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Voll verregelt!

Über den Autor

Uwe Wilhelm, 1957 in Hanau geboren, hat mehr als 120 Dreh­bücher geschrieben, unter anderem für Bernd Eichinger und Til Schweiger. 2013 hat er sich mit PIRATENAUSLAUFEN ZUM KENTERN! zum ersten Mal an ein streitbares Sachbuch gewagt. Ein Jahr später legte er mit dem Titel ICH. LOB DES EGOISMUS nach. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Berlin.

Inhalt

  1. Warum ich versuchte, der beste Mensch der Welt zu werden
  2. Warum ich am Untergang der Welt schuld bin
  3. Wie ich beinahe verhungert wäre
  4. Weshalb Dicke kein Fress-Verbot erhalten
  5. Warum Erziehungsratgeber in die Katastrophe führen
  6. Warum es nicht möglich ist auszusteigen
  7. Warum RTL für Doofe ist und Arte nicht
  8. Wie man durch Beten Kriege beenden kann
  9. Wozu man eigentlich ein Geschlecht braucht
  10. Wieso Sahra Wagenknecht eine Agentin der Amis ist
  11. Weshalb ich immer wieder versage: GdgVzZdW
  12. Was man zur ideologischen Selbst-Auspeitschung braucht
  13. Wieso Jesus nur eine Kopie ist
  14. Wann ein Nicht-Jude mehr wert ist als ein Jude
  15. Wieso der Islam keine Religion des Friedens ist
  16. Warum ich nicht als Nacktmolch wiedergeboren werden will
  17. Wie man selbst zum Moralapostel wird

Warum ich versuchte, der beste Mensch der Welt zu werden

Falls Sie mich noch nicht kennen: Ich bin ein selbstgefälliger, blasierter, egozentrischer, gleichgültiger und genusssüchtiger Idiot. Das ist ein hartes Urteil, ich weiß, eines von der Sorte, das im Freundeskreis gewöhnlich drei Reaktionen hervorruft: Die Hobby-Therapeuten raten zum sofortigen Besuch eines Psychologen, die engagierten Weltverbesserer fordern mich auf, die Augen zu öffnen und endlich das Elend der Welt zu sehen – und der Rest stimmt mir still und leise zu.

Die Konfrontation mit meinem Versagen beginnt schon bei uns zu Hause, wo mich meine Familie durch einen Zettel über dem Waschbecken zum Wassersparen auffordert, wo in der Küche Plastiktüten verteufelt werden und ich Fair-Trade-Kaffee trinken soll, der zwar fair gehandelt ist, dafür jedoch so schmeckt, als hätte eine Katze in Guatemala das Pulver mit ihrem Katzenklo verwechselt.

So richtig los schlägt die moralische Erziehungskeule aber erst, wenn ich an einem x-beliebigen Tag die Wohnung verlasse:

Es ist ein Montag im Juni. Die Sonne scheint, die Berliner sind ausnahmsweise einmal fröhlich, und ich befinde mich auf dem Weg zu einem Meeting mit einem Filmproduzenten, der angedeutet hat, eines meiner Drehbücher optionieren zu wollen.

Als Erstes wird mir am Steubenplatz ein nackter Hintern ins Gesicht gedrückt. Glücklicherweise ist es kein menschlicher Hintern, sondern der eines gerupften Hähnchens, das ein wenig nach Chlor riecht. Ich bin nämlich in eine Demonstration geraten, bei der es um das Transatlantische Freihandelsabkommen geht. Zwar habe ich schon davon gehört, weiß aber nicht so genau, um was es dabei geht und ob es für mich persönlich, den deutschen Verbraucher, den deutschen Geflügelzüchter und die Welt an sich gut oder schlecht ist.

Doch es gibt kein Entrinnen mehr. Ein junger Aktivist streckt mir einen Kugelschreiber und eine Kladde entgegen.

»Unterschreib! Oder willst du dich mit Chlorhühnchen vergiften und die Arbeitsstandards des menschenverachtenden amerikanischen Kapitalismus nach Deutschland importieren?«

»Moment«, sage ich, um Zeit zu gewinnen. Natürlich will ich weder mit Chlorhühnchen vergiftet werden noch die ausgebeuteten rumänischen Wanderarbeiter in Tier-Konzentrationslagern für Hungerlöhne schuften lassen. Aber eine meiner Selbstversicherungs-Regeln lautet: Setz deinen Wilhelm nur unter Schriftstücke, die du ohne Brille lesen kannst, verstehst und für gut befindest!

Das wiederum hält der junge Mann für die typische Weichei-Nummer. Worüber wolle ich mich informieren? Er habe doch bereits alle Informationen parat. Und vor allem die richtigen, die nicht von den Interessen der kapitalistischen Ausbeuterklasse diktiert seien. Dass es eine etwas einseitige Sicht der Dinge ist, irritiert ihn nicht, da er davon überzeugt scheint, dass seine Sicht die einzig richtige Sicht der Dinge sei. Um nicht länger eine sinnlose Diskussion über die Komplexität von wirtschaftlichen Entscheidungen zu führen, verspreche ich, mich mit dem Thema zu befassen, und fliehe in die U-Bahn der Linie 2.

Gerettet, denke ich und unterliege einem Irrtum. Denn als Nächstes springen mir auf dem Smartphone die Horrormeldungen des Tages entgegen: Fleischskandal, Klimaerwärmung, weltweiter Hunger wegen des Neoliberalismus sowie die inzwischen zur Folklore gewordenen islamistischen Anschläge inklusive Hinweis, dass die Gesellschaft, jeder von uns und auch ich persönlich, mitverantwortlich seien!

Schon wieder so ein übler Verweis auf mein moralisches Versagen, denke ich und fühle erneut den beunruhigenden Stachel des schlechten Gewissens. Doch damit nicht genug, setzt sich die Inquisition fort, als ich dem Produzenten (nach erfolgreichem Verkauf meines Drehbuchs über einen Mann, der an nichts glaubt!) von meinen Urlaubsplänen erzähle.

»Meine Frau und ich werden zwei Wochen nach Vietnam und Kambodscha fliegen, um ein wenig zu entspannen«, verkünde ich stolz und bin bereit, neidvolle Glückwünsche entgegenzunehmen. Doch der Blick der Produzenten-Assistentin lässt mich augenblicklich zusammenfahren. Sie streicht die grünen Strähnen, die sie in ihr strohblondes Haar eingeflochten hat, aus ihrem Gesicht und meint giftig:

»Bei 3000 Kilometer Flug erzeugt man eine Tonne klimaschädliches CO2. Genauso viel wie bei 7000 Kilometer Autofahrt oder 17 000 Kilometer mit der Bahn. Du hast hoffentlich klimaneutrales Fliegen gebucht?«

»Was heißt das?«, frage ich hilflos und versuche mich in Sarkasmus zu retten: »Dass man in der Luft nicht furzen soll?«

Niemand lacht. Vor allem die Assistentin nicht. Offensichtlich meint sie es ernst mit der Klima-Rettung.

»Nein, es heißt vermeiden, reduzieren, kompensieren. Ihr müsst euch bei Myclimate registrieren!«

Dann rechnet sie mir vor, dass unser Hin- und Rückflug in der Economy Class bei 22 100 Kilometer 8583 Tonnen CO2 und in der Business Class sogar 13 593 Tonnen CO2 produziere. Mit 253 beziehungsweise 305 Schweizer Franken jedoch könnten wir uns von unserer Schuld freikaufen.

Sie klingt in diesem Moment wie eine Mischung aus Margot Käßmann und einem Fingernagel auf einer Schiefertafel.

Ich rechne schnell aus, dass das ein Viertel unseres supergünstigen Flugtickets ausmachen würde, verspreche, mich kundig zu machen – und fliehe augenblicklich aus dem Büro.

Doch kaum bin ich in der S-Bahn angekommen, laufe ich prompt einer Gruppe von Pantomimen in die Arme, die gestenreich auf die Situation der Palästinenser im Gaza-Streifen hinweist und um Spenden in Papierform bittet. Gemeint sind Scheine ab zehn Euro aufwärts.

Eine Zeit lang kann ich mich erfolgreich hinter meinem Tablet verstecken und so tun, als würde ich mich über irgendeinen anderen Skandal aufregen. Doch als der erste Pantomime sich mit breitem Grinsen auf meinen Schoß setzt, ist jeder weitere Widerstand zwecklos. Er fuchtelt mit den Armen in der Luft herum und macht den übrigen Fahrgästen deutlich, dass ich offensichtlich keine Probleme damit habe zuzusehen, wie Hunderte Palästinenser in Elend und Armut leben.

Das ist natürlich eine unerhörte Frechheit. Ich schiebe den Pantomimen von meinem Schoß herunter und sage, dass das eine hinterhältige Anschuldigung sei. Dann verstecke ich mich schnell wieder hinter meinem Tablet.

Aber wenn ich ehrlich sein soll, stimmt die pantomimische Einschätzung. Ja, ich sehe dem Elend zu, das sich wie eine naturbefohlene Notwendigkeit tagtäglich in irgendeinem Winkel der Welt ereignet. Das liegt daran, dass ich mich für nahezu alles interessiere, was das Weltgeschehen an Unterhaltung zu bieten hat. Ich lese jeden Tag Spiegel Online, Welt Online, FAZ Online, Süddeutsche Online, Dream Machines (Deutschlands großes Harley-Davidson-Magazin). Ich kann stolz behaupten, dass ich mit dem herausgeputzten Viertelwissen eines durchschnittlichen Idioten über den Klimawandel, Kriege, egal, wo sie stattfinden, das geplante Freihandelsabkommen, Waffenhandel und die Neonazis in Deutschland ausgestattet bin. Ich kann überall mitreden, ohne eine Ahnung zu haben.

Aber wenn es darum geht, wirklich Haltung zu beziehen, mich für oder gegen eines dieser Themen einzusetzen, zu demonstrieren oder zu spenden, kneife ich. Ich bringe es einfach nicht zu einer entschlossenen Haltung, weil ich immerzu denke, dass ich doch nicht genug Informationen habe, um für oder gegen eine Sache zu sein: Soll man das Rauchen verbieten, weil es zu Lungenkrebs führt, oder vernichtet man dadurch Arbeitsplätze in der Tabakindustrie, woraufhin arme Tabakbauern die Organe ihrer Kinder verkaufen müssen? Soll man Neonazis verprügeln, oder ist es besser, sie immer wieder von Sozialarbeitern therapieren zu lassen? Sollten Frauen mit oder ohne Quote Karriere machen, oder sollten sie lieber zu Hause bleiben, Kinder kriegen und Bücher über Emanzipation lesen – oder alles zusammen?

Ich weiß es nicht.

Aber ich würde es gerne wissen. Ich würde gerne für etwas eintreten, mich an etwas halten, und es notfalls auch gegen alle Vernunft glauben. Einfach deshalb, weil jemand, der sich an ein Glaubensbekenntnis klammern kann, es im Leben leichter hat als ich.

Natürlich ist es nicht so, dass ich alles bezweifle. Ich habe sogar schon das eine oder andere Mal für eine Sache Partei ergriffen. Zum Beispiel habe ich gegen die al-Quds-Demo in Berlin demonstriert, auf der ein kranker Antisemitismus Blüten treibt. Und da war ich einhundert Prozent sicher, das Richtige zu tun.

Aber war es wirklich das Richtige? Eine Menge Leute im Iran und bei der Linkspartei sind da anderer Ansicht.

Und wenn ich mich für etwas entscheide, das weniger emotional motiviert ist, wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass der Kapitalismus an der Klimakatastrophe schuld ist, lese ich garantiert am nächsten Tag einen Artikel, der mir sagt, dass die schlimmsten Umweltsünden von kommunistisch regierten Ländern begangen würden, ich mithin also völlig falschliege und mich mal wieder nicht genügend informiert habe. Daraufhin ändere ich dann gehorsam meine Meinung, nur um am übernächsten Tag jemandem zu begegnen, der mich wegen meiner falschen Einstellung neuerlich als Trottel entlarvt …

Was soll ich also machen? Es ist doch unmöglich, alles zu lesen, um alles zu wissen – und dann alles richtig zu machen. Permanent mit offenem Google durch die Welt zu laufen, ist auch keine Alternative, weil Google gewissermaßen der populistische Hochaltar der Meinungskakophonie ist. Zu jedem Blödsinn gibt es irgendwo einen Idioten, der glaubt, dass er die Welt mit seinen absurden Ideen beglücken muss.

Einen cleveren Ausweg aus diesem Dilemma hat mir schließlich ein befreundeter Schauspieler aufgezeigt, der früher in der DDR Kommunist war und jetzt, da es keine DDR mehr gibt, sondern nur noch »den Westen«, zum Katholizismus konvertiert ist, weil er es dahin ideologisch nicht so weit hatte: »Du musst glauben, Uwe! Früher habe ich gedacht, dass der Sozialismus die Menschen von Unterdrückung, Ausbeutung und Entfremdung befreit. Ich habe es geglaubt, weil ich zu faul war, die dreiundzwanzig Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe zu lesen. Und heute glaube ich eben, dass Gott uns vor Sinnlosigkeit, Schuld und ansteckenden Krankheiten schützt.«

»Woher weißt du das?«, fragte ich ihn. »Hast du etwa die Bibel gelesen?«

»Spinnst du? Wann denn? Für so was hab ich keine Zeit.«

»Aber willst du nicht beweisen können, was du glaubst?«

»Es geht nicht um ›beweisen können‹! Du Armer, wo lebst du denn? Es geht um den Glauben an sich, es geht um das gute Gefühl!«

Das Gespräch ließ mich ein paar Tage lang nachdenklich zurück. Es gehe also um das Gefühl, hatte mein Schauspieler-Freund behauptet und damit seinen Seitenwechsel von der SED zur katholischen Kirche gerechtfertigt. Ich wollte es nicht glauben. Ist das nicht Ideologie-Hedonismus, dachte ich.

Zwei Wochen später traf ich ihn wieder und mir fiel auf, wie zufrieden und glücklich er war. Einmal pro Woche in die Kirche, ab und zu beten (vor allem um gute Rollen), hin und wieder für die Armen spenden, alles Unglück auf den lieben Gott schieben können und vor allem zu wissen (glauben), was richtig und was falsch ist … Ich gebe zu, an diesem Punkt wurde ich neidisch. Wenn es etwas gäbe, an das ich glauben könnte, dachte ich, je dogmatischer, desto lieber, müsste ich nichts mehr wissen, weil ich ja glauben könnte.

Leider ist mir dieser Luxus schon allein entwicklungshistorisch nicht vergönnt gewesen. Bei uns zu Hause glaubt niemand an irgendeine höhere Macht. Gott, Satan, Greenpeace, Karl Marx, eine arische Herkunft haben bei uns keine Chance. Wir glauben noch nicht mal dem Wetterbericht. Aber nicht etwa, weil wir so klug sind, nein, es hat sich einfach nicht ergeben. Natürlich gibt es auch bei uns Dinge, an die man sich hält: Mein Opa auf väterlicher Seite hatte sich an den Alkohol gehalten, weil er dachte, sein Leben würde dadurch leichter werden. Es wurde leider nur kürzer. Weil er gleichzeitig auch noch Diabetiker war, brauchte er aber zumindest kein Nazi zu sein. Mein Opa mütterlicherseits hielt sich an sein Sturmgewehr 44 und dachte, dass es vor Stalingrad schon irgendwie gut gehen würde. Tat es aber nicht …

Einzig meine Eltern glauben an etwas. Meine Mutter vor allem daran, dass die ganze Welt und besonders die Männer sich gegen sie verschworen haben. Und mein Vater glaubt, dass meine Mutter doch noch irgendwann zur Vernunft kommt und sie wieder friedlich und in Liebe miteinander leben können.

Niemand in unserer Familie war oder ist also religiös oder auf eine andere Art verblendet. Mit Ausnahme eines schwachsinnigen Onkels, der den Zeugen Jehovas angehörte und sein Leben lang damit beschäftigt war herauszufinden, warum der garantierte Zeitpunkt für Armageddon Jahr um Jahr von Gott nicht eingehalten wurde. Er war aber trotzdem der Meinung, dass er der Einzige in der Familie wäre, der dann in den Himmel käme, während wir anderen kollektiv in der Hölle schmoren würden. Ich hielt das immer für eine fade Drohung, weil wir ja bereits in der Hölle lebten.

Mein Vater war Elektriker, meine Mutter Schuhverkäuferin. Später handelten sie mit Softeis, dann bauten sie Häuser und verkauften sie, und dann wurden sie Makler. Allein der letzte Beruf verbietet es, an irgendetwas zu glauben, außer an dämliche Käufer und Geld. Ich habe meine Kindheit also ohne die Luftpolsterfolie eines Glaubens oder einer Ideologie verbracht.

Ich musste sechzehn Jahre alt werden, bis mir mein Mitschüler Ronny Kupferer erklärte, wie viel angenehmer es sich lebe, wenn man etwas habe, woran man glauben könne. In diesem Fall war es die spezielle Variante des Marxismus-Leninismus, die der Spartakusbund lehrte, der mit hundertprozentiger Sicherheit wusste, dass und warum der Kapitalismus zugrunde gehen muss. Doch obwohl Regalmeter an Büchern den Beweis für den drohenden Untergang lieferten, ist es seltsamerweise bis heute genauso wenig zum Untergang der Kapitalisten gekommen wie zu Armageddon. Dafür ist aber zwischenzeitlich der Spartakusbund zugrunde gegangen. Vielleicht, weil nicht genug Mädchen mitmachen wollten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat mich damals die Ideologie-Masturbation von einem Tag auf den anderen nicht mehr befriedigt. Ich hatte den ersten Sex mit einem Mädchen, verließ den Spartakusbund und bin seitdem immun gegen jede Art von politischer Indoktrination.

Bisher hielt ich das für eine besondere Charakterstärke und Beweis intellektueller Überlegenheit. Wenn man allerdings mit meinungsstarken Frauen in einem Haushalt lebt, wird Charakterstärke und Überlegenheit schnell zu Bequemlichkeit und Feigheit umgedeutet. Nehmen wir nur mal den Tag, an dem meine Tochter entschieden hatte, Vegetarierin zu werden. Es war zugleich auch der Tag, an dem die Idee zu diesem Buch entstand.

Um nicht allein den beschwerlichen Weg zum besseren Menschen gehen zu müssen, war mein Nachwuchs entschlossen, die Familie in Sippenhaft zu nehmen. Widerspruch war zwecklos, zaghafte Hinweise auf unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse wurden mit Bildern von zu Tode gequälten Schweinen vom Tisch gewischt.

Da ich allerdings in meiner Jugend selbst ein paar Versuche in Richtung Vegetarismus unternommen hatte und stets gescheitert war, wollte ich mich dem Ernährungsdiktat nicht so einfach beugen.

»Ich brauche Fleisch!«, rief ich meiner Tochter und ihrer Kampftruppe in Form meiner Frau entgegen. »Ich habe Blutgruppe Null! Das ist die älteste Blutgruppe der Welt. Ich bin gewissermaßen ein ernährungspolitischer Gorilla. Ich kann auf Obst verzichten, auf Gemüse, aber nicht auf Salami. Ohne Fleisch gehe ich zugrunde. Ich kann mich nicht von Sprossen ernähren. Und schon gar nicht von feuchten Tempo-Taschentüchern, auf deren Verpackung Tofu steht! Und wenn ihr darauf euer Regiment gründen wollt, ziehe ich aus und suche mir eine Wohnung über einer Maredo-Filiale.«

Meine beiden Frauen sahen mich entgeistert an, während ich zum Kühlschrank taumelte, nach einer französischen Ringsalami griff, mit den Zähnen die Pelle herunterzog und demonstrativ ein drei Zentimeter großes Stück abbiss.

Was aber war die Folge dieser leichten Überreaktion, die man auch als hysterischen Ausbruch eines in die Enge getriebenen Sünders bezeichnen könnte? Tränen einer enttäuschten Tochter, die in diesem Moment entsetzt verstand, dass ihr Vater nicht der aufgeklärte, vernünftige, vorurteilsfreie Supermann war, den sie immer in ihm gesehen hatte.

Meine Frau sprang unserer Tochter natürlich bei.

»Wie kannst du so ein ignoranter Egoist sein, der nur an sich selbst und nicht an die Umwelt denkt und die Augen vor dem Elend der Welt verschließt?«

Und überhaupt sei meine Meinung zu Massentierhaltung, Rauchen in der Öffentlichkeit, Überfischung der Meere, Prostitution, Guantánamo, Zuckerbomben, Egoismus, deutschem Fernsehen, Kirche, wenn überhaupt vorhanden, absolut indiskutabel!

Als dieser inquisitorische Blitzkrieg zu Ende war, stand ich konsterniert mit der Salami in der Hand wie ein Trottel da und war sprachlos. Woher kam dieser plötzliche moralisch legitimierte Pranger? Hing es mit der neuen Ausgabe des Greenpeace-Magazins auf dem Tisch zusammen? Oder war Al Gore schuld? Oder Angelina Jolie und Bono, die im Internet unermüdlich in flammenden Appellen zur Solidarität mit den Armen und Schwachen aufriefen? Ich weiß es bis heute nicht. Alles, was ich weiß, ist nur, dass meine beiden Frauen mich fordernd ansahen und ich mich plötzlich schuldig fühlte, weshalb ich in diesem Moment tatsächlich bereit war, mir eine Meinung zu den angeforderten Fragen zuzulegen …

Im Grunde hatten die beiden Familien-Missionare ja recht. Meine Haltung gegenüber den meisten Themen, die meine Tochter und meine Frau aufgezählt hatten, reicht von kurzzeitig-wütend über verständnislos-neutral bis frustriert-gleichgültig. Je nachdem, wie sehr die mediale Empörungsmaschine ein Problem zum moralischen Tsunami aufschaukelt, errege ich mich, halte entrüstete Reden – beruhige mich dann aber recht schnell wieder, wenn das Thema auch in der Presse keines mehr ist. Anschließend wandere ich zusammen mit den journalistischen Heuschrecken zum nächsten Empörungs-Maisfeld.

Dass ich da wie die meisten Menschen in meiner Umgebung reagiere, ist zwar tröstlich, aber kein Argument, auf dem ich mich ausruhen kann.

Jedenfalls beschloss ich an diesem denkwürdigen Tag, mich unverzüglich tiefgreifend und gründlich zu informieren und nicht länger wie ein oberflächlicher Depp durch die Welt zu stolpern, zu allem etwas sagen zu können (dabei aber von nichts eine Ahnung zu haben) und im Übrigen tatenlos herumzusitzen. Ich legte angesichts der demütigenden Katastrophen dieses Tages gewissermaßen das Versprechen ab, der beste Mensch der Welt zu werden – oder wenigstens in unserem Stadtteil. Und wenn das nicht, dann zumindest von all den Menschen in unserem Haus, die denselben Nachnamen wie ich tragen.

Ich kaufte also Zeitschriften, bestellte unzählige E-Books (Schonung des Waldes!) und meldete mich bei diversen Gruppen und Organisationen an, um aus erster Hand zu erfahren, was ich glauben, wissen und meinen könnte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich natürlich nicht, dass der Dämon, der mich seit dem Morgen verfolgte, noch lange nicht mit mir fertig war. Denn klimaneutral zu reisen, gegen Chlorhähnchen zu unterschreiben, Greenpeace und der Furor meiner Frauen waren in seinem Konzept nur der Auftakt zur geballten Attacke auf meine geistige Gesundheit. Ein hinterhältiger Angriff, der darin bestand, mich Ahnungslosen in die Hölle der Moralapostel zu schicken!

Ich schloss dann sogar eine Wette mit meiner Familie ab. Innerhalb von drei Monaten würde ich einen Verein finden, in dem ich mich für oder gegen eine Sache engagieren könnte. Allerdings vermochten wir uns nicht über den Wetteinsatz zu einigen. Es musste etwas sein, wofür es einerseits wert war zu kämpfen; andererseits durfte es aber auch nicht der eigentliche Grund meiner Selbstoptimierung sein. Der Wetteinsatz sollte den Verlierer schmerzen und den Gewinner nicht zu sehr freuen.

Da wir uns nicht einigen konnten, vertagten wir die Entscheidung schließlich per Handshake …

Warum ich am Untergang der Welt schuld bin

»Ich bin Ophelia von Greenpeace, kostet nichts«, flüstert eine dunkelblonde Mittvierzigerin mit wilder Mähne, während sie mir eine bunte Zeitschrift in die Hände drückt. Ich stehe in den Potsdamer Arkaden vor dem Currywurst-Stand und warte auf mein Mittagessen.

Wieso kostet Ophelia von Greenpeace nichts, denke ich ein wenig überrumpelt und brauche dann noch einen weiteren Moment, bis ich begreife, dass es hier nicht um sexuelle Dienstleistungen einer Adeligen geht, sondern dass die örtliche Vertreterin eines der größten Umweltschutzverbände der Welt (zweitausendvierhundert Angestellte und drei Millionen zahlende Mitglieder) vor mir steht.

Das T-Shirt der umweltbewussten Öko-Polizistin hätte mir allerdings auch gleich zeigen können, dass es unangebracht ist, ihr zu dem seltenen Namen zu gratulieren. Dort steht nämlich weiß auf blau: »Rettet die Wale, esst mehr Japaner! Greenpeace.« Da mein Blutzuckerspiegel aber momentan etwa auf der Höhe des pazifischen St.-Andreas-Grabens dümpelt, hat mein Gehirn auf die 37,5-Stunden-Woche umgeschaltet – und die ist an diesem Freitag seit zwei Stunden vorüber.

»Nach viermonatiger Unterbrechung wird nun am Ilisu-Staudamm weitergebaut, der den Tigris an der Grenze zu Syrien und dem Irak aufstauen soll. Das alles hat verheerende soziale, ökologische und politische Folgen. Was willst du dagegen unternehmen?«

Was ich dagegen unternehmen will? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass solche Überfälle bei mir wie eine Ohrfeige wirken und ich sofort auf den imaginären Schuldenturm klettere. Betreten sehe ich Ophelia von Greenpeace an, lächle und bitte stumm um Haftverschonung. Ich habe bisher nicht gewusst, dass ich etwas gegen einen Staudamm am Tigris unternehmen soll. Ich wusste ja noch nicht mal, dass es diesen Staudamm überhaupt gibt, und wer ihn warum baut. Unterwürfig greife ich zu dem dargebotenen Greenpeace-Magazin, blättere darin herum, während Ophelia von Greenpeace fortfährt, meinen Vorrat an schlechtem Gewissen aufzufüllen. Aber davon bekomme ich eigentlich nur am Rande etwas mit, weil Unterzuckerung auch bedeutet, dass in meinem Gehirn die letzten kommunikativen Funktionen abgeschaltet werden. Zum Beispiel Multitasking. Multitasking ist jetzt nicht drin. Entweder ich lese, oder ich höre zu. In diesem Fall entscheide ich mich fürs Lesen und bin schon nach der Inhaltsangabe von der Aufzählung des täglichen Weltuntergangs erschüttert.

Und während Ophelias Predigt im Hintergrund weiterblubbert, frage ich mich, wie sich wohl Leute fühlen, die alle zwei Monate das gesammelte ökologische Versagen der Menschheit auf sechzig Seiten recyceltem Papier zusammenfassen müssen: Sind sie in einem fortgeschrittenen Zustand von Panik angekommen? Nehmen sie Beruhigungstabletten in der Größe von Lkw-Reifen, um angesichts der fortschreitenden Zerstörung des Planeten nicht wahnsinnig zu werden? Es muss so sein, denn ich vermute, dass sie ihre Arbeit nicht nur für Geld machen, sondern weil sie aus tiefstem Herzen besorgt sind. Vielleicht auch regelrecht beunruhigt oder aufgeschreckt. Auf alle Fälle von einer tiefen quasireligiösen Überzeugung motiviert, die schon vor Jahrhunderten die spanischen Priester in Südamerika angehalten hat, die ungläubigen Indios zu töten und zu missionieren. Oder war es umgekehrt? Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei.

Auf alle Fälle würde ich es nicht ertragen, mir jeden Tag das Elend der Welt reinzuziehen. Vor allem, weil das Elend ja kein Ende hat. Es ist nichts, das wie die Pest ausgerottet werden kann. Es ist eher ein Feind, der permanent seine Truppen von einem Schlachtfeld abzieht und sie auf dem nächsten wieder in Stellung bringt. Kaum ist zum Beispiel das Waldsterben keines mehr, gibt es die Massentierhaltung. Kaum sind Atomkraftwerke abgeschaltet, ertrinken die Meere in Müll. Kaum geht weltweit der Hunger zurück, schmelzen die Eisberge. Ein wenig kommt es mir vor, als hätte ein Teufel die Hände im Spiel und eine perfide Freude daran, die Ökos in Atem zu halten. Wenn ich mir diesen Horror jeden Tag vor Augen führen müsste, würde ich mich wahrscheinlich umbringen und ökologisch korrekt in einem Sarg aus recycelten Plastiktüten entsorgen lassen.

»Lies mal Seite 17.«

Ophelia von Greenpeace drängt sich verbal zurück in mein Gehirn und scheint inzwischen eine Alarmstufe weitergegangen zu sein. Der Tonhöhe nach zu urteilen, ist sie in den heiligen Hallen der Hysterie angekommen. Ich lese auf Seite 17, dass wir, das heißt die deutsche Regierung, Waffen an die Kurden lieferten, damit die sich gegen die Idioten vom Islamischen Staat verteidigen könnten.

»Im Kampf gegen den Islamischen Staat beliefert die Bundesregierung die Kurden im Irak mit Waffen. Die Frage dabei lautet doch: In wessen Hände könnten die Panzerfäuste und Gewehre danach gelangen?«

Ein paar Seiten später erfahre ich, dass der deutsche Brot-Handwerker durch Chemie und Maschinen vom Aussterben bedroht sei, und die Wahrheit in der Ukraine-Krise auf der Strecke bleibe. Außerdem sei die Eisschmelze immer noch unumkehrbar, und lediglich beim Ozonloch sei Besserung in Sicht, was aber noch lange nicht reiche …

Ich muss gestehen, dass bislang nur die Eisschmelze als Problem zu mir durchgedrungen ist. Die restlichen Bedrohungen, die unausweichlich zum Untergang der Erde führen werden, sind an mir vorbeigerauscht. Der Grund liegt darin, dass ich mir seit vier Wochen eine Nachrichten-Null-Diät verordnet habe. Kein Spiegel Online, keine Welt.de, keine FAZ.NET und keine Sueddeutsche.de. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, sekündlich über immer neue Katastrophen informiert zu werden, und daher kurz vor dem Absturz in eine veritable Depression meinen Computer vom Netz genommen.

Ein Fehler, wie Ophelia von Greenpeace mir jetzt erklärt, weil ich damit die typische Wohlstands-Ignoranz zeige, die moralisch auf dem Niveau von Aidsviren rangiert. Ich bestelle eine Curry scharf und Pommes rot und gebe zu, dass ich ein ignoranter Unmensch bin, weil ich mich nur rudimentär dafür interessiere, dass die Japaner trotz Verbotes schon wieder einen Walfisch gefangen haben. Aber was soll ich machen, entweder ich interessiere mich für Walfische und bin depressiv, oder ich denke mir, es gibt doch genug von den Viechern. Und nur weil sie so groß sind und keine Arme haben, muss ich doch nicht mehr Mitleid mit ihnen haben als mit anderen Tieren?

Ich gebe das Heft an Ophelia von Greenpeace zurück, damit ich in Ruhe meine Currywurst aus genmanipuliertem Schweinefleisch essen kann, erhalte aber im Gegenzug Ausgabe Nr. 3 aus dem Jahr 2012, in der drinsteht, dass Schweine unter tierverachtenden Umständen gehalten werden. Wenn ich mich schon nicht für den Ilisu-Staudamm interessiere, meint Ophelia von Greenpeace, solle ich wenigstens bewusster mit Nahrungsmitteln umgehen! Außerdem sei der Plastikspieß, mit dem ich mir die Pommes in den Mund stecke, nicht recycelbar …

Muss ich noch erwähnen, dass Ophelia nicht nur leidenschaftlich gegen die Eisschmelze und das Ozonloch kämpft, sondern auch genau weiß, dass die Meere verdrecken, die Müllhalden das Grundwasser vergiften und Megatonnen von Sondermüll in den Osten verklappt werden, wo niemand weiß, was mit dem Zeug geschieht? Ich kann jedenfalls nur noch staunen.

Ophelia von Greenpeace oder OvG, wie ich sie von nun an nenne, um nicht unnötig Papier und Druckerfarbe zu verschwenden, starrt mich herausfordernd und mit diesem unbeirrbaren, leicht irren Funkeln in den Augen an, das nur Menschen befällt, die von einer – und am besten ihrer eigenen – Sache einhundertprozentig überzeugt sind.

Ich nuschle etwas von Büro und zurück an den Schreibtisch und späterem Arzttermin, kann damit aber eine Hardcore-Missionarin wie sie nicht entmutigen.

»Und du?«

»Was, und ich?«

»Trennst du deinen Müll?«

Natürlich muss diese Frage kommen.

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