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Vom Ich und vom Du

Heinrich Lhotzky

Vom Ich und vom Du

Gedanken über Liebe, Sinnlichkeit und Sittlichkeit





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Der Theologe und Publizist Heinrich Lhotzky philosophiert in diesem Buch nicht nur über das Rätsel Mensch, über Liebesglück und Triebleben, Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Religion und Gott, über das Ich und das Du. Nein, er bietet dem Leser zum Schluss auch noch eine Lösung des Rätsels Mensch!

1. Sinnlichkeit

Das Rätsel Mensch

Man kann nicht sagen, dass der Geheimnisse wenig sind, die uns umgeben. Kraft und Stoff ist ein Geheimnis, das noch keiner erklärt hat, obgleich wir beide beständig handhaben und recht gut zu handhaben gelernt haben. Wir kennen ebenso wenig das Geheimnis von Leben und Tod, obgleich sie unsere täglichen Kameraden sind. Rätselhaft geblieben ist uns auch das Wesen von Raum und Zeit und vieles, vieles mehr.

Das größte Rätsel ist der Mensch selbst. Ihn hat noch keiner erklärt. Gott und Mensch würde das Rätselpaar heißen. Die unerklärten Geheimnisse hängen sichtlich alle unter sich zusammen. Mit diesem letztgenannten Paare würden alle offenbar werden.

Das Ich und das Du sind ebensolche Geheimnisse. Diese solle uns hier beschäftigen.

Es gibt Menschen, die sich im Leben ungemein viel plagen mit der Not, dass sie sich selbst nicht verstehen. Viele sind in schweren Stunden geneigt, in denen ihnen diese Unklarheit besonders quälend nahe tritt, sich für minderwertige Menschen zu halten, weil sie nicht einmal sich selbst verstünden.

Glaubt mir, es gibt auf dieser Welt zurzeit wahrscheinlich keinen Menschen, der sich selbst verstünde, und die es doch vorgeben, dürften ziemlich beschränkt sein.

Wer fühlt, dass er sich selbst nicht versteht, hat einen großen Fortschritt in der Erkenntnis gemacht. Er ist inne geworden, dass große Geheimnisse uns umgeben, er hat einen Blick getan in die Tiefen der Lebensweisheit. Vielen, die unbekümmert an der Frage vorübergehen, ist er voraus, nicht nach. Er hat keine Ursache, die Sicheren zu beneiden. Eher ist's umgekehrt.

Er macht nur einen Fehler, den alle machen, die an großen Rätselfragen herantreten. Sie stellen Fragen, die an sich falsch oder unmöglich sind, und versuchen sie auf dem Denkwege zu lösen.

Das ist natürlich falsch. Eine alles menschliche Denken überragende Frage mit den unzureichenden Mitteln der Gedanken lösen zu wollen, ist aussichtslos. Gedanken sind prachtvoll, und die Luftpumpe ist eine entzückende Erfindung. Man kann aber nicht das Luftmeer mit der Luftpumpe auspumpen, und mit Gedanken kann man die höchsten Rätsel des Daseins nicht lösen.

Sie wollen aber und werden auch gelöst werden. Es wird aber auf einem andern Wege geschehen. Es schadet nichts, wenn jemand eine Zeitlang einen falschen Weg geht. Wenn er weiß, dass hier hohe Aufgaben liegen, und er willig ist, sie zu lösen, hat er schon darin einen Fortschritt gemacht.

Wir wollen uns aber ernstlich den Weg zur Lösung des Rätsels überlegen. Vielen, die im Dunkel tappen, soll damit eine Hilfe und ein Fingerzeig geboten werden.

Zunächst ist auffallend, dass der Mensch ein eigentümlich zweispuriges Wesen ist. Jedem muss das auffallen, jeder ist sich dessen bewusst, nur gehen die Erklärungsversuche auseinander. Aber Erklärungen sind immer die Nebensache, die Hauptsache ist die Wirklichkeit. Alle Erklärungen haben ihr Recht, wenn auch vielleicht nicht eine wirklich recht hat. Halten wir uns also an die Tatsachen.

An unseren Sinnen können wir die Zweispurigkeit zuerst beobachten. Wir sehen etwas, einen Baum, einen Berg, einen See. Wir stellen stillschweigend und unbewusst die Unterschiede und Eigenarten fest und bringen uns diese Naturerscheinungen zum Bewusstsein. Plötzlich tritt ein Neues in unser Auge. Wir sehen neben Baum und Berg und See etwas anderes, das drin liegt wie ein zartes Geheimnis, wie eine Seele, und werden staunend und wundernd inne: Es ist schön. Die drei Erscheinungen sind schön, jede anders schön, aber schön.

Oder wir essen. Der Hunger treibt uns. Wir essen mit dem Zwang des Lebensbedürfnisses und werden behaglich gestimmt durch die zunehmende Sättigung. Plötzlich finden wir etwas, das die Sättigung verklärt. Wir entdecken den Wohlgeschmack. Der Wohlgeschmack steht über der Sättigung, er ist wie die Seele, die in die Speise eingebettet ist. Sie ist nicht die Speise, sie umschwebt und durchdringt sie.

Noch bemerkenswerter ist das Hören. Man hört Geräusche, Worte wie Geräusche, man erkennt auch den Sinn. Unsere Tiere verstehen auch den Sinn vieler Worte, Aber plötzlich öffnet sich für den Menschen eine geheime Pforte, und aus dem Gehörten steigt wie eine heimliche Seele das tiefe Verstehen und umfängt uns wie in lieblicher Umarmung, dass wir uns nimmer satt hören und immer mehr hören wollen.

Wer weiß nicht, was fühlen heißt! Es ist ein Betasten und Anfassen, aber plötzlich erwacht in uns das Gefühl der Großmacht. Das ist kein Betasten mehr, das ist die geheime Seele des Seins.

Wie zart und wie tief fühlen oft Frauen! Sie fühlen in Fernen und Tiefen, weit hinein in unsichtbare Gebiete des Seins, und was uns Sinnlichkeit schien, wird plötzlich ein seelisches Gebiet, das alles Sinnenfällige weit hinter sich lässt und zugleich umfassender ist.

Weißt du noch, wie du das erste Mal einen Menschen gesehen hast, der dir lieber wurde als alle anderen? Es hielt diese Empfindung vielleicht nicht vor, aber sie war einmal da.

Ich weiß auch, wie du's erlebt hast. Du sahst Menschen, immer Menschen, als wären es Bäume oder Gegenstände. Und plötzlich weitete sich dein Auge, und ein Mensch, den du vielleicht schon öfter gesehen, wurde von dir erschaut in süßem Innewerden als der Mensch schlechthin, der dein ganzes Sein erfasste und der Reichtum deines Lebens wurde. Du hattest das Du erblickt und bebtest vor seiner Hoheit und Herrlichkeit. Es lag über der Erscheinung oder in der Erscheinung des anderen. Es war die Seele, deren du inne wurdest, die du umfingst. Vielleicht war das Erlebnis nur eine flüchtige Schwärmerei, aber es war da in riesengroßer, überwältigender Wirklichkeit.

Noch eine Frage, nein, viele Fragen. Wenn's ein flüchtiger Reiz war, was damals so gewaltig über dich kam, an wem lag wohl die Ursache, an dir oder am anderen?

Überhaupt: Wo liegt das Schöne, im Gegenstand oder im Auge? Wo liegt der Wohlgeschmack, in der Speise oder im Gaumen? Wo liegt die Gewalt, im Wort oder im Hörer? Oder vielleicht in beidem?

Solche Fragen sind nicht ohne Weiteres zu beantworten. Man muss immer denken: Jede Frage, die nicht ohne Weiteres zu beantworten ist, soll man liegen lassen und keine Antwort herauspressen, weil auf jede Frage wohl eine und viele Antworten da sind, aber sie sind so lange falsch, bis man den vollen Umfang des erfragten Gegenstandes kennt. Menschen, die auf jede Frage eine Antwort haben, sind ganz gewiss Betrüger. Fliehe solche!

Man soll bei jeder schwierigen Frage denken: »Da muss ich mich vor der Antwort erst noch gründlich umsehen.« Das Antworten heb dir auf. Es schadet nichts, wenn deine Antwort erst nach Jahrzehnten kommt. Aber das Umschauen darf man nicht aufheben.

Auffallend ist im vorliegenden Falle, dass der Übersinn, wie wir dieses Doppelte einmal nennen wollen, bei den Menschen sehr verschieden ausgebildet ist. Viele sehen von Schönheit wenig oder nichts, sie hören nur Buchstaben, sie fühlen nur, was sie betasten können.

Bei anderen macht man die Beobachtung, dass ihr Übersinn sehr bildsam und entwicklungsfähig ist. Er schlummert gleichsam neben der Sinnenfälligkeit und wird leicht erweckt.

Dritte Menschen haben den eigentlichen Sinn nur schwach entwickelt und schwirren mehr im Übersinnlichen herum. Sie sehen, hören, fühlen, was für andere überhaupt nicht vorhanden ist. Letzteres kann eine schwere Krankheit bedeuten.

Daraus ersieht man, dass wenigstens die Aufnahmefähigkeit des Übersinnlichen im Menschen liegt, und es folgt daraus, dass der Mensch ein Wesen ist, dessen Grenzen nicht im Sinnenfälligen liegen, sondern das darüber hinausragt.

Es scheint ferner, dass das Übersinnliche ein viel größeres Gebiet ist als das Sinnenfällige. Nur gehört schon ein gewisses Maß von Entwicklung dazu, um Zutritt in jene Höhen zu haben. Die Pforten liegen bei jedem Menschen, aber geöffnet sind sie nicht bei jedem.

Das übernatürliche Sein des Menschen nennen wir Seele oder Geist. Ich glaube nicht, dass beides dasselbe ist, aber für den vorläufigen Gebrauch mag's einmal gleich sein, weil beides jenseits der Sinnenfälligkeit liegt.

Es gibt Menschen, die dies höhere Sein leugnen. Das schadet gar nichts. Die Sachen sind wichtig, nicht unsere Auffassung von ihnen. Wenn jemand etwas nicht erkennt, darf er's getrost leugnen. Wenn das Geleugnete besteht, wird's ihm zu seiner Zeit schon deutlich werden. Er sieht's eben noch nicht.

Oft sind diese Leugner unentwickelte Menschen, die keinen Zutritt in höhere Gebiete des Seins haben. Häufiger aber bekunden sie gerade mit ihrer Leugnung des Geistes viel Geist.

Manche ärgern sich über die Leugner. Das muss man nie tun. Man sollte sich im Gegenteil freuen, dass der Mensch so eigenartig hineingestellt ist in dieses stoffliche Sein, dass er selbst wie sein größtes Rätsel darin verschwindet und so innig damit verwachsen ist, dass man ihn davon nicht trennen kann. Er ist gleichsam Stoff und Kraft zugleich, Leben und Tod zugleich und die eigenartigste Berührung von Gott und Welt, die sich denken lässt, die man nicht ausdenken könnte, die man nur staunend bewundern kann.

Bist du, freundlicher Leser, vielleicht ein Gottesleugner, so soll das unsere Beziehungen nicht einen Augenblick trüben. Sicher bist du kein Menschenleugner, und eines weiß ich ganz gewiss:

Wirst du von der Natur des Menschen noch mehr erkennen, als du heute inne geworden bist, dann hörst du von selbst auf, Gottesleugner zu sein.

 

 

Das Gesetz der Sinnlichkeit

Offenbar ist der Geist des Menschen ein so verborgenes Sein, dass man ganz gut ein befriedigendes Weltbild bekommen kann, wenn alles Übersinnliche ausgeschaltet wird.

Das ist sehr wichtig festzustellen. Es folgt daraus, dass das Sinnenfällige so wichtig ist auf diesem Stern, dass es unter keinen Umständen vernachlässigt werden darf. Wir sind augenscheinlich in einem Zustande, der von dem Sinnenfälligen schlechthin beherrscht ist und beherrscht sein muss, wenn der Mensch gedeihen soll. Wer den Geist verachtet oder leugnet, der richtet keinen sonderlichen Schaden an, weder an sich noch an andern, wer aber das Sinnenfällige vernachlässigen würde, dem wäre es schädlich, denn es verstößt gegen die ganze Ordnung und Einrichtung der jetzigen Welt.

Die ganze Entwicklung der Menschheit läuft aus dem Sinnlichen heraus. Wir wüssten nichts von Gut und Böse, Schön und Hässlich, von allem Übersinnlichen, wenn wir's nicht am Sinnlichen gelernt hätten. Schon das Wort »Begriff« zeigt uns geschichtlich, dass der Mensch nichts richtig verstehen kann, was er nicht zu begreifen oder zu betasten vermag.

S

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