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Vom Überlisten der Zeit: Fantasy

Lence Vio

Vom Überlisten der Zeit: Fantasy

Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

VOM ÜBERLISTEN DER ZEIT

von Lence Vio

FANTASY

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

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VOM ÜBERLISTEN DER ZEIT, Fantasy von Lence Vio, 2014

Cover: Igor Morski 2014

Wasser regnete auf ihn herab. Zugleich schloss er die Augen und streckte seinen Kopf weit nach hinten, sodass die Wassertropfen in sein Gesicht plätscherten. Es war ein Genuss, und er träumte sich auf eine ferne Südseeinsel, die ihn mit einem rauschenden Wasserfall verwöhnte. Dort könnte er alt werden, wenn da nicht sein Krankheitsbild wäre, dachte er und kehrte wieder in die Realität zurück. Es gab eben nur noch zwei Jahre die er höchstens zu leben hatte…“

Theo ist deprimiert, selbst sein Freund Erwin ist keine Ablenkung seit er von seiner todbringenden Krankheit weiß. Doch es kommt anders als man denkt und Theo entdeckt eine Möglichkeit, sein noch verbleibendes Leben zu strecken. Er entdeckt, wie man die Zeit überlisten kann. Dafür muss er die Realität verlassen und einen Trip durch die Zeit und den Raum unternehmen. Sein bester Freund Erwin ist bereit, ihm dabei zu helfen. Dementsprechend betritt Theo eine märchenhafte Welt, in der er sich nicht nur zwei Jahre, sondern ein gesamtes Leben aufhält.

Nach seiner Rückkehr in der Realität martert der baldige Tod ihn nicht mehr. Immerhin half ihm der Trip in der märchenhaften Welt, die Zeit zu überlisten. Aber da war noch mehr, denn die im Trip gemachten Erfahrungen öffneten ihm die Augen. Fühlte er sich vor dem Trip ständig der Macht hingezogen, so lehnt er diese jetzt ab. Sie ist wie ein fremdbestimmter Wert, dem es zu widerstehen gilt. Für ihn ist dies jetzt nicht mehr schwer, aber sein bester Freund Erwin versteht noch nicht, worum es im Leben wirklich geht. Hoffentlich lässt ihm die todbringende Krankheit noch genügend Zeit, Erwin zu retten.

Lassen Sie sich von den Möglichkeiten verführen, wie das Zeitreisen in Erfüllung geht! Sie werden verstehen, dass es dazu kommen muss, weil es für zukünftige Generationen lebensnotwendig sein wird. Dieses Buch schickt Sie auch in eine vergangene Zeit, es ist eben alles möglich. Selbst in unserer Realität ist alles möglich, oder ist alles nur ein Märchen?

1. Kapitel: Ausbruch aus dem Sein

„Was, ich soll persönlich vorbeikommen?“, protestierte Theo. „Das ist doch gar nicht nötig. Der Doktor kann mir doch am Telefon sagen, wie der Befund ist.“

„Herr Conspiracy, bitte glauben Sie mir!“, beschwichtigte die Arzthelferin. „Ein Telefongespräch reicht nicht aus, um Ihnen den Befund in allen Einzelheiten zu erklären.“

„Das will mir nicht einleuchten“, widersprach Theo. „Ich sehe dafür überhaupt keine Notwendigkeit.“

„Herr Conspiracy“, ergriff die Arzthelferin die Initiative, „wie wäre es mit heute Nachmittag?“

„Ich hoffe, ich muss nicht allzu lange warten“, gab Theo ihrer Hartnäckigkeit nach.

„Erscheinen Sie um fünfzehn Uhr und ich verspreche Ihnen, Sie können direkt zum Doktor durchgehen, ohne auch nur eine Minute warten zu müssen“, schlug die Arzthelferin vor.

„Darauf können Sie sich verlassen, ich werde auch nicht eine einzige Minute warten“, stimmte Theo zu und legte auf.

Daraufhin nahm sich die Arzthelferin eine zweiminütige Auszeit, um die Art dieses rechthaberisch unangenehmen Patienten zu verarbeiten. Aufgebracht dachte sie, auf eine solche Kundschaft könne sie gut und gerne verzichten. Aber dieser Kriminalkommissar brachte als Privatpatient nun einmal gutes Geld in die Praxis und steuerte somit auch einen Teil ihres monatlichen Gehalts bei. Langsam konnte sie wieder lächeln, denn sie wusste, letztlich habe sie sich durchgesetzt, denn er habe zugesagt, um fünfzehn Uhr in die Praxis zu kommen. Also hatte sie die Situation kontrolliert, woraufhin sie mit sich im Reinen war und sich wieder ihrer Arbeit widmete.


Kurz vor fünfzehn Uhr betrat dann Theo die Praxis und steuerte den Empfang an. Vor der Arzthelferin stehend stellte er sich vor: „Guten Tag, mein Name ist Conspiracy! Ich habe gleich einen Termin beim Doktor.“

Der Blick der Arzthelferin schärfte sich und sie dachte, das sei also der rechthaberische Kriminalkommissar. Dennoch blieb sie völlig situationsbezogen und erklärte lächelnd: „Herr Conspiracy, es ist schön, dass Sie hier sind. Bitte gehen Sie doch gleich in das Sprechzimmer! Der Doktor erwartet Sie bereits, genau wie ich es Ihnen versprochen habe.“

„Ich bin sprachlos“, staunte Theo und trat an die Tür des Sprechzimmers, an die er anklopfte.

„Herein!“, rief der Doktor.

Theo öffnete die Tür und grüßte freundlich: „Guten Tag, Herr Doktor!“

„Herr Conspiracy, bitte setzen Sie sich!“, deutete der Doktor auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, „es ist gut, dass Sie so schnell vorbeikommen konnten.“

„Naja, es geht ja nur um den Befund der Vorsorgeuntersuchung“, winkte Theo ab, „aber nun bin ich hier, also sagen Sie schon, wie es aussieht!“

„Herr Conspiracy, ich denke, Ihnen ist nicht klar, wie es um Sie steht“, forderte der Doktor die gesamte Aufmerksamkeit seines Patienten.

„Wie soll es schon um mich stehen?“, wurde Theo unsicher, „ich fühle mich prächtig.“

„Es freut mich für Sie, dass Ihr momentaner Zustand so gut ist“, bezog sich der Arzt auf den Befund der Vorsorgeuntersuchung, „trotzdem muss ich Ihnen so kurz vor Weihnachten leider mitteilen, dass dieser Zustand wohl nicht mehr lange anhalten wird.“

„Was soll das heißen?“, erhob Theo seine Stimme, „ist das ein schlechter Scherz?“

„Es ist leider kein Scherz“, sprach der Doktor in ruhigem Tonfall, „Sie haben einen Tumor im Kopf und dieser metastasierte in den Blutkreislauf, wodurch bereits die Lunge, die Leber und die Nebennieren betroffen sind. Bedauerlicherweise besteht keine Hoffnung mehr auf eine Heilung.“

„Wollen Sie mir sagen, ich werde bald sterben?“, stotterte Theo, „das muss eine Verwechselung sein. Wie ich schon sagte, ich fühle mich prächtig.“

„Es ist keine Verwechselung“, fuhr der Doktor bedacht fort, „es tut mir leid, Ihnen diese traurige Nachricht übermitteln zu müssen. Auch wenn es für Sie kein Trost ist, ich möchte Ihnen trotzdem sagen, dass die Medizin heutzutage schon sehr weit ist.“

„Was reden Sie da?“, schrie Theo, „erst sagen Sie, es bestehe keine Hoffnung auf eine Heilung, und nun meinen Sie, die Medizin sei heutzutage schon sehr weit. Sagen Sie mir, wie lange ich noch zu leben habe!“

„Mit den richtigen Medikamenten sind es schätzungsweise noch zwei Jahre“, senkte der Doktor kurz seinen Kopf, womit er sein Mitgefühl zum Ausdruck brachte.

„Ich bin Anfang vierzig“, wertete Theo aus, „ich habe einen sicheren Beamtenjob, dem ich eine gewisse Macht und ein gutes finanzielles Auskommen verdanke. Ich habe nie geraucht und mit dem Alkohol habe ich es auch nicht übertrieben. Es geht doch nicht, dass das jetzt alles vorbei sein soll. Ich habe doch noch so viel vor.“

„Ihnen bleibt ja noch Zeit“, machte der Doktor Mut, „in den zwei Jahren können Sie sich gewiss noch ein paar Wünsche erfüllen.“

„Es wurde gerade alles durcheinandergeworfen“, verzagte Theo, „ich muss mich erst einmal sortieren.“

„Es ist ganz klar, dass Sie Ihr Leben zeitlich und möglicherweise auch örtlich umorientieren müssen“, gab der Doktor eine Richtung vor, „auf jeden Fall sollten Sie fortan die Intensivität jedes einzelnen Augenblicks genießen. Jede Minute, jede Stunde, jeden Tag Ihrer Zeit sollten Sie nicht ungenutzt verstreichen lassen, denn sie sind unwiederbringlich.“

„Was für Medikamente benötige ich denn?“, fragte Theo.

„Ich habe schon ein Rezept vorbereitet“, erläuterte der Doktor, „Sie bekommen alles in der Apotheke. Die Einnahme erfolgt einmal täglich.“

Theo nahm das Rezept in die Hand und überflog es, ehe er gestand: „Ich falle gerade in ein tiefes Loch, nichts ist noch so, wie es war. Jedoch weiß ich, dass ausgerechnet jetzt das Leben so unendlich kostbar ist.“

„Herr Conspiracy, lassen Sie es mich wissen, wenn ich irgendetwas für Sie tun kann!“, empfahl sich der Doktor, „ein Anruf genügt und Sie bekommen sofort einen Termin.“

„Ist gut, Herr Doktor“, erhob sich Theo und verließ das Sprechzimmer.

Natürlich blieb die niedergedrückte Stimmung des Kriminalkommissars der Arzthelferin nicht verborgen und obwohl er sie vorhin noch nervte, tat er ihr jetzt leid. Entsprechend dieser Unübersehbarkeit meinte sie ehrlich: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Herr Conspiracy.“

„Haben Sie ebenfalls einen schönen Tag“, erwiderte Theo, bevor er stehenblieb und anhing, „jetzt weiß ich, warum mein Befund in all seinen Einzelheiten nicht am Telefon besprochen werden konnte.“


Auf dem Nachhauseweg hatte er einen regelrechten Tunnelblick, weshalb er die Umwelt um sich herum überhaupt nicht wahrnahm. Lediglich dieser eine Punkt, der stets vor ihm auf dem Boden war, wurde halbwegs bemerkt. Insofern war sichergestellt, dass er nicht stürzte und immer weiter laufen konnte. So kam er unbeschadet zu Hause an und das Öffnen der Wohnungstür geschah mehr aus der Routine heraus als aus einer wissentlichen Handlung. Doch ehe er die Tür hinter sich schloss, kehrte er für einen Augenblick in die Realität zurück. Denn seine Nachbarin kam gerade die Treppe herunter und grüßte höflich: „Guten Tag, Herr Conspiracy!“

„Hallo!“, ließ er seinen Blick zu ihr wandern, woraufhin er erschrak, denn sie hatte ihr Baby auf dem Arm. Dazu fiel ihm sofort wieder sein Krankheitsbild ein und er wusste, in zwei Jahren sei es vorbei, derweil das Baby noch das ganze Leben vor sich habe. Der Schreck wich schnell und er freute sich für das Baby, weshalb er ihm zuzwinkerte, bevor er die Tür schloss. Gedankenlos schlüpfte er aus seinen Schuhen und legte die Jacke ab. Im Anschluss irrte er durch seine Wohnung, denn trotz der Vertrautheit wirkte alles so fern. Ihm war, als könne er nichts greifen, und wenn er es doch schaffte, konnte sein Hirn nichts mit dem Gegenstand anfangen. Deshalb saß er irgendwann auf der Couch und war teilnahmslos im eigenen Heim. Es gab keinen Reiz, der ihn zu irgendeiner Handlung inspirieren konnte, bis ganz plötzlich das Telefon klingelte. Als würde er aus dem Schlaf erwachen, war er in der Realität zurück und freundlich sagte er: „Hier bei Conspiracy.“

„Grüß dich, Theo! Ich bin es, Erwin“, klang es vertraut am anderen Ende der Leitung, „die Sache mit den Karten hat geklappt, wir gehen am Sonnabend zur Messe für Computerspiele. Was sagst du dazu?“

„Hallo, Erwin!“, stammelte Theo, „es freut mich für dich, dass du Karten bekommen hast. Aber du musst mit jemand anderem gehen, ich habe am Wochenende keine Zeit.“

„Spinnst du?“, lachte Erwin, „ausgerechnet du würdest einen Besuch zur Messe für Computerspiele ablehnen. Wann soll ich am Sonnabend bei dir sein? Sag schon!“

Theo vermochte es, sich auf das Telefonat zu konzentrieren. Deshalb wusste er, wie schwer es sei, Karten für die Messe für Computerspiele aufzutreiben. Immerhin kamen die Aussteller aus allen technisch begabten Ländern, was für den neuesten Fortschritt hinsichtlich der digitalen Möglichkeiten stand. Und dem konnte er sich nicht entziehen, denn er war ein leidenschaftlicher Spieler von Computerspielen. Folglich war es seine Pflicht, dorthin mitzugehen. Außerdem versprach die Messe eine gewisse Ablenkung von seinem Krankheitsbild. So meinte er: „Erwin, dir kann man aber auch nichts vormachen. Nun gut, wenn du dir schon eine solche Mühe mit den Karten gemacht hast, dann sei am besten gleich nach dem Mittagessen hier!“

„Das war doch klar“, stimmte Erwin zu, „schließlich kenne ich dich ja auch schon eine halbe Ewigkeit. Wir sehen uns am Sonnabend.“

„So machen wir es“, beendete Theo das Gespräch.

Sogleich schaltete er seinen Computer ein und legte ein Spiel, das er erst gestern gekauft hatte, ein. Während das neue Abenteuer geladen wurde, machte er sich bewusst, noch lebe er. Der Doktor sagte doch, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag solle er nicht ungenutzt verstreichen lassen. Aus diesem Grunde wollte er heute solange spielen, bis er einschlief.

Endlich endete das Laden und er erkundete die fremde Welt, in der es darum ging, sich geschickt ein großes Reich aufzubauen und es gegen alle Neider zu verteidigen. Er wollte die Macht für sich allein und war nicht zum Teilen bereit. Diesbezüglich ging er kompromisslos vor, bis er nach Stunden, die im Spiel etliche Jahre vereinnahmten, die Macht in seinen Händen hielt. So wegweisend es war, die Macht zu erlangen, so wertvoll war es auch, sie zu halten. Dabei blieb es nicht aus, hin und wieder doch ein paar Kompromisse einzugehen. Es war absolut wichtig, dass er mit großer List vorging. Entsprechend seiner Cleverness erreichte er das, wovon er nie zu träumen gewagt hätte. Allerdings konnte er jetzt jedes Wagnis eingehen, denn von nun an war er der Kaiser, dem die ganze Welt zu Füßen lag.

Dann verblasste alles, aber zum Glück lag es nicht an seinem Krankheitsbild. Wie sollte das auch möglich sein, immerhin war er in seiner Spielwelt absolut gesund. Es gab also einen anderen Grund für das Verblassen, es war sein Erwachen. Er war ganz offensichtlich eingeschlafen, wobei er trotzdem der mächtige Herrscher in dieser Welt blieb. Den Beweis dafür trat er auch sogleich an, indem er wieder in das Spiel eintauchte, bis das Game over seinen Erfolg krönte. Demnach hatte er keinen vollen Tag gebraucht, um das Werk eines ganzen menschlichen Lebens zu erreichen. Er war halt jemand und schon am Sonnabend wollte er ein neues Spiel kaufen, um eine andere Welt zu unterwerfen.


Endlich war es soweit, denn die goldene Morgensonne beschien den besagten Sonnabend. Es war ein lebensbejahender Tag und Theo beschloss seine Neugeburt, wenn sie auch nur in einer digitalen Computerwelt vonstattenging. Zwar wusste er noch nicht, wie sich sein neues Leben in der ihm noch unbekannten Welt gestalten würde, aber es stand außer Frage, dass er heute ein neues Computerspiel kaufte. So müsste er abermals nur ein paar Stunden oder höchstens wenige Tage seines Lebens opfern, damit er den Umfang eines gesamten Lebens erhielt. Hierzu riss er die Arme hoch, weil er überblickte, dies sei kein schlechter Deal.

In der Küche schnitt er eine Scheibe vom Mischbrot ab und tat sie in den Toaster. Drei Minuten später sprang sie heraus und er schmierte Butter rauf. Abschließend streute er Salz in die zerlaufende Butter, wonach er sich im Wohnzimmer auf die Couch setzte. Bei eingeschaltetem Fernseher biss er in die Röste und las zeitgleich im Videotext die aktuellen Nachrichten aus aller Welt. Nachdem er die Welt da draußen bereist hatte, erkundigte er sich über den lokalen Kiez. Dabei stieß er auch auf die Meldung über die Messe für Computerspiele, in der es darum ging, dass der benötigte Bedarf an Karten für die Besucher nicht einmal im Geringsten zur Verfügung gestellt werden konnte. Hinsichtlich dieser Tatsache jubelte er, denn er würde die Messe besuchen und sehen, was sich geniale Hirne wieder ausgedacht hatten.

Mit der Fernbedienung schaltete er den Fernseher aus und ging in die Küche, in der er den benutzten Teller in den Geschirrspüler packte. Danach putzte er sich im Badezimmer die Zähne, bevor er sich unter die Dusche stellte. Schon drehte er den Hahn auf und das brausende Wasser regnete auf ihn herab. Zugleich schloss er die Augen und streckte seinen Kopf weit nach hinten, sodass die Wassertropfen in sein Gesicht plätscherten. Es war ein Genuss und er träumte sich auf eine ferne Südseeinsel, die ihn mit einem rauschenden Wasserfall verwöhnte. Dort könnte er alt werden, wenn da nicht sein Krankheitsbild wäre, dachte er und kehrte wieder in die Realität zurück. Es gab eben nur noch zwei Jahre und diese Tatsache drohte, ihn runterzuziehen. Jedoch erinnerte er sich abermals, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag solle er nicht ungenutzt verstreichen lassen. Deshalb lenkte er seine Konzentration auf die Messe für Computerspiele, unterdessen er sich einseifte. Nun spülte er jeden erdenklichen Schmutz ab, bis er sich restlos gereinigt fühlte. Folgend drehte er den Hahn zu und griff nach dem flauschigen Handtuch, mit dem er die perlenden Wassertropfen von seiner Haut abtupfte. Es folgte das Ankleiden, wonach er in den Supermarkt an der Ecke ging. Dort schlenderte er achtsam durch die Gänge, um auch ja nichts zu vergessen. Schließlich wäre es eine unnötige Zeitverschwendung, wenn er wegen einer Kleinigkeit noch einmal losgehen müsste, um diese nachzukaufen.

An der Kasse zahlte er und schon schleppte er seinen Einkauf nach Hause. Geschmeidig bückte und erhob er sich in einem stetigen Wechsel, bis er alles in der Küche verstaut hatte. Jetzt legte er sich auf die Couch und verschnaufte erst einmal. Ein paar Augenblicke später war er völlig tiefenentspannt und fast trug ihn seine Aufgeräumtheit in eine ferne Traumwelt, doch da läutete es an der Wohnungstür. Selbstverständlich war ihm klar, wer gerade zu ihm komme. Also erhob er sich und öffnete.

„Hi, Theo!“, reichte ihm Erwin die Hand, „heute geht es noch voll ab.“

„Auf dich ist Verlass“, schlug Theo in Erwins Hand ein, „nach dir kann man die Uhr stellen. Komm herein!“

„Na klar, komm ich rein“, nahm Erwin an, „aber ich hoffe, du brauchst nicht mehr lange. Ich kann es nämlich kaum noch erwarten, all die Neuigkeiten auf der Messe für Computerspiele zu sehen.“

„Mach dir keinen Kopf!“, beruhigte Theo seinen Freund, „ich bin auch schon ganz aufgeregt, weshalb ich mich beeile.“

„Wenn ich schon hier bin“, erinnerte sich Erwin, „unsere letzte Herrenrunde hat bei mir stattgefunden. Du bist also das nächste Mal dran.“

„Wie wäre es mit nächster Woche Sonnabend?“, schlug Theo vor, „ich wollte sowieso mit dir reden.“

„Dann halten wir den nächsten Sonnabend doch gleich fest“, nahm Erwin die Einladung an, „ich bin ja gespannt, was du diesmal Leckeres kochst. Auf jeden Fall hat es bei dir bislang immer geschmeckt. Außerdem habe ich richtig Bock auf ein paar Bierchen.“

Während des Gesprächs hatte sich Theo fertiggemacht. Diesbezüglich konnte er nun verkünden: „Du wirst staunen, aber ich bin jetzt startklar.“

„Lass uns keine Zeit verlieren!“, jubelte Erwin, „das wahre Leben wartet auf uns.“

„Da hast du recht“, stimmte Theo zu und schloss die Wohnungstür hinter sich zu.


Schnellen Schrittes ging es zum nahe gelegenen Bahnhof und beim dortigen Eintreffen überblickte Erwin: „Sieh, Theo! Da steht ja schon unsere S-Bahn.“

„Lass uns spurten!“, rannte Theo los.

Kaum waren die beiden Freunde in der S-Bahn, erklang auch schon das Signalzeichen des automatischen Türenschließens. Dazu bemerkte Erwin: „Da sind wir ja genau im richtigen Moment bei dir losgegangen. Später hätte es nicht sein dürfen, sonst hätten wir auf die nächste Bahn warten müssen.“

„Es liegt eben an meinem perfekten Timing“, trumpfte Theo auf.

„Woran soll es auch sonst liegen?“, applaudierte Erwin.

Die S-Bahn fuhr an und als sie sich gerade setzen wollten, trat ein großer Herr an sie heran: „Hallo, bitte zeigen Sie mir Ihre Fahrscheine!“

„Das ist ja selten, dass die Fahrscheine kontrolliert werden“, entgegnete Erwin und holte die beiden Karten für die Messe für Computerspiele hervor, denn im Preis jeder einzelnen Karte war ein Tagesticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel enthalten.

„Da wäre ich auch gerne hingegangen“, beneidete sie der Kontrolleur.

„Leider haben wir keine Karte übrig“, steckte Erwin die Karten wieder ein und setzte sich mit Theo ans Fenster.

Dann kamen die beiden bei der Messe an, vor der eine riesige Menschenschar versammelt war. Es waren weitere Interessenten, denen es nicht vergönnt war, eine Karte zu ergattern. Somit vernahmen die beiden von allen Seiten: „Wollen Sie Ihre Karten für die Messe für Computerspiele verkaufen?“

„Das kommt ja gar nicht infrage“, lehnte Erwin ab.

„Ich zahle Ihnen Höchstpreise“, rief ihnen einer nach.

„Von mir bekommen Sie ein Vermögen für Ihre Karten“, stellte sich ein anderer in den Weg.

„Weiß deine Mutter, dass du bettelst?“, ließ ihn Theo stehen, wonach er Erwin zuflüsterte, „der Zeitpunkt für die Messe für Computerspiele ist aber auch raffiniert gewählt.“

Erwin pflichtete ihm bei: „Das stimmt, denn gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sitzt das Geld besonders locker.“


Endlich war der Eingang erreicht und die Karten wurden dem Einlasser übergeben. Nach gründlicher Kontrolle wünschte dieser: „Haben Sie einen angenehmen Aufenthalt.“

„Dankeschön“, traten die beiden in die riesige Halle.

Flugs staunten sie und ihre Augen versuchten, von diesen unzähligen Eindrücken so viele wie nur irgend möglich zu erhaschen.

„Schau dir das an, Theo! Überall flimmern Bildschirme, auf denen die geilsten Computerspiele laufen“, war Erwin beeindruckt.

„Die ganze Halle ist voll mit den übergroßen Helden genau dieser Spiele“, bemerkte Theo, „es ist, als hätten wir eine Schleuse zu anderen Welten durchschritten.“

„Ja, und es gibt sogar Orientierungshilfen für die einzelnen Welten“, verzückte es Erwin, „denn von der Decke hängen überall große Plakate mit dicken Schriftzügen herab, die als Wegweiser dienen.“

„Hier tobt das Leben in all seiner Vielfältigkeit“, überwältigte es Theo.

„Ich denke, damit meinst du nicht nur die Menschen aus unserer Welt, die sich hier versammelt haben“, erkannte Erwin an, „du meinst wohl auch die unzähligen Leben in den vielen laufenden Computerspielen.“

„Im Moment bin ich einfach nur platt“, gab Theo zu, „und ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, was ich meine. Nur eines steht fest, denn ich werde mir heute ein neues Computerspiel kaufen.“

„An was hast du gedacht?“, fragte Erwin.

„Ich bin noch unentschlossen“, blieb Theo hängen, „ich weiß noch nicht, ob ich dann der Herrscher einer Welt sein werde oder als ein mächtiger Mafiosi die bestehenden Machtverhältnisse bekämpfe.“

„Hey, du bist ein Bulle“, erinnerte Erwin.

„Es ist doch egal, ob man die Macht vom Staat bekommt oder sie sich selbst nimmt“, ging Theo vor, „Hauptsache man hat sie.“

Einige Minuten später zerrte Erwin an Theos Schulter: „Sieh dir nur diese Grafik an! Dieses Computerspiel wirkt, als würde ein Film laufen. Die Darsteller sehen nicht aus wie Fantasiegestalten, sondern wie echte Schauspieler.“

„Es ist wahrhaft überwältigend“, bewunderte Theo die Grafik.

Nur wenige Aussteller weiter wurden die Gehörsinne dermaßen manipuliert, dass Erwin feststellte: „Ich finde mich klanglich inmitten der hiesigen Spielhandlung hineinversetzt. Ringsum höre ich die Stimmen der Menschen dieser Welt.“

„Mir geht es genauso“, betonte Theo, „aus allen Richtungen kommen tierische Laute auf mich zu, als befände ich mich in einem Dschungel und werde von überall her beobachtet. Außerdem sind das Knacken der Baumkronen und das Pfeifen des Windes unüberhörbar.“

Der Wind flaute ab und statt der Stimmen und tierischen Laute der Spielwelt vernahmen sie das Getuschel der anderen Messebesucher. Besonders ausgeprägt war es an einem Ausstellungsstand, an dem sich die Massen sammelten. Dafür musste es einen Grund geben, weshalb Erwin forderte: „Komm mit, Theo! Oder willst du nicht wissen, was die Massen anzieht?“

„Doch, das interessiert mich schon“, folgte Theo.

Dann erreichten die beiden das Getümmel, womit die Massen nebensächlich wurden. Vielmehr interessierten sie sich für diese dreidimensionale Welt, in die sie jetzt eintraten. Es war der reine Wahnsinn, denn sie befanden sich mittendrin. Egal, wo sie hinsahen, die Umwelt der dreidimensionalen Welt war längst um sie herumgewachsen. Alles war so echt, das hatte kaum noch etwas mit einem Spiel zu tun. Deshalb äußerte Erwin: „Das ist ja total geil, das hätte auch mir einfallen können.“

„Übertreib nicht!“, lachte Theo, „du kommst doch öfters zu spät. Dabei hättest du alle Voraussetzungen für ein solches Gelingen gehabt. Immerhin hast du Informatik studiert und arbeitest seit etlichen Jahren in einer Software-Firma.“

„Sicherlich hätte ich das hinbekommen“, besann sich Erwin, „doch mir fehlt nun einmal die Kreativität. Ich brauche eine klare Beschreibung, was ich schaffen soll. Dann klappt das auch.“

„Nur leider hat dein Chef den Schwerpunkt auf Sicherheitssoftware gesetzt“, klopfte Theo dem Freund auf die Schulter, „aber eines Tages wird dein großer Durchbruch kommen.“

„Ich hoffe, dass der Tag kommt“, nickte Erwin, „und auf meinen Chef ist geschissen.“

Mit dem Aufsuchen weiterer Aussteller bekam Theo den Eindruck, die Computerspiele wurden immer realitätsnäher. In vielen Einzelfällen konnte der Spieler gar nicht mehr zwischen der Wirklichkeit und der gespielten Welt unterscheiden. Es war bemerkenswert, was heutzutage alles machbar war. Noch dazu war es dermaßen umfangreich, dass die heutige Öffnungszeit überhaupt nicht ausreichte, es in seiner Gesamtheit zu betrachten. Also blieb den beiden Freunden nichts anderes übrig, als den Besuch unvollendet abzubrechen, denn wiederholt hieß es aus den Lautsprechern, die in der gesamten Halle verteilt waren: „Sehr geehrte Besucher, bitte begeben Sie sich jetzt zum Ausgang, weil wir in wenigen Minuten schließen!“

„Daran kommen wir nicht vorbei“, meinte Erwin, „dem werden wir uns wohl fügen müssen.“

„Schade“, entgegnete Theo, „ich hätte hier noch Stunden bleiben können.“

„Für heute trennen sich unsere Wege“, verabschiedete sich Erwin, „aber ich freue mich schon jetzt auf die warme Speise und das kühle Bier am nächsten Sonnabend bei dir.“

„Hinzu werden wir den heutigen Besuch auswerten“, schüttelte Theo Erwins Hand, ehe sich ein jeder auf den Heimweg machte.


Die erlangten Eindrückte des Besuchs der Messe für Computerspiele hatten Theo völlig abgelenkt und er hatte ganz vergessen, ein Spiel zu kaufen. Hingegen waren seine Gedanken von den bahnbrechenden Einzelheiten derart fasziniert, dass er längst damit beschäftigt war, sie zu sortieren. Also konnte er, obwohl es sein Vorschlag gewesen war, mit der Auswertung des heutigen Besuchs nicht bis zum Sonnabend warten. Längst hatte ein intensives Grübeln eingesetzt und beim Blick in die Zukunft sollte alles seinen ganz großen Sinn bekommen.

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