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Volkswirtschaftslehre

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Hinweis zum Urheberrecht

Abbildung

Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

Die Autoren

Paul Krugman ist Wirtschafts-Nobelpreisträger des Jahres 2008 und lehrte 14 Jahre lang an der Universität Princeton. Seit Juni 2015 ist er Mitglied der Fakultät des Graduate Center der City University of New York (CUNY). Seit 2014 ist er mit dem LIS assoziiert, einer Forschungseinrichtung in Luxemburg, die weltweit Einkommensungleichheit erfasst und analysiert. Den BA erwarb Krugman in Yale und seinen Doktortitel am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Er lehrte in Yale, Stanford und am MIT. Paul Krugman ist Kolumnist der New York Times und hat mehrere Bücher für ein ökonomisch nicht vorgebildetes Publikum geschrieben.[2]

Robin Wells war Lehrbeauftragte und Forscherin im Fach Wirtschaftswissenschaften an der Universität Princeton. Den BA erwarb sie an der Universität Chicago, ihren Doktortitel in Berkeley an der University of California. Danach arbeitete sie als Postdoc am MIT. Sie unterrichtete an der Universität von Michigan, der Universität von Southampton (Vereinigtes Königreich), in Stanford und am MIT.

Die Übersetzer

Professor Dr. Klaus Dieter John (†) war seit 1992 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Chemnitz. Er promovierte mit einer Arbeit über die Zusammenhänge von Beschäftigung, Inflation und Einkommensverteilung. Klaus Dieter John habilitierte sich zum Thema „Optimale Entwicklungspfade für Ökonomie und Umwelt“.

Sarah Lisanne John hat an den Universitäten Tübingen und Heidelberg Volkswirtschaftslehre und Europastudien studiert. Sie arbeitet seit 2016 bei der Deutschen Bundesbank.

Dr. Marco Herrmann hat an der Freien Universität Berlin Volkswirtschaftslehre studiert und am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Leipzig promoviert. Er ist heute bei der VNG – Verbundnetz Gas AG in Leipzig als Leiter der Abteilung Analyse beschäftigt.[3]

Vorwort der Übersetzer

Lange mussten sich die Leserinnen und Leser gedulden, aber nun liegt die zweite Auflage der deutschen Ausgabe des weltweit erfolgreichen Standardlehrbuches der Volkswirtschaftslehre „Economics“ von Paul Krugman und Robin Wells vor. Die neue deutsche Ausgabe basiert auf der vierten Auflage des US-amerikanischen Lehrbuches.

In seiner zweiten Auflage erscheint das Lehrbuch in einem neuen, modernen Layout und bildet die inhaltlichen und strukturellen Änderungen der US-amerikanischen Vorlage ab. Die Inhalte sind in vielen Teilen neu strukturiert und ergänzt worden. Gleichzeitig gibt es komplett neue Darstellungen. Kapitel 18 gibt einen Einblick in die Ökonomie des Wohlfahrtsstaates. Im Kapitel 32 werden unter der Überschrift „Krisen und Konsequenzen“ die Ursachen von Bankenkrisen und Finanzmarktpaniken sowie ihre Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dargestellt.

Mit der zweiten Auflage der deutschen Ausgabe von „Economics“ setzen wir den Ansatz des leider verstorbenen Klaus Dieter John konsequent fort, das US-amerikanische Lehrbuch nicht einfach Wort für Wort ins Deutsche zu übersetzen, sondern den US-amerikanischen Fokus durch eine europäische und deutsche Perspektive zu ergänzen. Den Ausführungen in den einzelnen Kapiteln werden in bewährter Form Themen aus „Wissenschaft und Praxis“, „Denkfallen!“ und „Vertiefung“ zur Seite gestellt. Neu hinzugekommen ist die Rubrik „Länder im Vergleich“, in der ökonomische Sachverhalte aus einer internationalen Perspektive anhand von Daten und Fakten dargestellt und analysiert werden. Am Ende eines Kapitels gibt es nun außerdem eine Fallstudie zu „Unternehmen in Aktion“, in der herausgearbeitet wird, wie sich wichtige ökonomische Grundprinzipien im Unternehmensalltag widerspiegeln.[4]

Durch die Vielzahl der neuen Inhalte ist es notwendig geworden, die Aufgaben am Ende eines jeden Kapitels aus dem Lehrbuch „auszulagern“. Die Aufgaben sind aber nicht verloren gegangen, sondern werden in einem separaten Arbeitsbuch aufgegriffen und ausführlich beantwortet (Marco Herrmann / Sarah Lisanne John: Arbeitsbuch Volkswirtschaftslehre, 2017, ISBN 978-3-7910-3868-1).

Unser Dank gilt Herrn Dipl.-Volksw. Frank Katzenmayer und Herrn Dipl.-Volksw. Bernd Marquard, die maßgeblich zum Gelingen der neuen Auflage beigetragen haben.

Nach getaner Arbeit bleibt zu hoffen, dass für die neue Auflage des Lehrbuches – in Abwandlung einer alten Volksweisheit – gilt: „Was lange währt, wird richtig gut“.

Sarah Lisanne John und Marco Herrmann

Tübingen und Leipzig, im Oktober 2016

Neu in der 2.  Auflage

  • Kapitel 32 Krisen und Konsequenzen charakterisiert zunächst das Bankgeschäft. Bankenkrisen können Finanzmarktpaniken auslösen. Diese haben langanhaltende und gravierende Auswirkungen auf Volkswirtschaften, weshalb regulatorische Vorkehrungen gegen Bankenkrisen getroffen werden. Die Finanzkrise 2008 ist auf eine Bankenkrise zurückzuführen und hatte schwere wirtschaftliche Auswirkungen.

  • Kapitel 18 Die Ökonomie des Wohlfahrtsstaates[5] enthält den Teil über Armut, Ungleichheit und staatliche Politik aus dem Kapitel 21 der 1. Auflage und wurde zusätzlich um die Themen Wohlfahrtsstaat in den USA, Ökonomik der Gesundheitsfürsorge (ACA, Medicare, Medicaid) und Diskussion über den Wohlfahrtsstaat erweitert.

  • Das Kapitel Steuern (Kapitel 7) fasst Ausführungen zu Steuern aus verschiedenen Kapiteln der 1. Auflage zusammen und wurde ergänzt um wesentliche Aspekte des deutschen Steuersystems.

  • Die Kapitel zu Fiskalpolitik (Kapitel 28), Geld, Banken und Zentralbanken (Kapitel 30) und Geldpolitik (Kapitel 31) wurden stärker auf deutsche bzw. europäische Verhältnisse ausgerichtet.

  • Das Kapitel 11 der 1. Auflage über Konsumentenpräferenzen und Konsumentscheidung wurde in den Anhang zu Kapitel 10 Der rationale Verbraucher integriert.

  • Das Kapitel 16 Externalitäten enthält jetzt das Kapitel 22 der 1. Auflage zu Technologie, Informationsgütern und Netzwerkexternalitäten in kompakterer Form.

  • Die Rubrik Länder im Vergleich untersucht Themen aus einer internationalen Perspektive, z. B. den Zusammenhang zwischen Produktivität und Reallöhnen, die Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen oder Umverteilung und Ungleichheit in Industrieländern.

  • Am Ende jedes Kapitels präsentiert Unternehmen in Aktion einen zentralen Inhalt des Kapitels (z. B. Preisstrategien, Opportunitätskosten, Banken und Armut) anhand von Entscheidungen oder der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens. Dazu gehören unter anderem Priceline, Uber, Amazon, McDonald’s, Virgin Airways, Facebook, MySpace, Friendster und Walmart.[6]

  • In den Mikroökonomik-Kapiteln 1 bis 20 wird mit den praktischen Beispielen vor allem untersucht, wie technologische Neuerungen die Wirtschaft verändern. Wie verändert das Auftreten von Uber das Marktgleichgewicht? Smart Grids zeigen die Bedeutung einer exakten Messung von Kosten, „Showrooming“ und Showing Apps bringen den Markt für Konsumgüter näher an die vollständige Konkurrenz heran.

  • In den Makroökonomik-Kapiteln 21 bis 34 werden in praktischen Beispielen besonders die Nachwirkungen der Finanzkrise analysiert. Konzepte wie Massenarbeitslosigkeit, Nominallohnrigidität, Fiskalpolitik und der Multiplikator oder die Nullzins-Untergrenze der Geldpolitik werden durch aktuelle Beispiele (Ländervergleich, Länder in Südeuropa) illustriert statt durch Rückgriff auf die Wirtschaftsgeschichte.

Zentrale Kapitel und optionale Kapitel

Zentrale KapitelOptionale Kapitel
1Grundprinzipien
2Ökonomische Modelle: Zielkonflikte und HandelAnhang zu 2: Grafische Darstellungen in den Wirtschaftswissenschaften
3Angebot und Nachfrage
4Konsumentenrente und Produzentenrente
5Preisvorschriften und Mengenbeschränkungen: Der Markt schlägt zurück
6Elastizität
7Steuern
8Internationaler Handel
9Die Entscheidungsfindung von Personen
und Unternehmen
Anhang zu 9: Entscheidungen, bei denen Zeit eine Rolle spielt: Der Barwert
10Der rationale VerbraucherAnhang zu 10: Konsumentenpräferenzen und Konsumentscheidung
11Hinter der Angebotskurve: Inputs und Kosten
12Vollständige Konkurrenz und die Angebotskurve
13Monopol
14Oligopole
15Monopolistische Konkurrenz
16Externalitäten
17Öffentliche Güter und Allmendegüter
18Die Ökonomie des Wohlfahrtsstaates
19Faktormärkte und EinkommensverteilungAnhang zu 19: Indifferenzkurvenanalyse des Arbeitsangebotes
20Unsicherheit, Risiko und private Informationen
21Makroökonomik: Ein Überblick
22BIP und Inflation: Die quantitative Erfassung des makroökonomischen Geschehens
23Arbeitslosigkeit und Inflation
24Das langfristige Wachstum
25Sparen, Investitionsausgaben und das Finanzsystem
26Einnahmen und AusgabenAnhang zu 26: Die mathematische Herleitung des Multiplikators
27Gesamtwirtschaftliches Angebot und gesamtwirtschaftliche Nachfrage
28FiskalpolitikAnhang zu 28: Steuern und der Multiplikator
29Geld, Banken und Zentralbanken
30GeldpolitikAnhang zu 30: Die zwei Modelle zur Erklärung des Zinssatzes zusammenführen
31Inflation, Desinflation und Deflation
32Krisen und Konsequenzen
33Makroökonomik: Ereignisse und Ideen
34Die Makroökonomik der offenen Volkswirtschaft[7]

Abkürzungen für ökonomische Fachbegriffe

Abkürzungenglischer Begriffdeutscher BegriffKapitel
aindividual household autonomous consumer spendingautonome Konsumausgaben eines einzelnen Haushalts26
Aaggregate autonomous consumer spendingautonome Konsumausgaben26
ADaggregate demandgesamtwirtschaftliche Nachfrage27
AEplanned aggregate spendinggesamtwirtschaftliche Ausgaben26
AFCaverage fixed costdurchschnittliche Fixkosten11
ASaggregate supplygesamtwirtschaftliches Angebot27
ATCaverage total costdurchschnittliche Gesamtkosten, Durchschnittskosten11
AVCaverage variable costdurchschnittliche variable Kosten11
BGbudget lineBudgetgerade10
BIPgross domestic product (GDP)reales Bruttoinlandsprodukt, Gesamteinkommen22
cindividual household consumer spendingKonsumausgaben eines einzelnen Haushalts26
Cspending by consumersKonsumausgaben25
cfconsumption functionKonsumfunktion eines Haushalts26
CFaggregate consumption functiongesamtwirtschaftliche Konsumfunktion26
CPIconsumer price indexVerbraucherpreisindex22
DdemandNachfrage12
EequilibriumGleichgewicht12
FCfixed costfixe Kosten11
Ggovernment purchases of goods and servicesstaatliche Güterkäufe (Waren und Dienstleistungen)25
GDPgross domestic productreales Bruttoinlandsprodukt, Gesamteinkommen22
Iinvestment spendingInvestitionsausgaben25
IMspending on importsWert der Importe, Importe22
LRASlong-run aggregate supplylangfristiges gesamtwirtschaftliches Angebot27
LRATClong-run average total costlangfristige durchschnittliche Gesamtkosten11
LRPClong-run Phillips curvelangfristige Phillips-Kurve23
LRSlong-run industry supplylangfristiges Marktangebot12
Mnominal quantity of moneynominale Geldmenge30
M/Preal quantity of moneyreale Geldmenge30
MBmarginal benefitGrenzvorteil9
MCmarginal costGrenzkosten11
MDmoney demandGeldnachfrage30
MPCmarginal propensity to consumemarginale Konsumneigung26
MPLmarginal product of laborGrenzprodukt der Arbeit11
MPSmarginal propensity to savemarginale Sparneigung26
MRmarginal revenueGrenzerlös12
MSmoney supplyGeldangebot30
MSBmarginal social benefitgesellschaftlicher Grenznutzen16
MSCmarginal social costgesellschaftliche Grenzkosten16
MUmarginal utilityGrenznutzen10
NCInet capital inflowNettokapitalzufluss25
PpricePreis, Preisniveau12
PMKproduction possibility frontierProduktionsmöglichkeitenkurve2
QquantityMenge11
rinterest rateZinssatz9
Sshort-run industry supply(kurzfristiges) Angebot12
SsavingsSparen25
SRASshort-run aggregate supplykurzfristiges gesamtwirtschaftliches Angebot27
SRPCshort-run Phillips curvekurzfristige Phillips-Kurve21
TtaxesSteuerzahlungen25
TCtotal costGesamtkosten11
TPtotal productGesamtprodukt11
TRtotal revenueGesamterlös12
TRgovernment transfersstaatliche Transferzahlungen25
UutilityNutzen20
Vvelocity of moneyUmlaufgeschwindigkeit des Geldes30
VCvariable costvariable Kosten11
VPIconsumer price indexVerbraucherpreisindex22
VMPLvalue of the marginal product of laborWertgrenzprodukt der Arbeit19
Wwage rateLohnsatz23
Xvalue of exportsWert der Exporte, Exporte25
XRexchange rateWechselkurs34
Yreal gross domestic productreales Bruttoinlandsprodukt (BIP)22
ydindividual household current disposable incomeverfügbares Einkommen eines einzelnen Haushalts26
YDaggregate current disposable income(disposable income)gesamtwirtschaftliches verfügbares Einkommen(verfügbares Einkommen)26[8-9]

Einführung: Alltägliche Geschäfte

Irgendein Sonntag

Es ist ein Sonntagnachmittag im Frühling des Jahres 2014. Die Route 1 im mittleren New Jersey ist stark belebt. Tausende von Menschen bevölkern die Einkaufszentren, die sich über 20 Meilen links und rechts der Straße von Trenton bis nach New Brunswick erstrecken. Die meisten von ihnen sind in aufgekratzter Stimmung – und warum auch nicht? Die Geschäfte in den Einkaufszentren bieten eine außergewöhnliche Auswahl. Es gibt einfach alles: von neuester Unterhaltungselektronik über modische Kleidung bis hin zu Biomöhren.[10]

Grob geschätzt werden wahrscheinlich weit über 100.000 verschiedene Waren entlang dieser 20 Meilen angeboten. Dabei sind die meisten dieser Waren keine Luxusgüter, die sich nur die Reichen leisten können. Vielmehr handelt es sich um Produkte, die sich Millionen von Amerikanern kaufen könnten – und die sie auch tatsächlich jeden Tag kaufen.

Die eben beschriebene Szene an der Route 1 ist natürlich überhaupt nichts Ungewöhnliches. Ähnliche Szenen findet man am selben Nachmittag auch an Hunderten von anderen Einkaufsstraßen in Amerika. Aber die Wirtschaftswissenschaften beschäftigen sich vorwiegend auch mit ganz gewöhnlichen Dingen. Wie der große Ökonom Alfred Marshall feststellte, sind Wirtschaftswissenschaften „die Analyse des menschlichen Verhaltens bei den ganz alltäglichen Geschäften“.

Was können die Wirtschaftswissenschaften über die „ganz alltäglichen Geschäfte“ sagen? Wie sich zeigen wird: eine ganze Menge. Wir werden in diesem Buch sehen, dass uns auch ganz vertraute Szenen des Wirtschaftslebens einige sehr wichtige Fragen aufwerfen – Fragen, auf die uns die Wirtschaftswissenschaften Antworten liefern können. Zu diesen Fragen gehören:[11]

  • Wie funktioniert unser Wirtschaftssystem? Wie bewirkt es also, dass wir mit einer ausreichenden Menge von Gütern versorgt werden?

  • Wann und warum führt uns unser Wirtschaftssystem in die falsche Richtung und verleitet Menschen zu unproduktivem Verhalten?

  • Warum gibt es das Auf und Ab in der Wirtschaft? Warum gibt es also manchmal wirtschaftlich „schwierige Zeiten“?

  • Schließlich: Warum überwiegt langfristig das Auf und nicht das Ab? Warum hat der volkswirtschaftliche Reichtum vieler entwickelter Nationen im Zeitverlauf so stark zugenommen?

Wir wollen im Folgenden einen näheren Blick auf diese Fragen werfen und einen kurzen Überblick über das bieten, was wir in diesem Buch lernen können.

Die unsichtbare Hand

Überhaupt nicht alltäglich hätte die beschriebene Szene aus dem mittleren New Jersey auf einen Amerikaner der Kolonialzeit gewirkt, etwa auf einen der einfachen Soldaten, mit deren Hilfe George Washington die Schlacht von Trenton im Jahr 1776 gewonnen hat. (Zu dieser Zeit war Trenton ein kleines Dorf, die Bauerngehöfte erstreckten sich längs der unbefestigten Straße, aus der schließlich die Route 1 wurde – Einkaufszentren waren nicht in Sicht.)

Nehmen wir einmal an, wir könnten einen Bürger aus dem 18. Jahrhundert in unsere eigene Zeit holen. Worüber würde unser Zeitreisender wohl staunen?

Das, was ihn sicherlich am meisten verwundern würde, wäre der enorme Wohlstand, den er sehen würde – die riesige Palette an Waren und Dienstleistungen, die sich eine ganz normale Familie heute leisten kann. Mit Blick auf diesen ganzen Reichtum würde sich unser Zeitreisender wohl fragen: „Wie kann ich davon wohl etwas abbekommen?“ oder vielleicht auch: „Wie könnte meine eigene Gesellschaft etwas Ähnliches erreichen?“[12]

Als Wirtschaft bezeichnet man das System zur Koordination der produktiven Aktivitäten einer Gesellschaft.
Als Wirtschaftswissenschaften bezeichnet man die wissenschaftliche Analyse von Wirtschaften, und zwar sowohl auf Ebene der Individuen als auch auf Ebene der Gesellschaft insgesamt.

Die Antwort auf diese Fragen lautet: Um einen vergleichbaren Wohlstand und ein vergleichbares Maß an Prosperität zu erreichen, ist ein gut funktionierendes System zur Koordination der produktiven Aktivitäten vonnöten – der Aktivitäten, mit denen die gewünschten Güter geschaffen und zu den Menschen gebracht werden, die diese Güter haben möchten. Diese Art von System ist es, die wir meinen, wenn wir über die Wirtschaft sprechen. Als Wirtschaftswissenschaften bezeichnen wir die Lehre von der Wirtschaft, sowohl auf der Ebene der Individuen als auch auf der Ebene der Gesellschaft insgesamt.

Der Erfolg einer Wirtschaft zeigt sich daran, in welchem Ausmaß sie Güter bereitstellen kann. Ein Zeitreisender aus dem 18. Jahrhundert, ja selbst einer aus dem Jahr 1950, wäre erstaunt darüber, wie viele Waren und Dienstleistungen moderne industrialisierte Volkswirtschaften bieten und wie viele Leute sich diese Güter leisten können. Verglichen mit jeder Volkswirtschaft der Vergangenheit und verglichen mit fast allen Ländern heute, weisen Nordamerika und die meisten europäischen Länder einen unglaublich hohen Lebensstandard auf.[13]

Eine Marktwirtschaft ist eine Wirtschaft, in der die Entscheidungen über Produktion und Konsum von den einzelnen Produzenten und Konsumenten getroffen werden.

So gesehen müssen diese Volkswirtschaften irgendetwas richtig machen und vielleicht würde der Zeitreisende der für diesen Erfolg verantwortlichen Person gerne gratulieren. Er hätte mit diesem Wunsch aber ein Problem: Es gibt keine einzelne Person, welche die Verantwortung für die Wirtschaft trägt. Bei den beschriebenen Volkswirtschaften handelt es sich um Marktwirtschaften, in denen Produktion und Konsum das Ergebnis dezentralisierter Entscheidungen von vielen Unternehmen und Individuen sind. Es gibt keine zentrale Behörde, die den Leuten sagt, was und wie viel sie produzieren sollen. Es gibt auch keine Behörde, die ihnen sagt, an wen sie ihre Produkte liefern sollen. Jeder einzelne Produzent produziert genau das, was nach seiner Einschätzung am profitabelsten ist. Jeder Konsument kauft genau das, was seinen Wünschen entspricht.

Die Alternative zur Marktwirtschaft ist die Planwirtschaft, in der es tatsächlich eine zentrale Institution gibt, welche die Entscheidungen über Produktion und Konsum trifft. Planwirtschaftliche Systeme wurden in der Realität ausprobiert. Als prominentes Beispiel mag die Sowjetunion zwischen 1917 und 1991 gelten. Diese planwirtschaftlichen Systeme waren aber nicht besonders erfolgreich. Die Produzenten in der Sowjetunion fanden sich regelmäßig in der Lage, bestimmte Dinge nicht produzieren zu können, weil ihnen wichtige Rohstoffe fehlten. Manchmal konnten sie zwar produzieren, fanden dann aber niemanden, der ihre Produkte kaufen wollte. Auf der anderen Seite war es für die Konsumenten oft unmöglich, die für sie notwendigen Produkte kaufen zu können. Sichtbares Zeichen hierfür waren die langen Warteschlangen vor den Geschäften.[14]

Marktwirtschaften sind demgegenüber in der Lage, selbst extrem komplexe Aktivitäten zu koordinieren und die Konsumenten zuverlässig mit den Waren und Dienstleistungen zu versorgen, die sie wünschen. Wenn man es genau nimmt, vertrauen die Menschen ohne zu zögern sogar ihr Leben dem Marktsystem an: Die Einwohner jeder größeren Stadt würden innerhalb von wenigen Tagen sterben, wenn die ungeplanten – und dennoch in gewisser Weise geordneten – Aktionen von Tausenden von Unternehmen sie nicht mit einem stetigen Fluss an Lebensmitteln versorgen würden. Zur Überraschung des Betrachters ist in diesem Sinne das ungeplante „Chaos“ einer Marktwirtschaft im Ergebnis viel strukturierter als die „Planung“ einer zentralen Verwaltungswirtschaft.

Der Begriff der unsichtbaren Hand bezieht sich darauf, wie die Verfolgung der Einzelinteressen durch die Individuen zu guten Ergebnissen für die Gesellschaft insgesamt führen kann.

Einer der Gründerväter der Volkswirtschaftslehre, der schottische Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith, schrieb 1776 in einem berühmten Abschnitt seines Buches Der Reichtum der Nationen[15], dass die Individuen mit der Verfolgung ihrer eigenen Interessen oft dazu beitragen, den Interessen der Gesellschaft insgesamt zu dienen. Über einen Geschäftsmann, dessen Streben nach Gewinn die gesamte Gesellschaft reicher macht, schrieb Smith: „Er verfolgt nur seinen eigenen Vorteil, und er wird dabei, wie es auch in vielen anderen Fällen geschieht, von einer unsichtbaren Hand geführt, etwas zu befördern, das kein Element seines Strebens war.“ Seit dieser Zeit verwenden Wirtschaftswissenschaftler den Begriff der unsichtbaren Hand, um die Art und Weise zu beschreiben, wie eine Marktwirtschaft die Kraft des Egoismus in einen Vorteil für die Gesellschaft transformiert.

Als Mikroökonomik bezeichnet man den Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der sich damit beschäftigt, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie diese Entscheidungen zusammenwirken.

Der Bereich der Wirtschaftswissenschaften, der sich damit beschäftigt, wie Individuen ihre Entscheidungen treffen und wie diese Entscheidungen miteinander interagieren, wird als Mikroökonomik bezeichnet. Ein zentrales Thema der Mikroökonomik ist die Gültigkeit der Einsicht von Adam Smith: Individuen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, befördern oft die Interessen der gesamten Gesellschaft.

Wenn also unser Zeitreisender die Frage stellt „Wie kann meine Gesellschaft dieses Ausmaß an Wohlstand erreichen, das den entwickelten Ländern hier auf der Erde als selbstverständlich gilt?“, dann ist ein Teil der Antwort, dass seine Gesellschaft die Vorteile von Marktwirtschaften und die Kraft der unsichtbaren Hand ausreichend würdigen sollte.[16]

Allerdings erweist sich die unsichtbare Hand nicht in jedem Fall als Freund der Gesellschaft. Es ist daher wichtig zu verstehen, wann und warum das individuelle Eigennutzstreben zu kontraproduktivem Verhalten führen kann.

Mein Nutzen, deine Kosten

Eine Sache, die ein Zeitreisender vermutlich bei modernen Einkaufsstraßen wie der Route 1 nicht schätzen würde, ist der Verkehr. Und tatsächlich: Die meisten Dinge in Nordamerika und Europa sind besser geworden, die Verkehrsbelastung ist aber bedeutend schlimmer geworden.

Kommt es im Straßenverkehr zu Verstopfungen oder Staus, bürdet jeder Fahrer allen anderen Fahrern, welche die betreffende Straße benutzen, Kosten auf. Er steht ihnen – wörtlich – im Wege (und die anderen stehen ihm im Wege). Diese Kosten können erheblich sein: Fährt jemand in größeren Ballungsgebieten mit seinem Auto und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit oder nach Hause, dann können sich die verborgenen Kosten, die er anderen Fahrern aufbürdet, nach vorliegenden Schätzungen auf rund 15 Euro belaufen. Bei der Entscheidung, ob sie mit ihrem eigenen Pkw fahren sollen oder nicht, gibt es für Pendler aber keinen Anreiz, diese Kosten, die sie anderen auferlegen, in ihre Planung einzubeziehen.

Führt die Verfolgung der Einzelinteressen zu für die Gesellschaft insgesamt ungünstigen Ergebnissen, liegt Marktversagen vor.
[17]

Verkehrsstaus sind ein spezifisches Beispiel für einen deutlich breiteren Problemkreis: In bestimmten Fällen führt das individuelle Verfolgen der eigenen Interessen nicht auch gleichzeitig zu einer Beförderung der Interessen der Gesellschaft insgesamt, sondern im Gegenteil zu einer Verschlechterung der gesellschaftlichen Situation. Tritt dieser Fall auf, spricht man von Marktversagen. Andere wichtige Beispiele für derartiges Marktversagen sind Luft- und Wasserverschmutzung sowie die Übernutzung natürlicher Ressourcen, wie Fisch- und Waldbestände.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Sie werden in diesem Buch lernen, wie man mithilfe von ökonomischen Analysen diese Fälle von Marktversagen diagnostizieren kann. Darüber hinaus lassen sich mithilfe der ökonomischen Analyse auch Lösungen für die beschriebenen Probleme entwickeln.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten

Die Route 1 war an jenem Frühlingstag im Jahr 2014 belebt – bei einem Besuch der dortigen Einkaufszentren im Jahr 2008 wäre die Stimmung jedoch nicht so aufgekratzt gewesen. Das liegt daran, dass die Wirtschaft New Jerseys, genau wie die gesamte amerikanische Wirtschaft, im Jahr 2008 sehr angeschlagen war: Zu Beginn des Jahres 2007 entließen die Unternehmen immer mehr Arbeitnehmer und die Beschäftigung nahm erst im Sommer 2009 wieder zu.

Als Rezession bezeichnet man eine Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage.
[18]

Solche schwierigen Perioden treten in modernen Volkswirtschaften regelmäßig auf. Die ökonomische Entwicklung verläuft nicht glatt, vielmehr treten Schwankungen auf, also eine Folge von Aufwärts- und Abwärtsentwicklungen. Bis zu seiner Lebensmitte muss jeder von uns mit drei oder vier solchen volkswirtschaftlichen Abwärtsentwicklungen rechnen, die als Rezessionen bezeichnet werden. (Die US-amerikanische Wirtschaft durchlebte schwerwiegende Rezessionen in den Jahren 1973, 1981, 1990, 2001 und 2007.) Während einer schweren Rezession gehen Hunderttausende von Arbeitsplätzen verloren.

Als Makroökonomik bezeichnet man den Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der sich mit der Gesamtwirtschaft beschäftigt, und zwar insbesondere mit den zu beobachtenden Auf- und Abschwungphasen.

Wie das oben beschriebene Marktversagen scheinen Rezessionen eine letztlich vielleicht nicht völlig vermeidbare Eigenschaft von Marktwirtschaften zu sein. Genau wie beim Marktversagen liefert die ökonomische Analyse für dieses Problem aber doch zumindest einige Lösungsvorschläge, die zu einer Verbesserung beitragen können. Die Untersuchung von Rezessionen gehört zu den Hauptaufgaben eines Teilgebietes der Volkswirtschaftslehre, das als Makroökonomik bezeichnet wird. Befasst man sich mit der Makroökonomik näher, dann kann man sehen, wie Ökonomen Rezessionen erklären und wie Wirtschaftspolitik eingesetzt werden kann, um die Schäden zu minimieren, die aus den gesamtwirtschaftlichen Schwankungen resultieren.[19]

Trotz der gelegentlich auftretenden Rezessionen verzeichnen fast alle entwickelten Volkswirtschaften vergleichsweise deutlich längere Phasen, in denen es aufwärts geht.

Vorwärts und aufwärts

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in den Industrieländern die meisten Menschen unter Bedingungen, die wir heute als extreme Armut bezeichnen würden. Weniger als zehn Prozent der Haushalte verfügten über Toiletten mit Wasserspülung, weniger als acht Prozent hatten eine Zentralheizung und kaum zwei Prozent verfügten über Elektrizität. So gut wie niemand besaß ein Auto, von Waschmaschine oder Kühlschrank ganz zu schweigen.

Unter Wirtschaftswachstum versteht man die im Laufe der Zeit zunehmende Fähigkeit der Wirtschaft, Waren und Dienstleistungen zu produzieren.

Diese Vergleiche zeigen, wie stark sich unser Leben durch das Wirtschaftswachstum, die Zunahme der Produktionsmöglichkeiten also, verändert hat. Warum wachsen Volkswirtschaften im Zeitverlauf? Und warum ist in bestimmten Volkswirtschaften und zu bestimmten Zeiten stärkeres Wachstum zu verzeichnen als sonst? Dies sind für Wirtschaftswissenschaftler ganz zentrale Fragen, weil die meisten von uns Wirtschaftswachstum als positiv einschätzen und wir gerne ein höheres Wachstum hätten.

Eine Maschine für Entdeckungen

Wir hoffen, wir haben Sie davon überzeugt, dass das „ganz gewöhnliche Geschäftsleben“ in Wirklichkeit ziemlich außergewöhnlich ist und dass uns das Nachdenken hierüber zu sehr interessanten und wichtigen Fragen führen kann. In diesem Buch wollen wir die Antworten erläutern, die Ökonomen auf diese Fragen geben. Sie sollten von diesem Buch aber nicht eine Auflistung von Antworten erwarten. Es erhebt vielmehr den Anspruch, eine Einführung in die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften zu sein und Ihnen zu zeigen, wie man mit den Fragen umgehen kann, die wir gerade besprochen haben. Um mit Alfred Marshall zu sprechen, der die Wirtschaftswissenschaften als Untersuchung des „gewöhnlichen Geschäftslebens“ beschrieben hat: „Wirtschaftswissenschaften … sind nicht eine Ansammlung konkreter Wahrheiten, sondern vielmehr eine Maschine zur Entdeckung konkreter Wahrheiten.“[20]

Starten wir also die Maschine.

Schlüsselbegriffe

Wirtschaft

Wirtschaftswissenschaften

Marktwirtschaft

unsichtbare Hand

Mikroökonomik

Marktversagen

Rezession

Makroökonomik

Wirtschaftswachstum

I Was ist Volkswirtschaftslehre?

1 Grundprinzipien

Lernziele
  • Eine Reihe von Prinzipien, die zeigen, wie Individuen ökonomische Entscheidungen treffen.

  • Eine Reihe von Prinzipien, die zeigen, wie individuelle Entscheidungen wechselseitig voneinander abhängen.

  • Eine Reihe von Prinzipien, die zeigen, wie gesamtwirtschaftliche Interaktionen entstehen.

Die gemeinsame Basis

Das jährliche Treffen der American Economic Association lockt Tausende von Ökonomen an – junge und alte, berühmte und unbekannte. Es gibt dort Büchertische, Geschäftstreffen und jede Menge Vorstellungsgespräche. Hauptsächlich treffen sich die Wirtschaftswissenschaftler jedoch, um zu reden und zuzuhören. Wenn es besonders emsig zugeht, kann es sein, dass mehr als 60 Vorträge gleichzeitig stattfinden. Diese Vorträge beschäftigen sich mit Fragen über die Zukunft der Aktienmärkte bis hin zu dem Problem, wer in einem Haushalt mit zwei Berufstätigen das Kochen erledigt.[21]

Was haben all diese Wissenschaftler gemeinsam? Ein Experte für Aktienmärkte versteht vermutlich nur sehr wenig von der ökonomischen Theorie der Familie und umgekehrt. Dennoch wird ein Ökonom, der aus Versehen in den falschen Vortrag geht und sich auf einmal der Präsentation eines ihm nicht vertrauten Themas gegenübersieht, mit großer Wahrscheinlichkeit etliches hören, das ihm vertraut ist. Die Ursache hierfür liegt darin, dass jede ökonomische Analyse auf einer Menge von gemeinsamen Prinzipien basiert, die sich auf sehr unterschiedliche Themenbereiche anwenden lassen.

Einige dieser Prinzipien beziehen sich auf das Entscheidungsverhalten der Individuen, denn in den Wirtschaftswissenschaften geht es zuallererst um die Entscheidungen, die Individuen treffen. Ziehen Sie es vor, Ihr Geld zu sparen und mit dem Bus zu fahren oder kaufen Sie sich ein Auto? Behalten Sie Ihr altes Smartphone oder legen Sie sich ein neues zu? Diese Entscheidungen implizieren eine Auswahl zwischen einer begrenzten Anzahl von Alternativen – begrenzt deswegen, weil niemand all das haben kann, was er sich wünscht. Geht man auf das elementarste Fundament zurück, berührt jede ökonomische Fragestellung letztlich das Entscheidungsverhalten von Individuen.

Um zu verstehen, wie eine Wirtschaft funktioniert, bedarf es natürlich mehr als nur des Verständnisses dafür, wie Individuen ihre Entscheidungen treffen. Schließlich ist keiner von uns Robinson Crusoe, der allein auf seiner Insel lebt. Vielmehr müssen wir unsere Entscheidungen in einem Umfeld treffen, das durch die Entscheidungen anderer geprägt ist. In einer modernen, arbeitsteiligen Wirtschaft werden selbst die einfachsten Entscheidungen, die man treffen kann, etwa die Frage, was man zum Frühstück isst, durch die Entscheidungen Tausend anderer Leute beeinflusst – etwa vom Apfelanbauer in Südtirol, der eine Zutat für Ihr Müsli liefert, oder vom Bäcker um die Ecke, bei dem Sie die Brötchen kaufen. Weil jeder von uns in einer Marktwirtschaft von so vielen anderen abhängt, die ihrerseits von uns abhängen, beeinflussen sich unsere Entscheidungen wechselseitig. Obwohl es bei den Wirtschaftswissenschaften grundsätzlich immer um die individuelle Entscheidung geht, müssen wir auch das Zusammenwirken[22] dieser Entscheidungen verstehen, um das Verhalten der Marktwirtschaft insgesamt begreifen zu können. Ganz zentral ist es also auch zu wissen, wie meine Entscheidungen Ihre Entscheidungen beeinflussen und umgekehrt. Aus der Betrachtung der Märkte einzelner Güter, wie beispielsweise des Marktes für Weizen, lässt sich ableiten, wie viele wichtige ökonomische Interaktionen entstehen. Aber die Wirtschaft als Ganzes erlebt Höhen und Tiefen, weshalb wir sowohl die gesamtwirtschaftlichen Interaktionen als auch die weniger weitreichenden Interaktionen auf einzelnen Märkten verstehen müssen.[23]

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wollen wir uns daher mit zwölf grundlegenden ökonomischen Prinzipien beschäftigen. Vier von diesen Prinzipien beziehen sich auf die individuelle Entscheidung, fünf beziehen sich auf die Art und Weise, wie individuelle Entscheidungen miteinander interagieren, und drei weitere beziehen sich auf gesamtwirtschaftliche Interaktionen.

1.1 Individuelle Entscheidung: Der Kern der Wirtschaftswissenschaften

Die individuelle Entscheidung ist die Entscheidung eines Individuums darüber, was es tun will und deswegen auch, was es nicht tun will.

Jeder ökonomische Sachverhalt umfasst im Kern eine individuelle Entscheidung, die Entscheidung eines Individuums darüber, was es tun will und was es nicht tun will. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen, dass es sich nicht um eine ökonomische Frage handelt, wenn es nicht um Entscheidungsfindung geht.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein großes Einkaufszentrum. Dort gibt es Abertausende von verschiedenen Produkten und es ist extrem unwahrscheinlich, dass Sie oder irgendjemand sonst es sich leisten könnte, alles zu kaufen, was man gerne hätte. Ganz abgesehen davon ist vermutlich auch der Raum in Ihrem Zimmer oder Ihrer Wohnung begrenzt. Kaufen Sie sich also ein weiteres Bücherregal oder einen kleinen Kühlschrank? Vor dem Hintergrund der Begrenzungen, die sich aus Ihrem Budget und dem verfügbaren Wohnraum ergeben, müssen Sie sich entscheiden, welches Produkt Sie kaufen und welches Sie im Geschäft lassen.[24]

Auch der Umstand, dass diese beiden Produkte überhaupt im Geschäft vorhanden sind, impliziert Entscheidungen: Der verantwortliche Manager des Einkaufscenters hat sich entschieden, den Artikel in sein Programm aufzunehmen und der Hersteller des Produktes hat sich entschieden, es zu produzieren. Jede ökonomische Aktivität umfasst daher das Treffen von individuellen Entscheidungen.

Die ökonomische Theorie der individuellen Entscheidung basiert auf vier Prinzipien, die in Tabelle 1–1 zusammengefasst sind. Wir wollen im Folgenden diese Prinzipien etwas genauer betrachten.

1. Ressourcen sind knapp.
2. Die realen Kosten eines Gutes werden durch das bestimmt, worauf man verzichten muss, um das Gut zu erhalten.
3. Die Entscheidung „wie viel“ wird durch das Marginalkalkül bestimmt.
4. Menschen nutzen normalerweise Möglichkeiten, die es ihnen erlauben, ihre Situation zu verbessern.

Tab. 1–1 Prinzipien, die den ökonomischen Entscheidungen von Individuen zugrunde liegen

Prinzip 1: Ressourcen sind knapp

Man kann nicht immer alles bekommen, was man sich wünscht. Jeder wünscht sich ein schönes Haus in bester Lage (und am besten gleich die Hilfe, die einem das Haus sauber hält), zwei oder drei Luxusautos, dann noch recht häufig Ferien in noblen Hotels. Aber selbst in reichen Ländern, wie den Vereinigten Staaten, Deutschland oder Schweden, können sich nur wenige Familien die Erfüllung all dieser Wünsche leisten. Daher müssen wir fast immer Wahlentscheidungen treffen: Leisten wir uns einen Urlaub in Übersee oder kaufen wir uns ein neues Auto? Geben wir uns mit einem kleinen Grundstück für unser Haus zufrieden oder nehmen wir eine längere Fahrt zum Arbeitsplatz in Kauf, um in einem Vorort zu leben, in dem das Grundstück billiger ist?[25]

Ein begrenztes Einkommen ist nicht das Einzige, was die Leute darin beschränkt, alles zu haben, was sie sich wünschen. Auch Zeit ist knapp: Jeder Tag hat nur 24 Stunden. Und weil die Zeit, die wir haben, begrenzt ist, impliziert die Entscheidung, Zeit für eine Aktivität zu verwenden, gleichzeitig die Entscheidung, diese Zeit nicht für eine andere Aktivität zu nutzen: Entscheiden Sie sich dafür, den Abend mit Prüfungsvorbereitungen zu verbringen, dann verzichten Sie gleichzeitig auf eine alternative Aktivität, beispielsweise einen Abend im Kino. Es ist sogar so, dass viele Leute sich so durch die Zeitknappheit beschränkt sehen, dass sie bereit sind, Geld gegen Zeit zu tauschen. So ist es beispielsweise teurer, sich eine Fertigmahlzeit zu kaufen, als sich die entsprechenden Zutaten zu besorgen und das Essen selbst zu kochen. Die Kunden sind aber bereit, den höheren Preis zu bezahlen, weil sie damit Zeit einsparen können. (Vielleicht haben sie aber auch keine Lust zu kochen.)

Dies bringt uns zu unserem ersten Prinzip individueller Entscheidungen:

Individuen müssen Entscheidungen treffen, weil die Ressourcen knapp sind.

Als Ressource bezeichnet man alles, was genutzt werden kann, um irgendetwas anderes zu produzieren.
[26]
Ressourcen sind knapp – die verfügbare Menge ist nicht groß genug, um alle produktiven Verwendungen realisieren zu können.

Als Ressource bezeichnen wir alles, was zur Produktion von irgendetwas anderem verwendet werden kann. Zu den Ressourcen einer Volkswirtschaft gehören etwa Land, Arbeit (die verfügbare Zeit der Arbeitnehmer), Kapital (Maschinen, Gebäude und andere produzierte Vermögenswerte) und Humankapital (das Ausbildungsniveau und die Fähigkeiten der Erwerbstätigen). Eine Ressource ist knapp, wenn die Menge der verfügbaren Ressourcen nicht groß genug ist, um alles produzieren zu können, was gewünscht wird. Die meisten Ressourcen sind knapp. Zu den knappen Ressourcen gehören etwa die sogenannten natürlichen Ressourcen, also Ressourcen der natürlichen physischen Umwelt wie beispielsweise Mineralien, Holz und Erdöl. Auch die sogenannten Humanressourcen (Arbeit, Fähigkeiten und Intelligenz) sind in der Regel knapp. Darüber hinaus sind in einer wachsenden Weltwirtschaft mit schnell zunehmender Bevölkerung mittlerweile sogar saubere Luft und sauberes Wasser knapp geworden.

Genau wie Individuen Wahlentscheidungen treffen müssen, zwingt die Knappheit der Ressourcen auch die Gesellschaft insgesamt zu solchen Entscheidungen. Eine Möglichkeit für eine Gesellschaft, solche Entscheidungen zu treffen, ist ganz einfach, sie aus vielen individuellen Entscheidungen resultieren zu lassen. Diese Art von gesellschaftlicher Entscheidungsfindung spielt gewöhnlich in Marktwirtschaften eine zentrale Rolle. Betrachtet man beispielsweise Deutschland, so steht den Deutschen insgesamt nur eine bestimmte Zahl von Stunden pro Woche zur Verfügung. Wie viele dieser Stunden werden sie damit verbringen, im Supermarkt nach günstigen Zutaten für ihr Essen zu suchen, statt sich mit Fertiggerichten zu begnügen oder ins Restaurant zu gehen? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Summe der Einzelentscheidungen: Jedes einzelne der Millionen Individuen unserer Volkswirtschaft trifft diese Entscheidung für sich und die Gesamtentscheidung ergibt sich ganz einfach als Summe dieser individuellen Entscheidungen.[27]

Aus verschiedenen Gründen gibt es jedoch eine Reihe von Entscheidungen, die eine Gesellschaft besser nicht den Individuen allein überlässt. So leben beispielsweise die Autoren dieses Buches in einer Gegend, die bis vor kurzem ländlich geprägt war und hauptsächlich aus Ackerland, Wiesen und Weiden bestand. In jüngster Zeit entwickelt sich diese Gegend aber sehr schnell. Die meisten Anwohner sind der Meinung, dass es für die Gemeinde besser wäre, wenn nicht das gesamte Land bebaut werden würde und stattdessen Grünzonen erhalten würden. Ein einzelnes Individuum hat aber keinen Anreiz, das eigene Land in seiner ursprünglichen Form zu bewahren und es nicht an einen Bauträger zu verkaufen. In den Vereinigten Staaten kaufen daher viele Kommunalregierungen Land auf, um es als unbesiedelten Bereich zu bewahren. In Deutschland erfolgt ähnliches durch Restriktionen in der Verwendung von Land. Wir werden in späteren Kapiteln sehen, warum die Entscheidung über die Verwendung von knappen Ressourcen in den meisten Fällen am besten die Individuen treffen, manchmal aber auch von einer höheren Ebene, beispielsweise einer Gemeinde, getroffen werden sollte.[28]

Prinzip 2: Opportunitätskosten: Die realen Kosten einer Sache ergeben sich aus dem, was man dafür aufgeben muss

Nehmen wir einmal an, Sie verbringen ein Auslandssemester an einer Universität in den Vereinigten Staaten. Nehmen wir weiter an, dass Sie neben dem Pflichtprogramm noch die Möglichkeit haben, ein Wahlfach zu belegen. Von den infrage kommenden Fächern sind Sie an zweien besonders interessiert: Geschichte der amerikanischen Volkswirtschaft und Außenwirtschaftsbeziehungen der Vereinigten Staaten. Zwischen diesen beiden Fächern müssen Sie sich entscheiden.

Die realen Kosten eines Gutes bestehen in seinen Opportunitätskosten – dem, worauf man verzichten muss, um das Gut zu bekommen.

Nehmen wir an, Sie entscheiden sich für Geschichte der amerikanischen Volkswirtschaft. Was sind die Kosten dieser Entscheidung? Die Kosten ergeben sich aus dem Umstand, dass Sie nun die Außenwirtschaftsveranstaltung nicht belegen können. Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen diese Art von Kosten – dass Sie auf etwas verzichten müssen, um das zu erhalten, was Sie sich wünschen – als Opportunitätskosten oder Verzichtskosten dieser Sache. Dies bringt uns zu unserem zweiten Prinzip individueller Entscheidungen:[29]

Die realen Kosten einer Sache entsprechen den Opportunitätskosten dieser Sache, also dem, worauf Sie verzichten müssen, um diese Sache zu erhalten.

Die Verzichtskosten der Wirtschaftsgeschichtsveranstaltung bestehen also aus dem entgangenen Vergnügen, das Sie an der Außenwirtschaftsveranstaltung gehabt hätten.

Das Konzept der Opportunitätskosten ist zentral für das Verständnis der individuellen Entscheidungshandlung, weil letztlich alle Kosten Opportunitätskosten sind. Kritiker behaupten manchmal, dass sich Ökonomen nur mit Kosten und Nutzen beschäftigen, die in Euro und Cent gemessen werden können. Das stimmt aber nicht. Die ökonomische Analyse beschäftigt sich häufig mit Fällen, wie in unserem Beispiel mit den Vorlesungsveranstaltungen, wo für das Belegen eines Wahlfaches keine gesonderten Studiengebühren erhoben werden – wo es also keine direkten monetären Kosten gibt. Gleichwohl ist das Wahlfach, das man belegt, mit Opportunitätskosten verbunden, weil man auf das Belegen des anderen Kurses verzichten muss.

Vielleicht glauben Sie jetzt, dass Opportunitätskosten Zusatzkosten sind, also Kosten, die zusätzlich zu den monetären Kosten einer Sache entstehen. Nehmen wir einmal an, das Belegen einer zusätzlichen Veranstaltung würde an Ihrer Gastuniversität 750 Dollar kosten. Nun gibt es also monetäre Kosten für das Belegen des Kurses in Wirtschaftsgeschichte. Sind die Opportunitätskosten für das Belegen dieses Kurses etwas anderes als diese monetären Kosten?[30]

Um diese Frage zu beantworten, wollen wir zwei Fälle betrachten. Nehmen wir zunächst einmal an, dass die Außenwirtschaftsveranstaltung ebenfalls mit Gebühren in Höhe von 750 Dollar verbunden wäre. In diesem Fall müssten Sie die 750 Dollar bezahlen, ganz gleich, welche Veranstaltung Sie belegen. Das, was Sie aufgeben, um Wirtschaftsgeschichte hören zu können, ist also immer noch die Außenwirtschaftsveranstaltung – und sonst nichts. Die 750 Dollar müssten Sie ja in jedem Fall bezahlen. Nehmen wir jetzt aber einmal an, für die Außenwirtschaftsveranstaltung würden keine Studiengebühren erhoben. In diesem Fall ergibt sich das, was Sie für das Belegen der Wirtschaftsgeschichtsveranstaltung aufgeben würden, aus Ihrem Verzicht auf die Außenwirtschaftsveranstaltung plus dem, was Sie sich sonst für die 750 Dollar gekauft hätten.

Wie immer man es betrachtet: Die realen Kosten der Veranstaltung, die Sie vorziehen, ergeben sich aus dem, was Sie dafür aufgeben müssen. Wenn Sie die Menge der Wahlmöglichkeiten erweitern – ob Sie ein Wahlfach belegen oder nicht, ob sie dieses Semester abschließen oder nicht, ob Sie ihr Studium aufgeben oder nicht –, werden Sie feststellen, dass letztlich alle Kosten Opportunitätskosten sind.

Manchmal ist der Geldbetrag, den man für irgendetwas bezahlen muss, ein guter Indikator für die Opportunitätskosten dieser Sache. Häufig ist das aber auch nicht so. Ein für Sie vermutlich sehr wichtiges Beispiel, wie schlecht monetäre Kosten die Opportunitätskosten beschreiben, sind die Kosten Ihres Studiums. Die Wohnheimmiete und Studiengebühren gehören für die meisten Studierenden zu den größeren Geldausgaben, die sie haben. Aber selbst dann, wenn Sie im Wohnheim umsonst wohnen könnten und keine Studiengebühren bezahlen müssten, ist das Studium für Sie eine teure Angelegenheit. Warum? Die meisten Studierenden würden, wären sie nicht an der Universität, einer Erwerbsarbeit nachgehen. Mit dem Besuch der Hochschule verzichten Studierende folglich auf das Einkommen, das sie mit der Erwerbsarbeit erzielt hätten. Die Opportunitätskosten eines Studiums ergeben sich also aus Wohnheimmiete und Studiengebühren zuzüglich[31] des entgangenen Einkommens aus der Erwerbsarbeit, der man aufgrund des Studiums nicht nachgehen kann.

Es ist leicht einzusehen, dass die Opportunitätskosten eines Hochschulstudiums für Menschen besonders hoch sind, die in ihrer Studienzeit ein sehr hohes Erwerbseinkommen hätten erzielen können. Das erklärt, warum prominente Sportler, Medienstars, aber auch Studierende, die bereits während ihres Studiums ein Unternehmen aufbauen, häufig die Hochschule verlassen, bevor sie einen Abschluss gemacht haben.

Prinzip 3: „Wie viel“ ist eine Entscheidung, die sich durch eine Grenzbetrachtung ergibt

Einige wichtige Entscheidungen implizieren eine „Entweder-oder“-Wahl. Dies gilt etwa für die Entscheidung, ob man nach dem Abitur ein Hochschulstudium aufnehmen möchte oder sich gleich eine Arbeit sucht. Analoges gilt, wenn man sich entscheidet, entweder Wirtschaftswissenschaften oder irgendein anderes Fach zu studieren. Andere wichtige Entscheidungen implizieren dagegen eine „Wie viel“-Wahl. Nehmen wir einmal an, Sie haben in diesem Semester sowohl eine Vorlesung zur Unternehmensbesteuerung als auch eine Vorlesung zur Empirischen Wirtschaftsforschung belegt. Die Prüfungen stehen bevor und Sie müssen sich entscheiden, wie viel Zeit Sie für die Klausurvorbereitung in beiden Fächern verwenden wollen. Geht es um das Verstehen von „Wie viel“-Entscheidungen, können die Wirtschaftswissenschaften eine wichtige Einsicht liefern: „Wie viel“ ist eine Entscheidung, die aus einer Grenzbetrachtung[32] resultiert.

Nehmen wir an, Sie haben sowohl Unternehmensbesteuerung als auch Empirische Wirtschaftsforschung belegt. Nehmen wir weiter an, dass Sie später Steuerberater werden möchten. In diesem Fall zählt die Note, die Sie im Fach Steuern erzielen, mehr als die Note in Empirischer Wirtschaftsforschung. Folgt daraus, dass Sie Ihre gesamte Vorbereitungszeit für Steuern verwenden und völlig unvorbereitet in die Wirtschaftsforschungsklausur gehen sollten? Vermutlich nicht. Auch wenn Ihnen die Note der Steuerklausur viel wichtiger erscheint, wäre es wohl sinnvoll, das Fach Empirische Wirtschaftsforschung nicht völlig zu vernachlässigen.

Mit dem englischen Begriff Trade-off bezeichnet man eine Austauschbeziehung, also zum Beispiel die Abwägung der Kosten und Nutzen einer Entscheidung.

Ein größerer Zeitaufwand für Empirische Wirtschaftsforschung impliziert einen Nutzen (eine bessere erwartete Note in diesem Fach), sie impliziert aber auch Kosten. (Sie hätten die Zeit für irgendetwas anderes verwenden können – etwa für die Vorbereitung der Steuerklausur, um dort eine bessere Note zu erzielen.) Folglich ist Ihre Entscheidung mit einer Abwägung verbunden, einem Trade-off[33] (Zielkonflikt), dem Vergleich von Kosten und Nutzen.

Wie entscheidet man diese Art von „Wie viel“-Fragen? Die nächstliegende Antwort ist die, dass man diese Entscheidungen im Zeitverlauf Schritt für Schritt trifft, indem man sich die Frage stellt, wie man die nächste Stunde nutzen sollte. Nehmen wir an, dass beide Prüfungen am selben Tag sind und dass Sie den Vorabend damit verbringen, noch einmal Ihre Vorlesungsunterlagen für beide Veranstaltungen durchzugehen. Um 18.00 Uhr entscheiden Sie, dass es vernünftig ist, für jede der beiden Veranstaltungen wenigstens eine Stunde Vorbereitungszeit zu verwenden. Um 20.00 Uhr entscheiden Sie, dass Sie für beide Kurse jeweils eine weitere Stunde zum Lernen brauchen. Um 22.00 Uhr werden Sie allmählich müde und sagen sich, dass es vernünftig ist, nur noch eine Stunde zu lernen, damit Sie am nächsten Tag ausgeschlafen sind. Für welche Vorlesung wollen Sie diese Stunde verwenden – Steuern oder Empirische Wirtschaftsforschung? Wenn Sie später Steuerberater werden wollen, wird es vermutlich Steuern sein, wenn Sie später bei einem Wirtschaftsforschungsinstitut arbeiten wollen, wird es wahrscheinlich Empirische Wirtschaftsforschung sein.[34]

Beachten Sie, wie Sie Ihre Entscheidung bezüglich der Aufteilung Ihrer Zeit getroffen haben: Zu jedem Zeitpunkt ist die Frage, ob Sie für das jeweilige Fach eine zusätzliche Stunde verwenden sollten oder nicht. Bei der Entscheidung, ob Sie eine zusätzliche Stunde für Steuern verwenden sollen, wägen Sie die damit verbundenen Kosten (eine Stunde weniger Zeit für die Vorbereitung der Wirtschaftsforschungsklausur oder eine Stunde weniger Schlaf) gegen den Nutzen ab (eine wahrscheinlich bessere Note in der Steuerklausur). Solange der Vorteil einer zusätzlichen Stunde für die Vorbereitung der Steuerklausur die Kosten überwiegt, sollten Sie sich für diese zusätzliche Stunde entscheiden.

Entscheidungen darüber, ob man eine bestimmte Aktivität noch ein bisschen ausdehnt oder sie etwas einschränkt, bezeichnet man als Marginalentscheidungen. Die Untersuchung solcher Entscheidungssituationen bezeichnet man als Marginalanalyse.

Entscheidungen dieser Art – wie verwende ich meine nächste Stunde, wie verwende ich meinen nächsten Euro usw. – sind Marginalentscheidungen. Dies bringt uns zu unserem dritten Prinzip individueller Entscheidungen:

„Wie viel“-Entscheidungen müssen durch eine Abwägung (Trade-off) an der Grenze getroffen werden – durch den Vergleich von Kosten und Nutzen von ein klein bisschen mehr oder ein klein bisschen weniger.

Sie implizieren ein Abwägen am Rande: den Vergleich von Kosten und Nutzen, die sich aus der geringfügigen Ausdehnung einer bestimmten Aktivität ergeben. Die Analyse solcher Arten von Entscheidungen bezeichnet man als Marginalanalyse[35].

Viele Fragen, denen wir uns in den Wirtschaftswissenschaften gegenübersehen, aber auch viele Fragen, auf die wir im realen Leben stoßen, haben mit Marginalanalyse zu tun: Wie viele Arbeiter sollte ich in meinem Betrieb einstellen? Bei welchem Kilometerstand sollte ich bei meinem Auto einen Ölwechsel machen? Wie groß ist die akzeptable Rate von Nebenwirkungen bei einem neuen Medikament? Die Marginalanalyse spielt in den Wirtschaftswissenschaften deswegen eine zentrale Rolle, weil sie der Schlüssel bei der Entscheidung ist, „wie viel“ man von einer bestimmten Aktivität tun sollte.

Prinzip 4: Üblicherweise nutzen Menschen Möglichkeiten, um sich zu verbessern

Eines Tages hörten die Autoren dieses Buches morgens im Radio einen heißen Tipp, wie man billig in Manhattan parken kann. Die Parkhäuser in der Gegend um Wall Street verlangen bis zu 30  Dollar pro Tag. Dem Nachrichtensprecher zufolge hatten einige Leute aber eine günstigere Möglichkeit gefunden: Anstatt ihr Auto im Parkhaus abzustellen, ließen sie sich bei der Firma Jiffy Lube, einem Autoservice, einen Ölwechsel machen, der nur 19,95 Dollar kostete. Das Auto konnte den ganzen Tag in der Werkstatt bleiben.

Das ist eine tolle Geschichte, die sich aber leider als falsch herausstellte – tatsächlich gibt es überhaupt keine Filiale von Jiffy Lube in Manhattan. Würde es aber eine geben, wäre die Geschichte wahr, dann würde diese Filiale jede Menge Ölwechsel durchführen. Warum? Wenn Menschen Gelegenheiten geboten werden, sich besser zu stellen, dann werden sie diese Gelegenheit normalerweise auch nutzen. Wenn sie die Gelegenheit hätten, ihr Auto den ganzen Tag für 19,95 Dollar zu parken statt für 30 Dollar, dann würden sie das tun.[36]

Als Anreiz bezeichnet man einen Vorteil, den Menschen realisieren können, wenn sie ihr Verhalten ändern.

In diesem Beispiel würden Ökonomen davon sprechen, dass Menschen auf Anreize reagieren – einer Möglichkeit, sich besser zu stellen. Wir können nun das vierte Prinzip individueller Entscheidungen formulieren:

Normalerweise reagieren Menschen auf Anreize, um die Möglichkeiten zu nutzen, die sie haben, um sich besser zu stellen.

Versucht man zu prognostizieren, wie Individuen sich in bestimmten wirtschaftlichen Situationen verhalten, kann man getrost darauf wetten, dass sie Möglichkeiten nutzen werden, bei denen sie sich besser stellen. Darüber hinaus werden die Akteure ihr Verhalten immer weiter fortsetzen, bis die Möglichkeiten vollständig ausgeschöpft sind.

Wenn es also in Manhattan tatsächlich eine Jiffy-Lube-Werkstatt gäbe und der Ölwechsel dort tatsächlich eine billige Möglichkeit wäre, das Auto zu parken, können wir mit großer Sicherheit vorhersagen, dass es für Ölwechsel innerhalb kürzester Zeit eine lange Warteliste geben würde.

Wir können noch einen Schritt weitergehen: Das Prinzip, dass Menschen Gelegenheiten nutzen, um sich zu verbessern, ist die Basis für jede[37] ökonomische Vorhersage des individuellen Verhaltens. Wenn die Einkommen von Betriebswirten in die Höhe schießen, während die Einkommen von Juristen sinken, dann werden mehr Studierende Betriebswirtschaftslehre belegen und weniger sich für Jura einschreiben. Steigen die Treibstoffpreise und verharren für längere Zeit auf hohem Niveau, dann werden die Menschen kleinere Autos mit geringerem Benzinverbrauch kaufen, um so ihre eigene Situation vor dem Hintergrund der hohen Benzinpreise zu verbessern.

Ein letzter in diesem Zusammenhang wichtiger Punkt: Ökonomen stehen jedem Versuch skeptisch gegenüber, das Verhalten von Menschen zu ändern, ohne ihre Anreize zu ändern. So wäre beispielsweise der Versuch, Unternehmen freiwillig zur Reduktion von Umweltbelastungen zu veranlassen, wenig effektiv. Würde man den Unternehmen dagegen finanzielle Anreize zur Reduktionsverringerung geben, wäre der Erfolg wahrscheinlicher.

Individuelle Entscheidung: Zusammenfassung

Wie wir in den vorangegangenen Abschnitten gesehen haben, gibt es vier grundlegende Prinzipien für die individuelle Entscheidung:

  • Ressourcen sind knapp. Es ist immer notwendig, zwischen verschiedenen Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen.

  • Die realen Kosten einer Sache bestehen aus dem, was man für sie aufgeben muss. Alle Kosten sind Opportunitätskosten.

  • „Wie viel“ ist eine Entscheidung, die durch eine Grenzbetrachtung getroffen wird. Normalerweise lautet die Frage nicht „ob“, sondern „wie viel“. Dabei handelt es sich um eine Frage, deren Antwort von den Kosten und Nutzen einer geringfügigen Ausdehnung der infrage stehenden Aktivität abhängt.[38]

  • Menschen nutzen normalerweise Möglichkeiten, um sich besser zu stellen. Daraus folgt, dass Menschen auf Anreize reagieren.

Haben wir damit alle Grundlagen für unsere wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen zusammen? Noch nicht ganz, weil die wirklich interessanten Dinge in der Wirtschaft nicht das Ergebnis rein individueller Entscheidungen sind, sondern sich vielmehr erst aus dem Zusammenwirken der individuellen Entscheidungen ergeben.

Vertiefung
Gehalt für gute Noten?

Die wahre Belohnung für das Lernen ist, natürlich, das Gelernte selbst. Viele Schüler tun sich jedoch schwer damit, genügend Motivation zu finden, um fleißig zu lernen und zu arbeiten. Dabei ist es für Lehrer und politische Entscheidungsträger eine besondere Herausforderung, benachteiligten Schülern zu helfen, die seltener in der Schule erscheinen, öfter die Schule abbrechen und häufiger niedrige Punktzahlen in standardisierten Tests erreichen.

Zwei Studien, verfasst von Harvard-Ökonom Roland Freyer Jr. (2011) bzw. vom Ökonomen Steven Levitt (University of Chicago) und Koautoren (2012), zeigen, dass monetäre Anreize in Form von Geldprämien die Leistungen von Schülern an Schulen in ökonomisch benachteiligten Gegenden verbessern können. Wie genau die Geldanreize funktionieren, ist gleichzeitig überraschend und vorhersehbar.

Die Studie von Freyer wurde in vier verschiedenen Schulbezirken mit jeweils unterschiedlichen Anreizsystemen und Messgrößen durchgeführt. In New York wurden die Schüler anhand ihres Abschneidens bei standardisierten Tests ausbezahlt; in Chicago erfolgte die Bezahlung entsprechend ihrer Schulnoten; in Washington (D.C.) erhielten die Schüler Geld für Anwesenheit, gutes Verhalten und Schulnoten; und in Dallas wurden Zweitklässler immer dann entlohnt, wenn sie ein Buch lasen.[39]

Freyer wertete die Ergebnisse aus, indem er die Leistungen von Schülern, die an dem Anreizprogramm teilnahmen, mit denen verglich, die zwar die gleiche Schule besuchten, aber nicht an dem Programm teilnahmen.

In New York hatte das Programm keinen erkennbaren Effekt auf die Testergebnisse. In Chicago erlangten die an dem Programm teilnehmenden Schüler bessere Noten und waren öfter im Unterricht anwesend. In Washington verbesserte das Programm die Testergebnisse von denjenigen Schülern, die normalerweise am schwersten erreichbar sind, nämlich denen, die schwerwiegende Verhaltensprobleme zeigen. Die Testergebnisse verbesserten sich genauso, als ob die Schüler weitere fünf Monate zur Schule gegangen wären.

Der stärkste Effekt konnte in Dallas beobachtet werden: Die Schüler konnten ihre Testergebnisse im Leseverstehen erheblich steigern, was auch noch im Folgeschuljahr bemerkbar war, als die Geldprämien bereits nicht mehr ausgezahlt wurden.

Was also erklärt diese unterschiedlichen Ergebnisse?

Freyer fand heraus, dass Schüler – um sie durch Geldprämien motivieren zu können – davon überzeugt sein müssen, einen signifikanten Einfluss auf die Messgröße für Leistungen ausüben zu können. Demzufolge hatte das Programm in Chicago, Washington und Dallas eine signifikante Wirkung, da die Schüler einen großen Einfluss auf Noten, Anwesenheit, Verhalten oder die Anzahl der gelesenen Bücher ausüben konnten.[40]

Da die Schüler in New York jedoch wenig Vorstellung davon hatten, wie sie ihre Ergebnisse bei einer standardisierten Prüfung beeinflussen konnten, hatte die Aussicht auf eine Belohnung einen geringen Einfluss auf ihr Verhalten. Auch der Zeitpunkt der Belohnung spielt eine Rolle: Eine Belohnung von einem Dollar hat einen stärkeren Einfluss auf das Verhalten der Schüler, wenn die Leistungen in kürzeren Intervallen überprüft werden und die Belohnung mit nur geringer zeitlicher Verzögerung ausgezahlt wird.

Diese Ergebnisse wurden von der Levitt-Studie bestätigt, die mit 7.000 Schülern im Raum Chicago durchgeführt wurde: Monetäre Anreize verbesserten die Ergebnisse in standardisierten Tests genauso, als wenn die Schüler fünf oder sechs Monate für den Test gelernt hätten. Die Untersuchung von Levitt zeigte auch, dass größere monetäre Anreize (20 Dollar) zu deutlich besseren Testergebnissen führten als kleinere monetäre Anreize (10 Dollar). Wie Freyer fanden auch Levitt und Koautoren heraus, dass eine zeitliche Verschiebung der Auszahlung auf einen Monat nach dem Test keine Auswirkung auf die Testergebnisse hatte.

Diese beiden Experimente geben wesentliche Einblicke, wie Verhalten durch Anreize motiviert werden kann. Es ist wichtig, wie die Anreize gestaltet sind: Sowohl der Zusammenhang zwischen Aufwand und Ergebnis als auch die Schnelligkeit der Auszahlung spielen eine entscheidende Rolle. Die Ausgestaltung der Anreize könnte darüber hinaus stark von den Eigenschaften derjenigen Personen abhängen, die motiviert werden sollen: Maßnahmen, die einen Schüler aus wirtschaftlich privilegierten Verhältnissen motivieren, müssen nicht zwangsläufig den gleichen Effekt auf einen Schüler aus wirtschaftlich benachteiligen Verhältnissen haben.[41]

Fryers Erkenntnisse stellen ein wichtiges Hilfsmittel für Lehrer und politische Entscheidungsträger dar, um benachteiligten Schülern dabei zu helfen, in der Schule erfolgreich zu sein.

Quelle: R. Fryer, Financial Incentives and Student Achievement: Evidence from Randomized Trials, Quarterly Journal of Economics, 2011, 126 (4), S. 755–1798.

S. Levitt et al., The Behavioralist Goes to School: Leveraging Behavioral Economics to Improve Educational Performance, NBER Working Paper Series, Working Paper 18165, 2012.

Wirtschaftswissenschaft und Praxis
Junge oder Mädchen? Das kommt auf die Kosten an

Wenn es um China geht, ist eine Tatsache unbestreitbar: Es ist ein großes Land mit einer Menge an Leuten. Im Jahr 2015 belief sich die Einwohnerzahl Chinas auf rund 1.367.500.000 Menschen. Ganz richtig: Über eine Milliarde und dreihundertsechzig Millionen Menschen.

Als Antwort auf die wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen, hervorgerufen durch Chinas enorme Bevölkerungszahl, führte die chinesische Regierung 1978 die „Ein-Kind-Politik“ ein. (Die Ein-Kind-Politik wurde im Oktober 2015 von der chinesischen Regierung offiziell für beendet erklärt.) Das Land war zu diesem Zeitpunkt extrem arm und Chinas Anführer waren besorgt, dass eine ausreichende Ausbildung und Versorgung der wachsenden Bevölkerung nicht finanziert werden könnte. In den 1970er-Jahren brachte eine chinesische Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr als fünf Kinder auf die Welt. Die Regierung untersagte deshalb insbesondere Paaren aus städtischen Gebieten die Geburt von mehr als einem Kind und verhängte Sanktionen gegen jene Paare, die gegen diese Auflage verstießen. Infolgedessen sank in China die durchschnittliche Geburtenzahl je Frau auf 1,6 Kinder im Jahr 2011.[42]

Die Ein-Kind-Politik hatte jedoch eine unglückliche und unbeabsichtigte Konsequenz. Da China äußerst ländlich geprägt ist und die Söhne die Feldarbeit auf den Bauernhöfen leisten, hatten Familien einen gesteigerten Wunsch, Söhne statt Töchtern zu bekommen. Darüber hinaus schreibt die Tradition vor, dass die Braut Teil der Familie des Ehemanns wird und sich die Söhne um die älter werdenden Eltern kümmern. Als Folge der Ein-Kind-Politik gab es in China deshalb schnell zu viele sogenannte „ungewollte Mädchen“. Einige wurden zur Adoption im Ausland freigegeben, viele jedoch „verschwanden“ schlicht während ihrer ersten Lebensjahre, beispielsweise indem sie in Waisenhäusern oder sogar auf der Straße ausgesetzt wurden.[43]

Indien, ein weiteres stark ländlich geprägtes und armes Land mit einem hohen demografischen Druck, hat ebenfalls ein erhebliches Problem mit „Mädchen, die verschwinden“. Amartya Sen, ein in Indien geborener britischer Ökonom, der 1998 den Nobelpreis erhalten hat, schätzte im Jahr 1990, dass es in Asien bis zu 100 Millionen „verschwundener Frauen“ geben könnte. (Die genaue Zahl ist strittig, aber Sen hat zweifelsohne ein reales und weitverbreitetes Problem offengelegt.)

Demografen stellten für das zunehmend urbanisierte China zuletzt eine deutliche Wendung fest. In fast allen Provinzen mit urbanen Zentren (es gibt lediglich eine Ausnahme) erreichte das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern im Jahr 1995 seinen Höhepunkt und hat sich seitdem stetig einem biologisch natürlichen Verhältnis angenähert.

Viele sind der Überzeugung, dass Chinas starkes ökonomisches Wachstum und die zunehmende Urbanisierung des Landes Gründe für diese Veränderung sind. Wenn die Bevölkerung in die Städte zieht, um dort vom wachsenden Arbeitsangebot zu profitieren, werden die Söhne nicht mehr für Feldarbeit gebraucht. Da zudem die Grundstückspreise in chinesischen Städten in die Höhe schnellen, ist für Familien der Brauch, dem Sohn noch vor der Hochzeit eine Wohnung zu kaufen, nicht mehr finanzierbar.

Zwar werden männliche Nachkommen in ländlichen Gegenden noch immer bevorzugt, aber ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Zeiten geändert haben, ist die Zahl an Websites, die Paaren dazu raten, lieber ein Mädchen statt einen Jungen zu bekommen.[44]

Kurzzusammenfassung
  • Jede Form von ökonomischem Handeln impliziert individuelle Entscheidungen.

  • Menschen müssen Entscheidungen treffen, weil Ressourcen knapp sind.

  • Die Kosten eines Objektes ergeben sich aus dem, was man aufgeben muss, um es zu bekommen – alle Kosten sind Opportunitätskosten. Monetäre Kosten sind manchmal ein guter Indikator für Opportunitätskosten, aber nicht immer.

  • Bei vielen Entscheidungen geht es nicht darum, ob etwas getan wird, sondern wie viel. „Wie viel“-Entscheidungen werden durch marginale Abwägungen getroffen. Die Untersuchung derartiger Marginalentscheidungen wird als Marginalanalyse bezeichnet.

  • Weil Menschen für gewöhnlich Möglichkeiten nutzen, um ihre Situation zu verbessern, können Anreize das Verhalten von Menschen ändern.

Überprüfen Sie Ihr Wissen
  1. Erläutern Sie, auf welche Weise jede der folgenden Situationen eines der vier Prinzipien der individuellen Entscheidung illustriert.

    1. Sie haben in einem Restaurant zu Abend gegessen und im Menüpreis ist das Dessertbüfett enthalten, von dem Sie sich so oft und so viel nehmen dürfen, wie Sie wollen. Sie stehen bereits zum dritten Mal davor und fühlen sich eigentlich schon ziemlich satt. Obwohl es Sie kein zusätzliches Geld kosten würde, verzichten Sie auf ein weiteres Stück Sahnetorte, greifen aber beim Schokoladenkuchen noch einmal zu.

    2. Selbst wenn es auf der Welt mehr Ressourcen gäbe, würde immer noch Knappheit bestehen.[45]

    3. Verschiedene wissenschaftliche Mitarbeiter leiten Übungsgruppen zur Veranstaltung „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“. Einige der Mitarbeiter gelten bei den Studierenden als besonders gut, besitzen also eine hohe Reputation, während andere als weniger gut eingeschätzt werden. Die Übungsgruppen, die von den Mitarbeitern mit der hohen Reputation geleitet werden, sind schnell voll, während in den anderen Übungsgruppen etliche Plätze leer bleiben.

    4. Um zu entscheiden, wie viele Stunden Sport Sie pro Woche treiben sollten, vergleichen Sie den gesundheitlichen Nutzen einer zusätzlichen Stunde Sport mit den Auswirkungen, die sich aus der Verringerung Ihrer Lernzeit um eine Stunde ergeben.

  2. Mit Ihrem gegenwärtigen Job bei der Schlaukopf-Unternehmensberatung verdienen Sie 45.000 Euro pro Jahr. Sie denken über ein Jobangebot der Geistreich GmbH nach, bei dem Sie 50.000 Euro pro Jahr verdienen könnten. Welche der folgenden Punkte stellen Elemente der Opportunitätskosten des Annehmens des Jobangebotes der Geistreich GmbH dar?

    1. Die zusätzliche Zeit, die Sie für die Fahrt zu der neuen Arbeitsstelle benötigen.

    2. Die 45.000 Euro Einkommen aus Ihrem alten Arbeitsverhältnis.

    3. Das größere Büro, das Sie bei der Geistreich GmbH bekommen.

1.2 Interaktion: Wie Wirtschaften funktionieren

Die Interaktion zwischen Entscheidungen – meine Entscheidungen beeinflussen Ihre Entscheidungen und umgekehrt – ist eine Eigenschaft der meisten ökonomischen Situationen. Das Ergebnis dieser Wechselbeziehungen unterscheidet sich häufig von dem, was Individuen ursprünglich wollten.
[46]

Wie wir in der Einführung gesehen haben, ist eine Wirtschaft ein System zur Koordination der produktiven Aktivitäten vieler Menschen. In einer Marktwirtschaft, einer Wirtschaft also, wie der, in der wir leben, erfolgt diese Koordination ohne Koordinator: Jedes Individuum trifft seine eigenen Entscheidungen. Diese Entscheidungen sind jedoch keineswegs unabhängig voneinander: Die Gelegenheiten eines jeden Individuums und damit auch seine Entscheidungen hängen in hohem Maße von den Entscheidungen anderer Leute ab. Um also zu verstehen, wie eine Marktwirtschaft funktioniert, müssen wir die wechselseitige Abhängigkeit der Entscheidungen, die Interaktion, genauer untersuchen.

Betrachtet man die ökonomische Interaktion näher, erkennt man schnell, dass das Endergebnis individueller Entscheidungen sich deutlich von dem unterscheiden kann, was die einzelnen Individuen eigentlich beabsichtigen.

So haben beispielsweise die Landwirte während der vergangenen 100 Jahre bereitwillig neue Anbaumethoden und verbessertes Saatgut eingesetzt, mit denen sie ihre Kosten vermindern und ihre Erträge erhöhen konnten. Offenkundig liegt es im Interesse eines jeden Landwirts, technologisch auf dem neuesten Stand zu sein. Im Ergebnis hat der Versuch der einzelnen Landwirte, ihr Einkommen zu erhöhen, dazu geführt, dass viele Landwirte ihren Betrieb aufgeben mussten. Weil die Landwirte so erfolgreich damit waren, ihre Erträge zu erhöhen, standen die Preise für Landwirtschaftsprodukte unter ständigem Druck. Die sinkenden Preise führten bei vielen Landwirten zu einem Rückgang der Einkommen und machten damit für immer weniger Leute das Führen eines landwirtschaftlichen Betriebes attraktiv. Während also ein einzelner Landwirt, der eine ertragreichere Getreidesorte anbaut, besser dran ist, kann die Gruppe der Landwirte insgesamt schlechter gestellt sein, wenn alle diese ertragreichere Sorte anpflanzen.[47]

Ein Landwirt, der eine ertragreichere Getreidesorte sät, erzielt also nicht nur für sich einen höheren Ertrag, er beeinflusst auch den Markt für Getreide durch das verbesserte Ergebnis mit Konsequenzen für andere Landwirte, für die Konsumenten usw.

Analog zu den vier ökonomischen Prinzipien, die unter die Überschrift „Individuelle Entscheidung“ fallen, gibt es fünf Prinzipien, die unter die Überschrift „Interaktion“ fallen. Diese fünf Prinzipien sind in Tabelle 1–2 zusammengefasst. Im Folgenden wollen wir sie näher betrachten.

5. Aus Handel ergeben sich Gewinne.
6. Da Menschen auf Anreize reagieren, bewegen sich Märkte in Richtung Gleichgewicht.
7. Ressourcen sollten so effizient wie möglich genutzt werden, um die Ziele der Gesellschaft zu erreichen.
8. Da Handel zu Vorteilen führt, die von Menschen normalerweise auch genutzt werden, führen Märkte für gewöhnlich zu Effizienz.
9. Falls Märkte keine effizienten Lösungen hervorbringen, kann staatliches Eingreifen die gesellschaftliche Wohlfahrt verbessern.[48]

Tab. 1–2 Der Wechselbeziehung von individuellen Entscheidungen zugrunde liegende Prinzipien

Prinzip 5: Handel führt zu Vorteilen
In einer Marktwirtschaft befassen sich Individuen mit Handel: Sie liefern Waren und Dienstleistungen an andere und erhalten dafür im Gegenzug selbst Waren und Dienstleistungen.

Warum gibt es Wechselwirkungen zwischen den individuellen Entscheidungen? Eine Familie könnte natürlich versuchen, alle Dinge, die sie braucht, selbst zu produzieren – sie müsste ihr eigenes Gemüse anbauen, sich selbst Kleidung nähen, für ihre Unterhaltung sorgen und ihre eigenen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbücher schreiben. Dies zu versuchen, wäre aber wohl sehr schwierig. Der Schlüssel zu einem höheren Lebensstandard für alle liegt im Handel. Arbeitsteilung und Handel bedeuten, dass die Menschen die verschiedenen Aufgaben unter sich aufteilen und jeder ein Gut anbietet, das er mit anderen Menschen, die andere Güter produzieren, tauschen kann.

Es gibt Handelsgewinne: Menschen können durch Handel mehr von dem erhalten, was sie wünschen, als wenn sie versuchen würden, autark zu leben. Diese Zunahme der Produktion beruht auf Spezialisierung: Jede Person spezialisiert sich auf die Aufgabe, die sie besonders gut erledigen kann.

Wir haben eine gemeinsame Wirtschaft und nicht viele einzelne Selbstversorger, weil die Arbeitsteilung mit Handelsgewinnen verbunden ist. Durch Arbeitsteilung und Handel können zwei Menschen (oder auch über sechs Milliarden) mehr von allen Dingen bekommen, als wenn jeder versuchen würde, sich selbst zu versorgen. Dies führt uns zu unserem fünften Prinzip:[49]

Handel führt zu Vorteilen.

Handelsgewinne entstehen durch eine Arbeitsteilung, die von den Ökonomen als Spezialisierung bezeichnet wird. Verschiedene Personen beteiligen sich an verschiedenen Aufgaben und spezialisieren sich auf die Aufgaben, die sie besonders gut meistern können.

Die Vorteile der Spezialisierung und die daraus resultierenden Handelsgewinne waren der Ausgangspunkt für das im Jahr 1776 von Adam Smith veröffentlichte Buch The Wealth of Nations, das viele als Grundstein der Volkswirtschaftslehre betrachten. Am Anfang seines Buches beschreibt Smith eine Fabrik des 18. Jahrhunderts, die Stecknadeln produziert. Anstatt dass jeder der zehn Arbeiter eine Stecknadel von Anfang bis Ende fertigt, spezialisieren sie sich jeweils auf einen Herstellungsschritt:

„Ein Mann zieht den Draht aus, ein anderer richtet ihn, ein dritter schneidet ihn, ein vierter spitzt ihn an, ein fünfter öffnet das andere Ende, damit dort der Kopf befestigt werden kann; die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei verschiedene Tätigkeiten; das Befestigen ist ein spezieller Schritt, ebenso das Weißfärben; sogar das Abhacken ist eine eigene Tätigkeit; und das wichtige Geschäft der Herstellung von Stecknadeln ist auf diese Weise in ungefähr 18 verschiedene Schritte unterteilt … Diese 10 Personen können daher miteinander mehr als 48.000 Stecknadeln pro Tag herstellen. Würden sie jeder für sich und unabhängig voneinander arbeiten und wäre keiner von ihnen speziell für diese Produktion ausgebildet, könnten sie sicherlich nicht mehr als 20, vielleicht noch nicht mal eine einzige Stecknadel pro Tag anfertigen. …“[50]

Dasselbe Prinzip greift, wenn wir uns ansehen, wie Menschen Aufgaben untereinander aufteilen und in einer Wirtschaft Handel miteinander treiben. Die Wirtschaft insgesamt kann eine höhere Produktionsleistung erbringen, wenn sich Menschen auf bestimmte Aufgaben spezialisieren und mit anderen Handel treiben.

Diese Spezialisierungsvorteile sind der Grund, warum ein einzelner Mensch sich typischerweise für eine spezifische Karriere entscheidet. Es braucht viele Jahre und große Erfahrung, um Arzt zu werden; es braucht auch viele Jahre des Lernens und der Erfahrung, um Pilot zu werden. Viele Ärzte könnten durchaus das Potenzial haben, exzellente Piloten zu werden und umgekehrt. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass irgendjemand, der beschlossen hat, beide Karrieren zu verfolgen, ein genauso guter Pilot oder genauso guter Arzt wäre, wie jemand, der sich von Anfang an dazu entschlossen hat, sich in einem dieser Felder zu spezialisieren. Es ist daher für alle vorteilhaft, dass Individuen sich bei ihrer Berufswahl spezialisieren. Es sind die Märkte, die es einem Arzt oder Piloten erlauben, sich in seinem eigenen Fachgebiet zu spezialisieren. Weil Märkte für den Lufttransport und Märkte für die Leistungen von Ärzten existieren, kann ein Arzt sicher sein, dass er einen Flug finden wird, genau wie ein Pilot sicher sein kann, dass er einen Arzt finden wird. Solange Individuen wissen, dass sie die von ihnen gewünschten Waren und Dienstleistungen im Markt finden können, werden sie bereit sein, sich nicht selbst zu versorgen, sondern sich zu spezialisieren. Warum können aber die Leute darauf vertrauen, dass die Märkte liefern, was sie wünschen? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum zweiten Prinzip des wirtschaftlichen Zusammenwirkens.[51]

Prinzip 6: Märkte bewegen sich zum Gleichgewicht

Es ist später Nachmittag und Hauptgeschäftszeit im Supermarkt. Vor den Kassen gibt es lange Schlangen. Auf einmal wird eine vorher geschlossene Kasse geöffnet. Was passiert?

Das erste, was geschieht, ist natürlich ein Ansturm auf diese Kasse. Nach kurzer Zeit aber kehrt wieder Ruhe ein. Die Käufer haben sich wieder so angestellt, dass die Schlange an der neu geöffneten Kasse ungefähr die gleiche Länge hat wie alle anderen Schlangen.

Warum können wir das so sicher sagen? Wir wissen von unserem vierten Prinzip, der individuellen Entscheidung, dass Menschen Gelegenheiten nutzen, bei denen sie sich besser stellen. Die Wartenden werden daher zu der neu geöffneten Kasse stürmen, um nicht so lange anstehen zu müssen. Dieser Ansturm auf die neu geöffnete Kasse wird sich legen, sobald die Kunden ihre Situation durch das Wechseln der Schlange nicht mehr verbessern können, also dann, wenn die Gelegenheiten für eine Verbesserung vollständig ausgeschöpft sind.[52]

Eine ökonomische Situation befindet sich im Gleichgewicht, wenn Menschen auch durch andere Handlungen nicht besser gestellt werden können.

Eine solche Geschichte über die Schlangen an der Kasse eines Supermarktes scheint auf den ersten Blick wenig mit den Interaktionen in der Gesamtwirtschaft zu tun zu haben, sie illustriert aber ein wichtiges Prinzip. Eine Situation, in der sich die Einzelnen durch eine Änderung ihres Verhaltens nicht mehr besser stellen können, also die Situation, in der alle Kassenschlangen dieselbe Länge haben, ist das, was Ökonomen als Gleichgewicht bezeichnen. Eine wirtschaftliche Situation ist im Gleichgewicht, wenn kein Individuum sich durch eine Änderung seines Verhaltens verbessern kann.

Denken Sie noch mal an die Legende des Jiffy-Lube-Autoservices, in der es hieß, dass es billiger wäre, sein Auto dort zum Ölwechsel abzugeben, als für das Parken zu bezahlen. Hätte es diese Möglichkeit tatsächlich gegeben und müssten die Leute tatsächlich 30 Dollar für das Parken im Parkhaus bezahlen, dann wäre diese Situation kein Gleichgewicht.

Und dies sollte für uns ein eindeutiger Hinweis sein, dass diese Geschichte nicht wahr sein konnte. Wäre sie es gewesen, hätten die Menschen die Möglichkeit des billigen Parkens genutzt, genauso wie sie die Möglichkeiten nutzen, an der Kassenschlange Zeit zu sparen. Mit ihrem Tun hätten sie gleichzeitig diese günstige Gelegenheit eliminiert! Entweder wäre es sehr schwierig geworden, einen Termin für einen Ölwechsel zu bekommen, oder der Preis des Ölwechsels wäre bis zu dem Punkt gestiegen, bei dem der Ölwechsel keine attraktive Option mehr gewesen wäre (es sei denn, Sie hätten den Ölwechsel tatsächlich benötigt). Dies führt uns zu unserem sechsten Prinzip:[53]

Da Menschen auf Anreize reagieren, bewegen sich Märkte in Richtung Gleichgewicht.

Wie wir sehen werden, gelangen Märkte normalerweise durch Preisänderungen ins Gleichgewicht. Die Preise steigen oder fallen so lange, bis für die Individuen keine Gelegenheiten mehr übrig bleiben, bei denen sie sich besser stellen können.

Das Gleichgewichtskonzept ist für das Verstehen von ökonomischen Interaktionen außerordentlich hilfreich, weil es eine Möglichkeit darstellt, von den manchmal sehr komplexen Details ökonomischer Interaktionen zu abstrahieren. Um zu verstehen, was geschieht, wenn im Supermarkt eine Kasse neu geöffnet wird, brauchen wir uns keine Gedanken darüber zu machen, wie sich die Käufer genau umordnen, wer vor wem steht, welche Kasse gerade geöffnet worden ist usw. Das Einzige, was wir wissen müssen: Immer dann, wenn es zu einer Änderung kommt, bewegt sich die Situation wieder zu einem Gleichgewicht.

Die Tatsache, dass sich Märkte zum Gleichgewicht bewegen, begründet, warum wir uns darauf verlassen können, dass Märkte in einer vorhersehbaren Weise funktionieren. Daher können wir uns auch darauf verlassen, dass uns Märkte mit den für uns lebensnotwendigen Gütern versorgen. So können beispielsweise die Bewohner großer Städte sicher sein, dass die Regale in den Supermärkten immer gefüllt sein werden. Würden einige Lebensmittelhändler nicht[54] die Waren bereitstellen, entstünde eine ansehnliche Gewinnmöglichkeit für jeden Händler, der die Waren liefern würde. Ähnlich wie im Supermarkt vor der neu geöffneten Kasse käme es zu einem Ansturm auf jene Händler, die gerne die gefragten Waren liefern würden. Auf diese Weise garantiert der Markt die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung der Stadtbewohner. Dies wiederum, und damit ist die Verbindung zu dem vorhergehenden Prinzip hergestellt, erlaubt den Stadtbewohnern, Stadtbewohner zu sein, d. h. sich auf Arbeiten zu spezialisieren, die in der Stadt erledigt werden, und nicht als Bauern zu arbeiten, die auf dem Land ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen.

Eine Marktwirtschaft ermöglicht den Menschen auch, Vorteile aus dem Handel zu ziehen. Aber wie können wir einschätzen, wie gut eine solche Volkswirtschaft funktioniert? Das folgende Prinzip liefert uns einen Standard, um die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft abzuschätzen.

Vertiefung
Rechts oder links fahren?

Warum wird auf deutschen Straßen rechts gefahren? Richtig, Paragraph 2 der Straßenverkehrsordnung schreibt das vor. Aber rechts gefahren wurde auch schon, bevor es die Straßenverkehrsordnung gab. Ein Ökonom würde sagen: Bei der Benutzung der Straßen hat sich ein Gleichgewicht herausgebildet.

Bevor der Verkehr formal geregelt wurde, gab es informelle „Straßenbenutzungsregeln“, also Verhaltensweisen, von denen jeder erwartete, dass jeder andere ihnen folgen würde. Zu diesen Regeln gehörte auch die stillschweigende Voraussetzung, dass Verkehrsteilnehmer, die sich in einer Richtung bewegen, normalerweise auf einer Seite der Straße bleiben würden. In einigen Ländern, wie zum Beispiel in England, führte diese implizite Regel dazu, dass man sich auf der linken Seite bewegte. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich, bewegte man sich dagegen rechts.[55]

Warum fiel in einigen Ländern die Wahl auf die rechte Seite und in anderen auf die linke? Die Gründe dafür sind nicht vollständig klar, aber die hauptsächliche Form des Verkehrs könnte eine Rolle gespielt haben. Menschen, die auf Pferden ritten und ihre Schwerter auf der linken Seite trugen, zogen es vermutlich vor, auf der linken Straßenseite zu reiten. (Warum? Das wird schnell klar, wenn man sich vorstellt, wie ein solcher Reiter auf- oder absteigt.) Andererseits haben Rechtshänder, die zu Fuß gegangen sind, aber Pferde geführt haben, es vermutlich vorgezogen, auf der rechten Straßenseite zu gehen.

Wie dem auch immer sei – wenn sich einmal eine Regel etabliert hatte, gab es für jedes Individuum starke Anreize, auf der „normalen“ Straßenseite zu bleiben: Diejenigen, die sich nicht an die implizite Regel hielten, hatten das Problem, ständig mit dem Gegenverkehr zusammenzustoßen. Hatte sich die Regel der Straßenbenutzung also einmal durchgesetzt, wies sie einen Selbstverstärkungseffekt auf – ökonomisch gesehen handelt es sich um ein Gleichgewicht. Heute ist gesetzlich festgelegt, auf welcher Straßenseite man fahren muss. Einige Länder haben die Seiten per gesetzlichem Beschluss sogar getauscht: So nahm zum Beispiel Schweden im Jahr 1967 den Wechsel von links nach rechts vor. Wie sieht es aber mit Fußgängern aus? Hier gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, sehr wohl aber informelle Regeln. In den kontinentaleuropäischen Ländern halten sich Fußgänger normalerweise rechts bzw. weichen nach rechts aus. Wenn ein Europäer nach Japan kommt, muss er sich jedoch umstellen: In Japan, wo Linksverkehr herrscht, gehen die Menschen meist auch auf der linken Seite bzw. weichen nach links aus. Wenn man in Japan zu Fuß unterwegs ist, verhält man sich am besten genauso wie die Japaner. Man kommt nicht ins Gefängnis, wenn man rechts geht, aber man ist schlechter dran, als wenn man die Gleichgewichtslösung akzeptiert und links geht.[56]

Prinzip 7: Damit die Ziele der Gesellschaft erreicht werden, sollten Ressourcen möglichst effizient genutzt werden

Nehmen wir einmal an, Sie besuchen eine Vorlesung, die in einem Hörsaal stattfindet, der für die Zahl der Studierenden viel zu klein ist. Viele Kommilitonen sind gezwungen zu stehen oder auf dem Boden zu sitzen, obwohl direkt nebenan hinreichend große Hörsäle leer stehen. Sie würden völlig zu Recht sagen, dass dies keine Art und Weise ist, eine Uni zu organisieren. Ökonomen würden die Situation als eine ineffiziente Nutzung von Ressourcen beschreiben.

Eine ökonomische Situation heißt effizient, wenn alle Möglichkeiten genutzt wurden, Menschen besser zu stellen, ohne dass andere schlechter gestellt werden.
[57]

Wenn aber eine ineffiziente Nutzung von Ressourcen unerwünscht ist, was bedeutet es dann, Ressourcen effizient zu nutzen? Vielleicht stellen Sie sich vor, dass die effiziente Nutzung von Ressourcen etwas mit Geld zu tun hat, vielleicht, dass sie in Euro und Cent gemessen wird. In der Wirtschaft, wie auch sonst im Leben, ist Geld aber nur ein Mittel für andere Zwecke. Das Maß, um das es den Ökonomen wirklich geht, ist nicht Geld, sondern das Glück oder die Wohlfahrt der Menschen. Wirtschaftswissenschaftler sprechen dann von einer effizienten Nutzung der Ressourcen einer Ökonomie, wenn diese so genutzt werden, dass alle Möglichkeiten zur Besserstellung der Menschen auch vollständig ausgeschöpft werden. Anders gesagt: Eine Volkswirtschaft ist dann effizient, wenn sie alle Möglichkeiten nutzt, um Menschen besser zu stellen, ohne dass andere Menschen schlechter gestellt werden. In unserem obigen Hörsaalbeispiel gibt es offenkundig einen einfachen Weg, alle besser zu stellen. Die Verlegung der Vorlesung in einen größeren Raum würde alle Vorlesungsteilnehmer besser stellen, ohne dass dadurch irgendjemand anderes geschädigt würde. Die Zuordnung der Vorlesung zu dem kleinen Hörsaal stellt eine ineffiziente Nutzung der Universitätsressourcen dar, während die Zuweisung eines größeren Hörsaals die Ressourcen der Universität effizient genutzt hätte.

Wenn eine Wirtschaft effizient ist, dann produziert sie den maximal möglichen Handelsgewinn vor dem Hintergrund der gegebenen Ressourcen. Warum? Weil es keine Möglichkeit gibt, die Nutzung der Ressourcen so umzuordnen, dass jedermann bessergestellt wird. Wenn eine Ökonomie effizient ist, dann kann eine Person durch Umordnung der Ressourcen nur dann[58] bessergestellt werden, indem irgendjemand anderes schlechtergestellt wird. Für unser Hörsaal-Beispiel gilt: Wären bereits alle größeren Hörsäle besetzt, hätte die Universität die Hörsäle effizient zugeordnet. Sie und Ihre Mitstudierenden hätten nämlich nur dann durch den Umzug in einen größeren Hörsaal bessergestellt werden können, wenn die Studierenden aus dem größeren Hörsaal durch den Umzug in einen kleineren Hörsaal schlechtergestellt worden wären. Wir können nun unser siebtes Prinzip formulieren:

Ressourcen sollten so effizient wie möglich genutzt werden, um die Ziele der Gesellschaft zu erreichen.

Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder seinen fairen Anteil erhält. Weil man darüber streiten kann, was „fair“ bedeutet, handelt es sich bei Gerechtigkeit nicht um ein gleichermaßen wohldefiniertes Konzept wie bei Effizienz.

Sollten Wirtschaftspolitiker sich ganz darauf konzentrieren, ökonomische Effizienz zu erreichen? Ganz so einfach ist es nicht, denn Effizienz ist nicht das einzige Kriterium zur Bewertung einer Wirtschaft. Für die meisten Menschen spielt auch Gerechtigkeit oder Gleichheit eine große Rolle. Und typischerweise gibt es einen Zielkonflikt (Trade-off) zwischen Gerechtigkeit und Effizienz: Maßnahmen zur Förderung der Gerechtigkeit führen häufig zu einer Verringerung der Effizienz und umgekehrt.[59]

Um das Spannungsverhältnis zwischen Effizienz und Gerechtigkeit besser verstehen zu können, wollen wir das Beispiel eines Parkhauses betrachten, das, sagen wir, zu einer Oper oder einem Theater gehört. Behinderte Menschen haben oft große Schwierigkeiten mit dem Laufen, sodass es nur fair erscheint, für sie spezielle Parkplätze zu reservieren, die besonders nahe am Ausgang liegen. Wenn Sie selbst schon einmal in einem solchen Parkhaus waren, ist Ihnen vielleicht bereits aufgefallen, dass mit der Einrichtung von Behinderten-Parkplätzen ein gewisses Maß an Ineffizienz verbunden ist. Um nämlich sicherzustellen, dass es zu jeder Zeit eine angemessene Anzahl von freien Parkplätzen für Behinderte gibt, werden die Parkplätze typischerweise so geplant, dass unter normalen Umständen die Zahl der Parkplätze größer ist als die Zahl der Behinderten, die einen Parkplatz brauchen. Im Ergebnis bleibt damit wertvoller Parkraum ungenutzt. (Und die Versuchung für nicht behinderte Menschen, diesen Parkraum zu nutzen, ist so groß, dass sie durch die Gefahr, einen Strafzettel zu kassieren, abgeschreckt werden müssen.) Es gibt somit einen Konflikt zwischen Gerechtigkeit oder Gleichheit, nämlich fairere Bedingungen für Behinderte zu schaffen, und Effizienz, nämlich sicherzustellen, dass alle Möglichkeiten, Menschen besser zu stellen, vollständig ausgeschöpft werden, indem günstig gelegene Parkplätze niemals ungenutzt bleiben.[60]

Wie weit Politiker dabei gehen sollten, Gerechtigkeit zulasten von Effizienz zu fördern, ist eine außerordentlich schwierige Frage, die ins Zentrum des politischen Prozesses weist. Insofern ist es eine Frage, die Ökonomen nicht beantworten können. Was für Ökonomen jedoch zentral ist, ist stets danach zu streben, die Ressourcen einer Wirtschaft so effizient wie möglich bei der Verfolgung der gesellschaftlichen Ziele zu nutzen, welche Ziele dies auch immer sein mögen.

Prinzip 8: Märkte führen normalerweise zu Effizienz

Kein Referat und keine Abteilung der Bundesregierung sind damit beauftragt, die allgemeine ökonomische Effizienz unserer Marktwirtschaft sicherzustellen. Wir haben keine Beamten, die durch die Lande ziehen und dafür sorgen, dass Gehirnchirurgen nicht Felder pflügen, dass Rinderzüchter in Schleswig-Holstein nicht Wein anbauen, dass Strandgrundstücke nicht als Schrottplätze verwendet werden und dass Hochschulen nicht wertvollen Hörsaalraum verschwenden. Die Regierung muss die Effizienz nicht sicherstellen, weil in den meisten Fällen die unsichtbare Hand dies erledigt.

Anders ausgedrückt: Die Anreize, die in einer Marktwirtschaft eingebaut sind, sorgen normalerweise für eine gute Verwendung der Ressourcen, sodass Möglichkeiten, Leute besser zu stellen, nicht verschwendet werden. Wäre eine Hochschule für ihre Unart bekannt, Studierende in zu kleine Hörsäle zu stopfen, während große Hörsäle leer stehen, würden vermutlich die Einschreibzahlen zurückgehen und damit die Arbeitsplätze der Universitätsverwaltung gefährden. Der „Markt“ für Studierende würde in einer Art und Weise reagieren, die der Hochschulverwaltung Anreize gibt, die Hochschule effizient zu führen.[61]

Eine genauere Erklärung dafür, warum Märkte für gewöhnlich eine vernünftige Ressourcennutzung sicherstellen, muss warten, bis wir uns mit den Einzelheiten der Funktionsweise von Märkten beschäftigt haben. Letztlich liegt dies aber daran, dass in einer Marktwirtschaft, in der die Individuen sich frei entscheiden können, was sie konsumieren und was sie produzieren wollen, die Möglichkeiten für wechselseitige Verbesserungen auch genutzt werden. Gibt es einen Weg, einige Menschen besser zu stellen, werden die Menschen normalerweise in der Lage sein, den sich hieraus ergebenden Vorteil auch zu nutzen. Und genau das ist es ja, was Effizienz definiert: Alle Möglichkeiten, die Gesamtsituation zu verbessern, wurden genutzt. Daraus ergibt sich unser achtes Prinzip:

Da Handel zu Vorteilen führt, die von Menschen normalerweise auch genutzt werden, führen Märkte für gewöhnlich zu Effizienz.

Wie wir jedoch in der Einführung gesehen haben, gibt es Ausnahmen von dem Grundsatz, dass Märkte effizient sind. Tritt Marktversagen auf, dann führt das Verfolgen der eigenen Interessen im Markt zu einer Verschlechterung der gesellschaftlichen Situation insgesamt – das Marktergebnis ist ineffizient. Bei der Betrachtung des nächsten Prinzips werden wir sehen, dass beim Auftreten von Marktversagen Eingriffe der Regierung hilfreich sein können. Blendet man das Auftreten von Marktversagen jedoch zunächst einmal aus, dann gilt generell, dass Märkte einen ausgesprochen guten Weg darstellen, eine Wirtschaft zu organisieren.[62]

Prinzip 9: Wenn Märkte nicht zu Effizienz führen, können Staatseingriffe die gesellschaftliche Wohlfahrt erhöhen

Rufen wir uns aus der Einführung noch einmal die Natur des Marktversagens in Erinnerung, das durch den dichten Verkehr verursacht wird: Ein Pendler hat bei seiner Fahrt zur Arbeit keinen Anreiz, die Kosten zu berücksichtigen, die er anderen Fahrern mit seinem Beitrag zur Erhöhung der Verkehrsdichte auferlegt. Für diese Situation gibt es verschiedene Heilmittel: So könnte man beispielsweise an Straßennutzungsgebühren, die Subvention von öffentlichen Verkehrsmitteln oder die Besteuerung von Treibstoff denken. All diese Heilmittel wirken durch eine Veränderung der Anreizstruktur, der sich potenzielle Fahrer gegenübersehen. Sie motivieren sie dazu, weniger im eigenen Pkw zu fahren und stattdessen alternative Transportmittel zu benutzen. Darüber hinaus weisen sie eine andere Gemeinsamkeit auf: Jede dieser Maßnahmen basiert auf einem Eingriff des Staates in den Markt.

Das bringt uns zu unserem neunten Prinzip:

Wenn Märkte nicht zu Effizienz führen, können Staatseingriffe die gesellschaftliche Wohlfahrt erhöhen.

Anders gesagt: Wenn auf Märkten etwas schiefläuft, kann ein angemessener wirtschaftspolitischer Eingriff des Staates manchmal die Gesellschaft näher zu einem effizienten Ergebnis führen, indem diese Politik die Art und Weise der Nutzung der gesellschaftlichen Ressourcen ändert.[63]

Ein sehr wichtiger Zweig der Wirtschaftswissenschaften widmet sich der Untersuchung, warum es zu Marktversagen kommen kann und welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um die Wohlfahrt der Gesellschaft zu erhöhen. Wir werden uns mit den Problemen und möglichen Lösungsansätzen in späteren Kapiteln genauer beschäftigen. An dieser Stelle wollen wir nur eine kurze Übersicht über mögliche Gründe für Marktversagen geben. Sie lassen sich in drei Ursachengruppen zusammenfassen:

  • Individuelle Aktionen haben Nebenwirkungen, die vom Markt nicht richtig berücksichtigt werden.

  • Eine Seite verhindert wechselseitig vorteilhaften Handel mit dem Versuch, sich selbst einen größeren Anteil an den Ressourcen anzueignen.

  • Einige Güter sind aufgrund ihrer spezifischen Natur nicht geeignet, um von Märkten effizient zugeordnet zu werden.

Für Ökonomen ist es daher wichtig, nicht nur zu verstehen, wann Märkte funktionieren, sondern auch zu verstehen, wann sie nicht funktionieren und zu beurteilen, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen in der jeweiligen Situation angemessen erscheinen.

Wirtschaftswissenschaft und Praxis
Gleichgewicht auf Autobahnen

Im Jahr 1994 wurde das Gebiet von Los Angeles durch ein starkes Erdbeben erschüttert. Mehrere Autobahnbrücken brachen zusammen, wodurch die normalen Strecken unterbrochen wurden, auf denen sonst jeden Tag Hunderttausende von Pendlern zur Arbeit und wieder nach Hause fuhren. Das Verhalten der Pendler nach dem Erdbeben liefert ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie das unabhängige Treffen von Entscheidungen funktioniert. Präzise geht es um die Entscheidungen der Pendler, wie sie nach dem Erdbeben zur Arbeitsstelle gelangen sollten.[64]

Unmittelbar nach dem Erdbeben machten sich die Behörden und die betroffenen Pendler große Gedanken über die Auswirkungen auf den Verkehr, weil die Autofahrer nun vermutlich die wenigen verbliebenen alternativen Autobahnstrecken verstopfen würden bzw. sich Schleichwege durch die innerstädtischen Straßen suchen würden. Verkehrsbehörden und Medien warnten die Pendler vor erheblichen Verzögerungen und forderten sie auf, unnötige Fahrten zu unterlassen, möglichst außerhalb der Hauptverkehrszeit zur Arbeit oder nach Hause zu fahren oder, noch besser, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Diese Warnungen waren unerwartet erfolgreich. Tatsächlich folgten in den ersten Tagen nach dem Erdbeben so viele Menschen diesen Hinweisen, dass diejenigen, die ihre ganz normalen Gewohnheiten beibehielten, viel schneller zur Arbeit und wieder zurückkamen als zuvor.

Natürlich konnte diese Situation nicht lange anhalten. Als sich herumsprach, dass die Verkehrssituation bei Weitem nicht so schlecht war wie befürchtet, wandten sich die Pendler von den für sie unbequemeren Wegen zur Arbeit wieder ab und stiegen wieder auf ihre Autos um. Die Folge war, dass sich die Verkehrssituation kontinuierlich verschlechterte. Innerhalb weniger Wochen nach dem Erdbeben kam es zu massiven Verkehrsstaus. Noch ein paar Wochen später stabilisierte sich die Situation jedoch: Die Tatsache, dass die Staus noch schlimmer waren als üblich, veranlasste genügend Fahrer, ihr Auto stehen zu lassen, sodass es nicht zum Albtraum eines umfassenden Verkehrskollaps kam. Ökonomisch formuliert hatte der Verkehr in Los Angeles ein neues Gleichgewicht erreicht, in dem jeder Pendler die für sich beste Entscheidung traf, unter Beachtung der Entscheidung der übrigen Pendler.[65]

Übrigens war die Geschichte damit noch nicht zu Ende: Die Furcht, die Stadt würde am Verkehr ersticken, veranlasste die kommunalen Behörden dazu, die Straßen in Rekordgeschwindigkeit zu reparieren. Nur 18 Monate nach dem Erdbeben konnten alle Autobahnen wieder ganz normal befahren werden.

Kurzzusammenfassung
  • Ein Charakteristikum der meisten ökonomischen Situationen ist die Interaktion von individuellen Entscheidungen, wobei das Endergebnis sich recht deutlich von dem unterscheiden kann, was ursprünglich gewollt wurde. In einer Marktwirtschaft treten diese Interaktionen in der Form von Handel zwischen Individuen auf.

  • Individuen interagieren miteinander, weil es Handelsgewinne gibt. Handelsgewinne treten als Folge von Spezialisierung auf.

  • Ökonomische Systeme bewegen sich normalerweise in Richtung Gleichgewicht.

  • So weit wie möglich sollten Ressourcen effizient[66] genutzt werden, um die Ziele einer Gesellschaft zu erreichen. Effizienz ist jedoch nicht das einzige Kriterium, um eine Wirtschaft zu beurteilen. Gerechtigkeit erscheint ebenfalls erstrebenswert und häufig gibt es einen Zielkonflikt (Trade-off) zwischen Gerechtigkeit und Effizienz.

  • Bis auf einige wohldefinierte Ausnahmen führen Märkte normalerweise zu effizienten Ergebnissen. Falls Märkte versagen und nicht zu einer effizienten Lösung führen, kann eine Intervention des Staates die Wohlfahrt einer Gesellschaft verbessern.

Überprüfen Sie Ihr Wissen
  1. Erläutern Sie, wie jede der im Folgenden beschriebenen Situationen eines der fünf Prinzipien der Interaktion illustriert.

    1. Mithilfe des Internets ist jeder Studierende, der ein gebrauchtes Lehrbuch für mindestens X Euro verkaufen möchte, in der Lage, jemanden zu finden, der dafür bereit ist, X Euro zu bezahlen.

    2. Die Fachschaft einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät organisiert ein Schwarzes Brett, auf dem Studierende Nachhilfe in Fächern anbieten können, in denen sie besonders gut sind (zum Beispiel Mathematik), und im Gegenzug dafür Nachhilfe erhalten, in denen sie schlecht sind (zum Beispiel Buchführung).

    3. Stadtparlament und Kommunalverwaltung führen eine Regelung ein, die von Diskotheken und Kneipen, die sich in der Nähe von Wohngebieten befinden, die Einhaltung bestimmter Lärmobergrenzen verlangt.

    4. Eine Stadt beschließt, unterausgelastete und über die Stadt verstreute kleine Krankenhäuser zu schließen und die frei werdenden Mittel dem Zentralkrankenhaus zur Verfügung zu stellen.[67]

    5. Beim Handel mit gebrauchten Büchern im Internet erzielen verschiedene Exemplare eines bestimmten Lehrbuchs, die ungefähr das gleiche Maß an Gebrauchsspuren aufweisen, in etwa denselben Preis.

  2. Welche der folgenden Situationen beschreibt ein Gleichgewicht? Welche nicht? Erläutern Sie Ihre Antwort.

    1. Gegenüber der Mensa einer Universität gibt es eine Reihe von Restaurants, in denen besseres und billigeres Essen serviert wird als in der Mensa. Die große Mehrheit der Studierenden nimmt ihre Mahlzeiten weiterhin in der Mensa ein.

    2. Momentan fahren Sie mit der U-Bahn zur Arbeit. Der Bus ist zwar billiger, aber die Fahrt dauert länger. Um Zeit zu sparen, sind Sie bereit, den höheren Fahrpreis für die U-Bahn zu bezahlen.

1.3 Gesamtwirtschaftliche Interaktion

Wie bereits in der Einführung erwähnt, geht die Wirtschaft als Ganzes durch Höhen und Tiefen. Beispielsweise war der Umsatz in amerikanischen Einkaufszentren im Jahr 2008 schwach, da sich die Wirtschaft in einer Rezession befand. Zwar erholte sie sich seit 2009 wieder, die Nachwirkungen des Abschwungs waren jedoch noch immer spürbar – erst im Mai 2014 kletterten die Beschäftigungszahlen in den Vereinigten Staaten wieder auf das Niveau, das vor der Rezession herrschte.

Um diese Rezessionen und Erholungen zu verstehen, müssen wir zunächst die gesamtwirtschaftliche Interaktion verstehen. Um ein Verständnis für das große Ganze zu entwickeln, benötigen wir drei weitere ökonomische Prinzipien, die in Tabelle 1–3[68] zusammengefasst sind.

10. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen.
11. Die Gesamtausgaben weichen manchmal von der Produktionskapazität der Wirtschaft ab.
12. Regierungspolitik kann die Ausgaben beeinflussen.

Tab. 1–3 Die Prinzipien gesamtwirtschaftlicher Interaktion

Prinzip 10: Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen

Zwischen 2005 und 2011 brach der Wohnungsbau in den Vereinigten Staaten um mehr als 60 Prozent ein, da es für Bauträger zunehmend schwerer wurde, Verkäufe zu tätigen. Zunächst beschränkte sich der Schaden auf die Bauindustrie. Im Laufe der Zeit weitete sich der Abschwung aber auf beinahe jeden Teil der Wirtschaft aus und die Konsumausgaben sanken ganz allgemein.

Warum aber sollte ein Rückgang im Wohnungsbau gleichzeitig bedeuten, dass die Läden in den Einkaufszentren leer bleiben? Schließlich kaufen Familien und nicht Bauträger in Einkaufszentren ein.

Die Antwort lautet, dass die geringeren Ausgaben im Baugewerbe zu niedrigeren Einkommen in der gesamten Wirtschaft führten. Personen, die entweder direkt im Baugewerbe angestellt waren und Waren und Dienstleistungen produzierten, die von Bauträgern benötigt werden (wie beispielsweise Wandbauplatten), oder die in der Produktion von Waren und Dienstleistungen angestellt waren, die von neuen Hausbesitzern in Anspruch genommen werden (wie beispielsweise neue Möbel oder Malerarbeiten), verloren entweder ihre Anstellung oder waren dazu gezwungen, Lohneinbußen in Kauf zu nehmen. Und wenn das Einkommen sinkt, fallen auch die Konsumausgaben. Dieses Beispiel beschreibt das zehnte Prinzip:[69]

Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen.

In einer Marktwirtschaft verdienen die Menschen ihr Brot, indem sie anderen Leuten Dinge und auch ihre eigene Arbeitskraft verkaufen. Wenn eine Gruppe in der Wirtschaft aus irgendeinem Grund beschließt, mehr Geld auszugeben, wird das Einkommen anderer Gruppen steigen.

Da die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, löst eine Änderung des Ausgabeverhaltens eine Kettenreaktion aus, die zumeist Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hat. Beispielsweise führt ein Rückgang der Investitionsausgaben, wie es 2008 zu beobachten war, zu niedrigeren Familieneinkommen; Familien reagieren darauf, indem sie ihre Konsumausgaben senken; dadurch sinken erneut die Einkommen und so weiter. Diese Rückwirkungen spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis von Rezessionen und wirtschaftlichen Erholungsprozessen.

Prinzip 11: Die Gesamtausgaben weichen manchmal von der Produktionskapazität der Wirtschaft ab

Die Makroökonomik entwickelte sich in den 1930er-Jahren zu einem selbstständigen Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften. Damals kam es aufgrund eines Einbruchs der Konsum- und Unternehmensausgaben, einer Krise des Bankensystems und anderer Faktoren zu einem starken Rückgang der Gesamtausgaben. Dieser Ausgabenrückgang führte wiederum zu einer Phase sehr hoher Arbeitslosigkeit, die auch als Weltwirtschaftskrise bekannt ist.[70]

Mit dem Begriff Güter werden alle (stofflichen) Waren und Dienstleistungen zusammengefasst.

Ökonomen zogen aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre die Lehre, dass die Gesamtausgaben – also die Menge an Waren und Dienstleistungen, die Privatverbraucher und Unternehmen kaufen wollen – nicht immer mit der Produktionskapazität übereinstimmt. Die Produktionskapazität ist die Menge an Gütern (als dem Oberbegriff für Waren und Dienstleistungen), die die Wirtschaft produzieren kann. In den 1930er-Jahren fielen die Ausgaben deutlich hinter dem zurück, was nötig gewesen wäre, um die Beschäftigung aufrechtzuerhalten; die Folge war ein schwerwiegender Konjunktureinbruch. Tatsächlich werden die meisten Rezessionen, wenn auch nicht alle, durch Ausgabendefizite verursacht.

Es ist ebenso möglich, dass die Gesamtausgaben zu hoch sind. In diesem Fall steigen in allen Wirtschaftszweigen die Preise; es kommt zu einer Inflation. Dieser Preisanstieg tritt auf, wenn die nachgefragte Menge an Waren und Dienstleistungen das Angebot übersteigt und Produzenten die Preise anheben können und weiterhin kaufwillige Kunden finden. Die Berücksichtigung von Ausgabendefiziten und -überschüssen bringt uns zu unserem elften Prinzip:

Die Gesamtausgaben weichen manchmal von der Produktionskapazität der Wirtschaft ab.

Prinzip 12: Regierungspolitik kann die Ausgaben beeinflussen

Die Gesamtausgaben weichen manchmal von der Produktionskapazität der Wirtschaft ab. Aber kann man etwas dagegen tun? Die Antwort lautet ja[71] und bringt uns zu unserem zwölften und letzten Prinzip:

Regierungspolitik kann die Ausgaben beeinflussen.

Tatsächlich kann Regierungspolitik Ausgaben sogar drastisch beeinflussen.

Zum einen tätigt die Regierung selbst viele Ausgaben, beispielsweise für militärische Ausrüstung oder für Bildung, und kann darüber entscheiden, in diesen Bereichen mehr oder weniger auszugeben. Die Regierung kann ebenso bestimmen, wie viele Steuern sie von der Bevölkerung einfordert. Dies beeinflusst wiederum, wie viel Einkommen Verbrauchern und Unternehmen für eigene Ausgaben übrig bleibt. Staatsausgaben, Steuern und die Kontrolle der Geldmenge sind Werkzeuge der makroökonomischen Politik.

Moderne Regierungen setzen diese makroökonomischen Steuerungswerkzeuge ein, um die wirtschaftlichen Gesamtausgaben so zu beeinflussen, dass die beiden Gefahren Rezession und Inflation vermieden werden. Diese Bemühungen führen nicht immer zum Erfolg – es gibt weiterhin Rezessionen und auch Phasen von Inflation. Es wird jedoch allgemein angenommen, dass die energischen Anstrengungen, die US-Politiker in den Jahren 2008 und 2009 an den Tag legten, um das Niveau der Gesamtausgaben aufrechtzuerhalten, dabei geholfen haben, eine ausgewachsene Wirtschaftskrise zu vermeiden.

Wirtschaftswissenschaft und Praxis
Abenteuer in der Kinderbetreuung

Die Website myarmyonesource.com stellt Informationen für Familien bereit, die beim Militär angestellt sind. Sie rät Eltern, einer Kinderbetreuungskooperative beizutreten – einer Einrichtung, die in vielen sozialen Schichten üblich ist. In solch einer Kooperative betreuen die Eltern gegenseitig ihre Kinder statt einen externen Betreuer einzustellen. Wie stellen diese Organisationen jedoch sicher, dass alle Mitglieder einen fairen Teil der Arbeit leisten?[72]

myarmyonesource.com erklärt: „In den meisten Kooperativen wird mit Gutscheinen oder Punkten statt mit Geld bezahlt. Wenn Sie einen Babysitter benötigen, können Sie einen Freund anrufen, der auf der Liste steht, und ihn mit Gutscheinen bezahlen. Sie verdienen Gutscheine, indem Sie auf andere Kinder aus der Kooperative aufpassen.“ Anders formuliert: Eine Kinderbetreuungskooperative ist eine Miniaturökonomie, in der Menschen Betreuungsangebote kaufen und verkaufen. Und tatsächlich ist es auch eine Wirtschaftsform, in der makroökonomische Probleme auftreten können.

Ein berühmter Artikel mit dem Titel „Monetary Theory and the Great Capitol Hill Babysitting Co-Op Crisis“ beschreibt die Schwierigkeiten einer Kinderbetreuungskooperative, die zu wenige Gutscheine herausgegeben hatte. Beachten Sie, dass die meisten Mitglieder einer Kinderbetreuungskooperative gerne einige Gutscheine in Reserve haben möchten – für den Fall, dass sie einige Male Kinderbetreuung in Anspruch nehmen müssen, bevor sie ihren Gutscheinvorrat durch eigenes Babysitten wieder auffüllen können.

Da der Gutscheinbestand zunächst niedrig war, waren die meisten Eltern darauf bedacht, auf andere Kinder aufzupassen und den Gutscheinvorrat aufzustocken; sie zögerten, selbst Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen und dadurch ihren Gutscheinbestand zu reduzieren. Da die Entscheidung des einen Elternpaars abends auszugehen jedoch gleichzeitig die Möglichkeit für ein anderes Elternpaar war, andere Kinder zu betreuen, gestaltete es sich schwierig, Gutscheine zu verdienen. Dies veranlasste viele Eltern dazu, ihre Gutscheinreserven – außer zu besonderen Anlässen – noch seltener zu nutzen.[73]

Kurz gesagt, die Kooperative befand sich in einer Rezession. Rezessionen in der größeren, nicht nur auf Kinderbetreuung fokussierten Ökonomie sind etwas komplizierter als in diesem Beispiel. Nichtsdestoweniger beschreiben die Schwierigkeiten der Capitol-Hill-Kinderbetreuungskooperative zwei unserer drei Prinzipen der gesamtwirtschaftlichen Interaktion. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen: Möglichkeiten der Kinderbetreuung ergaben sich nur in dem Maße, in dem andere Personen dieses Angebot nutzten.

Eine Wirtschaft kann auch unter zu niedrigen Ausgaben leiden: Wenn zu wenige Mitglieder der Kooperative dazu bereit waren, abends auszugehen und Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen, war ein jeder wegen der mangelnden Kinderbetreuungs- und Verdienstmöglichkeiten frustriert.

Und was ist mit dem staatlichen Handeln, um die Ausgaben zu beeinflussen? Nun, die Capitol-Hill-Kooperative nutzte auch diese Möglichkeit. Schlussendlich löste sie das Problem, indem sie mehr Gutscheine herausgab: Da die Leute durch diese Maßnahme größere Reserven hatten, waren sie auch öfter dazu bereit, Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen.[74]

Kurzzusammenfassung
  • In einer Marktwirtschaft entsprechen die Ausgaben des einen den Einnahmen eines anderen. Veränderungen im Ausgabeverhalten haben deshalb Rückwirkungen, die sich auf die ganze Wirtschaft ausbreiten können.

  • Die Gesamtausgaben weichen manchmal von der Produktionskapazität der Wirtschaft ab. Wenn die Ausgaben zu niedrig sind, resultiert dies in einer Rezession. Zu hohe Ausgaben hingegen verursachen Inflation.

  • Moderne Regierungen setzen makroökonomische Steuerungswerkzeuge ein, um die wirtschaftlichen Gesamtausgaben so zu beeinflussen, dass die beiden Gefahren Rezession und Inflation vermieden werden.

Überprüfen Sie Ihr Wissen

Erklären Sie, wie jedes der folgenden Beispiele eines der drei Prinzipien gesamtwirtschaftlicher Interaktion veranschaulicht:

  1. Das Weiße Haus drängte den US-Kongress Anfang des Jahres 2009 – in einer Zeit als die Beschäftigungsmenge stark einbrach und die Arbeitslosigkeit schnell zunahm –, zeitlich begrenzte Ausgabenerhöhungen und Steuerkürzungen zu verabschieden.

  2. Ölkonzerne investieren massiv in Projekte, die darauf ausgerichtet sind, Erdöl aus den „Ölsandvorkommen“ Kanadas zu fördern. In Edmonton, Alberta, einer Stadt, die unweit von Ölsandvorkommen liegt, florieren Restaurants und andere Privatkundengeschäfte.

  3. Mitte der 2000er-Jahre wies Spanien, das einen starken Immobilienboom erlebte, die höchste Inflationsrate Europas auf.[75]

Unternehmen in Aktion: Wie Priceline.com die Reisebranche revolutionierte

In den Jahren 2001 und 2002 hatte die Reisebranche mit großen Problemen zu kämpfen. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA verzichteten viele Leute schlichtweg aufs Fliegen. Aufgrund des starken wirtschaftlichen Einbruchs standen viele Flugzeuge ungenutzt auf dem Rollfeld und die Fluggesellschaften verloren etliche Milliarden Dollar. Als einige Fluggesellschaften Bankrott anmeldeten, verabschiedete der US-Kongress ein 15 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket, das eine entscheidende Rolle für die Stabilisierung der Luftfahrtindustrie spielte.

Dies war auch für den Online-Reiseservice Priceline.com eine besonders schwierige Zeit. Nur vier Jahre nach seiner Gründung drohte Priceline.com der Untergang. Der Wandel der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens war dramatisch.

1999, ein Jahr nach der Entstehung von Priceline.com, waren Investoren und Kapitalgeber so beeindruckt von dem Potenzial des Online-Reiseservices, die Reisebranche zu revolutionieren, dass der Wert des Unternehmens 9 Milliarden Dollar betrug. Im Jahr 2002 hatten die Investoren jedoch einen deutlich schlechteren Eindruck vom Unternehmen und korrigierten ihre Unternehmensbewertung um 95 Prozent auf lediglich 425 Millionen Dollar.

Erschwerend kam hinzu, dass Priceline.com jedes Jahr mehrere Millionen Dollar Verluste machte. Und doch schaffte es das Unternehmen zu überleben und zu gedeihen; im Jahr 2014 schätzten Investoren seinen Wert auf über 63 Milliarden Dollar. Was war der Grund dafür, dass das Unternehmen unter schlechten wirtschaftlichen Bedingungen überlebte und prosperierte?[76]

Der Erfolg von Priceline.com beruht auf seiner Fähigkeit, gewinnbringende Möglichkeiten für sich und seine Kunden auszuspähen. Das Unternehmen erkannte, dass es Kosten verursacht, wenn ein Flug nicht ganz ausgebucht ist oder ein Hotel noch freie Betten hat – nämlich die Einnahmen, die hätten generiert werden können, wenn der Sitz im Flugzeug oder das Hotelbett genutzt worden wäre. Und obwohl es einige Reisende gibt, die gerne die Sicherheit eines im Voraus gebuchten Fluges oder Hotels haben wollen und dafür zu zahlen bereit sind, so gibt es auch andere Reisende, für die es in Ordnung ist, nicht den gewünschten Flug oder das bevorzugte Hotel buchen zu können, dafür aber auch einen niedrigeren Preis zahlen.

Bei Priceline.com geben Kunden den Preis an, den sie für eine bestimmte Reise oder ein bestimmtes Hotelzimmer zu zahlen bereit sind. Der Online-Reiseservice bietet dem Kunden dann eine Liste mit Optionen mit Fluglinien und Hotels an, die bereit sind, den Preis des Kunden zu akzeptieren. Typischerweise sinkt der Preis, je näher das Reisedatum rückt.

Indem Priceline.com Fluggesellschaften und Hotels mit freien Kapazitäten und Reisende zusammenbringt, die dazu bereit sind, einige ihrer Wünsche für einen geringeren Preis aufzugeben, stehen am Ende alle besser da. Auch Priceline.com selbst profitiert, da es eine kleine Vermittlungsprovision für jeden über die Plattform getätigten Handel erhebt.[77]

Als zwei neue Unternehmen, Expedia und Orbitz, in den Markt drängten, reagierte Priceline.com sofort. Als Reaktion auf die neue Konkurrenzsituation richtete Priceline.com seinen Fokus auf Hotelbuchungen und auf den europäischen Markt, dessen Online-Reisebranche noch verhältnismäßig klein war. Das Netzwerk des Reiseservices war insbesondere auf dem europäischen Hotelmarkt sehr wertvoll, da es dort im Vergleich zum US-Markt – der von landesweiten Hotelketten dominiert wird – deutlich mehr kleinere Hotels gibt. Die Anstrengungen zahlten sich aus und im Jahr 2003 konnte Priceline.com die ersten Gewinne erzielen.

Priceline.com arbeitet nun mit einem Netzwerk von mehr als 295.000 Hotels in über 190 Ländern. Von 2008 bis 2013 sind die Einnahmen in jedem Jahr um weit über 20 Prozent gestiegen und wuchsen sogar während der Rezession im Jahr 2008 um 34 Prozent.

Die Reisebranche wird zweifellos nie wieder dieselbe sein.

Frage

Erklären Sie, wie jedes der zwölf ökonomischen Prinzipien in dieser Fallstudie veranschaulicht wird.

Zusammenfassung

  1. Jede ökonomische Analyse basiert auf wenigen grundlegenden Prinzipien. Diese Prinzipien beziehen sich auf drei Ebenen der ökonomischen Aktivität. Erstens müssen wir verstehen, wie Individuen ihre Entscheidungen treffen. Zweitens müssen wir verstehen, wie diese Entscheidungen zusammenwirken. Und drittens müssen wir verstehen, wie die Wirtschaft als Ganzes funktioniert.[78]

  2. Jeder muss sich entscheiden, was er tun will und was er nicht tun will. Die individuelle Entscheidung ist die Basis des wirtschaftswissenschaftlichen Ansatzes – wenn Entscheidungen keine Rolle spielen, dann geht es nicht um Wirtschaftswissenschaften.

  3. Die Ursache dafür, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, besteht in der Knappheit der Ressourcen. (Als Ressourcen bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler alles, was dazu verwendet werden kann, irgendetwas anderes zu produzieren.) Die Entscheidungsmöglichkeiten der Individuen werden durch Geld und Zeit begrenzt. Ökonomien insgesamt werden durch das Angebot an menschlichen und natürlichen Ressourcen beschränkt.

  4. Weil wir unter begrenzten Alternativen auswählen müssen, bestehen die wahren Kosten einer Sache in dem, was man dafür aufgeben muss – in diesem Sinne sind alle Kosten Opportunitätskosten.

  5. Viele ökonomische Entscheidungen beziehen sich nicht auf die Frage „ob“, sondern auf die Frage „wie viel“ – wie viel man für ein bestimmtes Gut ausgeben sollte, wie viel man produzieren sollte usw. Derartige Entscheidungen müssen durch eine Abwägung (Trade-off) an der Grenze getroffen werden – durch den Vergleich von Kosten und Nutzen von ein klein bisschen mehr oder ein klein bisschen weniger. Entscheidungen dieses Typs werden als Marginalentscheidungen bezeichnet. Die Untersuchung von Marginalentscheidungen bezeichnet man als Marginalanalyse, die eine zentrale Rolle in den Wirtschaftswissenschaften spielt.

  6. Zu überlegen, wie Menschen ihre Entscheidungen treffen sollten[79], ist eine gute Methode, um ihr tatsächliches Verhalten zu verstehen. Üblicherweise nutzen Menschen die Möglichkeiten, die sie haben, um sich besser zu stellen. Ändern sich diese Möglichkeiten, so ändert sich auch das Verhalten: Menschen reagieren auf Anreize.

  7. Interaktion, die Tatsache also, dass die Entscheidungen des einen von den Entscheidungen des anderen abhängen und umgekehrt, ist für das Verstehen von ökonomischen Entscheidungen ebenfalls von zentraler Bedeutung. Wenn Individuen interagieren, kann das Endergebnis anders aussehen als das, was ursprünglich von jedem gewollt wurde.

  8. Die Menschen interagieren, weil es Handelsgewinne gibt: Durch die Teilnahme am Handel von Waren und Dienstleistungen können alle Mitglieder der Gesellschaft ihre Position verbessern. Handel kann deswegen zu Gewinnen führen, weil dadurch die Vorteile der Spezialisierung genutzt werden können, also die Vorteile, die sich ergeben, weil Individuen sich auf das spezialisieren, was sie besonders gut können.

  9. Wirtschaften bewegen sich normalerweise in Richtung Gleichgewicht – eine Situation, in der sich kein Individuum durch eine andere Entscheidung oder andere Aktion besser stellen kann.

  10. Eine Wirtschaft ist effizient, wenn alle Möglichkeiten genutzt wurden, jemanden besser zu stellen, ohne andere schlechter zu stellen. Ressourcen sollten so effizient wie möglich genutzt werden, um die Ziele der Gesellschaft zu erreichen. Bei der Beurteilung einer Wirtschaft ist Effizienz jedoch nicht der einzige Gesichtspunkt: Gerechtigkeit[80] (oder Fairness) ist ebenfalls wünschenswert. Leider besteht häufig ein Zielkonflikt (Trade-off) zwischen Gerechtigkeit und Effizienz.

  11. Bis auf einige wohldefinierte Ausnahmen führen Märkte normalerweise zu Effizienz.

  12. Wenn Märkte versagen und keine effizienten Ergebnisse erzielen, dann kann das Eingreifen des Staates die Wohlfahrt der Gesellschaft verbessern.

  13. Um Geld zu verdienen, verkaufen die Teilnehmer einer Marktwirtschaft Waren und Dienstleistungen einschließlich ihrer eigenen Arbeitskraft. Die Ausgaben des einen sind deshalb gleichzeitig die Einnahmen des anderen. Das führt dazu, dass sich Veränderungen im Ausgabeverhalten auf die gesamte Wirtschaft auswirken können.

  14. Die Gesamtausgaben einer Wirtschaft können von der Produktionskapazität der Wirtschaft abweichen. Wird weniger ausgegeben als produziert werden kann, führt dies zu einer Rezession; Ausgaben, die die Produktionskapazität einer Wirtschaft übersteigen, führen zu Inflation.

  15. Regierungen können die Gesamtausgaben stark beeinflussen. Sie nutzen diese Fähigkeit, um die Wirtschaft weder in eine Inflation noch in eine Rezession abgleiten zu lassen.

Schlüsselbegriffe
  • individuelle Entscheidung

  • Ressource

  • knapp

  • Opportunitätskosten

  • Trade-off (Zielkonflikt)

  • Marginalentscheidung

  • Marginalanalyse

  • Anreiz

  • Interaktion

  • Handel

  • Handelsgewinne

  • Spezialisierung

  • Gleichgewicht

  • effizient

  • Gerechtigkeit

2 Ökonomische Modelle: Zielkonflikte und Handel

Lernziele
  • Warum Modelle – vereinfachte Abbildungen der Wirklichkeit – in den Wirtschaftswissenschaften eine zentrale Rolle spielen.[81]

  • Zwei einfache, aber wichtige Modelle: Die Produktionsmöglichkeitenkurve und der komparative Vorteil.

  • Das Kreislaufdiagramm, eine schematische Darstellung der Wirtschaft.

  • Der Unterschied zwischen positiver Wirtschaftswissenschaft, die versucht, die Wirtschaft zu beschreiben und ihr Verhalten vorherzusagen, und normativer Wirtschaftswissenschaft, die versucht, der Wirtschaftspolitik Leitlinien zu geben.

  • Wann Ökonomen sich einig sind und warum sie bei manchen Fragen unterschiedliche Auffassungen vertreten.

Von Kitty Hawk zum Dreamliner

Im Dezember 2009 absolvierte Boeings neuester Jet, der 787 Dreamliner, seinen ersten dreistündigen Testflug. Es war ein historischer Moment: Der Dreamliner war das Ergebnis einer aerodynamischen Revolution – ein hocheffizientes Flugzeug, das entworfen wurde, um die Betriebskosten der Fluggesellschaften zu senken, und in dessen Produktion zum ersten Mal superleichte Verbundwerkstoffe verwendet wurden.

Um sicherzustellen, dass der Dreamliner ausreichend leicht und aerodynamisch war, musste er sich über 15.000 Teststunden im Windkanal stellen. Diese Tests zogen ausgetüftelte Änderungen im Design nach sich, sodass die Leistungsfähigkeit des Passagierflugzeugs verbessert werden konnte: Es wurde 20 Prozent verbrauchseffizienter und stieß 20 Prozent weniger Schadstoffe aus als Vorläufermodelle.

Der erste Flug des Dreamliners markierte einen beeindruckenden Fortschritt im Vergleich zum Jungfernflug des ersten erfolgreich angetriebenen Flugzeugs, des „Wright Flyers“ in Kitty Hawk, North Carolina, im Jahr 1903. Dennoch verdanken die Ingenieure von Boeing – und alle anderen Flugzeugbauer – den Erfindern des Wright Flyers, Wilbur und Orville Wright, eine ganze Menge.[82]

Was die Gebrüder Wright zu wahren Visionären machte, war ihr Windkanal, eine Anlage, die es ihnen erlaubte, mit vielen verschiedenen Entwürfen für Flügel und Lenkeinrichtungen zu experimentieren. Aus diesen Experimenten gewannen sie das Wissen, das später das Fliegen mit Geräten ermöglichte, die schwerer sind als Luft.

Weder ein bewegungslos in einem Windkanal stehendes Miniaturflugzeug noch ein Miniaturmodell des Dreamliners in Boeings hochmodernem Transsonischen Windkanal sind das gleiche wie ein wirkliches Flugzeug im Flug.

Beide sind jedoch sehr hilfreiche Modelle eines sich durch die Luft bewegenden Flugzeugs – eine vereinfachte Darstellung eines realen Objektes, die für die Beantwortung zentraler Fragen genutzt werden kann, etwa für die Frage, wie viel Auftrieb ein bestimmtes Tragflächenprofil bei einer gegebenen Geschwindigkeit erzeugt.

Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, dass das Testen eines Flugzeugentwurfs in einem Windkanal sehr viel billiger und sicherer ist, als es gleich im Maßstab 1 : 1 zu bauen und zu hoffen, dass es fliegen wird. Allgemein lässt sich festhalten, dass Modelle in fast allen Wissenschaftsbereichen eine fundamentale Rolle spielen – und dies gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften.[83]

Tatsächlich könnte man sogar sagen, dass die ökonomische Theorie hauptsächlich aus einer Sammlung von Modellen besteht, einer Reihe von vereinfachten Darstellungen der ökonomischen Wirklichkeit, die uns erlaubt, eine ganze Vielfalt von ökonomischen Sachverhalten zu verstehen. In diesem Kapitel werden wir zwei ökonomische Modelle betrachten, die einerseits aus sich selbst heraus sehr wichtig sind und andererseits uns zeigen können, warum Modelle so hilfreich sind. Am Ende dieses Kapitels werden wir noch einen Blick darauf werfen, wie Wirtschaftswissenschaftler Modelle in ihrer Forschungsarbeit verwenden.

2.1 Modelle in den Wirtschaftswissenschaften: Einige wichtige Beispiele

Ein Modell ist eine vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit, mit der wir versuchen, die Realität besser zu verstehen.

Ein Modell ist jede vereinfachte Darstellung der Realität, die verwendet wird, um reale Situationen besser verstehen zu können. Aber wie entwickeln wir eine vereinfachte Darstellung der ökonomischen Realität?

Eine Möglichkeit – sie ist das ökonomische Äquivalent eines Windkanals – wäre es, eine reale, aber vereinfachte Wirtschaft zu finden oder zu konstruieren. So haben beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler, die sich für die ökonomische Rolle des Geldes interessierten, die Tauschsysteme untersucht, die sich in Kriegsgefangenenlagern im Zweiten Weltkrieg entwickelt haben. Dort wurden Zigaretten als universales Zahlungsmittel akzeptiert, sogar von Kriegsgefangenen, die selbst nicht rauchten.[84]

Eine andere Möglichkeit besteht in der Simulation einer Wirtschaft auf einem Computer. So werden beispielsweise von Regierungsbehörden Steuermodelle – große Computerprogramme – verwendet, um die Auswirkungen von ins Auge gefassten Steueränderungen auf verschiedene ökonomische Gruppen zu beurteilen.

Die Ceteris-paribus-Annahme bedeutet, dass mit Ausnahme der untersuchten Größe alle anderen Faktoren unverändert bleiben.

Modelle sind deswegen so wichtig, weil sie es den Forschern erlauben, isoliert die Wirkungen einer bestimmten Änderung zu analysieren. Anders ausgedrückt, Modelle erlauben uns, alles andere konstant zu halten und zu untersuchen, wie eine bestimmte Änderung sich auf das Gesamtergebnis auswirkt. Die Annahme einer Konstanz aller anderen relevanten Faktoren bezeichnet man als Ceteris-paribus-Annahme. Sie ist eine zentrale Annahme bei der Betrachtung ökonomischer Modelle.

Allerdings findet man nicht immer eine maßstabsgerecht verkleinerte Version der gesamten Wirtschaft, und ein Computerprogramm ist nur so gut wie die Daten, die es verwendet. Für viele Zwecke ist die einfachste und effektivste Form der Modellierung das Gedankenexperiment. Bei einem Gedankenexperiment handelt es sich um die vereinfachte hypothetische Version einer realen Situation.

In Kapitel 1 haben wir das Gleichgewichtskonzept am Beispiel von wartenden Kunden in einem Supermarkt illustriert, die sich neu anstellen, wenn eine zusätzliche Kasse geöffnet wird. Obwohl wir nicht darauf hingewiesen haben, war dies ein Beispiel für ein einfaches Modell: Wir haben einen imaginären Supermarkt betrachtet, dabei von vielen Details abstrahiert (z. B. was die Kunden kaufen) und mithilfe unserer Überlegung „Was wäre, wenn“-Fragen beantwortet, etwa „Was wäre, wenn eine zusätzliche Kasse geöffnet wird?“.[85]

Wie dieses Beispiel zeigt, ist es oft möglich, ein nützliches Wirtschaftsmodell mit einfachen Worten zu beschreiben und zu analysieren. Da in den Wirtschaftswissenschaften jedoch häufig quantitative Größen eine zentrale Rolle spielen – Produktpreise, Produktmengen, Zahl der Beschäftigten eines Unternehmens –, ist es oft sehr hilfreich, sich der Mathematik zu bedienen, um Sachverhalte präziser beschreiben und analysieren zu können. Ein numerisches Beispiel, etwa eine einfache Gleichung oder ein Graph, kann den Schlüssel zum Verstehen eines ökonomischen Konzepts bilden.

Ein gutes ökonomisches Modell kann, in welcher Form auch immer, eine unschätzbare Verständnishilfe sein. Am überzeugendsten lässt sich diese Behauptung durch die Betrachtung einiger einfacher, aber wichtiger ökonomischer Modelle belegen.

  • Als erstes wollen wir uns die Produktionsmöglichkeitenkurve anschauen, ein Modell, das Wirtschaftswissenschaftlern hilft, über die Wahlmöglichkeiten nachzudenken, denen sich jede Wirtschaft gegenübersieht.

  • Danach werden wir uns dem komparativen Vorteil zuwenden, einem Modell, das Handelsgewinne erklärt, und zwar sowohl beim Handel zwischen Individuen als auch beim Handel zwischen Ländern.[86]

  • Schließlich werden wir noch das Kreislaufmodell betrachten, das Wirtschaftswissenschaftlern hilft, die monetären Transaktionen zu analysieren, die in der Volkswirtschaft insgesamt stattfinden.

Vertiefung
Das Modell, das die Wirtschaft ruinierte

Ein Modell ist nur ein Modell, richtig? Wie viel Schaden kann es also anrichten? Wirtschaftswissenschaftler hätten diese Frage vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008–2009 sicherlich anders beantwortet als danach. Noch heute sind die Folgen der Finanzkrise spürbar – ein Beleg dafür, wie wichtig wirtschaftswissenschaftliche Modelle sind. Denn es war ein wirtschaftswissenschaftliches Modell, wie sich herausstellte ein schlechtes, das eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Krise spielte.

Das „Modell, das die Wirtschaft ruinierte“ stammt aus der Finanztheorie, einem Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der zu verstehen versucht, wie viel bestimmte Vermögenswerte, wie etwa Aktien oder Obligationen, wert sind. Finanztheoretiker werden oft (wohlgemerkt zu sehr hohen Gehältern) angestellt, um komplexe mathematische Modelle zu entwickeln, die Investmentgesellschaften bei der Entscheidung helfen, welche Vermögenswerte ge- und verkauft werden sollen und zu welchem Preis.

Die Probleme begannen mit hypothekenbesicherten Wertpapieren, die im Englischen auch als MBS (mortgage-backed securities) bekannt sind. Dem Besitzer einer solchen MBS stehen Ertragsströme zu, die auf den Zahlungen für Zins und Tilgung basieren, die tausende Menschen geleistet haben, um ihre Hypothekarkredite zu bedienen. Eine MBS kann jedoch Probleme mit sich bringen: Wenn die Hauseigentümer ihre Hypothekenzahlungen einstellen, erleiden auch die Besitzer der MBS einen Schaden. Aus diesem Grund wollten Investoren wissen, wie risikobehaftet eine MBS war – das heißt, wie wahrscheinlich es war, Geld zu verlieren.[87]

Im Jahr 2000 verkündete ein an der Wall Street tätiger Finanztheoretiker, dass er durch eine starke mathematische Vereinfachung eine Lösung für das Problem gefunden hatte. Er hatte damit ein einfaches Modell entwickelt, mit dem man das Risiko einer MBS abschätzen konnte. Finanzunternehmen waren von diesem Modell begeistert, da es ihnen den Zugang zu einem großen und außerordentlich gewinnträchtigen Markt öffnete: Dem Verkauf von hypothekenbesicherten Wertpapieren an Investoren. Mithilfe des Modells konnten Finanzunternehmen Milliarden von Dollar in MBS bündeln und verkaufen und so auch selbst Milliardengewinne einstreichen.

Jedenfalls dachten die Investoren, dass sie das Risiko eines Verlustes bei einer MBS berechnet hatten. Einige Finanzexperten – darunter insbesondere Darrell Duffie, ein Professor für Finanztheorie an der Universität Standford – warnten, dass die auf Basis dieses simplen Modells berechneten Risikoabschätzungen schlichtweg falsch seien. Er und andere Kritiker waren der Ansicht, dass das Bestreben nach Einfachheit dazu geführt hätte, dass das Modell das Verlustrisiko beim Handel mit hypothekenbesicherten Wertpapieren beträchtlich unterschätzte.[88]

Diese Warnungen stießen jedoch auf taube Ohren – zweifellos auch deswegen, weil Finanzunternehmen so viel Geld damit verdienten. Es wurden MBS im Wert von zig Milliarden Dollar an Investoren in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern verkauft. Die Probleme, vor denen die Kritiker gewarnt hatten, wurden in den Jahren 2008–2009 traurige Realität.

Im Laufe der vorangegangen zehn Jahre stiegen die Preise auf dem US-amerikanischen Wohnungsmarkt zu stark an und Hypothekarkredite wurden auch an jene Personen verliehen, die die Zins- und Tilgungszahlungen letztlich nicht leisten konnten. Als die Hauspreise rapide in den Keller gingen, bedienten Millionen von Hauseigentümern ihre Hypothek nicht. Mit immer größer werdenden Verlusten für die Investoren wurde allzu deutlich, dass das Modell die Risiken tatsächlich unterschätzt hatte.

Als Investoren und Finanzinstitute in der ganzen Welt das Ausmaß ihrer Verluste begriffen, kam die Weltwirtschaft zu einem jähen Stillstand.

Menschen verloren ihre Häuser, Unternehmen gingen Bankrott und die Arbeitslosigkeit stieg dramatisch an. Die Wirtschaft erholte sich in den letzten sechs Jahren nur äußerst langsam, und erst im Jahr 2014 stieg die Beschäftigungszahl in den Vereinigten Staaten auf das Vorkrisenniveau an.

Bei der Diskussion dieser Modelle werden wir ausführlichen Gebrauch von grafischen Darstellungen machen, mit denen wir mathematische Beziehungen veranschaulichen. Solche grafischen Darstellungen werden für den Rest des Buches eine ganz wesentliche Rolle spielen. Wenn Sie mit der grafischen Darstellung von Funktionen vertraut sind, dürfte Ihnen der formale Aspekt der nachfolgenden Überlegungen keine Schwierigkeiten bereiten. Sollten Sie sich jedoch unsicher fühlen, dann wäre es gut, wenn Sie jetzt den Anhang zu diesem Kapitel durcharbeiten würden, in dem eine kurze Einführung in die Verwendung von Graphen in den Wirtschaftswissenschaften gegeben wird.[89]

Ein Trade-off: Die Produktionsmöglichkeitenkurve

Unser erstes in Kapitel 1 eingeführtes Prinzip besagte, dass Ressourcen knapp sind und daher jede Wirtschaft, ganz gleich, ob sie aus Millionen von Menschen oder einer einzigen Person besteht, sich Trade-offs gegenübersieht. Ganz gleich, wie wenig der Boeing Dreamliner wiegt, ganz gleich, wie effizient am Fließband von Boeing gearbeitet wird – der Bau eines Dreamliners erfordert immer die Verwendung von Ressourcen, die dann nicht mehr für die Produktion von anderen Dingen eingesetzt werden können.

Die Produktionsmöglichkeitenkurve illustriert die Abwägungsmöglichkeiten bzw. Abwägungsnotwendigkeiten einer Wirtschaft, die nur zwei Güter produziert. Sie zeigt für jede gegebene Menge des einen Gutes, wie viel von dem anderen Gut maximal produziert werden kann.

Um über Trade-offs nachzudenken, denen sich jede Wirtschaft gegenübersieht, verwenden Ökonomen häufig ein Modell, das als Produktionsmöglichkeitenkurve bekannt ist. Hinter diesem Modell steht die Idee, dass wir einen Trade-off besser verstehen lernen, wenn wir eine vereinfachte Wirtschaft betrachten, die nur zwei Güter produziert. Diese Vereinfachung erlaubt es uns, die zur Wahl stehenden Möglichkeiten grafisch darzustellen.[90]

Nehmen wir für einen Moment an, dass die Vereinigten Staaten eine Wirtschaft mit einem einzigen Unternehmen wären. Boeing wäre der einzige Arbeitgeber des Landes und Flugzeuge wären das einzige Gut, das produziert wird. Es gäbe jedoch immer noch die Möglichkeit zu entscheiden, welcher Flugzeugtyp gebaut werden soll – zum Beispiel entweder Dreamliner oder Kleinflugzeuge. Abbildung 2–1 zeigt die hypothetische Produktionsmöglichkeitenkurve, die den Trade-off darstellt, dem sich diese Ein-Unternehmen-Ökonomie gegenübersehen würde. Die im Diagramm gezeigte Kurve beschreibt die maximale Anzahl an Kleinflugzeugen, die Boeing jedes Jahr bauen kann, unter der Annahme einer gegebenen Menge an Dreamlinern, die pro Jahr gebaut werden, und umgekehrt. Die Produktionsmöglichkeitenkurve beantwortet also Fragen der Form: „Welches ist die maximale Zahl an Kleinflugzeugen, die Boeing pro Jahr bauen kann, wenn es in diesem Jahr gleichzeitig 9 (oder 15 oder 30) Dreamliner produziert?“

Abbildung

Die Produktionsmöglichkeitenkurve illustriert die Abwägungsmöglichkeiten bzw. den Trade-off, denen bzw. dem sich eine Wirtschaft gegenübersieht, die zwei Güter produziert. Sie zeigt für jede gegebene Menge eines Gutes die maximale Menge des anderen Gutes, die produziert werden kann. Im vorliegenden Fall hängt die maximale Anzahl Dreamliner, die produziert werden kann, von der Anzahl der Kleinflugzeuge ab, die produziert wird und umgekehrt. Die erreichbare Produktion wird durch die Fläche innerhalb und auf der Kurve dargestellt. Produktionspunkt C[91] ist erreichbar, aber nicht effizient. Die Punkte A und B sind erreichbar und effizient. Punkt D ist nicht erreichbar

Abb. 2–1 Die Produktionsmöglichkeitenkurve

Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen den Punkten, die innerhalb der oder auf der Produktionsmöglichkeitenkurve liegen (hellblaue Fläche), und denen außerhalb der Kurve. Liegt ein Punkt innerhalb der oder auf der Kurve, dann ist er erreichbar. Dies gilt beispielsweise für den mit C bezeichneten Punkt, bei dem Boeing 20 Kleinflugzeuge und 9 Dreamliner pro Jahr produziert. Schließlich zeigt uns die Grenze, dass Boeing bei einer jährlichen Produktion von 20 Kleinflugzeugen gleichzeitig maximal 15 Dreamliner bauen könnte – die Produktion von 9 Dreamlinern ist demnach zweifelsohne möglich.

Ein Produktionspunkt außerhalb der Grenze hingegen lässt sich nicht erreichen. Dies gilt etwa für den mit D bezeichneten Punkt, bei dem Boeing – rein hypothetisch – 40 Kleinflugzeuge und 30 Dreamliner produziert. Dieser Punkt ist insofern hypothetisch, weil Boeing entweder 40 Kleinflugzeuge und keine Dreamliner oder 30 Dreamliner und keine Kleinflugzeuge produzieren könnte. Beides zusammen ist jedoch nicht möglich.

In Abbildung 2–1 schneidet die Produktionsmöglichkeitenkurve die waagerechte Achse bei 40 Kleinflugzeugen. Würde Boeing also all seine Produktionskapazitäten für Kleinflugzeuge aufwenden, könnte es 40 Kleinflugzeuge pro Jahr anfertigen, aber keine Dreamliner. Die Produktionsmöglichkeitenkurve schneidet die senkrechte Achse bei 30 Dreamlinern. Würde Boeing seine gesamten Ressourcen für die Produktion von Dreamlinern verwenden, könnte es 30 Dreamliner pro Jahr anfertigen, aber keine Kleinflugzeuge.[92]

Die Abbildung zeigt auch weniger extreme Wahlmöglichkeiten. Beschließt Boeing beispielsweise dieses Jahr, 20 Kleinflugzeuge zu produzieren, können höchstens 15 Dreamliner gebaut werden. Diese Produktionskombination wird durch Punkt A beschrieben. Würden die Manager von Boeing entscheiden, 28 Kleinflugzeuge anfertigen zu lassen, könnten höchstens 9 Dreamliner produziert werden, wie Punkt B zeigt.

Das Denken in den Kategorien der Produktionsmöglichkeitenkurve vereinfacht die Komplexität der Wirklichkeit. Reale Wirtschaften produzieren Millionen von verschiedenen Gütern. Selbst Boeing kann mehr als zwei unterschiedliche Flugzeugtypen bauen. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass uns selbst ein derart einfaches Modell wichtige Erkenntnisse über das Funktionieren der realen Welt vermittelt. Mit der Vereinfachung der Realität erlaubt uns die Produktionsmöglichkeitenkurve jedoch, einige Aspekte der Realität besser zu verstehen, als wir es ohne dieses Modell könnten: Effizienz, Opportunitätskosten und Wirtschaftswachstum.

Effizienz. [93]Zunächst einmal ist die Produktionsmöglichkeitenkurve ein guter Weg, um das allgemeine ökonomische Konzept der Effizienz zu illustrieren. In Kapitel 1 hatten wir gesehen, dass eine Wirtschaft dann effizient ist, wenn alle Möglichkeiten genutzt werden, niemand also besser gestellt werden kann, ohne dass andere schlechter gestellt werden. Insbesondere gehört zur Effizienz, dass keine Produktionsmöglichkeiten ausgelassen werden, es also keinen Weg gibt, von einem Gut mehr zu produzieren, ohne von anderen Gütern weniger zu produzieren.

Solange sich das Unternehmen Boeing auf seiner Produktionsmöglichkeitenkurve befindet, ist die Produktion effizient. In Punkt A sind die 15 Dreamliner, die produziert werden, das Maximum, das Boeing erreichen kann, unter der Annahme, dass sich das Unternehmen für die Produktion von 20 Kleinflugzeugen entschieden hat. In Punkt B sind die 9 produzierten Dreamliner das erreichbare Maximum unter der Annahme einer gegebenen Entscheidung, 28 Kleinflugzeuge anzufertigen. In analoger Weise lassen sich alle anderen Punkte auf der Produktionsmöglichkeitenkurve interpretieren.

Nehmen wir einmal an, dass sich Boeing aus irgendeinem Grund in Punkt C befindet, wo das Unternehmen 20 Kleinflugzeuge und 9 Dreamliner produziert. In diesem Fall würde Boeing nicht effizient arbeiten; es wäre ineffizient: Es könnte von beiden Flugzeugtypen mehr produzieren.

Auch wenn wir ein Beispiel verwendet haben, das die Produktionsentscheidungen einer Wirtschaft mit nur einem Unternehmen und zwei Gütern illustriert, um die Konzepte Effizienz und Ineffizienz zu erklären, gelten diese Konzepte auch für die reale Wirtschaft, in der es viele Unternehmen gibt und viele Güter produziert werden. Wenn die Wirtschaft als Ganzes nicht mehr von einem Gut produzieren könnte, ohne gleichzeitig weniger eines anderen Gutes zu produzieren – das heißt, wenn sich die Wirtschaft auf der Produktionsmöglichkeitenkurve befindet –, dann können wir sagen, dass die Wirtschaft effizient in der Produktion[94] ist.

Wenn die Wirtschaft jedoch mehr eines Gutes produzieren könnte, ohne weniger eines anderen Gutes zu produzieren – typischerweise könnte in diesem Fall mehr von allem produziert werden –, dann ist sie ineffizient in der Produktion. So ist beispielsweise eine Wirtschaft, in der viele Individuen unfreiwillig arbeitslos sind, in der Produktion eindeutig ineffizient. Und das ist schlecht, da die Wirtschaft eine größere Menge nützlicher Waren und Dienstleistungen produzieren könnte.

Obwohl die Produktionsmöglichkeitenkurve hilfreich ist, um zu verdeutlichen, was es bedeutet, wenn eine Wirtschaft effizient produziert, ist es wichtig zu verstehen, dass Produktionseffizienz lediglich ein Teil dessen ist, was für die Effizienz der gesamten Wirtschaft notwendig ist. Effizienz setzt auch voraus, dass die Ressourcen einer Wirtschaft so verteilt werden, dass die Konsumenten so gut wie möglich gestellt sind. Wenn eine Wirtschaft in diesem Zustand ist, sagen wir, dass sie effizient in der Allokation[95] ist.

Um zu verstehen, wieso Allokationseffizienz genauso wichtig wie Produktionseffizienz ist, beachten Sie, dass sowohl Punkt A als auch Punkt B in Abbildung 2–1 Situationen veranschaulichen, in denen die Wirtschaft produktionseffizient ist, da sie in keinem Fall mehr von dem einen Gut produzieren kann, ohne weniger von dem anderen zu produzieren. Es ist aber möglich, dass diese beiden Situationen aus gesellschaftlicher Sicht nicht gleichermaßen erstrebenswert sind. Nehmen wir an, dass die Gesellschaft es vorzieht, mehr Kleinflugzeuge, aber weniger Dreamliner zu haben als in Punkt A. Sagen wir, sie hätte lieber 28 Kleinflugzeuge und 9 Dreamliner, was Punkt B entsprechen würde. In diesem Fall wäre Punkt A aus gesamtwirtschaftlicher Sicht allokationsineffizient, da Boeing lieber in Punkt B als in Punkt A produzieren sollte.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass gesamtwirtschaftliche Effizienz sowohl Produktionseffizienz als auch Allokationseffizienz voraussetzt: Um effizient zu sein, muss eine Wirtschaft so viel wie möglich eines jeden Gutes produzieren – unter der Annahme einer gegebenen Entscheidung über die Produktion anderer Güter – und muss diejenige Güterkombination produzieren, die die Bevölkerung konsumieren möchte. Auch müssen die Güter die richtigen Personen erreichen: Eine Wirtschaft, in der Kleinflugzeuge an internationale Fluggesellschaften oder Dreamliner an Regionalfluggesellschaften, die kleine, ländliche Flughäfen ansteuern, geliefert werden, ist ebenfalls ineffizient.[96]

In der realen Welt sind Planwirtschaften, wie beispielsweise die frühere Sowjetunion, für ihre Allokationsineffizienz bekannt. So war es üblich, dass die Konsumartikel, die nur von wenigen Menschen nachgefragt wurden, in den Läden vorrätig waren, während es an grundlegenden Waren wie Seife oder Toilettenpapier mangelte.

Opportunitätskosten. Die Produktionsmöglichkeitenkurve ist auch insofern hilfreich, als dass sie uns an das fundamentale Konzept der Opportunitätskosten erinnert. Sie zeigt uns nämlich, dass die wahren Kosten eines Gutes nicht einfach in dem Geldbetrag bestehen, den wir dafür bezahlen müssen, sondern neben Geld auch alles andere umfassen, was aufgegeben werden muss, um das Gut zu erhalten.

Würde Boeing seine Produktion von Punkt A zu Punkt B verschieben, könnte es acht weitere Kleinflugzeuge, aber sechs Dreamliner weniger produzieren. Die Opportunitätskosten der Produktion von acht Kleinflugzeugen bestehen also in den sechs Dreamlinern, deren Produktion aufgegeben werden muss. Wenn acht zusätzliche Kleinflugzeuge Opportunitätskosten in Höhe von sechs Dreamlinern aufweisen, dann betragen die Opportunitätskosten für ein Kleinflugzeug 6/8 = 3/4 Dreamliner.

Sind die Opportunitätskosten eines zusätzlichen Kleinflugzeuges, gemessen in Dreamlinern, immer gleich hoch, unabhängig davon, wie viele Kleinflugzeuge und Dreamliner derzeit produziert werden? Im Beispiel, das in Abbildung 2–1 veranschaulicht wird, lautet die Antwort ja. Wenn Boeing die Kleinflugzeugproduktion von 28 auf 40 anhebt, fällt die Zahl der produzierten Dreamliner von neun auf null. Boeings Opportunitätskosten für jedes zusätzliche Kleinflugzeug beträgt also 9/12 = 3/4 eines Dreamliners. Die Opportunitätskosten eines zusätzlichen Kleinflugzeugs sind in diesem Beispiel also genauso hoch wie in dem Fall, dass Boeing statt 20 Kleinflugzeugen 28 produziert.[97]

Dass die Opportunitätskosten eines Kleinflugzeuges, gemessen in Dreamlinern, in diesem Beispiel immer gleich hoch sind, liegt in einer der Annahmen begründet, die wir getroffen haben. Diese Annahme spiegelt sich in der grafischen Form der Produktionsmöglichkeitenkurve in Abbildung 2–1 wider. Wenn wir nämlich annehmen, dass die Opportunitätskosten einer zusätzlichen Einheit eines Gutes unabhängig von der Mengenkombination der produzierten Güter unverändert bleiben, ist die Produktionsmöglichkeitenkurve eine gerade Linie.

Wie Sie möglicherweise bereits vermutet haben, entspricht die Steigung einer geradlinigen Produktionsmöglichkeitenkurve den Opportunitätskosten. Genauer gesagt entspricht sie den Opportunitätskosten des auf der waagerechten Achse abgebildeten Gutes gemessen in Einheiten des an der senkrechten Achse abgebildeten Gutes. In Abbildung 2–1 hat die Produktionsmöglichkeitenkurve eine konstante Steigung von –3/4. Demzufolge entstehen Boeing für die Produktion eines zusätzlichen Kleinflugzeugs konstante Opportunitätskosten in Höhe von 3/4 eines Dreamliners. (Wie die Steigung einer geraden Linie berechnet werden kann, wird im Anhang zu diesem Kapitel noch einmal besprochen.) Dieses Beispiel beschreibt den einfachsten Fall. Das Modell der Produktionsmöglichkeitenkurve kann aber auch für die Betrachtung von Situationen zurate gezogen werden, in denen sich die Opportunitätskosten ändern, wenn sich die Kombination der produzierten Güter ändert.[98]

Abbildung 2–2 veranschaulicht eine andere Annahme: Boeing verzeichnet steigende Opportunitätskosten. In diesem Fall steigen die Kosten der Produktion eines zusätzlichen Kleinflugzeugs (gemessen in der Menge an Dreamlinern, die deswegen nicht produziert werden konnte) mit der Menge an produzierten Kleinflugzeugen an. Umgekehrt gilt das gleiche: Je mehr Dreamliner Boeing produziert, desto teurer wird es (gemessen in der Produktionsmenge von Kleinflugzeugen, auf die verzichtet werden muss), einen zusätzlichen Dreamliner zu produzieren. Um beispielsweise die Produktion von Kleinflugzeugen von null auf zwanzig auszuweiten, muss Boeing auf die Produktion von fünf Dreamlinern verzichten. Das heißt, die Opportunitätskosten dieser zwanzig Kleinflugzeuge betragen fünf Dreamliner. Aber um die Kleinflugzeugproduktion auf vierzig auszuweiten, also um zwanzig weitere Kleinflugzeuge zu produzieren, muss es auf die Produktion von 25 weiteren Dreamlinern verzichten. Die Opportunitätskosten sind also deutlich höher. Wie wir in Abbildung 2–2 sehen können, ist die Produktionsmöglichkeitenkurve mit steigenden statt konstanten Opportunitätskosten eine nach außen gebogene Kurve statt einer geraden Linie.[99]

Abbildung

Die nach außen gewölbte Gestalt der Produktionsmöglichkeitenkurve reflektiert steigende Opportunitätskosten. Für unser Beispiel gilt Folgendes: Um die ersten 20 Kleinflugzeuge zu produzieren, muss Boeing auf 5 Dreamliner verzichten. Um jedoch weitere 20 Kleinflugzeuge zu produzieren, muss Boeing jetzt sogar auf weitere 25 Dreamliner verzichten.

Abb. 2–2 Steigende Opportunitätskosten

Obwohl es oft nützlich ist, mit der einfachen Annahme einer geradlinigen Produktionsmöglichkeitenkurve zu arbeiten, gehen Ökonomen davon aus, dass die Opportunitätskosten in der Realität üblicherweise ansteigen. Das ist deswegen so, weil eine Wirtschaft dann, wenn von einem bestimmten Gut nur eine kleine Menge produziert wird, Ressourcen einsetzen kann, die sich für die Produktion dieses Gutes besonders gut eignen. Baut beispielsweise eine Wirtschaft nur eine kleine Menge von Mais an, dann wird der Anbau dort erfolgen, wo Boden und Klima für das Gedeihen von Mais geeignet sind und sich weniger gut für andere Getreidesorten eignen, wie z. B. Weizen. Der Anbau von Mais ist so mit einem vergleichsweise geringen Verzicht auf potenzielle Weizenproduktion verbunden. Wird in dieser Wirtschaft jedoch sehr viel Mais produziert, dann muss auch Land verwendet werden, das für den Maisanbau nur bedingt taugt und vielleicht sehr gut für Weizen geeignet wäre. Die zusätzliche Maisproduktion impliziert daher einen relativ großen Verzicht auf die Erzeugung von Weizen.[100]

Anders ausgedrückt, je mehr von einem Gut produziert wird, desto höher sind üblicherweise die Opportunitätskosten, da die Ressourcen, die sich für die Produktion dieses Gutes besonders gut eignen, mit der Zeit aufgebraucht werden und stattdessen weniger geeignete Ressourcen eingesetzt werden müssen.

Wirtschaftswachstum. Schließlich hilft uns die Produktionsmöglichkeitenkurve auch zu verstehen, was es bedeutet, wenn wir über Wirtschaftswachstum sprechen. Wir haben das Konzept des Wirtschaftswachstums in der Einleitung eingeführt. Dort haben wir Wachstum als die Zunahme der Fähigkeit einer Wirtschaft zur Produktion von Waren und Dienstleistungen definiert. Wie wir gesehen haben, gehört Wirtschaftswachstum zu den fundamentalen Eigenschaften realer Ökonomien. Wie können wir aber tatsächlich sicher sein, dass eine Wirtschaft gewachsen ist? Natürlich produziert etwa die deutsche Volkswirtschaft heute von vielen Dingen sehr viel mehr als vor 100 Jahren. Andererseits produziert sie aber von anderen Dingen auch deutlich weniger, etwa Pferdekutschen. Tatsächlich ist also die Produktion vieler Güter gesunken. Wie können wir also mit Sicherheit sagen, dass die Wirtschaft insgesamt gewachsen ist?

Die Antwort auf diese Frage zeigt Abbildung 2–3. Für die beiden dort abgebildeten hypothetischen Produktionsmöglichkeitenkurven gilt wieder die Annahme, dass jedes Individuum, das Teil dieser Wirtschaft ist, bei Boeing arbeitet und folglich nur zwei Güter produziert werden, Dreamliner und Kleinflugzeuge. Beachten Sie, wie die beiden Kurven ineinander verschachtelt sind: Die als „Ursprüngliche PMK[101]“ bezeichnete Kurve liegt vollständig innerhalb der als „Neue PMK“ bezeichneten Kurve. Damit wird grafisch veranschaulicht, was wir unter Wirtschaftswachstum verstehen: Wirtschaftswachstum bedeutet eine Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten der Wirtschaft, d. h. es kann von allem mehr produziert werden.

Abbildung

Wirtschaftswachstum führt zu einer Verschiebung der Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen, weil die Produktionsmöglichkeiten zunehmen.
Die Wirtschaft kann nunmehr von allem mehr produzieren. Wenn die Produktion beispielsweise ursprünglich durch den Punkt A charakterisiert wurde (20 Kleinflugzeuge und 25 Dreamliner), kann jetzt Punkt E realisiert werden (25 Kleinflugzeuge und 30 Dreamliner).

Abb. 2–3 Wirtschaftswachstum

Wenn die Wirtschaft beispielsweise zunächst im Punkt A produziert (25 Dreamliner und 20 Kleinflugzeuge), dann bedeutet Wirtschaftswachstum, dass sie sich zu Punkt E (30 Dreamliner und 25 Kleinflugzeuge) bewegen könnte. E liegt außerhalb der ursprünglichen Grenze. Im Modell der Produktionsmöglichkeitenkurve schlägt sich Wachstum also als Verschiebung der Kurve nach außen nieder.

Produktionsfaktoren sind Ressourcen, die für die Produktion von Waren und Dienstleistungen verwendet werden.

Was können die Gründe für eine Verschiebung der Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen sein? Es gibt im Grunde zwei Quellen wirtschaftlichen Wachstums. Die eine Quelle ist eine Zunahme der in der Wirtschaft verfügbaren Menge an Produktionsfaktoren[102], den Ressourcen, die für die Produktion von Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Ökonomen benutzen den Ausdruck Produktionsfaktoren normalerweise, um eine Ressource zu beschreiben, die in der Produktion nicht verbraucht wird. So verwendeten beispielsweise in der traditionellen Flugzeugherstellung Erwerbstätige Nietmaschinen, um bei der Konstruktion des Flugzeugrumpfes Metallplatten miteinander zu verbinden. Die Erwerbstätigen und die Nietmaschinen sind Produktionsfaktoren, die Nieten und Metallplatten jedoch nicht. Denn sobald ein Flugzeugrumpf hergestellt wurde, konnten die Erwerbstätigen und die Nietmaschinen für die Produktion eines weiteren Flugzeugrumpfes verwendet werden; die Metallplatten und Nieten, die für den ersten Flugzeugrumpf verwendet wurden, konnten jedoch nicht noch einmal verwendet werden.

Wenn man breit abgrenzt, dann kann man als wichtigste Produktionsfaktoren Arbeit, Land, Kapital und Humankapital unterscheiden. Arbeit ist die Tätigkeit von Menschen; Land ist eine Ressource, die von der Natur bereitgestellt wird; Kapital bezieht sich auf „produzierte“ Ressourcen wie Maschinen und Gebäude; Humankapital schließlich bezieht sich auf den Ausbildungsstand und die Fähigkeiten der Erwerbspersonen, wodurch deren Produktivität bestimmt wird. Es sollte klar sein, dass es sich bei den genannten Größen tatsächlich um Kategorien handelt und nicht um einzelne Faktoren – Land in der norddeutschen Tiefebene unterscheidet sich recht deutlich von Land in den Bayerischen Alpen.[103]

Um zu verstehen, wie ein Anstieg der Produktionsfaktoren Wirtschaftswachstum generieren kann, betrachten wir das folgende Beispiel: Nehmen wir einmal an, dass Boeing eine zusätzliche Konstruktionshalle baut, die es dem Unternehmen ermöglicht, die jährlich produzierte Menge an Flugzeugen zu steigern, egal ob Kleinflugzeuge, Dreamliner oder beide Flugzeugtypen. Die neue Konstruktionshalle ist ein Produktionsfaktor, eine Ressource, die Boeing dafür verwenden kann, die jährliche Produktionsmenge auszuweiten. Wir können an dieser Stelle nicht sagen, wie viele zusätzliche Flugzeuge der verschiedenen Typen Boeing bauen wird – dies ist eine Entscheidung der Geschäftsleitung, die unter anderem von der Verbrauchernachfrage abhängig ist. Wir können aber festhalten, dass sich Boeings Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen verschoben hat, da es nun mehr Kleinflugzeuge produzieren kann, ohne die Zahl der produzierten Dreamliner zurückzufahren, oder es mehr Dreamliner produzieren kann, ohne die Menge der gefertigten Kleinflugzeuge zu reduzieren.

Unter Technologie verstehen wir die technischen Möglichkeiten, die zur Produktion von Waren und Dienstleistungen zur Verfügung stehen.

Die zweite Quelle wirtschaftlichen Wachstums ist eine verbesserte Technologie, die Verbesserung technischer Möglichkeiten in der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Bevor der Boeing Dreamliner entwickelt wurde, wurden Verbundwerkstoffe bereits für einige Flugzeugteile verwendet. Die Flugzeugingenieure bei Boeing stellten jedoch fest, dass zusätzliche Vorteile entstehen könnten, wenn das komplette Flugzeug aus Verbundwerkstoffen hergestellt wird. Es wäre im Vergleich zu einem traditionell hergestellten Flugzeug leichter und widerstandsfähiger und hätte bessere aerodynamische Eigenschaften. Es hätte deshalb auch eine größere Reichweite, könnte mehr Menschen transportieren, würde weniger Kraftstoff verbrauchen und es könnte außerdem einen höheren Kabinendruck aufrechterhalten. Gewissermaßen ist Boeings Erfindung – ein vollständig aus Verbundwerkstoffen hergestelltes Flugzeug – also eine Möglichkeit, mit jeder möglichen gegebenen Menge an Ressourcen mehr zu produzieren. Dies entspricht einer Verschiebung der Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen.[104]

Da die verbesserte Flugzeugtechnologie die Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen verschoben hat, kann in der gesamten Wirtschaft, also nicht nur in der Luftfahrtindustrie, von jedem Gut und jeder Dienstleistung mehr produziert werden. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre haben die größten technologischen Verbesserungen in der Informationstechnologie stattgefunden und nicht in der Bau- oder Lebensmittelindustrie. Dennoch kaufen US-Amerikaner größere Häuser und essen öfter in Restaurants, als sie es früher getan haben – das Wirtschaftswachstum hat dies ermöglicht.

Die Produktionsmöglichkeitenkurve ist ein stark vereinfachtes Modell einer Volkswirtschaft. Sie lehrt uns gleichwohl wichtige Lektionen über tatsächliche Ökonomien. Sie gibt uns einen ersten klaren Eindruck von einem Schlüsselelement des ökonomischen Effizienzbegriffs, sie illustriert das Konzept der Opportunitätskosten und sie verdeutlicht, worum es bei ökonomischem Wachstum überhaupt geht.[105]

Komparative Vorteile und Handelsgewinne

Unter den von uns in Kapitel 1 vorgestellten neun Prinzipien war auch das der Handelsgewinne, das den wechselseitigen Gewinn charakterisiert, den Individuen durch arbeitsteilige Spezialisierung und Tausch der produzierten Güter erreichen können. Das zweite Beispiel, mit dem wir die Bedeutung ökonomischer Modelle illustrieren wollen, ist ein Modell, das sich als besonders hilfreich zur Beschreibung von Gewinnen erweist, die aus Handel resultieren, der auf komparativen Vorteilen beruht.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der gesamten Wirtschaftswissenschaften ist, dass es Handelsgewinne gibt: Es ist sinnvoll, sich auf die Produktion der Güter zu spezialisieren, die man besonders gut herstellen kann, und von anderen die Güter zu kaufen, in deren Produktion man weniger gut ist. Diese Aussage würde auch stimmen, selbst wenn man alles selbst produzieren könnte: Selbst wenn eine brillante Gehirnchirurgin ihren tropfenden Wasserhahn selbst reparieren könnte, wäre es für sie vermutlich eine klügere Entscheidung, einen professionellen Klempner zu beauftragen.

Wie können wir Handelsgewinne in einem Modell darstellen? Bleiben wir bei unserem Flugzeugbeispiel und stellen uns noch einmal vor, dass die USA eine Ein-Unternehmen-Ökonomie sind, in der jedes Individuum für Boeing arbeitet und Flugzeuge hergestellt werden. Nehmen wir nun jedoch an, dass die USA mit Brasilien handeln können – eine weitere Ein-Unternehmen-Ökonomie, in der jeder für den brasilianischen Flugzeughersteller Embraer arbeitet, der auch in der Realität ein erfolgreicher Hersteller von Kleinflugzeugen ist. (Wenn Sie von einer großen US-amerikanischen Stadt in eine andere fliegen, handelt es sich bei Ihrem Flugzeug aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Produkt von Boeing. Wenn Sie jedoch in eine kleine Stadt fliegen, wäre es gut möglich, dass Ihr Flugzeug von Embraer hergestellt wurde.)[106]

In unserem Beispiel sind die einzigen beiden Güter, die produziert werden, Groß- und Kleinflugzeuge. Beide Länder könnten beide Flugzeugtypen anfertigen. Wir werden jedoch in einem Augenblick feststellen, dass beide davon profitieren können, unterschiedliche Produkte herzustellen und miteinander in Handel zu treten. Im Beispiel sei aus Gründen der Einfachheit wieder angenommen, dass die Produktionsmöglichkeitenkurve geradlinig ist. Diagramm (a) in Abbildung 2–4 zeigt die Produktionsmöglichkeiten der Vereinigten Staaten. Die Produktionsmöglichkeitenkurve ähnelt jener in Abbildung 2–1. Das Diagramm besagt, dass die Vereinigten Staaten 40 Kleinflugzeuge herstellen könnten, wenn sie auf die Produktion von Großflugzeugen verzichten würden. Wenn keine Kleinflugzeuge produziert würden, könnten 30 Großflugzeuge angefertigt werden. Erinnern Sie sich, dass daraus folgt, dass der Anstieg der US-amerikanischen Produktionsmöglichkeitenkurve –3/4 beträgt: Ihre Opportunitätskosten für ein Kleinflugzeug betragen 3/4 eines Großflugzeugs.[107]

Abbildung

Im vorliegenden Fall haben beide Länder konstante Opportunitätskosten der Produktion von Kleinflugzeugen und somit eine lineare Produktionsmöglichkeitenkurve: Für die USA hat jedes Kleinflugzeug Opportunitätskosten in Höhe eines dreiviertel Großflugzeugs. Für Brasilien hat jedes Kleinflugzeug Opportunitätskosten in Höhe eines drittel Großflugzeugs.

Abb. 2–4 Die Produktionsmöglichkeiten der beiden Länder

Diagramm (b) in Abbildung 2–4 stellt die Produktionsmöglichkeiten Brasiliens dar. Wie im Fall der Vereinigten Staaten ist auch Brasiliens Produktionsmöglichkeitenkurve eine Gerade, was konstante Opportunitätskosten impliziert. Brasiliens Produktionsmöglichkeitenkurve hat eine konstante Steigung von –1/3. Brasilien ist in jeder Hinsicht weniger produktiv als die USA: Es können höchstens 30 Kleinflugzeuge oder 10 Großflugzeuge angefertigt werden. Relativ betrachtet ist Brasilien in der Herstellung von Kleinflugzeugen jedoch besser als die USA; für jedes produzierte Kleinflugzeug müssen sie auf 3/4 eines Großflugzeuges verzichten, während für Brasilien die Opportunitätskosten lediglich bei 1/3 eines Großflugzeuges liegen. Tabelle 2–1 fasst die Opportunitätskosten der beiden Länder zusammen.[108]

Opportunitätskosten
Vereinigte StaatenBrasilien
Ein Kleinflugzeug3/4 Großflugzeug1/3 Großflugzeug
Ein Großflugzeug4/3 Kleinflugzeuge3 Kleinflugzeuge

Tab. 2–1 Opportunitätskosten der Vereinigten Staaten und Brasilien

Die USA und Brasilien könnten sich dazu entschließen, ihre eigenen Groß- und Kleinflugzeuge zu produzieren, nicht miteinander zu handeln und lediglich das zu konsumieren, was im eigenen Land hergestellt wurde. (Ein Land „konsumiert“ ein Flugzeug, wenn es sich um das Eigentum eines Inländers handelt.) Nehmen wir einmal an, dass sie so beginnen und die Konsumentscheidungen treffen, die in Abbildung 2–4 gezeigt werden. Ohne Handel produzieren und konsumieren die USA 16 Kleinflugzeuge und 18 Großflugzeuge pro Jahr, während Brasilien 6 Kleinflugzeuge und 8 Großflugzeuge produziert und konsumiert.

Ist dies die beste Lösung? Nein. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die beiden Produzenten – und deswegen die beiden Länder – unterschiedliche Opportunitätskosten haben, können sie einen Weg finden, der sie beide besser stellt.

Tabelle 2–2 zeigt, wie das funktioniert: Die USA spezialisieren sich auf die Produktion von Großflugzeugen, fertigen jährlich 30 dieser Flugzeuge an und verkaufen davon 10 an Brasilien. Gleichzeitig spezialisiert sich Brasilien auf die Produktion von Kleinflugzeugen, stellt jährlich 30 dieser Flugzeuge her und verkauft davon 20 an die USA. Das Resultat wird in Abbildung 2–5 gezeigt. Die USA konsumieren nun sowohl mehr Kleinflugzeuge als auch mehr Großflugzeuge im Vergleich zu vorher: Statt 16 Klein- und 18 Großflugzeugen konsumieren sie nun 20 Klein- und 20 Großflugzeuge. Brasilien konsumiert ebenfalls mehr; statt 6 Klein- und 8 Großflugzeugen sind es nun 10 Klein- und 10 Großflugzeuge. Tabelle 2–2 zeigt ferner, dass sowohl die USA als auch Brasilien von dem Handel profitieren, da sie von beiden Flugzeugtypen mehr konsumieren, als es ohne den Handel möglich gewesen wäre.[109]

Ohne HandelMit HandelHandelsgewinne
ProduktionKonsumProduktionKonsum
Vereinigte Staaten
Kleinflugzeug
Großflugzeug

16
18

16
18

0
30

20
20

+4
+2
Brasilien
Kleinflugzeug
Großflugzeug

6
8

6
8

30
0

10
10

+4
+2

Tab. 2–2 Handelsgewinne Brasiliens und der Vereinigten Staaten

Abbildung

Durch Spezialisierung und Handel können sowohl die Vereinigten Staaten als auch Brasilien von beiden Gütern mehr produzieren und konsumieren. Die Vereinigten Staaten spezialisieren sich auf die Produktion von Dreamlinern, wo sie einen komparativen Vorteil haben, und Brasilen, das einen absoluten Nachteil bei der Produktion beider Flugzeuge hat, aber über einen komparativen Vorteil bei der Produktion von Kleinflugzeugen verfügt, spezialisiert sich auf die Produktion von Kleinflugzeugen. Im Ergebnis können beide Länder von beiden Gütern mehr konsumieren, als wenn sie keinen Handel treiben würden.

Abb. 2–5 Komparativer Vorteil und Handelsgewinne

Beide Länder stellen sich besser, wenn sie sich auf das spezialisieren, was sie jeweils besser können, und miteinander Handel treiben. Für die USA ist es günstig, sich auf die Produktion von Großflugzeugen zu spezialisieren, weil ihre Opportunitätskosten eines Großflugzeuges kleiner sind als die Brasiliens: 4/3 < 3. Analog ist es für Brasilien sinnvoll, sich auf die Produktion von Kleinflugzeugen zu spezialisieren, da die Opportunitätskosten eines Kleinflugzeuges geringer sind als im Fall der USA: 1/3 < 3/4.[110]

Ein Land verfügt über einen komparativen Vorteil bei der Produktion eines Gutes, wenn die Opportunitätskosten für die Produktion des Gutes für dieses Individuum geringer sind als für andere Länder.

Man spricht in diesem Fall davon, dass die USA einen komparativen Vorteil in der Produktion von Großflugzeugen und Brasilien einen komparativen Vorteil bei der Produktion von Kleinflugzeugen hat. Ein Land hat einen komparativen Vorteil bei der Produktion eines Gutes, wenn die Opportunitätskosten der Produktion dieses Gutes für das betreffende Land geringer sind als für andere Länder. Dasselbe Konzept gilt auch für Unternehmen und Individuen: Ein Unternehmen oder ein Individuum hat einen komparativen Vorteil bei der Produktion eines Gutes, wenn die Opportunitätskosten der Produktion dieses Gutes für das betreffende Unternehmen oder Individuum geringer sind als für andere.

Eine kurze Klarstellung: Vielleicht haben Sie sich die Frage gestellt, wieso die USA 10 Großflugzeuge an Brasilien abgegeben und im Gegenzug 20 Kleinflugzeuge erhalten haben. Wieso ist keine andere Vereinbarung zustande gekommen, beispielsweise, dass 10 Großflugzeuge für 12 Kleinflugzeuge gehandelt werden? Die Antwort auf diese Frage besteht aus zwei Teilen. Zum einen könnte es tatsächlich andere Vertragsabschlüsse geben, mit denen die USA und Brasilien einverstanden wären. Zum anderen gibt es einige Verhandlungsausgänge, die wir mit Sicherheit ausschließen können, wie zum Beispiel der Handel von 10 Großflugzeugen für 10 Kleinflugzeuge.[111]

Um zu verstehen, wieso das so ist, schauen Sie sich noch einmal Tabelle 2–1 an und betrachten zunächst die USA. Ohne den Handel mit Brasilien würden die US-amerikanischen Opportunitätskosten eines Kleinflugzeuges 3/4 eines Großflugzeuges betragen. Daraus folgt, dass die USA keinen Handel eingehen würden, der sie dazu zwingt, mehr als 3/4 eines Großflugzeuges für ein Kleinflugzeug aufzugeben. Der Handel von 10 Großflugzeugen für 12 Kleinflugzeuge würde verlangen, dass die USA Opportunitätskosten in Höhe von 10/12 = 5/6 eines Großflugzeuges für ein Kleinflugzeug zahlen müssten. Da 5/6 > 3/4, würden die USA diesen Handel nicht eingehen. Analog dazu würde Brasilien keinen Handel annehmen, der weniger als 1/3 eines Großflugzeuges für ein Kleinflugzeug abwirft.

Es ist also festzuhalten, dass die USA und Brasilien nur dann zum Handel bereit sind, wenn der „Preis“ des Gutes, das jedes Land durch den Handel erhält, niedriger ist als die Opportunitätskosten der Eigenproduktion. Dies ist eine allgemeine Aussage, die immer dann gilt, wenn zwei Parteien (Länder, Unternehmen oder Individuen) freiwillig miteinander handeln.[112]

Das Beispiel mit der Flugzeugproduktion in den USA und in Brasilien vereinfacht die Realität offenkundig stark. Sie erlaubt uns aber sehr wichtige Einsichten, die auch auf die reale Wirtschaft anwendbar sind.

Erstens illustriert das Modell in sehr deutlicher Weise die durch Handel möglichen Gewinne: Wenn die beiden Länder sich auf Spezialisierung und gegenseitige Versorgung mit Gütern einigen können, dann können sie mehr produzieren und konsumieren. Sie sind daher beide besser dran, als wenn sie versuchen würden, sich jeweils selbst zu versorgen.

Zweitens weist dieses Modell auf einen sehr wichtigen Punkt hin, der bei der Diskussion von Problemen realer Ökonomien häufig übersehen wird: Jedes Land hat einen komparativen Vorteil bei der Produktion irgendeines Gutes. Dies gilt auch für Unternehmen und Individuen: Jeder hat in einem Bereich einen komparativen Vorteil und in einem anderen Bereich einen komparativen Nachteil.

Ein Land verfügt über einen absoluten Vorteil in einer Aktivität, wenn es diese Aktivität besser leisten kann als andere Länder. Wenn ein Land über einen absoluten Vorteil verfügt, heißt das nicht, dass es notwendigerweise auch einen komparativen Vorteil hat.

Es ist entscheidend, dass es in unserem Beispiel keine Rolle spielt (vermutlich anders als im realen Leben), ob US-amerikanische Arbeiter bei der Produktion von Kleinflugzeugen genauso gut wie oder sogar besser sind als brasilianische Arbeiter. Nehmen wir einmal an, dass die USA eigentlich in jedem Bereich der Flugzeugproduktion besser sind als Brasilien. In diesem Fall würden wir sagen, dass die Vereinigten Staaten einen absoluten Vorteil[113] sowohl bei der Produktion von Großflugzeugen als auch bei der Produktion von Kleinflugzeugen haben: Innerhalb einer Stunde kann ein US-amerikanischer Arbeiter mehr eines Groß- oder Kleinflugzeuges produzieren als ein brasilianischer Arbeiter. Man könnte daher versucht sein zu glauben, dass die USA aus dem Handel mit dem weniger produktiven Brasilien überhaupt keine Vorteile ziehen kann.

Wie wir jedoch gerade gesehen haben, können die USA trotzdem vom Handel mit Brasilien profitieren. Die Basis für den wechselseitigen Gewinn ist eben nicht der absolute, sondern der komparative Vorteil. Es spielt keine Rolle, ob Brasilien mehr Ressourcen für die Produktion eines Kleinflugzeuges verbraucht als Brasilien. Für den Handel ist wichtig, dass die Opportunitätskosten eines Kleinflugzeuges in Brasilien niedriger sind als in den USA. Obwohl Brasilien also auch bei der Fertigung von Kleinflugzeugen einen absoluten Nachteil hat, verfügt es hier über einen komparativen Vorteil. Gleichzeitig haben die USA, die ihre Ressourcen bei der Herstellung von Großflugzeugen am produktivsten einsetzen können, einen komparativen Nachteil bei der Herstellung von Kleinflugzeugen.

Komparative Vorteile und internationaler Handel in der Realität

Schauen Sie sich das Etikett oder Typenschild eines Gutes an, das in Deutschland verkauft wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass dieses Gut in einem anderen Land produziert wurde – in China, in Japan, in Frankreich oder in den USA. Auf der anderen Seite verkauft die deutsche Industrie einen großen Teil ihrer Produktion ins Ausland (dies gilt insbesondere für Automobile, Maschinenbauprodukte oder Erzeugnisse der chemischen Industrie).[114]

Soll man diesen internationalen Austausch von Gütern und Dienstleistungen nun feiern oder ist er Grund zur Besorgnis? Politiker und die öffentliche Meinung stellen den Wunsch nach internationalem Handel oft infrage. Es wird gesagt, dass es besser wäre, wenn die Produkte im eigenen Land hergestellt würden, anstatt sie im Ausland zu kaufen. Industrien rund um die Welt verlangen Schutz vor ausländischer Konkurrenz: Japanische Landwirte versuchen, den Import von amerikanischem Reis zu verhindern, amerikanische Stahlarbeiter möchten keine Stahlimporte aus Europa. Diese Forderungen werden häufig durch die öffentliche Meinung unterstützt.

Wirtschaftswissenschaftler sehen den internationalen Handel dagegen in einem sehr positiven Licht. Warum? Weil sie ihn unter dem Aspekt des komparativen Vorteils betrachten.

Wie wir aus dem Beispiel der US-amerikanischen Großflugzeuge und der brasilianischen Kleinflugzeuge gelernt haben, profitieren beide Länder vom internationalen Handel. Jedes Land kann mehr konsumieren, als es möglich gewesen wäre, wenn es sich nicht auf den Handel eingelassen und sich stattdessen selbst versorgt hätte. Zudem sind die gegenseitigen Gewinne nicht davon abhängig, dass jedes Land bei der Produktion eines bestimmten Gutes besser ist als andere Länder. Selbst wenn in einem Land die Leistung pro Arbeitnehmer in beiden Branchen höher wäre, wenn also ein Land in beiden Branchen einen absoluten Vorteil hätte, würde es immer noch Handelsgewinne geben. Im Ländervergleich, der sich mit den Produktionsstrukturen in der Bekleidungsindustrie beschäftigt, wird dieser Punkt verdeutlicht.[115]

Denkfallen!
Komparative Vorteile falsch verstehen

Studierenden passiert es, Fachgelehrten passiert es und Politikern passiert es Tag und Nacht: Sie verwechseln komparative Vorteile und absolute Vorteile. In den 1980er-Jahren sah es so aus, als ob die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten deutlich hinter der japanischen zurückbleiben würde. Oft war von Kommentatoren zu hören, dass, wenn die Vereinigten Staaten ihre Produktivität nicht enorm steigern würden, sie über kurz oder lang in keinem Bereich mehr einen komparativen Vorteil gegenüber Japan haben würden.

Was diese Kommentatoren meinten, war, dass die Vereinigten Staaten in keinem Bereich mehr einen absoluten Vorteil haben würden, dass also Japan in absehbarer Zeit jedes Produkt besser herstellen könnte als die USA. (Spätestens in den 1990er-Jahren erwies sich dies als falsch – aber darum geht es hier nicht.) Dahinter stand die Befürchtung, dass die Vereinigten Staaten in diesem Fall keinen Nutzen mehr aus einem Handel mit Japan ziehen könnten.

Aber genau wie Brasilien in unserem Beispiel einen Nutzen aus dem Handel mit den Vereinigten Staaten zieht (und umgekehrt) – obwohl die Vereinigten Staaten in der Produktion von Klein- und [116]Großflugzeugen besser sind als Brasilien –, können im wirklichen Leben auch Volkswirtschaften Handelsvorteile erzielen, selbst wenn sie in allen Industrien weniger produktiv sind als die Länder, mit denen sie Handel treiben.

Länder im Vergleich
Pyjamarepubliken

Im April 2013 sorgte eine entsetzliche Katastrophe für weltweite Schlagzeilen: In Bangladesch stürzte ein Gebäude ein, das fünf Bekleidungsfabriken beherbergte, und begrub über eintausend Bekleidungsarbeiter unter sich. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich schnell auf die in diesen Fabriken herrschenden prekären Arbeitsbedingungen sowie auf die Vielzahl an Verstößen gegen Bauvorschriften und Sicherheitsvorkehrungen (auch gegen jene, die durch das bangladeschische Gesetz vorgeschrieben sind), die es erst möglich gemacht haben, dass diese Tragödie geschehen konnte.

Während dieses Ereignis einen gerechtfertigten Aufschrei auslöste, machte es auch den bemerkenswerten Aufstieg der bangladeschischen Bekleidungsindustrie deutlich, die sich zu einem bedeutenden Akteur auf dem Weltmarkt (nur China exportierte noch mehr Kleidung) und zu einer bitter notwendigen Einkommens- und Beschäftigungsquelle in dem von Armut geprägten Land entwickelt hatte.

Bangladeschs Bekleidungsindustrie zeichnet sich gar nicht mal durch eine besonders hohe Produktivität aus. Tatsächlich legen jüngste Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey nahe, dass es ungefähr ein Viertel weniger produktiv ist als China. Es ist vielmehr so, dass Bangladesch in anderen Industrien eine noch geringere Produktivität aufweist und deshalb in der Bekleidungsindustrie einen komparativen Vorteil hat. Dies ist für arme Länder symptomatisch, die in den ersten Phasen des wirtschaftlichen Wachstums sehr stark von Bekleidungsexporten abhängig sind. Ein Amtsträger aus einem dieser Länder witzelte einst: „Wir sind keine Bananenrepublik – wir sind eine Pyjamarepublik.“[117]

Die Abbildung zeigt das Pro-Kopf-Einkommen einiger dieser „Pyjamarepubliken“ (das Gesamteinkommen des Landes geteilt durch die Bevölkerungsgröße) gegenüber dem Anteil an den Gesamtexporten, der auf Bekleidung entfällt. Das Pro-Kopf-Einkommen wird als Anteil am US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukt gemessen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie arm diese Länder sind. Wie man sehen kann, sind sie wirklich sehr arm – und je ärmer sie sind, desto abhängiger sind sie von Bekleidungsexporten.

Es ist im Übrigen darauf hinzuweisen, dass es auch trotz der Desaster wie in der bangladeschischen Fabrik nicht notwendigerweise schlecht ist, auf Bekleidungsexporte angewiesen zu sein. Denn obwohl in Bangladesch noch immer bitterste Armut herrscht, ist es bereits mehr als doppelt so reich wie vor zwei Jahrzehnten, als seine Bedeutung als Bekleidungsexporteur gerade zu wachsen begann. (Sehen Sie sich auch den Teil „Wirtschaftswissenschaft und Praxis“ zu Bangladesch an.)[118]

Abbildung
Transaktionen: Das Kreislaufdiagramm
Handel findet in Form von Naturaltausch statt, wenn Menschen Güter, die sie besitzen, direkt gegen Güter tauschen, die sie gerne hätten.

Die Modellökonomien, die wir uns bislang angesehen haben – und nur ein einziges Unternehmen umfassten – stellen eine starke Vereinfachung dar. Wir haben auch den Handel zwischen den USA und Brasilien stark vereinfacht, indem wir angenommen haben, dass sie nur die einfachsten ökonomischen Transaktionen betreiben, den Naturaltausch, bei dem Individuen direkt ein Gut, über das sie selbst verfügen, gegen ein anderes tauschen, das sie benötigen.

In einer modernen Wirtschaft ist der einfache Naturaltausch die absolute Ausnahme: Normalerweise veräußern die Menschen Waren oder Dienstleistungen gegen Geld – bunt bedrucktes Papier ohne inneren Wert – und sie tauschen diese bunten Papierscheine gegen die Güter, die sie benötigen. Sie verkaufen also bestimmte Waren und Dienstleistungen und kaufen andere Waren und Dienstleistungen.

Das Kreislaufdiagramm ist ein Modell zur Darstellung der Transaktionen einer Volkswirtschaft mithilfe von Strömen in einem Kreislauf.

Die Käufe und Verkäufe in einer Volkswirtschaft umfassen eine Unmenge verschiedener Objekte. Die deutsche Volkswirtschaft ist eine enorm komplexe Angelegenheit mit mehr als 34 Millionen Arbeitnehmern, die von Hunderttausenden von Unternehmen beschäftigt werden und Millionen von unterschiedlichen Gütern produzieren. Dennoch kann man einige sehr wichtige Dinge über solch komplexe Volkswirtschaften lernen, wenn man das in Abbildung 2–6[119] gezeigte einfache Modell zurate zieht. Was wir dort sehen, wird als Kreislaufdiagramm bezeichnet. Dieses Diagramm stellt die Transaktionen einer Wirtschaft durch zwei Arten von Strömen dar, die im Kreis fließen: Ströme physischer Größen, wie Waren, Dienstleistungen, Arbeit oder Rohstoffe, in eine Richtung und Geldströme, mit denen diese physischen Größen bezahlt werden, in die entgegengesetzte Richtung. In Abbildung 2–6 sind die physischen Ströme grau, die Geldströme blau gezeichnet.

Abbildung

Dieses Modell stellt die Geld- und Güterströme einer Volkswirtschaft dar. Auf dem Gütermarkt kaufen Haushalte Waren und Dienstleistungen von den Unternehmen, wodurch ein Geldstrom zu den Unternehmen und ein Güterstrom zu den Haushalten erzeugt werden. Die Unternehmen kaufen auf den Faktormärkten Produktionsfaktoren von den Haushalten. Über diesen Kanal fließt das Geld zurück zu den Haushalten.

Abb. 2–6 Das Kreislaufdiagramm

Ein Haushalt ist eine Person oder eine Gruppe von Personen, die ihr Einkommen gemeinsam verwendet. Ein Unternehmen ist eine Organisation, die Güter produziert mit dem Ziel, diese zu verkaufen.

Unsere Abbildung zeigt ein sehr stark vereinfachtes Kreislaufdiagramm. In diesem Diagramm wird eine Volkswirtschaft mit nur zwei Arten von „Bewohnern“ modelliert, nämlich Haushalten und Unternehmen. Ein Haushalt besteht aus einem Individuum oder einer Gruppe von Menschen (normalerweise, nicht jedoch notwendigerweise eine Familie), die ihr Einkommen teilen. Ein Unternehmen ist eine Organisation, die Waren und Dienstleistungen für den Verkauf produziert und Mitglieder der Haushalte beschäftigt.[120]

Unternehmen verkaufen Güter, die sie produziert haben, auf Gütermärkten an Haushalte. Unternehmen kaufen die Ressourcen, die sie für die Produktion benötigen (Produktionsfaktoren), auf Faktormärkten.

Wie man aus Abbildung 2–6 erkennen kann, existieren in diesem Modell der Wirtschaft zwei Arten von Märkten. Auf der einen Seite (in unserer Darstellung links) gibt es Gütermärkte, auf denen die Haushalte die Waren und Dienstleistungen kaufen, die sie von den Unternehmen möchten. Daraus ergibt sich ein Strom von Waren und Dienstleistungen zu den Haushalten und ein in umgekehrter Richtung fließender Strom von Geld zu den Unternehmen.

Auf der gegenüberliegenden Seite sind die Faktormärkte dargestellt. Auf Faktormärkten erwerben Unternehmen die Ressourcen, die sie für die Herstellung von Waren und Dienstleistungen benötigen. Erinnern Sie sich, dass wir als wichtigste Produktionsfaktoren Arbeit, Land, Kapital und Humankapital notiert haben.

Der Faktormarkt, den die meisten von uns am besten kennen, ist der Arbeitsmarkt, auf dem die Erwerbstätigen ihre Arbeitszeit gegen Geld verkaufen. Wir können uns Haushalte aber auch so vorstellen, dass sie neben ihrer Arbeit auch als Eigentümer der anderen Produktionsfaktoren diese an die Unternehmen verkaufen. Schüttet beispielsweise eine Aktiengesellschaft Dividenden an ihre Aktionäre aus, die Mitglieder von Haushalten sind, dann bezahlt die Aktiengesellschaft im Endeffekt für die Nutzung von Maschinen und Gebäuden, die letztlich den Haushaltsmitgliedern gehören.[121]

Die Einkommensverteilung einer Wirtschaft beschreibt, wie das Gesamteinkommen, das in einer Wirtschaft generiert wird, zwischen den Eigentümern der verschiedenen Produktionsfaktoren verteilt ist.

Wir werden später noch genauer beleuchten, dass die Faktormärkte letzten Endes maßgeblich für die Einkommensverteilung einer Wirtschaft sind. Die Einkommensverteilung drückt aus, wie das Gesamteinkommen, das in einer Wirtschaft generiert wird, zwischen niedriger und höher qualifizierten Arbeitnehmern und den Eigentümern von Kapital und Land verteilt ist.

In welchem Sinne ist Abbildung 2–6 ein Modell? Anders ausgedrückt: In welchem Sinne handelt es sich um eine vereinfachte Darstellung der Realität? Nun, es werden eine ganze Reihe von Komplikationen der Wirklichkeit ausgeblendet. Schauen wir uns ein paar Beispiele an:

  1. In der Realität ist die Unterscheidung zwischen Unternehmen und Haushalten nicht immer ohne Weiteres erkennbar. Betrachten wir ein kleines Familienunternehmen – einen Bauernhof, ein Einzelhandelsgeschäft oder ein kleines Hotel. Handelt es sich um ein Unternehmen oder einen Haushalt? Ein detaillierteres Bild würde einen separaten Kasten für Familienunternehmen ausweisen.

  2. Viele Verkäufe von Unternehmen gehen nicht an Haushalte, sondern an andere Unternehmen. So verkaufen beispielsweise Stahlunternehmen ihre Produkte hauptsächlich an andere Unternehmen, wie etwa Automobilhersteller, nicht jedoch an Haushalte. Ein detaillierteres Bild würde daher diese Geld- und Güterströme innerhalb des Unternehmenssektors ausweisen.[122]

  3. Unsere Darstellung enthält auch nicht den Staat, der in der Realität dem Kreislauf große Geldbeträge in Form von Steuern entzieht und gleichzeitig wieder Geld in Form von Ausgaben in den Kreislauf zurückführt.

Abbildung 2–6 zeichnet also in keiner Weise ein vollständiges Bild – weder von allen Arten von „Einwohnern“ einer realen Wirtschaft noch von allen Geld- und Güterströmen, die zwischen diesen Einwohnern fließen.

Trotz seiner Einfachheit ist das Kreislaufdiagramm, wie jedes gute ökonomische Modell, sehr hilfreich, wenn man über das Wirtschaftsgeschehen nachdenkt.

Wirtschaftswissenschaft und Praxis
Reiches Land, armes Land

Ziehen Sie einmal Ihre Kleider aus (natürlich zur rechten Zeit, am rechten Ort) und werfen Sie einen Blick auf die Etiketten, die Ihnen verraten, wo sie produziert wurden. Sie können mit einiger Sicherheit darauf wetten, dass viele, wenn nicht die meisten Ihrer Kleidungsstücke im Ausland produziert worden sind, in einem Land, das viel ärmer ist als Deutschland – etwa in der Türkei, in Indien oder China.

Warum sind diese Länder so viel ärmer als wir? Der unmittelbare Grund besteht darin, dass ihre Volkswirtschaften eine sehr viel geringere Produktivität aufweisen. Die Unternehmen in diesen Ländern sind einfach nicht in der Lage, mit einer gegebenen Ressourcenmenge genauso viel zu produzieren wie die Vereinigten Staaten, Deutschland oder andere reiche Länder. Warum Länder sich in ihrer Produktivität so stark unterscheiden, ist eine sehr schwierige Frage – eine der zentralen Fragen, mit denen sich Ökonomen beschäftigen. Wie auch immer: Dass diese Unterschiede bestehen, ist ein Faktum.[123]

Wenn die Wirtschaften dieser Länder aber eine so viel geringere Produktivität im Vergleich zu uns aufweisen, wie können sie dann einen so großen Teil unserer Kleidung produzieren? Warum produzieren wir diese Textilien nicht selbst?

Die Antwort lautet „komparativer Vorteil“. Fast jeder Industriezweig in Bangladesch ist weniger produktiv als die entsprechende Branche in den Vereinigten Staaten oder Deutschland. Die Produktivitätsunterschiede zwischen reichen und armen Ländern variieren jedoch stark über die einzelnen Güterzweige. Der Produktionsunterschied bei hochwertigen und komplexen technischen Gütern, wie etwa im Flugzeug-, Maschinen- oder Fahrzeugbau, ist sehr groß. Er ist weniger groß bei der Produktion einfacher Güter wie Textilien. Von daher entspricht die Position Bangladeschs in Bezug auf die Produktion von Kleidung der Position von Embraer in Bezug auf die Produktion von Kleinflugzeugen: Embraer ist bei der Fertigung dieses Flugzeugtyps nicht so gut wie Boeing, aber es macht seine Sache vergleichsweise gut.

Der zentrale Punkt der vorstehenden Überlegungen ist folgender: Obwohl Bangladesch im Vergleich zu entwickelten Industrieländern wie Deutschland in fast allen Bereichen absolute Nachteile aufweist, hat es einen komparativen Vorteil bei der Textilproduktion. Dies bedeutet, dass sowohl Deutschland als auch Bangladesch insgesamt mehr konsumieren können, wenn sie sich auf die Produktion unterschiedlicher Dinge spezialisieren: Bangladesch versorgt uns mit Kleidung und Deutschland versorgt Bangladesch mit Textilmaschinen.[124]

Kurzzusammenfassung
  • Die meisten ökonomischen Modelle sind Gedankenexperimente oder vereinfachte Darstellungen der Wirklichkeit, die auf der Ceteris-paribus-Annahme beruhen.

  • Ein wichtiges ökonomisches Modell ist die Produktionsmöglichkeitenkurve, mit der man die Konzepte Effizienz, Opportunitätskosten und Wirtschaftswachstum illustrieren kann.

  • Das Konzept des komparativen Vorteils ist ein Modell, das die Ursprünge von Handelsgewinnen erklärt, oft aber mit absolutem Vorteil verwechselt wird. Jede Person und jedes Land hat in irgendeinem Bereich einen komparativen Vorteil, was zum Entstehen von Handelsgewinnen führt.

  • In den einfachsten Formen von Volkswirtschaften erfolgt der Tausch als Naturaltausch und nicht wie in modernen Volkswirtschaften mithilfe von Geld. Das Kreislaufdiagramm ist ein Modell zur Darstellung der Transaktionen innerhalb einer Volkswirtschaft in Form von Strömen von Gütern, Produktionsfaktoren und Geld zwischen Haushalten und Unternehmen. Diese Transaktionen finden auf Gütermärkten und Faktormärkten statt. Letztendlich sind die Faktormärkte für die Einkommensverteilung[125] einer Wirtschaft maßgeblich.

Überprüfen Sie Ihr Wissen
  1. Richtig oder falsch? Erläutern Sie Ihre Antwort.

    1. Eine Zunahme der für Boeing verfügbaren Ressourcen zur Produktion von Dreamlinern und Kleinflugzeugen lässt die Produktionsmöglichkeitenkurve des Unternehmens unverändert.

    2. Eine technologische Änderung, die es Boeing für jede gegebene Menge von Dreamlinern erlaubt, mehr Kleinflugzeuge zu bauen, führt zu einer Änderung der Produktionsmöglichkeitenkurve des Unternehmens.

    3. Die Produktionsmöglichkeitenkurve ist nützlich, weil sie zeigt, wie viel eine Ökonomie von einem Gut aufgeben muss, um mehr von einem anderen Gut zu erhalten, unabhängig davon, ob die Ressourcen effizient genutzt werden.

  2. In Italien kann ein Auto mit acht Manntagen und eine Waschmaschine mit drei Manntagen hergestellt werden. In Deutschland kann ein Auto mit sechs Manntagen und eine Waschmaschine mit zwei Manntagen produziert werden.

    1. Welches Land hat einen absoluten Vorteil bei der Produktion von Automobilen bzw. bei der Produktion von Waschmaschinen?

    2. Welches Land hat einen komparativen Vorteil bei der Produktion von Waschmaschinen bzw. bei der Produktion von Automobilen?

    3. Welche Art der Spezialisierung führt zu den größten Gewinnen, wenn die beiden Länder miteinander Handel treiben?

  3. Erklären Sie auf Grundlage der Daten aus Tabelle 2–1, wieso die USA und Brasilien zum Handel von 10 Großflugzeugen für 15 Kleinflugzeuge bereit sind.

  4. Verwenden Sie das Kreislaufdiagramm, um zu erklären, wie eine Zunahme der Geldausgaben der Haushalte zu einem Anstieg der Zahl der Arbeitsplätze in einer Wirtschaft führt. Beschreiben Sie mit Ihren eigenen Worten, welche Vorhersage das Kreislaufmodell macht.[126]

2.2 Die Verwendung von Modellen

In der ökonomischen Theorie geht es, wie wir jetzt gelernt haben, hauptsächlich um die Schaffung von Modellen, die auf einer Reihe von grundlegenden Prinzipien beruhen, aber einige spezifischere Annahmen hinzufügen, die es dem Modellbauer erlauben, diese Prinzipien auf eine bestimmte Situation anzuwenden. Aber wofür werden diese Modelle tatsächlich verwendet?

Positive versus normative Theorie

Stellen Sie sich vor, Sie sind ökonomischer Berater des Verkehrsministers. Für welche Arten von Fragen könnte der Verkehrsminister Ihren Rat suchen? Nun, drei für den Verkehrsminister interessante Fragen könnten folgende sein:

  1. Wie hoch werden die Einnahmen aus der Lkw-Maut im kommenden Jahr sein?

  2. Um wie viel würden die Einnahmen ansteigen, wenn die Lkw-Maut um 50 Prozent erhöht würde?

  3. Sollte die Lkw-Maut erhöht werden, wenn man bedenkt, dass diese Erhöhung einerseits zu einem Rückgang des Verkehrsaufkommens und damit der Luftverschmutzung führen würde, gleichzeitig sich aber die finanzielle Belastung für die Spediteure erhöhen würde?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen den ersten beiden Fragen und der dritten. Bei den beiden ersten Fragen geht es um Fakten. Ihre Prognose für das Mautaufkommen des nächsten Jahres wird sich als richtig oder falsch erweisen, wenn die tatsächlichen Zahlen bekannt sind. Ihre Vorhersage für die Auswirkungen einer Erhöhung der Maut lässt sich etwas schwieriger überprüfen, weil das Ergebnis neben der Mauthöhe auch von anderen Faktoren bestimmt wird, und es problematisch sein könnte, die einzelnen Ursachen für eine Änderung des Mautaufkommens auseinanderzuhalten. Im Prinzip gibt es trotzdem nur eine einzige richtige Antwort.[127]

Auf die Frage, ob die Maut erhöht werden sollte, gibt es jedoch keine „richtige“ Antwort: Zwei Personen, die sich hinsichtlich der Wirkungen einer höheren Maut einig sind, könnten trotzdem unterschiedlicher Auffassung sein, ob die Erhöhung der Maut eine gute Idee ist. So wären beispielsweise für jemanden, der in der Nähe einer Autobahn wohnt, aber selbst kein Spediteur ist, der Lärm wichtig und auch die Luftverschmutzung, nicht aber die aus der Maut resultierenden Kosten. Ein Spediteur, der abseits der Autobahn wohnt, würde vermutlich umgekehrte Prioritäten setzen.

Als positive Theorie wird der Teil der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet, der die Wirtschaft so beschreibt, wie sie tatsächlich ist. Demgegenüber macht die normative Theorie Vorschläge, wie die Wirtschaft sein sollte.

Dieses Beispiel beleuchtet einen zentralen Unterschied zwischen zwei Rollen, welche die ökonomische Analyse spielen kann. Eine ökonomische Analyse, die versucht, Fragen darüber zu beantworten, wie die Welt funktioniert, und die zu definitiv richtigen oder falschen Antworten führt, wird als positive[128] ökonomische Theorie bezeichnet. Im Gegensatz dazu bezeichnet man eine Analyse, die darauf gerichtet ist, Fragen danach zu beantworten, wie die Welt funktionieren sollte, als normative ökonomische Theorie. Anders formuliert: Bei positiver Theorie geht es um Beschreibung, bei normativer Theorie um Vorschläge. Im Wesentlichen geht es in den Wirtschaftswissenschaften um positive Theorie. Und Modelle spielen in praktisch allen Bereichen der positiven Theorie eine zentrale Rolle. Wie weiter oben erwähnt, verwenden fast alle Regierungen dieser Welt Computermodelle, um die Auswirkungen von vorgeschlagenen Änderungen von Steuern zu untersuchen.

Eine Prognose ist eine Vorausschätzung künftiger Ereignisse.

Es ist erwähnenswert, dass es zwischen der ersten und zweiten imaginären Frage des Verkehrsministers einen subtilen, aber wichtigen Unterschied gibt. Bei Frage eins geht es um eine einfache Vorhersage bezüglich der Erlöse des kommenden Jahres, also um eine Prognose. Frage zwei hingegen ist eine Frage vom „Was wäre, wenn“-Typ: Wie würde sich das Aufkommen ändern, wenn die Lkw-Maut höher wäre? Ökonomen werden häufig bei beiden Arten von Fragen zurate gezogen, Modelle sind aber besonders hilfreich, um zu „Was wäre, wenn“-Fragen Stellung zu nehmen.

Die Antworten auf solche Fragen dienen oft als Leitlinie für die Politik. Trotzdem sind es immer noch positive, keine normativen Antworten. Sie sagen uns, was geschehen wird, wenn die Politik eine bestimmte Maßnahme ergreift. Sie sagen uns aber nicht, ob dieses Ergebnis gut oder schlecht ist. Nehmen wir einmal an, aus dem verwendeten ökonomischen Modell lässt sich folgendes Ergebnis ableiten: Die vom Verkehrsminister ins Auge gefasste Erhöhung der Maut führt zu einem Anstieg der Bodenwerte von Grundstücken, die in der Nähe von Autobahnen liegen, gleichzeitig aber auch zu einer erheblichen Belastung der Spediteure. Ist die fragliche Mauterhöhung nun ein guter oder ein schlechter Vorschlag? Offensichtlich hängt die Antwort davon ab, wen man fragt. Eigentümer von in der Nähe von Autobahnen gelegenen Grundstücken werden die Erhöhung vermutlich unterstützen. Die Spediteure, deren Lastwagen die Autobahn benutzen, werden das aber wohl ganz anders sehen. Bei der Einschätzung, ob die geplante Maßnahme gut ist oder schlecht, geht es um ein Werturteil. Werturteile lassen sich nicht objektiv begründen.[129]

Dennoch geben Ökonomen der Politik häufig Ratschläge. Sie bewegen sich damit im normativen Bereich. Wie kann das sein, wenn es vielleicht keine „richtige“ Antwort gibt?

Nun, zum einen sind Ökonomen auch Bürger und haben damit ihre Meinung. Darüber hinaus, und das ist der wichtigere Punkt, kann die ökonomische Analyse in vielen Fällen zeigen, dass bestimmte Politikvarianten ganz klar besser sind als andere, und zwar unabhängig von subjektiven Meinungen.

Nehmen wir einmal an, dass eine bestimmte Politik A jeden in der Gesellschaft besser stellt als eine andere Politik B – oder zumindest einige Menschen besser stellt, ohne andere schlechter zu stellen. In diesem Fall ist A eindeutig effizienter als B. Es geht hierbei nicht um ein Werturteil: Wir sprechen darüber, wie man ein Ziel am besten erreichen kann, nicht über das Ziel selbst.[130]

Beispielsweise kann es ein Ziel der Politik sein, Familien, die ein niedriges Einkommen beziehen, mit ausreichend Wohnraum zu versorgen. Zur Erreichung dieses Ziels sind zwei Ansätze denkbar: Mietpreiskontrollen, mit denen die Höhe der Miete begrenzt wird, die Vermieter fordern dürfen, und Mietbeihilfen, mit denen den Familien zusätzliche Mittel für die Zahlung von Mieten zur Verfügung gestellt werden. Nahezu alle Ökonomen sind sich einig, dass Mietbeihilfen die effizientere Politikvariante darstellen. Aus diesem Grund befürwortet die große Mehrheit der Ökonomen, unabhängig von ihrer persönlichen politischen Meinung, Mietbeihilfen im Vergleich zu Mietpreiskontrollen.

Wenn Politikmaßnahmen wie in unserem Beispiel in eine eindeutige Reihenfolge gebracht werden können, dann sind sich Wirtschaftswissenschaftler im Allgemeinen einig. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass Ökonomen häufig unterschiedlicher Meinung sind. Warum ist das so?

Wann und warum sich Ökonomen uneinig sind

Ökonomen eilt der Ruf voraus, dass sie sehr unterschiedliche Auffassungen vertreten und sich gern miteinander streiten. Woher kommt dieser Ruf? Nun, einerseits neigen die Medien dazu, die tatsächlich bestehenden Auffassungsunterschiede massiv zu übertreiben. Wenn sich praktisch alle Ökonomen hinsichtlich einer bestimmten Sache einig sind, etwa die Überzeugung, dass Mietpreiskontrollen zu Wohnraumknappheit führen werden, halten Presse, Funk und Fernsehen dies vermutlich für nicht besonders erwähnenswert. Über Bereiche, in denen ein weitgehender Konsens besteht, wird also kaum berichtet. Gibt es jedoch Fragen, bei denen bekannte Ökonomen unterschiedliche Seiten vertreten, ob beispielsweise eine Steuersenkung die Wirtschaft ankurbeln würde, ist dies für die Medien viel interessanter. Daher werden in der Öffentlichkeit eher die Bereiche wahrgenommen, in denen zwischen Ökonomen Auffassungsunterschiede bestehen, als die großen Bereiche, in denen weitgehender Konsens besteht.[131]

Weiter ist an die unvermeidbare Verbindung zwischen Wirtschaftswissenschaften und Politik zu denken. Es gibt eine Menge von Fragen, bei denen mächtige Interessengruppen sehr genau wissen, welche Meinungen sie hören möchten. Sie haben daher einen Anreiz, Ökonomen zu finden und zu fördern, die ihre Meinung unterstützen, wodurch diese Ökonomen einen Bekanntheitsgrad erreichen, der nicht deckungsgleich ist mit der Unterstützung, die sie von ihren Fachkollegen erhalten.

Obwohl also der Eindruck von Uneinigkeit unter Wirtschaftswissenschaftlern tatsächlich übertrieben ist, bleibt es natürlich richtig, dass Ökonomen tatsächlich in Bezug auf wichtige Fragestellungen unterschiedlicher Auffassung sind. So gibt es beispielsweise in Deutschland sehr unterschiedliche Bewertungen der Körperschaftsteuer oder der Erbschaftsteuer. In den Vereinigten Staaten sprechen sich beispielsweise einige bekannte Ökonomen nachdrücklich für eine Substitution der Einkommensteuer durch eine Mehrwertsteuer aus. Andere gleichermaßen angesehene Wirtschaftswissenschaftler vertreten die gegenteilige Auffassung. In Europa, wo in den meisten Ländern die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer einen erheblichen Anteil am gesamten Steueraufkommen haben, wird dieser Punkt fast gar nicht diskutiert. Woher kommen diese unterschiedlichen Auffassungen?[132]

Ein wichtiger Grund für Meinungsverschiedenheiten sind unterschiedliche Werte. Wie in jeder anderen Gruppe von Individuen können bei Wertfragen auch sehr vernünftige Menschen völlig unterschiedliche Meinungen vertreten. Im Vergleich zur Einkommensteuer belastet eine Mehrwertsteuer typischerweise die ärmeren Bevölkerungsschichten stärker. Ein Wirtschaftswissenschaftler, der einer Gesellschaft mit größerer Einkommensgleichheit einen hohen Eigenwert zumisst, wird sich tendenziell eher gegen eine Mehrwertsteuer aussprechen. Ein Ökonom, der Einkommensunterschiede für weniger problematisch hält, wird gegen eine Mehrwertsteuer vermutlich weniger Einwände vorbringen.

Ein zweiter wichtiger Grund für Auffassungsunterschiede liegt in der ökonomischen Modellierung. Die Schlussfolgerungen von Ökonomen basieren auf Modellen, also auf vereinfachten Abbildungen der Realität. Zwei Ökonomen können aus guten Gründen unterschiedlicher Auffassung darüber sein, welche Vereinfachungen angemessen sind. Werden unterschiedliche Modelle zur Analyse eines Sachverhalts verwendet, ist es kaum verwunderlich, dass sich unterschiedliche Schlussfolgerungen ergeben können.[133]

Nehmen wir einmal an, die Regierung der Vereinigten Staaten überlegt, ob sie eine Mehrwertsteuer einführen soll. Wirtschaftswissenschaftler A könnte sich auf ein Modell beziehen, bei dem die Verwaltungskosten eines Steuersystems im Vordergrund stehen, also die Kosten für den Aufbau des Steuersystems, Kosten der Steuererhebung, der Kontrolle usw. Dieser Wirtschaftswissenschaftler könnte dann auf die bekanntermaßen hohen Verwaltungskosten eines Mehrwertsteuersystems hinweisen und sich gegen eine entsprechende Änderung aussprechen. Wirtschaftswissenschaftler B könnte jedoch der Auffassung sein, dass den Verwaltungskosten kein zu großes Augenmerk geschenkt werden sollte und man sich stattdessen darauf konzentrieren sollte, wie sich die vorgeschlagene Änderung im Steuersystem auf das Sparverhalten auswirkt. Dieser Wirtschaftswissenschaftler könnte sich dann auf Studien beziehen, die auf einen durch die Mehrwertsteuer bedingten Anstieg des Sparens hinweisen, was unter Wachstumsgesichtspunkten erwünscht sein könnte.

Weil beide Ökonomen unterschiedliche Modelle verwendet haben, also unterschiedliche vereinfachende Annahmen getroffen haben, gelangen sie zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Der eine würde dann in der Öffentlichkeit als Gegner, der andere als Befürworter einer Mehrwertsteuer erscheinen.[134]

Die meisten Streitigkeiten zwischen Ökonomen werden schließlich durch zunehmende empirische Evidenz gelöst, die zeigt, welches der verschiedenen Modelle die Fakten besser beschreiben kann. Wie in jeder anderen Wissenschaft kann dies jedoch auch in den Wirtschaftswissenschaften lange Zeit dauern. Weil sich Volkswirtschaften permanent ändern, verlieren alte Modelle oft ihre Erklärungskraft und es entstehen neue politische Fragestellungen. Es ist daher nicht zu erwarten, dass irgendwann einmal der Zeitpunkt kommt, an dem sich alle Ökonomen über alle Probleme einig sind. Es bleibt daher im Verantwortungsbereich der Politik zu entscheiden, welcher ökonomischen Auffassung sie bei ihren Maßnahmen folgen will. Es ist daher wichtig, festzuhalten, dass die ökonomische Analyse eine Methode und keine Menge von Schlussfolgerungen ist.

Vertiefung
Wo Ökonomen einer Meinung sind

„Ökonomie ist das einzige Fach, in dem zwei Forscher den Nobelpreis bekommen, weil sie das genaue Gegenteil herausgefunden haben.“ Dies ist einer von vielen Witzen über Ökonomen. Sind sich Wirtschaftswissenschaftler aber tatsächlich so uneinig?

Nach einer an der Booth School of Business (Universität Chicago) durchgeführten Umfrage sieht das anders aus. Die Booth School stellte ein Panel aus 41 hoch angesehenen Ökonomen zusammen, die aus einer Vielzahl von Regionen stammen, verschiedene Schulen vertreten und unterschiedliche Parteizugehörigkeiten vorweisen. Dieses Panel ist offiziell unter dem Namen Economic Experts Panel of Chicago Booth’s Initiative on Global Markets[135] bekannt. Dazu gehören beispielsweise Amy Finkelstein (Massachusetts Institute of Technology), Hilary Hoynes (UC Berkeley), Emmanuel Saez (UC Berkeley), Abhjit Banerjee (Princeton).

Ungefähr alle zwei Wochen werden diese Ökonomen zu einem aktuellen politischen Thema befragt – oft handelt es sich um eine Frage, an der sich die Geister der Politiker oder der Öffentlichkeit scheiden.

Was können wir aus dieser Umfrage lernen? Wir können daraus lernen, dass unter den Ökonomen mehr Übereinstimmung herrscht, als man weithin annehmen würde, selbst was vermeintlich kontroverse Themen betrifft. Beispielsweise stimmten 80 Prozent des Panels zu, dass der American Recovery and Reconstruction Act, ein ökonomisches Programm, das 2009 verabschiedet wurde und auch als Obama-Stimulus bekannt ist, zu höherem Wachstum und höheren Beschäftigungszahlen führte. Ob dieses Programm sein Geld wert war, ist deutlich umstrittener.

Ungefähr der gleiche Anteil, nämlich 82 Prozent, widersprachen der These, dass eine Mietpreisbindung die Menge an qualitativ hochwertigem, aber bezahlbaren Wohnraum erhöhen würde.

Im ersten Beispiel stimmte das Panel mit überwältigender Mehrheit für eine Position, die im Politikbetrieb der Vereinigten Staaten weithin als liberal gilt. Im zweiten Beispiel stimmte das Panel einer politisch konservativen Position zu.

Gab es auch Bereiche, in denen die Ökonomen erhebliche Meinungsunterschiede hatten? Ja, aber diese Themenbereiche umfassten oft ökonomische Strategien, die bislang noch nicht in die Praxis umgesetzt wurden. Es gab zum Beispiel ein fast klares Unentschieden bezüglich der Frage, ob die neue Strategie der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve Bank[136] zur Ankurbelung der Wirtschaft tatsächlich funktionieren würde.

Noch überraschender als die relativ geringe Uneinigkeit unter den Ökonomen ist vielleicht, wie wenig die Uneinigkeit von ideologischen Mustern geprägt ist. Liberale Wirtschaftswissenschaftler vertraten im Durchschnitt Positionen, die leicht von denen abwichen, die von eher konservativen Wirtschaftswissenschaftlern vertreten wurden. Die Unterschiede waren jedoch bei Weitem nicht so groß wie innerhalb der Bevölkerung.

Wirtschaftswissenschaft und Praxis
Wirtschaftswissenschaftler in der Politik

Viele Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich hauptsächlich mit Lehre und Forschung. Eine nicht geringe Zahl hat jedoch einen direkteren Einfluss auf politische Fragen.

Wie in dem Abschnitt „Vertiefung“ am Anfang dieses Kapitels erläutert, spielt für Finanzinstitute an der Wall Street ein bestimmter Zweig der Wirtschaftswissenschaft, nämlich die Finanztheorie, eine wichtige Rolle (auch wenn dabei nicht notwendigerweise etwas Gutes herauskommen muss). Die Bewertung von Vermögenswerten ist jedoch keineswegs die einzige nützliche Aufgabe, die Ökonomen in der Geschäftswelt zufällt. Unternehmen benötigen Prognosen über die zukünftige Nachfrage nach ihren Produkten, Vorhersagen über zukünftige Rohstoffpreise, Einschätzungen bezüglich ihrer zukünftigen Finanzierungsbedürfnisse usw. Eine ökonomische Analyse ist für all diese Zwecke unerlässlich.[137]

Einige der Ökonomen, die in der Geschäftswelt arbeiten, tun dies direkt für die Institutionen, die ihr Wissen benötigen. Führende Finanzinstitute wie insbesondere Goldman Sachs und Morgan Stanley unterhalten eigene hochklassige ökonomische Abteilungen. Diese Abteilungen fertigen Analysen der Kräfte und Ereignisse an, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Finanzmärkte einwirken. Andere Ökonomen sind bei Beratungsfirmen angestellt, die Analysen und Empfehlungen für eine Vielzahl weiterer Unternehmen anbieten.

Nicht zuletzt sind Ökonomen auch stark im öffentlichen Sektor vertreten. In den Vereinigten Staaten sind laut dem Bureau of Labor Statistics rund die Hälfte der ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftler bei Regierungsbehörden beschäftigt.

Das ist nicht wirklich überraschend: Eine der wichtigsten Funktionen des Staates ist es, Wirtschaftspolitik zu betreiben. Darüber hinaus müssen aber auch bei praktisch allen anderen politischen Entscheidungen die ökonomischen Auswirkungen in Betracht gezogen werden. Daher beschäftigen alle Regierungen dieser Welt Wirtschaftswissenschaftler in den verschiedensten Bereichen.

In den Vereinigten Staaten von Amerika spielt der „Council of Economic Advisers“ eine Schlüsselrolle. Der Council of Economic Advisers ist eine Abteilung des Präsidialbüros, dessen einzige Aufgabe es ist, das Weiße Haus bei ökonomischen Fragen zu beraten und den jährlichen „Economic Report of the President“ zu erstellen. Was für eine Regierungsbehörde eher ungewöhnlich ist: Die meisten Ökonomen des Council sind keine Angestellten, die auf Dauer für die Regierung tätig sind. Vielmehr sind die meisten von ihnen Professoren, die für ein oder zwei Jahre von ihrer Universität freigestellt wurden. Viele der bekanntesten amerikanischen Ökonomen haben zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Karriere als Mitglieder dieses Beratungsgremiums gearbeitet.[138]

Wirtschaftswissenschaftler spielen aber auch in vielen anderen Teilen der US-Administration eine wichtige Rolle. Das gleiche gilt auch für alle anderen Industrieländer. Auch in Deutschland werden auf Bundes- und Landesebene viele Ökonomen beschäftigt, insbesondere in den Wirtschafts- und Finanzministerien.

Auf internationaler Ebene spielen Ökonomen bei den internationalen Organisationen eine sehr wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank, die beide ihren Sitz in Washington D. C. haben. Der Internationale Währungsfonds berät Länder, die sich in ökonomischen Schwierigkeiten befinden und stellt ihnen Kredite zur Verfügung. Die Weltbank berät insbesondere Entwicklungsländer und versucht, durch Finanzierungshilfen deren langfristige wirtschaftliche Entwicklung zu fördern.

In der Vergangenheit war es nicht immer leicht nachzuvollziehen, welche Positionen die in der Praxis arbeitenden Ökonomen tatsächlich vertreten. Heutzutage gibt es jedoch sehr lebendige Online-Diskussionen über ökonomische Aussichten und wirtschaftspolitische Fragestellungen. Besuchen Sie beispielsweise mal die Website des Internationalen Währungsfonds (www.imf.org[139]), wirtschaftsorientierte Seiten wie economy.com und Blogs einzelner Ökonomen wie Mark Thoma (economistsview.typepad.com) oder auch der Autoren dieses Buches (krugman.blogs.nytimes.com).

Kurzzusammenfassung
  • Ökonomen betreiben überwiegend positive Wirtschaftswissenschaft, in der das Funktionieren der Wirtschaft analysiert wird und wo es, jedenfalls prinzipiell, richtige oder falsche Antworten gibt und Prognosen eine wichtige Rolle spielen. In der normativen Wirtschaftswissenschaft, in der Vorschläge gemacht werden, wie die Dinge aussehen sollten, gibt es meist keine richtigen oder falschen Antworten, sondern nur Werturteile.

  • Meinungsunterschiede zwischen Ökonomen basieren im Wesentlichen auf zwei Faktoren. Erstens gibt es häufig Uneinigkeiten bei der Frage, welche Vereinfachungen getroffen werden sollten, um die Wirtschaft zu modellieren. Zweitens sind sich Ökonomen häufig, wie alle anderen Menschen auch, über Werturteile uneinig.

Überprüfen Sie Ihr Wissen
  1. Welche der folgenden Aussagen ist eine positive Aussage? Welche ist eine normative Aussage?

    1. Die Gesellschaft sollte durch geeignete Maßnahmen gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen von Individuen verhindern.

    2. Individuen, die sich gesundheitsgefährdend verhalten, verursachen über eine stärkere Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems höhere Kosten für die Gesellschaft.[140]

  2. Richtig oder falsch? Erläutern Sie Ihre Antwort.

    1. Politikvorschlag A und Politikvorschlag B versuchen dasselbe gesellschaftliche Ziel zu erreichen. Politikvorschlag A führt jedoch zu einer sehr viel weniger effizienten Nutzung der Ressourcen als Politikvorschlag B. Daher werden sich Ökonomen wahrscheinlich eher für Politikvorschlag B aussprechen.

    2. Wenn zwei Ökonomen über eine bestimmte Politikmaßnahme unterschiedlicher Meinung sind, dann liegt das normalerweise daran, dass einer von ihnen einen Denkfehler gemacht hat.

    3. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger greifen immer auf das Wissen von Ökonomen zurück, um herauszufinden, welche Ziele eine Gesellschaft erreichen sollte.

Unternehmen in Aktion: Effizienz, Opportunitätskosten und das Prinzip der „schlanken Produktion“

Im Sommer und Herbst 2010 rückten die Mitarbeiter von Boeing die Montagevorrichtungen im Endmontagewerk in Everett, Washington, zurecht, um alles für die Herstellung der Boeing 767 vorzubereiten (Dreamliner). Dies war jedoch ein kompliziertes und zeitaufwändiges Unterfangen, da die einzelnen Montagemaschinen jeweils um die 200 Tonnen wogen. Es war aber auch eine notwendige Maßnahme, um ein Fertigungssystem aufzubauen, das auf dem Prinzip der „schlanken Produktion“ basiert, auch als „Just-in-time-Produktion“ oder bedarfssynchrone Produktion bezeichnet.

Das japanische Unternehmen „Toyota Motors“ gilt als Vorreiter der schlanken Produktion. Dieses Prinzip basiert darauf, dass lediglich die für die Produktion benötigte Menge an Einzelteilen in die Werkhalle geliefert wird. Somit wird sowohl die Menge an Teilen in Lagerhaltung als auch die für die Produktion benötigte Fläche der Werkshalle reduziert. Im Fall von Boeing konnte der Platz, der für die Fertigung der 767 notwendig ist, um 40 Prozent reduziert werden.[141]

Boeing hat die schlanke Produktion im Jahr 1999 für die Fertigung der Boeing 737 eingeführt, die das bekannteste Verkehrsflugzeug ist. Durch ständige Weiterentwicklung konnte Boeing bis zum Jahr 2005 eine Reduzierung der für die Flugzeugproduktion benötigten Zeit um 50 Prozent und der Lagerhaltung um 60 Prozent erreichen. Ein wichtiges Merkmal des Fertigungssystems schlanke Produktion ist ein dauerhaft laufendes Fließband, das die einzelnen Produkte in gleichbleibender Geschwindigkeit von einem Montageteam zum nächsten transportiert. Dadurch wird vermieden, dass Arbeiter entweder von Aufgabe zu Aufgabe oder auf der Suche nach Werkzeugen oder Einzelteilen durch die Werkshalle laufen müssen.

Die von Toyota verwendeten Techniken der schlanken Produktion sind die am weitesten verbreiteten und haben die Produktion weltweit revolutioniert. Um es in einfachen Worten auszudrücken, konzentriert sich die schlanke Produktion auf Organisation und Kommunikation. Arbeiter und Bauteile sind so organisiert, dass ein reibungsloser Arbeitsablauf garantiert werden kann, um die Menge an verschwendetem Aufwand und Materialien zu minimieren. Die schlanke Produktion ist außerdem so gestaltet, dass sie schnell auf jegliche Änderungen des gewünschten Outputmix reagieren kann, beispielsweise, wenn sich die Konsumentennachfrage von Minivans zu Limousinen verschiebt.[142]

Toyotas Methoden der schlanken Produktion waren so erfolgreich, dass sie die gesamte Autoindustrie weltweit verändert und die einst so erfolgreichen US-amerikanischen Automobilhersteller sehr unter Druck gesetzt haben. Bis in die 1980er-Jahre dominierten die „Großen Drei“ – Chrysler, Ford und General Motors – die US-Autoindustrie; kaum ein im Ausland hergestelltes Auto wurde in den Vereinigten Staaten verkauft. In den 1980er-Jahren wurde Toyota in den Vereinigten Staaten jedoch immer beliebter, da sie qualitativ hochwertige Autos zu vergleichsweise niedrigen Preisen verkauften. Das Unternehmen wurde so beliebt, dass die Großen Drei die US-amerikanische Regierung schließlich aufforderten, die US-amerikanischen Automobilhersteller durch eine Einschränkung des Verkaufs japanischer Autos in den Vereinigten Staaten zu schützen. Als Reaktion darauf errichtete Toyota im Laufe der Zeit mehrere Montageanlagen in den Vereinigten Staaten. Die so importierten Methoden der schlanken Produktion wurden nach und nach in der gesamten US-amerikanischen herstellenden Industrie eingeführt.

Fragen
  1. Welche Opportunitätskosten entstehen, wenn ein Arbeiter von Aufgabe zu Aufgabe oder auf der Suche nach Werkzeugen und Bauteilen durch die Werkshalle laufen muss?[143]

  2. Erklären Sie, wie die schlanke Produktion die Allokationseffizienz einer Wirtschaft verbessern kann.

  3. Bevor die schlanke Produktion erfunden wurde, verkaufte Japan vor allem Verbraucherelektronik an die Vereinigten Staaten. Wie haben die Neuerungen der schlanken Produktion Japans komparativen Vorteil gegenüber den Vereinigten Staaten verändert?

  4. Geben Sie eine Vorhersage ab, wie Toyotas Standortverlagerung der Produktion von Japan in die Vereinigten Staaten den komparativen Vorteil der beiden Länder in der Automobilherstellung verändern könnte.

Zusammenfassung

  1. Nahezu die gesamte Wirtschaftswissenschaft basiert auf Modellen, also auf Gedankenexperimenten bzw. vereinfachten Versionen der Realität, bei denen häufig mathematische Werkzeuge verwendet werden. Eine große Rolle bei der ökonomischen Modellbetrachtung spielt die Ceteris-paribus-Annahme, nach der sich nur eine Größe ändert, während alle anderen Einflussfaktoren konstant bleiben. Mit dieser Annahme ist es möglich, eine beobachtete Änderung einer abhängigen Größe auf eine einzelne Ursache (den sich ändernden Faktor) zurückzuführen.

  2. Ein einfaches, aber wichtiges ökonomisches Modell ist die Produktionsmöglichkeitenkurve. Mithilfe dieses Modells lassen sich verschiedene ökonomische Konzepte gut illustrieren: Opportunitätskosten, die zeigen, um wie viel weniger von einem Gut man produzieren kann, wenn von einem anderen Gut mehr produziert wird; Effizienz, die dann gegeben ist, wenn eine Wirtschaft auf der Produktionsmöglichkeitenkurve produziert; Wirtschaftswachstum, das sich im Modell als Verschiebung der Produktionsmöglichkeitenkurve nach außen zeigt. Es gibt zwei wesentliche Quellen wirtschaftlichen Wachstums: Eine Zunahme der Produktionsfaktoren [144]– das sind Ressourcen wie Land, Arbeit, Kapital oder Humankapital, die in der Produktion nicht verbraucht werden – und verbesserte Technologie.

  3. Ebenfalls sehr wichtig ist das Modell des komparativen Vorteils, mit dem die Ursachen für Gewinne erklärt werden, die sich aus dem Handel zwischen Individuen oder Ländern ergeben. Jeder hat irgendwo einen komparativen Vorteil – irgendeine Ware oder Dienstleistung, bei deren Produktion die betreffende Person geringere Opportunitätskosten hat als sonst irgendjemand. Häufig wird der komparative Vorteil mit einem absoluten Vorteil verwechselt, der Fähigkeit also, ein bestimmtes Gut besser als irgendjemand sonst produzieren zu können. Dieses Missverständnis führt bei einigen Menschen zu dem falschen Schluss, dass es keine Gewinne aus dem Handel zwischen Menschen oder Ländern gibt.

  4. In den einfachsten Volkswirtschaften erfolgt Naturaltausch – der Tausch Gut gegen Gut – und nicht der Tausch gegen Geld, wie in entwickelten Volkswirtschaften. Das Kreislaufdiagramm ist ein Modell, das Transaktionen innerhalb einer Volkswirtschaft als Ströme von Waren, Dienstleistungen und Geld zwischen Haushalten und Unternehmen darstellt. Diese Transaktionen erfolgen auf Gütermärkten und Faktormärkten. Faktormärkte sind Märkte, auf denen Produktionsfaktoren gehandelt werden, wie beispielsweise Arbeit. Das Kreislaufmodell ist sehr nützlich, um zu verstehen, wie Ausgaben, Produktion, Beschäftigung, Einkommen und Wachstum in einer Volkswirtschaft zusammenhängen. Letztendlich sind die Faktormärkte für die Einkommensverteilung[145] der Wirtschaft ausschlaggebend. Sie bestimmen also, wie das Gesamteinkommen der Wirtschaft auf die Eigentümer der Produktionsfaktoren verteilt ist.

  5. Ökonomen verwenden Modelle sowohl im Bereich der positiven Wirtschaftswissenschaft als auch im Bereich der normativen Wirtschaftswissenschaft. Positive Wirtschaftswissenschaft beschreibt, wie Ökonomien tatsächlich funktionieren; normative Wirtschaftswissenschaft macht Vorschläge, wie eine Ökonomie funktionieren sollte. Zur positiven Wirtschaftswissenschaft gehört häufig die Erstellung von Prognosen. Ökonomen können – zumindest prinzipiell – die richtigen Antworten auf positive Fragen bestimmen, nicht aber die Antworten auf normative Fragen, weil diese mit Werturteilen verbunden sind. In einer ganz spezifischen Situation kann die Wirtschaftswissenschaft auch die richtige Antwort auf eine normative Frage bestimmen, dann nämlich, wenn verschiedene Politikvorschläge, mit denen ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, eindeutig hinsichtlich ihrer Effizienz geordnet werden können.

  6. Es gibt zwei Hauptursachen, warum Ökonomen unterschiedlicher Meinung sind. Erstens kann Uneinigkeit hinsichtlich der Frage bestehen, welche Vereinfachungen in einem Modell getroffen werden sollten. Zweitens kann Uneinigkeit – wie bei jedem anderen auch – im Hinblick auf Wertefragen bestehen.[146]

Schlüsselbegriffe
  • Modell

  • Ceteris-paribus-Annahme

  • Produktionsmöglichkeitenkurve

  • Produktionsfaktor

  • Technologie

  • komparativer Vorteil

  • absoluter Vorteil

  • Naturaltausch

  • Kreislaufdiagramm

  • Haushalt

  • Unternehmen

  • Gütermärkte

  • Faktormärkte

  • Einkommensverteilung

  • positive Theorie

  • normative Theorie

  • Prognose

Anhang zu 2

Grafische Darstellungen in den Wirtschaftswissenschaften

Worum geht es?

Ganz gleich, ob Sie sich über ökonomische Zusammenhänge im Handelsblatt, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder in Ihrem ökonomischen Lehrbuch informieren, Sie werden dort viele grafische Darstellungen sehen. Eine Visualisierung der Zusammenhänge erleichtert das Verständnis verbaler Beschreibungen, quantitativer Informationen oder von Ideen ungemein. In den Wirtschaftswissenschaften wird von einer solchen Visualisierung durch grafische Darstellungen in großem Umfang Gebrauch gemacht. Um die diskutierten Zusammenhänge vollständig verstehen zu können, muss man mit der Art und Weise vertraut sein, wie diese visuellen Informationen zu interpretieren sind. Dieser Anhang erklärt, wie die in den Wirtschaftswissenschaften gebräuchlichen grafischen Darstellungen zustande kommen und wie sie zu interpretieren sind.

2A.1 Grafische Darstellungen, Variablen und ökonomische Modelle

Eine Größe, die verschiedene Werte annehmen kann, wird als Variable bezeichnet.

Ein Grund, sich für ein Hochschulstudium zu entscheiden, ist der, dass ein Hochschulabschluss den Zugang zu höher bezahlten Arbeitsplätzen erleichtert. Weiterführende akademische Grade, wie z. B. ein Master- oder Doktortitel, führen im Durchschnitt zu noch höheren Einkommen. Würden Sie einen Artikel über den Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und Einkommen lesen, wäre es gut möglich, dass zu diesem Artikel auch eine grafische Darstellung gehören würde, die die Einkommenshöhe für Arbeitnehmer mit unterschiedlichen Ausbildungsgängen zeigt. Und diese Grafik würde die Vorstellung illustrieren, dass im Allgemeinen eine höhere Ausbildung mit einem höheren Einkommen verbunden ist. Allgemeiner formuliert: Die grafische Darstellung beschreibt den Zusammenhang zwischen zwei ökonomischen Variablen. Eine Variable[147] ist eine Größe, die mehr als einen Wert annehmen kann, wie beispielsweise die Zahl der Ausbildungsjahre einer Person, den Preis einer Flasche Mineralwasser oder das Einkommen eines Haushalts.

Wie Sie in diesem Kapitel gelernt haben, beruht die ökonomische Analyse ganz wesentlich auf Modellen, also vereinfachten Beschreibungen realer Situationen. Die meisten ökonomischen Modelle beschreiben den Zusammenhang zwischen zwei Variablen, wobei andere Variablen, die diese Beziehung beeinflussen könnten, vereinfachend als konstant angenommen werden. So könnte beispielsweise ein ökonomisches Modell den Zusammenhang zwischen dem Preis einer Flasche Mineralwasser und der Zahl von Mineralwasserflaschen beschreiben, die Konsumenten kaufen werden. Dabei wird angenommen, dass alle anderen Größen konstant bleiben, die Einfluss auf die Nachfrage der Konsumenten nach Mineralwasser haben könnten. Ein solches Modell kann auch rein mathematisch oder verbal beschrieben werden, eine Illustration des Zusammenhangs durch eine grafische Darstellung erleichtert das Verständnis jedoch sehr. Im nächsten Abschnitt werden wir uns etwas genauer damit beschäftigen, wie derartige grafische Darstellungen zur Beschreibung von ökonomischen Modellen konstruiert und interpretiert werden.[148]

2A.2 Grundlagen der grafischen Darstellung

Die meisten der in den Wirtschaftswissenschaften verwendeten grafischen Darstellungen basieren auf einem Gitter um zwei senkrecht aufeinanderstehende Achsen, an denen die Werte der beiden Variablen abgetragen werden. Wir wollen uns daher zunächst kurz mit der Konstruktion dieses Gitternetzes beschäftigen und dann überlegen, wie man in diesem Netz den Zusammenhang zwischen Variablen darstellen kann.

Zweidimensionale grafische Darstellungen

Abbildung 2A-1 zeigt eine typische zweidimensionale grafische Darstellung. Sie illustriert die Daten der zugehörigen Tabelle. Diese zeigt die Außentemperatur und die Zahl der Flaschen mit Erfrischungsgetränken, die ein Getränkeverkäufer bei einem Fußballspiel im Stadion im Durchschnitt verkaufen kann. Die erste Spalte zeigt die Werte der Außentemperatur (die erste Variable) und die zweite Spalte zeigt die Anzahl der verkauften Erfrischungsgetränke (die zweite Variable). In der Tabelle sind insgesamt fünf Paare gezeigt, die in der dritten Spalte mit den Buchstaben A [149]bis E bezeichnet werden.