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Vom Verlangen besiegt

PROLOG

Alexander Tyrell Cobb saß grübelnd an seinem Schreibtisch in der Drogenfahndungsbehörde von Houston. Die Atmosphäre war ausgesprochen nüchtern. Der einzige persönliche Gegenstand in seinem Büro war das aufwendig gerahmte Foto einer jungen Schönen im Ballkleid.

Aber der Eindruck täuschte, Alexander hatte keine besonders enge Beziehung zu dieser Frau. Sie war nur eine gute Freundin, mit der er hin und wieder ausging, wenn seine Zeit es erlaubte. Das gerahmte Foto hatte er von ihr geschenkt bekommen. Von sich aus hätte er wohl kaum das Foto einer Frau rahmen lassen, mit Ausnahme eines Fotos von Jodie Clayburn.

Sie und seine Schwester Margie waren seit Jahren die besten Freundinnen, und so war Jodie auch auf den meisten Familienfotos zu sehen, obwohl sie eigentlich nicht richtig zur Familie gehörte. Alexander und Margie hatten keine engeren Verwandten mehr, und Jodie stand ebenfalls ganz allein da. Die drei Überlebenden der beiden Familien bildeten zwangsläufig ein Trio trotz ihrer völlig verschiedenen Lebensstile.

Jodie war in ihn verliebt. Das wusste er, versuchte es jedoch zu ignorieren. Er fand, dass sie überhaupt nicht zusammenpassten, denn er dachte nicht daran, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ja, wenn er ernsthaft an einem Heim und Kindern interessiert gewesen wäre, dann hätte Jodie ganz oben auf der Liste seiner Kandidatinnen gestanden. Sie hatte bemerkenswerte Talente, aber er hütete sich davor, ihr das einzugestehen.

In der Vergangenheit hatte er sich stets bemüht, Distanz zu ihr zu halten, wenn sie versuchte, ihm näher zu kommen. Das wollte er auch in Zukunft so handhaben. Er war mit seinem Job verheiratet.

Jodie arbeitete in einer Mineralölfirma, von der Alexander annahm, dass sie in den internationalen Drogenschmuggel verwickelt war. Er war sich dessen ziemlich sicher, konnte es aber nicht beweisen. Zurzeit suchte er nach einer Möglichkeit, unbemerkt einen von Jodies Kollegen zu überprüfen.

Für den kommenden Samstag war auf der Ranch der Cobbs in Jacobsville, Texas, eine Party geplant. Alexander graute jetzt schon davor, weil er Partys hasste. Seine Schwester Margie hatte Jodie dazu eingeladen, wahrscheinlich deshalb, weil Jessie, die Haushälterin, an dem Wochenende unbedingt freihaben wollte. Jodie konnte gut kochen und machte fantastische Häppchen.

Seine Freundin Kirry war auch eingeladen. Margie hatte mit Modedesign angefangen und hoffte offenbar, dass Kirry, die als Einkäuferin eines großen Kaufhauses arbeitete, ihr nützliche Kontakte verschaffen konnte.

Kirry war sehr elegant, sehr tüchtig und angenehm im Umgang. Große Gefühle empfand Alexander jedoch nicht für sie. Kirry versuchte immer, ihn vollkommen in Beschlag zu nehmen. Aber er hatte genug mit seinem Beruf zu tun.

Jetzt schob Alexander Kirrys gerahmtes Bild zur Seite, legte einen dicken Aktenordner vor sich auf den Tisch und schlug das Dossier eines Drogendealers auf. Während er grimmig auf das Foto des Mannes starrte, nahm er sich noch einmal vor, ihn so schnell wie möglich zur Strecke zu bringen. Am liebsten wäre er am Wochenende in Houston geblieben, um an dem Fall weiterzuarbeiten, aber das hätte ihm Margie nie verziehen, und Kirry erst recht nicht.

1. KAPITEL

Es schien keinen Ausweg zu geben. Jodie Clayburn hatte bereits ihr ganzes Repertoire an Entschuldigungen aufgeboten. Margie Cobb hatte sie fürs Wochenende zu einer Party auf ihre Ranch nach Jacobsville eingeladen. Auch Jodies Lieblingsargument, dass Margies großer Bruder Alexander sie am liebsten zu Viehfutter verarbeiten würde, überzeugte sie nicht.

„Er hasst mich, Margie!“ stöhnte Jodie in ihrem Apartment in Houston laut am Telefon. „Du weißt es genauso gut wie ich. Es wäre ihm lieber, mich nie mehr wiederzusehen.“

„Das stimmt nicht“, widersprach Margie. „Lex hat überhaupt nichts gegen dich.“ Alexander bei diesem Spitznamen zu nennen war nur einer Hand voll Leuten erlaubt. Jodie gehörte nicht dazu.

„Ganz recht“, konterte sie trocken. „Er mag mich so sehr, dass er seine Zuneigung hinter Anfällen von schlechter Laune und Sarkasmus verbergen muss.“

„Na klar!“

Jodie lag bequem auf ihrem Sofa. Mit der einen Hand hielt sie sich das schnurlose Telefon ans Ohr, während sie mit der anderen ihr langes blondes Haar zurückstrich. Es hätte ihrer Meinung nach längst geschnitten werden müssen.

Aber sie hatte erkannt, wie sehr Brody Vance langes Haar mochte. Er arbeitete wie sie in der Niederlassung der Ritter Oil Corporation in Houston und war ein beruflicher Senkrechtstarter. Zurzeit war Jodie noch Brodys Assistentin im Personalbüro. Aber sobald er zum Personalreferenten befördert würde, wollte er dafür sorgen, dass sie seine Stelle als Leiter der Personalabteilung übernehmen konnte.

Er mochte sie, und sie mochte ihn. Leider hatte er eine sehr attraktive Freundin. Als Marketing-Leiterin war sie jedoch viel unterwegs, so dass Brody sich oft einsam fühlte und mit Jodie zum Lunch ging. Jodie tat alles, um ihn zu beeindrucken, und schien schließlich Erfolg zu haben. In der letzten Zeit hatte sie festgestellt, dass er sie tatsächlich nicht nur als Kollegin, sondern auch als Frau wahrnahm.

Aber was Alexander ihr vorgeworfen hatte, dass sie durch die Betten ihrer Chefs wanderte, um möglichst schnell Karriere zu machen, das war absurd. Wie konnte er so etwas von ihr denken? Es machte Jodie richtig wütend.

„Wusstest du eigentlich, dass Alexander mit jemandem aus meiner Firma befreundet ist?“ fragte Jodie unvermittelt.

„Tatsächlich?“

„Sein Name ist Jasper Duncan.“

„Ach ja, Jasper“, erinnerte sich Margie jetzt.

„Die beiden sind neulich plötzlich in meinem Büro aufgetaucht, gerade als ich eine Unterredung mit einem guten Freund hatte, der auch mein Vorgesetzter ist.“

„Ist das Brody Vance, von dem Alexander behauptet, du würdest mit ihm schlafen?“

„Margie!“ rief Jodie empört.

Ihre Freundin lachte, peinlich berührt. „Entschuldigung, mir ist schon klar, dass so etwas bei dir nicht läuft. Aber Alexander denkt immer das Schlechteste von den Menschen. Bei Rachel hatte er ja auch Recht.“

„Das ist jetzt aber schon sechs Jahre her“, wandte Jodie ein.

„Er trägt es uns immer noch nach, weil wir ihm Rachel vorgestellt haben.“

Jodie seufzte tief. „Wer konnte denn ahnen, dass sie nur darauf aus war, sich einen reichen Mann zum Heiraten zu angeln? Außerdem hätte sie gleich merken müssen, dass Alexander auf so etwas nicht reinfällt.“

„Du kennst ihn ziemlich gut, nicht wahr?“ bemerkte Margie.

„Wir drei sind eben zusammen in Jacobsville aufgewachsen. Alexander war uns allerdings acht Jahre in der Schule voraus. Das hat mich immer sehr geärgert.“

„Er ist uns immer noch acht Jahre voraus, fürchte ich.“ Margie kicherte wie ein Schulmädchen. „Nun sag schon, dass du zu meiner Party kommst, Jodie. Du würdest dich später nur ärgern, etwas verpasst zu haben.“ Sie machte eine kleine Pause und fügte dann als Verlockung hinzu: „Derek kommt übrigens auch.“

Derek war ein entfernter Cousin von Margie. Er sah traumhaft aus, benahm sich wie ein großes Kind und hatte einen sonnigen Humor.

„Du erinnerst dich doch sicher noch, was das letzte Mal, als ich mit Derek auf eurer Ranch war, passierte“, meinte Jodie kleinlaut.

„Das hat Alexander sicher längst vergessen“, wiegelte Margie ab.

„Bestimmt nicht. Dein Bruder hat ein gutes Gedächtnis! Und Derek ist ein Typ, der mich zu allem überreden kann.“

„Ich werde schon auf euch beide aufpassen, damit ihr keine dummen Streiche mehr macht“, erklärte Margie. „Nun sag schon zu, Jodie. Von dieser Party hängt eine Menge für mich ab. Vielleicht finde ich einen Interessenten für meine Entwürfe. Für dich habe ich übrigens auch ein schickes Kleidchen entworfen. Du bist immer viel zu brav angezogen.“

„Dafür hast du Mut für zwei“, erwiderte Jodie. „Wenn ich mir vorstelle, wie meine Kollegen reagieren würden, wenn ich mit deinen offenherzigen Carmenblusen ins Büro käme …“

Die beiden Freundinnen mussten herzlich lachen.

Schließlich erklärte sich Jodie bereit, zu Margies Party zu kommen. „Aber ich garantiere für nichts. Wenn ich deinem Bruder den Schädel einschlage, weil er sich wieder mal so aggressiv benimmt, darfst du mich nicht dafür verantwortlich machen.“

„Einverstanden.“

„Dann sehen wir uns also am Freitagnachmittag. Ich werde mir einen Leihwagen nehmen und zu euch rüberfahren.“

„Muss das sein?“

Jodie stöhnte gekränkt. „Okay, Margie, dann fliege ich eben bis Jacobsville, und du holst mich ab.“

„Das ist mir viel lieber.“

„Du machst vielleicht ein Aufhebens, nur weil ich zwei kleine Auffahrunfälle hatte.“

„Beide Male gab es Totalschaden, Jodie. Beim letzten Mal hat Alexander sogar eine Kaution hinterlegt, damit du nicht ins Gefängnis musstest.“

„Aber dieser idiotische Dickkopf hatte es verdient, gerammt zu werden! Er hat mich doch tatsächlich …“ Jodie hielt inne. „Ist ja auch egal, wie er mich genannt hat. Auf jeden Fall brauchte er einen Denkzettel!“

Margie musste das Lachen unterdrücken, während Jodie temperamentvoll fortfuhr: „Zum Glück brauchte ich keine hohe Strafe zu zahlen, weil der Richter auf meiner Seite war, nachdem er die ganze Geschichte gehört hatte. Aber dein Bruder wird es mir wohl ewig nachtragen.“

„Schon gut, Jodie“, beruhigte Margie ihre Freundin. „Wir wollen ja nur, dass du lebend bei uns ankommst.“ Sie machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Erzähl deinem Chef, dass du zu einem kranken Cousin musst, damit du früher aus dem Büro kommst. Ich hole dich Freitagnachmittag am Flughafen ab. Du brauchst mir nur noch deine Flugnummer und die Ankunftszeit durchzugeben.“

„Abgemacht.“

„Du, ich freu mich schon so auf die Party“, sagte Margie zum Abschied.

„Ich auch“, versicherte Jodie.

Aber nachdem sie aufgelegt hatte, wurde ihr klar, dass sie sich wieder mal von Margie überreden lassen hatte. Das ärgerte sie. Alexander wird mich schon fühlen lassen, dass er mich nicht mag, dachte sie. Eigentlich hat er mich noch nie leiden können.

Es wartete sicher auch eine Menge Arbeit auf Jodie. Wenn sie auf die Ranch kam, ging es dort meistens im Haushalt drunter und drüber. Jessie, die Haushälterin, verstand sich nicht mit Alexander und pflegte sich aus dem Staub zu machen, bevor er anreiste. Da Margie überhaupt nicht kochen konnte, stand Jodie dann in der Küche. Eigentlich machte es ihr nichts aus, nur manchmal, wenn es ihr zu viel wurde, fühlte sie sich ausgenutzt.

Sie brachte es einfach nicht fertig, Margie einen Wunsch abzuschlagen, denn sie verdankte den Cobbs sehr viel. Ihre Eltern, die eine kleine Farm in Jacobsville bewirtschaftet hatten, waren bei einem Urlaub in Florida auf tragische Weise im Meer ertrunken. Alexander hatte sich damals rührend um die völlig verzweifelte siebzehnjährige Jodie gekümmert.

Als sie später aufs Business College gehen wollte, hatte Alexander sie angemeldet und die Studiengebühren bezahlt. Margie nahm sie immer mit, wenn sie verreiste. Und als der alte Mr. Cobb gestorben war und die Geschwister die Ranch erbten, verbrachte Jodie jeden Sommer mit Margie dort. Irgendwie gehörte sie fast zur Familie.

Dennoch war ihre Beziehung zu Alexander in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Manchmal benahm er sich ihr gegenüber richtig nett, aber dann wieder schien ihn allein ihre Anwesenheit zu stören, und er machte sich gnadenlos über sie lustig.

Jodie stand vom Sofa auf und versuchte, die Gedanken an Alexander zu verscheuchen. Es hatte keinen Zweck, immerzu über sein Verhalten nachzugrübeln. Sie musste es hinnehmen wie eine Naturkatastrophe, an der konnte man schließlich auch nichts ändern.

Auf dem Flughafen von Jacobsville herrschte für freitagnachmittags reger Verkehr. Der Terminal war zwar ziemlich klein, wurde jedoch von vielen Leuten zum Umsteigen nach San Antonio und Houston benutzt. Es gab ein nettes kleines Restaurant, und in den Gängen und Schalterhallen hingen große bunte Landschaftsbilder von Texas.

Jodie mühte sich mit ihrer großen Handtasche und der Reisetasche ab, deren Rollen eierten. Verzweifelt hielt sie nach Margie Ausschau. Eigentlich war die große schlanke Brünette nicht zu übersehen, weil sie die meisten Frauen überragte und mit Vorliebe ihre eigenen Entwürfe in kräftigen, ausgefallenen Farben trug.

Statt Margie entdeckte Jodie einen jungen schwarzhaarigen Mann im grauen Business-Anzug. Sie erschrak. Warum musste ausgerechnet Alexander sie abholen? Selbst aus dieser Entfernung ließ der kühle Blick seiner grünen Augen sie erschauern. Wie gelähmt blieb sie stehen, während er mit langen federnden Schritten auf sie zukam. Sie hob das Kinn und holte tief Luft, um für seinen Angriff gewappnet zu sein.

Alexander Tyrell Cobb, dreiunddreißig Jahre alt, war Agent der DEA, der amerikanischen Drogenfahndungsbehörde. In Texas hielt er sich höchst selten auf. Aber diese Woche hatte er Urlaub, und den verbrachte er auf der Familienranch in Jacobsville. Dort hatte er mit seiner Schwester Margie gelebt, bis sich ihre Mutter von ihrem Vater scheiden ließ und mit den Kindern nach Houston zog. Erst nach dem Tod der Mutter hatten Margie und Alexander zu ihrem Vater auf die Ranch zurückkehren dürfen.

Jetzt war auch Mr. Cobb senior tot. Nur Margie lebte permanent auf der Ranch. Alexander hatte eine Wohnung in der Nähe seiner Dienststelle in Houston und schaute vorbei, wenn es seine knappe Zeit erlaubte. Während seine Schwester das geruhsame Landleben genoss, führte er das hektische Leben eines Drogenfahnders.

Was seine Erscheinung anbetraf, so konnte man ihm ohne weiteres zutrauen, es selbst mit den gefährlichsten Typen aufzunehmen. Alexander war groß und kräftig gebaut, hatte harte Fäuste und lächelte selten. Etwas Gefährliches ging von ihm aus, auch wenn er seine 45er Automatik im Lederhalfter unterm Jackett verbarg.

Im vergangenen Jahr war es ihm gelungen, den internationalen Drogenbaron Manuel Lopez zu fassen. Zurzeit jagte er dessen Nachfolger, einen Südamerikaner. Es sah ganz so aus, als ob dieser Mann seine schmutzigen Geschäfte auch über Houston abwickelte.

Jodie hatte sich als Teenager unsterblich in Alexander verliebt. Sie hatte sogar ein Liebesgedicht für ihn geschrieben. Er hatte es zufällig gefunden und in seiner nüchternen Art die Ausdrucks- und Rechtschreibfehler angestrichen. Obendrein hatte er ihr ein Wörterbuch mit Stilratgeber geschenkt. Das hatte Jodies Selbstachtung einen schweren Schlag versetzt.

Seit sie in Houston wohnte und arbeitete, hatte sie Alexander nicht mehr oft getroffen. Mit Ausnahme von Weihnachten war er nie anwesend, wenn sie Margie für ein paar Tage auf der Ranch besuchte. Sie hatte beinahe das Gefühl, dass er ihr absichtlich aus dem Weg ging.

Aber dann hatte er sie neulich in der Firma besucht. Es war ein Schock für Jodie gewesen, ihn überraschend wiederzusehen, und sie hatte sofort Herzklopfen bekommen.

Bis dahin hatte sie fast schon geglaubt, dass sie über Alexander hinweg sei. Seit diesem Besuch war es jedoch noch schlimmer geworden. Sie war zu dem Schluss gekommen, es wäre besser, ihn in Zukunft zu meiden. Glücklicherweise war Houston eine Großstadt, und sie verkehrten nicht in denselben Kreisen, so dass kaum die Gefahr bestand, ihm zufällig über den Weg zu laufen. Jodie wusste nicht einmal, wo Alexander wohnte.

Aber jetzt fühlte sie mitten im Gedränge seinen durchdringenden Blick auf sich ruhen. Sie umklammerte den Griff ihrer Reisetasche wie einen Rettungsanker, weil sie plötzlich ganz weiche Knie bekam.

Er steuerte zielsicher, ohne nach rechts oder links zu blicken, auf sie zu. Sie konnte sich ihn gut als Agenten vorstellen. Einmal in Aktion getreten, würde er sich durch nichts und niemand aufhalten lassen.

Er wirkte sehr gefährlich, aber auch ungemein sexy. Seine geschmeidigen Bewegungen erinnerten sie an einen Tiger. Alexander hatte sie schon immer fasziniert, obwohl er etwas Arrogantes an sich hatte.

Mittlerweile hatte er Jodie erreicht und musterte sie. Sie hatte den Eindruck, dass seine grünen Augen unter den dicken schwarzen Augenbrauen heute noch intensiver als sonst leuchteten. Sein glattes schwarzes Haar war für ihren Geschmack ein wenig zu kurz geschnitten.

„Du hast dich verspätet“, begrüßte er sie nicht gerade freundlich.

„Leider konnte ich das Flugzeug nicht selbst fliegen“, konterte sie. „Ich war auf den Piloten angewiesen.“

„Gehen wir. Mein Wagen steht im Parkhaus.“

„Margie hatte doch versprochen, mich abzuholen“, brummte Jodie und zog ihre Tasche hinter sich her.

„Margie wusste aber, dass ich ohnehin zum Flughafen fahren würde. Da hat sie mich gebeten, dich aufzulesen“, erklärte er mit übertriebener Geduld, als würde er zu einem Kind sprechen. „Frauen sind ja nie pünktlich.“

Die Reisetasche kippte wohl zum zehnten Mal um. Jodie gab es auf und nahm die schwere Tasche in die Hand. „Du könntest mir ruhig deine Hilfe anbieten.“

Alexander zog die Brauen hoch. „Ich werde mich doch nicht wegen einer Frau abschleppen.“

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Du hast wohl noch nicht gehört, dass gute Manieren nie aus der Mode kommen.“

Seine grünen Augen funkelten amüsiert. „Soweit ich weiß, hatte ich noch nie welche.“

„Ich hasse dich!“ Jodie stand der Schweiß auf der Stirn, als sie Alexander mit ihrem Gepäck folgte.

„Das ist wenigstens mal etwas anderes.“ Alexander schob lässig das Jackett zurück, um seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche zu angeln.

Ein Wachmann beobachtete ihn von weitem dabei und musste Alexanders Pistole entdeckt haben. Alexander schaltete sofort, als der Mann auf ihn zukam, und griff seelenruhig in seine Brusttasche, um seine Dienstmarke und seinen Personalausweis herauszunehmen.

Er präsentierte sie dem Wachmann, ehe der ihn dazu aufforderte.

„Es dauert nur ein paar Minuten, Sir.“ Der Mann nahm die Ausweise, trat zur Seite und gab die Nummern über Funk durch.

„Vielleicht stehst du auf der Fahndungsliste“, meinte Jodie hoffnungsvoll. „Oder er sperrt dich so lange ein, bis Washington bestätigt, dass du ein Agent bist und diese Waffe tragen darfst.“

„Wenn er das macht, kann er sich morgen einen neuen Job suchen“, erwiderte Alexander locker. Aber er verzog dabei keine Miene, und Jodie war klar, dass er meinte, was er sagte.

Mittlerweile war der Wachmann zurückgekommen, um Alexander seine Ausweise auszuhändigen. „Entschuldigung, Sir, aber ich muss alle verdächtigen Personen überprüfen.“

Alexander musterte ihn kritisch von oben bis unten. „Warum überprüfen Sie dann nicht den Gentleman in dem hellen Seidenanzug dort? Man sieht doch von hier aus, dass er sehr nervös ist.“

„Danke für den Tipp.“ Schon ging der Sicherheitsmann auf den Verdächtigen zu.

„Du hättest ihm deine Waffe leihen können“, bemerkte Jodie spitz.

Alexander warf einen verächtlichen Blick auf die Revolvertasche des Wachmanns. „Der hat doch selber eine, auch wenn das Ding nicht viel taugt.“

Darauf schüttelte Jodie nur den Kopf. „Ja, ja, Männer und ihre Schießeisen.“

„Du mit deinem frechen Mundwerk brauchst überhaupt keine Waffe.“

Jodie holte aus, um Alexander gegen das Schienbein zu treten, verfehlte ihn jedoch und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren.

„Ein tätlicher Angriff auf ein Mitglied der Strafverfolgungsbehörden ist ein schweres Vergehen“, erklärte er, ohne mit der Wimper zu zucken, und beschleunigte seine Schritte.

Jodie folgte ihm, kochend vor Wut.

Im Parkhaus übernahm es Alexander zwar, Jodies Reisetasche im Kofferraum seines Wagens zu verstauen, Jodie musste sich jedoch selbst die Beifahrertür des weißen Jaguar der S-Klasse öffnen.

Von seinem Gehalt als Agent hätte Alexander sich das Luxusgefährt ganz sicher nicht leisten können. Aber Jodie wusste, dass er und seine Schwester von ihrer Mutter ein beträchtliches Vermögen geerbt hatten. Die beiden hatten es gar nicht mehr nötig zu arbeiten. Während Margie es genoss, ihren Hobbys nachzugehen, und das gesellschaftliche Leben pflegte, weigerte sich Alexander, allein von seinem Erbe zu leben. Das war ein Zug von ihm, der Jodie sehr beeindruckte.

Nachdem die beiden schweigend aus dem Parkhaus gefahren waren, griff Alexander den Fehdehandschuh wieder auf. „Wie geht es deinem Lover, Jodie?“

„Ich habe keinen Lover.“

„Nein? Aber du würdest sicher gern einen haben, nicht wahr?“

„Er ist mein Chef, sonst nichts.“

„So ein Pech! Als ich dich neulich in deinem Büro besuchte, wirkte das aber anders auf mich. Es war nicht zu übersehen, dass du ihn richtig angehimmelt hast.“

„Er sieht eben gut aus.“

Alexander zog arrogant die Brauen hoch. „Für gutes Aussehen wird man bei der Drogenfahndungsbehörde nicht befördert.“

„Du musst es ja wissen. Schließlich arbeitest du schon die Hälfte deines Lebens dort.“

„Nicht ganz die Hälfte. Ich bin dreiunddreißig.“

„Also schon mit einem Fuß im Grab.“

Er warf ihr einen gekränkten Blick zu. „Du bist, glaube ich, fünfundzwanzig. Bist du noch nie verlobt gewesen?“

Seine Worte hatten sie tief getroffen. Bis vor ein paar Monaten hatte sie nämlich über dreißig Pfund Übergewicht auf die Waage gebracht und sich selbst nicht mehr leiden können. Immer noch war sie unsicher, was ihren Stil anbetraf. Meistens trug sie viel zu weite Sachen, die ihre schöne schlanke Figur nicht zur Geltung brachten.

Jodie verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Ich halte das nicht aus. Nach diesem Wochenende werde ich reif für den Psychiater sein.“

Alexander lächelte boshaft. „Das wäre es mir schon wert, dich drei Tage lang zu ertragen.“

Jodie reagierte nicht darauf, sondern schaute zum Fenster hinaus. „Dabei hat mir Margie versprochen, sie würde mich am Flughafen abholen“, murmelte sie.

„Mir hat sie gesagt, du fändest es sicher toll, wenn ich dich abholen würde. Gib’s zu, du schwärmst immer noch für mich, nicht wahr?“

„Nein, sie hat gelogen! Ich habe nicht gesagt, dass ich es toll fände, dich zu treffen!“ rief Jodie wütend. „Ich bin nur nach Jacobsville geflogen, weil Margie mich darum gebeten hat und mich abholen wollte. Sonst wäre ich mit einem Leihwagen gekommen.“

„Lieber nicht, das wäre Selbstmord gewesen …“, er guckte entsetzt, „… oder auch Mord, je nachdem.“

„Unsinn, ich kann Auto fahren.“

„Du hast einen Führerschein, meinst du.“

In diesem Moment scherte er aus, um einen langsameren PKW zu überholen. Für den starken Motor des Jaguar ein Kinderspiel, er schnurrte wie eine große Katze. Alexander stand das Vergnügen, über so viel Power zu verfügen, im Gesicht geschrieben

Jodie schnaubte verächtlich. „Ich gefährde andere Autofahrer jedenfalls nicht, indem ich sie mit so einem Affenzahn überhole.“

„Von wegen Affenzahn, ich halte mich an das Tempolimit“, verteidigte er sich. Dann musterte er sie mit schnellem Blick. „Du hast mächtig abgenommen. Ich hätte dich fast nicht erkannt, als ich neulich bei dir in der Firma war.“

„Logisch, dass ich anders aussah, als ich noch so fett war.“

„Du warst niemals fett, du warst üppig“, verbesserte er sie mit ernster Miene. „Das ist ein Unterschied.“

Das verunsicherte sie nur noch mehr. „Ich hatte furchtbar viel Übergewicht.“

„Und du denkst, Männer mögen es, streicheln am liebsten Haut und Knochen?“

Unbehaglich rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. „Was weiß ich.“

„Du hast zu wenig Selbstbewusstsein. Das ist dein Problem, sonst bist du ganz okay, Jodie. Bis auf dein freches Mundwerk natürlich.“

„Das ...

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