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Vom Himmel, in die Traufe

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Erster Teil
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
  8. Zweiter Teil
    1. Kapitel 8
    2. Kapitel 9
    3. Kapitel 10
    4. Kapitel 11
    5. Kapitel 12
    6. Kapitel 13
    7. Kapitel 14
    8. Kapitel 15
    9. Kapitel 16
    10. Kapitel 17
    11. Kapitel 18
  9. Dritter Teil
    1. Kapitel 19
    2. Kapitel 20
    3. Kapitel 21
    4. Kapitel 22
    5. Kapitel 23
    6. Kapitel 24
    7. Kapitel 25
    8. Kapitel 26
    9. Kapitel 27
    10. Kapitel 28
    11. Kapitel 29
    12. Kapitel 30
  10. Vierter Teil
    1. Kapitel 31
    2. Kapitel 32
    3. Kapitel 33
    4. Kapitel 34
    5. Kapitel 35

Über dieses Buch

Bei ihrer Bruchlandung mit einem Heißluftballon in der lappländischen Ödnis hat die steinreiche Lena Lundberg Glück im Unglück. Hermanni Heiskari sitzt gerade sinnend am Eisloch, als die vornehme Dame vor ihm vom Himmel fällt. Er rettet Lena und schleppt sie durch die nordische Wildnis. Als Dankeschön schenkt Lena ihm ein ganzes Jahr Leben in Saus und Braus. Und es kommt wie es kommen muss: Lena verliebt sich in den rauen Burschen. Schließlich ist er ein Prachtstück von einem Mann. Zugegeben, nicht gerade ein Gentleman, aber ein ungeschliffener Diamant ...  

Über den Autor

Arto Paasilinna wurde 1942 im lappländischen Kittilä/Nordfinnland geboren. Er ist Journalist und einer der populärsten Schriftsteller Finnlands. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Inzwischen hat er rund 40 Romane mit großem Erfolg veröffentlicht, von denen einige verfilmt und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Auch bei uns erwarten die Fans jedes Jahr ungeduldig eine neue skurrile Geschichte vom finnischen Kultautor.

Arto Paasilinna

Vom Himmel
in die Traufe

Roman

Aus dem Finnischen von
Regine Pirschel

Erster Teil

1

Über den sommerlichen Inarisee pfiff ein kalter Wind. Der arbeitslose Holzfäller Hermanni Heiskari starrte mürrisch in die runde Öffnung, die er in das gut einen Meter dicke Eis gebohrt hatte, und knurrte:

»Alles für die Katz.«

Aus diesem Eisloch hatte Hermanni Heiskari, 49, weder einen Saibling noch irgendeinen anderen Fisch gezogen, und auch nicht aus den zehn anderen Eislöchern, an denen er im Verlaufe der letzten zwei Tage geangelt hatte. Die Eisdecke auf dem See war immer noch so dick, obwohl es bereits Juni war. An den Ufern war hier und da bereits Schmelzwasser zu sehen, aber weiter draußen war das Eis ganz fest. Oft wurden auf dem Inarisee noch zu Mittsommer Wettbewerbe im Eisangeln ausgetragen. Die Männer feierten die ganze Nacht, veranstalteten anschließend die Wettkämpfe, und am nächsten Tag fuhren sie nach Hause, um Heu zu machen.

Wenn ein Angler statt Lachs Erbsensuppe aus der Dose essen muss, macht ihn das wütend, vor allem dann, wenn er arbeits- und mittellos ist. Und dazu dieses Wetter! Bereits am vergangenen Abend hatte der Wind in kalten Böen von Norden geweht, gegen Morgen hatte er auf Westen gedreht und war vor einer Stunde fast zum Sturm angeschwollen. Hermanni schätzte, dass jetzt um die Mittagszeit die Windgeschwindigkeit bereits fünfzehn Meter pro Sekunde betrug, und sie schien weiter zuzunehmen. Außerdem fielen Schneeflocken, die dem Angler ins Gesicht peitschten, sowie er sich nach Westen wandte.

Hermanni Heiskari war ein hochgewachsener Mann, er hatte ein längliches Gesicht, seine grauen Augenbrauen waren buschig und zurzeit bereift, und er hatte breite Pranken und einen langen Rücken. Man sah ihm an, dass er viel körperlich gearbeitet hatte. Er war ein Mann der Wälder, tief verwurzelt hier oben im Norden.

Doch immer öfter überkam ihn das Gefühl, dass es viel lustiger sein müsste, das Leben eines reichen Mannes zu führen. Eines Mannes, der es sich leisten konnte, in einem warmen Land am Swimmingpool zu liegen, und der sich nur körperlich anstrengen musste, um sich auf die andere Seite zu wälzen, wenn ihm die Sonne zu sehr den Pelz verbrannte.

Hermanni war nun schon fast anderthalb Jahre ohne Arbeit. Das leistungsbezogene Tagegeld war nur noch wehmütige Erinnerung. Als armer Wanderarbeiter besaß er keinen Motorschlitten, und so konnte er nicht vor dem Sturm flüchten und rasch ans Ufer fahren. Also blieb er einfach vor seinem Eisloch sitzen und dachte, dass es letztlich egal war, ob er hier draußen erfror oder an Land verhungerte.

Es stürmte immer heftiger. Hermanni musste sich zusammenkauern, damit ihn die Böen nicht von seinem Angelhocker fegten. Er sagte sich, dass die Fische bei diesem Wetter vermutlich nicht anbeißen würden. Andererseits fragte er sich, wie sie unter dem dicken Eis überhaupt wissen konnten, welche Windverhältnisse hier oben herrschten? Vielleicht sagte der Luftdruck den Fischen ja wirklich mehr als den Menschen, und zurzeit herrschte Tiefdruck.

Luftdruck hin oder her, plötzlich spannte sich die Leine, und die Rute wäre fast ins Eisloch gerutscht. Ein Wunder! Hermanni rollte die Leine auf, und das machte richtig Mühe, fast so, als hätte ein großes Raubtier den Köder geschluckt. Der Sturm war vergessen, jetzt brachte der Eifer das Blut des Anglers in Wallung. Bald stieß das Maul des Fisches von unten gegen den Rand des Eislochs, aber das Tier war zu groß für die Öffnung. Hermanni warf sich bäuchlings aufs Eis und versuchte in die Tiefe zu spähen. Zu dumm, dass er keine Taschenlampe dabeihatte. Der Kopf des Fisches verstopfte die Öffnung, aber herausziehen ließ sich der Bursche nicht, da er zu dick war. Hermanni befestigte die Leine an seinem Angelhocker und machte sich daran, neben dem Eisloch ein zweites zu bohren. Er hoffte, dass der Fisch vielleicht durch die doppelte Öffnung passte, er musste nur vorsichtig sein, dass er beim Bohren nicht die Angelleine durchtrennte.

Dann trug der Sturm auf einmal aus westlicher Richtung, von den Inseln Kahkusaari und Viimassaari, ein lautes Geräusch herüber, ein Krachen, das sich anhörte, als würden Bäume umstürzen. Das Schneegestöber nahm Hermanni die Sicht, doch er hatte sowieso keine Zeit, dem Sturm zu lauschen, er musste seine Beute retten, einen Fisch, der so riesig war, dass er nicht durchs Eisloch passte.

Der Lärm verebbte, und unmittelbar darauf tauchte aus dem Flockenwirbel die Quelle des Geräusches auf. Ein riesiger, roter Heißluftballon trieb pfeilschnell über das Eis, er zog eine ramponierte, zerfetzte Gondel hinter sich her, in der sich mindestens eine Person befand, es war eine Frau, die gellend auf Schwedisch um Hilfe rief. Der Ballon sauste an Hermanni vorbei und wäre vom Schneegestöber geschluckt worden, doch dann traf er am Ufer der kleinen Selkäsaari-Inseln auf eine Gruppe Krüppelkiefern, in der er mit seiner Gondel und den verfitzten Seilen hängen blieb. Schwache Hilferufe klangen herüber. Dort war die Not groß, das wusste Hermanni sehr wohl, doch hatte er auch einen riesigen Fang am Haken, den es ebenfalls zu retten und aufs Eis zu ziehen galt.

Nein, er durfte nicht zögern. Hermanni ließ den Eisbohrer im halb fertigen Loch stecken und lief hinüber zu den Inseln, wo der Sturmwind den riesigen roten Ballon auf die Eisdecke peitschte und die Frauenstimme immer kläglicher rief:

»Hjälp! Hjälp! Hilfe! Hilfe!«

Hermanni Heiskari rannte schneller. Als er sich der äußeren Insel näherte, sah er den Ballon, der mit großen Lettern beschriftet war: Rotes Kreuz Åland. Im Korb hockte schlotternd eine Frau im Pelzmantel, sie hatte blutige Schrammen im Gesicht und stand offenbar unter Schock. Hermanni durchtrennte mit dem Dolch die sechzehn dicken Seile zwischen Ballon und Gondel. Als das geschehen war, stieg der riesige Ballon leicht wie eine Feder zum Himmel auf und verschwand nach wenigen Sekunden im Schneegestöber. Die Gondel plumpste aufs steinige Ufer, und heraus kroch zitternd eine etwa vierzigjährige Frau. Hermanni hob sie hoch und trug sie an eine geschützte Stelle hinter ein par kleinen Kiefern und großen Felsplatten.

»Ich bin Hermanni Heiskari, und wer sind Sie?«

»Bin ich in Finnland?«, rief die Frau verdutzt. Als Hermanni ihr das bestätigt hatte, jawohl, in Finnland, auf dem Inarisee, konnte sie es gar nicht glauben. Sie hatte angenommen, im Nordteil des Bottnischen Meerbusens, irgendwo bei Luleå, verunglückt zu sein.

»Ich heiße Lena Lundmark.«

Die Frau, erregt durch die Notlandung, war schön. Ihr offenes braunes Haar wehte im Wind. Die großen braunen Augen waren weit aufgerissen und die sinnlichen Lippen geschürzt wie bei einem kleinen Mädchen.

Hermanni machte Anstalten, sie zu untersuchen, denn sie klagte über ihre linke Hüfte und den Oberschenkel. Womöglich war die Hüfte ausgerenkt, vermutete Hermanni.

Lenas Winterkluft bestand aus Nerz. Es war kein Pelzmantel, sondern ein Ensemble aus Jacke und Hose, alles von einem weiblichen Tier aus Farmzüchtung. Hermanni öffnete den Reißverschluss der Hose und steckte prüfend die Hand ins linke Bein. Die Patientin klagte laut. Als er seine Hand anschließend betrachtete und beschnupperte, stellte er fest, dass kein Blut daran klebte, auch war kein entsprechender Geruch zu vermerken.

»Zum Glück sind keine Knochen kaputt.«

Hermanni bettete die Patientin hinter einen Stein und kehrte zu seiner Angelstelle zurück. Dort beendete er die Bohrung am zweiten Loch und zog aus der so entstandenen größeren Öffnung einen Saibling von sieben Kilo Gewicht, der noch lebte und in guter Verfassung war.

Lena Lundmark war völlig außer sich. Sie richtete sich auf und hielt nach dem Mann Ausschau, der einfach davongegangen war und dort draußen in aller Ruhe zu angeln schien. Sie rief auf den See hinaus, dass sie ihm alles geben würde, was er verlangte, wenn er nur zurückkehren und ihr helfen würde.

Hermanni tötete den Fisch, von der Insel klangen die fordernden Rufe der Frau herüber. Während er den dicken Lachs musterte, überkam ihn ein glückliches Gefühl. Vielleicht wendete sich ja jetzt sein Schicksal! Er hatte einen zweifach guten Fang gemacht, in seinen Händen hielt er einen wirklichen Riesenfisch, und drüben saß sein neuer Schützling, eine offenbar reiche Frau. Das eine war ihm von unten, das andere von oben gegeben worden, der Fisch kam aus den Tiefen des Inari, die Frau aus den Höhen des Himmels. Der Sturm war voller Verheißungen, so wie in der alten Legende, in der ein Geist in Gestalt eines Fisches dem armen Fischersmann die herrlichsten Versprechungen macht. Hermanni sammelte sein Zeug zusammen und machte sich mitsamt seinem Fang auf den Weg zu der notgelandeten Frau. Unterwegs sah er vier vom Sturm gezauste Schwäne, die sehr tief über die Selkäsaari-Inseln hinwegflogen. Unter lautem Geschrei schwebten sie, vom Flockenwirbel begleitet, gen Osten.

Hermanni Heiskari zog eine Decke aus seinem Rucksack und breitete sie für den Gast auf der Erde aus. Dann holte er seinen Proviant hervor und machte zwei Brote zurecht, zum Hinunterspülen bot er Kaffee aus seiner Thermosflasche an.

»Ich hatte Angst, dass Sie mich hier auf der Insel meinem Schicksal überlassen, weil Sie so lange wegblieben«, sagte die Frau. Sie begann sich zu beruhigen.

Hermanni erzählte ihr, dass er einen großen Saibling aus dem Wasser ziehen musste, der im selben Moment an seiner Angel angebissen hatte, da Frau Lundmark mit ihrem Ballon vom Himmel und mitten auf den See gefallen war.

»Ein prächtiger Fisch«, lobte sie.

Hermanni überlegte, wohin er die Verunglückte bringen sollte. Hier konnte er mit ihr nicht lange bleiben, sie war immerhin so schwer verletzt, dass sie nicht laufen konnte, und wegen des Sturms konnte er außerdem kein Feuer machen.

Lena Lundmark hatte ebenfalls über ihr Schicksal nachgedacht. Die Situation war ernst.

»Ein Wunder, dass ich überlebt habe.«

»Genau«, bestätigte Hermanni.

Lena Lundmark erzählte in aller Kürze, dass sie morgens am Nordkap in Norwegen mit dem Ballon aufgestiegen war, zu einem Zeitpunkt, als es noch fast windstill gewesen war. Sie hatte beabsichtigt, sich nach Süden treiben zu lassen, nach Åland, wo sie zu Hause war, oder, falls der Wind launisch gewesen wäre, vielleicht nach Oslo oder Stockholm.

»Ich bin von Beruf Abenteurerin. Und was treiben Sie?«

»Bin bloß ein gewöhnlicher fliegender Geselle.«

»Sieh an, also ebenfalls in der Luftfahrt, welch Zufall!«

Nun besprachen sie, wie weit es bis zum nächsten Krankenhaus wäre. Hermanni schätzte, dass die Entfernung nach Ivalo etwa fünfzig Kilometer betrug. Luftlinie allerdings, denn auf dem Weg über das Eis und durchs Labyrinth der vielen Inseln kämen zwei Meilen hinzu. Lena Lundmark wurde ernst. Sie schwieg lange, schließlich machte sie einen Vorschlag:

»Ich gebe Ihnen, was Sie wollen, wenn Sie mich ins Krankenhaus bringen. Ich bin eine reiche Frau.«

»Hätte ich bloß einen Motorschlitten, dann wäre die Sache einfach. Ich hab aber keinen, bin nicht reich, bin’s nie gewesen.«

»Ich zahle Ihnen bis zu einer Million Mark, wenn Sie mich retten«, versprach Lena Lundmark bereitwillig. Sie erklärte, dass sie Schiffe und ein großes Speditionsunternehmen besaß.

Hermanni meinte, dass es hier nicht ums Geld gehe. Wenn er wenigstens einen Ackja, den Lappenschlitten, besäße, aber auch diesbezüglich musste er passen.

»Könnten Sie nicht rasch einen Ackja oder einen Motorschlitten kaufen gehen?«

»Hier gibt es keine Läden.«

Hermanni erinnerte sich, dass es auf der Insel Kahkusaari, etwa drei Kilometer entfernt, eine Wanderhütte gab, die zumindest früher mit einem Telefon ausgestattet gewesen war. Dorthin würde er die verunglückte Abenteurerin tragen. Sie könnten übernachten und nach einem Flugzeug telefonieren, das die Patientin abholen und nach Ivalo bringen würde, wenn nur erst der Sturm nachgelassen hätte.

Hermanni untersuchte die Konsole des Heißluftballons, fand sie aber leer. Kein Proviant, nichts zu trinken, keine Wanderausrüstung. Der Nerzanzug und die Nerzkappe sowie die Stiefel an ihren Füßen waren das ganze Rüstzeug der Frau. Im Korb befand sich nicht mal mehr eine Gasflasche, die die Energie lieferte, damit sich der Ballon in der Luft hielt. Lena Lundmark erzählte ihm, dass sie gezwungen gewesen war, die gesamte Ausrüstung über Bord zu werfen, als der Ballon im Sturm ständig an Höhe verloren hatte. Sie hatte Angst davor gehabt, bei dem Wetter notzulanden. Der Ballon hatte sich zuletzt nur in der Luft gehalten, weil sie durch den Abwurf sein Gewicht verringert hatte, aber schließlich war alles Überflüssige von Bord und die Landung nicht mehr zu verhindern gewesen. Zum Glück war diese auf dem Eis und nicht im Wald erfolgt, auch wenn der Ballon zuvor bereits die Baumwipfel gestreift hatte.

Hermanni lobte sie für ihr mutiges Handeln, erkundigte sich aber zugleich, was eine Frau veranlasste, mit einem Ballon aufzusteigen, noch dazu ganz allein.

»Das war eine Aktion zur Unterstützung des Roten Kreuzes. Ich hatte mir vorgenommen, einen Rekord zu fliegen. In den Interviews mit der Presse hätte ich von all den großartigen Projekten des Katastrophenfonds erzählt.«

Lena Lundmark war der Meinung, dass man mit solchen spektakulären Aktionen die Aufmerksamkeit der heutigen Medien gewann. Schickte man den Journalisten Fotos hungernder Kinder oder blutender Soldaten, reagierten sie kaum, aber das Abenteuer mit einem roten Ballon, an dem in großen Lettern Rotes Kreuz stand, bekam mehr Spalten als ein kleiner Krieg.

»Hier sind aber keine Journalisten.«

Hermanni wartete, bis Lena Lundmark ihr Butterbrot gegessen und den Kaffee getrunken hatte. Dann schwang er sich den Rucksack über die Schulter, hob die Patientin auf seine Arme und stapfte in westliche Richtung davon, mitten hinein in den heulenden Sturm und das Schneegestöber.

Lena Lundmarks roter Ballon flog, vom Sturm gezaust, mit rasender Geschwindigkeit gen Osten. Er hielt sich viele Stunden in der Luft, bis schließlich die Kräfte sowohl des Sturmes als auch des Ballons erlahmten. Der Ballon landete in der Ponoi-Ebene auf der östlichen Halbinsel Kola, in der Nähe eines Dorfes, wo ihn der russische Afghanistan-Veteran Grigori Tschubakow in den Weidenzweigen am Flussufer entdeckte. Der auffallende Schriftzug vom Roten Kreuz Ålands veranlasste Grigori zu der flüchtigen Überlegung, ob er die Behörden über den Fund informieren müsste. Aber verflixt, warum eigentlich? Die vermaledeite Miliz würde den guten und teuren Stoff beschlagnahmen. Und so beschloss er, den Ballon für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Im Laufe des Sommers nähte er daraus dreißig rote Zelte, die er entlang der Küste und in den Einöddörfern am Fluss an Jäger und Wanderer verkaufte. Das Geld vertrank er. Seine Ausbeute betrug fast hundert Flaschen Wodka.

2

Bei starkem Gegenwind eine erwachsene Frau zu tragen, und sei es auch nur über eine Distanz von drei Kilometern, ging auf die Kräfte, wie Hermanni Heiskari feststellte, der wahrlich kein kleiner Mann war. Wenn man lange arbeitslos war, ließ die Kondition nach, das musste er sich eingestehen. Am liebsten hätte er die Last zwischendurch auf dem Eis abgelegt und eine Zigarette geraucht, aber als Gentleman-Waldbursche kämpfte er sich, mit Lena auf den Armen, bis zum Ziel durch. Die Hütte stand dicht am Ufer einer nach Südwesten hin offenen Bucht, vorgelagert war eine kleine Nebeninsel, außerdem ragten mehrere Felsen aus dem Eis. Es war eine karge Unterkunft, aber sie bot Schutz vor dem Wind, und, als Hermanni Feuer im Herd gemacht hatte, auch Wärme. In der Hütte waren Übernachtungsplätze für acht Wanderer, und in der Ecke stand ein Telefon, das allerdings nicht funktionierte. Im Gästebuch steckte ein Zettel, auf dem jemand notiert hatte: Telefon wegen wiederholter mutwilliger Beschädigung abgeschaltet. PS.: VERDAMMTE SCHEISSKERLE!

Der Ofen aus Natursteinen zog wunderbar, denn draußen herrschte weiterhin Sturm. Nach ein paar Stunden war es in der Hütte schon richtig gemütlich. Hermanni machte im Kessel Wasser heiß und half Lena Lundmark, sich auszuziehen und zu waschen. Als die blutigen Schrammen in ihrem Gesicht gesäubert waren, zeigte sich, dass sie blendend aussah. Dasselbe konnte man von der Figur sagen. Die Beckengegend war allerdings geschwollen, und das linke Bein ließ sich nicht drehen oder bewegen. Hermanni hatte außerdem den Eindruck, dass es kürzer war als das rechte. Vielleicht war die Hüfte ausgerenkt? Er half Lena wieder in ihre Nerzkluft.

Zum Inventar gehörte ein kleiner Erste-Hilfe-Kasten, der Schmerztabletten, Verbandsmull und anderes Notwendige enthielt. Die Mäuse hatten zwar einen Teil der Pflaster aufgefressen, aber nicht alle. Nun war getan, was möglich war, und es galt, auf das Abflauen des Sturms zu warten.

Hermanni müsste wohl irgendein Gerät zum Ziehen bauen, um Lena aufs Festland und anschließend ins Krankenhaus zu schaffen, wenn nicht zufällig jemand mit dem Motorschlitten vorbeikäme. Die Gondel des Heißluftballons ließe sich sicherlich irgendwie dazu nutzen, man müsste sie nur mit Kufen versehen, sagte er sich. Die Tortur, Lena Lundmark meilenweit auf den Armen zu tragen, wollte er sich dann doch lieber ersparen, dazu war ihm die Frau einfach zu groß.

Eine andere Möglichkeit kam ihm in den Sinn. Wie wäre es, wenn er eines der vorhandenen Seile unter den Achseln der Patientin hindurchführen würde, sie dann mit dem Kopf in Fahrtrichtung aufs Eis legte und zöge wie einen Rutschschlitten? Die Schlaufe des Seils könnte er, ohne dass sie einschnitt, unter den Brüsten befestigen. Das Nerzfell war bestimmt schön glatt und als Gleitunterlage bestens geeignet. Hermanni trat näher heran und streichelte von hinten die Nerzhose, um zu prüfen, wie die Fellhaare standen. Mit dem Strich, glücklicherweise.

»Was grapschen Sie da herum?«, rief die Patientin gereizt, als sie merkte, dass Hermanni ihr über den Hintern strich.

Er lief rot an.

»’tschuldigung.«

Hermanni sah sich genötigt zu erklären, dass es sich um eine harmlose Überprüfung handelte.

»Ich wollte nur mal sehen, in welche Richtung die Haare auf Ihrem Hintern stehen.«

Auch die Erklärung musste erklärt werden, ehe das Vertrauen zwischen Patientin und Retter wiederhergestellt war.

Einer feinen Dame konnte man wohl nicht gut Erbsensuppe aus der Dose anbieten, aber Hermanni hatte ja seine Angelausbeute, den großen Saibling. Er säuberte, filetierte und salzte ihn, dann schnitt er mehrere Portionsstücke ab, tat ein paar Zwiebeln und einige Messerstiche Butter hinzu und schob alles in den Ofen. Als der Fisch eine Stunde später gar war, langten Lena und Hermanni tüchtig zu. Lena erklärte, dass sie schon seit Langem keine so herrliche Mahlzeit mehr genossen habe.

Anschließend legten sie sich nieder und schliefen bis zum frühen Morgen. Inzwischen ließ der Sturm nach. Irgendwann gegen sechs Uhr in der Frühe fuhr ein Motorschlitten vor, und herein marschierten zwei junge Männer in Windanzügen. Hermanni kochte Kaffee und servierte Brote, die er mit ein paar Scheiben vom gebratenen Fisch belegte. Die jungen Männer schnippten Bierdosen auf und verkündeten großspurig, dass sie ein Konzert geben wollten, sofern Interesse bestand. Sie erzählten, dass sie Künstler aus Forssa, Musiker von einigem Format seien. Sie hatten Urlaub genommen und waren in die nördliche Einöde gekommen, um zu üben. Darüber hinaus versprachen sie sich hier in der Stille der Wildmark jede Menge Inspiration. Sie beabsichtigten, am nächsten Tangofestival in Seinäjoki teilzunehmen, erwarteten dort ein gutes Abschneiden und also Ruhm und einen Haufen Geld.

»Wobei es uns nicht so sehr ums Geld geht, in der Kunst ist die Demut das Wichtigste.«

Hermanni Heiskari bat sie freundlich, Lena Lundmark mit ihrem Motorschlitten aufs Festland zu bringen, denn die Schwedin sei mit dem Heißluftballon auf dem Eis des Sees notgelandet und habe sich dabei ernsthaft verletzt. Die jungen Männer glaubten die fantastische Geschichte nicht im Geringsten, versprachen aber trotzdem zu helfen. Sie erklärten, der Sturm habe die Fahrspur auf dem See verweht. Vielleicht könnten sie die Tour am nächsten Morgen machen?

Damit galt es sich abzufinden. Nachdem die beiden ihr Frühstück verzehrt und das erste Bier intus hatten, begannen sie mit einem infernalischen Tangokonzert. Der Ältere der beiden, Taneli Lankinen, holte von draußen aus seinem Gepäck ein Akkordeon, und der Jüngere, Juhani Ruskoaava, räusperte sich gründlich. Dann ging es los.

»Märchenland«, »Tango auf dem Meer«, »Nur Sand«, »Tango Pelargonia«, »Silberner Mond« …, pausenlos wurden Lena und Hermanni mit diesen immergrünen Tanzmelodien beschallt, bis zum Abend und, damit nicht genug, auch noch die ganze Nacht hindurch. Gelegentlich vergossen die Künstler sogar Tränen der Rührung, verbeugten sich und erwarteten Applaus. Lena Lundmark äußerte den Wunsch, das Tangotraining möge zur Nacht unterbrochen werden, aber das ließ das künstlerische Feuer nicht zu: »Tango auf dem Meer, er klingt und klingt und klingt …«

Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Musikanten für zwei Stunden in Schlaf, aber gleich nach dem Frühstück zückte Lankinen erneut das Instrument. Nach ein paar Bier schallten wieder herzzerreißende Tangos durch den Raum. Solist Ruskoaava machte einen tiefen, wackeligen Diener vor der auf dem Feldbett ruhenden Lena Lundmark und forderte sie zum Tanz auf. Hermanni knurrte, dass ihn das Ganze anstinke. Ruskoaava war beleidigt, als die pelzbekleidete feine Dame seine Tanzkünste nicht würdigte. Er ließ ein paar Stücke aus und schmollte über die erlittene Abfuhr, aber nach einer Weile zog ihn die Kunst erneut in ihren Bann. Jetzt kam das wehmütige Stück über den Inarisee an die Reihe: »Wie lang, so tief …« Lankinen, der die Augen andächtig geschlossen hielt, gab sich seinem Spiel so ekstatisch hin, dass er die Diskanttasten beschädigte, als das Instrument an den Herd knallte. Lena Lundmark und Hermanni Heiskari waren zu Tode erschöpft und glaubten, jetzt endlich Ruhe zu haben, aber vergebens. Taneli Lankinen förderte von irgendwo eine Mundharmonika zutage, die von nun an den zum Tangokönig aufstrebenden Künstler Juhani Ruskoaava beim Gejohle immer neuer Lieder begleitete.

»Wir haben beschlossen, in dieser Woche zweitausendfünfhundert Tangos zu proben, koste es, was es wolle. Wir haben sämtliche finnischen Tangos von 1924 an im Repertoire, dazu noch hundert aus anderen Ländern.«

Gegen Mittag erklärte Lena Lundmark, dass sie es nicht länger aushalte, und sie bat Hermanni, etwas zu unternehmen, damit das Konzert enden möge. Der sommerliche Schneesturm war abgeflaut, inzwischen schien bereits die Sonne, aber durch die Hütte auf der Insel Kahkusaari dröhnten weiterhin sentimentale Tangos, als gäbe es kein Morgen.

Während einer kurzen Pause erklärte Hermanni den Burschen draußen in strengem Ton, dass die Tangoproben seinetwegen bis zum Herbst fortdauern könnten, er selbst aber wolle sich jetzt den Motorschlitten ausleihen und die Patientin ins Gesundheitszentrum fahren. Er verlangte die Schlüssel und versprach, in zwei Tagen zurück zu sein und den Sänger und seinen Begleiter abzuholen.

»Kommt nicht infrage, dies ist ein Mietschlitten, bezahlt von unserem Geld, wir sind kein öffentlicher Verkehrsbetrieb«, teilte der Sänger mit. Das war zu viel für Hermanni Heiskari, er zog die dicke Angeljacke aus, krempelte die Ärmel hoch und donnerte:

»Los, kommt her!«

Diese unkünstlerische Wendung hatten die beiden Musiker wohl schon erwartet, denn sie nahmen die Beine in die Hand, schleppten ihre Taschen und Rucksäcke und das defekte Akkordeon in den Schlitten, starteten ihn und flohen blindlings in die Landschaft. Hermanni Heiskari war von dem ganzen Vorgehen so verblüfft, dass er die Flucht nicht verhindern konnte, obwohl er dem Schlitten fast einen Kilometer über das Eis hinterherlief. So verschwanden Tangosänger und Begleiter auf dem weiten Inarisee, und Hermanni konnte nichts dagegen tun.

Im Ort Inari angekommen, wandten sich die beiden Musiker an die Polizei und berichteten, dass sie in einer entlegenen Wanderhütte sonderbare Leute angetroffen hätten, die sich gewalttätig aufführten, Kleidung aus Nerzpelzen trugen, furchtbare Stimmen hatten und Unterkünfte, die der Allgemeinheit dienen sollten, für sich allein beanspruchten. Auch hatten sie versucht, armen Künstlern ihr einziges Fahrzeug zu stehlen. Zu allem Überfluss mimten sie die Kranken, unverschämt wie sie waren. Die Bevölkerung sollte sich vor ihnen in Acht nehmen.

Später stand in der Lokalzeitung eine kurze Meldung, in der es hieß, dass auf dem Inarisee grob gegen das Jedermannsrecht verstoßen worden sei. Die Vorgänge hatten somit derartige Ausmaße angenommen, dass ein Einschreiten der Behörden unbedingt erforderlich sei, damit der Bereich des Sees vor der Willkür von Leuten aus dem Süden geschützt würde. »Diese unfassbaren Rechtsverletzungen, die immer wieder und viel zu oft auf Kosten der örtlichen Bevölkerung begangen werden, dürfen nicht stillschweigend hingenommen werden.«

Zu Tode erschöpft wuschen sich Hermanni und Lena, aßen gesalzenen Fisch und gingen schlafen. Auf der Ecke des Herdes lag noch Tanelis Mundharmonika, die er beim eiligen Aufbruch vergessen hatte. Hermanni zerquetschte sie vor dem Schlafengehen in seiner Pranke, dass sie in tausend Stücke zerfiel.

3

Zwei Tage warteten die beiden in der Hütte auf Hilfe, die nicht kam. Das Wetter besserte sich, der Himmel wurde klar, die Sonne brannte und ließ die weite Fläche des Sees schwarz erscheinen. An den Ufern begann das Eis zu schmelzen, stellenweise war auf ein, zwei Meter schon offenes Wasser. Hermanni musste am Ufer einen langen Balken auslegen, um festes Eis erreichen und angeln zu können. Lena lag reglos in der Hütte und stöhnte nur manchmal vor Schmerz. Hermanni fing kleine Forellen, die er in Butter briet, aber die Patientin hatte keinen Appetit. Ihre Stirn fühlte sich heiß an.

Hermanni schleppte die Gondel des Heißluftballons vom Unglücksort herbei und baute sie zum Schlitten um. Auf dem Dachboden der Hütte fand er uralte und abgenutzte Skier, die immerhin noch als Kufen taugten. Vom Ballon waren zig Meter Seil übrig geblieben, sodass es keine Probleme machte, ein Zuggeschirr zusammenzuknüpfen. Zu guter Letzt stellte Hermanni seinen Angelhocker, der als Sitz dienen sollte, in die Gondel, das kranke Bein der Patientin wollte er mit einem Seil am Gondelrand festbinden.

Als drei Tage seit der Flucht des Tangosolisten und seines Begleiters vergangen waren, trug Hermanni Lena Lundmark nach draußen aufs Eis und setzte sie in die Gondel. Er lud all sein Gepäck mit hinein, sein Angelzeug, den Proviant (Butter, Brot, Fisch, Salz, Zwiebeln), die Axt, den Rucksack, dann zog er den Schlitten an. Es war ein so herrlich klarer Morgen, dass dem Retter und der Patientin die Augen brannten. Am Himmel schrien die Gänse, und der Frühlingswind strich Hermanni sanft übers Gesicht, aber Lena hatte Fieber und klagte mit leiser Stimme.

Hermanni Heiskari packte mit festem Griff die Seile und setzte sich gen Inari in Marsch, nicht nach Ivalo, denn Inari war näher, bis ans Ziel waren es nur drei Meilen. Eine Weile überlegte er, ob er sich nach Nordosten, gen Partakko, wenden sollte, aber irgendwie gefiel ihm die Richtung nicht, außerdem waren es auch bis dort mehr als zwanzig Kilometer.

Die schwere Fuhre glitt sacht über das feuchte Eis. Hermanni sagte sich, dass diese Rettungsaktion im wahrsten Sinne des Wortes vollen Körpereinsatz verlangte. Die Schwedenpatientin saß still im Korb und klagte nicht mehr, ihr fehlte die Kraft.

Hermanni Heiskari zog den Schlitten bis zur Südwestspitze der Insel Viimassaari, dann wandte er sich nach Westen zu den Hopiakivi-Inseln, kleinen felsigen Klippen, wo er frischen Fisch zum Mittagessen angelte. Fünf Kilometer hatte er mit dem Schlitten jetzt zurückgelegt. Bald biss die erste kleine Rotforelle an. Als Hermanni ein halbes Dutzend Exemplare beisammenhatte, ging er zur zwei Kilometer entfernten Insel Hirvassaari, um eine dünne Kiefer zu fällen. Er zerkleinerte sie auf dem Eis und machte Feuer, dann setzte er Kaffeewasser auf, und in der Wartezeit filetierte er die Fische. Er schnitt aus dem Baumstamm ein flaches Stück Holz heraus, spießte die Fische mit kleinen Stöckchen drauf und ließ sie so am Feuer garen. Kein übler Imbiss auf der Wanderung, aber Lena Lundmark hatte Schmerzen und musste gefüttert werden wie ein kleiner Vogel. Häppchen für Häppchen reichte Hermanni ihr auf der Messerspitze.

Um sie zu trösten, erzählte er ihr von den schlimmen Momenten seines eigenen Lebens. Er hoffte, dass sie auf diese Weise auf andere Gedanken kommen würde und ihre Schmerzen für eine Weile vergäße. Ein leidender Mensch gewinnt Trost aus den noch schlimmeren Prüfungen, durch die ein anderer gegangen ist.

»Ich war wohl vierzehn damals, als wir draußen am Sotajoki Rundhölzer schälten. Es war Frühjahr, der Schnee lag noch einen Meter hoch und der Holzstapel war komplett vereist. Mit dem Brecheisen rissen wir uns die Hölzer herunter, je nachdem, wie wir sie brauchten. Na gut. Eines Abends war der verfluchte Stapel, der immerhin mehr als drei Meter Höhe hatte, ein bisschen abgetaut, und als ich neue Hölzer herausriss, donnerte die ganze verdammte Vorderfront auf mich armen Bengel herunter. Ich war bis zum Hals zugedeckt, bloß der Kopf war zum Glück frei, sodass ich schreien konnte. Und das tat ich dann auch!«

Hermanni rief zur Illustration um Hilfe. Er brüllte so qualvoll und mit so weittragender Stimme, dass der ganze riesige See widerhallte, von den Ufern kam das Echo zurück, die von Todesnot kündenden Hilferufe des wackeren Holzfällers kreuzten hin und her, dass Lena Lundmark erschauerte.

Hermanni erzählte, dass er den ganzen restlichen Tag und auch noch die Nacht hindurch geschrien hatte, aber erst in den frühen Morgenstunden hatte im acht Kilometer entfernten Camp einer der Männer erstaunt gefragt, wo eigentlich der Hermanni abgeblieben sei. Als dann alle zusammen nach draußen gegangen waren, hatten sie ein lautes Jaulen gehört, wie von einem Fuchs, der in die Falle geraten war.

»Na, schließlich retteten sie mich, inzwischen war es schon sieben Uhr abends. Sie rissen die Hölzer von mir runter, zogen mich nackt aus und massierten mich mindestens eine Stunde lang, bis mein Blut wieder pulsierte. Drei Tage lag ich flach, ehe ich mich wieder an die Arbeit wagte.«

»Wie schrecklich!«

»In jener Woche fiel mein Lohn um die Hälfte kleiner aus.«

Hermanni erzählte noch weitere wahre Geschichten, ein paar deftige vom Schmucken Jussi und schließlich eine Jagdstory aus seiner eigenen Familie. Hermannis Großvater war eines Tages auf der Bärenjagd in Salla in seine eigene Falle geraten. Er versuchte, das Eisen mit beiden Händen aufzubiegen, aber dafür reichte die Kraft eines einzelnen Mannes nicht aus.

»Der Alte biss seinen eigenen Fuß ab und spuckte die Knochensplitter in den Schnee. Er verlor gut zehn Liter Blut, der Schnee färbte sich rot, als er die zwanzig Kilometer nach Hause kroch.«

Während Hermanni der Patientin eine Forelle in heißer Butter reichte, fügte er noch hinzu:

»Später war der Großvater jedes Mal froh, dass er bloß noch einen Ski zu teeren brauchte. Das ist eine enorme Ersparnis für einen armen Schlucker.«

Hermanni ergänzte, dass im Testament des Großvaters zwanzig Holzfüße und mindestens dreißig unbenutzte rechte Schuhe verzeichnet gewesen waren, inbegriffen Filzpantoffeln, Gummi- und Lederstiefel. Alle Exemplare neuwertig, aber einzeln für einen Zweibeiner wertlos.

Diese Geschichten linderten Lena Lundmarks Qualen ungemein, sogar das Essen begann ihr wieder zu schmecken. Sie seufzte, dass sie gar nicht gewusst hatte, wie hart das Leben im Norden bisweilen für die Menschen sein konnte.

»Wie es für die Menschen ist, weiß ich nicht, aber für uns fliegende Waldarbeiter ist es manchmal ziemlich hart.«

»Sie sind demzufolge gar nicht wirklich Flieger, also Flugkapitän, Steward oder so etwas?«

»Geflogen bin ich höchstens mal aus der Kneipe.«

Unter solcherlei Geplauder verging der Tag. Um diese Zeit wurde auf Anordnung der Behörden die Suche im skandinavischen Luftraum, über dem Süden Schwedens, Norwegens und Finnlands, eingestellt: Der Heißluftballon, der einen Medienflug für das Rote Kreuz absolviert hatte, war nicht gefunden worden. Die Juristen der åländischen Lundmark-Reederei und des Speditionsunternehmens, das ebenfalls Lena Lundmark gehörte, versammelten sich, um zu besprechen, wie sie die Anteile der Hauptaktionärin an die Erben verteilen könnten, ohne dass sich der Staat in Form der Steuer ein zu großes Stück vom Kuchen abschnitt.

4

Am Nachmittag wandte sich Hermanni mit seiner Fuhre gen Süden, denn am Nordufer der Insel Leviän Petäjäsaari standen gleich zwei Hütten, Loimu und Rauta. Die erste wollte er zur Nacht erreichen. Eigentlich war es auch egal, um welche Zeit er auf die Insel gelangte, denn der Sommer war so weit fortgeschritten, dass es gar keine Nacht gab, die Sonne ging nicht mehr unter.

Überall auf den Inseln sangen die kleinen Vögel, die ganze Welt war gleichsam erfüllt von ihrem Gezwitscher, und das schmelzende Eis an den Ufern klirrte und klingelte dazu wie tausend Silberglöckchen. Das Eis wurde unter der sengenden Sonne matschig und dunkel. Aber draußen auf dem See würde es noch tragen, das zumindest nahm Hermanni an. An den Ufern musste er höllisch aufpassen, und manchmal dauerte es eine Weile, bis er die geeignete Stelle fand, um seinen Korbschlitten hinüberzuziehen. Einige Male musste er durchs Wasser waten und Lena Lundmark auf den Armen ans Ufer tragen, ehe er den Schlitten vom Eis auf festen Boden ziehen konnte.

Auf der eintönigen Wegstrecke von Insel zu Insel erklärte er Lena Lundmark, was es mit der Bezeichnung fliegender Geselle auf sich hatte. Einst, als es in Lappland noch manuellen Holzeinschlag in großem Stil gab, verdingten sich Waldarbeiter zum Bäumefällen, und sie wurden fliegende Gesellen genannt. Der Berufsstand bekam hier oben im Norden eine gewisse Aura, und auch heute noch wurden diese Männer nicht mit den Strolchen oder üblen Gesellen aus den Städten in einem Atemzug genannt. Viele dieser Holzfäller besaßen keine Familie und auch sonst keine Angehörigen, hatten also kein Heim und auch keine Heimatgemeinde, waren nirgends gemeldet. Ihr ganzer Besitz passte in den Rucksack, und manchmal kam auch der noch abhanden. Die Männer zogen herum, wechselten von einem Holzplatz zum anderen, fuhren gelegentlich nach Kemijärvi oder Rovaniemi, um das verdiente Geld zu verjubeln, und kehrten immer wieder zurück, um die finsteren Wälder einzuschlagen. Es war auf gewisse Weise ein Leben voller fliegender Wechsel, daher der Name.

»Hab selber auch an tausend verschiedenen Orten gewohnt und mehr als genug Fliegerei gehabt in meinem Leben.«

»Heißt das, dass Sie auch heute noch kein eigenes Heim haben?«

»Tja, eigentlich nicht.«

Hermanni erzählte, dass er in einer kleinen Saunahütte am künstlichen See von Porttipahta wohnte, die er vom Kraftwerkskonzern gemietet hatte.

»Hab dort mein Angelrevier, aber jetzt wollte ich mal hier im Inarisee mein Glück versuchen. Als fliegender Geselle hat man keine Familie, kann wegfahren, wann es einem passt.«

Hermanni war schon mehrfach am Inari gewesen, kannte den See gut. Eigentlich kannte er in Lappland jeden Winkel, hatte auch Helsinki und einmal sogar das Ausland besucht.

Lena Lundmark betrachtete sinnend den Rücken des Mannes, der da vor ihr ging. Hermanni Heiskari stapfte in langen Schritten gleichmäßig dahin, das Seil hatte er sich über die Schulter geworfen, seine Haltung war gebeugt. Da trabte ein einfacher Mann aus den tiefen Wäldern, ein bitterarmer Kerl, und im Schlitten saß eine reiche Frau, eine Multimillionärin. Lena bekam Mitleid mit ihrem Zugpferd. So standen die Dinge nun mal in dieser Welt, der Arme zog und der Reiche ließ sich ziehen. Immer.

Auch Hermanni vorn in den Seilen dachte über sein Los nach. Hier zog er, ein freier und lediger Mann, die herrschaftliche Dame wie ein Sklave, ein ungehobelter, nichtswürdiger Bursche, elend und mittellos. Wenn es in Finnland zum Aufstand käme, würde er, Hermanni, allerdings gewiss nicht als Pferd schuften, sondern würde mit dem Sturmgewehr den herrschaftlichen Industriesanierern den Marsch blasen. Schon seit Jahren sann Hermanni auf Rache und probte in Gedanken den Aufstand. Er hatte viele seiner Gedanken zu Papier gebracht, in aller Heimlichkeit und Stille. Und er wusste, dass er nicht allein, sondern Mitglied einer trostlosen Armee von fast einer halben Million Arbeitslosen war.

Bei diesen bitteren Gedanken blieb Hermanni stehen und drehte sich zu seiner Fuhre um. Sein verhärtetes Gemüt schmolz. Auf dem Angelhocker in der Gondel des Heißluftballons saß eine schöne Frau, die Schmerzen hatte, diese aber tapfer zu verbergen versuchte. Eine Frau, die auf eigene Kosten und bei Sturmwind eine abenteuerliche Fahrt antrat, um den Katastrophenfonds des Roten Kreuzes zu unterstützen.

»Eigenartig, dass die kleinen Vögel singen, obwohl der See noch vereist ist. Frieren sie nicht?«

»Im Wald, wo sie nisten, ist’s warm.«

Als Hermanni die Insel Petäjäsaari erreichte, wechselte er die Position und stellte sich hinter den Schlitten, um ihn zu schieben. Falls sie auf dünnes Eis gerieten, bestünde, wenn er zog, die Gefahr, dass er einbrach. Beim Schieben könnte er sich und auch noch den Schlitten retten. Sie gelangten jedoch heil ans Ziel. Hermanni heizte die Hütte, machte Essen und verabreichte der Patientin die restlichen Schmerztabletten, die er aus der Hütte von Kahkusaari mitgebracht hatte.

Bevor Lena Lundmark einschlief, flüsterte sie Hermanni ein Versprechen zu. Sollte sie diesen Ausflug überleben, würde sie ihren Helfer so fürstlich belohnen, wie er es sich gar nicht vorstellen könnte.

»Ach, was heißt hier Helfer, ich hab ja lieber eine Frau bei mir, als dass ich hier auf dem See allein bin.«

Am nächsten Morgen zog Hermanni den Korbschlitten in eine neue Richtung, diesmal nach Westen. Er beabsichtigte, bis Mittag die Suovasaari-Inseln zu erreichen, denn er erinnerte sich, dass es dort trockenes Brennholz und eine überdachte Kochstelle gab. Die Entfernung betrug etwa fünf Kilometer, und das passte. Und von den Klippen aus könnte er versuchen zu angeln.

Hermanni erzählte, wie die Suovasaaret, die »Schoberinseln«, ihren Namen bekommen hatten.

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