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Vom Glück immer nur geträumt

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1. KAPITEL

Es regnete und stürmte, und es war dunkel. Roslin begann sich zu fragen, ob das tatsächlich der richtige Weg war.

Sie war nass und fror. Der Poncho, der sie vom Kopf bis zu den Knien schützte, war nicht wasserdicht, sodass das T-Shirt, das sie darunter trug, ihr feucht an den Schultern klebte. Die Beine ihrer Jeans trieften vor Nässe, und ihre Turnschuhe waren völlig durchweicht. Regentropfen rannen ihr über das Gesicht. Doch all das machte Roslin nichts aus.

Der Wind, der an ihrer Kapuze zerrte und ihr den Poncho an den Körper drückte, war ihr Weggefährte, keine Bedrohung. Das Tosen in den Ästen der Bäume war Musik in ihren Ohren, die Stimme der Freiheit.

Sie war frei. So frei wie der Wind. In diesem Augenblick wusste niemand auf der Welt, wo sie war. Am allerwenigsten Colby. Roslin begann, mitten auf der Straße mit einem nicht vorhandenen Partner ausgelassen Walzer zu tanzen, sodass der Poncho sie gespenstisch umwallte. Dabei sang sie eine Melodie von Strauß. Weit und breit war kein Haus in Sicht. Sie war allein auf der Welt. Fantastisch!

Der Poncho wurde zu einem weißen paillettenbesetzten Tüllkleid, und ihr Tanzpartner im Smoking sah wie Aloysha aus, den sie in Florenz kurz kennen gelernt hatte. Ja, nur kurz, dachte Roslin, wegen Colby.

Sie wäre um ein Haar gefallen, denn die Asphaltstraße ging plötzlich in einen Feldweg über. Mit dem Walzertanzen war es vorbei, und Aloyshas Traumbild verschwand. Roslin spähte in die regnerische Nacht. Nirgendwo war Licht zu sehen. Es gab keinen Wegweiser, kein Haus oder eine Scheune. Und kein strahlender Ritter kam ihr entgegengeeilt, um sie aus der Finsternis zu retten.

Roslin war per Anhalter von Boston nach Maine gefahren. Die letzte Strecke hatte sie ein alter Farmer mitgenommen, dessen Schweigsamkeit kaum zu überbieten war. Sie hatte ihm ihr Ziel genannt, er hatte etwas gebrummt, und weiter war ihre Unterhaltung in den folgenden zwei Stunden nicht gediehen. Vor einer Stunde hatte er vor einer Gruppe halbverfallener Farmgebäude gehalten und stumm gewartet, bis sie ausgestiegen war. Er hatte keine Miene verzogen, als sie sich bei ihm höflich fürs Mitnehmen bedankte.

Jetzt fragte sich Roslin, ob sie sich überhaupt hätte bedanken sollen. Carmel, der Ort, zu dem sie wollte, war ihr als Sommerkurort für reiche Leute beschrieben worden. Doch dieser matschige Feldweg machte nicht den Eindruck, als führe er zu den Häusern der Reichen. Aber irgendwo muss es doch sein, dachte sie zuversichtlich. Eine Straße führt doch immer irgendwohin. Außerdem, was machte es schon? Sie war frei und würde die ganze Nacht laufen, wenn es sein musste.

Roslin sang laut vor sich hin und ließ die Arme beim Laufen schwingen. Eigentlich schade, dass ich Aloysha damals in Florenz nicht näher kennen gelernt habe, überlegte sie. Aber wenn sie wieder eine Bekanntschaft machen sollte, würde Colby nicht dabei sein …

Plötzlich zeichnete sich vor ihr gelbliches Licht auf den Baumschatten ab. Roslin blieb stehen und hörte das Brummen eines Motors. Sie drehte sich um und sah die Scheinwerfer eines Wagens, der über die Schlaglöcher heranholperte. Sie legte die Hand vor die Augen, weil das Licht sie blendete, und trat an den Wegrand. Ihr Poncho war dunkelgrün, und sie wollte nicht riskieren, überfahren zu werden, weil der Fahrer sie nicht sah.

Das Gefährt, ein grauer Campingwagen, kam zum Stehen, und das Fenster an der Fahrerseite wurde heruntergekurbelt. „Steigen Sie ein!“, befahl eine Männerstimme. „Das ist keine Nacht zum Spazierengehen.“

Roslin zählte stumm bis zehn. „Nein, danke“, erwiderte sie bestimmt.

Der Mann hatte offenbar keinen Widerspruch erwartet. „Machen Sie keine Geschichten. Sie sind doch vollkommen durchnässt. Steigen Sie ein.“

Roslins Augen funkelten, und Colby hätte gewusst, was das bedeutete, doch sie erwiderte höflich: „Nein, danke, ich möchte nicht mitgenommen werden. Ich laufe lieber.“

„Du meine Güte!“ Der Mann schien sich nur mit Mühe zu beherrschen. „Ich versteh ja, Sie sind allein, und ich könnte der Würger von Boston sein. Aber ich versichere Ihnen, dass ich herumirrenden Frauen gegenüber harmlos bin. Ich habe nur das Bedürfnis, zum Campingplatz zu kommen und mich schlafen zu legen. Dorthin wollen Sie doch sicher auch, nicht wahr?“

Im Schein der Armaturenbeleuchtung konnte Roslin den Mann deutlich sehen. So harmlos, wie er tat, sah er nun doch nicht aus. Mit seinen dichten Brauen, dem markanten Kinn und dem kühnen Gesichtsausdruck erinnerte er sie an die Büste eines römischen Generals, die sie in Italien gesehen hatte. Er war ein Kämpfer gewesen, der Rebellionen niederschlug. Ein Sklaventreiber. Vermutlich einer von denen, die hilflose Christen hingerichtet hatten. „Ich laufe lieber“, wiederholte sie und wandte sich zum Gehen.

Ihre Erklärung hatte keine Wirkung. Der Mann legte den Gang ein, überholte sie und hielt erneut. „Ich kann Ihnen meinen Ausweis zeigen. Ich trage keine Waffen bei mir und bin ein ehrbarer Bürger.“

Roslin hatte eine Waffe bei sich, einen alten italienischen Dolch, dessen Schönheit über seine Gefährlichkeit hinwegtäuschte. Sie hatte auf ihrer Reise von Boston ebenso viele Einladungen zum Mitfahren abgelehnt, wie sie angenommen hatte. „Das mag alles zutreffen, aber wenn ich Nein sage, meine ich nein.“ Er ist genau wie Colby, dachte sie grimmig. Wollen alle Männer stets ihren Willen durchsetzen, ganz gleich, was der andere empfindet? Sie besaß nicht genug Erfahrung mit Männern, um das entscheiden zu können.

„Also, wollen Sie nun zum Campingplatz oder nicht?“, fragte der Mann gereizt.

„Nein.“

„Wohin wollen Sie dann?“

Seit ihrer Flucht aus der Stadt hatte Roslin ihr Ziel stets für sich behalten. „Nach Buckton“, sagte sie jetzt. Der Ort lag dreißig Kilometer von Carmel entfernt.

„Da sind Sie hier falsch. Dieser Weg führt zum Campingplatz und dem Fischerdorf Peniquit. Danach endet er in einem Feld.“ Roslin wusste instinktiv, dass der Fremde die Wahrheit sprach. Sie verwünschte den alten Mann, der sie in diese Zwangslage gebracht hatte, und erwiderte würdevoll: „Dann kehre ich um. Vielen Dank für die Auskunft.“

Plötzlich erfasste eine Bö Roslin und peitschte ihr den Regen ins Gesicht. Sie senkte den Kopf und kämpfte gegen den Wind an. Jetzt auf dem Rückweg würde sie ihn gegen sich haben, wurde ihr unbehaglich bewusst. Die Freiheit erschien ihr auf einmal nicht mehr ganz so rosig wie noch vor einigen Minuten.

Der Mann schlug die Fahrertür zu, kam um den Wagen herum und packte sie am Arm. „Seien Sie doch nicht kindisch!“, schrie er gegen das Heulen des Windes an. „Sie haben noch viele Kilometer vor sich, und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sie mitnimmt, ist gleich Null. Morgen fahre ich nach Buckton. Dann kann ich Sie wenigstens auf der richtigen Straße absetzen. Also los, steigen Sie schon ein.“

Das Bremslicht warf einen rötlichen Schimmer auf das Gesicht des Mannes und verlieh ihm ein unheimliches Aussehen. Er hatte sehr dunkle Augen, dunkles Haar und blendend weiße Zähne. Roslin befreite ihren Arm. „Hören Sie auf, mir vorzuschreiben, was ich tun soll!“

„Es gibt hier in der Umgebung bis zum Campingplatz kein Haus“, warnte der Fremde. „Und in der anderen Richtung ist erst nach neun Kilometern ein Dorf. Glauben Sie wirklich, ich ließe Sie bei diesem Wetter um zehn Uhr abends mutterseelenallein herumziehen? Das kann ich einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

„Ihr Gewissen interessiert mich nicht. Ich bin es leid, herumkommandiert zu werden, und kann die neun Kilometer gut zu Fuß gehen. Der Regen wird mich schon nicht umbringen.“

Wieder schlug ihr der Regen ins Gesicht. Sie stemmte sich gegen den Wind und bemerkte, dass das kurzärmelige Hemd des Mannes ihm an der Brust klebte. Geschieht ihm recht, dachte sie. Warum lässt er mich nicht in Ruhe. „Sie haben Ihre gute Tat heute getan, und ich spreche Sie von jeder Schuld frei“, setzte sie energisch hinzu. „Ich brauche keinen Retter.“

In dem schwachen Licht merkte Roslin zu spät, was der Fremde vorhatte. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hob er sie auf und trug sie vorn um den Campingwagen herum. Obwohl das Licht der Scheinwerfer sie blendete, strampelte sie verzweifelt mit den Beinen. Der Mann mochte wie ein römischer General aussehen, dass er sich auch so aufführte, würde sie verhindern. Wieder trat sie mit den Füßen um sich.

Roslin hätte sich die Mühe sparen können. Der Mann war bärenstark, und der Poncho hinderte sie daran, sich frei zu bewegen. Ohne viel Federlesen nahm der Fremde sie unter einen Arm, öffnete die Wagentür und bugsierte sie auf den Beifahrersitz. Dann schlug er die Tür krachend zu, ging um den Wagen herum und kletterte auf den Fahrersitz. Nachdem er seine Tür sehr viel ruhiger geschlossen hatte, schaltete er die Innenbeleuchtung ein.

Roslin hatte sich endlich wieder gefasst. „Was fällt Ihnen ein?“, empörte sie sich.

Der Mann lächelte spöttisch. „Ich möchte keine Lungenentzündung bekommen.“

„Das könnten Sie leichter vermeiden, wenn Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und zu Ihrem Campingplatz fahren würden. Allein!“

„In dem Dorf, von dem ich sprach, gibt es bissige Hunde, die nicht immer ordnungsgemäß verwahrt sind“, entgegnete der Fremde barsch. „Außerdem lebt dort eine Familie, von der zwei Söhne wegen sexueller Nötigung vor Gericht standen.“

„So?“, erwiderte Roslin nur, weil ihr keine passende Antwort einfiel.

„Die Emanzipation der Frauen ist ja gut und schön. Aber wenn man nur einen Meter sechzig groß ist und nicht einmal fünfzig Kilo wiegt, sollte man etwas vernünftiger sein …“

„Sparen Sie sich die Vorhaltungen!“

„… oder zumindest einen Karatekurs absolvieren.“

Solange sie mit Colby zusammenlebte, hatte Roslin keinen Karatekurs gebraucht und hätte auch gar keine Zeit dazu gehabt. Ihr Onkel hatte sie so beschäftigt, dass sie kaum zum Nachdenken gekommen war. Steif erklärte sie: „Ich wiege fünfundfünfzig Kilo und bin einen Meter fünfundsechzig groß.“

„Eine richtige Amazone“, meinte er. „Warum ziehen Sie den Poncho nicht aus und legen Ihren Rucksack auf den Boden? Dann sitzen Sie viel bequemer.“

Das war ein vernünftiger Rat, und es wäre töricht gewesen, ihn nicht zu befolgen. Roslin streifte sich den Poncho über den Kopf und verstaute den Rucksack auf dem Boden. Dann setzte sie sich auf und sah den Fremden an.

„Großer Gott“, sagte er.

Diese Reaktion war Roslin gewöhnt. Nicht einmal Colby war es gelungen, sie vor dem anderen Geschlecht zu verstecken. „Sagen Sie nicht, mein Profil erinnerte Sie an Nofretete, und fragen Sie mich nicht, ob ich Fotomodell bin“, warnte Roslin.

Der Fremde sah sie immer noch fasziniert an. Ihr Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, war von jenem seltenen Schwarz, das einen bläulichen Schimmer hatte, und ihre Augen waren so tiefblau, dass sie unergründlich und verheißungsvoll wirkten. Die Strenge ihrer hohen Wangenknochen und der geraden schwarzen Brauen wurde durch die einladend geschwungenen Lippen gemildert. Roslin wusste, dass sie gut aussah, doch ihr war bewusst, dass sie mit ihren leicht schrägstehenden großen Augen und den sinnlichen Lippen, dem schlanken Hals und dem vollen schwarzen Haar ein bezauberndes Geschöpf war, dessen Anmut sich kein Mann entziehen konnte.

Colby hatte aus ihrem Aussehen Kapital geschlagen. Die Fernsehproduktion vor zwei Monaten hatte Roslin die Augen geöffnet, obwohl sie es eigentlich schon vorher gespürt hatte. Seit ihrer überstürzten Abreise aus Boston hatte sie versucht, ihr Äußeres möglichst herunterzuspielen, um als ganz normale Person betrachtet zu werden. Daher der Pferdeschwanz, der Verzicht auf jedes Make-up und der unvorteilhafte Poncho.

Doch all das hatte offenbar nichts genutzt.

Roslin wandte sich ab und schaute in den Regen hinaus, den der Wind gegen die Windschutzscheibe fegte. „Ich habe es so genossen, allein zu sein“, sagte sie.

„Ich auch“, erwiderte der Mann kalt.

Sie schaute ihn an. Sein Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck, und er sah nicht so aus, als würde er ihren Reizen erliegen. Im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, dass er sie so schnell wie möglich wieder los sein wollte. „Sie bedauern die gute Tat bereits wieder, nicht wahr?“, bemerkte sie trocken.

„Das kann man wohl sagen.“

„Wenn wir am Campingplatz sind, verschwinde ich sofort.“

„Sie werden Ihr Zelt aufschlagen und in den Schlafsack kriechen, den Sie in Ihrem Rucksack haben“, stellte er ironisch fest. In dem Rucksack hatte Roslin die notwendigsten Kleidungsstücke, ein Buch und einige Toilettenartikel.

„Sie werden dort doch sicher auch Hütten zu vermieten haben“, vermutete sie.

„Eben nicht. Ich fahre hin, weil dort alles noch ruhig und unverfälscht ist.“

Weil du allein sein willst, setzte sie im Stillen hinzu. Ihr wurde bewusst, dass sie fröstelte und hungrig und müde war. „Hören Sie, Sie waren es doch, der darauf bestand, dass ich einsteige. Da ist es jetzt zu spät, um es sich anders zu überlegen“, erklärte sie schärfer, als sie beabsichtigt hatte.

„Ja, man muss auslöffeln, was man sich eingebrockt hat“, meinte er ruhig. „Das habe ich schon vor langer Zeit gelernt.“ Er warf einen Blick in den Rückspiegel. „Mein Name ist Tyson McCully. Und wie heißen Sie?“

„Roslin Hebb.“

„Roslin passt zu Ihnen“, stellte er fest. „Verraten Sie mir jetzt, warum Sie in einer stürmischen Regennacht mutterseelenallein auf einem matschigen Weg dahinspazieren, der in einer Sackgasse endet?“

Sie lächelte ironisch. „Ich wollte die Fischereiflotte von Peniquit auslaufen lassen.“

„Alle vier Schiffe? Haben Sie sich da nicht ein bisschen viel vorgenommen, Miss Hebb?“

„Auch Mozart hat nicht gleich mit einer Symphonie angefangen.“ Roslin schwieg. Musik gehörte nicht mehr zu ihrem Leben.

„Es gibt zu viele Leute, die sich mit Geringerem zufrieden geben“, erklärte Tyson.

„Ich glaube nicht, dass Sie zu ihnen gehören.“

„Sie sicher auch nicht.“

Da hatte Tyson McCully einen wunden Punkt berührt. „Man muss sich den Gegebenheiten anpassen“, erwiderte Roslin bitter. „Wenn man nach den Sternen greift, kann es sein, dass man eine Bauchlandung macht.“

„So jung und schon so zynisch“, meinte er kopfschüttelnd. Roslin zog es vor, das Thema zu wechseln.

„Erzählen Sie mir von dem Campingplatz, Mr. McCully.“

„Nennen Sie mich Tyson. Wenn wir die Nacht zusammen verbringen, sollten wir uns wenigstens beim Vornamen anreden.“

Die Bemerkung gefiel ihr gar nicht. Irgendwo wird es auf dem Campingplatz doch sicher eine Kochunterkunft geben, überlegte sie. Und dieser Tyson McCully hatte bestimmt einen Schlafsack, den er ihr leihen konnte. „Sie waren schon dort, nicht wahr?“

„Sogar schon öfter.“

Roslin hielt sich an der Tür fest, weil der Wagen durch mehrere Schlaglöcher holperte. „In so einer Nacht würde doch kaum jemand freiwillig campen“, meinte sie herausfordernd.

Diesmal schien sie es zu sein, die einen wunden Punkt getroffen hatte. „Der Campingwagen ist mein Fluchthelfer“, erklärte Tyson barsch. „Wenn es mir mal wieder reicht, steige ich ein und vergesse den Rest der Welt.“

„Freiheit“, sagte Roslin mehr zu sich selbst.

„Die Illusion der Freiheit“, sinnierte Tyson. „Kennen Sie den Unterschied schon, Roslin?“

„Ich möchte ihn gar nicht kennen lernen. Ich will die echte Freiheit“, erwiderte sie etwas zu heftig.

Tyson sah sie an und sagte langsam: „Sie wissen also, wie es ist, wenn einem alles zu eng wird …“ Er lächelte plötzlich.

„Der Campingplatz wird Ihnen gefallen. Er mag nicht jedermanns Sache sein, aber Sie werden sich dort wohl fühlen.“

Er sieht viel jünger aus, wenn er lächelt, dachte Roslin. Und er sieht sehr gut aus.

„Um zehn Uhr abends überfiel Sie also plötzlich der große Freiheitsdrang?“, fragte sie neugierig.

„Das geht Sie nichts an, meine Liebe.“ Als sie sich verlegen abwandte, setzte Tyson hinzu: „Ich bin sicher, dass Sie mir dieselbe Antwort geben würden, wenn ich Sie fragte, warum Sie nach Buckton wollen, in einen typischen Touristenort mit Andenkenläden und Teestuben, der gar nicht Ihr Stil ist.“

Roslin schwieg, denn sie wollte nicht nach Buckton. Ihre Mutter hatte sie früher immer vor dem Lügen gewarnt. Eine Lüge zieht die andere nach sich, hatte sie gesagt.

Roslin schloss die Augen und sah das lächelnde Gesicht ihrer schönen Mutter wieder vor sich …

„Was haben Sie?“, fragte Tyson.

„Nichts.“

Geschickt lenkte Tyson den Wagen über eine Rinne, die der Regen ausgewaschen hatte. „Hören Sie, Roslin, meinetwegen können wir gern über die Freiheit im Allgemeinen reden, aber persönliche Dinge sind tabu, verstanden?“

Seit dem Tod ihrer Eltern hatte sie niemanden mehr gehabt, mit dem sie über Freude oder Leid sprechen konnte. Warum sollte sie also enttäuscht sein, wenn ein Fremder sich ihr nicht anvertrauen wollte? „Finde ich vernünftig“, sagte sie ruhig.

„Gut. Ach, da ist die Brücke. In fünf Minuten sind wir da.“

Nach wenigen Minuten sah Roslin tatsächlich ein Licht in der Dunkelheit auftauchen. An einem verwitterten Wegweiser, der im Wind hin- und herschwankte, bremste Tyson. In einem merkwürdigen Ton sagte er: „Ich komme sonst immer allein hierher. Und ich glaube, Buck wird es bestimmt falsch auslegen, wenn ich mitten in der Nacht mit einer schönen jungen Frau hier auftauche.“

„Buck?“

„Er ist Junggeselle und hält nichts davon, Geschirr zu waschen oder Küchenböden zu schrubben. Das ist Frauenarbeit, behauptet er. Das Dumme ist, dass er meistens eine Frau findet, die ihm das abnimmt … für gewisse Gegenleistungen.“

„Ich werde mich auf den Boden des Wagens ducken, wenn Sie um Ihren Ruf besorgt sind“, erklärte Roslin.

Tyson schaute sie prüfend an. „Sorgen Sie sich um Ihren?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich kenne hier keine Seele. Wir brauchen Buck ja nicht zu sagen, dass ich in der Kochunterkunft übernachte.“

„Hören Sie Roslin, auf diesem Campingplatz gibt es keine Kochunterkunft und auch sonst keine Gemeinschaftseinrichtungen. Die Waschgelegenheiten befinden sich außerhalb. Das Wasser kommt aus einer Handpumpe, und Elektrizität gibt es auch nicht. Ich habe Ihnen gesagt, dass es dort sehr primitiv zugeht. Sie haben also die Wahl: Buck oder ich.“

Roslin überlegte. „Jetzt verstehe ich, was sie mit Illusion von Freiheit meinen.“

Tyson lächelte. „Bei mir sind Sie sehr viel sicherer.“

„Außerdem haben Sie keinen Küchenfußboden.“

„Zumindest nicht hier.“

„Sind Sie verheiratet?“, fragte sie misstrauisch.

„Das würde ich unter Persönliches einreihen.“

„Sie sehen irgendwie nicht verheiratet aus.“

„Ich glaube, das wird eine anstrengende Nacht.“ Tyson legte den Gang ein und fuhr weiter. „Zum Teufel mit Buck“, brummte er. „Soll er denken, was er will.“

„Ich mag mutige Männer“, bemerkte Roslin spöttisch.

„Eine sehr anstrengende Nacht“, wiederholte Tyson und bog nach rechts ein. Gleich darauf hielt er vor einem baufälligen Haus. Die Tür wurde so rasch geöffnet, dass Roslin den Verdacht hatte, Buck habe sie kommen sehen. Er trat an den Wagen, und Tyson kurbelte das Fenster herunter.

Buck trug Ölzeug, er war unrasiert und roch nach Rum, aber er wirkte eigentlich nicht unsympathisch. Roslin ließ sich auch nicht aus der Fassung bringen, als er bei ihrem Anblick anerkennend durch die Zähne pfiff. „He, du hast ja ’ne Puppe dabei“, meinte er gedehnt und knuffte Tyson kameradschaftlich in den Arm. „Und obendrein noch ’ne schnuckelige. Wird auch Zeit. Es ist nicht gut für einen Mann, wenn er zu lange allein ist. Wie heißt du denn Schätzchen?“

„Joan Sutherland“, erwiderte Roslin eisig.

„Hallo, Joanie. Such dir ’nen geeigneten Platz aus, Tyson. Hier ist ja praktisch alles frei, und ihr wollt doch sicher allein sein, nicht wahr?“ Er zwinkerte Roslin zu. „Bring den Wagen nicht zu sehr zum Schaukeln, Schätzchen.“

Ihr schoss das Blut in die Wangen. Sie wollte etwas erwidern, aber Tyson mischte sich ein: „Danke, Buck. Bis morgen.“ Damit fuhr er den Kiesweg entlang.

„Das nennen Sie die Wahl haben?“, entrüstete sich Roslin.

„Jetzt stehe ich schön da, nicht wahr?“, erwiderte er gelassen.

„Das kann man wohl sagen.“ Sie spähte durch die Scheibe, aber sie sah nur Regen und Fichten. „Ist es zu persönlich, wenn ich frage, wohin wir fahren?“

„Zum Meer hinunter. Wenn ich aufwache, höre ich gern die Geräusche der Brandung.“

Roslin strengte sich an, aber sie konnte keine anderen Camper entdecken. Ihr wurde mulmig, und sie fragte sich, ob sie bei den bissigen Hunden und den zweifelhaften jungen Männern im Dorf nicht doch besser aufgehoben wäre als auf diesem einsamen Campingplatz, auf dem sie bestenfalls Buck zu Hilfe rufen konnte. Was wusste sie schon von Tyson McCully?

Sie dachte an die Berichte über junge Mädchen, die zu fremden Männern ins Auto gestiegen und dann tot aufgefunden worden waren, und sie tastete unwillkürlich nach dem italienischen Dolch an ihrer Taille. Tyson war stark, das wusste sie, denn er hatte sie mühelos aufgehoben. Da würde ihr der Dolch möglicherweise auch nicht viel nützen.

Der Wagen hielt, und Tyson schaltete die Innenbeleuchtung ein. „Schauen Sie mich an, Roslin.“

Er bemerkte die Furcht in ihren Augen und ihre verkrampfte Haltung. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen nichts tue. Bitte, glauben Sie mir.“

Wenn er nur nicht so groß und kräftig und ich nicht so unerfahren wäre, überlegte sie.

„Glauben Sie mir?“, beharrte Tyson.

Roslin senkte die Lider.

„Ich möchte, dass eine Frau sich mir willig hingibt“, erklärte er. „Verschreckte Kaninchen interessieren mich nicht.“

Sie verflocht die Finger ineinander. „Wie groß sind Sie, Tyson?“, fragte sie leise.

„Einen Meter dreiundachtzig.“

„Wenn Sie mir noch eine persönliche Frage gestatten würden. Wie viel wiegen Sie?“

„Einundachtzig Kilo. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Roslin“, antwortete er ruhig. „Gleichberechtigung ist gut und schön, aber kräftemäßig gibt es sie nun mal nicht. Es gefällt mir nicht, dass Sie mich als möglichen Vergewaltiger betrachten.“

Sie schaute nicht auf. „Entschuldigung“, sagte sie leise.

Tyson zögerte, dann legte er eine Hand auf ihre. „Entschuldigung angenommen.“

Seine Finger waren warm und beruhigend, doch Roslin entzog ihm ihre Hand. ...

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