verlassen habe, habe ich mich zunächst in ein Hotelzimmer eingemietet. Hier ist mir dann klar geworden, dass es so mit mir nicht weitergehen konnte.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob ich mein Leben nicht besser ganz beenden sollte, doch selbst dazu war ich zu feige.

Zwei Tage später habe ich mir dann ein möbliertes Zimmer gemietet, in dem ich jetzt noch hause.

Aber ich habe auch Fortschritte gemacht. Ich gehe jetzt regelmäßig zur Therapie und bin in ärztlicher Behandlung. Ich nehme an einer Maßnahme der Arge teil, um mich weiterzubilden. Ich schreibe wieder regelmäßig Bewerbungen und hatte schon ein paar Vorstellungsgespräche. Ich arbeite sogar freiwillig für die Tafel, sammle Lebensmittel in Geschäften ein, um sie dann an Bedürftige zu verteilen.

Und: Ich gehe sogar regelmäßig zum Sport. Daher kenne ich auch Tayo und Yannik. Sie haben mich überredet, heute Abend hierher zu kommen. Es ist der erst Abend seit unserer Trennung, an dem ich mich wieder aus dem Haus traue.

Schau nur, die dicke Wampe ist fast ganz weg!“


Frank schlug sich stolz mit der flachen Hand auf den Bauch.

Ich musste lachen, trotz der Tränen, die wieder an meiner Wange herunterkullerten. Er sah einfach zu süß aus.

Ich sah ihn von der Seite an und wusste, dass ich ihm verzeihen musste. Vorsichtig legte ich meine Hand auf seinen Bauch und ließ sie zärtlich zu seinen Seiten gleiten.

„Und wo sind, bitteschön, die kleinen Röllchen, die ich an dir so mochte? Es waren immerhin meine Röllchen und du hättest mich wenigstens fragen können.“ Ich kniff ihm bei dieser Frage leicht in die Seite.

Mein Frank lachte mit tränenerstickter Stimme auf. „Heißt das, du nimmst mich zurück, wenn ich dir verspreche, dass ich ab morgen nur für dich das Fressen wieder anfange?“

Auch seine Augen hatten inzwischen auf beginnenden Tropenregen umgestellt.

Ich schlug ihm mit dem Handrücken gegen die Brust, was ihn kurz aufstöhnen ließ.

Offensichtlich war er wirklich wieder dabei, sich zu fangen. Zumindest seinen sonnigen Humor, den ich doch so sehr mochte, hatte er zurückbekommen.


„Das heißt, ich nehme dich zurück, wenn du mir versprichst, dass du auch weiterhin an dir arbeitest, du blöder Dummbeutel!

Etwas anderes habe ich nie gewollt und nie von dir verlangt. Ich möchte für dich da sein und mein Leben mit dir teilen! Ich will, dass wir zusammen durch dick und dünn gehen, ich will, dass…!“


Weiter kam ich nicht. Frank verschloss meinen Mund mit einem innigen Kuss. Endlich lag ich wieder in seinen Armen. Dass es noch ein weiter Weg war, den wir zu gehen hatten, dass wir noch viele Gespräche würden führen müssen und dass auch unser zukünftiges Leben kein Ponyhof werden würde, war mir durchaus bewusst.

Aber ich wollte ihn wiederhaben und ich musste ihn einfach wiederhaben.


Wir waren so mit uns beschäftigt, dass wir gar nicht merkten, dass gleich vier Menschen hinter uns standen.

Erst als Rosi sich räusperte, um mir dann meine Jacke zu geben, unterbrachen wir unser Zungenspiel.

Yannik reichte Franks Jacke herüber und erst jetzt bemerkte ich, wie kalt es in diesem Fummel war, den ich trug.

Verschämt grinste ich Yannik, Britta, Tayo und natürlich Rosi an.

„Ich glaube, mein Freund und ich wollen nach Hause. Ist das O.K. für euch?“, fragte ich zaghaft. Ich wollte mit meinem Schatz allein sein und hatte außerdem das dringende Bedürfnis, mir die Farbe aus dem Gesicht zu waschen. Wer küsste schon gerne einen Totenschädel?


Wenige Minuten später saßen mein Mann und ich in Tayos Wagen, der uns dann direkt vor der Haustür absetzte, bevor er zurück zu seinem Yannik fuhr.


Epilog



Einige Wochen später:

Erschöpft, aber glücklich, rollte ich mich vom Körper meines Freundes herunter und blieb schnaufend neben ihm liegen.

Frank ging es offensichtlich ebenso. Nach Luft ringend nahm er meine Hand.

Seit wir wieder zusammen waren, war auch unser Bettsport noch besser und noch intensiver geworden, als zu Beginn unseres Kennenlernens.



Frank hatte mittlerweile wieder einen neuen Job gefunden. Er verdiente zwar etwas weniger, als in unserer Firma, aber das war ihm egal. Er hatte wieder eine Aufgabe, der er gerne nachkam.

Seine Therapie war zwar eigentlich erfolgreich abgeschlossen, aber er besuchte noch immer regelmäßig eine Selbsthilfegruppe für Patienten mit Depressionen.

Seinen Sport vernachlässigte er ebenfalls nicht, obwohl ich seine kleinen Pölsterchen schon ein wenig vermisste.

In vielen Gesprächen hatten wir endgültig wieder zusammengefunden. Zwischen uns war alles bereinigt und unsere Freunde schüttelten nur die Köpfe, wenn wir wieder einmal nicht voneinander lassen konnten und wie die Frühlingssperlinge miteinander herumschnäbelten.

Lediglich seine Arbeit für die Tafel war in den Hintergrund gerückt, aber nicht vergessen.



„Frohe Weihnachten, mein Schatz!“, flüsterte er mir ins Ohr. „Frohe Weihnachten!“, flüsterte ich zurück und sah auf den Wecker, der neben unserem Bett stand.

16.30 Uhr, behauptete das dumme Ding und ich wurde unruhig. Wir hatten den kompletten ersten Weihnachtstag im Bett verbracht. Das war ein gemeinsamer Wunsch, den wir uns nur zu gerne erfüllten.

Schließlich mussten wir Heiligabend schon bei meiner Sippe verbringen.



„Schatz, ich fürchte, wir müssen doch mal so langsam aufstehen. Wir wollen doch unsere Gäste nicht hier im Bett begrüßen, oder?“ Mein Frank antwortete nicht sofort, sondern presste seine Lippen auf meine.

„Und wenn schon…“, brummelte er mir zärtlich entgegen. Sanft küsste er sich an meinem Hals herunter, um meinen Körper mit weiteren Küssen zu bedecken. Sofort wurde ich wieder spitz.

„Was soll´s“, dachte ich und lieferte mich bereitwillig wieder den kundigen Händen meines Freundes aus.

Immerhin hatten wir alles gut vorbereitet. Die Getränke waren kaltgestellt, das Essen musste nur noch in den Ofen geschoben werden und eine festliche Tischdekoration würde mein Frank in wenigen Minuten zaubern können.

Yannik und Tayo würden erst gegen 20.00 Uhr bei uns sein, denn sie verbrachten den Nachmittag bei Yanniks Familie.

Rosi wohnte ohnehin nebenan und ich musste nur bei ihr klingeln, um sie herüberzubitten.

Außerdem würde sie ohnehin noch auf ihre Freundin warten wollen.

Britta hatte auch am ersten Weihnachtstag natürlich Dienst. Sie musste bis zum Ende der Weihnachtsvorstellung warten, um Perücken und falsche Bärte in Empfang zu nehmen, oder beim Abschminken der Akteure zu helfen.

Weder Frank noch ich hätten jemals gedacht, dass zwischen den beiden Ladys einmal mehr laufen würde, als nur der Fernseher.

Heute würden drei glückliche Paare einen schönen Weihnachtsabend erleben.



ENDE

Von Kürbissen und anderen süßen Sachen - Elena Losian



Jonathan hat große Pläne für die Halloween Party am Freitag: Umwerfend gut aussehen und seinen Schwarm Etienne rumkriegen. Dummerweise muss er sich zunächst mit der Frage nach dem perfekten Kostüm herumschlagen, dann mit seinem unkooperativen Zwillingsbruder und schließlich mit einem sehr peinlichen Aufklärungsgespräch seiner Mutter. Da gilt es, bloß nicht die sowieso schon strapazierten Nerven zu verlieren und darauf zu hoffen, dass zwei Dinge im Leben sicher sind: Die vorbehaltlose Unterstützung seines Bruders und die beruhigende Wirkung von Mamas Kürbiskuchen.

~ * ~



Ich mag den Herbst. Ganz ehrlich, eigentlich finde ich, dass der Herbst die schönste Jahreszeit überhaupt ist. Was will man auch mehr? Es gibt Kürbiskuchen, Kürbisbrot, Kürbiswaffeln, Kürbisscones, Kürbissuppe, Kürbiscookies... andere Süßigkeiten, Halloween... Man kann wieder dicke Pullover tragen, alles ist bunt draußen... und habe ich schon die Kürbisse erwähnt?



Ich bin total süchtig nach Kürbissen. Diese Sucht hat mit meinem vierten Lebensjahr begonnen, als ich zum allerersten Mal Kürbiskuchen gegessen habe und auch zwölf Jahre später bin ich noch lange nicht kuriert. Meine Mutter hat bereits vor einigen Jahren angefangen, Kürbisse im Garten anzubauen und sie schmecken hervorragend. Es ist bei meinem Verschleiß einfach günstiger, nehme ich an. Sie trocknet die Samen und pflanzt die dann im Frühjahr wieder ein. Der ganze Garten ist voll von meinen orangefarbenen Lieblingen.



Aber genug von Kürbissen. Halloween ist ja auch nicht zu verachten. Eigentlich ist es meiner Meinung nach neben Weihnachten das beste Fest im Jahr. Dumm nur, dass man irgendwann älter wird und die Leute dann von einem erwarten, dass man aufhört, von Haus zu Haus zu gehen und „Süßes oder Saures!“ zu schreien.



Mein Zwillingsbruder Raphael ist ganz anders als ich. Er mag keine dicken Pullover, keinen Herbst, keine Süßigkeiten und vor allen Dingen mag er keine Männer. Ich dagegen schon.

Ich weiß es, seit ich zwölf bin, denn da gab es einen Jungen in der Theater-AG meiner Schule, in den ich furchtbar verliebt war. Ich wusste nicht einmal, dass das was Besonderes sein sollte und war total glücklich, verliebt zu sein. Natürlich habe ich es zuhause erzählt und meine Eltern waren zunächst einmal perplex. Aber sie haben sich schnell daran gewöhnt und Raphael ist der tollste fünf-Minuten-ältere Bruder, den man haben kann, denn ihm macht es gar nichts aus. Er findet nur, ich benehme mich manchmal allzu weibisch und kann meinem Geschwärme für tolle Schauspieler nichts abgewinnen.



Wir machen viel zusammen, aber am tollsten war immer Halloween mit ihm, auch wenn er keine Süßigkeiten mag – immerhin blieb da mehr für mich übrig. Wir haben grundsätzlich das gleiche Kostüm gehabt, weil es super praktisch war. Ich war dafür verantwortlich, die Süßigkeiten einzustreichen und Raphael hat die Schandtaten verbrochen. Und am Ende haben wir beide gesagt, wir waren es nicht. Unsere Eltern hätten uns entweder beide bestrafen müssen oder keinen, und da sie zu fair sind, um ein unschuldiges Kind zu bestrafen, sind wir immer heil davon gekommen.



Allerdings sind wir beide vor einer Woche sechzehn geworden und müssen jetzt wohl endgültig einsehen, dass Halloween nichts mehr für uns ist. Die letzten Jahre war es schon grenzwertig, aber dieses Jahr ist es wirklich nicht mehr möglich. Schade. Ich werde es schrecklich vermissen.

Ein kleines Trostpflaster gibt es aber doch, und das hat nichts mit den phänomenalen Kürbiswaffeln unserer Ma zu tun: Ein Mädchen aus unserem Jahrgang schmeißt eine Halloween-Party und der komplette Jahrgang ist eingeladen. Kostümpflichtig.



Die Party ist morgen und das ist auf jeden Fall bald genug, sodass ich mich und alle Menschen in meiner Umgebung damit verrückt machen kann. Seit zwei Stunden sitzen Raphael und ich bei mir im Zimmer und diskutieren, wie wir uns verkleiden sollen. Uns bleibt ja nicht mehr wirklich viel Zeit, etwas Großartiges zu besorgen.



Mein Bruder sitzt auf meinem Bett, mit dem Rücken zur Wand und die Beine lang ausgestreckt. Er ist eine ganz exakte Kopie von mir – beziehungsweise ich von ihm: Dunkle, leicht lockige Haare, etwas länger, braune Augen und schlank gebaut. Er ist ein wenig kräftiger als ich, weil er Fußball und Tennis spielt und ich hingegen zu viel lese und faul herumliege. Aber das fällt den meisten Leuten gar nicht auf.



Raphael sitzt so da, spielt mit meinem uralten Pikachu-Plüschtier herum und sieht mächtig genervt aus.

„Jo, entscheid' dich mal“, seufzt er lustlos und zupft am sowieso schon kaputten Schwanz meines Pikachus herum. Wenn er ein bisschen fester zieht, ist das Ding ab und ich habe nur noch einen gelben Klops mit Ohren als Plüschtier.



„Dann schlag was vor! Und nenn' mich nicht Jo, ich hasse das...“, antworte ich brummig. Ich heiße Jonathan – habe ich das eigentlich erwähnt? Nein? Oh je, ich bin mal wieder unhöflich – und mal ganz ehrlich, Jonathan ist ein ätzend langer Name. Wie Benjamin oder Sebastian. Das ruft doch keiner. Wenn man da sein Kind auf dem Spielplatz zur Raison rufen will, hat es dem anderen Kind schon Sand in den Mund gestopft, bevor das Elternteil bei der zweiten Silbe angekommen ist. Unmöglich, echt.

Darum sind meine Eltern schon früh auf Jona umgestiegen und mir gefällt es so besser. Ich mag auch die Geschichte von Jonah und dem Wal, deshalb ist das cool. Aber Raphael ist ein maulfauler Esel und würde mich noch „J“ nennen, wenn das nicht blöd klingen würde. Vielleicht wäre Gedankenübertragung eine gute Erfindung für ihn, dann müsste er gar nicht mehr sprechen.



„Egal! Gehen wir als Geist. Bettlaken, Löcher für die Augen, gut ist.“ Raphael rupft noch ein bisschen fester am Schwanz meines Plüschtiers, gleich reißt es, da bin ich sicher.

„Mama flippt aus, die hat kaum noch Laken! Und nachdem wir die rosafarbenen und orangenen benutzt haben, kann ich die Verkleidung als Geist nicht mehr ernst nehmen“, erkläre ich seufzend und kuschle mich noch ein wenig tiefer in meinen hellblauen Sitzsack. „Lass Pikachu in Ruhe, der ist altersschwach!“



„Meinen hast du auch kaputt gemacht“, erklärt mein Bruder achselzuckend, aber er wirft mir das alte Plüschtier doch zu und stößt ein lautes, unwilliges Ächzen hervor. „Man. Geist oder nicht? Schlag halt was vor!“

Ich zögere sichtlich. Wenn ich ehrlich bin, würde ich nicht nur gerne ein gutes Kostüm haben, etwas, das cool ist, sondern auch... na ja, irgendwie sexy. Anziehend halt. In der Parallelklasse gibt es nämlich einen Jungen, den ich ziemlich gerne mag... Und von dem ich weiß, dass er auch Männer anziehend findet. Aber kann ich das vor Raphael zugeben? Der würde noch, um sich dann mein wochenlanges Gejammer zu ersparen, direkt zu ihm gehen und ihm sagen, was Sache ist!



Oh, alleine wenn ich an ihn denke, wird mir warm. Etienne... Alleine dieser Name! Er sieht unglaublich gut aus, ist unglaublich sexy, unglaublich sympathisch, einfach... unglaublich!



Raphael unterbricht meine Gedanken mit einem laut vernehmlichen Räuspern und hakt dann misstrauisch nach: „Was ist los? Du guckst... na ja, als hättest du gerade einen Kürbiskuchen vor dir, den du alleine verputzen darfst.“

Nein, lieber Raphael, so würde ich erst dann gucken, wenn er nackt neben mir auf dem Bett liegt und... Ach, meine Fantasie ist unschlagbar, obwohl ich ja eigentlich noch Jungfrau bin. Das weiß Raphael und ich weiß von ihm, dass er schon mit einem Mädchen geschlafen hat. Mir ist das egal, ich warte auf den Richtigen! Wir müssen uns nicht ewige Treue schwören, ich will nur, dass er ein toller Kerl ist und Gefühle im Spiel sind. Etienne... Etienne wäre perfekt.



„Jo?“

„Mhhh?... Oh, Entschuldigung!“ Ich zucke erneut zusammen und schüttle heftig den Kopf, um ihn aus meinen Gedanken zu verbannen. Er sieht so gut aus und ist so ein toller Kerl... Der will doch sicher nichts von mir! Also mach dir mal lieber keine Hoffnungen, Jona... Und geh einfach als durchlöchertes Bettlaken...

Aber vielleicht...



„Hallo?! Ich kann auch gehen, wenn du lieber dumm vor dich hingrinst!“ Raphael guckt absolut genervt aus der Wäsche, ich atme tief durch.

„Nein“, erwidere ich langsam. „Nein, bleib. Um ehrlich zu sein, war ich in Gedanken... äh... bei jemand bestimmten...“

Mein Bruder mustert mich erst erstaunt, dann grinst er breit. Wie gesagt, wir zwei sind unzertrennlich – er hatte nie ein Problem mit meiner Sexualität und das ist unglaublich schön für mich.

„Wer?“



„... Etienne... Aus der B.“

Raphael schaut nur einen Moment ganz erstaunt, dann grinst er noch breiter und sieht aus wie ein Honigkuchenpferd. „Na, endlich mal kein Hetero! … Kommt er morgen?“

„Mhm...“

„Gut, dann weiß ich ja jetzt, wieso du dich gegen das Gespenst sträubst. Willst du lieber was cooles?“

Du hast es erraten, Sherlock.



Ich nicke leicht und Raphael verfällt in seine typische Denkerpose. Zusammengekniffene Augenbrauen, die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, einfach blöd guckend.

Von der Küche unten her strömt ein herrlicher Duft. Mama backt und ich hoffe für sie, es ist Kürbiskuchen oder vielleicht Kürbiswaffeln. Hauptsache Kürbis... Und hoffentlich bald fertig!

Gierig sauge ich den herrlichen Duft ein und seufze wohlig. „Oh, riecht das gut...“ Aber um nicht wieder vom Thema abzukommen – nur noch circa achtundzwanzig Stunden! Ich werde gleich hysterisch! - denke ich laut: „Mh, was ist cool... Und nicht ganz unbeeindruckend.“ Suchend lasse ich meinen Blick durchs Zimmer schweifen und bleibe an meinen DVDs hängen. Und dann kommt der Geistesblitz.



„Fluch der Karibik!“, stoße ich so laut hervor, dass Raphael erschrocken zusammenzuckt. Er löst sich langsam aus seiner Denkerpose und mustert mich irritiert. „Was willst du denn jetzt damit?“

„Na... Wir gehen als Jack Sparrow und Will... Ich hab vergessen, wie der mit Nachnamen heißt, egal. Das ist perfekt-“

„Das ist aber nicht gruselig!“, unterbricht mich Raphael seufzend. Er will schon wieder die Lippe zwischen die Zähne saugen und gedanklich abdriften, aber ich unterbinde das ganz schnell mit einem: „Aber es ist cool! Und wir beschmieren uns einfach ein bisschen mit Kunstblut und Dreck! Schau mal, wir waren doch in dem einen Jahr blutige Musketiere... Das weiße Hemd müsste noch passen, ich kann es etwas aufgeknüpft lassen... du weißt schon... Und Orlando Bloom ist echt heiß in dem Film!“



Ich richte mich in meinem Sitzsack auf und werfe Raphael ein breites Grinsen zu. Er erwidert es aber nicht, schaut erst nachdenklich, dann ein wenig unwillig. „Aber Jo... Wir haben dann gar nicht das gleiche Kostüm an...“

Er wirkt sogar beinahe ein wenig verletzt. Recht hat er. Aber man stelle sich das mal vor: Ich bekomme Etienne endlich rum und er verwechselt mich vielleicht im Laufe der Party mit meinem Bruder! Das wäre ja der pure Horror!

„Ja... schon... Aber es wäre vielleicht mal von Vorteil, wenn Etienne mich als Jona erkennt und nicht erst überlegen muss, wer wer ist. Stell dir vor, er mag mich vielleicht auch und hat mich nie angesprochen, weil er uns nicht auseinanderhalten kann? Das wäre doch total blöd...“



Raphael ist trotzdem nicht begeistert. Er schmollt ein bisschen, ehe er mir unwillig zustimmt. „Okay, du hast gewonnen“, meint er und zuckt die Schultern, fährt sich mit einer Hand durch die dunklen Locken. „Da gibt es nur ein Problem: Wir haben keine Kostüme... Nur ein doofes Hemd reicht bei mir ja nicht.“

Dann geh als Alge!, denke ich genervt, schelte mich dann aber selbst als gemein. Immerhin macht er mir zuliebe mit, da muss ich ihm natürlich auch helfen.



„Okay, ich habe eine Idee. Wir essen was-auch-immer Mama da backt, und zwar mit viel Sahne und dann fragen wir sie, ob sie uns nicht zu dem Kostümverleih in Krebenbach fährt, ja?“

„Gut... Machen wir das so. Ich hoffe, du hast Geld, ich nämlich nicht...“

Raphael zwinkert mir zu und wackelt auffordernd mit den Augenbrauen, so dass ich gar nicht anders kann, als zu lachen.

„Ja, ja doch! Ich hab mein Taschengeld noch nicht auf den Kopf gehauen, ich zahle...“



Raphael nickt zufrieden. Er rutscht von meinem Bett und will schon aufstehen, um mit mir in die Küche runter zu gehen, da hält er plötzlich zögerlich inne. Ich stoppe mitten in der Bewegung, als ich das bemerke und lasse mich wieder zurück in meinen Sitzsack gleiten. „Was hast du?“

Der Blick meines großen Bruders fällt dunkel und lauernd auf mich. „Du hast aber nicht heute irgendwas Schwachsinniges geplant um... na ja... deine Jungfräulichkeit an ihn zu verlieren?!“

Vor lauter Schreck und Empörung bleibt mir förmlich der Mund offenstehen. „Ehhhm, hallo? Hältst du mich für leichtfertig?!“

„Etwas, ja!“, meint Raphael ernst und nickt wie zum Nachdruck. Er mustert mich forschend und setzt dann vorsichtig an: „Hast... Hast du Kondome?“



Ich winke genervt und peinlich berührt ab. „Wofür? Sehe ich aus, als könnte ich schwanger werden?!“

Und der Satz besiegelt mein Schicksal. Raphael ist total aus dem Häuschen. Er packt mich für seine Verhältnisse schon sehr harsch am Handgelenk und zerrt mich runter in die Küche zu Mum.

Kürbiskuchen, denke ich zusammenhanglos, als er die Tür aufreißt. Keine Waffeln.

Er zerrt mich in die gut duftende Küche hinein und mault dann plötzlich los: „Mama, Jo will mit einem anderen Kerl schlafen und hat keinen Plan von Verhütung!“

„Was?!“, rufe ich empört aus, den Kopf wahrscheinlich mittlerweile feuerrot. Wie kann er sowas nur zu unserer Mutter sagen?! Das ist doch total peinlich! „Das stimmt doch gar nicht-“

„Er hat gesagt, er braucht kein Kondom, weil er nicht schwanger werden kann! Klär' den Blödmann mal auf, um Himmels Willen!“



Ich kann nicht glauben, was er da vom Stapel lässt. Und vor allem kann ich nicht fassen, dass er das zu unserer Mutter sagt! Diese für ihren Teil hat eben noch Sahne geschlagen. Jetzt hält sie ganz erschrocken inne und dreht sich nach mir um, schaut mich schockiert an, den Schneebesen noch in der Hand. „Jonathan!“

Oh Gott, dieses vielsilbige Monster von Namen bedeutet nichts Gutes...

„Das glaube ich ja wohl nicht! Setzen, sofort!“

„Was, aber Mam-“

„Sofort! Du auch, Raphael!“

Dieser öffnet empört den Mund: „Warum das denn?!“

„Tu es einfach!“



Mama ist total neben der Kappe, aber das Kuchenbacken ist ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie den Kürbiskuchen noch aus dem Ofen holt, ehe sie zu einer sehr langen und sehr peinlichen Predigt ansetzt. Immerhin brennt der Kuchen nicht an, aber die Sahne kann ich mir wohl abschminken.



„Was lernt ihr eigentlich in der Schule? Ich glaube nicht, dass einer meiner Söhne etwas so dummes von sich geben kann!“, schimpft Mama laut, als sie sich zu uns an den Esstisch setzt. Ihr braun-gelocktes Haar hat sich stellenweise aus dem Dutt gelöst und an ihrer Wange klebt Mehl, aber sie macht mir trotzdem Angst.

„Das war doch nur so dahingesagt“, murmle ich befangen und werfe Raphael einen bitterbösen Blick zu. Mein Bruder erwidert ihn ungnädig und schaut dann unsere Mutter unwillig an: „Warum muss ich dabei sein? Er hat das gesagt, nicht ich!“

„Aufklärung ist immer wichtig“, wischt sie seinen Einwand beiseite.



Und dann nimmt sie mich praktisch in die Mangel.

„Weißt du eigentlich, was du dir für Geschlechtskrankheiten einfangen kannst? Gerade mit dieser Einstellung?!“, sie schlägt mit ihrer Faust heftig auf den Tisch und mir wird ein bisschen flau. Zum einen, weil ich darüber noch nie so recht nachgedacht habe und zum anderen, weil es allgemein ziemlich unangenehm ist, seine Mutter über Geschlechtsverkehr reden zu hören. Eigentlich will ich gar nicht mehr davon wissen, aber das interessiert hier niemanden. Der einzige Trost ist, dass Raphaels Gesicht mindestens genauso rot ist wie meins. Blödmann!



„Ist ja gut...“, versuche ich, unsere Mutter zu beschwichtigen. „Es... war nicht so gemeint... Und außerdem kommt so was... doch gar nicht so häufig vor, oder?“ Den kläglichen Zusatz hätte ich mir getrost sparen können, denn wieder donnert Mam los: „Jonathan! Noch so eine dumme Aussage und du hast Hausarrest bis du vierzig bist!“

Okay, ich bin still...



„Weißt du eigentlich, wie viele Menschen in Deutschland sich jährlich mit HIV anstecken? Genug! Und die meisten davon sind homosexuelle Männer, genau wegen dieser Einstellung. Natürlich kannst du nicht schwanger werden, aber beim Analverkehr kommt es häufiger zu Verletzungen und das Infektionsrisiko ist viel größer! Und jährlich sterben über zwei Millionen Menschen an den Folgen einer HIV-Erkrankung!“

Gut, mir ist schlecht, sie hat es geschafft. Ich habe einen feuerroten Kopf und bereue, dass ich Raphael überhaupt irgendwas von Etienne erzählt habe.



Ich will nichts mehr hören... Ich weiß es ja, irgendwo, tief in mir. Aber der Gedanke an Geschlechtskrankheiten, vor allem AIDS, jagt mir eine höllische Angst ein.



„Weißt du, was dann ist? Wenn du dich mit HIV ansteckst?“, fragt meine Mutter rhetorisch nach und wedelt mit ihren Händen wie verzweifelt in der Luft herum, wahrscheinlich weil sie einen so unfassbar dämlichen Sohn hat.

Ich stöhne auf und lenke ein: „Ist gut, Ma, ich habe es verstanden!“

„Nein, hast du ganz gewiss nicht! Wenn man nicht offen darüber reden kann, dann ist doch gewaltig was schief gelaufen! … AIDS ist eine Immunschwäche Krankheit. Du wirst anfällig für jede noch so kleine Erkältung, dein Körper fängt an, sich selbst zu zerstören. Tumore auf der Haut, Lebensgefahr bei jeder noch so kleinen Infektion, lebenslange medikamentöse Behandlung und trotzdem nur eine drastisch verkürzte Lebenserwartung. Jonathan, willst du das wirklich?“



Bei ihrer Aufzählung wird mir immer übler und übler. Nein, das will ich natürlich nicht... Ich will eigentlich gar nichts mehr darüber wissen, aber Mam macht trotzdem weiter, sie erwartet gar keine Antwort von mir.

„Und das schlimmste ist die soziale Ausgrenzung. Du wirst gemieden wie ein Pestkranker, dabei sind es die anderen, die für dich gefährlich sind. Gesunde stecken Bakterien und Viren leichter weg, für dich könnte es das Ende bedeuten. Und dann will niemand mehr mit dir zu tun haben und du wirst alleine sein... Ich finde es nicht richtig, dass das so ist, aber die Realität ist nun einmal leider meistens so. Deshalb musst du dich schützen, verstehst du? Mit Kondomen!“



Stille breitet sich im Raum aus und ich wage es kaum, von meinen ineinander verknoteten Fingern in meinem Schoß aufzusehen. Das Gespräch ist mir peinlich und das Thema bereitet mir ein absolutes Unwohlsein.

„Ja... Ich habe es verstanden“, murmle ich schließlich leise, weil Ma anscheinend eine Antwort erwartet. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie zufrieden nickt. Vor mir räuspert sich Raphael und wagt es, eine Frage an sie zu stellen: „Wenn jemand doch weiß, dass er HIV-positiv ist, dann sagt man das dem Partner doch sicher auch... Also, wenn Jonas Macker krank wäre, würde er es ihm doch sicher auch sagen, oder nicht?“



Der Blick unserer Mutter streift mich leicht. Sie hebt eine Hand und streichelt mir vorsichtig über die dunklen Locken. Sicher merkt sie, wie unangenehm mir die Situation ist und ganz bestimmt ist sie auch neugierig auf meinen Macker, dabei ist er ja noch gar nicht meiner. Aber immerhin, sie hat gesagt, was sie sagen wollte. Und sie hat mir damit ehrlich den Kopf gewaschen.



„Nun ja... Viele junge Menschen denken, sie seien immun gegen solche Krankheiten und stecken sich an, ohne zu wissen, dass sie infiziert sind. Und einige andere denken sich, dass es, wenn sie infiziert sind, nun auch nichts mehr ausmacht. Deshalb muss man immer selbst nachdenken und handeln. Das ist wichtig. Überlasst die Verhütung niemals dem Zufall und kümmert euch selbst darum.“



Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, hat Ma vollkommen recht. Ich dachte eigentlich, dass HIV eine seltene Infektionskrankheit ist... Warum sollte ausgerechnet ich sie mir einfangen? Aber wenn alle Leute so denken würden, hätte es sicher jeder, oder zumindest jeder zweite.

Ich will gesund sein und mein Leben nicht mit Medikamenten und in Angst verbringen... Und am besten werde ich mich nachher mal etwas näher mit dem Thema beschäftigen. So, wie meine Ma es ausdrückt, scheine ich ja wohl genau ins Muster reinzupassen. Dummheit schützt vor Strafe nicht, heißt es so schön. Ach, na ja. Dafür gibt es ja Mama, die einem vorher den Kopf wäscht...



Ich seufze lautlos und versuche, dieses unwohle Gefühl im Bauch zu vertreiben. Gerade, als ich ihr sagen will, dass ich es kapiert habe, setzt sie wieder an: „Außerdem gibt es ja noch Syphilis, Genitalwarzen-“

„Mam!“, unterbrechen Raphael und ich sie gleichzeitig. Wir tauschen einen sehr verzweifelten Blick und unsere Mutter kann bei dieser Zurechtweisung nicht ernst bleiben. Sie lacht und mustert uns zwei abwechselnd liebevoll.

„Ist gut. Ich hoffe, die Nachricht ist angekommen. Wenn ja, verschone ich euch mit weiteren Details.“

„Ich habe es verstanden!“, werfe ich schnell ein und nicke wie zum Nachdruck. „Und ich verspreche, dass ich mich mehr informieren werde... Und nichts dummes tue.“

„Ich auch“, stimmt mir Raphael zu, obwohl das Gespräch ja eigentlich eher an mich ging und er es mir ja auch noch eingebrockt hat. Aber wir sind immer noch Brüder und eigentlich teilen wir ja alles. Auch peinliche Mutter-Sohn-Gespräche.



Ich werfe ihm ein kleines Lächeln zu, vorsichtig und wie um Verzeihung bittend. Mein großer Bruder grinst und dann lenkt er Mam geschickt von Thema ab: „Wenn der Kuchen fertig ist, decken wir den Tisch. Kannst du uns nach dem Kaffee nach Krebenbach fahren, zum Kostümverleih?“

„Morgen ist nämlich eine Halloweenparty bei Claire!“, werfe ich grinsend ein und beinahe augenblicklich ist die Nervosität wieder da. Mama lacht und hebt geschlagen die Hände. „Ja, ja, mache ich. Kommt dein Freund auch?“, fragt sie mich und wuschelt mir wieder durchs Haar.



Ich winke ab und zusammen beginnen wir, den kleinen Esstisch zu decken und Mama stellt noch eine Kanne Kaffee auf.

„Er ist nicht mein Freund...“, murmle ich leise und hüstle, versuche die Röte aus meinen Wangen zu vertreiben, aber Raphael macht es mir zunichte. Mit dem Ellenbogen stupst er mir spitz in die Rippen und offenbart grinsend: „Noch nicht. Der Kerl ist mindestens so schwul wie Jo und wenn er Geschmack hat, dann ist er sicher bald auch sein allererster Freund.“



Mama lässt sich während des Kaffee und Kuchens alle Einzelheiten von unseren Kostümplänen, von der Party und von Etienne erzählen. Sie ist total lieb und zuvorkommend und verspricht sogar, die Kostüme für uns zu bezahlen. Sie schaut ein bisschen wehmütig, weil wir ihr anscheinend zu schnell erwachsen werden, erträgt es jedoch mit einem Lächeln.

Immerhin entlässt sie uns nicht dumm in die Welt.



Die Stimmung hebt sich mit jedem Bissen Kuchen, der verspeist wird und als wir schließlich noch zusammen aufräumen, umarmt Ma uns beide und drückt uns warm an sich. „Meine Babys“, seufzt sie, küsst erst mich und dann Raphael aufs Haar, obwohl sie sich schon auf die Zehenspitzen stellen muss, um da ranzukommen. „Ich hab euch lieb. Gebt immer auf euch Acht, ja?“



* * *



Ich kann die halbe Nacht nicht schlafen. Die Kostüme hängen an meiner Tür und sind einfach perfekt. Aber ich kann meine Gedanken nicht abschalten. Im Kopf gehe ich immer wieder durch, wie es wohl werden wird. Ich stelle mir vor, dass ich besonders schlagfertig bin, wie ich Etienne anspreche und ihn spielend für mich gewinne. Aber das sind natürlich alles nur Wunschvorstellungen und die Augenringe, die mir die schlaflose Nacht aufs Gesicht zaubert, sind sicher nicht besonders sexy.



Ganz automatisch vollzieht sich unser typisches Halloween-Ritual. Als ich Raphael zum ersten Mal morgens sehe, sagen wir wie aus einem Munde, obwohl ich todmüde und eigentlich nicht zurechnungsfähig bin: „Süßes oder Saures!“

Raphael schenkt mir ein zerzaustes Verschwörergrinsen und verschwindet in seinem Zimmer, um mir seine Halloween-Überraschung zu holen. Wir schenken uns jedes Jahr gegenseitig etwas. In meinem Falle ist es einfach, er brauch mir nur was Süßes schenken. Aber bei ihm ist es immer schwierig. Dieses Mal bekommt er von mir eine DVD, einen alten schwarz-weiß Horrorfilm.

Wie kann man eigentlich keine Süßigkeiten mögen?



Ich strecke ihm die DVD entgegen und Raphael grinst wieder. Für die frühe Uhrzeit scheint er ziemlich gut drauf zu sein.

Er boxt mir zum Dank gegen die Schulter und zaubert dann aus der Tasche seiner Pyjamahose eine schwarze kleine Pappbox heraus. Ich nehme sie ihm verwirrt ab und starre für einen Moment dümmlich auf die Frontseite. Dann wird mein Gesicht warm, ich versinke sicher halb im Erdboden. Kondome!



„Mit Geschmack. Süßigkeitenersatz. Freu mich auf die Party.“, meint er leicht zusammenhanglos und schlendert dann, an mir Salzsäule vorbei, ins Bad. Ich starre nur mit großen Augen auf die schwarze Packung.

Oh heiliger Kürbiskuchengott. Kondome?! Und... die soll ich heute Abend mitnehmen?

Allen tollen Vorstellungen zum Trotz werde ich feuerrot im Gesicht und denke, dass ich es niemals schaffen werde, überhaupt mit Etienne ins Gespräch zu kommen. Und da brauche ich dann auch ganz sicher keine Kondome! Raphael, du Blödmann...



Ich versuche, die schwarze Schachtel zu vergessen, erwische mich aber dabei, wie ich den ganzen Morgen in der Schule mit den Gedanken bei Etienne und Sex bin. Ich kann das noch gar nicht so zusammenbringen und bin genauso neugierig, wie ängstlich.

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