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Vom Tode verwest

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. PROLOG
  6. I - DER KÜNSTLER UND DER TOD
  7. II - DIE ANKUNFT SEINER JÜNGER
  8. III - DER KELCH DES WAHNSINNS
  9. IV - DIE DREI FAMULI DES NEKROMANTEN
  10. V - DIE AUSLESE
  11. VI - DER SOLDAT UND DER TOD
  12. VII - DIE LETZTE SCHÜLERIN
  13. VIII - DIE WIRRUNGEN DER JUGEND
  14. IX - MEDIZIN, BITTER WIE WERMUT
  15. X - GRAUSAME JUGEND
  16. XI - DER SOLDAT UND DIE HEXE
  17. XII - SÜSSER ALS HONIGWEIN
  18. XIII - TOTER MUND TUT WAHRHEIT KUND ...
  19. XIV - DER LANGE MARSCH NACH GOLGATHA
  20. XV - MAILÄNDER ÜBERRASCHUNG
  21. XVI - SYPHILIS UND DER MAGIER
  22. XVII - DAS SCHWERT DES HENKERS
  23. XVIII - EINE ENTLASSUNG UND EIN PAAR ABSCHIEDSTRÄNEN
  24. XIX - DER BÜCHSENMACHER
  25. XX - MANUELS DAMEN
  26. XXI - FRÜHSTÜCK IN BERN
  27. XXII - TANZ NACH MITTERNACHT
  28. XXIII - DER HAMMER WIRD GESCHMIEDET
  29. XXIV - CHERCHEZ LAFEMME
  30. XXV - DAS URTEIL DES PARIS IN PARIS
  31. XXVI - NEKROMANTEN ET AL
  32. XXVII - LEBENS(ER)HALTUNGSKOSTEN
  33. XXVIII - EIN FREUDIGES WIEDERSEHEN
  34. XXIX - EINE KURZE NACHT IM SCHWARZWALD
  35. XXX - DER HAMMER FÄLLT
  36. XXXI - EINE LANGE NACHT IM SCHWARZWALD
  37. XXXII - WO DIE WEGE SICH TREFFEN
  38. XXXIII - DIE BASTARDE AUS DEM SCHWARZWALD
  39. XXXIV - BITTERE WAHRHEITEN
  40. XXXV - EINE GESCHICHTE FÜR EINE KÄLTERE NACHT
  41. XXXVI - BICOCCA
  42. XXXVII - DER TOD UND DAS MÄDCHEN
  43. XXXVIII - EWIGKEIT IN DER GRUFT
  44. XXXIX - ET IN ARCADIA EGO
  45. BIBLIOGRAPHIE
  46. DANKSAGUNGEN

Über den Autor

Jesse Bullingtons prägende Jahre verbrachte er hauptsächlich im ländlichen Pennsylvania, den Niederlanden und Tallahassee, Florida. Er ist begeistert von Folklore und besitzt einen Bachelor-Abschluss in Geschichte und Englisch, den er an der Florida State University erlangte. Augenblicklich lebt er in Colorado und ist online unter www.jessebullington.com zu erreichen.

Jesse Bullington

VOM TODE
VERWEST

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Eva Bauche-Eppers

PROLOG

Armer Boabdil, er verdient unser Mitleid. Emir von Granada, letzter der Maurenherrscher auf der Iberischen Halbinsel; nun ein Geschlagener vor den Toren seiner eigenen Stadt, die er nie wieder betreten wird, gedemütigt von einem spanischen Monarchen. Der Kapitulationsvertrag war unterzeichnet, gesiegelt von Königen und Papst, und Boabdil blieb nichts weiter übrig, als sich vor seinem Überwinder zu verneigen und dessen Ring zu küssen. Man erwartete, dass der Sieger auf diese Geste der Unterwerfung verzichtete und dem Emir ermöglichte, wenigstens einen Rest Ehre zu bewahren, doch schien diese Petitesse dem Gedächtnis des Christen entfallen zu sein, der dem Mauren die fleischige Hand hinstreckte. Inschallah. König Ferdinands Siegel schmeckte salzig wie die Meerenge, die Boabdil bald überqueren würde, und die zwiebelblasse Gemahlin des Spaniers musterte ihn spöttisch, als er sich erhob.

Dieser widerwärtige portugiesische Seefahrer, der Isabella umschwirrte wie die Fliege das Nachtgeschirr, beobachtete die Szene aus dem Hintergrund. Seine und Boabdils Blicke trafen sich und den Mauren deuchte, dass der vom Salzwasser gegerbte Bastard im Geist seinen – Boabdils – Kopf auf der Stadtmauer aufgespießt sah. Bei der Unterzeichnung des Vertrags hatte König Ferdinand eine Bemerkung fallen lassen, dieser Entdecker wolle einen neuen Seeweg nach Indien finden, aber hintenherum. Boabdil hatte keinen Gedanken daran verschwendet; erst jetzt, als er fühlte, wie der intrigante Hundsfott sein erhabenes Haupt beäugte, fiel es ihm wieder ein. Ersaufen sollst du, dachte er.

Das Zeremoniell nahm seinen Fortgang mit allem Prunk und Pomp. Der besiegte Emir verneigte sich da, wo es angebracht war, hingegen sonnte die hinter einem schweren silbernen Kreuz einherwallende Prozession der Sieger sich schamlos in ihrem Triumph. Genauso gut hätten sie den abziehenden Mauren die Zungen herausstrecken können. Selbstverständlich enthielt der Vertrag zahlreiche Klauseln, in denen akribisch festgelegt war, dass die Mauren, die sich zum Bleiben entschieden, aller angestammten Rechte teilhaftig bleiben sollten: Man würde sie nicht zwingen, ihrem Glauben abzuschwören und wie vorher die schützende Hand über sie halten, und ebenso selbstverständlich würde jeder dieser Artikel missachtet und mit Füßen getreten werden, bevor sich in Boabdils Bart die ersten silbernen Fäden zeigten. Ihm hatten die Christen ein symbolisches Stück spanischer Erde zugewiesen, als Altersruhesitz für seine hochgeschätzte Person, doch Boabdil machte sich keine Illusionen hinsichtlich der menschlichen Natur und reiste mit den Angehörigen seines Haushalts nach Süden, um übers Meer gen Afrika zu segeln, einem ihm gänzlich fremden Kontinent.

Ihre Straße führte auf eine Anhöhe, von der Boabdil ein letztes Mal die Alhambra Granadas sehen konnte, und die Geschichte berichtet, ein schwerer Seufzer sei darob seinen Lippen entflohen, ein Seufzer so schwer, als habe das ganze Land ihn ausgestoßen. Wozu es Grund gehabt hätte – mit Boabdil verschwanden auch die von den Mauren über Hunderte von Jahren kultivierte Lebensart und Toleranz. Noch zu seinen Lebzeiten wurden die Juden und Mauren, die bis dahin in Frieden und Eintracht mit den spanischen Christen gelebt hatten, des Landes verwiesen, ermordet oder zwangsweise bekehrt. Das von gegenseitigem Respekt genährte Licht der Erleuchtung erlosch. Stattdessen loderten die Flammen der Scheiterhaufen, auf denen man sowohl Koran als auch Hexen verbrannte. Wen wundert’s, dass Boabdil seufzte und dass dieser berühmteste aller überlieferten Seufzer in Wirklichkeit ein tränenvolles, ersticktes Schluchzen war.

»Was weinst du wie ein Weib über das, was du nicht halten konntest wie ein Mann?«, tadelte ihn seine Mutter, worauf, wie nicht anders zu erwarten, seine Tränen noch reichlicher flossen. Sie konnte ganz schön giftig sein, die alte Dame.

Boabdil weinte nicht allein um sein verlorenes Königreich, er weinte um seine verlorene Tochter. Der Sohn, den die Spanier während der Belagerung Granadas als Geisel genommen hatten, war ihm zurückgegeben worden, doch für ihn hatte Ferdinand, der Hurensohn, Boabdils Tochter Axia gefordert, und der gebrochene, entmachtete Herrscher konnte dieser Forderung nicht wehren. Natürlich sollte ein König seine Söhne am meisten lieben, aber Boabdil war kein König mehr und ließ es zu, dass ihm vor Jammer Augen und auch Nase überliefen.

Der zähen, goldenen Kummerfäden wegen, die an Riechorgan und Lippen baumelten, und mit dem unter dem Aufruhr der Gefühle wogenden Bauch sah er aus wie ein Walross, welches vor Meister Petz von der Honigwabe weichen muss, gemahnte doch Ferdinands Gesicht mit den kleinen runden Augen und der klobigen Kinnlade an einen Bären. Doch hatte keiner der Anwesenden je ein Walross zu Gesicht bekommen, und der einzige, der von einem Zusammentreffen mit einem Bären berichten konnte, war Boabdils Vetter zweiten Grades. Die Begegnung war ungünstig für ihn verlaufen. Der Bedauernswerte musste sich seither in einem Korb herumtragen lassen, damit zartbesaitete Naturen beim Anblick seiner abgenagten Beinstümpfe nicht in Ohnmacht fielen, war doch bereits sein von furchtbaren Narben entstelltes Gesicht eine schwere Prüfung für den Betrachter. Folglich unterblieb der Vergleich zwischen Walross und Bär, und nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Boabdils Vetter zweiten Grades für den Rest seines Lebens unter Alpträumen von dem bepelzten Ungetüm litt, dem er verdankte, dass er sich in einem Korb herumreichen lassen musste wie ein Stück Obst. Habt Mitleid mit Boabdils Vetter zweiten Grades.

Ferdinand, König von Hier, Da, Dort und nun auch von Granada, war den Freuden des Bettes durchaus zugeneigt, sofern nicht seine Gemahlin darin lag. Es waren ihre Augen, Isabellas weit auseinanderstehende Augen. Wenn er sie ansah, dachte er an eine Sardine, und von Fisch und Meeresfrüchten bekam er Gicht. Dass der beleibte Boabdil eine so überaus ansehnliche Tochter gezeugt hatte, erfreute Ferdinand außerordentlich, und fast noch bevor er das Zucken im Beinkleid spürte, hatte der lüsterne Monarch das Mädchen taufen lassen – auf den Namen seiner Gemahlin, was Ferdinand selbst äußerst gelungen fand, aber außer ihm niemand – und zu seiner Mätresse ernannt. Kleine Gemeinheiten gegenüber Mauren waren Ferdinands Steckenpferd, deshalb flüsterte er Boabdil an jenem bewussten Januartag Anno Domini 1492 ins Ohr, falls er ihm eine Jungfrau schickte, deren Schönheit die Axias überstrahlte, könne er seine Tochter zurückhaben. Gleichzeitig gab er auf diese Weise dem unglücklichen Vater durch die Blume zu verstehen, welches schändliche Schicksal seinen Augenstern erwartete.

Nun genug des Mitleids für den armen Boabdil. Der nach wie vor unanständig reiche Maure verfügte sich nach Nordafrika, wohnte dortselbst in Fes, und seine hauptsächliche Beschäftigung bestand im Sammeln hübscher junger Mägdlein, denn er hoffte, irgendwann wäre eines appetitlich genug, um es seinem alten Feind zum Tausch anzubieten. Doch liegt es in der Natur der Dinge, dass dem Vaterherzen die Schönheit der eigenen Tochter unübertrefflich dünkt. Wie nun die Jahre vergingen und seine Erinnerung – auch wenn Boabdil es sich nicht eingestehen wollte – verblasste, stand sie ihm immer vollkommener vor dem inneren Auge, bis eine leibhaftige Göttin sich schwergetan hätte, das alte Walross wenigstens zu einem anerkennenden Kopfnicken zu bewegen. Folglich wurden sämtliche Jungfrauen für unzulänglich befunden und seiner persönlichen Sammlung einverleibt.

Zu guter Letzt kam der fürstliche Kuppler in den Besitz der Perle aus dem Harem eines ortsansässigen Kaufmanns – eine Jungfrau von vollendeter Anmut, die selbst Boabdils wässrige Augen zum Leuchten brachte. Das Mädchen war kaum älter als der Sohn, den Isabella – ehedem Axia – Ferdinand inzwischen geboren hatte, aber der gewesene König von Granada erkannte in der Knospe die betörende Blüte und verhandelte und feilschte und lavierte.

Endlich war es so weit, dass er seine Neuerwerbung nach Gibraltar verschiffen konnte, begleitet von einem Dutzend Sklavinnen zu ihrer Bedienung und zwei Dutzend Eunuchen zu ihrer Bewachung sowie drei Dutzend Dienern, um die Truhen mit Spezereien und Wein und Datteln zu tragen, die er als Dreingabe mitschickte, um bei Ferdinand gut Wetter zu machen, auf dass er – milde gestimmt – in den Tausch einwilligen möge.

Kein Mitleid mit Boabdil, der im Namen der Vaterliebe schreckliche Taten beging. Als er hörte, das Schiff mit seinen Brautgeschenken sei von Korsaren versenkt worden, glaubte er dem Boten nicht und ließ ihn schinden und den zweiten, der ihm dieselbe Nachricht brachte, ließ er verbrennen, den dritten ließ er in Stücke reißen, den vierten lebendig begraben, dem fünften aber musste er endlich Glauben schenken und versank in tiefe Trauer. Zwei Frauen von unvergleichlicher Schönheit hatte er nun verloren – ein geradezu absurdes Missgeschick, aber habt Mitleid vor allem mit dem Pedanten, der glaubte, Boabdil darauf aufmerksam machen zu müssen –, und endlich fand er sich damit ab, dass er seine Tochter niemals mehr wiedersehen würde. Infolgedessen wurde er griesgrämig und hatte in seinen späten Jahren kaum noch Freude an seinem vielköpfigen Harem oder an seiner üppigen Tafel, an seinen prachtvollen Jagden oder seinen edlen Rössern oder den Ausfahrten auf seinen Prunkbarken.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit Omorose zu, so der Name der jungen Ägypterin, die den spanischen König betören und dem maurischen Emir seine Axia wiedergeben sollte. Tatsächlich erlebte sie auf der Überfahrt nach Ceuta, wie ihr Schiff von nordafrikanischen Piraten aufgebracht wurde und unterging. Der Kapitän hatte, statt sich den berüchtigten Korsaren zu ergeben, von denen keine Gnade zu erwarten war, sein eigenes Schiff versenkt, und Boabdils Spezereien parfümierten die aufgeregten Wogen, als die weniger lebensmüden Seeleute die Truhen außenbords warfen, damit sie ihnen als Floß dienten. Die meisten der Diener und Sklavinnen und Eunuchen wurden als lukrativer Teil der Beute von den Piraten aufgefischt, einige wenige ertranken, wie der Kapitän, der sich an den Mast gebunden hatte. (Keine Laune des Schicksals sollte ihn um sein ruhmreiches Ende betrügen.) Einzig Omorose sowie diejenige ihrer Sklavinnen, die sie am wenigsten leiden konnte, Awa, entkamen mit der Hilfe eines tapferen Eunuchen namens Halim sowohl den Korsaren als auch der See, und nach einer schrecklichen Nacht auf dem Wasser, die Omorose in einem nach Myrrhe stinkenden Kasten verbrachte, während ihre beiden Schicksalsgefährten sich außen an den Rand klammerten, fanden alle drei sich an der Küste Spaniens wieder.

Omorose als die älteste der Schiffbrüchigen war selbst noch blutjung, und ihr behütetes Leben hatte sie in keiner Weise darauf vorbereitet, sich in einer Lage wie dieser zurechtzufinden. Ebenso gut hätte man von ihr verlangen können zu fliegen. Da fügte es sich glücklich, dass ihre beiden jüngeren Schicksalsgenossen durch eine härtere Schule gegangen waren. Als sie vorschlugen, weiter landeinwärts zu gehen und nach Trinkwasser zu suchen, ließ sie sich dazu herab, ihrem Rat zu folgen. Statt auf eine Quelle oder einen Bachlauf stießen sie auf eine Räuberbande, die nicht lange brauchte, um zu erkennen, welch fette Beute ihnen der Himmel geschickt hatte.

Omorose duldete mit hochmütigem Stolz, dass man sie fesselte. Insgeheim war sie erleichtert, wieder unter Menschen zu sein, wenn es sich auch nur um eine Horde zweitklassiger Strauchdiebe handelte. Halim protestierte gegen die grobe Behandlung, die man seiner Herrin angedeihen ließ, und handelte sich eine gebrochene Nase ein, bevor man ihn ebenfalls fesselte. Awa, die in ihrem Heimatland einige Male aus der Sklaverei geflohen war, nur um jedes Mal, wenn sie auf der Flucht einen Unterschlupf suchte, vom Regen in die Traufe zu geraten, sprich in die Gewalt eines neuen Herrn, wusste, wann Widerstand zwecklos war, und streckte folgsam die Hände aus.

Die Karawane machte sich auf den Weg nach Granada, wo ein Bruder des Räuberhauptmanns wohnte. Der war der heidnischen Zunge der Mauren kundig und folglich bestens geeignet, die Gefangenen auszufragen und zu beurteilen, welchen Preis man für sie verlangen konnte. Der Weg führte ins Landesinnere, über die Ebene in die Hügel und hinauf in die Klüfte des höchsten Gebirges Spaniens, immer abseits der bekannten Straßen, stand doch zu befürchten, dass dort die Handlanger König Ferdinands lauerten, um einem rechtschaffenen Kaufmann und seinen Kompagnons das Leben schwer zu machen.

Immer höher hinauf stiegen sie auf Pfaden, die selbst Ziegen zu steil und steinig gewesen wären, bis ein heftiges Unwetter sie zwang, in einer engen Höhle Zuflucht zu nehmen. Die drei Afrikaner froren erbärmlich, ihre Kleider aus feinen, dünnen Stoffen waren von den bisherigen Fährnissen bereits in Mitleidenschaft gezogen und schützten nicht vor dem schneidenden Wind, der durch den Felsspalt pfiff. Keiner von ihnen ahnte, dass an diesem kalten, unwirtlichen Ort ihre schlimmsten Alpträume Wirklichkeit werden sollten.

I
DER KÜNSTLER UND DER TOD

Image

Der Tote stierte seinen Mörder an, der neben ihm hockte. Ein Kiefernbrett hatte der auf den von gerüschtem Samt umhüllten Oberschenkel gestützt und bemühte sich angelegentlich, den dümmlich-verdutzten Gesichtsausdruck des Leichnams zu skizzieren; als Zeichenstift diente ihm ein Stück Holzkohle, zwecks besserer Handhabung an einen Stab gebunden. Der Künstler hatte auf dem Schlachtfeld lange nach diesem ganz bestimmten Gefallenen gesucht, dem ersten, von dem er mit absoluter Sicherheit wusste, dass er persönlich für sein Ableben verantwortlich war. Der noch junge Mann war nicht auf eine Art gestorben, die für Heldengesänge taugte, sondern wie ein ungeschickter Gaukler mit Eingeweiden jonglierend, die aus dem aufgeschlitzten Leib quollen. Das ganze Malheur wurde nicht ästhetischer durch den Dreck und das Blut und den Gestank von Kot und in der Sonne gärendem Gekröse, aber bald würde er ein Heiliger sein. Welcher Heilige genau, musste der Künstler erst noch entscheiden.

»Du bist ein abartiger kleiner Mösenfurz, Manuel«, bemerkte ein Kamerad aus derselben Söldnertruppe, der nebenan einem Gefallenen die Daumen abschnitt.

»Werner, alte Kriegsgurgel, danke für das Kompliment.« Manuel musterte sein Werk mit gerunzelten Brauen und fand das Abbild ebenso wenig ergötzlich wie das Modell. »Wenigstens vögle ich sie nicht wie ein gewisses gottloses Stück Scheiße, welches zu kennen ich das Missvergnügen habe.«

»Der Herr Fecretariuf hat da waf am Hintern.« Ein weiterer Kampfgenosse war von den beiden unbemerkt herzugekommen, zwinkerte Werner verschwörerisch zu, nahm kurz Anlauf und versetzte Manuel einen Tritt in die genannte Körperpartie.

Manuel kippte vornüber. Instinktiv hielt er das Zeichenbrett über den Kopf, wie jemand, der vom Ufer in einen Bachlauf tritt und feststellt, dass das Wasser tiefer ist als gedacht. Sein angewinkeltes linkes Knie sank schmatzend in die offene Leibeshöhle des designierten Heiligen, und in den höchsten Tönen fluchend spürte er durch den modischen Schlitz zwischen Hose und Strumpf das schwammige tote Fleisch und namenlose Flüssigkeiten, die den teuren Samtstoff tränkten. Er sprang auf und verfolgte den Übeltäter, Bernardo, der johlend vor ihm davonlief. Nachdem er mit diesem Spaßvogel ins Reine gekommen war, sah er sich gezwungen, den Anderthalbhänder zu ziehen, bevor Werner klein beigab und die Daumen herausrückte, die er dem Opfer des Künstlers stibitzt hatte.

Inzwischen genügte das Licht Manuels Ansprüchen nicht mehr. Ein purpurner Sonnenuntergang verbrämte den lombardischen Gebirgszug, auf den er nun zusteuerte. Der kahle Fels, der in den blutigen Himmel ragte, gemahnte ihn an einen Totenschädel mit den Zelten der Offiziere als Augenhöhlen und Nase, die Behausungen der Reisläufer am Fuß des Berges bildeten die klaffenden, gezackten Kiefer. Nun ja, er war ein Künstler, folglich dünkte ihn alles wie ein Symbol für etwas anderes, und weil er auch Soldat war, erinnerten ihn alle Symbole an den Tod.

»Mäni, mein tüchtiger Secretarius!« Trotz der jovialen Begrüßung blieb Albrecht vom Stein hinter dem gewaltigen Schreibtisch aus Ebenholz sitzen, den man ihm von Lager zu Lager nachschleppen musste, und gleich wusste Manuel wieder, weshalb er den Feldobristen von Herzen verabscheute. Vom Stein war ein haariger Hüne, der mit seinem grob behauenen Vierkantschädel und Manieren, die ebenso ungehobelt waren wie sein Äußeres, besser auf einen Rübenacker gepasst hätte als auf das glatte Parkett fremder Fürstenhöfe.

Unser Künstler hätte sich mit ziemlicher Gewissheit nach einem weniger unangenehmen Obristen umgesehen, wären nicht die meisten aus seiner Kompanie Schweizer gewesen, Landsleute also, die nach Bern zurückgekehrt vom Steins militärisches Talent rühmten (nicht zum Schaden seiner ehrgeizigen Zukunftspläne).

Genau wie Manuel war vom Stein dem Geruch blutigen Stahls nach Süden gefolgt. Nach anfänglichem Zögern strömten die Berner Reisläufer seinem Haufen zu, statt sich bei den Franzosen zu verdingen (und erst recht nicht bei den verschiedenen einheimischen – deshalb wankelmütigen – Grafen oder Schultheißen). Aus den lombardischen Stadtstaaten floss ein nahezu ununterbrochener Strom von Silber und Gold in die bodenlosen Truhen der französischen und kaiserlichen Söldnerführer, die man anwarb, damit sie sich stellvertretend bei den kleineren und größeren Zwistigkeiten die Köpfe einschlugen, da man keine Lust hatte, selbst in die Schlacht zu ziehen. – Und vom Stein war ein geriebener Stratege. Jetzt bemerkte er Manuels derangierte Erscheinung und schürzte die Lippen wie bei dem Abendessen vor etlichen Jahren, als ihm klar wurde, dass der junge Künstler, der sich ihm vorgestellt hatte, ein Bürgerlicher war.

»Sieh an, da hat sich einer das feine Sonntagsgewand verdorben!«

»Ich finde, so ein Klecks Farbe verleiht der Kleidung eine individuelle Note«, konterte Manuel und ließ die Zeltklappe hinter sich fallen. »Nuancen von Päpstlicher Purpur oder so ähnlich.«

»Ah, das ist gut, sehr gut.« Vom Stein nickte. »Man kann gar nicht genug Namen für das bewusste rote Nass haben, und individuell ist es in der Tat. Weißt du übrigens, was der Kaiser zu deinem Höschen und seidenen Wämslein gesagt hat? Zu deinen Spitzen und Posamenten?«

Manuel wusste, was Kaiser Maximilian, ehemaliger Brotherr und derzeitiger Gegner, gesagt hatte, weil vom Stein es ihm seit Beginn dieser Kampagne bereits drei Mal unter die Nase gerieben hatte – einer der Nachteile, wenn man mit dem Obristen gesellschaftlichen Umgang pflog, bevor man in seine Dienste trat. »Nein. Was hat er denn gesagt?«

Vom Stein ließ sich nicht zwei Mal bitten und wiederholte die Äußerung aus kaiserlichem Munde, für die Manuel geradezu ein Musterbeispiel war in seinem bunten Anzug mit gepufften Ärmeln und eng anliegendem Beinkleid. (Alles von des Künstlers Mündel, das geschickt mit Nadel und Faden umzugehen verstand, bestickt, gesteppt und mit Besätzen aus kostbaren Stoffen versehen.) »Über die Unart, sich mit allerlei Firlefanz auszustaffieren, statt geziemende Kleidung zu tragen? Sollen sie, hat er gesagt, sollen sie ein bisschen Freude haben in ihrem armseligen, jammervollen Dasein! Als würden wir uns zum Vergnügen oder für Geld hier unten abschlachten lassen, als wären wir Verbrecher, dass wir in anderen Kriegen als den seinen kämpfen!«

»Wie großmütig von Seiner Allergnädigsten Majestät. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Männer ordentlich dreinschlagen sollen, wenn es ihnen an Straußenfedern für ihre Hüte mangelt.«

»Schön gesagt, aber mir fällt auf, dass der Federbusch an deinem Barett größer ist als bei den meisten anderen.« Vom Stein runzelte die Brauen. »Oder sollte das Auge eines alten Soldaten deinen Heiligenschein mit ordinärem Kopfputz verwechselt haben?«

»Nach meiner bescheidenen Ansicht ist eine ansprechende Erscheinung bestens geeignet, sich dem Feind genehm zu machen. Wenn sie sich umdrehen, um mir Wein und Käse zu holen, durchbohre ich sie hinterrücks. Nicht unbedingt die feine christliche Art.«

»Man könnte glauben, du hast keine Freude an der Arbeit, für die ich dich bezahle.« Die Falte zwischen den Brauen des Feldobristen vertiefte sich. »Traurig, wenn der Schlachter nicht schlachten mag. Wie geht’s der Frau Gemahlin?«

»Gut, nach allem, was ich zuletzt gehört habe. Und der Euren?«

»Gut.« Vom Steins Augen wurden schmal.

»Tja.« Manuel räusperte sich. »Ein weites Feld, das. Doch wenn es auch zutrifft, dass ich das Schlachten nicht mag, wie Ihr sagt, so weiß ich doch das Klingen der Münzen zu schätzen. Ein toter Venezianer oder Mailänder oder wen’s grade trifft zahlt mir Farben von bester Qualität, und wenn wir wieder in Bern sind, wäre es mir eine Ehre, wenn Ihr Eurer Frau erlaubtet, mir Modell zu stehen – die obwaltenden Mächte erwähnten die Möglichkeit einer Kommission für den Chor des Münsters.«

»Oh!« Vom Stein wurde lebhaft. »Was für ein Thema hast du im Sinn? Auf keinen Fall darf es etwas Anstößiges sein, meine Gemahlin ist ein frommes und tugendhaftes Weib.«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte Manuel, obwohl er längst beschlossen hatte, Salome sollte es sein, wobei er das Haupt von Johannes dem Täufer nach ihrem Herrn Gemahl zu gestalten gedachte; selbstverständlich mit einem gewissen Grad an künstlerischer Freiheit, was seine Züge anging – aus Sicherheitsgründen.

»Sie wird entzückt sein, begeistert. Sie hat mich gedrängt, dich zu bitten, aber ich weiß nicht, ich dachte, es könnte, nun ja, aufdringlich wirken …«

Manuel konnte kaum fassen, dass vom Schwein, wie seine Männer ihn wenig phantasievoll nannten, wahrhaftig so etwas wie Schamgefühl besitzen sollte. »Bestellt ihr, es ist mein größter Wunsch, sie zu malen, und nur aus Respekt vor ihrem geschätzten Gatten hätte ich nicht gewagt, mit meiner Bitte an sie heranzutreten.«

»Wunderbar. Großartig.« Vom Stein nickte begeistert, und Manuel verachtete sich selbst für seine schamlose Liebedienerei. »Da müssen wir wohl zusehen, dass du heil nach Hause kommst, um zu malen, und weil dir das Geschäft, das wir betreiben, ohnehin nicht gefällt …«

»Ich hätte mich nicht darauf eingelassen, aber ich war jung und brauchte das Geld«, sagte Manuel. »Wenn ich genug beisammen hätte, würde ich … Aber leider fehlt mir noch der ein oder andere Taler …«

»Jetzt nicht mehr.« Vom Stein wuchtete einen umfänglichen Beutel auf die Tischplatte, eine Geldkatze von der Größe einer Satteltasche. Er beugte sich erwartungsvoll vor, hocherfreut über die gelungene Überraschung. Manuel wartete ab, weil er sehen wollte, ob das selbstzufriedene Grinsen verblasste, wenn er nicht gleich reagierte, aber es blieb unverändert breit, und endlich schluckte er seufzend den Köder. Insgeheim dachte er, dass es höchst unvorteilhaft ist, außer man hat silberblondes oder schlohweißes Haar, wenn die Farbe der Zähne mit der des Bartes korrespondiert. Im Fall des Hauptmanns war letztere ein mit Schwarz gesprenkeltes Kastanienbraun.

»Lohn für einen mitternächtlichen Raubzug in eine befestigte Stadt? Einen Alleingang gegen eine Artilleriestellung? Einen Meuchelmord?« Manuel wog den Beutel in der Hand und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn dessen Gewicht angenehm beeindruckte.

»Ein Botengang, nichts weiter. Du bringst etwas zur andalusischen Grenze und dann geht’s ab nach Hause. Kein Päpstlicher Purpur – oder wie immer du’s nennen willst –, außer es gibt unterwegs Komplikationen. Straßenräuber oder ähnliches.«

»Spanien?« Manuel legte fragend den Kopf schief. »Welche Ware? Und wie viel Männer kann ich mir als Begleitung aussuchen?«

»Fünf, und ausgesucht sind sie schon. Werner …«

Manuel fluchte.

»Bernardo …«

Manuel fluchte lauter und musterte finster sein besudeltes Hosenbein.

»Und die Vettern Kristobal. Die drei, die noch übrig sind …«

»Zwei.«

»Wie?«

»Zwei Kristobals, seit heute Nachmittag, und auch das sind noch zwei zu viel, wenn man mich fragt. Warum kriege ich den Bodensatz aus der Latrine?«

»Das fragst du? Morgen marschieren wir, Manuel, willst du, dass ich dir meine Tapfersten und Tüchtigsten mitgebe?«

»Gebt mir Mo, dafür könnt Ihr den Rest behalten.«

»Wahrhaftig, er will mir meine Tapfersten und Tüchtigsten nehmen! Nein, nein, meine markige Maid bleibt hier und du nimmst die fünf, äh, die vier.«

»Fünf, habt Ihr gesagt, also erlaubt mir, noch jemanden auszusuchen, einen, der auf meinen Rücken aufpasst. Werner und Bernardo sind nicht pingelig, was die Vergrößerung ihrer Daumensammlung angeht.«

»Sie sind Feiglinge, Niklaus«, sagte vom Stein und weidete sich an Manuels saurer Miene. Der Künstler schätzte es nicht, mit seinem ersten Vornamen angesprochen zu werden. »Sie gehorchen dir, weil du keiner bist. Zur Sache. Mit dem Paket ist ein Brief zu übergeben, und wenn ich nicht einen Brief zurückerhalte, der mir bestätigt, dass die Ware ordnungsgemäß geliefert wurde, befindest du dich in Schwierigkeiten.«

»Verstanden.« Manuel hielt immer noch den Beutel in der Hand. Sein Arm schmerzte, doch es war ein guter, ein goldener Schmerz. »Spanien also. Was für Ware?«

»Sie.« Vom Stein deutete mit dem Kopf auf einen Höcker im Hintergrund des Zeltes, der Manuel bei dem herrschenden Durcheinander nicht aufgefallen war. Ein schwaches Lächeln spielte um die Lippen des Feldobristen; im Schein der Kerze auf dem Tisch glänzten sie fettig wie geräucherte Aale. Der Höcker hatte die Form eines Menschen im Schneidersitz, dem man einen dicken Sack über Kopf und Körper gezogen hatte. Eine Kette lag in Höhe des Halses um den Sack, eine zweite in Höhe der Taille. Manuel ließ die Geldkatze auf den Tisch plumpsen.

»Zum Teufel mit Euch!« Er wandte sich zum Gehen, alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen und er jetzt so bleich wie sein jüngstes Modell.

»Sie ist eine Hexe«, erklärte vom Stein. Manuel hörte an seiner Stimme, dass er immer noch lächelte.

»Was sonst.« Manuel befahl seinen Beinen, ihn aus dem Zelt zu tragen, hinunter zu den Feuern des Fußvolks, zu Wein und vollen Schüsseln und ehrlichem Schädelspalten am nächsten Morgen, mit einem Batzen als Prämie für jeden Daumen. »Spanien. Natürlich. Ich habe von den neuen Gewohnheiten gehört, die man dort pflegt.«

»Wahrhaftig?«

»Wahrhaftig. Und Ihr?« Manuel blieb am Zelteingang stehen, drehte sich um und starrte vom Stein in die Augen.

»Ich nicht. Aber ich kann’s mir vorstellen. Die Spanier sind hinterfotzige Mistbienen, wir beide wissen das seit …«

»Was hat es Besonderes mit ihr auf sich? Haben diese gottverdammten Bastarde nicht genug eigene Ketzer und arme Irre zu verbrennen, dass sie jetzt welche von unseren für ihre Scheiterhaufen importieren müssen? Zum Henker mit der bigotten Bagage und zum Henker mit Euch!« Das würde Katharina, seiner Frau, imponieren, wenn er ihr erzählte, wie er dem Feldobristen eine Abfuhr erteilt hatte, und das gab ihm den entscheidenden Anstoß, hoch erhobenen Hauptes das Zelt zu verlassen.

»Sie werden’s ihr besorgen«, rief vom Stein ihm nach und sah unter der Klappe hindurch Manuels Kuhmaulschuhe innehalten. »Werner und Bernardo und die anderen. Ich wusste, du würdest das arme Wesen nicht behelligen, so edel und feinsinnig wie du bist, deshalb wollte ich, dass du den Anführer machst und die geile Bande im Zaum hältst, aber wenn dir der Auftrag nicht zusagt, schicke ich Werner und hoffe …«

»Der Blitz soll Euch erschlagen!« Manuel kam wieder herein. Er bleckte die Zähne wie ein Gehängter nach mehreren Tagen in Sonne und Wind. »Ich mach’s.«

»Und selbstredend wird ein Heiliger wie du sich nicht mit schnödem Mammon dafür bezahlen lassen, dass er einer Jungfrau sicheres Geleit gibt, habe ich recht?« Vom Stein streckte die Hand nach dem Beutel aus.

»Warum?« Zu beider Überraschung packte Manuel das Handgelenk des Obristen und hielt es fest. »Was hat sie verbrochen? So etwas wie Hexen gibt es nicht! Und warum in Gottes Namen redet Ihr hier über ihr Schicksal, obwohl sie alles hören kann?«

»Wie gesagt, ich weiß nicht, was sie getan hat oder wessen man sie beschuldigt.« Vom Stein machte sich los. »Und es kümmert mich auch nicht. Ich kenne einen Kirchenmann, gut, er ist jetzt Inquisitor, aber du verstehst schon. Er will sie haben und hat ein erkleckliches Sümmchen für sie hingelegt, deshalb kriegt er sie und vorzugsweise unversehrt. Ich hatte meine beste Nase auf sie angesetzt. Du kennst Wim?«

Manuel nickte. Am Morgen hatte er gesehen, wie man Wim, der einmal Jäger gewesen war, in die Erde senkte. Vor der Schlacht, wohlgemerkt. Er hatte sich nichts dabei gedacht. Kundschafter waren noch stärker als jeder Söldner den Unbilden der Witterung ausgesetzt und deshalb anfällig für alle möglichen Krankheiten. »Sie haben ihn nach der Morgenandacht beerdigt.«

»Hat sich auf dem Rückweg was eingefangen.« Vom Stein rümpfte die Nase. »Das Fieber muss ihm das Hirn verschmort haben. Kurz bevor er starb, redete er wirr und faselte von grauenvollen Dingen, die sich ereignet hätten. Er glaubte auf jeden Fall, sie wäre eine Hexe und Schlimmeres. Ein schwarzer Teufel, sagte er.«

»Das hat er gesagt?« Manuel spähte über den gelichteten Scheitel des Feldobersten hinweg auf die verhüllte Gefangene, und als er weitersprach, tat er es mit gedämpfter Stimme. »Macht es Euch nichts aus, dass sie zuhört? Sie könnte, ich weiß nicht …«

»Uns verfluchen?« Vom Stein grinste. »Petzen? Wir beide wissen: Wo sie hingeht, wird ihr keiner zuhören. Und selbst wenn, sei’s drum. Wir sind Männer des Krieges und sprechen über Kriegsführung, wenn auch mit anderen Mitteln.«

»Soll das heißen, Ihr seid einverstanden mit dem, was die Spanier tun oder diese Bastarde in Como?«

»Es sind nicht nur Spanien oder die Lombardei. Man verfolgt sie im Kaiserreich, in Frankreich, und sogar in unserer kostbaren kleinen Eidgenossenschaft macht man Jagd auf Hexen. Zugegeben, ich bin nicht so umfassend informiert über die Absichten der Kurie wie du.« Manuel stellte fest, dass vom Stein dieselbe ängstliche, beunruhigte Miene zur Schau trug, wie man sie bei ihm sah, wenn seine Dienstherren, seien es Franzosen oder Kaiserliche oder wer auch immer, kamen, um sich anzusehen, was sie gekauft hatten. »Rom erhebt keine Einwände dagegen und ich bin ein gehorsamer Sohn der Kirche – noch etwas, was ein gewisser Jemand von mir lernen könnte: Gehorsam –, also dürfen wir uns nicht anmaßen, beurteilen zu wollen, ob sie Gottes Werk tun oder nicht.«

»Und wenn die Bezahlung stimmt …«

»Das Geld, das sie bezahlen, wenn wir liefern, ist nicht das Wichtigste bei diesem Handel, sondern was wir verlieren, wenn wir’s nicht tun. Unsere Seele, Manuel, die Seele!«

Manuel verschränkte die Arme und bemühte sich, die gefesselte Hexe nicht anzuschauen.

»Wenn du auch nur einem einzigen Menschen davon erzählst, lasse ich dich hängen. Auf Ehre.« Vom Stein nagte an der Unterlippe. »Was man mir versprochen hat, uns allen versprochen hat, als ich meinen grauen Hengst der Kirche vermachte, steht auf dem Spiel! Ablass, Manuel, für alles, was wir getan haben! Sie werden uns lossprechen von allen unseren Sünden! Wenn ich ihnen die Hexe nicht gebe, versagen sie uns die Absolution, mein junger Freund!«

Manuel riss die Augen auf, seine Hände zitterten. »Ist das Euer verdammter Ernst?«

»Ja, ja! Und auch sie meinen es ernst und die spanischen Kardinäle sind …«

»Ihr glaubt wirklich und wahrhaftig, dass Gott Euch all Eure Missetaten vergibt, wenn Ihr den Spaniern eine Frau ausliefert, damit sie sie verbrennen?« Manuel sah aus, als müsse er sich übergeben, aber er stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus. »Und diese Geschichte, dass Ihr Euren Gaul gegen einen Generalablass eingetauscht habt, die stimmt tatsächlich? Ihr glaubt den Versprechungen von Ablasshändlern? Ich dachte, nur Pfeffersäcke mit mehr Geld als Grips würden sich diesen Humbug aufschwatzen lassen!«

»Was ich glaube, geht dich einen Rattenschiss an.« Die Angst, die vom Stein bisher nur unzulänglich überspielt hatte, schlug um in Wut, er ballte die Fäuste und starrte Manuel aus funkelnden Augen an. »Du solltest dich darum kümmern, dieses Hexenweib heil nach Spanien zu bringen, denn wenn du mir bei deiner Rückkehr nicht einen Brief mit einem bestimmten Siegel aushändigst, wirst du selbst den Scheiterhaufen besteigen, du kleine Zecke! Ja, ja, ich kenne dich, Niklaus Manuel. Pappst dir ein Deutsch hinten an deinen Namen, katzbuckelst dich nach oben. Bist immer auf dem Sprung, dich bei denen einzuschmeicheln, die von höherem Stand sind als du, immer bemüht, vergessen zu machen, dass dein Vater nur ein armseliger Krämer gewesen ist. Du willst in der Politik mitmischen, Bürschchen? Dann lass dein spitzenbesetztes Höschen herunter, bück dich und sei bereit für deine erste diesbezügliche Lektion, du großmäuliger verfluchter Bauernlümmel!«

Die Blicke der beiden Männer verkrallten sich ineinander. Manuels linkes Auge zuckte, bis der Ältere endlich den Atem ausstieß und schrumpfte wie ein Weinschlauch bei einem feuchtfröhlichen Gastmahl.

»Nimm die Metze und verschwinde«, befahl er. »Wir werden in Mailand sitzen und Kindermädchen spielen, bis der Kaiser erscheint und seine gekauften Landsknechte auf uns feine Eidgenossen hetzt, auf unsere französischen Dienstherren und was an dickköpfigen Mailändern bei uns ausharrt. Dort sehen wir uns wieder. Du gibst mir den Brief, ich gebe dir die Taler, und dann lenkst du den Schritt heimwärts zu dem hübschen Häuschen in der Gerechtigkeitsgasse oder ähnlich pittoresk benannten Straße, in der du wohnst. Sind wir einig?«

»Ich habe keine Wahl, oder?«, fragte Manuel, wohl wissend, dass man immer eine Wahl hat.

»Nein. Du, Manuel, bist der einzige, dem ich vertraue, von dem ich weiß, dass er alles tun wird, um die Frau an ihren Bestimmungsort zu bringen. Deinem Beichtvater kannst du ja sagen, ich wäre schuld. Und selbst wenn sie keine echte Hexe ist und du nicht das Werk des Allmächtigen tust, was macht schon eine sterbliche Seele mehr oder weniger auf deiner Liste? Ich wette, du kannst längst nicht mehr zählen, wie viele du erschlagen hast.«

»Doch.« Manuel fand, für diesen Abend habe er vom Stein mehr als genug nach dem Mund geredet. Nicht nur kannte er die genaue Zahl, sondern auch jedes einzelne Gesicht; die meisten nach dem Gedächtnis gezeichnet, einige auch in situ. Bei der Rückkehr in seine Werkstatt in Bern konnte er seinem Stapel Skizzenbretter ein weiteres Dutzend Heiligenstudien hinzufügen. Ob er es irgendwann fertigbrachte, die Hexe zu zeichnen? Derzeit herrschte ein eklatanter Mangel an weiblichen Märtyrern in seiner Sammlung.

»Genug geredet, tempus fugit«, sagte vom Stein und schwenkte die Hand in Richtung des reglosen Sackleinenbündels. »Ich empfehle, dass ihr sogleich aufbrecht und erst in einigen Meilen Entfernung für die Nacht Halt macht, damit die ungezogenen Burschen da draußen keine Witterung von ihr kriegen. Sie haben ordentlich Druck, seit Paula und die anderen gelüstigen Fräulein zurück nach Burgund spaziert sind. Der Inquisitor heißt Ashton Kahlert, und seine Abgesandten erwarten euch in der Kirche von Perpignan an der Straße nach Barcelona.«

»Kahlert ist kein spanischer Name«, bemerkte Manuel geistesabwesend. Er konnte den Blick nicht von dem atmenden Bündel abwenden.

»Für mich sind sie alle Spanier, der eine wie der andere.«

»Ich werde dir jetzt helfen aufzustehen.« Manuel wandte sich mit erhobener Stimme an die vermeintliche Hexe unter ihrer Sackleinenhülle. »Wir müssen ein Stück marschieren.«

»Sie hat eine Leine um den Hals«, äußerte vom Stein hilfreich. Seufzend nahm Manuel seiner Gefangenen die Leine ab und befestigte sie an der Kette um ihre Taille.

Vom Stein verdrehte die Augen, legte die Geldkatze zurück in eine kleine Truhe unter seinem Tisch und nahm dafür einen versiegelten Brief heraus. Er wartete, bis Manuel, den Brief in der Hand und die Hexe im Schlepptau, den Ausgang erreicht hatte, dann legte er sein Faustrohr vor sich auf den Tisch, dicht neben die rußende Kerze. Kaum war der Vorhang hinter Manuel zugefallen, rief ihm der Feldoberst seine letzte Warnung hinterher.

»Falls du irgendwann anfängst, dir vorzustellen, es könnte dein trautes Käthchen oder deine kleine Nichte sein unter diesem Hexensack und falls du des Weiteren anfängst dir vorzustellen, dass ich es womöglich mit Fassung trage, wenn das Schicksal zuschlägt und die Übergabe aus diesen oder jenen sehr plausiblen Gründen nicht zustande kommt, dann solltest du daran denken, dass ich genau weiß, wo dein Weib und deine Nichte schlafen, in dieser und in jeder anderen Nacht.« Lächelnd richtete er das Faustrohr auf den Zeltvorhang, der im selben Augenblick zur Seite gerissen wurde, und hielt sie so, dass das Zündloch am hinteren Ende der Waffe sich unmittelbar neben der Kerzenflamme befand. Manuel tat drei Schritte, dann sah er die Waffe, und während die Klinge seines Schwertes langsam wieder in die Scheide glitt, trat er wortlos den Rückzug an. Vom Stein lächelte in das Halbdunkel des leeren Pavillons.

Draußen in der feuchtkalten Nacht wehrte Manuel sich gegen die Vorstellung, dass es seine Katharina oder seine Nichte war, die er am Strick hinter sich herführte, einem nur allzu gewissen, grausamen Schicksal entgegen.

II
DIE ANKUNFT SEINER JÜNGER

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Etwas anderes als der Sturm heulte in der Nacht über der Sierra Nevada. Heftige Böen peitschten den Regen waagerecht in die Öffnung im Fels, als hätte die Welt sich ein Stück gedreht und die afrikanischen Gefangenen säßen am Boden einer Grube, statt in einer Höhle. Omorose war trotz Kälte und Nässe in einen totenähnlichen Erschöpfungsschlaf gefallen. Ein Leben in Luxus und Müßiggang hatte sie nicht darauf vorbereitet, mit ihren zarten weißen Füßen stundenlang über Stock und Stein zu marschieren. Zugedeckt mit der durchnässten Kleidung ihrer Diener, warf sie sich auf dem rauen Felsboden stöhnend von einer Seite auf die andere.

Halim kauerte nackt hinter seiner Herrin und starrte unverwandt auf einen Punkt in dem von undurchdringlicher Schwärze erfüllten hinteren Teil der Höhle. Jedes Mal, wenn draußen ein Blitz über den Himmel zuckte, riss er für die Dauer eines Lidschlags den dort sitzenden Räuberhauptmann aus der Dunkelheit, und dann kreuzten sich ihre Blicke. Der Mann, der am Höhleneingang Wache hielt, war als einziger den Wetterunbilden noch stärker ausgeliefert als die drei Afrikaner. Der vertrieb sich die Zeit damit, auf den nächsten Blitz zu warten, der ihm erlaubte, wieder einen Blick auf die zwei nackten Mauren zu erhaschen.

Awa schmiegte sich an Omoroses Rücken. Die Herrin schläft tief und fest, dachte sie, und wird es nicht bemerken. Einem Sklaven war es bei Strafe verboten, seinen Herrn oder seine Herrin zu berühren, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, und Omoroses Herzschlag an der Brust zu spüren, weckte in dem Mädchen neue und nie zuvor gedachte Gedanken. Unterwegs hatte Omorose sich bemüht, ihre Angst und ihre Schmerzen nicht zu zeigen, doch als Wasser ausgeteilt wurde und Awa verzichtete, damit sie ihren Durst stillen konnte, waren ihre Augen übergelaufen wie die Brunnen im Innenhof des Serails. Sie hatte gelächelt, als sie den Becher nahm, ein warmes, wenn auch trauriges Lächeln. Solche Herzensbildung im Angesicht von Not und Gefahr hatte Awa zu der Überzeugung gebracht, dass sie es mit einem ganz außergewöhnlichen Menschen zu tun hatte; einer jungen Frau wie sie selbst, auch wenn die eine für die meiste Zeit ihres Lebens auf Rosen, die andere auf Dornen gebettet war.

Awa schwante, dass ihr eigenes chaotisches Dasein im Begriff stand, zum wiederholten Mal eine neue Wendung zu nehmen. Die Erfahrungen der Vergangenheit hatten sie eines gelehrt: Wenn bewaffnete Männer dich zwingen, mit ihnen durch unwegsame Wildnis zu wandern, sei auf das Schlimmste gefasst. Allein wäre sie geflohen und wahrscheinlich auch entkommen, denn bei diesen Männern handelte es sich keinesfalls um berufsmäßige Sklavenhändler. Doch schon seit längerem hatte sie beschlossen, ihre neue Herrin nicht im Stich zu lassen. Omorose war nur wenige Jahre älter als sie selbst, vielleicht wirkte sie deshalb freundlicher, und im Gegensatz zu manchem ihrer früheren Besitzer hatte sie sie nie beschimpft oder geschlagen. Dass sie einmal selbstverständliche Höflichkeit als etwas Seltenes und Kostbares schätzen würde, hätte Awa sich in ihrer sorglosen Kindheit als Tochter des Häuptlings der Fon nicht träumen lassen, doch in den Jahren seither war sie um manche Erfahrung reicher geworden.

Halim, der neben den beiden jungen Frauen kauerte, hatte sich ausgerechnet, dass die Abstände zwischen den Blitzen ihm Zeit genug gaben, Omorose und ihre Sklavin zu erwürgen, ohne dass jemand etwas bemerkte. Ob er es tun wollte oder sollte, dessen war Halim sich weit weniger sicher, obwohl er von Boabdil den unmissverständlichen Befehl erhalten hatte, Omorose zu töten und sie vor Schande zu bewahren, falls sie Piraten oder sonstigem Gesindel in die Hände fiel. Im grellen Licht des nächsten Blitzes sah der Räuberhauptmann, dass der Eunuch jetzt statt geradeaus ins Leere auf die beiden schlafenden Frauen schaute. Dann war es wieder dunkel, nur nach dem Tosen des Sturms konnte man vermuten, wo in der vollkommen Finsternis sich der Höhlenausgang befand. Nein. Halim hatte entschieden. Er wollte es nicht tun. Wollte es nicht, wohlgemerkt – so konnte er sich selbst darüber hinwegtäuschen, dass er es nicht konnte, nach dem Blick auf Omoroses engelsgleiches schlafendes Antlitz.

Omorose erwachte und fühlte sich von Armen umfangen, festgehalten. Der Schreck, die Angst schnürten ihr die Kehle zu. Der feuchte Stoff unter ihrer Wange und das Zittern der nackten Sklavin, die sich an ihren Rücken schmiegte, zerstörten die Hoffnung, das alles könne nur ein böser Traum gewesen sein. Gestern noch wäre Omorose bei der Vorstellung, eine Sklavin könne sich soweit vergessen, sie ohne ausdrückliche Aufforderung zu berühren, außer sich geraten. Heute empfand sie in der Kälte und Dunkelheit die Wärme des anderen Körpers als trostreich und erquickend. Weil sie wusste, dass niemand es sehen konnte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf, und die salzige Flut vergrößerte die Regenpfützen auf dem nackten Fels.

Awa zog die Arme zurück, als sie das lautlose Schluchzen ihrer Herrin spürte und rückte von ihr ab, dann wagte sie es, ihr behutsam die Hand auf die Schulter zu legen. Der Wind fand den Weg in die neu entstandene Lücke zwischen den Mädchenleibern und Omorose begann zu frieren. Die Kälte kroch von ihrem nun ungeschützten Rücken bis hinauf in den Nacken und zu den Füßen hinunter. Erneut siegte Not über Gebot, Omorose wand die gefesselten Hände aus dem feuchten Kokon eigener und fremder Kleider, ergriff Awas bebende Finger und rückte nach hinten, bis ihre Körper sich wieder berührten und wärmten. Awa drückte die Hand ihrer Herrin und lächelte beglückt ins Dunkel, als diese den Druck erwiderte, dann begann sie an den Lederriemen zu nesteln, mit denen Omoroses Handgelenke zusammengebunden waren. Sie war fest entschlossen, ihre Herrin zu retten, genau so, wie Halim sie von dem sinkenden Schiff gerettet hatte.

»Wir befreien uns von unseren Fesseln und dann fliehen wir«, flüsterte sie in Omoroses zarte Ohrmuschel. »Der Regen wird unsere Spuren verwischen.«

»Was?« Omorose hatte jeden Gedanken an Flucht verworfen, als sie sah, wie es Halim erging, der sie schützen wollte.

»Sie haben einen Wachtposten aufgestellt, aber nur diesen einen, glaube ich. Die anderen sitzen hinter uns, wo der Regen nicht hinkommt.« Der simple Knoten an Omoroses Fesseln war für Awa ein weiterer Beweis, dass die Räuber keine Erfahrung im Umgang mit Sklaven hatten.

»Aber wenn es einen Wächter gibt …«

»Pst«, mahnte Awa. »Ich befreie Euch, ihr befreit mich, ich befreie Halim …«

»Wen?«

»Den Eunuchen. Der Euch gerettet hat.«

»Ach ja. Halim.«

»Ich mache ihn los und dann laufen wir weg.« Awa sprach noch leiser. »Er ist der größte von uns, deshalb werden sie sich wahrscheinlich zuerst auf ihn stürzen, und falls Ihr es seid, die man ergreift, wird er für Euch kämpfen.«

»Bist du sicher?«

»Ich war schon mehrmals gefangen und bin geflohen.« Awa schlug das Herz bis zum Hals, aber sie durfte sich ihre eigene Furcht nicht anmerken lassen. Endlich, der letzte Knoten war gelöst. »Wenn wir erst entkommen sind, müssen wir nur aufpassen, dass wir nicht wieder eingefangen werden. Aber über den Regenguss machen wir uns Gedanken, wenn wir von diesem getrocknet sind, einverstanden?«

»Einverstanden.«

»Nun müssen wir ganz leise sein, damit sie glauben, dass wir schlafen. Nicht an meinen Fesseln zerren, geht zum Anfang des Knotens und löst ihn Schritt für Schritt von dort.«

Omorose genoss erst eine Weile das Gefühl, von den tief ins Fleisch schneidenden Lederriemen befreit zu sein, bevor sie sich endlich bequemte, ihrer Dienerin die Wohltat zu vergelten. Ihr fiel ein, was ihre alte Amme über Awa gesagt hatte, dass die bint hamar, die Tochter eines Esels, schon mehrmals ihrem Herrn weggelaufen und wieder eingefangen worden war. Daher habe sie ihre Narben, und sie erinnerte sich, wie sie beide kichern mussten, als sie sich ausmalten, wie die kleine Dicke auf der Flucht mit ihren kurzen Beinen durch die Straßen wetzte. In diese Gedanken versunken, zupfte sie an den Knoten von Awas Handfesseln und hielt inne, wie ihre Dienerin es getan hatte, wenn sie hörte, dass ihre Aufpasser sich rührten. Zwar brauchte sie lange, doch irgendwann waren auch Awas Hände frei. Das Gewitter zog langsam ab, doch hin und wieder loderte es noch einmal auf, wie aus den Kohlen eines heruntergebrannten Feuers unvermutet eine Flamme züngelt.

Halim war trotz seiner unbequemen Haltung in einen Halbschlaf gesunken. Er schrak auf, weil er spürte, wie etwas über seinen Fuß krabbelte, und beinahe hätte er das vermeintliche Ungeziefer zertreten, doch dann merkte er, es waren Finger – Awas? –, die zu seinen Knöcheln hinaufwanderten und seine Fesseln betasteten. Für die Nacht hatte man den Riemen zwischen seinen Füßen bis auf eine Handbreit gekürzt, um eine Flucht unmöglich zu machen. Er hielt still und betete, der nächste Blitz möge auf sich warten lassen. Allah erhörte ihn. Sobald Halim fühlte, dass seine Beine frei waren, streckte er die Arme nach unten, und im Nu fielen auch die Fesseln von seinen Handgelenken. Er bewegte die tauben Finger, damit das Leben in sie zurückkehrte, und erschrak über das Knacken der Gelenke, das ihm verräterisch laut in den Ohren tönte. Doch niemand schien es gehört zu haben.

Auf der Suche nach etwas, das sich als Waffe gebrauchen ließ, strich er mit den Händen über den Boden, fand einen scharfkantigen Stein und nahm ihn in die Faust. Er war entschlossen, Omorose die Flucht zu ermöglichen, und sollte es ihn das Leben kosten. Dann erleuchtete der nächste Blitz das Höhleninnere, und drei Augenpaare wurden groß. Leer. Sie waren allein.

Der Donner rollte über die Gipfel, Awa richtete sich langsam auf und half ihrer Herrin, sich zu erheben. Ihr vor Kälte und langer Bewegungslosigkeit gefühllos gewordener Körper brachte sich mit Schmerzen und Frostschauern in Erinnerung. Wieder ein Blitz, greller als der vorhergehende, aber auch diesmal sahen sie nur die leere Felsenkammer. Die zwölf Räuber waren spurlos verschwunden. Dem Blitz folgte der Donnerschlag und Awa fragte sich, ob der Berg die Männer verschlungen hatte, die ahnungslos in seinem Rachen lagerten, und nun gemeinsam mit seinem himmlischen Verbündeten über die Toren lachte, die, vor des letzteren Wüten Schutz suchend, vom Regen in die Traufe geraten waren. Sie mussten fort von hier, bevor ihn nach dem nächsten Happen gelüstete.

»Jetzt ist die Gelegenheit.« Awa fand in der Dunkelheit die Hand ihrer Herrin. »Ihr müsst mir folgen, was immer auch geschieht. Wir dürfen nicht stehen bleiben.«

»Wo sind die Männer hin?« Omorose musste sich gegen die Felswand lehnen. Ihre Beine protestierten mit Krämpfen gegen die Zumutungen des langen Marschs vom Vortag. »Und wenn das eine Falle ist?«

»Dann ist es keine gute Falle, denn sie hatten uns schon in ihrer Gewalt. Bitte, Herrin, bevor wir am Ende am eigenen Leib erfahren, was ihnen zugestoßen ist.«

»Aber«, Omorose biss sich auf die Unterlippe, was man im Dunkeln nicht sehen konnte, »ich bin zu … ich kann nicht laufen … ich kann nicht, ich …«

»Ihr könnt.« Awa drückte die zitternde Hand ihrer Herrin. »Du kannst laufen, Omorose.«

Die unerhörte Frechheit, sie zu duzen und mit dem Namen anzusprechen, ließ Omorose für einen Augenblick die Angst vor der stockfinsteren verlassenen Höhle vergessen. »Wie kannst du es wagen …«

»Still jetzt.« Halim glaubte, etwas erspäht zu haben, und entfernte sich von den flüsternden Mädchen. Im Dunkeln stolpernd, bat er um Licht von oben und die Bitte wurde erfüllt, denn drei Blitze schlugen dicht vor dem Höhleneingang ein, dazu heulte der Wind, der Regen peitschte und Halim hob zwei Schwerter vom Boden auf, das Heft des einen fühlte sich klebrig an und warm. Als nächstes fiel ihm auf, dass er in einer Pfütze stand, die lau seine nackten, blasenbedeckten Füße umschmeichelte, und über dem Donner, der seine Sinne erschütterte, hörte er Omorose schreien. Dann sprang ihn aus dem Dunkel etwas an, Fäuste trommelten gegen seinen Oberkörper, beide Schwerter flogen ihm aus den Händen. Halim rutschte an der Höhlenwand hinunter, bei jedem Faustschlag bohrten sich die spitzen Knöchel des Angreifers zwischen die Rippen des Eunuchen. Omoroses Schrei brach ab, ein Keulenhieb in den Bauch raubte Halim den Atem. Der Angreifer bog ihm die Arme auf den Rücken, hob ihn hoch und trug ihn in den Regen hinaus, sein rauer Panzer scheuerte am Rücken des Eunuchen. Genau über der Höhle schlug ein Blitz ein und zeigte Halim für einen Lidschlag ihre neuen Peiniger. Der Schrei, der ihm entfloh, übertönte sowohl Omorose als auch den hohnlachenden Donner.

Awa hatte sie schon gewittert, bevor der erste Blitzstrahl Omorose den Entsetzensschrei entriss. Als sie jetzt im Schein des Himmelsfeuers ihre Gesichter sehen konnte, verstand sie, weshalb ihre Mutter stumm geblieben war, wenn sie sie fragte, woran sie erkennen sollte, ob die Geister, die sie besuchten, die von Toten waren oder gewöhnlichere, natürliche Erscheinungen, wie zum Beispiel die Wassergeister, die dort, wo der Fluss herabstürzte, ihr Gesicht netzten, oder die Sturmgeister, die ihr den heißen Atem entgegenbliesen, lange bevor das Unwetter losbrach. Nun wusste sie es, denn diese Geister befehligten noch ihre alten Gebeine und einige trugen noch ihr verwestes Fleisch, ganz ähnlich wie ihre Herrin die lose an ihr hängenden feuchten Kleider ihrer Diener.

Die Knochenmänner hatten sie gepackt, bevor sie sich rühren konnten. Hochgehoben von den stärksten Armen, die sie je gespürt hatte, beleuchtete ein weiterer Blitz den Totenschädel, der sie beäugte, und Awa schrie, schrie zum ersten Mal, seit sie von Sklavenjägern aus ihrem Dorf verschleppt worden war und sich gelobte, nichts und niemandem ihre Angst zu zeigen. Weder Mensch noch Dämon sollte diese Macht über sie haben, doch als der Himmel die untoten Schreckensgestalten enthüllte, die sie und den ersten Menschen, den sie seit ihrer Kindheit ins Herz geschlossen hatte, den Berg hinaufschleppten, in den Tod, was sonst, schrie sie und hörte nicht auf zu schreien. Die Untoten wechselten sich beim Tragen ab, warfen ihre zappelnde Fracht zwischen sich hin und her, als wären es Säcke voll Spreu.

Halim war vor Grauen halb von Sinnen, seine Zähne klapperten im Takt mit den beinernen Kinnladen der von widernatürlichem Leben erfüllten Gerippe, Omorose aber hatte sich soweit erholt, dass sie zu verstehen glaubte, was geschehen war. Die Räuber hatten sie und Awa und Halim in der Höhle ermordet, und nun befanden sie sich auf dem Weg in die Dschehenna. Die Blitze mussten dann Allah sein, der im nächtlichen Gewimmel der Toten nach ihrer Seele ausschaute. Sie verfluchte Ihn, verfluchte Ihn als schwach und ungerecht gegenüber denen, die Ihn anbeteten, obwohl sie Ihn so, wie man gewöhnlichen Sterblichen wie ihr Sein Wesen und Seine Wege erklärte, nicht verstehen konnte. Hin und her gereicht von Knochenhänden an Armen, umhüllt von weichem, fauligem Fleisch, spie sie in weitem Bogen ihren Mageninhalt hinaus in den Regen; der Geruch des Erbrochenen und ihrer Angst vermischte sich mit dem Grabesmoder der Dämonen.

Hoch über ihnen blinzelten in der Finsternis zwei winzige Lichtpunkte. Das Unwetter mit seinen zuckenden Blitzen war unter ihnen zurückgeblieben, und immer noch ging es höher hinauf. Die Skelette warfen sich gegen den Fels, ihre Knochen zerschellten an den lotrechten Wänden und wurden zu belebten Leitern für ihre fleischlichen Spießgesellen, die behände mit ihren über den Kopf gehaltenen Gefangenen daran hinaufklommen. Dann wieder gelangten sie an tiefe Schluchten; dort kletterten die Knochenmänner einer auf die Schultern des anderen und schlugen so eine Brücke. Nachdem die flinkfüßigen Wiedergänger mit den Gefangenen über den Steg ihrer scharfgratigen Rückenwirbel gehüpft waren, hangelten sie sich wiederum einer am anderen ebenfalls auf die andere Seite. Aus einem Hohlweg gelangten sie hinaus auf ein Plateau und waren geblendet von dem hellen Lichtschein, der aus einer Öffnung im Dunkel der Nacht strömte; einer leuchtenden Tür in eine andere Welt. Bevor einer der drei Zeit hatte, sich nach der wilden Fahrt zu besinnen, wurden sie unter Heulen und Zähneklappern hindurchgeschoben.

III
DER KELCH DES WAHNSINNS