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Vom Fasanenhof zum Justizzentrum

Rolf-Uwe Kurz

Vom Fasanenhof zum Justizzentrum

Standortgenese der Liegenschaft Jägerallee 10-12 in Potsdam

Ein „Genius loci“ für die Justiz?

Affert autem vetustas omnibus in rebus longinqua observatione incredibilem scientiam.

(Die Tradition birgt aufgrund lang dauernder

Beobachtung unglaublich viel Weisheit.)1

Iustitia est multis laudata, domestica paucis.

(Gerechtigkeit wird von vielen gepriesen, aber nur von wenigen gelebt.)2

1 Cicero, De divinatione 1.109

2 Palingenius, Zodiacus vitae, 6.479

INHALT

VORWORT

I. EINLEITUNG

II. FASANERIE

III. JÄGERHOF

IV. UNTEROFFIZIERSCHULE POTSDAM

1. Konzeption und Historie der Unteroffizierschule Potsdam

2. Ausbildungsziele der Unteroffizierschule

3. Bau der Unteroffizierschule

4. Chronologische Schlaglichter aus der Geschichte der Unteroffizierschule

V. KASERNE DER POLIZEI, REICHSWEHR UND WEHRMACHT

1. Polizeikaserne

2. Reichswehrkaserne

3. Denkmalseinweihung

4. Wehrmachtskaserne

5. Lebensbilder

A) OBERLEUTNANT PAUL SCHULZ

B) FERDINAND FREIHERR VON LÜNINCK ZU OSTWIG

VI. KASERNE DER ROTEN ARMEE

VII. JUSTIZZENTRUM POTSDAM

VIII. ABSCHLUSSBETRACHTUNG

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

VORWORT

An Publikationen, die historische Entwicklungen und Zusammenhänge aufzeigen, besteht kein Mangel und lokalhistorische Abhandlungen findet man heute über nahezu jeden Ort, der sich mit mehr oder weniger Berechtigung einer Traditionslinie berühmen kann. Insbesondere ein so bedeutsamer Ort wie die ehemalige Residenz- und heutige Landeshauptstadt Potsdam, einst neben Berlin das Verwaltungs- und Militärzentrum Preußens, ist Gegenstand einer Flut historischer Schriften. Dabei verschmelzen fast zwangsläufig Lokal- und Landesgeschichte. Will man sich - wie vielfach geschehen - unterhalb der Ebene einer Landes- oder Stadtchronik einzelnen Liegenschaften unter einem nicht nur kunsthistorischen, sondern auch die politische und funktionale Historie betrachtenden Blickwinkel nähern, so bieten sich zahlreiche Schlösser und Residenzen an, die zum Teil als Weltkulturerbe allgemein bekannt sind. Welches Interesse kann angesichts eines so großen Angebots herausragender historischer Denkmäler im Raum Potsdam geweckt werden, sich mit der Liegenschaft Jägerallee 10 - 12, dem heutigen Sitz des Justizzentrums Potsdam, zu befassen? Liegt eine Standortgenese nicht allenfalls im Partikularinteresse derjenigen, die dort tätig sind oder waren? Oder kann eine Befassung mit der Liegenschaftshistorie gesellschaftliche und politische Bezüge aufzeigen, die es rechtfertigen, die Örtlichkeit in einen nicht nur stadthistorischen, sondern sogar nationalen Kontext zu stellen?

Wer heute mit dem Justizzentrum Potsdam visuell Kontakt aufnimmt, sei es als Passant oder Besucher, der kennt in der Regel weder die bewegte Genese der Liegenschaft, noch den einstigen Errichtungszweck des in seiner denkmalgeschützten Fassade noch erhaltenen Gebäudes. Allerdings fällt dem interessierten Betrachter, der schon andere historische Justizgebäude besichtigt hat, sofort auf, dass es sich um eine für ein Justizgebäude ungewöhnliche Fassade handelt. Erhaltene historische Justizgebäude wurden meist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet, den damaligen Bedürfnissen der Justiz entsprechend wesentlich kleiner als der historische Teil des Justizzentrums Potsdam, dafür jedoch künstlerisch aufwendiger gestaltet. Wer sich einen Eindruck von einem historischen „Justizpalast“ verschaffen möchte, braucht nur das in unmittelbarer Nähe in der Hegelalle in Potsdam gelegene ehemalige Landgerichts- und heutige Amtsgerichtsgebäude aufzusuchen, das 1883 im Stil der Hochrenaissance errichtet und mit reichhaltigem bildnerischen Schmuck versehen wurde. Die für ein historisches Justizgebäude atypische Größe und klassizistische Gliederung des Justizzentrums Potsdam muss daher überraschen und die Neugier des Betrachters wecken. Als kurze Zeit nach der Eröffnung des Justizzentrums Potsdam im Jahr 2008 eine hochrangig besetzte Justizdelegation aus Kasachstan, die europäische Justizstandorte bereiste, um sich für eigene Bauvorhaben inspirieren zu lassen, die Liegenschaft besuchte, wurde das „Befremden“ über das Gebäude sehr treffend durch den Ausspruch, es handele sich um eine moderne und sehr zweckmäßige, jedoch schmucklose Anlage, zum Ausdruck gebracht.

Ist das Interesse für dieses ungewöhnliche Justizzentrum erst einmal geweckt, so stößt man bei näherer Befassung schnell darauf, dass die Entwicklung der Liegenschaft eng mit der preußisch-deutschen Geschichte verzahnt ist. Fast alle preußischen Regenten haben die Liegenschaft betreten. Deutschlands letzter Kaiser hat sie sogar „belegen“. Die Liegenschaft steht ebenso für höfische Kultur wie militärische Ausbildung und Tradition. Sie ist Ausgangspunkt militärischer und polizeilicher Innovationen. Wer die längste und nachhaltigste Phase ihrer militärischen Nutzung als Unteroffizierschule Potsdam ohne ideologische Voreingenommenheit betrachtet, erhält ein anschauliches Zeugnis von der Qualität und Fortschrittlichkeit preußischer Militärpädagogik und versteht, weshalb das preußisch-deutsche Militär lange Zeit als „Schule der Nation“ gelten konnte. Später hat die Epoche deutscher Gewaltherrschaft auf die Liegenschaft ausgestrahlt und schließlich auch bei dem Liegenschaftsverantwortlichen einen Aufstand des Gewissens provoziert, der berechtigt, die Jägerallee 10 - 12 in Potsdam in einer Enumeration der Orte des Widerstandes gegen Gewaltherrschaft zu verzeichnen. Nach einer langen Phase sowjetischer Fremd- und Gewaltherrschaft eröffnete die deutsche Wiedervereinigung die Möglichkeit einer Neuorientierung hinsichtlich der Nutzungsbestimmung, die schließlich 2008 zur Eröffnung des Justizzentrums Potsdam führte. Obgleich damit erstmalig Justizeinrichtungen auf der Liegenschaft Einzug hielten, ist die Liegenschaftsgenese doch nicht gänzlich ohne juristische Vorbezüge. Immerhin lässt sich die Tätigkeit von zwei Juristen auf der Liegenschaft nachweisen, die zu unterschiedlichen Zeiten rechtliche und politische Akzente zu setzen vermochten.

Die Darstellung ist nicht abschließend. Eine vertiefte Befassung mit einzelnen Epochen der Liegenschaftsgenese würde voraussichtlich wesentliche Ergänzungen und Erweiterungen zu Tage fördern. Der hiermit vorgelegte Überblick soll jedoch zeigen, dass die Liegenschaft die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit in einer Weise gespiegelt hat, wie es sonst allenfalls Residenzen vermögen, und die Betrachtung der Liegenschaftsgenese geeignet ist, historische Zusammenhänge von nationaler Bedeutung zu beleuchten.

Die Abhandlung möchte allerdings mehr als nur in rudimentärer Form die Interaktion zwischen dem Leben und Arbeiten auf der Liegenschaft und den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Konditionen abbilden. Sie möchte den Leser auch animieren, selbst sowohl über die für die Liegenschafsgenese essentiellen Rahmenbedingungen, als auch über die aktuellen Herausforderungen an die Justiz als derzeitiger Standortnutzer im Spiegel der Historie zu reflektieren. Dies impliziert, dass der Verfasser dort, wo Wertungen in Rede stehen, den Diskurs anstoßende deutliche Positionierungen vornimmt, die naturgemäß auch Widerspruch hervorrufen werden. Zeitgeschichtsschreibung ist dort, wo sie wertet und werten muss, die Fortsetzung des tagespolitischen Diskurses in pseudowissenschaftlicher Einkleidung, wobei sich der zusätzliche Erkenntnisgewinn des Historikers gegenüber dem Tagespolitiker darin erschöpft, eine der grundsätzlich niemals alternativlosen Entscheidungs- und Handlungsoptionen als bereits realisiert empirisch auswerten zu können. Allerdings sollten die Bewertungen auch als solche erkennbar und die Prämissen fundiert sein, was nicht erst seit der „Causa Relotius“ keine Selbstverständlichkeit ist.

Die durch die Nutzungsgenese der Liegenschaft vorgegebene zufällige und willkürliche Verknüpfung preußischer Staats- und Militärgeschichte unter maßgeblicher Beteiligung der Regenten aus dem Hause Hohenzollern mit bundesrepublikanischen Justizeinrichtungen offenbart bei näherer Betrachtung eine erstaunliche Parallele. Sowohl die preußisch- deutsche Geschichte als auch die bundesrepublikanische Justiz haben unter dem gegenwärtigen Zeitgeist einen erheblichen Reputationsverlust zu beklagen. Die preußischen Regenten, die das Land unter höchstem persönlichem Einsatz zukunftsfähig machten, indem sie kolonisierten, die Verteidigungsfähigkeit herstellten und moderne Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen etablierten, kurz gesagt eine Infrastruktur schufen, von der wir heute noch unter allerdings immer größerem Substanzverlust zehren, werden als „Räuber“ und „Wegbereiter deutscher Gewaltherrschaft“ diffamiert. Die Justiz muss aktuell erleben, dass einerseits die sogenannte „Urteilsschelte“ das Justizbild weiter Teile einer durch die mediale Öffentlichkeit zunehmend zu Respektlosigkeit und Missachtung fachlicher Qualifikationen animierten Öffentlichkeit prägt, jedenfalls wenn dem Parteiinteresse nicht entsprochen wird, und andererseits Politiker immer ungenierter Gerichtsentscheidungen, die vermeintlich nicht mit ihrer politischen Selbstdarstellung oder ihren politischen Zielen korrespondieren, in der Öffentlichkeit kritisieren, womit sie den Eindruck erwecken, es sei Aufgabe der Justiz, politische Gefälligkeitsentscheidungen zu treffen. Wer ein Beispiel sucht, wie man in einem Atemzug die preußischen Regenten und bundesrepublikanisches Recht unsubstantiiert diskreditiert, dem sei die Frankfurter Rundschau, ein meinungsbildendes Printmedium, das sich selbst als „Qualitätszeitung“ definiert, empfohlen, in der man im Kontext mit der Berichterstattung über gerichtshängige Restitutionsansprüche des Hauses Hohenzollern folgende Interviewsequenz zwischen einem Redakteur und einer Historikerin lesen konnte: Journalist: „ Diese Räuberbande, die Hunderte von Jahren sich nicht nur an der eigenen Bevölkerung bereichert hatte, stellt sich jetzt hin und verlangt dafür, dass man ihr ihr Raubgut abgenommen hat, eine Entschädigung.“ Antwort der Historikerin: „Das ist die Rechtslage“.

Mir ist es angelegen, den Leser auf der Grundlage einer kleinen Standortgenese über eine bemerkenswerte Liegenschaft in Potsdam zu vorurteilsfreien Reflexionen über den Standort berührende politische und gesellschaftliche Entwicklungen ohne ideologischen Tunnelblick und Dämonisierungen einzuladen. Ich habe versucht, historische Leistungen und Entwicklungen im Sinne Rankes aus ihrer Zeit, aus einer Gegenwart, die ihre Zukunft nicht kannte, zu betrachten, eingedenk der Postulation Jacob Burckhardts in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen, dass für den denkenden Menschen gegenüber der ganzen bisher abgelaufenen Weltgeschichte das Offenhalten des Geistes für jede Größe eine der wenigen sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glückes sei.

Potsdam im Dezember 2019

Rolf-Uwe Kurz

I. EINLEITUNG

In dem umfassend restaurierten und umgestalteten historischen Kernbereich der Liegenschaft Jägerallee 10 - 12 in Potsdam domiziliert seit April 2008 die Staatsanwaltschaft Potsdam als Teil des Justizzentrums Potsdam. Unter Einbeziehung der neuen Anbauten sowie der restaurierten und umgestalteten historischen Erweiterungsbauten und Hofgebäude beherbergt die Liegenschaft neben der Staatsanwaltschaft auch das Verfassungsgericht des Landes Brandenburg, das Landgericht Potsdam sowie Teile des Amtsgerichts Potsdam.

Die Staatsanwaltschaft ist eine staatliche Behörde, der primär die Strafverfolgung obliegt. Ihre Entstehung ist eng verbunden mit der durch die Aufklärung beeinflussten Überwindung des Inquisitionsverfahrens. Die tradierte Rolle des Gerichts als gleichermaßen verfolgendes wie entscheidendes Justizorgan bedurfte vor dem veränderten Hintergrund eines im Geiste der Aufklärung unter Anwendung der Prinzipien der Mündlichkeit und Öffentlichkeit auf objektive Wahrheit und materielle Gerechtigkeit zielenden Strafprozesses der Revision. Notwendiges Korrelat eines sich nach außen unabhängig und unparteiisch manifestierenden Gerichts wurde die von dem Gericht separierte und eigenständige Verortung der Ermittlungsleitung und Vertretung der Anklage in der Hauptverhandlung bei der Staatsanwaltschaft. Obgleich die Staatsanwaltschaft als ein der dritten Gewalt zugeordnetes Organ der Rechtspflege angesprochen werden kann, ist sie - anders als das kraft Verfassung mit persönlicher Unabhängigkeit für jeden Richter ausgestattete Gericht - eine hierarchisch aufgebaute Justizbehörde, in der die staatsanwaltlichen Beamten den dienstlichen Anweisungen ihres Vorgesetzten nachzukommen haben und nicht in eigener Machtvollkommenheit handeln, sondern stets im Auftrag des ersten Beamten der Behörde, der einen Vorgang jederzeit an sich ziehen kann (Devolutionsrecht) oder einen anderen Beamten mit der dienstlichen Wahrnehmung beauftragen kann (Substitutionsrecht). Das Substitutionsrecht steht auch dem Landesjustizminister zu.

Bereits Struktur und Aufbau der Staatsanwaltschaft als hierarchisch verfasste Justizbehörde legten es bewusst oder unbewusst unter Äquivalenz- und Kontinuitätsgesichtspunkten nahe, diese - und nicht die Gerichtsbarkeit - in dem historischen Teil der Liegenschaft zu verorten, der, wie noch zu zeigen sein wird, in der längsten Zeit seiner bekannten Nutzung militärischen Zwecken vorbehalten war. Ungeachtet aller funktionalen und methodischen Unterschiede zwischen Justiz und Militär wird gemeinhin eher die Staatsanwaltschaft als das Gericht mit militärischen Attributen assoziiert. Diese gelegentlich bis zur Polemik gesteigerten und bisweilen auch von der Richterschaft kultivierten Vorstellungen haben eine lange Tradition. Es ist die Rede von „Scharfmachern“ oder „schneidigen, karrierebewussten und verfolgungswütigen“ Staatsanwälten, denen ob ihrer Fixierung auf die Paragraphen alle Menschlichkeit fremd geblieben sei und die in subalternem Pharisäertum Freisprüche als Niederlagen und Bestrafungen als Erfolge verstünden. Exemplarisch sei hier auf eine bereits aus dem Jahr 1984 stammende Kommentierung eines Journalisten in der Deutschen Richterzeitung verwiesen, in der es heißt: „Staatsanwälte sind nicht die Lieblinge der Nation. Als fleischgewordene Racheengel erscheinen sie manchem Beschuldigten und Angeklagten, der freie Advokat rümpft nicht selten die Nase über die weisungsgebundenen Beamten und aus Richtermund hört man immer wieder den scherzhaft-boshaften Spruch von der Staatsanwaltschaft als Kavallerie der Justiz: schneidig und dumm.“3 Gerade das provokante Bild von der juristischen Kavallerie zeigt anschaulich die auf die Staatsanwaltschaft projizierte militärische Sichtweise, kündet allerdings auch von fundamentaler Unkenntnis sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Kavallerie. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Kavallerie lassen sich, wie offenbar insinuiert, auf einen unreflektierten und konzeptionslosen Angriffsgeist reduzieren. So wie die Kavallerie über den gesamten Zeitraum ihrer militärischen Relevanz in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen auch immer fortschrittliche und innovative Operationskunst im Einklang mit der jeweils aktuellen taktischen und strategischen Gesamtkonzeptionen repräsentiert hat, ist das staatsanwaltliche Beurteilungsspektrum ein objektiv ganzheitliches als eine Art „Richter vor dem Richter“. Im Übrigen war auf der Liegenschaft in der Zeit der militärischen Nutzung entgegen medialer Berichterstattung, in der es heißt, dort hätten „einst Schlachtrösser geschnaubt“, niemals Kavallerie stationiert. Der ehemalige Pferdestall für die Offiziere hatte dieselbe funktionale Bedeutung wie die heutige Tiefgarage.

Während die staatsanwaltliche Binnenstruktur und das interne Substitutionsrecht weitgehend im Kern als sachgerecht akzeptiert werden, gilt dies - außerhalb der Justizministerien - für das externe Weisungsrecht der Justizminister nicht. Dass in Zeiten, in denen - nicht zum Vorteil der Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit des Gemeinwesens - tendenziell von hierarchischen und klaren politischen Strukturen Abstand genommen wird zugunsten „runder Tische“ und mediationsbasierter „Kompetenzteams“ ohne repräsentative Legitimation, gleichwohl das externe Weisungsrecht der Justizminister Bestand hat, wenn auch unter ständiger Betonung, dass von dem Einzelweisungsrecht praktisch kein Gebrauch gemacht werde, überrascht nur auf den ersten Blick. Insoweit hat der ehemalige Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg treffend ausgeführt, die nach wie vor aktuelle und gewünschte Bedeutung des externen Weisungsrechts bestehe darin, dass es nicht nur durch seine förmliche Ausübung, sondern bereits durch seine bloße Existenz politische Einflussnahmen ermögliche. Es bilde die rechtliche Grundlage dafür, dass sich Justizminister umfänglich von der Staatsanwaltschaft über alle politisch bedeutsamen Fälle unterrichten lassen dürfen. Diese durch das sogenannte Berichtswesen erlangten detaillierten Verfahrenskenntnisse, die auch datenschutzrechtlich bedenklich erschienen, ermöglichten subtile Einflussnahmen des Justizministers unterhalb der förmlichen Einzelfallweisung in Gestalt von „Wünschen“, „Empfehlungen“, „Ratschlägen“ und „Warnungen“, die natürlich auch bei einem untergeordneten Staatsanwalt, der sich eine Beförderung erhoffe, Wirkung entfalten und zu „vorauseilendem Gehorsam“ führen könnten.4 Die Grenzen der Akzeptanz werden im Übrigen auch dort tangiert, wo in das akademisch geprägte Berufsbild des Staatsanwalts, dessen Eingangsamt dem militärischen Rang des Oberstleutnants entspricht, und der als Jurist befähigt und berufen ist, mittels Subsumtion das Gesetz und die darauf beruhenden Rechtsverordnungen anzuwenden, dergestalt eingegriffen wird, dass in Form von Erlassen, Aufträgen und Hausverfügungen Weisungen erteilt werden, die über eine notwendige Rechtmäßigkeits- und Verhältnismäßigkeitskontrolle hinaus zunehmend den vom Gesetz eröffneten Beurteilungsspielraum einschränken und primär den Zweck verfolgen, in einer medial dominierten Gesellschaft durch größtmögliche Reglementierung von Beurteilungs-konstellationen Repräsentanten der Justiz a priori für den Fall zu exkulpieren, dass „medial unerwünschte“ staatsanwaltliche Entscheidungen getroffen werden. Dafür nehmen die Justizverwaltungen auch billigend in Kauf, dass das staatsanwaltliche Berufsbild von einem akademischen Bearbeiter zu einem subalternen Sachbearbeiter degeneriert.

Die Problematik stellt sich in dieser Schärfe für die Richter nicht. Sie unterliegen keinem Weisungsrecht. Gemäß Art. 97 Abs. 1 Grundgesetz sind Richter unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen. Gleichwohl sind auch sie Beeinflussungsversuchen ausgesetzt. Ungeachtet der dogmatischen Unabhängigkeit genießt die völlige faktische Unabhängigkeit nur der Richter, der auf Lebenszeit ernannt ist und keine Veränderungsambitionen besitzt. Wer obergerichtlich oder ministeriell erprobt werden möchte und Beförderungsämter anstrebt, wird nach dem Wohlwollen der fachlichen und politischen Entscheidungsträger trachten und tatsächliche oder vermeintliche, ausdrücklich erklärte oder konkludent angedeutete Erwartungshaltungen reflektieren. Dies gilt im Übrigen für staatsanwaltliche Beförderungsambitionen nicht minder. Hinzu tritt sowohl für Gerichte als auch für Staatsanwaltschaften ein subtiler medialer Druck auf die Entscheidungsfindung, dem es zu widerstehen gilt. Dieser mediale Druck bezieht seine scheinbare Legitimation zum einen aus einer selbst kreierten und publizierten öffentlichen Erwartungshaltung, die den „Willen des Volkes“ für sich reklamiert, und zum anderen aus einer angemaßten medialen „Wächterfunktion“, die eine faktische Fachaufsichtskompetenz einfordert.

Dies sei vorausgeschickt, um bei der folgenden Betrachtung der Liegenschaftsgenese den Blick für eine sukzessive und finale Reflexion zu schärfen, ob die historischen Erkenntnisse ressort- und nutzungsübergreifend Impulse für aktuelle Problemstellungen der Justiz am Standort zu geben vermögen und inwieweit es einer - bislang fehlenden - Erinnerungskultur bedarf.

3 Michels, zitiert bei Rautenberg, Deutsche Richterzeitung 2014, S. 215

4 Rautenberg, Deutsche Richterzeitung 2014, S. 217

II. FASANERIE

Erkenntnisse über vor- und frühgeschichtliche Nutzungen auf der Liegenschaft Jägerallee 10-12 in Potsdam fehlen und wären wohl auch nur durch archäologische Grabungen zu gewinnen, wobei die Wahrscheinlichkeit, auf Funde aus dieser Zeit zu stoßen, eher gering sein dürfte; befassen wir uns doch mit einem bis in die Neuzeit außerhalb der Stadtmauern und somit des städtischen Siedlungsgebietes gelegenen Areal. Bronzezeitliche Siedlungsreste sind bislang nur für den Alten Markt in Potsdam und die Nuthemündung als Fischerdomizil bekannt. Weder für die auf der Siedlungsinsel nachgewiesene frühslawische Burg, noch für die frühmittelalterliche Stadt, die erstmalig in einer - allerdings bezüglich der Echtheit streitigen - Urkunde des römischdeutschen Königs Otto III. vom 3. Juli 993 über „Potzdupimi“ als Schenkung für die Abtei Quedlinburg Erwähnung findet5, ist eine Bedeutung des Standortes Jägerallee 10 - 12 bekannt oder auch nur anzunehmen. Von essentieller Bedeutung mit erheblicher Fernwirkung für den Standort Jägerallee 10 - 12 wurden jedoch zwei Ereignisse in mittelalterlicher Zeit und früher Neuzeit, die zunächst noch keinen sichtbaren Ausdruck auf der Liegenschaft fanden. Am 8. Juli 1411 übertrug der römisch-deutsche Kaiser Sigismund die Verwaltung der Mark Brandenburg an Friedrich VI. Graf von Hohenzollern und Burggraf von Nürnberg, der 1415 als Kurfürst von Brandenburg inauguriert wurde. Damit übernahm ein Geschlecht die politische Verantwortung für die Mark Brandenburg, das sich durch eine Reihe besonders tatkräftiger und reformfreudiger Herrscher auszeichnen und als Kurfürsten, Preußische Könige und Deutsche Kaiser bis 1918 das Land prägen sollte. Das zweite Ereignis ist der von 1618 bis 1648 dauernde 30-jährige Krieg, der als Glaubensauseinandersetzung begann und zu einem kontinentalen Krieg um Machtpositionen in Europa eskalierte. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung wurde das im Schnittpunkt zwischen den „Südstaaten“ der katholischen Liga und den „Nordstaaten“ der protestantischen Union gelegene Kurfürstentum Brandenburg zum Frontstaat und die Stadt Potsdam mehrfach von durchziehenden militärischen Verbänden geplündert und verwüstet. Hinzu trat eine Pestepidemie im Jahre 1631, in deren Folge von 1000 Einwohnern 308 verstarben. Am Ende des 30-jährigen Krieges waren in Potsdam nur noch 79 Häuser bewohnt. Kaum ein Ereignis hat die regierenden Hohenzollern so nachhaltig beeinflusst, wie die während des 30-jährigen Krieges erlittene Not verbunden mit der Erfahrung der Schutzlosigkeit und militärischen Ohnmacht ohne ein schlagkräftiges, stehendes Heer. Hier liegen die Wurzeln für eine konsequente Reformpolitik, die einerseits zum Aufbau einer im europäischen Vergleich modernen Verwaltungsstruktur und Leistungsgesellschaft und andererseits zur Schaffung einer der schlagkräftigsten europäischen Streitkräfte trotz ungünstiger territorialer und personeller Ressourcen führte, eingedenk der römischen Staatsdoktrin, die in neuzeitlichen Abschreckungsstrategien weiterlebt: „si vis pacem, para bellum!“.6

Dokumentierte Bedeutung erlangte der Standort Jägerallee 10 - 12 erstmalig 1671, allerdings noch nicht in militärischem Kontext, sondern im Rahmen des Ausbaues der im 30-järigen Krieg schwer geprüften Stadt zu einer brandenburgisch-kurfürstlichen Residenzstadt unter der Herrschaft des Großen Kurfürsten. Kurfürst Friedrich Wilhelm, der später der Große Kurfürst genannt wurde, löste Potsdam aus dem Pfandbesitz der Adelsfamilie von Hake aus und erwählte die Stadt neben Berlin zu seiner Residenz. Die Wertschätzung des Großen Kurfürsten für Potsdam manifestiert sich nicht allein in dem Aufschwung, den die Stadt unter seiner Regentschaft nahm, sondern ist auch in den Schulheften seines Sohnes, des späteren ersten Königs in Preußen, anschaulich dokumentiert. Ausgangspunkt für die Entwicklung Potsdams war die Entscheidung des Kurfürsten, einen Schlossbau zu errichten und ab 1671 auch die Winter in Potsdam zu verbringen. Für das Jahr 1671 weist die Potsdam-Chronik aus, dass in der „churfürstlichen Freiheit“ die ersten Häuser für die durch den Schlossbau umgesiedelten Einwohner und für die Angehörigen des Hofstaates errichtet worden seien. Ebenfalls für das Jahr 1671 verzeichnet die Potsdam-Chronik für den hier interessierenden Standort, die heutige Jägerallee 10 - 12, folgenden Eintrag: „Außerhalb des Stadtgebietes entsteht im kurfürstlichen Fasanengarten die Fasanerie.“

Vielfach wurden die Begriffe Fasanengarten und Fasanerie synonym verwendet als Bezeichnung für einen umgrenzten, häufig planmäßig angelegten Bezirk, in dem Fasane gehalten werden. Hierbei wurde unterschieden zwischen wilden Fasanerien, in denen die Tiere sich selbst überlassen blieben, wobei auf Gebäude verzichtet werden konnte und allenfalls Stände für die Winterfütterung errichtet wurden, und zahmen Fasanerien. Zahme Fasanerien waren zum Schutz und zur Bewahrung der Fasane immer umzäunt und enthielten meist die zur Aufzucht und Pflege der Fasane erforderlichen Gebäude und Ausläufe. Zu einer zahmen Fasanerie gehörten in der Regel die Wohnung des Fasanenmeisters, ein Kuhstall, Scheunen und Futterkammern, ein heizbares Fasanenhaus für Fütterung und Unterschlupf, ein Zwinger für die Fasanenhennen mit ihren Jungen, ein Bruthaus und ein Hühnerhaus für Trut- und Haushühner, die Fasaneneier auszubrüten hatten.7 Wird nun - wie in der Potsdam-Chronik für das Jahr 1671 - von der Errichtung einer Fasanerie im Fasanengarten gesprochen, so dürfen wir davon ausgehen, dass es sich um eine zahme Fasanerie handelte, zu der auch die Errichtung von Gebäuden gehörte. Der ursprünglich synonym für Fasanengärten benutzte Begriff Fasanerie wurde nämlich auch für Bauten an zentraler Stelle innerhalb eines Fasanengartens gebräuchlich. Die Bestätigung der Annahme findet sich bei Kania, der in seinen Ausführungen über den „Fasanenzwinger in Sanssouci“ darauf hingewiesen hat, dass es sich bei der alten Fasanerie des Großen Kurfürsten in der Jägerallee um ein Schlösschen gehandelt habe, in dessen anschließenden Langflügeln die Zwinger für die prächtigen Ziervögel untergebracht gewesen seien. 8 Da zahme Fasanerien nur dort errichtet werden sollten, wo Morgen- oder Mittagssonne, fließendes Wasser, Wiesen und Äcker, ein Baumbestand zum Aufsitzen und Unterholz zum Unterschlupf gewährleistet waren, kann die heutige Liegenschaft Jägerallee 10 - 12 als ein bewusst ausgesuchter und in gewisser Weise von der Natur privilegierter Standort angesprochen werden. Primär dienten Fasanerien dem Adel als mit schönen Vögeln bevölkerte Ausflugsziele. Häufig waren die in zahmen Fasanerien aufgezogenen Tiere jedoch auch zum Jagdwild bestimmt. War die Fasanenhaltung von Anfang an durch Rechtsverordnungen dem höheren Adel vorbehalten, so wurde jedenfalls seit Beginn der Neuzeit die Fasanenjagd der Hohen Jagd zugerechnet. Dass schon die alte Potsdamer Fasanerie in späterer Zeit auch jagdlichen Zwecken gedient haben könnte und jedenfalls untrennbar mit der höfischen Jagd verbunden war, verdeutlichen sowohl der unter der Regierung des Königs Friedrich Wilhelm I. am selben Ort 1729 errichtete Jägerhof und die Unterstellung des Fasanenmeisters unter den Hofjägermeister als auch die bis heute erhalten gebliebene Standortbezeichnung Jägerallee, die vom nahe gelegenen Jägertor kommend den Weg zur herrschaftlichen Jagd markierte. Das von Pierre de Gayette 1733 am Beginn der Jägerallee im Stil des Barock errichtete Jägertor symbolisiert treffend die militärischen und jagdlichen Ambitionen des Soldatenkönigs. Während die bekrönende Jagdszene als Referenz an die Jagdleidenschaft und den kurz zuvor errichteten Jägerhof zu verstehen ist, sind die flankierenden ...

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