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Von Hunden, Katzen und anderen Menschen

Einst fragte ein Mönch den Zenmeister Jōshu:

„Hat mein Hund Buddhanatur?“

Jōshu antwortete: „MU – Nicht!“

Der Mönch war verwirrt. „Oben all die Buddhas, unten sogar die Käfer und Würmer. Alles hat Buddhanatur. Warum mein Hund nicht?“

Diese Geschichte wird gern von japanischen Zenmeistern erzählt und die sprechen Japanisch. Für sie hat Meister Jöshu gesagt: ,MUH‘. Aber Jōshu war Chinese. Und dort heißt es nicht „MUH“, sondern „WÚ“. Ein Hund ist doch keine Kuh!

Noch einmal: „Hat mein Hund Buddhanatur oder nicht?“

„Wu!“

Ein anderer Mönch fragte Meister Jöshu:

„Hat mein Hund Buddhanatur?“

Yöshu antwortete: „YU – Hat!“

Zenmeister Dōgen meint dazu:

„Dumme Frage! Wenn du selbst die Buddhanatur nicht verwirklicht hast, wie kannst du dann wissen, ob der Hund sie verwirklicht hat?“

Von Hunden, Katzen
und anderen Menschen

Von Gerhardt Staufenbiel

Myoshinan Chadojo

Inhaltsverzeichnis

Hunde sind auch nur Menschen

Großvaters Dackel

Waldi der Eisenbahner

Assi der Pudel

Maira die Lügnerin

Er war da und saß im Nebel.

Chigmo – Tibet, Zen und Tee

Captain Scottie

Ein Leben ohne Hund?

Kin: Einfach nur ein Hund

Dui Dui – die Freude

Hunde sind auch nur Menschen

Wenn man ein ganzes Leben mit Hunden zusammen gelebt hat, dann fragt man sich manchmal: „Sind Hunde menschlich oder deuten wir da etwas in sie hinein? Verstehen Hunde die menschliche Sprache oder verstehen die Menschen die Sprache der Hunde?“ Schon Martin Luther hat gesagt: „Wer so könnt beten wie der Hund auf die Wurst kann schauen!“ Wer so innig auf die Wurst schauen kann, wie ein Hund, braucht keine Worte, um zu sagen, was er möchte! Nur der Hund kann derart schauen, dass es selbst ein Herz aus Stein erweichen würde. Der Wolf, sein alter Verwandter beherrscht diesen Blick nicht. Das legt die Vermutung nahe, dass der listige Hund diesen Blick nur im Zusammenleben mit dem Menschen erlernt hat. Nur so konnte er an die Wurst kommen!

Ein Hund kann nicht nur innig auf die Wurst schauen. Alle meine Hunde zeigten deutlich, wenn sie Hunger hatten. Einer leckte den leeren Futternapf aus und schob ihn dabei lärmend über den Fußboden. Solange, bis der Napf wieder gefüllt war. Ein anderer legte sich neben den Napf und starrte ihn bewegungslos an, bis Herrchen sich erbarmte. Mein letzter Hund Kin setze sich vor mich, wenn ich am Computer saß und schlug mit der Pfote auf mein Knie. Dabei schaute er mich so an wie Luthers Hund, dass ich nicht anders konnte, als ihm sein Futter zu geben. Dennoch habe ich einmal die Meinung eines Tierarztes gelesen, der meint, dass Hunde kein Hungergefühl kennen. Sie fressen, wenn man ihnen Futter vorsetzt. Dieser Mann hat wohl niemals mit einem Hund zusammengelebt. Er kennt Hunde offenbar nur aus dem Hundezwinger in der Tierversuchsanstalt!

Wie bringt es ein wuscheliger Hund fertig, einen traurigen oder fröhlichen Gesichtsausdruck zu zeigen? Wenn Herrschen dabei war das Haus zu verlassen und nur leise sagt: „Leider“ dann schlich sich Kin mit einem unendlich traurigen Ausdruck in sein Körbchen. Und manchmal strahlte sein wuscheliger Kopf in einem leuchtenden Lachen. Ist das nur Einbildung von uns Menschen, wenn wir die Freude oder Trauer eines Hundes sehen? Können wir Hunde überhaupt verstehen?

Vor langer Zeit gingen einmal zwei chinesische Weise schlendernd über eine Brücke. Untern spielten Fische im Wasser. „Schau wie die Fische sich freuen!“, sagte Zhuangzi. „Du bist kein Fisch. Woher willst du wissen, dass die Fische sich freuen?“

Sicher, ich bin auch kein Hund, woher soll ich also wissen, dass mein Hund sich freut? Aber wenn man dem Hund gegenübersitzt, SIEHT man einfach die Freude des Hundes.

Zhuangzi’s Freund vertritt die Meinung derer, die nicht mit Tieren zusammenleben. Aber wir sind fühlende und mitfühlende Wesen. Woher will ich denn wissen, ob mein menschliches Gegenüber sich freut? Nur weil er es sagt? Aber zugleich macht er oder sie ein tief trauriges Gesicht. Worte können lügen, und den Verstand betrügen. Aber ein achtsames und mitfühlendes Herz lässt sich nicht täuschen.

Und so antwortet Zhuangzi seinem Freund mit einer Gegenfrage: „Du bist nicht ich. Woher willst du wissen, dass ich nicht weiß dass die Fische sich freuen?“

Wir wissen genauso gut oder genauso wenig, was unser Gegenüber denkt oder fühlt, wie wir wissen, ob der Hund sich freut! Aber dieses Wissen entsteht nicht aus logischer Überlegung, es entsteht, weil wir fühlende Wesen sind. So sagt denn auch Zhuangzi auf die Frage, woher er denn die Freude der Fische kennt: „Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude aus dem Wandern am Fluss!“ Weil er sich selbst in absichtsloser Weise am Wandern freut, kann er die Freude der Fische mitfühlen. Weil ich Freude kenne und nicht von Sorgen oder Gedanken geplagt bin, die mich gefangen nehmen, erkenne ich auch die Freude der Anderen, gleichgültig ob Mensch oder Tier. Und weil ich Trauer kenne, ,sehe‘ ich, wenn der Hund traurig ist.

Hunde und Menschen haben ein inniges Verhältnis zueinander. Sie leben schon seit undenklichen Zeiten zusammen. Kein Wunder, dass sie mitfühlend und mit-denkend gemeinsam durchs Leben gehen.

Als Steinbrucharbeiter im Bonner Stadtteil Oberkassel die Überreste eines Mannes und einer Frau entdeckten, beachteten sie die Schädelknochen des Hundes zunächst gar nicht. Erstaunlicher als das Grab an sich ist aber das Alter der Ruhestätte der drei Gefährten: Vierzehntausendsiebenhundert Jahre lagen ihre sterblichen Reste zusammen in der Erde. Sie waren offenbar gemeinsam begraben worden. Was im Leben zusammengehörte, darf im Tod nicht getrennt werden.

Aber die Geschichte des Zusammenlebens von Hund und Mensch ist noch sehr viel älter. Und nicht nur in Oberkassel lebten Hunde und Menschen zusammen. Sonst könnte man sagen: Typisch deutsch! Überall auf der Welt findet man unverletzte Knochen von domestizierten Hunden, die offenbar liebevoll bestattet worden sind. Auch in Japan oder China.

Lange bevor der Mensch sesshaft wurde und anfing, in enger Gemeinschaft mit einem Tier zusammen zu leben, war der Hund schon seit Urzeiten sein treuer Begleiter. Der Ursprung dieser Freundschaft verliert sich im Dunkel der Zeiten.

Katzen leben nicht wirklich mit Menschen zusammen. Sie gewähren uns für eine gewisse Zeit die Gnade ihrer Anwesenheit. Aber in tiefsten Herzen sind sie wilde Jäger. Sie suchen die Nähe des Menschen nur, weil es dort einen warmen Platz zum Schlafen und gutes Futter gibt. Aber lieber noch als Futter aus der Dose frisst eine richtige Katze Mäuse oder Vögel, die sie selbst in wilder Jagd gefangen hat.

Vielleicht lieben wir Katzen deshalb, weil sie uns ihre unbändige Freiheit vorleben. Wenn sie nachts auf Abenteuer ziehen, leben sie unseren Wunsch nach Freiheit vor. Sie verraten uns niemals etwas von ihren nächtlichen Erlebnissen. Das Geheimnis behalten sie für sich. Und wenn sie dann zusammengeringelt in ihrem Körbchen liegen und schlafen, erscheinen sie uns als die sanftesten Wesen der ganzen Welt. Nichts scheint kuscheliger und sanfter als eine kleine, unschuldige Katze.

Hunde dagegen sind Kameraden, die uns bedingungslos vertrauen. Sie sind vielleicht sogar die besseren Menschen? Sicher nicht. Aber sie halten uns den Spiegel vor. Denn mit der Zeit ähneln sie immer mehr ihren Herrchen. Und so haben mich meine Hunde durch die unterschiedlichsten Stadien meines Lebens begleitet. Wenn ich ihre Geschichten erzähle, scheint immer auch mein eigenes Leben darin auf.

Schon meine Großeltern hatten immer sowohl einen Hund als auch eine Katze. Aber wirkliche Erfahrung mit Katzen habe ich erst in den letzten Jahren gemacht. Da lebten zwei Katzen und ein Hund mit mir zusammen in einem Haus am Waldrand. Nachts waren die Katzen immer unterwegs. Wo sie sich herumtrieben, haben sie mir nie erzählt. Nur manchmal habe ich sie früh morgens gesehen, wie sie hinter einer Maus herjagten. Auch die ,Geschenke‘, die sie immer wieder mit nach Hause brachten, zeugten von ihrem wilden Leben. Ringelnattern waren da noch recht harmlos. Etwas weniger erfreut war ich über die junge Kreuzotter, die zischend auf meinem Teppich lag. Wo hatten sich die Katzen in der nächtlichen Jagd herumgetrieben? Fast könnte man Rilke zitieren:

Stieg(en) (sie) hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern. Und jedes

Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt.

Ja, das Entsetzliche lächelte

wenn sie aber süß schlummernd auf ihren Kissen lagen, wirkten sie völlig unschuldig. Bis sie dann anfingen, meinem Hund in der Mäusejagd zu unterweisen.

Wenn die Katzen von ihren nächtlichen Abenteuern nach Hause kamen, dann tollte eine der beiden erst einmal mit dem Hund herum. Der Hund knurrte und zog die Katze an den Ohren und schleift sie durchs Zimmer. Die lag aber genüsslich schnurrend auf dem Rücken und wehrte mit tapsenden Pfoten die allzuwilden Angriffe ab. Dann war sie müde und zog sich zum Schlafen an ihren Platz zurück. Das Kommando im Haus hatte eindeutig die unschuldige Katze. Wenn sie spielen wollte, dann spielten und rauften Hund und Katze, wenn sie ihre Ruhe wollte, dann gehorchte der Hund aufs Wort.

Man sagt den Katzen nach, dass sie neun Leben haben. Dann muss ich wohl eher eine Katze als ein Hund sein. Ich hatte viele Leben, das eines Physikers, eines Philosophen und Erwachsenebildners, eines Tee- und Zen Lehrers, eines Zen-Shakuhachi-Lehrers, eines Wanderers zwischen den Welten in Ost und West und eines Autors. Mein Leben war bunt wie ein Herbstwald. Meine Haare sind nun weiß, aber das Leben war bunt. In Japan sagt man, dass erst das Weiße des Raureifs die bunten Farben des Herbstes hervorbringt. Haben meine weißen Haare das Leben bunt gefärbt oder war es doch eher umgekehrt?

Aber beginnen wir, von meinen Hunden zu erzählen, die mein Leben begleiteten. Wenn ich an meine Hunde denke, zieht dabei auch mein Leben wie ein Bilderbuch an mir vorbei. Jeder meiner Hunde gehörte zu einem Lebensabschnitt. So wird die Erzählung von den Hunden auch ein kleines Stück meines Lebens und ein Stück Zeitgeschichte widerspiegeln.

Großvaters Dackel

Eigentlich habe ich immer mit Hunden zusammen gelebt. Als Kind war es der Dackel meines Großvaters. Mein letzter Hundefreund und Kamerad hat mich erst vor kurzer Zeit verlassen. Wenn ich im Abendlicht auf der Gartenbank sitze und die Stille genieße, blicke ich direkt auf sein kleines Grab. Gestern habe ich ein Vergissmeinnicht darauf gepflanzt.

Der erste Hund an den ich mich erinnern kann, gehörte meinem Großvater. Es war ein Rauhaardackel oder so etwas Ähnliches. Eigentlich war er kein Dackel, sondern eine richtige Dorfdackelmischung, in der wohl der Dackel die Oberhand hatte. Und wie es sich für einen richtigen Dorfdackel gehört, hieß er Waldi.

Vielleicht waren es auch wohl zwei oder drei Generationen von Waldi’s. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Aber nachdem Waldi viele Jahre bei meinem Großvater gelebt hat, müssen es mindestens zwei, eher drei Generationen gewesen sein. Auf jeden Fall hießen die Dackel von Großvater immer Waldi. Eine dunkle Erinnerung habe ich daran, dass Waldi eines Tages verschwunden war. Mit großer Sorge wurde nach ihm gesucht. Schließlich hörte Großvater ein leises Winseln im Stroh draußen in der Scheune. Waldi hatte ein ganzes Nest voll mit jungen Waldis geboren. Mindestens einer davon sollte dann Waldi 2 werden.

Mein Großvater war ein einfacher Bauer aus dem armen thüringischen Eichsfeld. Schon immer hatten die Eichsfelder ihr Land verlassen müssen, denn das karge Land konnte seine Bewohner nicht ernähren. Industrie oder andere Arbeitsplätze gab es dort in der abgelegenen Gegend nur in der Kreisstadt. Aber die war für die Menschen vom Land nahezu unerreichbar. Es gab keine öffentlichen Verkehrsmittel und ein Auto hatte ohnehin niemand.

Viele Dörfler sind in das Ruhrgebiet gezogen, denn dort gab es reichlich Arbeit in den Zechen und Stahlwerken. Deshalb gab es im Ruhrgebiet viele Eichsfelder Heimatvereine, denn die Eichsfelder sind ihrer Heimat tief verbunden. Ein Onkel hatte später einen Handwerksbetrieb im Ruhrgebiet, einer in Berlin. Ein anderer Onkel wurde Offizier und kämpfte mit Rommel in Afrika. Dort holte er sich die Malaria, an der er viele Jahre später schmerzhaft gestorben ist.

Großvaters Eltern hatten schon früh die Welt verlassen, als er noch ein Kind war. Sein Bruder wanderte nach Amerika aus und war seither verschollen. Vielleicht hatte er ja als Goldgräber sein Glück gefunden? Oder war er bei einer Schießerei im Wilden Westen ums Leben gekommen? Man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Großvater wuchs bei einem Onkel in einer kleinen Mühle am Waldrand auf. Als er vierzehn Jahre alt war, nagelte Onkel ein paar Riemen an ein Nachtkastl. Darein packt er ein paar nötige Utensilien und schulterte Großvater den Kasten auf den Rücken. „Hier hast du das Notwendigste zum Leben. Geh und such Dein Glück. Ich kann dich nicht weiter durchfüttern!“ Später hat Großvater viele Märchen von armen Müllerburschen erzählt, die hinausgezogen sind in die Welt und dort ihr Glück gemacht haben. Fast hätte er ein dritter Grimm werden können. Aber er wurde im Ersten Weltkrieg nur der Bursche eines Offiziers. Wenigstens kam er so in der vornehmen Welt herum.

Mit achtzehn lernte er dann meine Großmutter kennen und heiratete. Später sagte er immer:

„Wan ich gewusst hät, dass frye so schenn wärr, hätt ich zenn Johr err gefryet.“

Vielleicht hätte Großmutter den anderen Bewerber heiraten sollen. Der war immerhin der Erbe eines Hauses. Großvater dagegen war ein Niemand. Aber offenbar war die Liebe stärker als die Vernunft. Großvaters Konkurrent hat ein Leben lang nicht mehr mit ihm gesprochen. Und das war sehr schwierig, denn sie saßen in der Kirchenbank sechzig Jahre lang nebeneinander. Man konnte den Sitz nicht tauschen, denn die Plätze in der Kirche gehörten seit Generationen zu einem bestimmten Haus. Wer kein Haus hatte, musste ganz hinten in der letzten Reihe stehen. So sah man immer, wer nicht dazu gehörte. Das waren dann die ganz armen Leute, die zur Miete in einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Armenhaus leben mussten. Denn Hausbesitzer, die ihre Häuser oder Wohnungen vermieteten, gab es dort nicht. Wer ein Haus besaß, lebte darin.

Zunächst waren die Eltern meiner Großmutter so empört über die Heirat mit dem Niemand, der in der Kirche in der letzten Reihe stehen musste, dass sie Großmutter des Hauses verwiesen. Die beiden lebten dann in einem Zimmer direkt an der Straße im nächsten größeren Ort, der schon fast wie eine kleine Stadt war. Dort zogen sie dann ihre ersten Kinder auf.

Um ein wenig Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, wusch Großmutter die Wäsche für die „reichen“ Leute. Das Zimmer war mit aufgehängten Betttüchern aufgeteilt. Vorne zur Straße hin, stand der Waschkessel. Dort wurde die Wäsche gewaschen und gebügelt. Hinter dem Vorhang fand das Familienleben statt. Aber das alles habe ich natürlich nicht selbst erlebt. Ich weiß es nur aus Erzählungen meiner älteren Tanten, den ersten Kindern der Großeltern. Meine Mutter kannte das auch nicht mehr. Sie war das Nesthäkchen, das im Familienhaus geboren wurde.

Später bekam Großmutter das Haus, in dem Beide dann bis zu ihrem Tod leben sollten. Dort zogen sie noch sieben Kinder groß, das achte ist früh gestorben. Das war so recht ein Unglück. Alle Nachbarn bemitleideten sie, weil sie nur so wenige Kinder hatten. Alle anderen zogen mindestens zwölf bis dreizehn oder sogar noch mehr Kinder groß. Wie sollte man denn mit so wenigen Kindern sein Alter sichern? Aber bald änderten sich die Zeiten und die Kinder flogen aus, sobald sie flügge waren.

Die Großeltern waren arme Bauern, aber sie gehörten zu den „sieben Gerechtigkeiten“. Das war ein altes, in den Kirchenbüchern verbuchtes Recht, das bis ins 13. Jahrhundert zurückreichte. Es war zwar ein verbuchtes Recht, aber nirgendwo gab es geschriebene Regeln. Die wurden als überlieferte Tradition von Generation zu Generation weiter gegeben. Damals - wohl im dreizehnten Jahrhundert - war ein adeliger Herr Namens Dieter mit sieben Familien in die Gegend gezogen und hatte die Wälder gerodet. Darum hieß der Ort Dieter-rode. Aus jener Zeit stammen uralte Ruinen, die der Legende nach zu einer Kaiserpfalz gehörten. Der Kaiser war niemals dort, aber er hatte das Recht, wenn er über das Land zog, in einer solchen Pfalz für die Zeit seines Besuches zu wohnen. Die adeligen Herren mussten eine solche Pfalz für ihn bereit halten.

Seit jener Zeit hatten die Nachkommen dieser sieben Familien besondere Rechte. Ihnen gehörten gemeinsam genutzter Wald und neben den eigenen Äckern ausgewählte Felder, die sie wie ihr Eigentum bearbeiten konnten. Einige der Familien bildeten kleine Gruppen, die sich gegenseitig halfen. Der größte Bauer stellte den kleineren Pferde und Wagen für die Ernte zur Verfügung. Dafür halfen die anderen ihm bei seiner Ernte. Aber alle waren freie Bauern. Nirgendwo war die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe verbrieft. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, das niemals gebrochen wurde. Erst mit der zwangsweisen Einführung der sozialistischen LPG - der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften - wurde dieses uralte System der gegenseitigen Hilfe freier Bauern abgeschafft. Aus den freien Bauern wurden Landarbeiter, die nie mehr ihren eigenen Boden bearbeiten durften. Sie arbeiteten im Lohnverhältnis für die Genossenschaften. So macht man aus freien Bauern lohnabhängige Arbeiter.

Die Bauern im Dorf waren arm, denn der Boden war karg und warf gerade so viel ab, dass man nicht an Hunger starb. Nur wenige Bauern hatten ein Pferd oder eine Kuh im Stall. Die anderen begnügten sich mit Ziegen. Großvater hatte ein Dutzend Ziegen im Stall, die jeden Tag in den Wald geführt werden mussten, denn Futter war teuer. Und da war Waldi ein unentbehrlicher Helfer. Wenn Großvater seine alte Ziegenjoppe anzog, sprang Waldi vom Sofa und war bereit zum Ziegenhüten. Die Ziegenjoppe war schon uralt und vielfach geflickt. Außerdem stank sie so erbärmlich nach Ziege, dass sie in den Stall verbannt war. Großvater durfte das Haus niemals mit der Jacke betreten.

Ich weiß nicht, ob die Ziegen meinem Großvater in den Wald folgten oder ob sie seiner alten Joppe hinterherliefen. Auf jeden Fall musste jeder, der Großvater beim Ziegenhüten vertrat, die Joppe tragen. Sie war der Ausweis für die Ziegen, dass man dieser Person vertrauen konnte. Eigentlich war Waldi nicht nötig, um beim Ziegenhüten zu helfen, denn die Ziegen folgten getreulich der alten, stinkenden Joppe. Aber er war immer mit dabei.

Einmal durfte ich die Ziegen hüten. Also wurde mir die Joppe übergezogen. Aber ich war noch so klein, dass die Jacke am Boden schleifte und mir die Ärmel mit einer Schnur hochgebunden wurden. Dann ging es los in den Gerechtigkeitswald. Ich voran, die Ziegen hinterher. Und Waldi zeigte mir den Weg. Aber eigentlich waren es die Ziegen, die ihren Weg kannten. Manchmal hetzte ich hinterher, denn die Ziegen waren oft sehr schnell und rannten gierig nach Futter voran.

Waldi tat immer sehr wichtig, so als würde er die Herde zusammenhalten. Aber nur manchmal, wenn eine der Ziegen sich seitwärts in die Büsche schlug, trieb er sie bellend wieder zurück. Meine Aufgabe bestand darin, den Ziegen ein paar Zweige mit Großvaters Gehstock herunterzuziehen. Ich kannte die Lieblingsbüsche der Ziegen nicht, aber sie führten mich von alleine dorthin, wo sie am liebsten fraßen. Damit die Ziegen den Baum nicht völlig kahl fraßen, wurden sie immer in Bewegung gehalten und weitergetrieben. Denn am nächsten Tag sollte ja auch noch Futter da sein. Deshalb wechselte Großvater seine tägliche Route damit sich die Bäume und Büsche vom Ziegenfraß erholten.

Im Sommer, wenn die Walderdbeeren reif waren, hatte Großvater immer ein kleines Schraubglas dabei. Gespannt warteten wir schon auf die Ernte. Die Beeren wurden gezuckert und in Milch eingelegt. Einfach köstlich. Einmal war ich mit unterwegs im Wald und fand ein paar Erdbeeren, die aber noch nicht ganz vollreif waren. „Nein, die darf man noch nicht ernten! Lass sie noch wachsen, denn auch morgen willst du ja auch noch Erdbeeren haben. Wenn du alle pflückst, gibt es morgen keine mehr!“

An einer anderen Ecke des Waldes standen wilde Kirschbäume. Zur Kirschenzeit gab es dort die leckersten Kirschen. Im Gesträuch am Feldrand unter den Kirschbäumen wohnte die Zwergenkönigin mit ihrem Volk. So erzählte Großvater und ich war fest davon überzeugt, dass er recht hatte. Denn nur unter ihrem Schutz reiften die Kirschen so köstlich.

Früher einmal führte eine kleine Eisenbahnlinie durch den Gerechtigkeitswald Hier verkehrten nur wenige Personenzüge. Sie führen von der Kreisstadt Heiligenstadt bis ins hessische Dorf Frieda. Dort änderte sich die Spurweite und man stieg in einen hessischen Zug um. Von Heiligenstadt aus führte die Bahn steil die Berge hinauf. In der Anfangszeit der Bahn stiegen die Passagiere an der Steigung aus und gingen zu Fuß, denn die voll besetzte Bahn schafft es nicht den Berg hinauf. Oben angelangt stiegen die Passagiere wieder zu und der Zug fuhr weiter bis nach Kalteneber oben auf der Höhe. Die Leute sagen, dass der Ort – eigentlich nur ein Bahnhof – so hieß, weil es dort so kalt war, dass der Eber auf der Sau einfror. Danach führte die Linie wieder hinunter durch den Wald zum nächsten Bahnhof.

So unscheinbar die Bahnlinie wirkte, so wichtig war sie offenbar im Krieg. Denn die Brücken waren so ausgebaut, dass dort schweres Kriegsgerät transportiert werden konnte. So waren denn auch viele Schwerlasttransporte auf der Strecke bis nach Frieda unterwegs. Dort verschwanden die Züge in einem Tunnel und kamen erst am nächsten Tag wieder zum Vorschein. Aber vorher erschienen Schwerlastzüge aus dem Tunnel und verschwanden auf der hessischen Seite. Auch umgekehrt gab es solche Transporte von West nach Ost. Wilde Geschichten rankten sich um diesen Tunnel. Lange Zeit munkelte man, dass auch das berühmte Bernsteinzimmer in diesem Tunnel umgeladen wurde und dann verschwand. Nach dem Krieg wurden dort geheimnisvolle Experimente gemacht, zu denen Niemand aus der Gegend Zugang hatte. Heute ist der Tunnel verschüttet. Niemand kann mehr sein Geheimnis erforschen.

Einmal mitten im Krieg waren wir zu Besuch bei meinen Großeltern. Meine Mutter wollte unbedingt mit dem Zug wieder nach Hause. Aber meine Tante schrie und weinte und holte uns endlich aus dem Zug, der fast schon wieder anfuhr. Auf dieser Fahrt nach Frieda wurde der Zug auf offener Strecke von Tieffliegern beschossen. Der Lokführer und viele Passagiere starben. Hatte meine Tante das dritte Gesicht?

Nach der Trennung Deutschlands in zwei Teile wurde das Eichsfeld russisches Gebiet. Schon bald nach Kriegsende wurde die Bahnlinie demontiert. Die Gleise verschwanden irgendwo in Russland. Seit der Zeit führt das Schotterbett bis heute wie ein breiter Wanderweg durch den Wald. Großvater hütete seine Ziegen immer entlang der alten Bahnstrecke. Dort rannte Waldi weit voraus. Eines Tages tauchte vor ihm ein Hase auf. Erschrocken sah er den Hund und erstarrte zum Männchen. Die Ohren waren hoch aufgestellt und der Hase stand bewegungslos vor Schreck. Aber auch Waldi blieb mitten auf dem Weg bewegungslos stehen, die Nackenhaare gesträubt. Mit einem Hasen als Gegenüber hatte er nicht gerechnet.

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