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Titel

Inhalt

  1. Vorwort zur zweiten Auflage
  2. Vorwort der englischen Ausgabe
  3. Teil I: Worum es geht
    1. Kapitel 1: Gut vorbereitet, aber kein Ziel vor Augen
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Von Hoffnung verwirrt: Die Welt jenseits der Kirchenmauern
      3. 3. Verschiedene Glaubensüberzeugungen
    2. Kapitel 2: Perplex angesichts des Paradieses?
      1. 1. Christliche Verwirrung im Hinblick auf die Hoffnung
      2. 2. Untersuchung der Möglichkeiten
      3. 3. Die Auswirkungen der Verwirrung
      4. 4. Weitergehende Auswirkungen der Verwirrung
      5. 5. Die Schlüsselfragen
    3. Kapitel 3: Die frühchristliche Hoffnung in ihrem historischen Kontext
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Auferstehung und das Leben nach dem Tod im antiken Heidentum und Judentum
      3. 3. Der überraschende Charakter der frühchristlichen Hoffnung
    4. Kapitel 4: Die merkwürdige Ostergeschichte
      1. 1. Geschichten ohne Vorläufer
      2. 2. Ostern und die Geschichtsschreibung
      3. 3. Fazit
  4. Teil II: Gottes Zukunftsplan
    1. Kapitel 5: Die Zukunft des Kosmos: Fortschritt oder Verzweiflung?
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Option 1: Evolutionärer Optimismus
      3. 3. Option 2: Seelen auf der Durchreise
    2. Kapitel 6: Worauf die ganze Welt wartet
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Grundlegende Strukturen der Hoffnung
      3. 3. Saat und Ernte
      4. 4. Die siegreiche Schlacht
      5. 5. Himmelsbürger auf Erden
      6. 6. Gott wird alles in allem sein
      7. 7. Eine neue Geburt
      8. 8. Die Hochzeit von Himmel und Erde
      9. 9. Fazit
    3. Kapitel 7: Jesus, der Himmel und die neue Schöpfung
      1. 1. Himmelfahrt
      2. 2. Was hat es mit der Wiederkunft Christi auf sich?
    4. Kapitel 8: Wenn er kommt
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Kommen, Erscheinen, Offenbaren und die königliche Gegenwart
    5. Kapitel 9: Jesus, der kommende Richter
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Die Wiederkunft und das Gericht
    6. Kapitel 10: Die Erlösung unseres Körpers
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Auferstehung: Das Leben nach dem Leben nach dem Tod
      3. 3. Auferstehung bei den Korinthern
      4. 4. Auferstehung: Spätere Debatten
      5. 5. Die Auferstehung heute neu durchdenken: Wer, wo, was, warum und wie
    7. Kapitel 11: Fegefeuer, Paradies, Hölle
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Das Fegefeuer
      3. 3. Das Paradies
      4. 4. Jenseits der Hoffnung, jenseits des Mitleids
      5. 5. Fazit
  5. Teil III: Auferstehung und der Auftrag der Kirche
    1. Kapitel 12: Erlösung neu durchdenken: Himmel, Erde und das Reich Gottes
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Die Bedeutung von Erlösung
      3. 3. Das Reich Gottes
    2. Kapitel 13: Bauen für das Königreich
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Gerechtigkeit
      3. 3. Schönheit
      4. 4. Evangelisation
      5. 5. Fazit
    3. Kapitel 14: Die Neugestaltung der Kirche für die Mission (1): Biblische Wurzeln
      1. 1. Einleitung
      2. 2. Die Evangelien und die Apostelgeschichte
      3. 3. Paulus
    4. Kapitel 15: Die Neugestaltung der Kirche für die Mission (2): Die Zukunft leben
      1. 1. Einleitung: Ostern feiern
      2. 2. Raum, Zeit und Materie: Die erlöste Schöpfung
      3. 3. Auferstehung und Mission
      4. 4. Auferstehung und Spiritualität
  6. Anhang: Zwei Osterpredigten – Ein Predigtessay

In dankbarem Gedenken an Stephen Neill, George Caird und Charlie Moule, Lehrer, Wissenschaftler, Pastoren und Freunde, in der sicheren und gewissen Hoffnung auf die Auferstehung der Toten

Vorwort zur zweiten Auflage

Ohne Frage, Nicholas Thomas Wright gehört zu den weltweit prägendsten Bibellehrern unserer Zeit. Der sympathische Brite hat durch sein beeindruckendes Gesamtwerk in den letzten 30 Jahren ganze Generationen an theologischen Gelehrten beeinflusst und lehrt aktuell als Professor für Neues Testament an der Eliteuniversität St. Andrews in Schottland. In den Jahren 2003 bis 2010 war er „Bishop of Durham“ und damit Seelsorger und Ansprechpartner für einen Kirchenbezirk innerhalb der anglikanischen Kirche.

Als wäre das nicht schon genug, gelingt es N. T. Wright auf besondere Weise, seine akademischen Erkenntnisse so runterzubrechen, dass sie für Nichtstudierte zu einem spannenden und prägenden Erlebnis werden. Vielleicht geht dieses Anliegen darauf zurück, dass Wright immer nah an den Menschen und nie nur der abgehobene Professor war. Wright gelingt es dabei besonders gut, komplexe Zusammenhänge sowie tiefgehende theologische Überlegungen in einer Weise auszudrücken, die verständlich sind und trotzdem nie oberflächlich.

Das besondere an Wrights Büchern ist, dass er – als einer der führenden Kenner des Judentums des 1. Jahrhunderts und der ersten Christenheit – die biblischen Texte sehr fundiert in ihrer Entstehungszeit auslegt und diese somit eine ganz eigene und ursprüngliche Bedeutung bekommen. Erst dann fragt er, was diese Texte für die heutige Zeit bedeuten, und legt die gewonnen Erkenntnisse für Kirche und Christen aus.

So überrascht es nicht, dass dieses Buch eine zweite Auflage braucht – höchstens die Tatsache, dass dies so lange gedauert hat. Denn ich halte „Von Hoffnung überrascht“ für eines der wichtigsten Bücher von N. T. Wright. Aufgrund meines Berufes lese ich viele Bücher, was ein großes Privileg ist, aber auch dazu führt, dass ich manches wieder vergesse. Bei „Von Hoffnung überrascht“ war das anders, es war ein prägendes Leseerlebnis, sodass ich heute sogar noch genau weiß, wo ich es gelesen habe: Es war im Urlaub am Lago Maggiore 2010, damals noch im englischen Original „Surprised by hope“. Vieles, was mich damals in meinem Glaubensleben beschäftigte, hat Wright gekonnt in Worte gefasst und das so spannend wie in einem Kriminalroman.

Vielleicht liegt es auch am Thema: Es geht um die Auferstehungskraft Christi und welche Hoffnung darin für uns heute liegt. Eine Hoffnung, die die Kraft besitzt, die Gegenwart zu verändern. Eine Hoffnung, die Himmel und Erde miteinander verbindet. Wright entfernt sich von einer dualistischen Weltsicht, die sich von Platon geprägt über Augustinus, Luther und den Pietismus bis heute in vielen Köpfe verankert hat und die uns sagt, dass Himmel und Erde zwei getrennte, nicht miteinander verbundene Systeme sind. Die Verbindungslinie liegt vor allem darin, dass man auf Erden eine bestimmte Entscheidung trifft, die dann als eine Art Fahrkarte in den Himmel gilt. In diesem Himmel ist dann alles gut und wir müssen hier auf Erden einfach noch ein bisschen durchhalten, bis es dann endlich so weit ist. Ähnlich verhält es sich dann mit der Hölle für all diejenigen, die das mit der Fahrkarte nicht auf die Reihe bringen wollen oder können. Anders bei Wright, seine eschatologische Hoffnung zeigt sich ganz konkret in unserem Leben, ja, sie verbindet Himmel und Erde in Zeit, Raum und Materie. Und zwar in den fundamentalen Fragen unseres Lebens: Wer bin ich und was tue ich jetzt (Zeit) und hier (Raum) und in diesem Körper (Materie)? Das Handeln Gottes ist also in dieser Welt ganz konkret, so konkret wie die Menschwerdung dieses Gottes in Jesus Christus.

Wright gelingt es dabei immer wieder, die großen Linien der Bibel aufzuzeigen. Er weist klug und plausibel auf, dass unsere Geschichte und unser Weltbild unser Bibelverständnis prägen, und orientiert sich deshalb an den Weltbildern der Bibel. Sein Motto könnte also lauten: Zurück zu den Quellen und von da aus dem Fluss folgen, nur so können wir die biblischen Inhalte richtig verstehen. Wright nennt diesen Fluss gerne „Story“ und meint damit die große Geschichte Gottes, in die sich unsere kleine, persönliche Geschichte einreiht.

Wright greift bei seinen Ausführungen dabei gerne auf seine akademischen Forschungen zurück (vor allem auf das 1036-Seiten-Opus „Die Auferstehung des Sohnes Gottes“), um dann mit vielen persönlichen Beispielen, hilfreichen Bildern und Vergleichen sowie leicht verständlicher Sprache das Thema Hoffnung zu entfalten. Und diese Hoffnung ist für Wright nichts Abstraktes, nichts Unsichtbares, sondern zeigt sich ganz real im anbrechenden Reich Gottes hier auf Erden in unseren Familien, Freundeskreisen, Kirchen und Kommunen und transformiert Stück um Stück unser Denken und Handeln.

Zuletzt sei mir noch ein persönliches Wort gestattet. Mich verbindet mit N. T. Wright seit vielen Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. Ich hatte das Vorrecht, öfters, mit ihm unterwegs gewesen zu sein, und muss sagen, dass ich selten einem gleichermaßen klugen, demütigen und charakterstarken Menschen begegnet bin. Ich glaube, dass dies ganz einfach daran liegt, dass sich die Hoffnung, von der er schreibt, in seinem eigenen Leben widerspiegelt und ihn Stück um Stück verändert. Und das ist eines der größten Komplimente, die man einem Menschen machen kann.

So bleibt mir, Ihnen viel Freude und hoffnungsvolle Erkenntnisse beim Lesen zu wünschen.

Dr. Tobias Faix, Professor für Praktische Theologie an der CVJM Hochschule Kassel und Leiter des Instituts für Transformationsstudien (ITS)

Vorwort der englischen Ausgabe

Was erwarten wir? Und was tun wir dafür in der Zeit bis dahin?

Diese beiden Fragen geben diesem Buch seine Gestalt. Zunächst handelt es von der ultimativen Zukunftshoffnung, die das christliche Evangelium in Aussicht stellt: also von der Hoffnung auf Errettung, Auferstehung, ewiges Leben und auf all die anderen Dinge, die dazu gehören. Des Weiteren handelt es von der Entdeckung der Hoffnung innerhalb der gegenwärtigen Welt: von den praktischen Wegen, auf denen Hoffnung lebendig werden kann, Hoffnung für Gemeinschaften und Einzelpersonen, die unter einem Mangel an Hoffnung leiden, aus welchem Grund auch immer. Und es handelt von den Wegen, auf denen die Annahme des ersten Aspektes den zweiten Aspekt hervorrufen und aufrechterhalten kann und soll.

Nach meiner Erfahrung wissen die meisten Menschen – inklusive vieler Christen – nicht, worin die ultimative christliche Hoffnung wirklich besteht. Die meisten Menschen – traurigerweise wiederum inklusive vieler Christen – erwarten zudem nicht, dass Christen viel über die Hoffnung innerhalb der gegenwärtigen Welt zu sagen haben. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, dass diese beiden Aspekte irgendetwas miteinander zu tun haben könnten. Daher der Titel dieses Buches: Hoffnung kommt überraschend, und das auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Auf der einen Seite geht es in diesem Buch offensichtlich um den Tod und darum, was aus einer christlichen Perspektive über das gesagt werden kann, was jenseits des Todes kommt. Ich werde keine medizinische oder physikalische Analyse des Todes und seines Nachspiels versuchen, auch keine psychologische oder anthropologische Beschreibung von Glaubensüberzeugungen und Praktiken, die mit dem Tod zu tun haben. Es gibt bereits zahlreiche Bücher zu derartigen Themen. Ich nähere mich dieser Frage vielmehr als Bibeltheologe. Ich bediene mich auch anderer Disziplinen, doch ich hoffe, das zu liefern, was diesen meistens fehlt und was die Kirche meiner Ansicht nach wiedergewinnen muss: die klassische christliche Antwort auf die Frage nach dem Tod und nach dem, was danach kommt. Diese Antwort trifft heute nicht so sehr auf Unglaube – das eigentliche Problem ist, dass diese Antwort schlicht unbekannt ist (in der Welt und in der Kirche gleichermaßen). Eine Umfrage zu den Glaubensüberzeugungen im Hinblick auf das Leben nach dem Tod, die 1995 in Großbritannien durchgeführt wurde, ergab folgendes Ergebnis: Obwohl die meisten Menschen an irgendeine Art von weitergehendem Leben glauben, glaubt nur eine verschwindend kleine Minderheit an die klassische christliche Position, also an eine zukünftige körperliche Auferstehung. Ich stelle in der Tat oft Folgendes fest: Obwohl Christen das Wort Auferstehung immer noch benutzen, verwenden sie es als Synonym für „Leben nach dem Tod“ oder „in den Himmel kommen“. Wenn man nachhakt, zeigt sich, dass unter Christen die gleiche Verwirrung herrscht wie in der Welt im Allgemeinen. Einige christliche Autoren, die über das Thema Tod schreiben, schaffen es sogar, die Auferstehung und alles, was damit zusammenhängt, zur Randerscheinung zu machen – offenbar ohne anzunehmen, dass damit ein erheblicher Schaden angerichtet wird.

Ich sollte erklärend anmerken, dass ich in gewisser Hinsicht nicht besonders qualifiziert bin, über das Thema Tod zu sprechen. Ich bin nun Ende fünfzig, und von allen Personen mittleren Alters, die ich kenne, bin ich derjenige, der am wenigsten getrauert hat. Mein Leben war erstaunlich frei von Tragödien; fast alle meine Verwandten haben ein hohes Alter erreicht. Das überrascht mich, ich bin dankbar dafür, aber ich halte das sicher nicht für selbstverständlich. Dazu kommt, dass ich zwar seit mehr als dreißig Jahren ordiniert bin, meine Berufung mich jedoch einerseits an Universitäten und andererseits an Kathedralen und in Diözesen geführt hat, sodass ich weniger Beerdigungen und Gedenkgottesdienste gehalten habe als viele Geistliche in den ersten zwei oder drei Jahren ihres Dienstes. Ich habe auch selten an einem Totenbett gestanden. Doch obgleich ich offensichtlich aus erster Hand noch eine Menge über diese Dinge zu lernen habe, denke ich, dass ich das dadurch ausgleichen kann, dass ich wie nur wenige die Chance habe, mich vertieft mit dem Leben und der Gedankenwelt der ersten Christen auseinanderzusetzen.1 Bei dieser vertieften Auseinandersetzung komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass der Stimme der ersten Christen nicht nur nicht geglaubt wird, sondern dass diese Stimme überhaupt nicht gehört wird. Mit diesem Buch beabsichtige ich, ihre Glaubensüberzeugungen ans Licht zu bringen und, so hoffe ich, wieder lebendig zu machen, und das in der Überzeugung, dass die ersten Christen nicht nur die beste, sondern die am besten begründete Hoffnung (an)bieten, die wir haben. Mehr noch: Es handelt sich um eine Hoffnung, die sich wie gesagt mit derjenigen Hoffnung verbindet, die unsere Arbeit für Gottes Königreich in der gegenwärtigen Welt antreiben sollte.

Auf der anderen Seite handelt das Buch dann von der Grundlagenarbeit für eine praktische und sogar politische Theologie – also von christlicher Reflexion über das Wesen der Aufgabe, die uns gestellt ist, da wir versuchen, Gottes Königreich auf die wirkliche und Schmerz beladene Welt zu beziehen, in der wir leben. (Ich entschuldige mich bei allen Bibliothekaren, dass ich hier Verwirrung hervorrufen könnte: Soll man das Buch unter „Eschatologie“ katalogisieren – Tod, Gericht, Himmel und Hölle – oder unter „Politik“?) Auch an dieser Stelle ist eine Erklärung nötig. Ich bin kein Politiker, auch wenn es stimmt, dass ich aufgrund meines Amtes ein Mitglied des britischen House of Lords bin. Ich habe mich nie um ein öffentliches Amt beworben und auch nicht aktiv an Kampagnen für viele der Dinge teilgenommen, an die ich glaube – jedenfalls nicht im Sinne der harten Arbeit des Redenhaltens, des Schreibens, des Marschierens oder des Überredens. Ich habe versucht, mich auf andere Weise ordentlich ins Zeug zu legen. Aber die Gebiete, auf denen ich mich spezialisiert habe, und die pastoralen Aufgaben, die mich nun täglich in einer Diözese fordern, die in einigen Bereichen extrem unter den gesichtslosen Grausamkeiten der letzten fünfzig Jahre leidet, haben mich gezwungen, einiges zu durchdenken, was Christen zur Wiederentdeckung der christlichen Hoffnung in der öffentlichen und politischen Welt sagen und denken sollten.2 Dabei bin ich immer wieder auf diese beiden Hoffnungsthemen gestoßen, die sich gegenseitig verbinden. Ich biete meinen Kritikern offen diese beiden Erklärungen an: meine Unerfahrenheit sowohl in Bezug auf die Trauer als auch in der Politik, und ich hoffe, dass die Überraschung der christlichen Hoffnung nichtsdestotrotz auf beiden Gebieten diejenigen neu befeuern und erfrischen wird, die konkreter mit den Sterbenden und den Enteigneten arbeiten, als es mir möglich war.

Ein letztes allgemeines einleitendes Wort. Alle Sprache über die Zukunft ist, wie jeder Ökonom oder Politiker bestätigen wird, nicht mehr als eine Reihe von Schildern, die in den Nebel weisen. Wir schauen durch ein dunkles Glas, sagte Paulus, als er auf das schaute, was kommt. Unsere gesamte Sprache über zukünftige Zustände der Welt und von uns selbst besteht aus komplexen Bildern, die mehr oder auch weniger gut mit der letztendlichen Wirklichkeit übereinstimmen. Das heißt aber nicht, dass die Sache völlig unklar ist oder dass jede Meinung zu diesen Dingen gleichwertig ist. Und was wäre, wenn uns jemand aus dem Nebel entgegenkäme, um uns zu begegnen? Das ist natürlich die zentrale, wenn auch oft ignorierte christliche Glaubensüberzeugung.

Dieses Buch entstand aus Vorlesungen, die ich zwischen 2001 und 2007 an verschiedenen Orten gehalten habe. Ich bin sehr dankbar für alle, die mich bei den verschiedenen Gelegenheiten eingeladen, willkommen geheißen und versorgt haben, besonders denjenigen, die mir durch ihre Fragen und scharfsinnigen Kommentare geholfen haben, weiter über die Themen nachzudenken und dadurch zumindest einige Fehler zu vermeiden. Ich danke der Internetseite Ship of Fools, die den Artikel in Auftrag gab, der hier am Ende abgedruckt wird, und für die Erlaubnis, eine leicht veränderte Version zu veröffentlichen. Ich danke Dr. Nick Perrin, der während seiner Zeit in Westminster Abbey den Text in der Form, in der er damals war, durcharbeitete und alle möglichen hilfreichen Anmerkungen machte. Und ich danke wie immer Simon Kingston, Joanna Moriarty und den dynamischen und wachsamen Mitarbeitern bei SPCK und den entsprechenden Mitarbeitern bei HarperOne, nicht zuletzt Mickey Maudlin.

N. T. (Tom) Wright

Auckland Castle

Himmelfahrt 2007


1  Siehe insbesondere meine Bücher The New Testament and the People of God (1992); Jesus and the Victory of God (1996); The Resurrection of the Son of God (2003) und Paul: Fresh Perspectives (2005). Auf Deutsch ist neben dem allgemeinverständlichen Buch Warum Christ sein Sinn macht (2009) mein stärker fachspezifisches Buch Worum es Paulus wirklich ging (2010) erschienen. Die ersten drei hier genannten Bücher sind Teil der Reihe Christian Origins and the Question of God.

2  Anmerkung des Verlages: N. T. (Tom) Wright war Bischof in der Diözese Durham, deren wirtschaftliche Grundlage – Kohle und Stahl – durch die weltweite Konkurrenz weg gebrochen ist und die Tausende ohne Arbeit zurückließ, ähnlich wie seinerzeit z.B. im Ruhrgebiet.

Teil I:
Worum es geht

Kapitel 1:
Gut vorbereitet, aber kein Ziel vor Augen

1. Einleitung

Fünf aus dem Leben gegriffene Situationen geben einen Hintergrund für die beiden Fragen ab, die dieses Buch behandelt.

Im Herbst 1997 wurde ein Großteil der Welt in eine Woche der nationalen Trauer um Prinzessin Diana gestürzt. Eine Woche, die in einem außergewöhnlichen Trauergottesdienst in Westminster Abbey gipfelte. Die Menschen brachten Blumen, Teddys und andere Dinge zu Kirchen, Kathedralen und Rathäusern. Sie standen stundenlang Schlange, um anrührende, wenn auch zum Teil kitschige Botschaften in Kondolenzbücher zu schreiben. Ähnlich, wenn auch in kleinerem Rahmen, fiel die öffentliche Trauer nach Vorfällen wie dem Bombenanschlag in Oklahoma City 1995 aus. Diese Traueranlässe offenbarten, dass sich Glauben, Halbglauben, Empfindungen und Aberglauben im Hinblick auf das Schicksal der Toten vermischt hatten. Die Reaktionen der Kirchen offenbarten, wie weit wir uns von dem entfernt haben, was einst die traditionelle christliche Lehre zu diesem Thema gewesen sein mag.

Die zweite Szene war ein aufgebauschter Skandal, der dennoch einen ernsten Unterton hatte. Anfang des Jahres 1999 erwachte ich eines Morgens und hörte im Radio, dass eine landesweit bekannte Person aus ihrem Amt entlassen worden sei, weil sie theologisch falsche und fragwürdige Aussagen über das Leben nach dem Tod gemacht hätte. Das weckte meine Neugier. Ging es vielleicht um einen radikalen Bischof oder Theologen, der endlich entlarvt worden war? Doch die Antwort lautete, unglaublich, aber wahr: Nein, es ging um einen Fußballtrainer. Glenn Hoddle, Trainer der englischen Nationalmannschaft, hatte seinen Glauben an eine bestimmte Version der Reinkarnationslehre erläutert, nach der Sünden, die man in einem Leben begeht, mit Behinderungen im nächsten Leben bestraft werden würden. Vertreter von Behindertenorganisationen hatten daraufhin sehr scharf Widerspruch eingelegt und Hoddle wurde entlassen. Es wurde damals allerdings angemerkt, dass Reinkarnation in unserer Gesellschaft erstaunlich beliebt sei und dass es sehr seltsam wäre, wenn man Hindus, von denen viele ähnliche Überzeugungen teilen, deswegen automatisch als Nationaltrainer sperren würde.

Bei der dritten Szene geht es nicht um ein einzelnes Ereignis, doch der Schnappschuss sollte vielen vertraut sein. Zwanzig oder dreißig Personen kommen in langsam fahrenden Autos an einem unschönen Gebäude am Rande der Stadt an. Eine kleine elektronische Orgel spielt Musik wie aus dem Supermarkt. Ein paar Worte, ein Knopfdruck, ein feierlicher Blick vom Bestatter, und man geht wieder auseinander, trinkt zuhause noch eine Tasse Tee und wundert sich, was da gerade passiert ist. Feuerbestattung, noch vor hundert Jahren in der westlichen Welt fast unbekannt, wird heute von der großen Mehrheit tatsächlich oder vermutlich bevorzugt. Diese Tatsache ist sowohl Reaktion als auch Ursache tief greifender Veränderungen in der Haltung gegenüber dem Tod und im Hinblick auf verschiedene Hoffnungen auf das, was danach kommt.

Ich schrieb diese einleitenden Worte am Anfang des Jahres 2001. Gegen Ende desselben Jahres wurden wir Zeuge eines vierten Momentes, der zu bekannt und zu furchtbar ist, um im Einzelnen beschrieben oder diskutiert werden zu müssen. Die Ereignisse des 11. September jenes Jahres haben sich ins globale Gedächtnis eingebrannt; Tausenden von Toten und Zehntausenden von Trauernden gelten unser Mitgefühl und unsere Gebete. Ich werde nicht viel mehr über jenen Tag sagen, aber für viele Menschen warf dieser Tag wieder einmal in aller Schärfe die Fragen auf, die dieses Buch zu diskutieren versucht – dasselbe taten auch die drei Naturkatastrophen von 2004 und 2005: der asiatische Tsunami an Weihnachten 2004; die Unwetter an der Golfküste Nordamerikas im August 2005, die vor allem in New Orleans weitreichende Zerstörungen mit sich brachten; und das entsetzliche Erdbeben in Pakistan und Kaschmir im Oktober desselben Jahres.

Die fünfte Szene ist ein Friedhof der besonderen Art. Wenn Sie den historischen Ort Easington im County Durham, besuchen und den Hügel hinab zum Meer gehen, kommen Sie in eine Stadt namens Easington Colliery [Zeche Easington]. Die Stadt trägt immer noch diesen Namen, aber es gibt dort keine Zeche mehr. Wo einst der Förderturm stand und Tausende von Menschen arbeiteten, um mehr Kohle schneller und effizienter als in den meisten anderen Zechen zu fördern, findet man heute weiches und gleichmäßiges Gras. Dem Auge bietet sich eine Leere, die mit Trauer erfüllt ist. Trotz der heldenhaften Anstrengungen der örtlichen Verantwortlichen finden sich überall Zeichen postindustriellen Verfalls, inklusive der menschlichen Opfer der Machtspiele rund um diese Industrie. Jener Anblick ist mir als Symbol oder besser als symbolische Frage im Kopf geblieben, die für ähnliche Städte in Amerika oder irgendwo anders auf der Welt genauso relevant ist wie für meine Heimat. Welche Hoffnung gibt es für Städte, die ihre Richtung verloren haben, ihre Lebensweise, ihren Zusammenhalt, ihre Hoffnung?3

Dieses Buch behandelt zwei Fragen, die oft völlig getrennt behandelt wurden, die aber, so glaube ich leidenschaftlich, ganz eng zusammengehören. Zunächst: Wie sieht die endgültige christliche Hoffnung aus? Dann: Welche Hoffnung gibt es im Hinblick auf Veränderung, auf Rettung, auf Transformation, auf neue Möglichkeiten innerhalb der gegenwärtigen Welt? Die Hauptantwort kann wie folgt formuliert werden: Solange wir die christliche Hoffnung als ein „in den Himmel kommen“ auffassen, als eine Erlösung, bei der es wesentlich um eine Bewegung aus dieser Welt heraus geht, sind diese beiden Fragen dazu verurteilt, so zu wirken, als würden sie nichts miteinander zu tun haben. In der Tat bestehen einige ärgerlich darauf, dass das Stellen der zweiten Frage dem Ignorieren der ersten Frage gleichkäme, die doch die wirklich wichtige Frage sei. Einige andere werden wiederum ärgerlich, wenn manche von der Auferstehung sprechen – als ob das die Aufmerksamkeit von den wirklich wichtigen und dringenden gegenwärtigen sozialen Sorgen abziehen würde. Aber wenn sich die christliche Hoffnung auf Gottes neue Schöpfung bezieht, auf „den neuen Himmel und die neue Erde“, und wenn diese Hoffnung bereits in Jesus von Nazareth lebendig geworden ist, dann gibt es allen Grund, die beiden Fragen zu verbinden. Und wenn das stimmt, dann stellen wir fest, dass die Beantwortung der einen Frage auch die Beantwortung der anderen Frage ist. Ich stelle fest, dass alle diese Zusammenhänge für viele Menschen überraschend sind – nicht zuletzt für viele Christen: sowohl, dass sich die christliche Hoffnung überraschend von dem unterscheidet, was sie angenommen hatten, als auch, dass dieselbe Hoffnung eine zusammenhängende und Energie spendende Grundlage für die Arbeit in der heutigen Welt bietet.

In diesem ersten Kapitel möchte ich relevante Hintergründe darstellen und die Fragen auf folgende Weise aufwerfen: Wir sehen uns zunächst die gegenwärtige Verwirrung in unserer Welt an, die im Blick auf das Leben nach dem Tod herrscht – der Welt jenseits der Kirchenmauern. Im zweiten Kapitel sehen wir uns dann die Kirchen selbst an, in denen, wie mir scheint, eine beängstigend ähnliche Unsicherheit herrscht. Damit werden die Schlüsselfragen hervorgehoben, die gestellt werden müssen, und es wird der Rahmen abgesteckt, in dem wir uns zur Beantwortung der Fragen bewegen werden.

Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen, inklusive der meisten praktizierenden Christen, im Hinblick auf dieses Thema verwirrt und fehlgeleitet sind und dass dieses Chaos ziemlich ernste Fehler in unserem Denken, in unseren Gebeten, unseren Liturgien, unserer Praxis und vielleicht besonders in unserer Mission für die Welt hervorruft. Mehr noch: Die Beispiele zu Beginn dieses Kapitels zeigen, dass die nicht-christliche Welt, nicht zuletzt im modernen Westen, verwirrt ist im Hinblick darauf, was sie aus sich selbst heraus glauben soll, und dass sie verwirrt ist im Hinblick auf das, was Christen angeblich glauben. Oft wird angenommen, Christen seien einfach verpflichtet, an ein „Leben nach dem Tod“ im ganz allgemeinen Sinne zu glauben. Man hat keine Vorstellung davon, wie die spezifischeren Ansichten über Auferstehung, Gericht, das zweite Kommen Jesu etc. zusammenpassen und sinnvoll sein könnten – ganz zu schweigen davon, wie diese Dinge mit den dringenden Sorgen der heutigen realen Welt verbunden sind.

Es geht hier auch nicht einfach darum, sich darüber klar zu werden, was man im Hinblick auf jemanden glauben soll, der verstorben ist, oder was man über das eigene Schicksal nach dem Tod glauben soll – obwohl beides natürlich wichtig ist. Es geht darum, geradlinig über Gott und seine Absichten mit der Welt zu denken, und darüber, was er bereits jetzt als Teil dieser Absichten tut. Von Plato bis Hegel und darüber hinaus erklärten einige der größten Philosophen, dass das, was man über den Tod und das Leben danach denkt, der Schlüssel zum ernsthaften Nachdenken über alles andere ist – und dass dieses Denken in der Tat einen der Hauptgründe für das ernsthafte Nachdenken über alles andere liefert. Dem sollte ein christlicher Theologe von ganzem Herzen beipflichten.

So stürzen wir uns denn ohne weiteren Aufschub in die Verwirrung über diesen Themenbereich, die heute in der Welt jenseits der Kirchenmauern herrscht.

2. Von Hoffnung verwirrt: Die Welt jenseits der Kirchenmauern

Glaubensüberzeugungen über den Tod und das Jenseits gibt es in jeglicher Art, Form und Größe. Ein flüchtiger Blick auf die klassischen Ansichten der wichtigsten religiösen Traditionen straft die alte Vorstellung Lügen, alle Religionen seien grundsätzlich gleich. Zwischen dem Moslem, der glaubt, dass ein palästinensischer Junge, der von israelischen Soldaten getötet wird, direkt in den Himmel kommt, und dem Hindu, für den das rigorose Karma bedeutet, dass man in einem anderen Körper zurückkommt, um dem nächsten Stadium seiner Bestimmung nachzujagen, besteht ein himmelweiter Unterschied. Ein ebensolcher Unterschied besteht zwischen dem orthodoxen Juden, der glaubt, dass alle Gerechten bei der Auferstehung zu neuem individuellen körperlichen Leben auferweckt werden, und dem Buddhisten, der nach dem Tod wie ein Tropfen im Ozean zu verschwinden und dabei seine eigene Identität im großen, namen- und formlosen Jenseits zu verlieren hofft.4 Und dann gibt es natürlich noch zahlreiche Variationen zwischen verschiedenen Zweigen oder Schulen innerhalb dieser großen Religionen.

Dasselbe gilt für die große Vielfalt von Glaubensüberzeugungen hinsichtlich dessen, was die Verstorbenen im Schilde führen. In vielen Teilen Afrikas spielen die Ahnen immer noch eine wichtige Rolle im Leben der Gemeinschaft und der Familie. Es gibt weit verbreitete und komplexe Systeme, um ihre Hilfe zu suchen oder um sie zumindest daran zu hindern, Schaden anzurichten. Diese Überzeugungen sind auch nicht auf sogenannte „primitive“ Völker beschränkt, wie westliche Säkularisten arrogant annehmen könnten. Der Anthropologe Nigel Barley erzählt, wie er einen sehr gut ausgebildeten japanischen Kollegen traf, der im Tschad in einer benachbarten Firma gearbeitet hat. Barley war von „der komplizierten Form der Ahnenanbetung“ fasziniert, „welche die Knochen und die Zerstörung der Schädel sowie alle möglichen Formen des Austausches zwischen den Toten und den Lebenden einbezog“. Sein japanischer Freund fand dies alles ziemlich langweilig. Barley kommentiert:

Er war natürlich Buddhist und hatte einen Schrein für seine verstorbenen Eltern in seinem Wohnzimmer, auf dem er regelmäßig Opfer brachte […] Er hatte ein Knochenstück vom Bein seines toten Vaters mit nach Afrika gebracht, sorgfältig in weißes Tuch eingepackt, um es während seiner Feldstudien zu schützen. Für mich (so Barley) war Ahnenkult etwas, das man beschreibt und analysiert. Für ihn wäre die Abwesenheit einer solchen Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten etwas, das eine besondere Erklärung verlangt.5

Wenn wir uns unserer eigenen Heimat nähern, dann gibt es in unserer Zeit und Kultur eine verblüffende Vielfalt nicht nur an ausdrücklichen Glaubensüberzeugungen, sondern auch an fragwürdigen Praktiken im Zusammenhang mit dem Tod und dem Leben danach. Ich vermute, dass es niemals eine Zeit gab, in der zumindest die Mehrheit der Menschen in Großbritannien die christliche orthodoxe Sicht zum Thema teilte. Fest steht, dass es bereits zu viktorianischen Zeiten eine große Vielfalt an Glaubensüberzeugungen gab, da die Menschen mit den Fragen des Glaubens und des Zweifels rangen. Das berühmte Gemälde von Henry Alexander Bowler mit dem Titel The Doubt: Can These Dry Bones Live? [„Der Zweifel: Können diese trockenen Knochen leben?“] aus dem Jahre 1855/56 fasst das Problem zusammen. Eine junge Frau lehnt am Grabstein eines Mannes Namens John Faithful [„Johannes Treu“]; der Stein trägt den Schriftzug: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Auf dem angrenzenden Grabstein steht das Wort RESURGAM – Ich werde auferstehen – das auf vielen Grabsteinen jener Zeit stand. Eine Rosskastanie sprießt aus dem Grab und ein Schmetterling, der die Seele symbolisiert, sitzt auf einem freigelegten Totenschädel. Die im Raum schwebenden Fragen und Halbwahrheiten, die dieses Bild repräsentiert, passen zu einem ähnlichen Satz an Fragen in Tennysons großartigem Gedicht Crossing the Bar. Im letzten Gedicht seiner gesammelten Werke, 1889 drei Jahre vor seinem Tod geschrieben, klingt Tennyson kurzzeitig so, als würde er sich auf eine buddhistische Sicht zubewegen (der Tropfen, der im Ozean verschwindet), doch er endet letztlich auf einer christlichen Note:

Sonnenuntergang und Abendstern

Und ein klarer Ruf an mich!

Möge es kein Seufzen der Sandbank geben

wenn ich in See steche.

Doch die wogenden Fluten scheinen zu schlafen

voller Geräusche und Schaum

wenn das, was aus grenzenloser Tiefe kam

Wieder nach Hause kommt.

Dämmerung und Abendglocke

Und danach die Dunkelheit!

Möge es keinen Abschiedsschmerz geben

wenn ich an Bord gehe.

Denn wenn die Flut mich auch weit

von unserer Grenze von Zeit und Ort fortträgt,

hoffe ich, meinen Lotsen von Angesicht zu Angesicht zu sehen

Wenn ich die Sandbank überquert habe.6

Eine ganze andere, robustere orthodoxe Perspektive findet man bei Rudyard Kipling in einem Gedicht von 1892. Ich weiß nicht, wie stark er selbst daran glaubte, und in dem Gedicht geht es natürlich mehr um Kunst als um Theorien über das zukünftige Leben. Aber als Rahmen für seine Vorstellungen benutzt er mit Sicherheit die christliche Überzeugung, dass es nach einer Zeit der Ruhe ein neues Leben geben wird, eine neue Verkörperung:

Wenn das letzte Gemälde der Welt gemalt ist und die Farbtuben ausgequetscht und getrocknet sind,

wenn die ältesten Farben verblasst sind und der jüngste Kritiker gestorben ist,

dann werden wir ruhen und uns für ein oder zwei Zeitalter hinlegen – und Glauben, den werden wir brauchen,

bis der Meister aller guten Handwerker uns wieder neu an die Arbeit gehen lässt.

Und die, die gut waren, werden glücklich sein; sie werden in einem goldenen Sessel sitzen;

sie werden mit Pinseln von Kometenhaar auf eine zehn Meilen Leinwand spritzen.

Sie werden echte Heilige finden, von denen sie sich inspirieren lassen können – Maria Magdala, Petrus und Paulus;

und obwohl eine Sitzung ein Zeitalter dauert, werden sie niemals müde.

Und nur der Meister wird uns loben, und nur der Meister wird uns rügen;

und niemand wird für Geld arbeiten, und niemand wird für Ruhm arbeiten,

sondern jeder für die Freude an der Arbeit, und jeder wird nach seiner eigenen Bestimmung

die Gottheit so zeichnen, wie er sie sieht, und für den Gott halten, der die Gottheiten so sieht wie sie sind.

Diese Vielfalt von Überzeugungen spiegelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Chorälen und Gebeten der Kirche wider, wie wir noch sehen werden.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, treffen wir auf Shakespeare. In Maß für Maß wendet sich der Herzog an den verurteilten Claudio und ermutigt ihn, dem Tod ins Auge zu sehen. Das Leben als solches ist nicht viel wert, sagt er, und der Tod könnte gerade so gut sein:

Dein bester Teil ist der Schlaf,

du liebest ihn, und fürchtest doch den Tod,

der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges,

denn du bestehst durch viele tausend Körner,

die aus einem Staub hervorkeimen; glücklich bist du nicht,

denn immer bestrebst du dich, was du nicht hast zu gewinnen,

und zu vergessen was du hast; […] wenn du reich bist, bist du doch arm,

denn du trägst gleich einem mit Silberstangen beladnen Esel

deinen schweren Reichtum nur eine Tagreise,

und der Tod lädt dich ab; […] Was ist denn in diesem allem,

das den Namen des Lebens trägt? Und doch liegen in diesem Leben

zehntausend Tode verborgen; und wir fürchten den Tod,

der alle diese seltsamen Dinge eben macht?

Für einen kurzen Moment scheint Claudio von diesem Argument überzeugt zu sein:

Ich danke euch;

nun find ich, dass ich, wenn ich zu leben wünsche, zu sterben suche;

und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: Lass es kommen.

Kurz danach spricht Claudio jedoch mit Isabella, die anbietet, ihre eigene Ehre zu opfern, um ihn zu retten. So steht er folgendem Dilemma gegenüber: Der Tod, sagt er, ist zu fürchten:

Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht weiß wohin;

in kalter Erstarrung da liegen und verfaulen;

diese warme gefühlvolle Bewegung zum starren Klotz werden,

indes dass der wollustgewohnte Geist

sich in feurigen Fluten badet,

oder in Gegenden von aufgehäuftem Eis erstarret,

oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser Gewalt

rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch unseliger ist als das unseligste,

was zügellose und schwärmende Gedanken heulend sich vorbilden –

Das ist entsetzlich!

Das armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet,

was Alter, Krankheit, Dürftigkeit und Gefangenschaft

der Natur auflegen können, ist ein Paradies gegen das,

was wir auf den Tod fürchten.7

Der Trost ist kalt; die düstere Wirklichkeit ist nicht verschwunden.

Kommen wir unserer heutigen Zeit etwas näher: Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur eine unvorhersehbare, riesige Zahl von Todesopfern mit sich, sondern auch eine Fülle von Reflexionen über die Bedeutung des Todes. Einige Historiker legen nahe, dass der Glaube an die Hölle, der bereits im 19. Jahrhundert von Theologen unter Beschuss genommen wurde, unter den wichtigsten Opfern des Großen Krieges war. Man hatte bereits so viel Hölle auf Erden erlebt, dass man nicht glauben konnte, dass Gott so einen Ort auch im Jenseits erschaffen hätte. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Menschen an einen christlichen Universalismus glaubten, an einen christlichen Himmel oder an eine Auferstehung für alle oder zumindest die meisten. Viele bewegten sich vielmehr in eine andere Richtung, die bereits von Shelley in seinem Gedicht im Gedenken an Keats skizziert worden war:

Friede, Friede! Er ist nicht tot, er schläft nicht,

Er ist vom Traum des Lebens erwacht

Wir sind es, die, in stürmischen Visionen verloren

Und liegen mit Phantomen im unnützen Zwist […]

Er ist eins mit der Natur: man hört

seine Stimme in ihrer gesamten Musik, vom Grollen

des Donners bis zum Gesang des lieblichen Nachtvogels;

Seine Gegenwart wird gefühlt und erkannt

in Dunkelheit und Licht, aus Heilkraut und Steinen,

sie verbreitet sich, wo immer jene Kraft hingeht

die sein Wesen abgezogen hat, um bei den Seinen zu sein. […]

Er ist ein Teil jener Anmut,

die er selbst einst anmutiger machte; er übernimmt

seine Rolle, während des einen Geistes gestaltender Akzent

durch die dumpfe trübe Welt streicht […]

Ich wurde dunkel, ängstlich und hinfort getragen

durch den innersten Schleier des Himmels brennt

die Seele des Adonais wie ein Stern

und leuchtet aus dem Reich der Ewigen.

Der Atheist Shelley wusste nur zu gut, dass diese neuplatonische Sicht von einer Transformation der Seele in einen Teil der Schönheit des Universums weit entfernt war von der traditionellen christlichen Lehre. Die Ironie liegt heute darin, dass viele Menschen ähnliche Empfindungen ausdrücken und meinen, diese seien christlich. Sie erwarten von der Kirche, dass man ihnen erlaubt, solche Gedanken bei Beerdigungen vorzulesen. Dazu später mehr. Einen ähnlichen Gedanken finden wir bei Rupert Brooke, der seine Freunde 1914 anweist:

Wenn ich sterben sollte, denkt nur dies von mir:

dass es ein Fleckchen auf fremden Boden gibt,

das auf ewig England ist. Dort soll in jener reichen Erde

ein noch reicherer Staub verborgen sein,

ein Staub, den England gebar, formte, zu Bewusstsein erweckte

Dem sie einst ihre Blumen zum Lieben gab, ihre Wege zum Wandern,

ein Leib Englands, der englische Luft atmet.

Durch ihre Flüsse gewaschen, durch ihre Heimatsonne gesegnet.

Und bedenkt: Dies Herz, von allem Bösen gereinigt

Nichts geringer als ein Pulsschlag im ew’gen Geist,

gibt irgendwo die Gedanken zurück, die England gab,

alles Sehenswerte und Gehörte,

Träume, fröhlich wie ein schöner Tag

und das Lachen von Freunden, und Sanftmut

in friedvollen Herzen unter einem englischen Himmel.

Ein englischer Himmel – nun ja; aber wohl kaum der Himmel der christlichen Tradition oder des Neuen Testaments. Ähnliche Konzepte findet man bei Autoren wie George Eliot, die von den „unsterblichen Toten, die wieder leben / in Köpfen, die durch ihre Gegenwart gebessert werden“ sprach.8

Der erste Vorfall, bei dem dieselbe Trauerstimmung wie beim Tod von Prinzessin Diana herrschte, war das Begräbnis des Unbekannten Soldaten im November 1920. Bei diesem Anlass waren Millionen von Menschen, die ihre Familienmitglieder verloren hatten, von denen viele in Stücke zerrissen worden waren oder nie wieder ganz gesund wurden, in der Lage, so zu trauern, als wäre der unbekannte Soldat tatsächlich ihr eigener Sohn oder Ehemann gewesen. So viele Menschen waren damals von so viel Tod umgeben, und dann, weniger als eine Generation später, im Zweiten Weltkrieg ein weiteres Mal. Deswegen interpretiere ich die britischen Haltungen in Bezug auf den Tod folgendermaßen: Es gab einfach zu viel Tod, um damit fertigzuwerden. Ich wuchs in einer Kultur auf, in der über den Tod fast vollkommen geschwiegen wurde; in den 50er Jahren wurden Kinder vom Tod ferngehalten. Ich habe meine erste Beerdigung besucht, als ich fast zwanzig Jahre alt war. Das könnte, so vermute ich, eine Gegenreaktion auf die als melodramatisch wahrgenommenen viktorianischen Praktiken rund um Totenbett und Beerdigung gewesen sein. Vielleicht war es auch eine Strategie, mit der sich Eltern vor ihrer eigenen, enormen und tief verschütteten Trauer zu schützen versuchten, die nur zu deutlich in den unschuldigen Reaktionen eines Kindes reflektiert oder an die Oberfläche gespült werden konnte.

Doch wenn der Tod und das Leben jenseits des Todes in den 1950er Jahren etwas war, worüber man nicht sprach, so gilt das heute sicherlich nicht mehr. Filme, Theaterstücke und Romane untersuchen den Tod aus allen möglichen Blickwinkeln. Filme wie Vier Hochzeiten und ein Todesfall und Perchance to Dream spiegeln das Interesse, ja, die Faszination einer neuen Generation mit den Fragen wider, die sie nicht gestellt hatten und auf die sie keine zufriedenstellenden Antworten wissen. Das dunklere Ende des Filmspektrums hingegen suhlt sich im Tod, nicht nur in der projizierten Gewalt, sondern auch in „Snuff“-Filmen, in denen der Tod zum ultimativen Kick wird. Der Nihilismus, ein Kind des Säkularismus, lässt viele Menschen ohne einen Lebenssinn zurück, und der Tod liegt wieder einmal in der kulturellen Luft.

Das brillanteste Schauspiel, das ich sah, als wir in London wohnten, war das Stück Wit von Margaret Edson, einer Lehrerin aus Atlanta, Georgia.9 Das Stück gewann den Pulitzer-Preis. Die Heldin, Vivian Bearing, ist eine anerkannte Expertin für die Holy Sonnets von John Donne, und das ganze Stück spielt auf der Krebsstation, wo sie selbst im Sterben liegt und dabei über Donnes großes Sonett „Tod, sei nicht stolz“ reflektiert, auf das ich im nächsten Kapitel noch zurückkomme. Das Stück hatte in New York mehr Erfolg als in London; vielleicht ist Großbritannien noch nicht so reif für eine vollständige Untersuchung des Todes, der einen in der Lebensmitte hinfortreißt, wie es unsere amerikanischen Verwandten sind. Aber die Fragen sind uns allgegenwärtig, und die Menschen werden immer neugieriger auf mögliche Antworten. Als ich die Vorträge verfasste, die diesem Buch zugrunde liegen, erlangte der Kolumnist John Diamond nationale Berühmtheit, weil er mit stoischem und lakonischem Scharfsinn über seinen Kehlkopfkrebs schrieb und über seinen robusten Atheismus, der allen Trost und alle Angebote irgendeiner Art von Erlösung jenseits des Grabes ablehnte. Er ist mittlerweile verstorben. Das Interesse an dieser Kolumne und die Diskussion, die sich darum entwickelte, weisen sehr deutlich auf das starke, neu aufgekommene Interesse hin, das in unserer Welt an allem besteht, was mit dem Thema Tod und mit dem, was danach kommt (oder auch nicht) zusammenhängt.

An welchen Punkt bringen uns all diese Aspekte? Vor kurzem veröffentlichte Ruth Gledhill, Korrespondentin für religiöse Fragen bei der Times, einen Artikel, in dem sie argumentierte, dass sich eine große Kluft zwischen den Mainstream-Kirchen und der „Magie“ verschiedener New-Age-Philosophien, Kulte und dem Aberglauben aufgetan hat. Ein Leser schrieb zurück, um zu sagen, dass es von außen ganz danach aussehe, als würden die Kirchen selbst an Magie glauben. „Für Nicht-Christen“, schrieb er, „glauben Mitglieder der anglikanischen Kirche in England offensichtlich an einen wiederbelebten Leichnam“ – mit der Implikation: Wenn das keine Magie ist, was dann?

Nun: Ist das Magie, oder nicht? Was glauben Menschen tatsächlich, wenn sie über Ostern reden? Und in welcher Beziehung steht das zu dem, was die allgemeinen Glaubensbekenntnisse über unsere eigene zukünftige Bestimmung sagen, wenn sie erklären: „Ich glaube an die leibliche Auferstehung“? Was bedeutete dieser Begriff, als die ersten Christen ihn benutzten, und was könnte sie heute bedeuten? Worauf hoffen wir heute in Bezug auf den Tod und das Jenseits? Welche Antwort könnten wir auf diese Frage bekommen, wenn wir eine informelle Umfrage auf den Straßen unserer Städte und Dörfer machen würden? Und da gute Theologie niemals auf der Meinung der Mehrheit fußt: Was lehrt die Bibel zu diesem Thema? Was sagen Jesus und die Apostel?

3. Verschiedene Glaubensüberzeugungen

Die wichtigsten Glaubensüberzeugungen, die im derzeitigen „Glaubensklima“ vorkommen, kann man, so scheint mir, in drei Typen unterteilen. Keiner dieser Typen repräsentiert dabei die orthodoxe [nachfolgend im Sinne von „korrekter, christlicher Lehrmeinung“ gebraucht] christliche Ansicht. Es gibt immer noch Versuche, eine traditionellere Sichtweise neu zu formulieren; ich denke z. B. an William Goldings düsteren, aber großartigen Roman Der Felsen des zweiten Todes [engl. Titel: Pincher Martin]. Aber im Allgemeinen herrscht die Stimmung vor, dass traditionelle Glaubensüberzeugungen, also sowohl der Glaube an das Gericht und die Hölle als auch derjenige an die Auferstehung, in der Tat anstößig für moderne Empfindlichkeiten sind.10

Erstens: Einige Menschen glauben an die vollständige Auslöschung; das ist zumindest sauber und ordentlich, wie unbefriedigend es auch als eine Darstellung der menschlichen Bestimmung sein mag. Vermutlich unterliegt dieser Gedanke dem zornigen, lyrischen Ausbruch von Dylan Thomas beim Tod seines Vaters:

Geh nicht leise in jene gute Nacht.

Tobe, tobe gegen das Sterben des Lichts.11

Aber nur wenige halten eine völlige Leugnung jeglicher Art zukünftigen Lebens durch. Wenn man die Abteilung „Religion“ in einem durchschnittlichen Buchladen begutachtet, sieht man, dass heute immer mehr Menschen an die eine oder andere Form von Reinkarnation zu glauben scheinen. Dieser Glaube ist nicht nur auf praktizierende Hindus oder Vertreter einer westlich angepassten Reinkarnationslehre wie Glenn Hoddle beschränkt. In dem schauerlichen, aber faszinierenden Roman von Will Self, Wie Tote leben, entdeckt die Hauptfigur, eine griesgrämige Frau aus London, die kürzlich verstorben ist und nun in einer geisterhaften Parodie Londons lebt, dass sie zu wiederholter Reinkarnation verdammt ist. Es sei denn, sie schafft es, das zu ergreifen, was ihr Führer in der Unterwelt „die Haken und Ösen der Gnade“ nennt, mit deren Hilfe sie, so scheint es, in der Lage sein wird, dem ständigen Kreislauf zu entkommen:

Hast noch immer ’ne letzte Chance, diesem Kreislauf zu entkommen, Mädel. […] Noch immer Zeit, dich an die Haken und Ösen der Gnade zu hängen. Wenn du es willst. Wenn du es schaffst – auch nur für wenige Augenblicke –, eine absolute Zielgerichtetheit des Denkens zu erreichen.12

Doch sie schafft es nicht und wird ein weiteres Mal geboren – als unglückliches Baby, für ein kurzes und brutales Leben bestimmt. Will Self scheint eine Art Hinduismus vor Augen zu haben, in dem die mentale Leistung eines kurzen, fokussierten Gedankens, der die herumschweifende und abgelenkte Vernunft oder Seele ersetzt, der Schlüssel zum Entkommen aus dem Kreislauf ist, zum Entkommen aus dem sich unaufhörlich drehenden Rad von Tod und Geburt. Urteilt man noch einmal anhand der verfügbaren Literatur, so geben diejenigen der Reinkarnation eine andere Schlagseite, für die diese Lehre zu einem Weg geworden ist, Psychoanalyse mit anderen Mitteln zu betreiben. Hier werden Aspekte der Persönlichkeit entdeckt, die aus einem früheren Leben herrühren oder von dem, was einem dort passiert ist. Diese Denkweise ist somit Teil einer umfassenderen New-Age-Kultur, in der Versatzstücke esoterischer Glaubensüberzeugungen mit Träumen von Selbsthilfe und Selbstverwirklichung vermischt werden.

Ebenfalls an der Grenze zu New Age Vorstellungen befindet sich das Wiederaufleben von Ansichten, die wir bei Shelley entdeckt haben, eine Art abgespeckte Naturreligion mit buddhistischen Elementen. Im Tod wird man von der weiteren Welt absorbiert, vom Wind und den Bäumen. Das folgende anonyme Gedicht, das ein Soldat, der auf dem Weg nach Nordirland war, für den Fall sein Todes hinterließ, beschreibt diese Denkweise sehr gut:

Steht nicht an meinem Grab und weint;

ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.

Ich bin tausend wehende Winde.

Ich bin das diamantene Schimmern des Schnees.

Ich bin das Sonnenlicht auf gereiftem Getreide.

Ich bin der sanfte Herbstregen.

[…]

Steht nicht an meinem Grab und weint;

ich bin nicht dort. Ich sterbe nicht.13

Eine der Botschaften, die nach Prinzessin Dianas Tod in London hinterlassen wurden und so geschrieben war, als würde die Prinzessin selbst sprechen, lautete: „Ich habe euch überhaupt nicht verlassen. Ich bin immer noch bei euch. Ich bin in der Sonne und im Wind. Ich bin sogar im Regen. Ich bin nicht gestorben, ich bin bei euch allen.“14 Viele Beerdigungen, Gedenkgottesdienste und sogar Grabsteininschriften verleihen dieser Art von Glauben heutzutage eine Stimme. Viele Möchtegern-Christen versuchen, sich selbst und andere zu überzeugen, dass diese Art von weitergehendem Leben wirklich das ist, was die traditionelle Lehre entweder mit der Unsterblichkeit der Seele oder mit der Auferstehung der Toten meint. Andere wie der äußerst erfolgreiche Kinderbuchautor Philip Pullman, der eine ähnliche Sicht vertritt, sagen ganz deutlich, dass sie damit den traditionellen christlichen Glauben angreifen und dekonstruieren und an seiner Stelle etwas anderes anbieten wollen.15

Ein bemerkenswertes, klar umrissenes Beispiel erscheint unerwartet in Nick Hornbys Buch Fever Pitch: Ballfieber, ein leidenschaftlicher und witziger Bericht über seine Liebe zum Fußball und besonders dem Verein Arsenal London. Als er auf einen toten Fußballfan trifft, der auf der Straße liegt, sinnt er über den Tod und Fußball nach. Wäre es nicht furchtbar, so fragt er sich, wenn man mitten in der Saison sterben würde und nicht wüsste, wie die Meisterschaft ausgeht? Aber so ist es nun einmal:

Vielleicht sterben wir in der Nacht, bevor unser Team in Wembley aufläuft oder am Tag nach einem Europapokalhinspiel oder während der entscheidenden Phase des Aufstiegskampfes oder einer umkämpften Partie gegen den Abstieg, und dann müssen wir davon ausgehen, jedenfalls wenn man vielen Theorien über das Leben nach dem Tod folgt, dass wir außerstande sein werden, letztlich das Ergebnis rauszukriegen. Der ganze Witz am Tod ist, daß er, metaphorisch gesprochen, fast zwangsläufig eintritt, bevor die wichtigsten Trophäen verliehen worden sind.16

Diese Gedanken sind jedoch höchst unbefriedigend und führen Hornby zu der Spekulation, welche Möglichkeiten es vielleicht doch für ein Leben nach dem Tod gäbe, ein Leben, in dem Fußball (natürlich) weiterhin eine zentrale Rolle spielen wird. Eine Feuerbestattung bietet folgende Möglichkeit:

Ich will nicht mitten in der Saison sterben, aber ich bin, denke ich, andererseits einer von denen, die glücklich wären, wenn ihre Asche über dem Rasen von Highbury verstreut würde. (Obwohl ich verstehe, daß es Beschränkungen gibt. Zu viele Witwen setzen sich mit dem Club in Verbindung, und es bestehen Befürchtungen, daß die Grasnarbe nicht allzu gut auf den Inhalt von unzähligen Urnen reagieren würde.) […] ganz sicher werde ich lieber auf der Westtribüne verstreut als im Atlantik versenkt oder über einem verlassenen Berg ausgeschüttet zu werden.

Und dieses Szenario könnte sogar eine andere Art von „Überleben“ möglich machen:

Es ist schön, sich vorzustellen, daß ich in irgendeiner Form im Stadion herumhängen und einen Samstag der ersten Mannschaft zusehen könnte und am nächsten dem Reserve-Team. Mir würde es Wohlbehagen bereiten, wenn meine Kinder und Enkel Arsenalfans wären und ich ihnen zuschauen könnte. Das scheint mir keine schlechte Art, die Ewigkeit zu verbringen […] ich will, versponnenerweise, als Geist in Highbury herumschweben und bis ans Ende aller Zeiten die Spiele der Reservemannschaft anschauen.17

Hier sehen wir die gegenwärtig herrschende völlige Verwirrung im Blick auf das Leben nach dem Tod, die hier sozusagen auf dem Spielfeld einer monomanen Besessenheit von einem bestimmten Lebensbereich (so Hornbys Selbsteinschätzung) ausgetragen wird.

Die Gepflogenheiten bei Beerdigungen, die heute neu oder wieder aufkommen, bringen dieselbe Art von Verwirrung zum Vorschein. Die Geste, Gegenstände neben den Toten in den Sarg zu legen, um die Toten im zukünftigen Leben zu trösten oder ihnen zu helfen, wurde bis vor Kurzem von Kulturbeobachtern als eine interessante Gepflogenheit beschrieben, die heute in der modernen westlichen Gesellschaft aufgegeben wurde. Mittlerweile feiern Geschenke für Verstorbene wieder ihr Comeback, wobei Fotos, Schmuck, Teddybären und ähnliche Dinge in den Sarg gelegt werden.18 Nigel Barley erzählt Geschichten, die von einem Mitarbeiter eines Krematoriums stammen; Geschichten von Witwen, die eine Packung Vollkornkekse oder die Zweitbrille sowie das Gebiss des Verstorbenen in den Sarg legten. In einem Fall legte eine Witwe zwei Spraydosen mit Klebstoff in den Sarg. Ihr Mann hatte damit immer sein Toupet angeklebt. Die Spraydosen verursachten eine Explosion, die die Tür der Brennkammer im Krematorium verbog.19 Was für eine Art von Glauben – wenn denn überhaupt ein Glaube vorliegt – spiegeln alle diese Dinge wider?

Zu guter Letzt: Auf der populären Ebene hat der Glaube an Geister und an die Möglichkeit spiritistischer Kontaktaufnahme zu den Toten allen Angriffen aus einem ganzen Jahrhundert Säkularismus widerstanden. Als ich die Reihe von Vorträgen, auf denen dieses Buch basiert, erstmals in Westminster Abbey hielt, verlautbarte die Ausgabe des wöchentlichen Infobriefs der Kirche, die auf meinen ersten Vortrag hinwies, dass die jährliche Erscheinung eines der hauseigenen Geister aus dem 17. Jahrhundert ebenfalls demnächst stattfinden könnte. Und dann gibt es natürlich die zahlreichen populären Phänomene auf beiden Seiten des Atlantiks wie den anhaltenden Elviskult – Phänomene, deren Beschreibung eigener Kategorien bedarf.

Ich nehme an, dass ich eine Welt beschreibe, die meine Leser wiedererkennen. Es ist nicht meine Absicht, diese vollständig zu katalogisieren, sondern ich möchte die Aufmerksamkeit sowohl auf bestimmte Merkmale als auch auf die auffällige Tatsache lenken, dass diese Welt dem, was man gerade noch so als orthodoxen christlichen Glauben bezeichnen kann, nicht nur ziemlich unähnlich ist, sondern dass (soweit ich sehe) die meisten Menschen schlicht und einfach gar nicht wissen, worin der orthodoxe christliche Glaube eigentlich besteht. Es wird angenommen, dass Christen an ein Leben nach dem Tod glauben, im Unterschied zur Leugnung jeglichen Überlebens nach dem Tod, und dass jede Art von Leben nach dem Tod daher etwas Christliches sei. Die Vorstellung, Ansichten über ein „Leben nach dem Tod“ könnten unterschiedliche Varianten umfassen, die sehr unterschiedliche Glaubensüberzeugungen im Blick auf Gott und die Welt verkörpern, und sehr unterschiedliche Programme im Hinblick darauf, wie Menschen in der Gegenwart leben sollten, ist den meisten modernen westlichen Menschen schlicht und einfach niemals bewusst geworden. Insbesondere haben die meisten Menschen nur eine begrenzte oder gar keine Vorstellung davon, was der Begriff Auferstehung tatsächlich bedeutet oder warum Christen sagen, dass sie daran glauben.

Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass diese mannigfaltige Unwissenheit oft auch für die Kirchen zu gelten scheint. Das ist der Gegenstand des nächsten Kapitels.


3  Siehe mein Buch The Cross and the Colliery (London: SPCK, 2007).

4  David Edwards beschreibt eine moderne Version dieser Zusammenhänge in seinem Buch After Death? Past Beliefs and Real Possibilities (London: Cassell, 1999), S. 101f.

5  Nigel Barley, Grave Matters: A Lively History of Death Around the World (New York: Holt, 1997), S. 97.

6  „Crossing the Bar“ in: The Works of Alfred Lord Tennyson (London: Macmillan, 1898), S. 894.

7  Maß für Maß, 3. Akt, 1. und 2. Szene. Die berühmteste Behandlung dieses Themas bei Shakespeare findet sich im Hamlet: „O schmölze doch dies allzu feste Fleisch“ (1. Akt, 2. Szene) und „Sein oder nicht sein“ (3. Akt, 1. Szene).

8  Zitiert bei Edwards, After Death, 44.

9  Margaret Edson, Wit: A Play (London: Faber & Faber, 1999).

10  Siehe die Anmerkungen von Pat Jalland, „Victorian Death and Its Decline, 1850-1918“, in Death in England: An Illustrated History, herausgegeben von P. C. Jupp und C. Gittings (New Brunswick, NJ: Rutgers University Press, 1999), S. 245, wo sie auf Thomas Huxley verweist.

11  Dylan Thomas, „Do Not Go Gentle into That Good Night“ (1952), The New Oxford Book of English Verse, ausgewählt und herausgegeben von Helen Gardner (Oxford: Oxford University Press, 1972), S. 942.

12  Will Self, Wie Tote leben (München: Luchterhand, 2002), S. 433.

13  Das Gedicht wird oft Mary Elizabeth Frye zugeschrieben (1904-2004), aber das wird manchmal angefochten.

14  Zitiert bei Ted Harrison, Beyond Dying: The Mystery of Eternity (Oxford: Lion, 2000), S. 68, 72.

15  Philip Pullman, Die Pullman-Triologie. Sie umfasst Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop (München: Heyne, 2002).

16  Nick Hornby, Fever Pitch: Ballfieber – Die Geschichte eines Fans (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 17. Aufl., 2001), S. 96.

17  Hornby, Fever Pitch, S. 96-97.

18  Siehe z. B. Harrison, Beyond Dying, S. 17.

19  Barley, Grave Matters, S. 84.

Kapitel 2:
Perplex angesichts des Paradieses?

1. Christliche Verwirrung im Hinblick auf die Hoffnung

Eine der meistzitierten anglikanischen Predigten des 20. Jahrhunderts ist leider auch eine der irreführendsten. In einer weitschweifig benutzten Anleitung für die Durchführung säkularer Beerdigungen werden Worte von Canon Henry Scott Holland, ehemaliger Domherr der St. Paul’s Cathedral, als Vorwort zitiert, und Tausende von Menschen verlangen, dass diese Worte bei Beerdigungen und Gedenkgottesdiensten gelesen werden:

Der Tod ist überhaupt nichts. Er zählt nicht. Ich bin nur in das nächste Zimmer hinübergegangen. Es ist nichts geschehen. Alles bleibt genau so, wie es war. Ich bin ich und du bist du, und das alte Leben, das wir so liebevoll zusammen gelebt haben, bleibt unberührt, unverändert. Was auch immer wir füreinander waren, wir sind es immer noch. Nenn mich bei dem alten vertrauten Namen. Rede von mir in der Leichtigkeit, die dich immer auszeichnete. Lege keinen anderen Ton in deine Stimme. Umgibt dich nicht mit einer erzwungenen Feierlichkeit oder Trauer […] Das Leben bedeutet das, was es immer bedeutete. Es ist dasselbe, was es immer war. Es gilt absolute und ungebrochene Kontinuität. Was ist der Tod außer einem zu vernachlässigenden Unfall? Warum soll ich aus dem Sinn sein, weil ich aus den Augen bin? Ich warte auf dich, in einer Zwischenzeit, irgendwo in der Nähe, gerade um die Ecke. Alles ist gut. Nichts ist verletzt; nichts ist verloren. Ein kurzer Moment, und alles wird sein wie vorher. Wie werden wir über die Beschwerde der Trennung lachen, wenn wir uns wieder begegnen!20

Üblicherweise weist niemand darauf hin, dass diese Ansicht nicht die Ansicht war, die Scott Holland selbst verteidigte. Der Text repräsentiert schlicht das, was wir Holland zufolge denken, wenn wir „auf das ruhige Gesicht dessen schauen, der uns sehr wichtig war und nahe stand“. An einer anderen Stelle in derselben Predigt, die er 1910 nach dem Tod von König Edward VII. gehalten hatte, spricht er von anderen Gefühlen, die der Tod ebenfalls hervorruft, der Tod, der „so unerklärlich scheint, so unbarmherzig, so taktlos, […] der grausame Hinterhalt, in den wir gelockt werden. […] Er schlägt seine schreckliche Bresche in unser Glück, wobei er uns unbekümmert und unmenschlich missachtet. […] Sein undurchdringliches Geheimnis versteckt sich hinter der Dunkelheit. […] Stumm wie die Nacht, diese entsetzliche Stille!“

Scott Holland versuchte sich dann an einer Versöhnung zwischen diesen beiden Ansichten über den Tod. Der Christ ist nach dem Neuen Testament „bereits vom Tode zum Leben durchgedrungen“, sodass der noch ausstehende Übergang des tatsächlichen Todes nicht so furchterregend sein sollte, wie er erscheint. Außerdem sollten wir (so schlägt Holland vor) vom Leben jenseits des Todes im Sinne eines fortgesetzten Wachstums in der Erkenntnis Gottes und in der persönlichen Heiligung denken, die bereits in der Gegenwart begonnen haben. Dies wirft Fragen auf, die wir in diesem Stadium des Buches noch nicht angehen können, aber es ist bereits klar, dass das Herausreißen des so oft zitierten Abschnitts aus der Predigt, in die er ursprünglich hineingehört, der Absicht des Autors ernstlich Gewalt antut. Man kann sich über die außerordentliche Leugnung nur wundern, die hier stattfindet: letztlich handelt es sich dabei um eine fest entschlossene Weigerung, über den realen und grausamen Bruch des Todes die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit über die schreckliche Leugnung des Gutseins des menschlichen Lebens, die jeder Tod beinhaltet. Ich würde mich freuen, wenn dieses Buch mitunter die Folge hätte, dass die Verwendung des Abschnittes von Scott Holland auf christlichen Beerdigungen problematisiert wird. Diese Verwendung bietet nur einen hohlen Trost. In sich selbst, ohne Kommentar, erzählt der Abschnitt schlicht und einfach Lügen. Er ist nicht mal eine Parodie der christlichen Hoffnung. Er leugnet schlicht und einfach, dass es überhaupt ein Problem gibt, dass überhaupt ein Bedarf für Hoffnung besteht.

Im Kontrast zu diesem wohl bekannten Text sollte man sich die robuste Haltung einer klassisch christlichen Theologie ansehen, die vor langer Zeit von dem zeitweiligen Dekan von St. Paul, John Donne, formuliert wurde:

Tod, sei nicht stolz, hast keinen Grund dazu,

Bist gar nicht mächtig stark, wie mancher spricht:

Du tust uns nichts; auch mich tötest du nicht.

Die du besiegt wähnst, warten nur in Ruh.

Wenn schon der Schlaf, dein Abbild, Freude leiht,

Welch hohe Lust muss aus dir selbst gedeihn.

Und gehn auch unsre Größten zu dir ein – Die Asche fault, die Seele ist befreit.

Du Sklav des Fürsten, des Verzagten Knecht,

Der falsch durch Gift, durch Krieg und Krankheit siegt:

Wenn schon ein Schlaftrunk uns in Schlummer wiegt,

Und besser als dein Streich, wie prahlst du schlecht!

Nach kurzem Schlaf erwachen wir zur Ruh –

Und mit dem Tod ists aus: Tod, dann stirbst du.21

Auf den ersten Blick scheint dieser Text dem von Scott Holland ziemlich nahezustehen. Der Tod ist überhaupt nichts? Der Tod ist letztlich doch nicht mächtig und entsetzlich? Doch die letzten beiden Zeilen sagen alles. Der Tod ist der große Feind, aber er ist überwunden worden und wird letztlich vollständig überwunden werden. „Nach einem kurzen Schlaf erwachen wir auf ewig, / und der Tod wird nicht mehr sein. Tod, du wirst sterben.“ In dem Text von Scott Holland gibt es nichts zu überwinden. Für John Donne ist der Tod wichtig; er ist ein Feind, aber für Christen ist er ein geschlagener Feind. Im Einklang mit einem Großteil klassisch christlichen Denkens sieht Donne das Leben nach dem Tod in zwei Stufen: zunächst ein kurzer Schlaf, dann ein ewiges Erwachen.22 Und der Tod wird nicht mehr sein. Donne begriff das, was wir als die zentrale neutestamentliche Glaubensüberzeugung entdecken werden: dass der Tod letztendlich nicht einfach neu definiert wird, sondern dass er besiegt wird. Gottes Absicht besteht nicht darin, dem Tod zu gestatten, mit uns zu machen, was er will. Wenn die verheißene endgültige Zukunft einfach darin besteht, dass unsterbliche Seelen ihre sterblichen Körper zurücklassen, dann herrscht der Tod immer noch – denn das ist nicht eine Beschreibung des Sieges über den Tod, sondern schlicht eine Beschreibung des Todes, aus einer bestimmten Perspektive betrachtet.23

Aber ich greife mir selbst zu sehr vor. Die klassische christliche Position wird in den frühen Glaubensbekenntnissen ausgedrückt, die wiederum in mehrfacher Hinsicht auf dem Neuen Testament beruhen. Dies werden wir an späterer Stelle in diesem Buch untersuchen. In meiner Kirche erklären wir jeden Tag und jede Woche, dass wir an „die Auferstehung des Leibes“ glauben. Aber tun wir das wirklich? Viele christliche Lehrer und Theologen haben in den letzten Jahrzehnten die Angemessenheit dieser Ausdrucksweise in Frage gestellt. Ein kürzlich erschienener reichhaltig illustrierter Bildband zum Thema Tod und Leben nach dem Tod widmet der angeblich seltsamen Vorstellung von der Auferstehung ganze vier Seiten und erklärt offen, dass „das gegenwärtige orthodoxe Christentum nicht mehr an der Vorstellung einer physischen Auferstehung festhält, sondern das Konzept einer ewigen Existenz der Seele bevorzugt, auch wenn einige Glaubensbekenntnisse immer noch an den alten Vorstellungen festhalten.“24 Wir sollten an dieser Stelle noch einmal ganz klar sagen: Wenn das stimmt, dann ist der Tod nicht besiegt, sondern neu beschrieben: Er ist nicht mehr ein Feind, sondern schlicht das Mittel, mit dessen Hilfe die unsterbliche Seele (wie im Hamlet) ihre sterbliche Hülle abwirft.25

2. Untersuchung der Möglichkeiten

In der Tat gab es ein Hin- und Herschwanken zwischen zwei unterschiedlichen Positionen, die man erkennen kann, wenn man sich alte Kirchen und deren Monumente anschaut. Einige stellen sich den Tod als schrecklichen Feind vor, der seine Beute verfolgt. Dies wird oft mit der klaren Aussage kombiniert: Wenn der Tod auch ein Feind ist, so wird er doch letztendlich besiegt werden. Zumindest bis zum späten 18. Jahrhundert wurde auf viele Grabsteine und Gedenkstätten das lateinische Wort resurgam eingraviert; es bedeutet: „ich werde auferstehen“ und verweist darauf, dass die nun tote Person an einen zwischenzeitlichen Schlaf glaubte, auf den zu einem zukünftigen Zeitpunkt ein neues körperliches Leben folgen würde. Das war der Grund, warum Menschen Richtung Osten beerdigt wurden: um dem Herrn bei seiner Wiederkunft zu begegnen. Im zehnten Kapitel kommen wir darauf zurück.

Der andere Pol wird von dem Choral „All Creatures of Our God and King“ des Heiligen Franziskus repräsentiert, mit seiner bemerkenswerten Anrufung: „And thou, most dear and kindly death, waiting to hush our latest breath“ („Und du, liebster und freundlichster Tod, der du auf unseren letzten Atemzug wartest“). Viele Choräle, Gebete und Predigten haben versucht, den Schlag dadurch abzufedern, dass sie den Tod als einen Freund präsentiert haben, der kommt, um uns an einen besseren Ort zu bringen; im 19. Jahrhundert war das ein vertrautes Thema, das seine säkularen Echos in den modernen Bewegungen in Richtung freiwillige Euthanasie findet. Das christliche Denken hat also zwischen der Ansicht, der Tod sei ein abscheulicher Feind, und der Ansicht, er sei ein willkommener Freund, geschwankt.

Traditionell gehen wir natürlich davon aus, dass das Christentum lehrt, es gäbe einen Himmel, in den die Geretteten oder Gesegneten gehen, und eine Hölle für die Bösartigen und Unbußfertigen. Viele innerhalb und außerhalb der Kirche nehmen immer noch an, dass das die offizielle Meinung sei, die sie dann akzeptieren oder auch nicht akzeptieren.

Ein bemerkenswertes Beispiel erreichte mich kürzlich per Post: ein Buch, anscheinend ein Bestseller, von Maria Shriver, der gegenwärtigen First Lady von Kalifornien, die mit Arnold Schwarzenegger verheiratet ist und deren Onkel John F. Kennedy war. Das Buch heißt What’s Heaven?26 und richtet sich an Kinder. Es enthält viele große Bilder mit flauschigen Wolken am blauen Himmel. Jede Textseite enthält einen einzigen Satz in besonders großer Schrift, der die grundlegende Botschaft des Buches glasklar macht. Der Himmel, so sagt Shriver,

[…] ist dort, wo du ihn glaubend annimmst. […] Es ist ein wunderschöner Ort, du kannst dort auf weichen Wolken sitzen und mit den anderen Menschen sprechen, die dort sind. Nachts kannst du neben den Sternen sitzen, neben den hellsten im Universum. […] Wenn du in deinem Leben immer gut warst, dann darfst du in den Himmel gehen. […] Wenn dein Leben hier auf Erden zu Ende ist, schickt Gott Engel herab, um dich zum Himmel herauf zu holen, damit du dann bei ihm bist. […] [Und Großmutter] lebt in mir. […] Das Wichtigste ist, dass sie mir beibrachte, an mich selbst zu glauben. […] Sie ist an einem sicheren Ort, bei den Sternen, bei Gott und den Engeln. […] Sie passt von dort auf uns auf. […]

„Ich möchte, dass du weißt [sagte die Heldin zu ihrer Urgroßmutter]: Auch wenn du nicht mehr hier bist: dein Geist wird immer in mir lebendig sein.“27

Das ist mehr oder weniger genau das, was Millionen von Menschen in der westlichen Welt mittlerweile glauben, was sie als Wahrheit akzeptiert haben und was sie ihren Kindern beibringen. Das Buch wurde mir von einem Freund geschickt, der mit trauernden Kindern arbeitet. Er beschrieb das Buch als „eines der schlimmsten Bücher für Kinder“ und sagte: „Ich hoffe, du findest dieses furchtbare Buch hilfreich im Hinblick darauf, was du nicht schreiben solltest!“ Das Buch ist in der Tat ein hervorragendes Beispiel seines Genres. Die Wahrheit, die die Bibel lehrt, sieht auf mehreren Ebenen ziemlich anders aus.

Wenn man Menschen erzählt, wie diese Wahrheit wirklich aussieht, dann sind sie oft geschockt: Die Bibel enthält ziemlich wenig zum Thema „in den Himmel kommen, wenn man stirbt“ und auch nicht viel zum Thema Hölle. Die mittelalterlichen Bilder von Himmel und Hölle, von Dantes Klassiker zwar nicht erfunden, aber verstärkt, haben einen sehr großen Einfluss auf die Einbildungskraft der westlichen Christen ausgeübt. Viele Christen wachsen mit der Annahme auf, dass überall dort, wo das Neue Testament vom Himmel spricht, auf den Ort verwiesen wird, an den die Geretteten nach dem Tod kommen werden. Im Matthäusevangelium werden Jesu Sprüche über das „Königreich Gottes“ aus den anderen Evangelien mit „Himmelreich“ wiedergegeben; da viele zuerst das Matthäusevangelium lesen, nehmen sie an, wenn sie dort „Himmelreich“ lesen, dass ihre Annahmen bestätigt werden, und sie gehen daher davon aus, dass das Matthäusevangelium in der Tat darüber redet, wie man nach dem Tod in den Himmel kommt – doch das ist mit Sicherheit nicht das, was Jesus oder Matthäus im Kopf hatten. Viele, weitverbreitete Vorstellungen, die in den Köpfen der Menschen existieren, sind in diesem Umfeld gewachsen, und man nimmt nun an, dass diese Bilder das sind, was die Bibel lehrt oder was Christen glauben.28

Aber der Sprachgebrauch, der sich im Neuen Testament auf den Himmel bezieht, funktioniert nicht auf diese Weise. „Königreich Gottes“ verweist in der Predigt Jesu nicht auf die postmortale Bestimmung, auch nicht auf unsere Flucht aus dieser in eine andere Welt, sondern auf Gottes souveräne Herrschaft, die „auf Erden kommt, wie sie im Himmel ist“.29 Die Wurzeln dieses Missverständnisses reichen sehr tief, nicht zuletzt bis in die Reste des Platonismus hinein, der ganze Blöcke christlichen Denkens infiziert und Menschen zu der Annahme verleitet hat, Christen müssten diese Welt und unsere gegenwärtigen Körper abwerten und sie als schäbig oder schamvoll ansehen.

Die Bilder vom Himmel im Buch der Offenbarung sind ebenfalls ziemlich missverstanden worden. Die wunderbare Beschreibung der vierundzwanzig Ältesten in Offenbarung 4 und 5, die ihre Kronen vor dem Thron Gottes und des Lammes ablegen, neben dem gläsernen Meer, ist trotz einer der großartigen Choräle von Charles Wesley kein Bild vom letzten Tag, an dem endlich alle Erlösten im Himmel sind.30 Offenbarung 4-5 bietet ein Bild für die gegenwärtige Realität, für die himmlische Dimension unseres gegenwärtigen Lebens. Himmel ist in der Bibel keine zukünftige Bestimmung, sondern die andere, verborgene Dimension unseres ganz normalen Lebens – Gottes Dimension, wenn man so will. Gott erschuf Himmel und Erde; zuletzt wird er beide neu machen und auf ewig vereinen. Und wenn wir zum Bild des tatsächlichen Endes in Offenbarung 21-22 kommen, finden wir keine erlösten Seelen auf dem Weg in einen unkörperlichen Himmel, sondern vielmehr das neue Jerusalem auf dem Weg vom Himmel zur Erde, das Himmel und Erde in einer bleibenden Umarmung vereint.31

Ich fürchte, dass die meisten Christen heute im Verlaufe eines Jahres nicht ein einziges Mal über diese Dinge nachdenken. Sie sind mit dem zufrieden, was bestenfalls eine gekürzte und verzerrte Version der großartigen biblischen Hoffnung ist. In der Tat wird das populäre Bild immer wieder durch Choräle, Gebete, Monumente und sogar durch ganz ernste Werke der Theologie und Geschichte bestärkt. Es wird einfach angenommen, dass das Wort Himmel der angemessene Begriff für die letztendliche Bestimmung ist, für die endgültige Heimat, und dass die Sprache der Auferstehung und von der neuen Erde wie auch vom neuen Himmel irgendwie in dieses Vorverständnis eingepasst werden muss.32

Ich denke, dass wir es in der heutigen Kirche mit einer verworrenen Kombination mehrerer Dinge zu tun haben. Zum einen ist die alte Himmel-und-Hölle-Ansicht stark unter Beschuss geraten. Viele weigern sich heute, überhaupt an eine Hölle zu glauben. Dieses Leugnen der Hölle, das sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts entwickelte, brachte jedoch paradoxerweise auch eine „Verkleinerung“ der Verheißung des Himmels hervor – denn wenn jeder auf demselben Weg ist, scheint es unfair zu sein, einigen zu erlauben, den Bestimmungsort direkt zu erreichen und ihnen die lange Reise nach dem Tod zu ersparen. Die Vorstellung von so einer Reise nach dem Tod taucht heute sehr häufig auf, auch wenn sie mehr oder weniger keine biblische oder frühchristliche Berechtigung hat. Wir haben es heute aber auch mit der Rehabilitierung einer modernen, bereinigten Version der alten Fegefeuer-Theorie zu tun: Da wir beim Tod noch ziemlich unvorbereitet sind, um unserem Schöpfer zu begegnen, brauchen wir (so wird uns nahegelegt) eine Zeit der Läuterung, des Wachsens hin zum Licht. (Menschen, die so denken, bevorzugen es, die Sache auf diese Weise auszudrücken, anstatt Reinigung oder andere unangenehme Dinge zu betonen.)33 Viele glauben an einen Universalismus, in dem Gott den Unbußfertigen endlos die Entscheidung für den Glauben gewährt, bis schlussendlich alle der Werbung der göttlichen Liebe erliegen.34 Einige erklären, dass der Himmel, wie er traditionell ausgemalt wird, unerträglich langweilig ist – man sitzt auf einer Wolke und spielt die ganze Zeit Harfe – und dass sie das entweder nicht glauben oder dass sie dort nicht hin wollen. Andere erklären naserümpfend, dass ein Gott, der einfach möchte, dass die Menschen ihn die ganze Zeit verehren, keine Figur ist, die sie respektieren würden. Diejenigen von uns, die dagegen einwenden, dass das orthodoxe Bild ein Bild voll pulsierenden menschlichen Lebens ist, in dem Gottes Ebenbild im neuen Himmel und auf der neuen Erde widergespiegelt wird, werden manchmal beschuldigt, unser draufgängerisches gegenwärtiges Leben auf die Leinwand der Zukunft zu projizieren.

3. Die Auswirkungen der Verwirrung

Diese vielschichtige Verwirrung zeigt sich in den Kirchenliedern, die wir singen, in der Art und Weise, wie wir das christliche Kalenderjahr begehen, und in der Art unserer Beerdigungen oder Kremationen. Ein paar Worte zu jedem dieser Dinge werden verdeutlichen, was ich meine.

Zunächst: Choräle. Ein flüchtiger Blick durch ein durchschnittliches Gesangbuch offenbart, dass ein Großteil der Verweise auf das zukünftige Leben jenseits des Todes näher an Tennyson oder gar an Shelley ist als am orthodoxen Christentum:

Bis wir im Ozean deiner Liebe

uns im Himmel über uns verlieren.

Die Worte stammen vom frommen John Keble, aber er ist es, der sich für einen Moment ...

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