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Vom Regenbogen und dem Fernen Donner

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Steffen Unger

Vom Regenbogen und
dem Fernen Donner

ein Märchen für jugendliche und jung gebliebene Leser

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© 2016 Steffen Unger

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-6975-3
Hardcover: 978-3-7345-6976-0
e-Book: 978-3-7345-6977-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1. Ein königliches Problem

2. Im Dornwald

3. Der Regenbogen

4. Im Gasthaus

5. Tanz in der Aue

6. Am Abgrund

7. Unter Räubern

8. Auf dem See

9. Das Große Kegeln

10 Romelia

11. Die Kunst des Anfeuerns

12. Ferner Donner

13. Flinkas Fingolas

14. Das Saitenspiel

15. Die Schrummdei

16. Sieger und Gewinner

17. Das Tal der Falter

18. Blumenau

19. Nyx

20. Die Audienz

21. Nach Böckensland

22. Am Doppelpass

23. Unverhofft kommt Oft

24. Die Bruderschaft

25. Das Laby - Rind

26. Im Winterwald

27. Niederlande

28. Abwärts

29. Geist - Reich

30. Der Königsstuhl

31. Im Aufwind

32. Das Gesetz

33. In Hinterwald

34. Liederliches zur Nacht

35. Gra Dhin

36. Zur Burg Gerad

37. Lineares

38. Oft hilft Fliehen

39. ...rstein

40. Der wilde Ritt

41. Ferner Donner

42. Übung macht den Meister

43. Der Urknall

44. Trockenau

45. Auenspiele

46. Zum Fluss

47. Das Floß

48. Laurel Aye

49. Bannsang

50. Katarakt

51. Luftfahrt

52. Auf dem Holzweg

53. Der Mikrowurm

54. Narreteien in Par - Isse

55. Vous êtes reconnu!*

56. Eklat

57. Am Kartenrand

58. Das Ende des Regenbogens

59. In der Aue

60. Der Dreh

1. Ein königliches Problem

Hoch über dem mächtigen schindelgedeckten Dach des Schlosses kreiste ein Falke. Das riesige Eichentor erzitterte, bebte und schwang endlich mit laut hallendem Knarren auf. Iarwain Olofsson, der Prinz von Dragonia, schritt hindurch. - Nun, zumindest beabsichtigte er das. Die ersten beiden Stufen der steinernen Treppe, die in den Schlosshof hinunterführte, überwand er voller Anmut, bevor ihm das Langschwert in die Quere kam …

Die Waffe erwies sich als ausgesprochen nützlich, wollte man sich - und die leicht verbeulte Rüstung 1 – am Fuße der Stufen wieder aufrichten. Es gelang dem jungen Recken im dritten Anlauf und er wandte sich den Stallungen zu, in denen auch Griseldis, das prinzliche Schlachtross, seine Unterkunft hatte. Das Tier kannte bereits das rhythmische Scheppern seines Herrn und wieherte freudig.

„Reiten“, hatte König Olof der Begabte, Herrscher über ganz Dragonia, anzumerken geruht, „liegt uns seit Jahrhunderten im Blute.“ Dann hatte er seinen einzigen Sohn und Erben stolz an der schier endlosen Reihe großartiger Reitergemälde entlang geführt, die auch gleichzeitig die Ahnengalerie bildete. Nicht nur Pferde wurden hier heldenhaft besessen.

Die ältesten der Kunstwerke zeigten die Urahnen der Familie beim Ausritt auf dem Rücken der seit Jahrtausenden ausgestorbenen Riesenwürmer 2 . Ja, Prinz Iarwain war Spross eines Stammes gewaltiger Krieger - und Kriegerinnen, wie sein Lehrmeister, der weise Eukalyptus von Dahinaus, nicht müde wurde, zu betonen.

Allerdings gab es hier ein Problem, das den Majestäten und allen Ratgebern Kopfzerbrechen bereitete. Der Prinz, geschickt zu allem friedlichen und künstlerischen Tun, versagte vollständig, verlangte man von ihm, sich des Kriegshandwerkes zu befleißigen.

„Reiten“, hatte Vater Olof seine Rede fortgesetzt, „ist eine reine Sache des Gefühls. Jeder kann das.“

Iarwain konnte zumindest den ersten Teil der Aussage bestätigen. Bereits seit der vergangenen Woche bestimmte das Reiten einen Großteil seines Gefühlslebens. Mit Tapferkeit ertrug er die Prellungen und sein wund gescheuertes Gesäß veranlasste nur ein gelegentliches kurzes Zucken des rechten Augenlids.

An diesem Tage nun würde er die Anfangslektionen mit dem einhändigen Führen des Rosses, bei gleichzeitigem Schwingen des – bereits erwähnten – Langschwertes, abschließen. Er betrat den Stall, von Griseldis mit leisem Schnauben und ermunterndem Aufstampfen der Hufe begrüßt. „Heute gilt es, meine Liebe“, sprach der Prinz und sattelte sein treues und ausgesprochen sanftmütiges Reittier.

Zwei Stunden und ein Dutzend Stürze später war klar, dass die höheren Ritterkünste wohl noch für eine Weile Zukunftsmusik bleiben würden. Zwei Stallburschen eilten herbei und schälten den königlichen Spross aus der nun doch arg deformierten Rüstung. Dann machten sie sich auf die Suche nach dem Schwert.

Angelockt von dem Lärm trat nun Königin Adelia aus dem Schloss, dicht auf gefolgt von Eukalyptus, dem Tutor des Königssohnes. Sie entsprach in allen Belangen dem Bild heroischen Herrscherinnentums. Jetzt aber tupfte sie mit einem Spitzentuch die unaufhörlich rinnenden Tränen von Auge und Wangen und jammerte:

„Was soll nur werden? Was sollen wir nur tun? In einem Monat findet das große Turnier statt und wir haben keinen Kandidaten!“

König Olof strich nachdenklich über seinen langen Bart und schwieg.

„Nun sag doch etwas! Schließlich hast Du eine Verantwortung für Land und Stammhalter!“

„Hmmmmmm, hmmmmmmm“, brummelte der so Gescholtene, trat zu seinen Ratgebern, die sich inzwischen am Treppenabsatz versammelt hatten und forderte: „Denkt euch etwas aus, meine Berater! Schon beginnen die Ritter der angrenzenden Reiche, Witze über meinen Thronfolger zu reißen. Findet eine Lösung! Schnell!“

Quark Neutronius, der älteste und erfahrenste der Weisen, murmelte: „Wie wäre es, den Prinzen auf Reisen zu schicken? Incognito, versteht sich ... Nur, bis die Kampfspiele vorbei sind.“

Schweigen verbreitete sich, nur kurz unterbrochen durch den Freudenruf eines der Diener, der das Schwert des Prinzen in einem Baum des nahe gelegenen Parkes entdeckt hatte 3.

Nach einer ewig langen Minute hellte sich die Miene der Königin auf.

„Das ist vielleicht gar keine so üble Idee“, grübelte sie, „Wir verlassen uns einfach auf die funktionierenden Eigenschaften“.

Während der Prinz also seinem malträtierten Körper mittels eines Kräuterbades und heilender Essenzen zu Leibe rückte, zogen sich ihre Majestäten nebst Beraterstab zur Planung der Ehren-Rettungsaktion zurück.

„Ein Mönch“, sagte Adelia, mehr zu sich selbst, denn als ernsten Vorschlag, „Das Zölibat wird ihn vor den Weibern bewahren.“

König Olof, der für seinen Sohn schon allen Spaß im Schwinden wähnte, widersprach:

„Kleriker fallen aber oftmals Räubergesindel zum Opfer, meine Liebe. Und du weißt, wie naiv und friedfertig er ist. Auch müssten wir einen der Götter wählen, dessen Herold er sein sollte.“

Dieser Einwand war bedenkenswert. Dragonia besaß eine Vielzahl von Haupt- und Nebengöttern, halbgöttlichen Entitäten und Dämonen. Es konnte fatale Folgen haben, einen – womöglich noch unbedeutenderen – zu bevorzugen.

„Denk nur einmal an Gundbert den Geschmolzenen 4“, beeilte sich der König, seiner Meinung noch etwas Nachdruck zu verleihen.

„Ein Landmann?“, ließ sich Eukalyptus vernehmen, „Davon gibt es jede Menge und er würde leicht unerkannt bleiben“.

Die Königin fuhr in die Höhe.

„Will er uns verhöhnen? Stellt er den einzigen Sohn seines Königs einem Bauerntölpel gleich?“

Der Tutor zuckte zusammen. Hatte sein vorlautes Mundwerk ihm doch wieder einen Streich gespielt.

„Aber, aber...“, stammelte er.

„Hinaus!“, zürnte ihre Majestät, „Und Marsch Marsch, zu Knochenbrecher 5.“

Nicht nur Götter waren gefährlich, wie ganz oder teilweise abhanden gekommene Körperteile in den Reihen der Weisen bezeugten.

Ein erwartungsvoller Blick seiner Gattin veranlasste Olof zur Festlegung des Strafmaßes.

„Nein“, entschied die Regentin, „er wird zur blinden Belinda gehen. Vier Wochen als Gimpel sollten genügen.“ „Oh, Tausend Dank für Eurer Majestät Milde!“, wiederholte der alte Lehrer, während er rückwärts zur Tür kroch, um die Zauberin in ihrer Waldhütte aufzusuchen.

Nun stockte die Beratung. Keiner der anderen Weisen wagte, sich auch nur zu räuspern. Schließlich wurde es dem König zu viel und er rief:

„Nun gut, wenn es euch denn an Ideen derart mangelt, lasst uns hören, was Iarwain zu sagen hat. Man rufe ihn sogleich.“

Wie auf Kommando schwang die große Tür des Thronsaales auf und Iarwain betrat den weiten Raum, duftend, wie eine Frühlingswiese, das rotblonde Haar über die breiten Schultern wallend. Jester, der Hofnarr und Kindheitsfreund des Prinzen folgte hoppelnd und purzelnd auf dem Fuße.

Er vollführte eine unbeholfene Verbeugung vor dem Regentenpaar und keckerte:

Onkel, Tantchen, Dummerle ist hier.

Nehmt den Gruß und dies von mir.

Damit bumperte er dem König die Schweinsblase gegen die Stirn. Die Königin wischte das Kasperutensil ungeduldig beiseite, bevor auch ihre Stirn berührt werden konnte.

So kommt doch, bitt ich“, fuhr der Spaßmacher fort, entfaltet eure Stirn!

Sonst altert Ihr rapide“ - mit einer ungeschickten Pirouette riss der Clown einen Staubwedel aus der Hose und betupfte damit das Haupt des weisen Neutronius, was diesen in eine graue Wolke hüllte und zum Niesen brachte.

... außen – und am Hirn...

„Genug Firlefanz!“, unterbrach Adelia, „Setze er sich in die Ecke und schweige!“

Jester verbeugte sich neckisch bis zum Boden und wirbelte dann Rad schlagend davon. Er ließ sich in einer Ecke des Thronsaales nieder und erstarrte, als sei er eine Statue, die irgendwer mit buntem Klimperkram behängt hatte.

Iarwain trat an das Podest heran und verbeugte sich ehrerbietig.

„Ihr habt mich rufen lassen, Eure Majestäten?“, hob er an.

„Jawohl, das haben wir“, schnitt ihm seine Mutter das Wort ab. „Lassen wir das Protokoll beiseite, die Angelegenheit ist auch so schon kompliziert genug.“

König Olof holte tief Luft und erklärte:

„Wie wir alle wissen, ist es um deine Fähigkeiten zum Kriegshandwerk sehr ...“, er räusperte sich, „schlecht bestellt. Deshalb haben wir überlegt, wie wir dich aus dem großen Turnier“, das Weitersprechen fiel ihm sichtlich schwer, „... heraus halten können.“

„Schließlich bist du der Thronfolger und als solcher musst du dem Hochzeitsmarkt unbeeinträchtigt zur Verfügung stehen“, fiel Adelia ein.

„Ähm, …, ja. Genau“ nickte Olof. Adelia übernahm:

„Wir haben also beschlossen, dich sofort auf eine Reise zu schicken. Unerkannt, sozusagen. Allerdings ist uns noch nicht klar, wie wir dich verkleiden sollen. Deshalb sollst du selbst entscheiden, in welcher Rolle du die Welt bereisen wirst.“

Iarwain lächelte. Das versprach ja, ein nettes Abenteuer zu werden.

„Wenn ihr mir die Wahl lasst, liebe Mutter, dann möchte ich gern ein Spielmann sein. Ich könnte gemeinsam mit Jester reisen. Er hat mir bereits verschiedene kleine Kunststückchen beigebracht. Auch beherrsche ich Lautenspiel und Gesang recht wohl.“

„Gute Idee.“ König Olof grinste. Er malte sich schon die Freuden aus, die den vermeintlichen Spielmann auf seiner Reise erwarten würden.

„Nun gut“, erwiderte die Königin, „Ich gebe zu, dass dieser Vorschlag naheliegend erscheint. Dennoch ermahne ich dich, zu bedenken, dass ein Verbrüdern mit dem Pöbel außer Frage steht! Es gibt genügend Damen von angemessenem Stande, mit denen du deine Zeit verbringen kannst.“

Im Eck hörte man ein leises Klimpern. Der Hofnarr hieb sich die Schweinsblase gegen die Stirn und keckerte vor sich hin. 6

„Lasse er diese Kicherei!“, rief Adelia.

Einen Moment lang herrschte Schweigen im Saal. Dann hob Neutronius zaghaft die Hand.

„Was ist?“, fragte Olof.

„Eure Majestäten, die Idee ist geradezu grandios. Bedenkt nur, dass der Prinz, reist er als Spielmann, nicht in die Gefahr kommt, zu kämpfen. Ist diesen Leuten doch das Tragen von Waffen verboten.“

„Stimmt.“ Adelia nickte versonnen. Iarwain erhob seine Stimme:

„Ich könnte nach Nebelwald reisen. Das ist weit genug entfernt und man durchquert auf dem Wege dahin die meisten anderen Königreiche. So könnte ich obendrein noch wertvolle Informationen über das Leben dort sammeln.“

Das Königspaar bedachte sich eine Weile. Dann verkündete die Königin:

„So sei es. Du wirst dich gleich morgen aufmachen. Auch soll Jester mit dir reisen. Die Ratgeber sollen eure Ausstattung planen.“

„Dann ist es beschlossen“, bestätigte auch König Olof.

Der nächste Morgen verging mit den Vorbereitungen zu Iarwains Abreise. Viele Dinge mussten bedacht werden, bevor der Pöbeltest 7 durchgeführt werden konnte.

Iarwain, im Leinenrock, mit umgeschnallter Laute, lief zu den Stallungen. Freundlich grüßte er den Knecht, der dort mistete:

„Hallo, guter Mann! Kannst du mir sagen, wann der herrschaftliche Sommerball stattfinden soll?“

Der Knecht blickte ihn kurz an und meinte:

„Da bist du hier falsch. Die haben momentan andere Sorgen. In ein paar Wochen beginnen die Turniere und der Prinz kann noch nicht einmal vernünftig reiten.“

„Muss man denn an den Turnieren teilnehmen?“, erkundigte sich der vermeintliche Spielmann.

„Wenn man Spross eines alten Kriegergeschlechtes ist, dann ja. Schade für den Prinzen, denn der ist viel zu nett für einen Haudrauf.“

Damit wandte sich der Knecht ab und begab sich wieder in den Stall.

Olof setzte zufrieden das Fernglas ab. Der Bursche hatte offenbar den Prinzen nicht erkannt. Das ließ hoffen … Er ging, Adelia den Erfolg zu verkünden.

Nun verging keine Stunde mehr, ehe die beiden Reisenden aufbrachen. Das Königspaar stand am Boteneingang und winkte ihnen nach, bis sie hinter der großen Wegbiegung am Eichenwald verschwunden waren.

„Wenn das mal gut geht“, schnaufte Olof und Adelia wischte sich verstohlen eine Träne ab.

2. Im Dornwald

Am Himmel zeigte sich keine einzige Wolke. Die Sonne lachte auf die beiden Wanderer herab, die wohlgemut auf dem staubigen Weg dahin marschierten. Felder, Wiesen, kleine Seen tauchten auf und verschwanden in der Ferne.

Plötzlich hielt Jester inne. „Sieh doch diesen Felsen!“ Iarwain sah sich um. Tatsächlich! Der mit Moos bewachsene Stein am Wegesrand glich einem fahrenden Händler. Sie traten näher.

„Wer mag diese Figur hier aufgestellt haben?“, rätselte Iarwain.

„Keine Ahnung, Onkelchen!“ Der Hofnarr verfiel vor Aufregung wieder in den Clownston, der bei Hofe von ihm erwartet wurde.

Die Steinfigur war unglaublich fein gearbeitet. Iarwain bestaunte die Bänder, die an der Seite des Tragegestells befestigt waren. Sogar die Muster und die Struktur des Stoffes hatte der Künstler abgebildet.

Sie beschlossen im Schatten des Steines zu rasten. Jester nahm aus seiner Tasche ein wenig Dörrfleisch und Brot. Iarwain legte den Wasserschlauch ab. So teilten sie ein fröhliches Mahl. Als sie satt waren, brachen sie auf und wanderten einem riesigen Wald entgegen.

Plötzlich zwitscherte etwas über ihren Köpfen und als sie sich umsahen, wurden sie eines Gimpels gewahr, der aufgeregt über ihnen kreiste.

Iarwain sah genauer hin und erkannte, dass der Vogel eine winzige Brille auf seinem Schnabel trug.

„Eukalyptus!“, rief er und streckte seine Hand aus, um dem Tierchen eine Landefläche zu bieten.

Der kleine Gimpel ließ sich auch sofort darauf nieder und plusterte sein Gefieder auf.

„Eure Hoheit“, piepste er dann, „wohin geht ihr?“

„Nun, wir werden zuerst einmal diesen Wald durchqueren. Anschließend werden wir uns eine Herberge suchen, in der wir die Nacht verbringen können. Aber sagt, was habt ihr denn wieder angestellt, dass ihr bei Belinda vorsprechen musstet?“

„Ach“, jammerte der gefiederte Berater, „ich war so vermessen, für eure Verkleidung die eines Landmannes vorzuschlagen.“

Iarwain runzelte die Stirn.

„Und dafür wurdet ihr bestraft. Nun aber“, er deutete auf die Laute, die er auf dem Rücken trug, „ziehe ich als Spielmann umher, der noch nicht einmal ein Heim hat.“

„Sorgt euch nicht, mein Prinz!“, fiel ihm Eukalyptus ins Wort. "Ihr seid ein guter Mensch. Euch wird kein Leid widerfahren. Und ich werde sehen, ob ich euch nicht dienlich sein kann, zumindest, solange ich des Fliegens mächtig bin. Vielleicht war es ja eine glückliche Fügung, dass ich gerade jetzt diese Bestrafung erhielt. Obendrein ist Belinda ein kleiner Fehler unterlaufen. Sie musste niesen, als sie die Beschwörung aussprach. So muss ich nun, statt der von der Königin geforderten vier Wochen, vier Monate lang Gimpel sein.“

„Wenn es euch nichts ausmacht, dann werde ich im nächsten Ort einen kleinen Käfig erwerben, in dem ihr euch ausruhen könnt“, versprach Iarwain.

„Vielen Dank, eure Hoheit!“, piepte Eukalyptus und versuchte, sich elegant in die Lüfte zu erheben. Das gelang nur bedingt erfolgreich, denn die Anstrengung des Starts aktivierte auch Teile des Verdauungstraktes.

„Vorsicht, Eukalytus!“

Iarwain riss ein Grasbüschel aus und reinigte sein Handgelenk.

Eine Flut von Entschuldigungen rieselte aus der Luft auf den prinzlichen Spielmann herab.

„Seht euch beim nächsten Mal bitte etwas vor!“, forderte der.

Der kleine Vogel ließ sich auf Jesters Schulter nieder und plusterte sich auf. Nun wanderten sie zu dritt.

Immer näher kamen sie dem Wald, dessen Bäume sich wie eine drohende Wand vor ihnen erhoben.

„Das ist der Dornwald“, zwitscherte Eukalyptus, „Hütet euch, den Pfad zu verlassen, denn hier leben seltsame und gefährliche Wesen!“

„Danke für die Warnung“, erwiderte der Prinz, „Wir werden es versuchen.“

Mit diesen Worten betraten sie das Halbdunkel des Forsts. Die Baumkronen waren so dicht ineinander gewachsen, dass auf dem schmalen Pfad eine Dämmerung herrschte, gerade so, als wolle die Nacht hereinbrechen. Farne und Dornenranken versperrten ihnen den Weg. Iarwain und Jester zückten ihre Fahrtenmesser und schnitten sich Bahn.

Aber je weiter sie in den Wald eindrangen, um so struppiger und widerspenstiger wurde der Bewuchs. Immer langsamer und beschwerlicher wurde das Vorankommen. Ringsumher hörte man Knacken, Schnaufen, Grunzen, dass einen das Gruseln ankommen konnte.

Urplötzlich gabelte sich der Weg. Am Rande stand ein vermoderter Pfahl, der wohl früher einmal einen Wegweiser getragen hatte. Ratlos hielt der Prinz an.

„Was sollen wir tun?“, fragte er.

Eukalyptus hob das Köpfchen, das er bisher unter dem Flügel versteckt gehabt hatte.

„Lasst uns den Weg wählen, der weniger bewachsen ist. Wir müssen bis zur Nacht eine Herberge gefunden haben, sonst sind wir leichte Beute für die Waldbewohner.“

Erst jetzt bemerkten sie, dass sich draußen wohl der Tag langsam neigte, denn es war inzwischen noch finsterer geworden. Schon begannen die Baumstämme zu einem Wall zu verschmelzen.

„Gut. Wir werden also den linken Weg wählen, denn der ist freier“, entschied Iarwain.

Wieder hauten und schnitten die beiden Menschen drauflos und kamen auch wirklich schneller voran, als bisher.

„Da!“, piepste Eukalyptus.

Iarwain und Jester hielten überrascht inne.

„Da vorn ist ein Licht.“

Jetzt sahen es die beiden auch. In der Ferne schimmerte ein Lichtschein.

Das beflügelte die Wanderer. Mit größter Kraft und Zähigkeit arbeiteten sie sich vorwärts, ab und an innehaltend, um nach dem Licht zu schauen.

Endlich standen sie vor der kleinen Hütte, deren erleuchtetes Fenster sie angelockt hatte.

Iarwain und Jester glätteten ihre Kleidung und wischten sich Schweiß und Schmutz von den Gesichtern – so gut es eben ging.

Dann trat der Prinz an die niedrige Tür und klopfte an. Einen Augenblick lang hörte man nichts, dann klapperten Holzschuhe auf fest gestampftem Lehmboden. Mit einem lauten Knarren öffnete sich die Tür und ein Kopf schob sich hervor.

Prinz Iarwain hielt die Luft an und Jester setzte sich mit einem kräftigen *PMPF* auf den Allerwertesten. Durch den Türspalt schaute das hübscheste Mädchen, das man je gesehen hatte. Feuerrotes Haar umlohte ein fein geschnittenes Antlitz, in dem zwei smaragdgrüne Augen leuchteten.

„Wewe... rr sassa ...“, hob das Mädchen an.

Hinter Iarwain ertönte ein dumpfes *POFF*.

Er wandte sich um. Jester war verschwunden. An seiner Stelle saß auf dem feuchten Waldboden ein dicker Frosch.

„Quuuaaaak!“, ließ das Tier sich vernehmen, „Waaas Sooll deenn daaaas?“.

„MIST, Mist, Mist, ...“, jammerte die Schöne. Tränen kullerten ihr über die Wangen.

Iarwain stand wie versteinert. Der Gimpel Eukalyptus hatte sich offenbar gerade noch in Sicherheit bringen können, bevor der Zauber einschlug. Er flatterte wild umher und zwitscherte:

„Au Backe! Au Backe! Das ist Erin!“

Endlich hatte sich auch der Prinz wieder im Griff und sprach die schluchzende Fremde an:

„Was ist geschehen, holde Frau? Wer seid ihr? Warum weint ihr so herzzerreißend?“

Die Angesprochene riss die Tür auf und warf sich Iarwain an die Brust.

„Vergebt mir, bitte, vergebt mir...“, stammelte sie unaufhörlich.

Der überraschte Prinz strich dem Mädchen beruhigend über den Kopf.

„Nun nun... Seid unbesorgt. Wir wollen euch nichts Böses. Was in aller Welt ist denn geschehen?“

Langsam ebbte das Schluchzen ab und verstummte schließlich ganz. Die junge Frau hob ihren Kopf und schaute Iarwain ins Gesicht.

„Das passiert mir immer wieder. Es ist wie ein Fluch.“

Dann löste sie sich aus seinen Armen und trat ins Haus. Sie wandte sich um und bat:

„Tretet ein. Ich werde euch drinnen alles berichten.“

Iarwain hob vorsichtig den Hofnarren und dessen Gepäck auf. Dann folgte er dem Mädchen.

Eukalyptus flatterte noch immer im Kreise und piepste: „Das ist Erin, Erin, ...“

Erst im letzten Augenblick witschte er durch den Spalt der sich schließenden Tür hinein.

Er ließ sich auf einem Bord an der Wand nieder, wo er aufgeregt hin und her hüpfte und vor sich hin pfiff.

Inzwischen hatte sich die Gastgeberin offenbar wieder beruhigt. Sie bot Iarwain einen Platz an dem großen Eichentisch an und setzte Jester auf einem weichen Kissen ab.

Iarwain konnte nur mit Mühe seinen Blick von der schlanken Gestalt mit dem lieblichen Gesicht losreißen. Er schaute sich in der Hütte um. Es gab nur den einen Raum, in dem sie sich befanden.

Unter dem Dach hing ein hölzernes Gestell, an dem massenweise Kräuter und Pflanzen baumelten.

In der Ecke neben der Feuerstelle gab es verschieden Kessel. Gläser und Flaschen standen auf Brettern, die rings um den Raum an den Wänden angebracht waren. Die Luft war mit exotischen Gerüchen gefüllt, die - beinahe sichtbar - umher schwadeten.

„Euer Vogel hat Recht“, sagte die junge Frau, während sie Kräuter in das Wasser gab, das in einem kleinen Kesselchen über dem Feuer brodelte.

„Mein Name ist Erin – und ich bin eine Hexe.

Allerdings habe ich ein großes Problem. Wenn ich aufgeregt oder zornig bin, beginne ich zu stottern. Und was dann herauskommt, sind verdrehte Zaubersprüche. Ihr habt das ja eben erlebt.“

Iarwain blinzelte ungläubig.

„Das 'wewe' Dingsbums hat also Jester zum Frosch gemacht?“

„Ja“, nickte Erin, „das wollte ich natürlich nicht. Ich versuche seit Jahren, besonders langsam und deutlich zu sprechen, wenn ich aufgeregt bin – oder zumindest die entstehenden Zauber unter Kontrolle zu bringen. Aber bisher war ich nicht sehr erfolgreich.

Möglicherweise seid ihr auf eurem Wege an Feinband, dem fahrenden Händler vorbeigekommen. Den habe ich versteinert. Ich war so aufgeregt, wegen der herrlichen Bänder, die er mir gezeigt hat, dass ich zu stottern begann. Tja, seitdem steht er nun dort...“

Sie verstummte, schien zu grübeln.

„Kann man denn da gar nichts machen?“, fragte Iarwain, „Ich meine, Jester kann doch unmöglich den Rest seines Daseins als Frosch verbringen.“

„Man kann schon“, ließ sich Eukalyptus vom Bord her vernehmen. „Entweder Erin kriegt ihr Stottern so in den Griff, dass vernünftige Sprüche herauskommen oder wir finden einfach eine andere Hexe, die den Zauber aufheben kann.“

„Stimmt“, pflichtete Erin bei.

„Quaaak, quack“, bestätigte auch Jester.

„Am besten wäre es natürlich, wenn ich das Zaubern hinbekäme“, meinte Erin, „dann wäre ich keine Gefahr mehr und könnte vielleicht unter die Menschen zurückkehren. Ich lebe nur wegen dieser dummen Zauberei allein hier.“

Eukalyptus zwitscherte:

„Ja. Das wäre großartig. Die zweite Variante ist nämlich nicht ungefährlich. Die einzige andere Hexe, die ich kenne, ist Melina. Doch der würde ich Jester nur sehr ungern anvertrauen.“

Damit verstummte er und ließ sich nicht zu weiteren Erklärungen bewegen.

Erin erhob sich und servierte dem Prinzen einen wohlschmeckenden Tee, sowie ein Stück harten, aber leckeren Brotes, bestrichen mit einer duftenden Kräuterpaste.

Auch die beiden Tierchen erhielten ihr Futter. Eukalyptus pickte ein paar Samenkörner, während Jester, unglücklich vor sich hin grummelnd, einige Fliegen verschlang.

Inzwischen war die Nacht fortgeschritten. Alle begaben sich zur Ruhe. Iarwain hüllte sich in seine Reisedecke und Erin legte sich in das Eichenbett, das in der rückwärtigen Ecke des Raumes hinter einem Vorhang stand.

Bald herrschte Ruhe in der Hexenhütte, nur gelegentlich von einem „Quawk“ Jesters oder einem „Fiiep“ des Gimpels Eukalyptus unterbrochen.

3. Der Regenbogen

Am nächsten Morgen wurden die Reisenden vom Prasseln des Regens geweckt, der sich wie ein Vorhang aus stürzenden Wassermassen um die Hütte schloss.

„Uuiiiii!“, quietschte Erin. Ein riesiger Tropfen war ihr genau auf die Nasenspitze geplatscht.

Sie richtete sich auf und schaute nach oben. Ein zweiter Tropfen landete auf ihrer Stirn, zerstob mit einem leisen 'Plopp'.

Mit einem einzigen Satz fuhr die Hexe aus dem Bett und versuchte, es zur Seite zu schieben.

Ihr Ächzen und Stöhnen rief Iarwain herbei, der vor dem Vorhang stehen blieb und fragte:

„Was ist los? Kann ich Euch helfen?“

„Das Dach ist undicht“, presste Erin zwischen den Zähnen hervor, „Wir müssen das Bett wegräumen, damit ich einen Kessel unterstellen kann.“

Der Prinz schob den Vorhang beiseite und stemmte sich ebenfalls gegen das Bett. Es knarrte laut, als sich die Schlafstatt bewegte.

Endlich hatten sie es geschafft und Iarwain schlurfte der Ecke zu, wo er einen mittleren Kessel ergriff und mit einiger Anstrengung unter die Stelle bugsierte, von der es mittlerweile ziemlich heftig tropfte.

„Hoffentlich werden nicht noch andere Stellen undicht“, sagte Erin und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Jetzt wollen wir aber erst einmal frühstücken“, setzte sie fort.

Iarwain ging der jungen Frau zur Hand. Schon nach wenigen Minuten saßen sie gemeinsam am Eichentisch und ließen sich Brot und Tee schmecken. Auch frische Frühstückseier fehlten nicht.

Jester, der wieder Fliegen serviert bekommen hatte, quakte unglücklich vor sich hin:

„Quaaack, waas gäbe iich füüür ein schöööönes Ei.“

Vom Wandbord her antwortete Eukalyptus:

„Bester Jester, hadert nicht länger. Für euch gibt es wenigstens allerorten Speise. Und wer weiß, ob sich nicht noch der Geschmack am Fliegenbeine findet?“

Das war freilich ein Schwacher Trost. Dennoch sank Jesters Quaken zu einem gelegentlichen „Quack“.

„Hört doch“, ließ sich Erin vernehmen, „Mir scheint es, als ließe der Regen nach.“

Tatsächlich konnte man nur noch gelegentlich einen Tropfen in den Kessel platschen hören. Und auch deren Größe nahm ab.

Mit verhaltenem Atem lauschten alle dem abebbenden Rauschen, bis mit einem leisen 'Blubb' der letzte Tropfen im Kessel landete.

Erin erhob sich und lief zum Fenster. Durch die dichten Baumkronen fielen schräg einige Sonnenstrahlen auf den dampfenden Waldboden. Sie ließen den aufsteigenden Dunst in allen Farben leuchten.

Nach dem Abwaschen setzten die Vier sich zusammen und berieten, wie sie weiter vorgehen wollten. Erin schlug vor:

„Wir könnten nach Oberdorf gehen, wo wir uns mit neuem Proviant versorgen können.“

„Quaaack!“, mischte sich Jester ein, „Oh toll! Für mich bitte einen Beutel getrockneter Mücken und geröstete Libellenflügel!“

Er sprang auf Erins Schoß, von wo er Iarwain herausfordernde Blicke zu warf. Der musste laut lachen, so grotesk wirkte das Gebaren des tierischen Narren.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, erkundigte sich die Hexe.

„Aber nein!“, beeilte sich der Spielmannsprinz zu beteuern. „Es waren nur Jesters Grimassen, die mich belustigten.“

„Männer!“, seufzte Erin und setzte den Frosch wieder auf sein Kissen zurück.

Eukalyptus hatte inzwischen seine Morgentoilette beendet und beschlossen, sich an der Beratung zu beteiligen.

„Gibt es bereits einen Plan, wie wir Jester wieder zurückverwandeln?“

„Nein“, gab Iarwain zu. Er schaute erwartungsvoll zu Erin hinüber.

„Ich möchte gern meine Zauberei kontrollieren lernen. Doch weiß ich nicht, wie lange ich dazu brauchen werde. Deshalb schlage ich vor, nach dem Besuch des Dorfes die Hexe aufzusuchen, von der Eukalyptus gestern gesprochen hat.“

„Wohlan!“ Iarwain erhob sich voller Tatendrang und begann, ihre Habseligkeiten zu packen.

Der Abschied von ihrer Waldbehausung fiel Erin sichtlich schwer. Sie schloss die Tür ab und legte den Schlüssel unter einen Eckstein, der sich aus der Grundmauer entfernen ließ.

Dann wandte sie sich Iarwain zu und sagte:

„Nan...a gu-ut, gegege...“

*WUSCH* Iarwains langes Haar plusterte sich auf, wie eine Löwenmähne. Doch damit nicht genug, überall auf der Kugelfrisur zeigten sich die Farben des Regenbogens.

„OH NEIN!“ Erin schlug sich die Hand vor den Mund.

Diesmal war Eukalyptus der erste, der sich wieder fing. Er schwang sich in die Luft und landete auf der weichen, bunten Matte.

„Aaah“, seufzte er zufrieden, „damit wäre die Frage des Ruheplatzes für mich wohl geklärt.“

„Quaaackquaackquacka quaack!“ Jester wollte sich ausschütten, vor Lachen. „Das ist ja genial, Iarwain, der Regenbogen. Damit werden wir berühmt. Quaaack, quaaack, quack!“

Der Prinz drehte seinen Kopf hin und her.

„Fühlt sich eigenartig an. Aber sicher hat Jester Recht. Das soll uns den Bauch wohl füllen.“

Erin atmete erleichtert auf.

„Ihr nehmt es mir nicht krumm?“

„Ach was“, erwiderte Iarwain, „Auf Abenteuerfahrt sind wir gezogen, also wollen wir nicht klagen, wenn sie uns auch begegnen.“

Damit hob er den grünen Narren auf und platzierte ihn auf Erins Bündel.

„Bitte achtet der Hygiene, werter Eukalyptus!“, ermahnte er den Gimpel, „Diese Pracht ist nicht leicht zu reinigen“.

„Keine Sorge“, klang es aus dem Wollball, „Bin ich doch kein Nestbeschmutzer.“

Dann zogen sie los.

Sie schritten kräftig aus, auf dem Wege, der seltsamerweise fast völlig frei von Ranken und Gesträuch war. Beinahe schien es, als wolle sie der Wald hinaus treiben, denn als sich Iarwain einmal umsah, war hinter ihnen kein Pfad mehr auszumachen. Schwarz und drohend erhob sich eine dichte Mauer aus Gewächsen.

Endlich lichtete sich der Wald. Sie beschleunigten ihre Schritte und hatten eine halbe Stunde später den Rand des Gehölzes erreicht. Die Sonne strahlte hell und Eukalyptus schwang sich jubilierend auf, um die Umgebung zu erkunden.

Jester schlug vor, noch im letzten Waldschatten zu rasten, bevor sie den Weg über sonnenheiße Wiesen fortsetzen würden, die sich vor ihnen erstreckten.

4. Im Gasthaus

Die Gefährten marschierten munter drauf los. Doch die Zeit verrann zäh wie Rübensirup und die Sonne brannte erbarmungslos auf jedes Fleckchen ungeschützter Haut. Anfangs unterhielten sich die Gefährten noch angeregt, später wurde der Gesprächsfluss träge und nach drei Stunden hatte sich Schweigen breitgemacht, nur gelegentlich von einem Ächzen Erins oder einem „Quaack“ von Jester unterbrochen.

Der Mittag nahte, als sich in der Ferne die ersten Gärten, Gehöfte und Ställezeigten. Der Weg schlängelte sich zwischen Feldern hindurch. Später tauchten auch Menschen auf; anfangs vereinzelt, später in Gruppen, die auf den Feldern arbeiteten. Manche von ihnen schauten kurz auf, als die Wanderer vorbeizogen. Einige nickten zum Gruß, und gelegentlich winkte einer kurz. Ein paar Kinder lachten ihnen zu und deuteten belustigt auf den bunthaarigen Iarwain.

Am Eingang des Dorfes stand ein halb verwittertes Schild. „Beaga ceann tuí“, las Iarwain, „Klein Reetdach“.

„Ein sehr treffender Name“, fand Erin, als sie sich weiter in den Ort hinein begaben. Im Zentrum gab es einen Brunnen, um den sich die wichtigsten Gebäude gruppierten; eine Bäckerei, der kleine Schuhmacherladen, eine Apotheke und natürlich das Gasthaus „Zum alten Troll“, dem die Wanderer sogleich zu strebten.

Die Gaststube war geräumiger, als man es von außen hätte vermuten können. Jetzt, am Tage, saßen keine Gäste im Schankraum, selbst der Wirt war nirgendwo zu sehen.

Erin ließ sich mit einem Seufzen auf einen der Stühle fallen und entledigte sich ihrer festen Wanderschuhe, die sie mit einem Schwung unter den Tisch beförderte. Jester, der den letzten Teil der Reise auf ihrer Schulter verbracht hatte, sprang auf den runden Tisch, an dem nun auch Iarwain Platz nahm.

Nur der Gimpel Eukalyptus war draußen geblieben, um noch ein wenig die Umgebung zu erkunden.

„Guten Tag, die Herrschaften“, ertönte es plötzlich neben Iarwains Ohr.

Er wandte sich um, konnte aber niemanden erblicken. „Müht Euch nicht, ihr könnt mich nicht entdecken“, tönte die Stimme, "Ich wurde verhext".

„Von wem?“, fragte Iarwain. „Warum?“, ließ sich gleichzeitig Erin vernehmen.

„Oh, das ist eine lange Geschichte. Als Jüngling verliebte ich mich in eine hübsche, junge Bäuerin aus dem Nachbarort. Bald errang ich ihre Zuneigung. Aber ihre Eltern hatten sie schon dem Sohn des Ältesten versprochen, der ein grober Klotz und von widerwärtigem Benehmen war.

Wir verabredeten also, dass ich sie des Nachts aus ihrer Kammer entführen sollte, damit wir uns anderswo ein gemeinsames Leben aufbauen könnten.“

Durch die halb geöffnete Tür schoss der Gimpel Eukalyptus im Sturzflug herein und wollte sich auf Iarwains Regenbogenhaar niederlassen. Doch mitten im Landeanflug prallte er gegen ein Hindernis und fiel betäubt zu Boden.

„Autsch““, ertönte die Stimme des Wirtes. „Das passiert mir andauernd. Sage nur einer, Unsichtbarkeit sei toll!“

Erin beugte sich hinab, hob den benommenen Weisen auf und legte ihn vorsichtig auf Iarwains Kopf ab.

„Bitte fahrt fort!“, forderte Iarwain den Wirt auf.

„Ich schlich mich also des Nachts auf den Hof. Diane, meine Geliebte, hatte eine Leiter bereitgelegt. Ich griff diese und begann, zu ihrem Fenster hinauf zu steigen. Doch gerade als ich das Fensterbrett erreicht hatte, brach die Leiter. Ich konnte mich am Fenstersims anklammern, aber nun baumelte ich hilflos an der Mauer. Der Sims bot nicht genügend Halt, dass ich mich hätte hochziehen können und an der Mauer gab es keinen Vorsprung, der den Füßen Stütze sein konnte.

Diane versuchte mich nach oben zu ziehen, aber sie war viel zu schwach.

Obendrein hatte der Radau den Bauern geweckt, der nun wutentbrannt aus dem Hause stürmte. Sogleich eilten auch die beiden Knechte herbei. Mit langen Stangen stießen sie nach mir, bis ich den Halt verlor und hinabstürzte. Anschließend prügelten sie mich vom Hofe, so dass ich mich erst nach drei Wochen wieder vernünftig rühren konnte. Meine Mutter, die wohl um meine unglückliche Liebschaft wusste, pflegte mich gesund. Eines Tages hatte sie eine Idee.

„Was“, sprach sie, „wenn der Bauer dich nicht sehen kann? Ich kenne eine Zauberin, die gegen ein Entgelt solches bewirken könnte.“

„Melina!“, zwitscherte es matt aus Iarwains Haarbusch. Eukalyptus hatte offenbar das Bewusstsein wiedererlangt.

„Ja!“, donnerte der Wirt, „Woher wisst ihr das?“

Der kleine Gimpel hob das Köpfchen aus seinem Nest. Er schaute sich um, bemüht, den Ursprung der Stimme zu entdecken. Dann erklärte er: „Melina ist genau die Person, an die sich die Bauern mit solchen Wünschen gewandt haben, bevor ...“

„Bevor was?“, warf Erin ein.

„Nun unterbrecht mich doch nicht! - Bevor klar wurde, dass ihre Zauber meist schiefgehen.“

„Genau das ist mir passiert“, ergriff nun wieder der Wirt das Wort.

„Mutter ging also zu Melina und handelte einen Preis für den Zauber aus, der mich für eine halbe Stunde unsichtbar machen sollte. Der Haken daran war, dass ich während dieser Zeit auch stumm sein würde. Meine geliebte Diane musste sich also blind darauf verlassen, dass alles klappte.“

„Und dann hat Melina den Spruch versaut, richtig?“, piepte Eukalyptus ganz aufgeregt dazwischen.

„Lasst mich doch ausreden!“

Der weise Piepmatz verstummte und verkroch sich ein bisschen tiefer in sein Haarnest.

„Die Zauberin braute einen Trank, der das Gewünschte bewirken sollte. Mit meiner Diane hatte ich verabredet, dass ich genau um Mitternacht an ihrem Fenster wäre. Sie sollte einfach heraus klettern und über die Leiter, die ich mitbringen wollte, nach unten steigen. Dort würde ich sie empfangen. Doch welche Ironie! Nach dem ersten Versuch hatte Dianes Vater sie in das Nachbarzimmer umquartiert. Durch die lange Zeit meiner Genesung, während der wir uns nicht treffen konnten, hatte sie sich aber so an den neuen Raum gewöhnt, dass sie vergaß mir die Änderung mitzuteilen. Ich legte also die Leiter an, und hielt sie mit beiden Händen fest, damit mein Schatz nicht stürze. Der Zauber wirkte auf alle Dinge, die ich anfasste ebenso, wie auf meine Kleider. Wie groß war aber mein Schreck, als sich pünktlich um Mitternacht das falsche Fenster öffnete und Diane mutig heraus stieg. Sie angelte mit ihren zarten Füßen nach der Leiter, ...“

Man hörte ein Schniefen und Schluchzen, dann raschelte Stoff und der Wirt schneuzte sich lautstark.

„Vergebt mir! Zu sehr rührt mich, was geschah ...“

„Diane stürzte ab“, hauchte Erin, ganz ergriffen von der Erzählung.

„Ja“, antwortete der Wirt, „sie hatte sich voll und ganz darauf verlassen, dass die Leiter unter diesem Fenster stehen würde. Also ließ sie sich hinab und lockerte zu früh den Griff am Fenstersims. Sie konnte sich nicht abfangen und stürzte.“

Wieder schneuzte sich der Wirt.

„Ich musste all dem zuschauen, ohne ein Wort der Warnung rufen zu können. So schnell passierte alles, dass ich noch nicht einmal einen einzigen Schritt in ihre Richtung tun konnte, ehe sie fiel.“

„Aber das war noch nicht Melinas Fehler – oder?“, gab Iarwain zu bedenken.

„Wohl wahr“, gab der Wirt zu. „Das Missgeschick bestand darin, dass nach der versprochenen halben Stunde zwar die Sprache, nicht aber die Sichtbarkeit zurückkehrte. Und so ist es bis heute. Acht lange Jahre bin ich umhergezogen und habe mir meinen Lebensunterhalt damit verdient, dass ich ungehorsame Kinder erschreckte. Dann verstarb meine Mutter und hinterließ mir genug Geld, dass ich dieses Gasthaus übernehmen konnte. Die Dorfbewohner sind gute Leute. Sie haben sich an meinen Zustand gewöhnt.“

Der Wirt verstummte und auch die Reisenden brauchten einen Moment, um das Gehörte zu verdauen.

„Was kann ich euch nun bringen, werte Gäste?“, kehrte der Unsichtbare schließlich zum Alltagsleben zurück.

„Ehe wir speisen und trinken“, sagte Iarwain, „müssen wir gestehen, dass wir nicht über ausreichende Gelder verfügen. Deshalb bitte ich euch, uns heute Abend in eurem Hause musizieren zu lassen. Die Abwechslung wird einige Gäste anlocken. Und wenn diese genug verzehren, so möge das auch unsere Rechnung mit begleichen. Wenn nicht, so sind wir gern bereit, für unsere Schulden zu arbeiten.“

„Sei's drum“, erwiderte der Wirt, „Es sei euch gewährt“.

Erst jetzt sah er den Frosch auf dem Tisch sitzen.

„Was sucht dieses Vieh ...“

„Haltet ein! Ich bitte euch. Das ist unser Freund Jester, der durch einen misslungenen Zauber zum Frosch wurde.“ Erin war vor Schreck aufgesprungen und nahm in Windeseile den verschüchterten Jester vom Tisch.

Der Wirt schnaufte: „Wenn das so ist, dann lasst ihn ruhig sitzen! Ist er doch ein Gefährte im Leiden.“

Erin hatte Jester im ersten Impuls an ihre Brust gedrückt. Dort lugte der Frosch nun zwischen ihren Fingern hindurch und meinte: „Quaaak, quack! Ihr könnt mich natürlich sehr gern noch ein Wenig an dieser Stelle tragen“, er warf Iarwain einen neckischen Blick zu. „Schließlich wird solche Ehre nicht jedem Herrn zuteil. Quaaack!“

Erin wurde erst jetzt klar, wo der Frosch sich befand und mit einem spitzen Quiekser öffnete sie die Hände. Jester rutschte ins Dekolleté.

„Iiieks!“, kreischte Erin, sprang auf und kreiselte wie wild durch den Raum. Sie wuselte an ihrem Kleid, versuchte, den Narren aus der Wäsche zu schütteln. Der aber hing über den Saum des Ausschnittes, wie über eine Balkonbrüstung und rief:

Nicht so wild, Tantchen!

Wirre ist des Narren Kopf schon so.

Und dieser Rosenduft am Leibe

macht, wie euer Tanz, ihn froh...

Erlaubt, dass ich noch etwas bleibe!

Er lachte laut.

„He … el, fet, ...“, kam es von Erin.

Es krachte ringsumher. Aus den dunklen Holzbalken des Gasthauses schossen bunte Blüten hervor und Blätter rankten sich unter der Decke entlang. Ein wunderbarer Duft verbereitete sich.

Erin sank erschöpft auf ihren Stuhl nieder. Tränen standen in ihren Augen.

Da sprang Jester schnell wieder auf den Tisch.

„Vergebt mir den Scherz, liebe Erin! Das Kasperblut ist mit mir durchgegangen.“

Er wandte sich zu Iarwain und murmelte: „Und schön war's obendrein.“

Der Wirt war verblüfft. „Wie, wo, was?“, stammelte er.

„Das war Erin“, zwitscherte Eukalyptus aus seinem Nest. „Sie hat auch das Haar unseres P..., Spielmannes so wunderbar gestaltet.“

Ein scharfer Blick Erins ließ ihn verstummen.

„Aber das ist ja toll!“, rief der Wirt, „gleich morgen werde ich das Schild ändern. Von nun an wird mein Haus 'Zur blühenden Aue' heißen.“

5. Tanz in der Aue

Nachdem die Reisenden sich gestärkt hatten, überlegten sie, wie sie weiter verfahren wollten. Jester, der sich für die drastische Neudekoration des Gasthauses verantwortlich fühlte, machte den Vorschlag, dass sie am Abend gemeinsam auftreten könnten, zu Ehren der Namensänderung.

"Und natürlich ganz kostenlos!", beteuerte er dem unsichtbaren Wirt.

Der war es zufrieden. Sogleich rief er Poldina, die Magd, herbei und bat sie, beim Schreiner, der auch ein begabter Maler war, ein neues Aushängeschild in Auftrag zu geben.

"Wenn er es bis zur sechsten Stunde gefertigt hat, will ich ihm doppelten Lohn zahlen", stellte er in Aussicht.

Erin, Jester und Iarwain zogen sich auf das helle Zimmer zurück, um den abendlichen Auftritt zu planen.

"Kannst Du vielleicht nett tanzen?", fragte der Prinz und schaute die rothaarige Hexe erwartungsvoll an. Die errötete so heftig, dass man beinahe nicht mehr erkennen konnte, wo ihre Haarpracht endete und ihr Gesicht begann.

"Ich denke schon", erwiderte sie, kaum hörbar, "allerdings sind die Tänze, die ich beherrsche, vielleicht für ein Gasthaus nicht geeignet. Schon wegen der Kleidung."

"Was ist mit der Kleidung?", quakte Jester dazwischen, "Fehlt Dir Schmuck oder mangelt es an Samt und Seide?"

Die ohnehin knubbeligen Augen des Frosches traten noch ein wenig weiter hervor und er äugte - sichtlich angetan - nach seinem vorigen Aufenthaltsorte.

"Man trägt sie nicht.", flüsterte Erin.

Iarwain ließ einen kleinen Pfiff hören: "Ich verstehe. Hexentanz ..."

"Ooooh", ließ sich Jester vernehmen, "das wäre ..."

"N...nein!" - Erin war die aufkeimende Nervosität deutlich anzumerken.

Jester verschwand mit einem riesigen Satz hinter dem kleinen Kanonenöfchen. Als nichts geschah, lugte er hervor und keckerte:

"Ist ja gut, Tantchen!

Das flinke Maul ist diesem Narrn vorweg!

Drum ihr verzeiht, was der so quasselt...

Denn viel zu schnell ist so ein Spruch … vermasselt.

Und das versetzt den Clown in Angst und Schreck..."

Er sprang in die Luft und schaffte es tatsächlich einen doppelten Salto zu vollführen, ehe er platschend wieder landete.

"Hahaha!", lachte Erin und klatschte vor Begeisterung in die Hände, "Das machen wir. Du darfst wieder in mein Kleid, wenn du dafür auf mein Kommando solche Kunststückchen aufführst.

Du sollst tanzen, statt meiner - und Kleider trägst Du ja auch keine."

"Geritzt - Quackwack!", kam Jesters Antwort hinterm Ofen hervor.

Iarwain schaute zwischen den Beiden hin und her, so als wisse er nicht, was er von der ganzen Chose halten sollte.

"Nun gut", entschied er schließlich, "Ich werde das tun, was ich am besten kann - werde die Laute schlagen und den holden Maidlein aufspielen, dass ihnen ganz taumelig wird."

Er warf einen herausfordernden Blick zum grünen Hofnarren hinüber und einen verschämten zur niedlichen Hexe, die jetzt um den Kopf herum auch wieder mehrfarbig war.

Vor dem Fenster war ein Flattern zu vernehmen und kurz darauf ließ sich der weise Gimpel Eukalyptus auf der Fensterbank nieder.

"Öffnet mir! So öffnet mir doch!", rief er, vor Aufregung beinahe bis zum Doppelten seiner normalen Größe geplustert.

Iarwain trat hinzu und ließ den Vogel in den Raum.

Der flatterte einige Runden, ehe er sich auf der Perücke des prinzlichen Spielmannes niederließ.

Mit einiger Mühe kam er wieder zu Atem und erklärte - die Wichtigkeit in Person:

"Ihr werdet es kaum glauben, aber die Kunde vom geplanten Auftritt hat sich schon bis ins Nachbardorf verbreitet. Das Gasthaus wird gut gefüllt sein."

"Sehr schön", freute sich Iarwain, "Vielleicht lassen auch die dortigen Einwohner uns bei sich aufspielen, so ihnen unser Spiel gefällt?"

"Quack! Oh ja!", kam Jesters Stimme vom Tisch, den er in der Zwischenzeit wieder erklommen hatte, Ich tanze aus Errins Garderobe hervor..."

Die Hexe musste lachen.

"Sachte, sachte, alter Lustmolch! Sonst wirst Du in die Corsage gebunden."

Jester blinkerte ihr lustig aus seinen Froschaugen zu und meinte:

Wollt mich mit dem Beine schrecken?

Mir mit bleichem Knochen drohn?

Kann ich mich im Kleid verstecken,

findet sich das andre schon ..."

Noch ehe er den nächsten frivolen Vers beginnen konnte, hatte Iarwain den frechen Hüpfer geschnappt und in seiner Provianttasche verstaut.

"So!", der Prinz rieb sich die Hände, "Das soll dich lehren, wie man sich einer Dame gegenüber benimmt."

Er stellte die Tasche auf ein Wandbord und ließ sich auf seine Strohmatratze sinken.

"Ich will nun noch ein wenig der Ruhe pflegen, ehe die Sause beginnt."

"Sehr wohl!", zwitscherte Eukalyptus, schwang sich in die Lüfte und witschte im Handumdrehen zum Fenster hinaus.

"Auch ich will noch ein wenig ruhn", stimmte Erin zu und warf sich auf die andere Liegestatt, die sich in der gegenüberliegenden Zimmerecke befand.

Nicht lange und man hörte aus dem Zimmerchen ein Schnarchduett für Bass und Alt.

Der Abend kam schnell heran und noch vor Sonnenuntergang hatte der Schreiner das neue Aushängeschild über der Tür angebracht.

Es duftete nach Holz und frischer Kräuterfarbe.

"Zur blühenden Aue", prangten goldgelbe Lettern aus buntfarbigem Rankenwerk, so kunstvoll abgebildet, dass man beinahe meinte, das Wiegen der Blüten im Sommerwind erkennen zu können.

Als die Sonne dann sank und ihren roten Abendschein auf das Schild warf, schien die Schrift aufzuflammen und illuminierte die zahlreich herbeieilenden Gäste.

Endlich waren alle Laternen entzündet und der Schankraum bis zum letzten Schemel gefüllt.

Der Wirt schlug gegen ein Pflugschar, sodass dieses laut schepperte.

"Ihr werten Leute", hob er an, sobald ein wenig Ruhe eingetreten war, "Ihr seht, dass der "Alte Troll" sich verjüngt hat. Das verdanke ich unseren Spielleuten, die obendrein so generös waren, uns für den Abend eine Kostprobe ihres da bin ich sicher - grandiosen Könnens anzubieten. Erfreut euch also der Kunst unserer Gäste!"

Applaus brandete auf.

"Eins noch", fuhr der Wirt fort, "Das erste Bier des Abends soll frei sein."

Zustimmendes Gemurmel und einige frenetische 'Hurrah's erklangen.

Als erstes trat Iarwain auf und ließ seine Laute Geschichten erzählen. Himmelhoch jauchzend und todtraurig, schmeichelnd und schreiend. Es schien fast, als sei das Instrument lebendig. Die Männer applaudierten und die Frauen und jungen Mädchen schmachteten dem hübschen und gewandten Lautenschläger zu.

Endlich legte der sein Instrument zur Seite und begann, ein kleines Gedicht zu deklamieren:

"Holde Frauen!

Die ihr englisch mich umschwebet,

ein Windhauch, sanft im Mute,

und doch

ein Sturm im Herzen mein.

Haltet ein,

Ich bitt euch alle!

Denn diese Glut,

dies Lohen,

muss sonst gar

mein letztes Ende sein.

Und mit schwindend schwachem Hauch

will ich gestehn,

dass nun erst ich - und alle andren Kerle auch,

den Himmel weit und offen sehn."

Iarwain verbeugte sich schwungvoll und der Gastraum war vom begeisterten Kreischen der Weiblichkeit erfüllt.

Als der vermeintliche Spielmann sich wieder aufrichtete, blitzte der Schalk aus seinen Augenwinkeln und er wandte sich den Männern zu.

"Nun, meine Herren, genug Preis und Ehre den Damen, für heute."

Applaus brandete.

Iarwain fuhr fort: "Auch wir haben eine holde und kunstvolle Dame in unserer Bande. Begrüßet mit mir die wunderschöne Erin, die Euch mit einer ganz besonderen Dressur erfreuen will.

Denn Frösche muss man nicht immer küssen. - Nein, man kann sie auch die hohe Kunst der Turnerei lehren..."

Iarwain trat beiseite und ließ Erin nach vorn treten.

Ein Murmeln erhob sich, als die Männer erkannten, was da aus dem Dekolleté der schönen jungen Frau herauslugte. "IIIIIIEKS! - Das ist ja ein Frosch!", schrie ein junges Mädchen und fiel in Ohnmacht. Unglücklicherweise sank sie vornüber und stieß dabei Erin zur Seite. Die Hexe, die ohnehin schon ziemlich nervös war, fing sich mit einiger Mühe und stotterte: "De, de, de, ..."

Iarwain sprang geistesgegenwärtig zur Bank, an der seine Laute lehnte. Er schlug eine schnelle Tonfolge an und rief: "Sing, Erin!" Und wirklich, die Hexe schnappte nach Atem und hob an, wunderschön zu singen:

"Dé ... anann an ghaoth milis,

an boladh de chur chuige féar.

An ghrian triomaithe salann

i mo chuid gruaige

Fada agus is ar an spéir

scaipthe thar an talamh, ansin

Mo chroí glaoigh díreach ard: Éire

Mar go bhfuil mé na hÉireann,

Ceart agus dualgas Breithe

fhortún ann féin.

Is é an gcearc canadh faoi gach ubh

sé síos.

Tá an bheith ag méileach uan.

Is é an seabhac a dtugtar

fada agus trí mheán an aeir,

vác sé an lacha ar an damba

Éirinn, glas, tír úr Tá mé do leanbh,

mo chroí i do lámh."

Wie verzaubert erhoben sich Männer und Frauen und begannen, sich im Tanz zu drehn. Die Blüten, die durch Erins Missgeschick aus den Balken sprossen, begannen in allen Farben zu leuchten.

Iarwain spielte auf und fühlte sich froh und frei.

Er hatte sie gerettet.

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