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Vom Glück überrumpelt

Karen Templeton

Vom Glück überrumpelt

1. KAPITEL

Als Eli Garrett seinen alten Pick-up mühelos die kurvige Bergstraße hinauflenkte, wirbelte das Laub hinter ihm auf. Mit einer Hand hielt er entspannt das Lenkrad, während er mit der anderen auf dem Armaturenbrett den Rhythmus des Songs trommelte, der im Radio lief. Hinter ihm klapperten und schepperten zur Verstärkung Leitern und Werkzeug auf der Ladefläche.

Perfekt, dachte Eli, als er die letzte Kurve vor seinem Haus erreichte, die von der Abenddämmerung in Schatten getaucht wurde. Er hatte einen Scheck von einem begeisterten Kunden in der Tasche und Evangelista Ortegas Hühnchenenchiladas lagen gut verpackt auf dem Beifahrersitz. Ein wunderbarer, freier Herbstabend lag vor ihm …

„Was zum Teufel …!“

Er riss das Steuer herum, um der zarten Figur auszuweichen, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war und auf der falschen Straßenseite joggte. Die Läuferin schrie auf, dann stolperte sie und stürzte in ein Dickicht aus Wüstensalbei und Hasenpinsel. Sie fluchte dabei laut in einer Mischung aus Spanisch und Englisch.

Das Zeug auf seiner Ladefläche polterte ganz gewaltig, als Eli mit einer Vollbremsung am Straßenrand hielt und aus dem Auto sprang. „Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen!“, rief er und rannte auf die Frau zu, die sich schon wieder aufrappelte. „Alles in Ordnung?“

Im Lichtstrahl seiner Rücklichter fuhr sie herum, und der letzte Rest von Elis guter Laune verschwand.

Er erstarrte, weil er keine Ahnung hatte, was er als Nächstes tun sollte. Als sie ihn erkannte, versteifte sich auch Teresa Morales – nein, Montoya.

„Himmel, Tess – willst du, dass ich einen Herzanfall bekomme?“

Tess klopfte Laub von ihrem Po und warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Also, du hast meinem Kreislauf jetzt auch nicht unbedingt gutgetan. Verdammt.“ Sie zog sich das Schweißband vom kurzen, lockigen Haar und setzte sich auf den Boden, um eine hässliche Schnittwunde an ihrem Schienbein zu begutachten. „Blute ich? Bei der Beleuchtung kann ich nichts erkennen.“

„Wenn ich nachsehe, versprichst du dann, mir nicht den Schädel einzuschlagen?“

Sie warf ihm einen Blick zu, dann schaute sie wieder die Verletzung an. „Du hast Glück gehabt, ich bin unbewaffnet.“

Eli ging neben ihr in die Hocke und versuchte, nicht auf ihren Geruch zu reagieren. Derselbe Duft, der ihm den Verstand geraubt hatte, als er siebzehn war. Der jetzt drohte, sein Gehirn lahmzulegen. Vor allem, als er ihr Bein hochzog, um besser sehen zu können, und ihre kühle, glatte Haut unter den Fingern spürte …

„Autsch!“

„Sorry“, murmelte er. „Ja, du blutest ganz schön. Muss ein hervorstehender Ast oder so gewesen sein. Warum um Himmels willen gehst du mitten in der Nacht laufen? Und warum in aller Welt hier draußen?“

„Ich bin bei Tageslicht losgelaufen“, brummte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Eli bemerkte, dass ihre Hand zitterte, als sie das Blut abtupfte. Als ob sich ihr Widerspruchsgeist mehr oder weniger verflüchtigt hatte.

Eli seufzte. „Warte mal, ich habe ein paar Papiertücher und Wasser im Pick-up.“

Sie nahm das feuchte Papiertuch, das er ihr kurz darauf reichte, und drückte es auf die Wunde. Offensichtlich musste sie sich darum bemühen, nicht zusammenzuzucken.

„Alles okay?“

„Mir geht’s gut“, fauchte sie. Dann stöhnte sie und presste die Lippen zusammen. „Ehrlich“, sagte sie. Sanfter, diesmal. Und er musste sich zurückhalten, um ihr nicht ins Gesicht zu sagen, dass das offensichtlich eine Lüge war.

Eli lehnte sich auf den Fersen zurück und versuchte ihren Anblick mit seiner Erinnerung an sie in Einklang zu bringen. Der Erinnerung sowohl an das sorglose sechzehnjährige Mädchen, in das er sich bis über beide Ohren verliebt hatte, als auch an die Geschäftsfrau voller Witz und Selbstvertrauen, zu der sie sich in den letzten Jahren entwickelt hatte. Jedenfalls, soweit er gehört hatte. Denn seit Elis Riesendummheit damals hatten sie kaum mehr als zehn Worte miteinander gewechselt.

Aber in einer Kleinstadt wie Tierra Rosa konnte man jahrelang nicht miteinander reden und trotzdem genau über das Leben des anderen Bescheid wissen.

„Wo sind die Kinder?“, fragte er und tauschte ein blutiges Papiertuch durch ein sauberes aus.

„In Albuquerque. Bei ihrem Vater“, sagte Tess und verzerrte das Gesicht zu einer Grimasse. Sie warf ihm einen Blick zu. Gerade lange genug, dass er den Schatten der Wut in ihren Augen erblickte. Dann schaute sie wieder auf ihr Bein hinunter und drückte das Tuch auf die Wunde. „Gestern wäre unser neunter Hochzeitstag gewesen.“

„Sorry.“

Sie zuckte die Achseln, stand auf und belastete den Fuß.

„Komm schon, ich nehme dich mit zu mir und verarzte dich richtig.“

Mit offensichtlich zusammengebissenen Zähnen machte Tess noch einen Schritt. Fluchte verhalten. „Wie wäre es, wenn du mich stattdessen nach Hause fährst?“

„Weil ich irgendwie das Gefühl habe, dass du im Augenblick nicht allein sein solltest.“

Sogar in der Dunkelheit merkte er, wie sie ihn anfunkelte. Spürte auch den Schmerz, der sich hinter ihrer Reaktion versteckte. Und nicht nur wegen ihres Beins. „Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich nach deiner Meinung gefragt habe. Wenn du mich nicht mitnehmen willst, dann schaffe ich es auch alleine nach Hause.“

„Vor dem nächsten Sonntag?“

Ihr Blick verfinsterte sich so sehr, dass Eli beinahe lachen musste. „Ich sage dir was: Wie wäre es, wenn wir zu mir fahren, die Wunde reinigen, und danach bringe ich dich nach Hause?“ Als sie immer noch zögerte, sagte er: „Vielleicht kann ich auch irgendwo einen Schluck Whiskey auftreiben.“

„Warum? Falls du amputieren musst?“

„Schadet nie, auf alles vorbereitet zu sein.“

Obwohl sie irgendwas über gottverdammte Pfadfinder vor sich hin knurrte, ging Tess auf den Pick-up zu. Eli versuchte ihr den Arm um die Taille zu legen, um sie zu stützen. Zum Dank erhielt er einen Klaps auf die Hand.

Es dauerte nur ein paar Minuten bis zu seinem Haus, einem unscheinbaren Gebäude im Adobestil, das er vor einiger Zeit gekauft hatte, weil es sich gleich in der Nähe vom Familienbetrieb – einer Schreinerei – befand. Die Werkstatt wiederum war nur ein paar Meter vom Haus seiner Eltern entfernt.

War es schick? Himmel, nein. Billig und bequem? Das schon eher.

Tess schaffte es, auf eigene Faust aus dem Pick-up zu rutschen – was für eine Riesenüberraschung. Dann brauchte sie ein paar Sekunden, um sich zu orientieren oder das Haus unter die Lupe zu nehmen. Oder vielleicht beides.

„Das Haus wirkt im Dunkeln ganz anders“, bemerkte er und trug die Enchiladas an ihr vorbei. Sie würde schon hinter ihm her hinken, wenn sie so weit war, dachte er.

„Klar“, murmelte sie.

Schließlich hatte sie es ins Haus geschafft. „Hmm“, sagte sie. Es war nicht klar, ob das dem weitläufigen Innenraum galt – der dadurch entstanden war, dass er ein paar Wände eingerissen hatte – oder dem fehlenden Junggesellenchaos. Dann deutete sie auf ihre Verletzung. „Versorgung der Verwundeten?“

„Einfach geradeaus, zu deiner Rechten. Der Erste-Hilfe-Kasten ist unter dem Waschbecken. Ich nehme an, du brauchst keine Hilfe?“

„Nein“, bestätigte sie und humpelte davon.

Lass dich da bloß nicht mit reinziehen, dachte er.

Tess stützte sich auf das Waschbecken und bemühte sich, ihren Herzschlag unter Kontrolle zu bringen.

Was in aller Welt hatte sie sich nur dabei gedacht, nicht schon längst umzudrehen, bevor sie von ihrem Haus so weit entfernt war? Vermutlich war es ihr jedoch genau darum gegangen. Wegzulaufen. Weit weg. Nicht für immer, bloß eine Weile. Aber deswegen im Badezimmer von Eli Garrett zu landen?

Also, das war doch mehr als verrückt.

Sie hatten sich nicht öfter als vielleicht ein halbes Dutzend Mal gesehen, seit sie Schluss gemacht hatten. Und nicht mal unbedingt absichtlich so selten. Auch wenn sie sich, nun ja, ganz und gar nicht im Guten voneinander getrennt hatten. Wobei es ihr im Rückblick doch etwas übertrieben vorkam, ihn mit einem Wischmopp in der Hand die Hauptstraße hinunterzujagen.

Seufzend zog Tess den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Schrank und schaute sich ihre Verletzung mal richtig an. Autsch. Für die nähere Zukunft waren Miniröcke erst mal gestrichen.

Sie klappte den Klodeckel herunter und setzte sich. Dann tränkte sie Gaze mit Desinfektionsmittel, bevor sie damit vorsichtig die Wunde abtupfte. Sie zog scharf die Luft ein. Und dann fluchte sie, als ihr heiße Tränen in die Augen schossen – natürlich vor Schmerz, klar, aber noch mehr weil ganz plötzlich Ärger und Frust in ihr aufwallten.

Mit Trauer konnte Tess umgehen. Die hatte sie bewältigt. Mehr oder weniger. Leute ändern sich. Ehen enden. Und das Leben geht weiter.

Die Wut jedoch, die war neu. Und die hatte Tess vor zwei Stunden zur Tür hinausgetrieben, hatte sie zu einem viel zu langen Lauftraining angetrieben. Hatte sie dazu gebracht, Risiken einzugehen, die sie normalerweise vermieden hätte.

Dieser Zorn machte ihr Angst, weil sie seine Grenzen nicht kannte. Eine Menge könnte passieren …

Sie trug etwas antiseptische Wundheilsalbe auf, dann klebte sie ein Pflaster über die Verletzung. Endlich verflog der Schock des Sturzes. Nachdem sie den Kasten wieder unter Elis Waschbecken verstaut hatte, ging sie zurück in den vorderen Raum, eine Kombination aus Wohn- und Esszimmer. Schlicht, mit viel Holz – und überraschend wohnlich. Sie glaubte, ein altes Kordsofa wiederzuerkennen.

Wenn da nicht zwei komplette Bücherregale mit Videospielen und das dazugehörige Durcheinander von Spielkonsolen unter dem Monster von einem Fernseher gewesen wären, hätte man gar nicht vermutet, dass hier ein Junggeselle lebte.

„Na, wie sieht’s aus?“, rief Eli von der Essecke herüber. Sie blickte hinüber zum Tisch – er war für zwei gedeckt – und zum Mann, der ihn gedeckt hatte.

Er hatte sich ein wenig verändert. War größer. Kräftiger. Das lockige, hellbraune Haar war immer noch zu lang, das T-Shirt immer noch zu schlabbrig, die Jeans immer noch abgewetzt. Und er war immer noch zu sehr von sich überzeugt. Mehr als gut für ihn war. Oder – sosehr es sie schmerzte, das zuzugeben – für sie.

Die Hände in die Jeanstaschen gesteckt zuckte Tess die Schultern. „Eine Amputation ist nicht zu befürchten. Äh… was ist das?“

„Abendessen“, sagte er. Dann stellte er erst den einen, dann den anderen Teller mit Enchiladas auf den Tisch. Genau wie Enrique das früher mal gemacht hatte, als sie frisch verheiratet gewesen waren und die Zukunft noch verlockend und sicher vor ihnen lag.

Wut überkam sie. „Ich denke, ich habe gesagt …“

„Ich weiß, was du gesagt hast“, antwortete Eli sanft, auch wenn der Blick, mit dem er sie musterte, ganz anders war. Tu das nicht, wollte sie ihn anschreien, obwohl gleichzeitig Verlangen in ihr aufstieg und sich mit ihrem Zorn vermischte. Schließlich sah er fast jede Frau im ganzen Landkreis so an …

„Aber ich habe mich heute auch den ganzen Tag abgerackert“, fuhr er fort. Ihr Blick traf seinen Mund, und eine weitere Erinnerung schoss ihr durch den Kopf. Was für ein guter Küsser er damals war. Und sie merkte, dass sie kurz davor war, in Selbstmitleid zu zerfließen. Und das machte sie nur noch wütender.

„Und du wohnst am anderen Ende der Stadt. Also werde ich was essen, bevor ich dich heimbringe, wenn dir das recht ist. Und weil meine Mama mir beigebracht hat, dass es unhöflich ist, jemandem was vorzuessen …“, er deutete auf den Teller am anderen Ende des Tisches, „… kannst du auch gleich mitessen.“

Nur weil sie am Verhungern war und zu Hause ihre Menüauswahl mit Tiefkühlpizza begann und auch wieder endete, stieß sie einen nachgiebigen Seufzer aus. „Schön.“ Ihr Bein tat nur ein bisschen weh, als sie zum Tisch hinüberging und sich auf den Stuhl fallen ließ, den er ihr zurechtgerückt hatte.

„Was möchtest du trinken? Ich habe Eistee, Cola, Wasser …“

„Was ist mit dem Alkohol, den du mir angeboten hast?“

Er drehte sich um. Strahlende Augen. Grübchen. Und Tess war nicht begeistert, als sie merkte, dass die Wirkung noch viel verheerender war als vor all den Jahren. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Whiskey auf nüchternen Magen keine so gute Idee ist.“

Tess jedoch hatte ganz entschieden den Eindruck, dass sie die nächsten zwanzig Minuten ohne Betäubung nicht überstehen würde. Sie brauchte etwas, das sie davon abhielt, auf das verwegene Lächeln von attraktiven Exfreunden mit so richtig schlechtem Ruf zu reagieren. „Dann wenigstens ein Bier? Es sei denn, du hast keines da.“

„Oh, da habe ich welches. Es ist nur …“

„Dann gib her.“ Als Eli sie zweifelnd – und nervenaufreibend besorgt – ansah, seufzte sie. „Ein Bier vertrage ich, Eli.“

Sie ignorierte die leise Stimme ihres Gewissens, die flüsterte, dass das eigentlich ganz und gar nicht der Fall war – und der Grund, warum sie so selten Alkohol trank. „Vor allem, wenn ich dabei etwas esse. Und außerdem …“ Sie schaute Eli geradewegs in die Augen. „Das ist einfach total merkwürdig, okay? Dass ich mit dir hier bin. Wenn man den ganzen anderen Mist bedenkt, der gerade in meinem Leben los ist …“

„Verstehe.“ Eli gab ihr das Bier, dann setzte er sich mit seinem eigenen. Und er wirkte so kräftig und verlässlich und männlich und so weiter. Und dann erinnerte sie sich an seinen richtig schlechten Ruf.

„Meinst du denn nicht, dass das seltsam ist?“, fragte sie.

„Doch, absolut.“ Er prostete ihr zu. Durchbohrte sie mit einem Blick aus seinen seltsamen hellbraunen Augen. Beinahe goldenen Augen. Sie hatten fast die gleiche Farbe wie sein Haar, das ihm halb über die Ohren reichte und im Licht des Leuchters glänzte. Seine markanten Gesichtszüge, die gar nicht zu diesen weichen Locken passen wollten …

Tess hob das Glas an die Lippen, und drei Schlucke später war das Glas halb leer.

„He“, empörte sie sich, als Eli ihr das Glas wegnahm. „Gib das wieder her!“

„Nicht bevor du was gegessen hast“, sagte er und machte sich über seinen Teller her. Erst als Tess ein paar Bissen genommen hatte und ihr die Augen vom Chili tränten, erbarmte sich Eli und gab ihr das Bier zurück. Ihr Mund brannte wie Feuer, als sie austrank. Ein Rülpser entschlüpfte ihr irgendwie.

„Hoppla“, kommentierte Eli. Und grinste.

„Weißt du was?“ Tess spießte ein Stück Enchilada auf, das bereits ein bisschen vor ihren Augen verschwamm. „Die sind fast so gut wie meine.“

„Unmöglich“, sagte Eli und nahm einen Riesenbissen auf die Gabel. „Niemand macht bessere Enchiladas als Evangelista.“

„Oh, und woher willst du das wissen? Ich habe Eva wirklich gern. Aber das Rezept von meiner Großmutter … also, Leute haben schon Morde begangen für ihre Enchiladas.“

„Ernsthaft?“

„Okay, nicht wirklich. Aber fast.“ Tess nahm noch einen Bissen. Rülpste wieder. Und betrachtete stirnrunzelnd ihr Glas. „Das ist leer.“

Lachend stand Eli auf und nahm einen Krug aus dem Kühlschrank. „Wie wäre es jetzt mit einem Eistee?“

„Verdammt, nein. Tee kann ich zu Hause auch trinken.“ Sie hielt ihm ihr Glas hin. Auf einmal war sie ganz fasziniert davon, wie es glitzerte. „Her mit einem Bud.“ Sie kicherte. Und bekam einen Schluckauf.

Eli warf ihr einen komischen Blick zu. „Sicher?“

Sie rollte die Augen. „Ich fahre nicht, also ist alles in Ordnung. Oh, komm schon – habe Mitleid mit einer Frischgeschiedenen! Was kann denn schon passieren?“

„Du betrinkst dich und kotzt auf meinen Teppich?“

Tess schüttelte den Kopf. „Ich musste mich nicht mal übergeben, als ich schwanger war“, sagte sie.

Und dann musste sie an ihre Kleinen denken. Und daran, wie sehr sie ihre Kinder liebte. Und wie schwer es war, wenn die beiden bei ihrem Vater waren. Auch wenn das nur ungefähr einmal im Monat der Fall war. Wenn überhaupt.

„Bitte“, sagte sie. Und Eli nahm ihr Glas und schenkte ihr noch ein Bier ein. Gott segne seine verruchte Seele.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte Tess, als er anfing, den Tisch abzuräumen.

„Nein. Alles unter Kontrolle. Ich kümmere mich nur schnell um das Geschirr, dann fahre ich dich nach Hause.“

Sie schenkte ihm ein etwas verhaltenes Lächeln. Dann nickte sie und stand auf. Mehr oder weniger ohne zu schwanken, stellte er erleichtert fest. Sie war zwar nicht unbedingt nüchtern, aber sie war wenigstens auch nicht sturzbetrunken.

Und was ging es ihn schon an, ob sie sich betrank oder nicht? Ob sie einen Narren aus sich machte?

Also warum hatte er dann das Bedürfnis, sich davon zu überzeugen, dass sie nicht kurz vor dem Umfallen war, während er am Spülbecken stand und aus den Augenwinkeln beobachtete, wie sie ins Wohnzimmer ging, die Hände in den Jackentaschen?

„Alles okay bei dir?“, rief er.

Tess nickte. Ein bisschen zu heftig. „Gefällt mir, wie du das eingerichtet hast.“

Er lachte, während er die Teller in den Geschirrspüler stellte. „Ich glaube ‚eingerichtet‘ ist ein bisschen zu viel gesagt. Es sei denn, bei dir bedeutet ‚Innenarchitektur‘, Möbel so aufzustellen, dass man ein Zimmer durchqueren kann, ohne sich blaue Flecken zu holen.“

„Es …“ Sie warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „… passt sehr gut zu dir.“

„Es hilft, wenn man keine Rücksicht auf andere Meinungen nehmen muss.“ Er machte die Spülmaschine zu. Da drehte sie sich im Kreis und ließ sich auf die Couch fallen, ein altes Ding aus Kord, das schon im Wohnzimmer seiner Eltern gestanden hatte. Der Stoff war stellenweise abgewetzt, und die Polster waren ziemlich durchgesessen, aber das Sofa war immer noch verdammt bequem.

Eli überkreuzte die Arme und versuchte, nicht daran zu denken, wie verletzlich sie aussah, wie sie da in den weichen Kissen lag, die Augen geschlossen. „Bequem?“

„So bequem, wie es sein kann, wenn dein Gehirn gerade Matsch ist.“

„Also bist du betrunken.“

„Vielleicht. Ein bisschen.“ Endlich öffnete sie die Augen und betrachtete ihn stirnrunzelnd. „Ich habe nicht gedacht, dass du so … nett sein würdest.“

Eli zog die Augenbrauen zusammen. „Ich bin immer nett!“

„Ich meine, wirklich nett.“

„Was soll das denn heißen?“

„Ich weiß nicht genau.“ Tess kuschelte sich tiefer in die Sofaecke. Als die eigentliche Herrin des Anwesens auf die Sofalehne sprang, stieß Tess einen spitzen Schrei aus. „Lieber Gott, was ist das denn?“

„Eine Katze. Was sonst?“

„Du hast eine Katze?“

„Hast du damit ein Problem?“

„Himmel, bist du empfindlich“, sagte sie. Dann betrachtete sie erneut die Katze. „Der ist ja größer als meine Zweijährige.“

„Sie. Und Größe ist ein echter Vorteil, wenn man in der Wildnis lebt. Die hat mal einen Bären den Baum hochgejagt.“

„Du machst Witze.“

„Willst du das Video sehen?“

„Nein, ich glaube dir auch so. Hat sie einen Namen?“

Das musste sie ja fragen. Er bekam heiße Wangen. „Maybelline.“

Mit großen Augen starrte Tess ihn an; einen Augenblick später prustete sie ganz undamenhaft vor Lachen. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Ich habe ihr den Namen nicht gegeben, okay? Da war diese Frau, für die wir gearbeitet haben. Das war die Katze ihrer Mutter. Aber die alte Dame ist gestorben, und ihre Tochter war allergisch gegen Katzen. Sobald ich einen Fuß in das Haus gesetzt habe, hat sich das verdammte Vieh an mich gehängt wie eine Klette. Also hat die Frau mich gefragt, ob ich die Katze haben will.“

„Und du hast tatsächlich Ja gesagt.“

„Sie hatte schon, oh, zehn Leute gefragt. Wenn ich die Katze nicht genommen hätte, wäre sie ins Tierheim gekommen. Außerdem, schau dir mal ihr Gesichtchen an – wie könnte ich da Nein sagen?“

Noch ein Lachen. „Und du rufst sie tatsächlich Maybelline?“

„Ehrlich gesagt nenne ich sie Belly.“

Belly saß auf der Armlehne des Sofas und schnurrte laut genug, dass im Umkreis von fünf Meilen allen der Schädel vibrierte. Eli hob Belly hoch und kraulte sie unter dem Kinn. Sie brummte wie ein Motor.

„Du. Mit Katze. Unglaublich.“ Tess grinste, und eine Sekunde sah sie beinahe so aus wie das Mädchen, das er einmal gekannt hatte. Einen Augenblick später nahm sie den roten Umschlag vom DVD-Verleih vom Beistelltisch und zog die DVD heraus. „So, so, Bond“, sagte sie.

„Nicht einfach nur Bond. Craig als Bond.“

„Ich persönlich stehe ja mehr auf Brosnan.“

„Hör auf.“

„Was soll ich sagen?“, meinte sie und kam auf die Füße. „Ich mag diese geschmeidige Art … oh, verdammt …“

Eli ließ die Katze fallen und hechtete nach vorne, um Tess aufzufangen, als ihr die Knie weich wurden. Sie schmiegte sich an ihn – was zur Hölle sollte das? –, nur um ihn im nächsten Augenblick wieder wegzustoßen und den Kopf zu schütteln. Zum Glück.

„Du solltest dich hinsetzen“, sagte er und versuchte, sie hinunterzuziehen.

„Ich muss mich nicht setzen. Mir geht’s prima. Ich bin …“

Tränen standen ihr in den Augen, als sie sich in Richtung Tür an ihm vorbeidrängte. Doch dann verlor sie erneut das Gleichgewicht und stieß mit einem Sessel zusammen.

„Um Himmels willen, Tess!“

Sie fuhr herum. „Weißt du wie lange es her ist, seit ich das letzte Mal zusammen mit einem Erwachsenen einen Film gesehen habe?“

„Du kannst gerne hierbleiben und mitschauen.“

„Darum geht es doch nicht!“, rief Tess und ging auf ihn los. Und schwankte ein wenig. „Es geht darum …“ Sie hielt inne. „Es geht darum, dass es um nichts geht! Das hat doch alles keinen Sinn!“

Sie lief in einem Tempo auf und ab, als ob sie gleich abheben wollte. Vielleicht war jetzt kein günstiger Zeitpunkt, um sie zu unterbrechen.

„Weißt du, was ich gefühlt habe, als Ricky gesagt hat, dass er die Scheidung will? Erleichterung. Endlich konnte ich aufhören, den Atem anzuhalten. Denn es war vorbei. Ich hatte offiziell keine Verantwortung mehr für ihn! Ich musste nicht mehr nachts wach liegen, mir Sorgen machen … mich fragen, wann er wieder nach Hause kommen würde, ob er wieder nach Hause kommen würde … ich musste nicht mehr mit einem künstlichen Lächeln herumlaufen und so tun, als ob alles ganz wunderbar ist … und das alles nur, um rauszufinden, dass er mich nicht mehr liebt! Die ganzen Sorgen, alles umsonst, Eli! Umsonst!

Sie warf sich mit erhobenen Fäusten auf ihn; Eli packte sie an den Handgelenken, legte die Arme um sie und hielt sie fest, als endlich die ganze Trauer aus ihr herausbrach. Als sie ihren Ehemann dafür verfluchte, dass er die Kinder und sie erst monatelang allein gelassen hatte und dann nur von seinem Einsatz im Irak zurückgekommen war, um sie endgültig zu verlassen. Irgendwie landeten sie auf dem Sofa, und Eli hatte Tess auf dem Schoß – nur um sie zu trösten, ihren Gefühlsausbruch einzudämmen. Dann merkte er plötzlich, dass sie dabei waren, sich zu küssen. Ganz intensiv. Zunge und alles. Und einerseits genoss er das. Aber andererseits musste er denken: Verdammt, das ist völlig verkehrt.

Und wenn das nicht ein richtig blöder Zeitpunkt ...

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