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Von Katzen, die ein Schiff versenkten

Barbara Maurer

Von Katzen,
die ein Schiff versenkten

Inhaltsverzeichnis

Das Sonntagsgeschenk

Neue Aufgaben

Neues Leben in alten vier Wänden

Deine Katze, meine Katze – „Wahlverwandtschaften“

„Fressen müssen Hund und Katz’, aber was?“
(Dr. med vet. Eric Vanden Eynde)

Anmut und Schönheitssinn

Wagemut und Grazie

Unendlich neugierig

Das Spiel – eine ernste Angelegenheit

Fellpflege – Das Putzritual

Schlafen, Ruhen, Meditieren

Das weibliche Prinzip

Eine bewegte Geschichte

Eine Traumanatomie

Die Hegelsche Komponente

Ein Schiff wird versenkt

Von anderen Katzen

Der Kater Max

Peterle, mein liebes armes Peterle

Miezilein

Dewey, die Bibliothekskatze

Der Katzenhimmel öffnet sich

Kratzer auf der Hand, Haare am Gewand –
Die Katze und ihr Mensch: eine ideale Symbiose

In bester Gesellschaft

Das Tier eine Person, die Katze eine Persönlichkeit

Temple Grandin: «Animals Make Us Human»

Das Sonntagsgeschenk und ein großes Kompliment zum Schluss

Literatur-Zitaten-Verzeichnis

Von Katzen

Vergangnen Maitag brachte meine Katze

Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen,

Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.

Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!

Die Köchin aber, Köchinnen sind grausam,

Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche -

Die wollte von den sechsen fünf ertränken,

Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen

Ermorden wollte dies verruchte Weib.

Ich half ihr heim! - Der Himmel segne

Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen,

Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem

Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;

Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,

Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster

Probierten sie die allerliebsten Stimmchen.

Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,

ich preis mich selbst und meine Menschlichkeit.

Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,

Und Maitag ist’s! - Wie soll ich es beschreiben,

Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!

Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,

Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!

Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,

In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,

Die Alte gar - nein, es ist unaussprechlich,

Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!

Und jede, von den sieben Katzen

Hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen,

Maikätzchen, alle weiß mit schwarzem Schwänzchen!

Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut

Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;

Ersäufen will sie alle neunundvierzig!

Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon -

O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!

Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen! -

Das Sonntagsgeschenk

„Die werden Sie nicht durchbekommen“, so lautete der lakonische Kommentar des spanischen Malers, den wir an jenem Montagmorgen im September 1995 in unsere neu erworbene Ferienwohnung in Nerja bei Malaga zum Streichen der Wände einbestellt hatten. Wir wollen es zumindest versuchen, war unsere nicht weniger lakonischeAntwort. Es war 9 Uhr morgens, eine Stunde vor Beginn der Sprechstunde des Tierarztes. Gemeint waren vier pelzige Winzlinge auf unserem Sofa, deren Anblick in der Tat geeignet war, Steine zu erweichen. Meine Gemütslage hatte eher etwas mit Panik zu tun, seit uns am Vortag diese neue Verantwortung, das Leben neugeborener Katzen zu erhalten, auferlegt worden war. Zum Glück würde Siegfried sich bald aufmachen können, um den Rat des Veterinärs einzuholen, und mit allem Nötigen für die Versorgung der Katzenbabies zurückzukommen.

Unser Sonntagsprogramm in Nerja begann in aller Regel mit einem Bummel über den örtlichen Trödelmarkt, der – wie auch der Wochenmarkt – auf einem unbefestigten Platz am Rande der Stadt abgehalten wurde. Kaum hatten wir das Auto auf dem Parkplatz des auch am Sonntagmorgen geöffneten Supermarktes abgestellt, als Siegfried, voll des Mitleids, einen streunenden Hund erblickte.

„Geh’ du schon alleine weiter, ich kauf’ etwas zu essen für den Hund, und wir treffen uns dann auf dem Markt.“

Da es nicht sehr viel Stände auf dem Markt gab, konnte man sich leicht wiederfinden, und Siegfried berichtete mir eine Viertelstunde später mit Begeisterung, dass er zwei Mal im Supermarkt gewesen sei, um noch eine Wurst für den ausgehungerten Hund zu kaufen.

„Vielleicht solltest du deinen Hauptwohnsitz hierher verlegen und ein Asyl für streunende Hunde und herrenlose Katzen gründen”, sagte ich scherzend. „Die Idee ist gar nicht so schlecht und wäre wert, dass wir gründlicher darüber nachdächten.“

In diesem Moment wilder Zukunftsspekulationen konnten wir ja nicht wissen, dass uns zwar nicht die gesamte Population streunender Hunde und herrenloser Katzen des Städtchens Nerja anvertraut werden sollte, aber immerhin der vermutlich gesamte Wurf einer Kätzin, den jemand in einer einfachen Plastiktüte auf der Motorhaube unseres Autos abgelegt hatte.

„Dieser Schuft“, entfuhr es Siegfried als wir ‚das Geschenk‘, vier neugeborene Katzen entdeckten, die wie ein einziger Körper mit vier Köpfchen aussahen und mit dünnen Stimmchen Pieptöne von sich gaben, die eher denen von Mäusen glichen. Wochen später sollte er seine Meinung grundlegend ändern, und die spontane Beschimpfung von damals sollte sich in eine Äußerung verkehren, die in etwa so klang: „Ich könnte demjenigen, der uns die Katzen auf dem Auto hinterlassen hatte, die Füße küssen.“

Mir ging ein Licht auf: „Du bist beobachtet worden, als du den Hund füttertest, und derjenige, der auf der Suche nach Eltern für vier neugeborene Katzen war, konnte sicher sein, den idealen Vater gefunden zu haben.

„Was machen wir denn jetzt?“, wir blickten uns ratlos an. Die armen Tiere würden verenden, wenn wir sie nicht mitnähmen. Wir waren beide tierlieb, hatten uns aber der Unabhängigkeit wegen und weil wir im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses an der Peripherie von Brüssel wohnten, nie ein Haustier zugelegt. Und jetzt jubelte uns jemand gleich Vierlinge unter! Unser Mitleid den hilflosen Kreaturen ließ uns keine Wahl, und so fuhren wir mit unserem ‚Geschenk‘ in unsere Ferienwohnung. Wären wir Hotelgäste gewesen, wie im letzten Jahr in Nerja, wäre die Sache anders verlaufen.

Zu Hause angekommen, füllten wir angewärmte Milch in Untertassen, mussten aber feststellen, dass die Katzenbabies noch gar nicht trinken konnten, was ja völlig logisch war. Was wir also brauchten, war ein Fläschchen mit einem Schnuller. Es war aber immer noch Sonntag, die einzige Apotheke Nerjas hatte geschlossen, und da kamen wir auf die Idee, im Kiosk nach einem Fläschen für Puppen nachzufragen, was wir auch bekamen; das Objekt war jedoch nutzlos, da der Schnulleraufsatz völlig hart und damit ungeeignet zum Saugen war.

Neue Aufgaben

Der mit Ungeduld erwartete Moment war gekommen: Siegfried war mit einem speziellen Trinkfläschen für kleine Säugetiere und einer Dose Trockenmilch für junge Katzen zurückgekehrt. Wir vermischten das Pulver mit Wasser, und das ‚Festmahl‘ konnte beginnen. Die Kätzchen saugten so gierig, als wären sie kurz vor dem Verhungern und Verdursten, was ja vielleicht der Fall war. Es war eine Freude zu sehen – und zu hören –, wie ihnen die Milch schmeckte, und während die Kätzchen schmatzten, seufzten wir erleichtert auf und erfuhren ein ganz neues Glücksgefühl.

Wir nannten unsere Schützlinge Martina, Carmen, Isabel und Picasso. Martina war der Name der Maklerin, die uns die Wohnung verkauft hatte, Isabel ihre Mitarbeiterin, an Carmen denkt man in Spanien ganz automatisch, und Picasso war wohl der berühmteste Sohn Malagas. Es handelte sich um drei Weibchen mit orangebraunem Fell, das von weißen Streifen durchzogen war – in Lingens Katzenlexikon ‚Tabby‘ genannt und für die es im Englischen die hübsche Bezeichnung ‚ginger cat‘ gibt – und um einen schwarz-grauweiß getigerten Kater. Siegfried entpuppte sich als idealer Katzen-Ziehvater, der die vier Säuglinge von jetzt an dreimal täglich mit Begeisterung abfütterte.

Aber langsam rückte der Tag unserer Rückreise nach Brüssel näher, und damit kamen Bedenken und Erwägungen der folgenden Art auf: Was, wenn an den Grenzen kontrolliert und die ungeimpften und papierlosen Tiere entdeckt werden? Kann man den Tieren eine so lange Reise überhaupt zumuten? Wir wollten es auf uns zukommen lassen und stellten den Korb mit den Tieren, über dem wir vorsichtshalber einen dünnen Gardinenstoff befestigt hatten, auf den Rücksitz und machten uns auf die Reise nach Norden. Unsere erste Etappe war Châteaurenard in der Provence, wo wir die Katzen unbemerkt über den Hintereingang mit ins Hotel nahmen. Am Tag danach erreichten wir meinen Bruder Klaus und seine Frau Gerda in Ettlingenweier in Baden, bei denen wir zwei Tage bleiben sollten. Die ‚süße Fracht‘ sorgte dort allgemein für Überraschung und Bewunderung, auch bei den herbeigerufenen Verwandten, Freunden und Nachbarn, unter denen echte Katzenfreunde waren. Die spätere Frage an Bruder und Schwägerin, ob diese vielleicht eines der Kätzchen haben wollten, wurde mit vielleicht beantwortet, sicher war meine Schwägerin Gerda jedoch darin, dass es – wenn überhaupt – dann der Kater sein sollte.

Uns war klar, dass wir auf die Dauer nicht alle vier Tiere behalten würden, wohl aber zwei davon. Wir beschlossen, dass alle vier Geschwister zumindest ein paar Wochen zusammen bleiben sollten, auch zum Ausgleich dafür, dass diese allzu früh von der Mutter getrennt wurden. Indem wir menschliche Maßstäbe ansetzten, dachten wir, den Tieren wenigstens ein bisschen Familienleben, wenn nicht Familienglück bescheren zu müssen.

Mit den Katzen vertiefte sich meine Liebe zur Tierwelt im Allgemeinen, in der jedoch die ersteren von jeher eine besondere Rolle spielten. Ich komme nie an einer Katze vorbei, ohne mich mit dieser eine Weile zu beschäftigen*). Andererseits war ich schon vor vielen Jahren auf einer Foto-Safari in Kenia tief beeindruckt von der Tierwelt, vor allem aber von den Großkatzen, und heute male ich mit viel Freude diese prächtigen Löwen, Tiger und Leoparden.

*) In Kasudasi in der Türkei bescherte mir meine Gewohnheit allerdings eine böse Überraschung, denn dort biss eine Katze zu und verletzte mich an zwei Stellen am Arm. Was war geschehen? Das Tier kam in einem kleinen Geschäft am Strand laut miauend auf mich zu, worauf ich mich bückte und es zu streicheln begann. Da es anscheinend nicht genug bekommen konnte, tätschelte ich ihm auch die Seite, und in dem Moment packte es meinen Arm und biss ihn blutig. Das Tier hatte sich ganz gewiss nicht aus Boshaftigkeit so verhalten, ich vermutete vielmehr, dass es krank oder verletzt war und ihm das Tätscheln Schmerzen verursacht hatte. Vielleicht hatte es ja sogar einen Tumor an der Stelle. Es handelte sich übrigens um eine streunende Katze, wie uns der Ladeninhaber sagte, die sich regelmäßig in dem Geschäft aufhalte. Mit dem Baden war es dann für mich vorbei, und ich ließ mich für alle Fälle sofort gegen Tollwut und Wundstarrkrampf impfen.