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Völva - Wodans Seherinnen

Prolog

Mit der Dämmerung waren die Sturmgeister erwacht. Die eisigen Böen fegten mit solcher Gewalt um die Langhäuser, dass das Stroh-Lehm-Geflecht zuweilen gefährlich bröckelte. Erste Regentropfen prasselten laut wie Hagelkörner auf die Reetdächer und verliehen dieser Szene den Hauch vom Ende aller Tage.

Lorn fehlte der Sinn, um seine Gedanken in solchen Horrorgeschichten zu verlieren. Missmutig umklammerte er sein zur Hälfte geleertes Trinkhorn, während er seinen Schwiegersohn beobachtete, der mit zittriger Stimme seine Kinder zu beruhigen versuchte. Acht Menschen hatten sich in dem winzigen Langhaus zusammengefunden. Lorns eigene Familie – seine Frau, die erwachsene Tochter, deren Ehemann und deren eigene Kinder – drängte sich auf den Schlaflagern zusammen. Weit genug vom zum Innenraum offenen Tierstall entfernt, in welchem die ersten Kühe in Panik ausbrechen wollten. Der Gestank nach Angst erfüllte den Raum. Er mischte sich mit dem Rauch des Torffeuers, das dem alten Fischer seit Stunden in den Augen brannte. Denn wer bei solchem Wetter den Rauchabzug öffnete, riskierte, sein halbes Dach bald fortfliegen zu sehen.

„Bleib ruhig, Kleines, die Sturmgeister sind nur ein wenig übermütig. Sie werden uns nichts tun, wir haben ihnen zu jedem Festtag Opfer gebracht!“ Spöttisch blickte Lorn zu dem Mann seiner Tochter. Der hagere Dreiundzwanzigjährige strich seiner jüngsten Tochter unsicher über das blonde Haar, während sie sich an die Brust ihrer Mutter drückte. Die Angst in seiner Stimme war so deutlich zu hören, dass Lorn an der beruhigenden Wirkung seiner Worte zweifelte.

„Götter, helft mir, das ist ja nicht zum Aushalten!“ Lorn nahm einen ausladenden Schluck Bier aus seinem Horn, sodass ihm der Gerstensaft in Rinnsalen vom struppigen Bart troff. Es war lachhaft! Dieser Junge war ein Schlappschwanz, ein winselnder Feigling aus dem Inland, der die Küste nur vom Hörensagen kannte und nur so lange große Töne spuckte, bis er der Urgewalt der Natur gegenübertreten musste. Wie er dieses ewige Gewinsel hasste!

„Die Sturmgeister sind nicht übermütig, das sind sie nie. Jedes Jahr kommen sie, um uns zu zeigen, wer die wahren Herren dieses Landes sind. Immer dann, wenn wir nahe dran sind, es zu vergessen.“

Ein erschreckend nahes Krachen ließ alle Anwesenden zusammenfahren. Kurz darauf waren von draußen Stimmen zu hören, die in der Sturmnacht verhallten. Eine Stalltür musste aus ihrer Verankerung gerissen worden sein. Lorn bemerkte diesen Umstand mit gieriger Befriedigung. „Hört ihr? Sie hören deine Worte, Rhaldar! Sie wissen, dass du sie verspottet hast und fordern nun den gerechten Tribut! Willst du die Geister des Windes nicht um Vergebung bitten, bevor sie die See zur Hilfe rufen?“

Die Unterlippe seines Schwiegersohns zitterte in der Absicht einer Erwiderung, er brachte jedoch keinen Ton hervor. Die Hilflosigkeit Rhaldars amüsierte Lorn. Er konnte gar nicht verstehen, warum seine Tochter dieses Großmaul geheiratet hatte.

Nachdem nun auch ein Donnern von einem nahen Gewitter kündete, verkrochen die Kinder sich ängstlich unter ihren Fellen. Es bedrückte Lorn, ihnen die Angst nicht nehmen zu können. Doch es gab Erfahrungen, die sie alle hatten machen müssen, die zum Leben in diesem Land gehörten wie das Meer, die Salzwiesen, Moore und Dünen. Wenn sie diese Lehre jetzt nicht erhielten, würden sie als Erwachsene enden wie ihr Vater.

Lorn hatte gerade sein Horn erneut an die Lippen gesetzt, als ihn ein Pochen an der Tür innehalten ließ. Knurrend ließ der Fischer sein Trinkgefäß sinken. Die Herren des nahen Viehhofs mussten nun die Kontrolle über die Sturmschäden verloren haben. Es war abzusehen gewesen.

„Was ist denn?“

Der alte Fischer hievte sich auf die Beine. Seine Knochen schmerzten mit jedem Schritt, als er zur Tür lief. Doch diesen Umstand durfte er sich nicht anmerken lassen. Sonst vergisst das junge Volk auch noch, wer Herr in diesem Haus ist!

Ein Kommentar lag ihm bereits auf der Zunge, als er die Tür öffnete. Die Böe, die ihm jedoch von draußen entgegenschlug, hatte er unterschätzt. Regentropfen, scharf wie Pfeilspitzen, prasselten in das Langhaus hinein. Lorn war binnen weniger Sekunden an Beinen und Oberkörper durchnässt wie ein vergessener Hund. Fluchend schlug er die Tür bis zu einem winzigen Spalt wieder zu, bevor er durch ihn hindurch blickte und versuchte, in der Schwärze der Nacht etwas zu erkennen.

„Wer ist denn da?“

Vor der Tür stand eine vermummte Gestalt. Ein dunkler Mantel war weit über das Gesicht gezogen, sodass der zuckende Lichtschein des Feuers den Anschein erweckte, es handele sich eher um einen Geist als um einen Menschen. Für einen Moment hielt Lorn bei diesem Gedanken die Luft an. Konnte es sein? Hatte diese Nacht noch andere Wesen geweckt, die auf der Suche nach ihm waren?

Unsinn! Sein Kopfschütteln blieb unbemerkt. Er wagte es, die Tür noch ein Stück weiter zu öffnen, sodass er die Umrisse einer Waffe, eines Messers vermutlich, am Gürtel des Vermummten ausmachen konnte. In der linken Hand umklammerte er ein schäbig wirkendes Bündel, das genauso durchnässt war wie der Rest seines Körpers. Lorns Misstrauen erwachte. Unwillkürlich glitt seine Hand an den eigenen Axtgriff, bevor er noch einmal deutlicher wiederholte: „Wer seid Ihr?“

„Gibt es in einer solchen Nacht Einlass für einen friedlichen Wanderer?“ Mit diesen Worten machte die Gestalt einen Schritt vor und zog sich den Mantel vom Kopf. Widerwillig wich Lorn zurück. Seine Hand zuckte bereits dazu, die Tür vor dem Fremden zuzuschlagen, doch er hielt sich zurück und starrte in das fremde Gesicht, von dem er nicht sagen konnte, ob es Vertrauen weckte oder Gefahr brachte.

Der Fremde war jung, deutlicher jünger, als Lorn zunächst vermutet hatte. Zwanzig vielleicht, womöglich jedoch etwas älter. Die ernsten Züge, die von den Jahren gezeichnet waren, machten es dem alten Fischer schwer, eine sichere Entscheidung zu treffen. Auf den ersten Blick hätte er ein gewöhnlicher Altersgenosse seines jüngsten Sohnes sein können. Doch ein Detail machte alle Verallgemeinerung zunichte.

Zwei Augen sahen ihn an. Eines müde, die Farbe war nicht zu sagen, das andere jedoch von einer weißen Haut überwachsen. Blind mochte man annehmen. Doch je länger Lorn den Fremden anstarrte, desto mehr schien es ihm, als beobachtete ihn dieses genauso wie das Lebende. Schlimmer noch, als dränge es in ihn ein, durch seine Haut tief in seine Seele, von keiner Barriere der Natur zurückgehalten. Unwillkürlich jagte dem Alten ein Schauer über den Rücken. Er war versucht, den jungen Mann einfach davonzujagen und die Tür zuzuschlagen, doch irgendetwas – er wusste es selbst nicht – hatte seine Glieder erstarren lassen. In seinem Zwiespalt gefangen hörte er nur, wie der Fremde sagte, müde, menschlich: „Bitte! Ich verspreche Euch, dass ich keine bösen Absichten hege! Gewährt Ihr mir in einer solch ungemütlichen Nacht Unterkunft? Nur bis zum Morgen?“

Alter Glanz

Die Männer waren allein. Erstes Morgenlicht hing über dem Strauchdickicht, dessen Äste knackten und krachten, während sie sich immer wieder in den Mänteln und Haaren der Reiter verfingen. Die kahlen Gehölze schienen in Spott über die Reisenden verfallen, belachten krachend und ächzend ihre Waffen, mit denen sie sich mühsam Durchlass verschaffen mussten. Mit der weichenden Nacht wurden die Schatten sichtbar, die die lange Reise in den Gesichtern der Krieger hinterlassen hatte. Und je länger sie einander ansahen, desto weniger wussten sie, ob ihr Ziel all diese Mühen wert war.

Fluchend trat Fewiros eine morsche Wurzel beiseite, nachdem er beinahe über sie gestolpert wäre. Das Pferd, das er an einem Strick hinter sich her führte, schnaubte nervös und folgte nur unwillig seinem Herrn über den unwegsamen Pfad, den sie schon seit letztem Abend beschritten. Und er schien kein Ende zu finden. Nein, es sei zu gefährlich, die großen Handelsrouten zu bereisen, hatte der Bote gesagt. Man würde misstrauisch werden. Und die Gefahr, umherstreifenden Spähern zu begegnen, sei auch auf den wenig genutzten Hirtenpfaden noch groß genug. Unbemerkt eine solche Reise auf sich zu nehmen, sei eben schwierig dieser Tage, wo keiner dem anderen mehr vertrauen könne.

Fewiros, der im Osten des Siedlungsgebiets Herr über eine eigene Festung war, hatte sich an die Nachrichten einflussreicher Männer gewöhnt. Er hatte jedoch eingestehen müssen, dass er den Namen jenes Mannes, dessen Bote ihn vor acht Tagen erreicht hatte, gar nicht gekannt hatte. Nur vom Hörensagen hatte Fewiros erfahren, dass es sich wohl um den Spross einer alten Schamanensippe handeln musste – so greis, dass er längst bei seinen Ahnen eingekehrt sein sollte. Umso mehr fragte sich der Bärenjäger demnach, weshalb man ihn in aller Heimlichkeit treffen wollte. Zumal der Schamane nicht einmal den Bärenjägern angehörte.

Alles Spekulieren nutzte Fewiros jedoch nichts. Der Heerführer hatte dem Boten die Wichtigkeit seines Anliegens geglaubt und sich auf die Reise begeben. Nun war es zu spät für eine Umkehr, und seine Geduld war aufgezehrt. Wie sollte man mit Pferden einen solchen Weg denn in aller Heimlichkeit begehen? Gerade jetzt, so spät im Jahr, wo die Luft nach Schnee roch und die Welt ohnehin viel stiller schien als sonst …

Auf einmal endete der Hirtenpfad vor einer Wand aus Strauchdickicht. Fluchend brachte Fewiros sein Pferd zum Stehen. Er wollte seinen Männern bereits verkünden, dass sie hier nicht weiter konnten, als sich plötzlich die Wolkendecke lichtete und in blasse Sonnenstrahlen getaucht zwischen den Ästen das Ziel ihrer Reise erschien.

Unwillkürlich stockte dem Heerführer der Atem. Wie die Decke einer Halle waren die Wipfel der Bäume über einer Lichtung in sich zusammengewachsen, die nur wenige Dutzend Fuß lang den Blick auf den Himmel freigab. Ein einziger, gewaltiger Baum war vom Zorn der Geister aus dem Boden gerissen worden und lag vor ihnen entwurzelt im kalten Morgenlicht.

Als der Heerführer sein Pferd an einen Baum band, konnte er den Blick nicht von dem Baumriesen lassen, der, von der Macht der Elemente gefällt, vor sich hin moderte. Es war eine Eiche, der Baum des Donnergottes. Wenn der Donnerer selbst seinen eigenen Schützling aus der Erde riss, musste sein Zorn unermesslich gewesen sein.

„Das ist kein gutes Zeichen“, sprach einer der Krieger Fewiros’ Gedanken aus. „Warum lädt uns ein Schamane ausgerechnet an einen solchen Ort?“

Der Heerführer enthielt sich einer Antwort. Wir werden sehen, dachte er lediglich und trat einige Schritte auf die Lichtung hinaus. Hoffentlich ließ der alte Mann sich nicht allzu viel Zeit. Lange wollte er an einem solchen Platz nicht ausharren. Zumal es Fewiros plötzlich schien, als hätte die Stimme des Waldes an Kraft gewonnen. Das leise Rascheln im Laub, das Raunen der Bäume, alles schien so unendlich nah, als wäre er selbst nur Kriechgetier irgendwo im Unterholz.

Auf einmal krachten Äste auf der anderen Seite der Lichtung. Fewiros wirbelte herum, als erwartete er einen schier göttlichen Feind. Doch die Gestalt, die langsam ins Licht hinaustrat, war ebenso menschlich wie er selbst. Womöglich war er einer der ältesten Männer, denen Fewiros je begegnet war. Noch hatte das Alter ihn nicht gebeugt, aber seine Züge eingefurcht. Die Autorität seines Standes ließ Fewiros zunächst zurückweichen. Als er jedoch in seinem Gesicht kaum eine der Spuren sah, die der Kontakt mit den Göttern normalerweise hinterließ, erwachten in Fewiros erste Zweifel an dessen Fähigkeiten. Er musste sich zusammenreißen, um dem Schamanen noch mit dem nötigen Respekt zu begegnen. Denn auch bei allem Verdruss musste man sich keinen Götterdiener zum Feind machen.

„Ich grüße Euch!“, begann er knapp, während er auf den alten Mann zulief. „Ich bin sehr gespannt, aus welchem Grund Ihr uns so spät im Jahr noch diese Reise zugemutet habt. Was gibt es zu besprechen?“

Der Alte begegnete dem Heerführer lächelnd. Die wissende Ruhe, die er wie einen Umhang um sich gelegt hatte, steigerte Fewiros’ Unruhe. Und es ärgerte den Heerführer, dass der Schamane mit ihm spielte, als wäre er ein kleiner Junge. Ohne Eile entgegnete der Mann: „Es ehrt Euch, Fewiros, dass Ihr meiner Botschaft die nötige Wichtigkeit zugemessen habt und gleich aufgebrochen seid. Ich war bereits in Sorge, noch einen zweiten Reiter aussenden zu müssen.“

„Tut uns beiden den Gefallen und kommt zur Sache. Ich will nicht länger in diesen Wäldern bleiben als nötig!“

„Nun gut.“ Der Mann hob beschwichtigend die Hände. „Es hat einen besonderen Grund, dass ich unseren Treffpunkt genau hier gewählt und auf solche Geheimhaltung bestanden habe. Wenn ich die Zeichen richtig deute, befinden wir uns vielleicht alle schon in großer Gefahr.“

Fewiros zog fragend die Augenbraue in die Höhe.

„Wie es scheint, haben die Götter einen alten, fremden Fluch in unser Land zurückgebracht. Ich wende mich an Euch, Fewiros, denn ich muss gestehen, wenn Ihr mir keinen Glauben schenkt, weiß ich nicht mehr, an wen ich mich wenden soll.“

Nun war der Heerführer ehrlich überrascht. Mit großen Augen hakte er nach: „Ich? Ich, der ich Euren Stamm kaum kenne? Was ist Euer Anliegen, dass Rowilan Euch nicht helfen kann? Bis ein neuer Fürst gewählt ist, bleibt er Oberhaupt unseres Stammes. “

„Leider macht es keinen Sinn, mit ihm zu reden“, seufzte der Alte. „Ich habe es versucht, ohne ihn jedoch einzuweihen. Er wird mir nicht helfen, dafür hört er viel zu sehr auf die Meinung dieses Jungen …

Der Junge. Innerlich begann Fewiros schadenfroh zu lächeln. Rowilans neuer Schüler! Der große Seher, Aigonn, der Sohn des Utilain. Fewiros hatte ihn selbst nur einmal gesprochen und musste sich eingestehen, dass er ihm von den Erzählungen her sogar ganz sympathisch erschienen war. Doch im Laufe der Zeit war es zur Gewissheit geworden, dass er Rowilan enttäuschen würde. Der Schamane hatte ja nicht hören wollen.

Ein leises Räuspern des Alten brachte Fewiros’ Gedanken zum eigentlichen Thema zurück. Er war überrascht, dass ausgerechnet dieser Aigonn den alten Schamanen daran gehindert haben sollte, Rowilan von einer so wichtigen Nachricht zu überzeugen. Auch wenn es nicht unmöglich war, so naiv wie Rowilan sich gab. Der Heerführer verschränkte die Arme ineinander, fragte aber im selben Atemzug: „Dann sprecht. Worum handelt es sich?“

Der Schamane antwortete nicht gleich. Sein Blick huschte über die Lichtung, als folgte er einer unsichtbaren Gestalt, die nur er allein bemerkt hatte. Fast zeitgleich jedoch frischte der Wind auf. Fewiros versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er erschauerte. Der Alte blickte noch immer ins Leere, als er begann: „Ihr könnt es doch sehen, Fewiros. Der Donnerer ist erzürnt. Jedes Jahr, werdet Ihr sagen, kommen die Herbststürme. Aber dieser Baum ist noch in diesem Sommer aus der Erde gerissen worden, von einem Blitz gespalten. Er warnt uns. Und ich fürchte, außer mir sieht niemand, wovor. Denn sie sind alle zu jung, um gesehen zu haben, was wiedergekehrt ist. Der Schatten eines Vermessenen, eines Gotteslästerers.“

Der Wind trug feine Rauchfäden über das Moor. Das kleine Talglicht, die sie aussandte, war beinahe bis zum Boden heruntergebrannt und hatte erste Rußflecken auf den alten Holzbohlen hinterlassen. Das Land schlief. Binnen einer Nacht war der Winter mit Schnee und tosendem Sturm über die hügelige Region hereingebrochen und hatte die Natur in kurzer Zeit mit einer weißen Decke überzogen, die sie geschützt ruhen ließ – bis zum nächsten Frühling.

Würde er nicht immer wieder seinen eigenen Atem als Nebelwolken im Wind zerstäuben sehen, hätte Rowilan geglaubt, auch er wäre in der klirrenden Kälte zur Statue erstarrt. Zusammengekauert unter zwei Schaf- und einem gewaltigen Bärenfell harrte der Schamane auf dem Bohlenweg ins Rote Moor aus. Der Schnee hatte die Haare der Felle durchnässt, der Frost sie wieder gefrieren lassen, sodass er schneebedeckt wie unter einem Eispanzer dasaß, regungslos, und abwartete – immer noch.

Eigentlich war es die Aufgabe eines siedlungshöchsten Schamanen, mit dem ersten Schnee einen Ort aufzusuchen, an dem die Grenze zwischen dieser und der Anderen Welt, Heimat der Seelen, Götter und Geister, verschwindend dünn wurde. Dort galt es auszuharren, einen Tag, eine Nacht lang, vielleicht noch länger, und auf die Stimmen der Sturmgeister zu hören. Nur mit dem ersten Schnee war ein Schamane in der Lage, aus den Stimmen der Geister zu hören, wie hart dieser Winter würde, wie viele Opfer sie würden erwarten können, wie viele Alte, Kinder, Kranke er dahinraffen würde. Es war das stetig wiederkehrende, eiserne Gesetz der Natur, dem sich keiner von ihnen entziehen konnte. Am wenigsten Rowilan.

Mit diesen Gedanken im Sinn war der Schamane zum Roten Moor geritten. Seit der Dämmerung des vergangenen Tages saß er nun hier auf dem Bohlenweg, vor ihm ein gewaltiges Moorauge, dessen Wasser von einer feinen Schicht Eis überzogen war. Doch je mehr die Kälte durch Felle und Kleidung gedrungen war, mit der Nässe von oben, dem Frost von unten, desto mehr hatte er die Stimmen der Sturmgeister aus den Ohren verdrängt und sich stattdessen in den Bildern der Vergangenheit verloren. An diesem Ort waren sie lebendiger als an kaum einem anderen.

Die Grenzen waren an diesem Ort dünn wie eh und je. Egal was er wollte, unbarmherzig drängte sich wieder eine Erinnerung vor sein inneres Auge, ein Abend im Sommer, wenige Tage vor der Sommersonnenwende. Es war seitdem noch kein halbes Jahr vergangen, doch es fühlte sich an wie Jahrzehnte. So viel war geschehen. So viel, vor dem Rowilan sich seither gefürchtet hatte.

Für einen kurzen Moment schien es, als stieße das bleiche Gesicht eines Mannes von unten gegen die Decke aus Eis. Der Blick zweier Augen berührte Rowilan weniger als einen Herzschlag lang, doch es genügte, um den Schamanen aus seiner Starre zu befreien.

Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. Sie zitterten so sehr vor Kälte, dass er kaum hervorbrachte: „Ich habe dich nicht vergessen, alter Freund.“

Behlenos. Dieser Name schwebte über dem Moor. Seit besagtem Abend zerfraß er Rowilan von innen, ganz langsam. Es war eine neue Schuld, die sich einer viel älteren angeschlossen hatte. Wieder ein Mensch, den er nicht hatte retten können. Wieder ein Leben, für das er nicht mehr hatte tun können, als seine Seele sicher in die Andere Welt zu geleiten.

Behlenos war Fürst der Bärenjäger gewesen. Rowilan verfluchte den unsäglichen Krieg aufs Neue, in welchem man ihn hier, im Roten Moor, den Göttern zum Opfer hatte machen wollen und es dem Schamanen um ein Haar gelungen wäre, das Unglück zu verhindern. Behlenos’ Tod war gesühnt worden. Er war gestorben, um Rowilan und eine Frau zu retten, die sie danach alle verraten hatte.

Der bittere Geschmack, den dieser Gedanke in seinem Mund hinterließ, war kaum auszuhalten – noch schlimmer, da die Entscheidung dieser Frau für ihn völlig nachvollziehbar war. Anation, Haelinon, wer immer sie sein mochte. Die, die alles verändert hatte.

Alles hatte mit dem Vorabend einer Schlacht begonnen. Die Lage war so verzweifelt gewesen, dass Rowilan und Behlenos eine Entscheidung getroffen hatten, die einem Alptraum entsprungen schien. Nichts hatte den Zorn der Götter mehr besänftigen können – außer dem Leben eines Menschen. Sie hatten diesen Beschluss ihren Leuten verkündet. Und noch in derselben Nacht hatte eine junge Frau sich freiwillig dazu bereit erklärt, ihr Leben den Göttern hinzugeben. Sie hatte gewusst, dass ihre Seele dafür belohnt werden würde. Wie weit man nach so vielem Zureden mancher älterer Krieger noch von freiem Willen sprechen konnte, mochte dahingestellt bleiben. Viel entscheidender jedoch war, welches Ereignis sich diesem angeschlossen hatte.

Sie war wiederauferstanden. Noch in derselben Nacht. Was Rowilan zu diesem Zeitpunkt, da er nur froh über die Rettung seines Stammes gewesen war, nicht hatte ahnen können, war der Umstand, dass eine fremde Seele sich dem Körper des Opfers bemächtigt hatte. Die Seele einer großen Schamanin, einer Mutter, die ihr verstoßener Sohn über Jahre wie im Wahn gerufen hatte, um sie zur Rede zu stellen. Sieben junge Menschen hatte er dafür in den Tod getrieben, ihren Stamm in einen Krieg, der ihnen allen den Untergang hätte bringen können.

Niemand hatte gewusst, dass er längst erfolgreich gewesen war. Dass die junge Frau eine andere gewesen war als die Verstorbene. Niemand, mit einer Ausnahme.

Es war viel seit diesen Tagen geschehen. Viel mehr, als Rowilan lieb gewesen wäre. Der Schamane vertrieb die Gedanken daran. Ihm stand genug bevor, was ihm Sorgen bereiten sollte. Die Trauer um die Kriegstoten und ihren verstorbenen Fürsten hatte den Bärenjägern den alten Bräuchen nach einen Aufschub verschafft, um alle Rituale zu begehen, die Toten zu begraben und die fast völlig zerstörte Siedlung wieder bewohnbar zu machen. Die Monate jedoch waren schnell verstrichen und nun – so lange Rowilan es auch gern hinausgezögert hätte – galt es, die alte Ordnung wiederherzustellen und einen neuen Fürsten zu wählen.

Dieser Gedanke allein hätte den Schamanen in den Wahnsinn treiben können. Es war notwendig, fast wichtiger als der Neuaufbau der Siedlung, doch trotz allem hätte dieser Augenblick ferne Zukunft bleiben können. Rowilan kam sich selbst lächerlich vor, als er darüber nachdachte, wie willkommen er am vergangenen Abend den Schnee geheißen hatte. Immerhin versprach dieser eine weitere Pause. Nur die Wahnsinnigen reisten bei solchem Wetter. Und von Menschen dieser Sorte kannte der Schamane im Grunde nur einen einzigen, von dem er hoffte – so aussichtslos diese Hoffnung auch war –, dass er wenigstens Unterschlupf gefunden hatte, wenn auch längst nicht das Ziel seiner Reise.

Behlenos lächelte sacht. Seine Gestalt unter dem Eis war deutlicher geworden. In Rowilans Augen passte dieses Bild in das widersprüchliche und zugleich vollkommen stimmige Wesen dieser Welt. Denn die Leiche des Toten, der von diesem Bohlenweg ins Moorauge gestürzt war, hatte bis zu diesem Tag noch niemand finden können und im Grunde wollte sie auch kein Bärenjäger den Göttern und ihrem heiligen Ort entreißen. Der Blick des verstorbenen Fürsten verriet Beistand. Es tat Rowilan gut zu wissen, dass Behlenos seine Ansichten scheinbar unterstützte. Dieser Tage gab es niemanden, dessen Wort er so hoch geschätzt hätte, wie das seines Fürsten. Des Mannes, der immer sein Fürst bleiben würde, ganz egal was die neue Wahl entscheiden würde.

Mit einer scharfen Windböe erlosch das Talglicht vor Rowilans Füßen. Es wurde Zeit, nach Hause zu reiten.

„Ich werde versuchen, in deinem Sinne zu handeln, alter Freund, zu jeder Zeit, wann immer ich in der Lage bin. Das verspreche ich dir!“ Mit diesen Worten verblasste Behlenos’ Gestalt unter dem Eis und kehrte zurück in die Schwärze des Moorauges.

Es war wie ein Traum. Obwohl die Bärenjäger schon vor dutzenden Tagen die Arbeiten begonnen hatten, glaubte Rowilan bei jedem Mal, da der kürzlich entwaldete Hügelhang hinter dem angrenzenden Tal der Rur erschien, es wäre nur eine dunstige Vision, die er da sah. Eine Utopie, die so schnell niemals hätte geschaffen worden sein können. Schon gar nicht unter seiner Anleitung.

Niemand hatte lange rasten können, als in diesem Sommer die Kriegstoten begraben worden waren. Die Eichenleute, jener Stamm, der den Bärenjägern noch immer mit einer bedeutenden Übermacht überlegen war, hatte die große Siedlung, die Herrschersitz des Behlenos in den Uferauen der Rur gewesen war, fast bis zur Unbewohnbarkeit zerstört. Rowilan selbst, der als oberster Schamane bis zur Wahl eines neuen Fürsten die Führung des Stammes übernommen hatte, war mit den Ältesten zu dem Entschluss gekommen, dass ein neuer Standort würde gefunden werden müssen, wenn ihre Siedlung weiterhin die zentrale Position unter den Bärenjägern spielen wollte – und damit den Fürsten würde stellen können.

Aus diesem Grund hatte der Schamane die nahen Wälder aufgesucht. Allein die Götter und Geister hatte er um Rat gebeten, ein gewaltiges Opfer aus mehreren Schweinen gebracht und danach beinahe einen gesamten Hang oberhalb des Rur-Tales roden lassen.

Nun schimmerte das Skelett erster Wallanlagen durch den Nebeldunst des frühen Morgens. Da die Bärenjäger die Arbeit in der Erwartung begonnen hatten, die Siedlung niemals vor dem anbrechenden Winter fertigzustellen, hatte man sich besonders auf die Verteidigungsanlagen konzentriert. Hoch gelegen auf der abgeflachten Kuppe einer Anhöhe und nach zwei Seiten von schwer zugänglichem Wald und Gelände umgeben, würde man diese Siedlung nicht annähernd so schnell einnehmen können wie die alte. Dieses Ziel hatte Rowilan sich gesetzt und er spürte, dass es ihm gelingen würde. Wenigstens dies.

Die Siedlung hingegen schien noch immer die dunklen Schatten anzuziehen, die die vergangenen Monate des Krieges hinterlassen hatten. Stimmen, Namen, die Geister so vieler Verblichenen schienen Rowilan zu verfolgen, obwohl er wusste, dass er ihre Seelen in die Andere Welt hatte leiten können. Vielleicht waren es die Erinnerungen, die wie ein Fluch über dem Ort lasteten und den Schamanen allmählich zweifeln ließen, an was er noch glauben sollte.

Der Wachposten grüßte seinen zeitweiligen Herrscher mit einem kurzen Nicken, bevor von innen entriegelt und danach das Tor geöffnet wurde. Wahrlich, im Vergleich zu dem, was Rowilan schaffen wollte, war dieses Dorf nur ein primitiver Stützpunkt, ein Stück Vergangenheit, das endlich zurückgelassen werden musste und demnach auch nur provisorisch wieder hergerichtet worden war.

Rowilans abseits gelegenes Haus zählte zu den wenigen Gebäuden, die den letzten großen Angriff weitgehend unbeschadet überstanden hatten. Versonnen glitt die Hand des Schamanen über das lehmverkleidete Flechtwerk, während er sein Pferd in Richtung der Stallungen führte. Nachdem er es dort mit frischem Heu versorgt hatte, wollte er gerade die Tür zum Wohnraum aufdrücken, als ihn eine Stimme aus Richtung der Siedlung innehalten ließ.

„Rowilan!“

Der Schamane wandte sich um. Im Grunde brauchte er nicht hinzusehen.

Der junge Mann, der sich näherte, war Rowilan bekannt, seit er auf eigenen Beinen gehen konnte. Aus diesem Grund lächelte der Schamane freundlich, als er sich zu Bral umdrehte und umso mehr, als er seine Begleitung erkannte.

Bral war ein junger Krieger von kaum zwanzig Jahren. Mit seinem kurz geschorenen Haar und dem unregelmäßigen Bartwuchs wirkte er an manchen Tagen noch wie ein Halbwüchsiger, obgleich die unzähligen Narben an seinem Körper bewiesen, wie viel er in seinem kurzen Leben bereits geleistet hatte. Ein feines Strahlen blitzte in seinen Augen auf, während sein Schritt an Tempo gewann und er gemeinsam mit seiner Begleitung zu Rowilan aufschloss.

„Rowilan! Du bist spät! Das halbe Dorf wartet auf deine Rückkehr, als ob dir die Götter persönlich erschienen wären. Was hast du ausfindig machen können?“

„Woher willst du wissen, dass es nicht so gewesen ist?“, fragte der Schamane ungerührt. Obwohl er bemüht war, es sich nicht zu deutlich anmerken zu lassen, haftete sein Blick auf Brals Begleitung und brachte damit ungewollt den Ernst der Lage zurück.

Efoh war reif geworden binnen dem vergangen halben Jahr. Der jüngste Sohn der verstorbenen Moribe und Bruder von Aigonn war schnell von den äußerlichen Wunden der Schlacht genesen. Der stille Ernst jedoch, der ihn seitdem umgab, zeugte von einer Verletzung, die mehr Zeit brauchen würde, als Brand- und Schnittwunden. Er war erwachsen geworden, viel zu schnell.

Auch heute grüßte der junge Mann nur kurz. Die unausgesprochenen Gedanken, die auf einmal zwischen den drei Kriegern hingen, trübten letztendlich Brals heitere Stimmung, sodass er deutlich ernsthafter nachhakte: „Nein, wirklich: Hast du etwas ausfindig machen können? Irgendeinen Hinweis auf den kommenden Winter?“

Überall dieselbe Angst. Rowilan fragte sich manchmal, wie sie alle es nur ertragen konnten. Immerhin hatten die Generationen gezeigt, dass die Bärenjäger zäher waren, als es viele vor ihnen geglaubt hatten. Anstatt die beiden Männer jedoch an diesen Gedankengängen teilhaben zu lassen, nickte Rowilan nur kurz in Richtung seiner Tür und forderte sie beide auf: „Kommt rein.“

Das Haus empfing Gäste und Bewohner mit dem vertrauten Duft nach getrockneten Kräutern, leichtem Rauch und Nadelholz. Der Wind pfiff leise durch den Rauchabzug. Rowilan bemerkte mit Unmut, dass sich um seine Feuerstelle eine schmelzende Schneeschicht gebildet hatte, die im Laufe der Nacht durch das Loch im Dachfirst hereingetragen worden war. Unwirsch stieß er das feuchte Holz mit dem Fuß beiseite, bemüht darum, die Asche nicht zu sehr auf den Strohmatten am Boden zu verteilen, bevor er es durch frisches ersetzte und mit einem Feuerstein neue Glut anfachte.

„Setzt euch.“ Die Aufforderung war rhetorisch. Das kleine Haus bot kaum genug Platz, dass zwei Menschen vor den Möbeln, Körben und Tonkrügen stehen könnten, ohne einen dritten zu behindern, der neben ihnen herlaufen musste. Aus diesem Grund ließen Bral und Efoh sich auf den Schemeln neben dem kleinen Esstisch nieder, bevor Rowilan sich ihnen gegenüber auf die Bettstatt setzte. Obgleich das Holz in der Herdstelle bereits wieder anglühte und Rowilan vergangene Nacht sein Feuer vor seiner Abreise noch einmal angefacht hatte, war es im Inneren kaum wärmer als draußen. Der Atem der Männer verwandelte sich in feine Nebelschwaden, während Rowilan den Geruch kalten Rauches einsog.

„Es gibt wenig zu berichten“, begann er. „Die Sturmgeister haben keine klare Botschaft verlauten lassen, aber aus ihrem Übermut schließe ich, dass uns anstrengende Monate bevorstehen.“

Im Grunde hätte er den beiden jungen Männern auch erzählen können, dass er nicht wirklich bei der Sache gewesen war. Doch was würde es bringen? Er hatte nichts Brauchbares erfahren, dies war die Wahrheit. An dem forschenden Blick, den Efoh ihm zuwarf, war erkenntlich, dass Aigonns Bruder diesen Umstand längst wahrgenommen hatte. Immerhin waren Stürme zu Beginn des Winters hoffnungsvoller als die todbringende Stille, mit welcher im vergangenen Jahr der erste Schnee und die unheilvolle Kälte gekommen waren, die fast bis zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche angehalten hatten. Bral schien Rowilans Gedanken zu teilen, als er aussprach:

„Hoffen wir, dass dieser Winter genauso schnell vorüber geht, wie er begonnen hat. Die Vorräte, die Vater über den Herbst zusammengetragen hat, sind fast zu einem Drittel in der Nässe weggefault. Mutter weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.“

Rowilan presste freudlos die Lippen aufeinander. „Die nächsten Monate werden für uns alle nicht einfach werden. Hoffen wir, dass noch ein paar letzte Händler den Weg hierher finden. Es wird sich ja allmählich herumgesprochen haben, dass wieder Frieden herrscht.“

„Sicher?“ Bral hatte sich mit einem Ellbogen auf der Tischplatte aufgestützt und kratzte sich mit den Fingern nachdenklich am Hinterkopf. „Wenn man den Männern Glauben schenken mag, die vor einem halben Mondlauf hier gewesen sind, erzählt man sich im Süden noch die kühnsten Horrorgeschichten über diese Region. Mach dir nicht zu viele Hoffnungen!“

Rowilan atmete hörbar aus. „Geredet wird viel. Auch wenn sie nicht so viel abzugeben haben, hoffe ich auf unsere Freunde aus den nördlicheren Ländern. Ich habe dem Fürsten der Stromfischer erst vor kurzem einen Boten mit einer Einladung geschickt, die er laut dessen Aussage auch freudig empfangen hat. Wenn der Winter nicht mit allzu voller Kraft einkehrt, bringt man uns vielleicht noch ein paar Gastgeschenke so spät im Jahr.“

Es war sonderbar. Alles, was Rowilan sagte, was er tat. Es fühlte sich so falsch an, auf seiner Bettstatt zu sitzen, den Rücken gegen einen regalartigen Aufbau gelehnt, und die Worte zu sagen, die Behlenos hätte aussprechen müssen. Er war nie ein Fürst gewesen, hätte nie einer werden sollen. Während er sein Leben lang damit verbracht hatte, der Welt der Geister und Götter näher zu kommen, als es einem Menschen gut tat, musste er sich nun mit den rein menschlichen Dingen befassen, den vielen kleinen Problemen, die so schnell zu ungeahnter Größe heranwachsen konnten.

Erst als der Schamane Efohs durchdringenden Blick auf sich spürte, fiel ihm auf, dass er einen Herzschlag lang zu Boden gestarrt hatte, die Gedanken weit entfernt bei all den Sorgen, denen er sich am liebsten entzogen hätte. Bral hatte gerade den Mund geöffnet, um ihre Unterhaltung weiterzuführen, als ein Klopfen ihn jäh zum Verstummen brachte.

„Herein!“ Rowilan setzte sich auf und straffte seine Haltung. Er erwartete niemand bestimmtes, weshalb er umso erstaunter war, dass ausgerechnet der Wachposten vom Tor eintrat, nur um zu sagen: „Ihr habt Besuch, Rowilan. Ein Bote erwartet Euch in der Ratshalle. Besser Ihr beeilt Euch. Der junge Herr scheint nicht viel Zeit mitgebracht zu haben.“ Die Missbilligung in der Stimme des Kriegers gab Rowilan eine Ahnung, was ihn erwartete und machte ihn umso misstrauischer, als er nachhakte: „Wer hat ihn denn geschickt?“

„Fewiros.“

Der Fremde

Aigonn fühlte sich wie ein Aussätziger, ein fremdartiges Tier. Dabei war er im Grunde nicht unglücklich über seine momentane Lage: Zwei Decken und ein Schafsfell umhüllten seinen ausgekühlten Körper, während die Hitze eines Bechers voll Tee langsam neues Leben in seine Arme und Hände pumpte. Bis auf das Wolltuch, mit dem er seinen Unterleib vor der Kälte zu schützen pflegte, saß er nackt unter den trockenen Decken. Jederzeit hätte er sich der Müdigkeit hingeben können, die wie ein böser Geist an seinen Augenlidern zerrte, wären da nicht die verstohlenen Blicke, die ihn immer wieder wie Lanzen trafen.

„Schmeckt Euch der Tee nicht?“ Eine schüchterne Frauenstimme bestätigte ihm, dass er noch immer unter Beobachtung stand. Die schlanke Frau Anfang der Vierzig, die Aigonn gemeinsam mit ihrer Familie empfangen hatte, saß ihm gegenüber auf der entgegengesetzten Seite des Herdfeuers, einen eigenen Becher Tee in der Hand. Kurz nach seiner Ankunft hatte sie das Feuer geschürt. Während Aigonn die wohlige Wärme anfangs willkommen geheißen hatte, erschien sie ihm nun mehr wie ein zuckendes Schild, das die Hausherrin vor diesem Fremden beschützen sollte, der sie mitten in der Nacht durch den Sturm heimgesucht hatte. Der Gedanke hinterließ einen faden Nachgeschmack in seinem Mund, doch er war sich allmählich sicher, dass zumindest die Hausherrin die Entscheidung ihres Mannes bereute, Aigonn überhaupt eingelassen zu haben.

Ihr fragender Blick erinnerte ihn daran, dass er ihr eine Antwort schuldig war. Verspätet versicherte Aigonn ihr: „Doch, natürlich! Ich … warte nur, bis er ein wenig abgekühlt ist.“

Sie nickte langsam und nippte an ihrem eigenen Getränk. Abgesehen von der Hausherrin hatte noch eine kleine Familie Unterschlupf in diesem Haus gesucht. Das Ehepaar mit seinen drei Kindern war im Laufe der Nacht auf dreien der zahlreichen Bettstätten zur Ruhe gekommen, welche die Wände rund um das Herdfeuer säumten. Aigonn vermutete in der jungen Mutter die Tochter des Besitzers, sicher war er sich jedoch nicht.

Letzterer war kurz nach Aigonns Ankunft nach draußen in den Sturm verschwunden, um den benachbarten Höfen zur Hilfe zu eilen. Aigonn hatte den Widerwillen spüren können, mit welchem der Hausherr seine Familie allein mit dem Fremden zurückgelassen hatte. Es war scheinbar der einzige Grund, warum die übermüdete Frau selbst noch nicht schlafen gegangen war. Natürlich misstraute man ihm. Allein wie man sein erblindetes Auge musterte, sprach Bände.

Aigonn zwang sich dazu, den Blick zu senken, während er an seinem Tee nippte. Eigentlich hatte er sich auf einen solchen Moment vorbereitet geglaubt. Seit drei Monaten reiste er allein, hatte nur selten die Gastfreundschaft fremder Stämme in Anspruch genommen, war aber dabei immer auf Menschen gestoßen, die wenigstens Rowilan oder Behlenos mit Namen kannten. Das Handelsnetz seines Volkes reichte weit. Nun aber, so weit wie er nach Norden vorgedrungen war, war er nur noch ein Fremder, in den Augen der Bewohner vielleicht verzweifelt, wahnsinnig. Ihm war bewusst, dass die wenigsten verstanden, warum jemand zu Anfang des Winters noch immer auf Reisen war und das so fern seiner Heimat. Er versuchte, den Menschen hier das Misstrauen nicht zu verübeln.

Eine scharfe Windböe vertrieb die unangenehme Stille, als eine Gestalt die Tür des Langhauses aufriss, sich so schnell wie möglich hinein flüchtete, um gleich wieder Wind und Unwetter auszusperren.

Augenblicklich sprang die Hausherrin auf. Noch bevor Aigonn das Gesicht des Mannes erkennen konnte, hatte sie ihm den durchnässten Mantel abgenommen, um ihn zu Aigonns Kleidern nahe ans Herdfeuer zu hängen.

Lorn war sein Name, erinnerte sich Aigonn. Der Herr des Hauses hatte sich als einziger seinem ungebetenen Besuch vorgestellt, bevor er in die Nacht verschwunden war und zog nun erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, als er Aigonn noch immer am Herdfeuer sitzen sah.

„Ihr seid immer noch wach? Ich hatte geglaubt, Ihr würdet nach einer solchen Reise müde sein wie ein Stein.“

Du glaubst gar nicht, wie recht du hast! Beinahe hätte Aigonn diesen Gedanken laut ausgesprochen. Er entschied sich jedoch, mit mehr Höflichkeit auch größere Distanz zu erhalten und antwortete somit: „Ich wollte das Angebot Eurer Frau nicht ausschlagen, mir noch einen Tee zu bereiten. Die Mischung schmeckt sehr gut.“ Aigonn schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, sie jedoch wandte schnell den Blick ab und sah fragend zu ihrem Ehemann.

Dieser gab nur einen unverständlichen Laut von sich, bevor er seinen eigenen Becher mit dem dampfenden Getränk füllte und sich neben Aigonn am Herdfeuer niederließ.

Lorn mochte fünfzig sein, vielleicht sogar älter. Es fiel Aigonn schwer, aus dem Gesicht zu lesen, in dem die Jahre und das raue Wetter ihre Spuren hinterlassen hatten. Die halblangen, braunen Haare und der ebenso struppige Vollbart verliehen ihm fast den Eindruck eines Herumtreibers, was jedoch der breite, muskulöse Körper eine Lüge strafte. Eine dicke Narbe entstellte das Gesicht, zog sich über die Stirn unter einem der kleinen Augen entlang und endete schließlich auf der linken Wange. Ein Krieger, ein Familienvater.

Ein missbilligendes Grunzen unterbrach Aigonns Musterung jäh, sodass er entschuldigend den Blick abwandte. Bewusst starrte er auf die Oberfläche seines Tees, nahm einen Schluck und hörte dann, wie Lorn sich räusperte.

„Nun …, Aigonn …“ Die Art, wie er den Namen betonte, hob seine Fremdartigkeit in dieser Gegend hervor. „… heute Nacht sagtet Ihr, Ihr kämt von Süden und seid seit einigen Monaten auf der Reise. Wo genau seid Ihr zu Hause?“

Aigonn schluckte langsam das Getränk hinunter. Der untergründige Ton, der diesen Worten innelag, alarmierte ihn ungewollt, auch wenn er noch nicht sagen konnte, warum.

Zögerlich antwortete er: „Ich bin an einem Fluss namens Rur geboren, wenn Euch dieser Name etwas sagt.“ Zu Aigonns Überraschung zog Lorn erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. „Rur sagt Ihr? Kennt Ihr einen Mann namens … Veldegid?“ Er verschluckte sich beinahe an dem Namen, der in seiner Sprache mehr einer Unart als einer Personenbezeichnung nahezukommen schien. Nun aber war es an Aigonn zu staunen: „Ihr handelt so weit im Süden?“

„Manchmal, ja. Kennt Ihr ihn nun?“

Aigonn hielt inne, um zu überlegen. Der Klang dieses Namens erschien ihm in diesem fremden Dialekt merkwürdig vertraut, allerdings ohne dass er ihm ein Gesicht zuordnen könnte: „Man gibt Kindern bei uns solche Namen, aber ich kenne niemanden persönlich, der so heißt. Wer ist das?“

„Das spielt keine Rolle.“ Lorn war sichtlich enttäuscht. „Ein Händler eben. Ich habe ihm zwei Krüge auf dem Markt im Nachbarort abgekauft, sonst nichts.“

Nachdenklich verzog Aigonn den Mund. Er hatte geglaubt, die Leute hier hätten andere Sorgen als die Geschichten und Beweggründe eines Fremden.

„Aber … was genau führt Euch nach Norden?“, fragte Lorn weiter. „Ihr seht nicht aus, als seid Ihr zum Handeln hergekommen.“ Sein Blick haftete auf dem kopfgroßen Bündel, das Aigonn neben sich auf die Felle gelegt hatte.

„Sagen wir …“, Aigonn wusste nicht recht, wie viel er verraten sollte. „Ich suche die Familie eines Bekannten. Er ist vor einigen Jahren verstorben und ich suche nun seine Hinterbliebenen.“ Die Erklärung war gut, wenn auch weniger als die halbe Wahrheit. Lorn wirkte interessiert, jedoch nicht annähernd so sehr wie vorher. „Kommt dieser Fremde von hier?“, hakte er nach. Aigonn aber schüttelte nur den Kopf. „Man hat mir den genauen Ort seiner Geburt leider nicht sagen können, aber nach allem, was ich weiß, muss ich noch ein Stück weiter nach Osten, über … das Meer.“

Das letzte Wort formulierte Aigonn wie den Gegenstand einer Sage, einen Mythos. Die salzige Luft, die der Sturm hergetragen hatte, war ein Zeichen dafür, dass mehr Wahrheit darin verborgen schien, als Aigonn für möglich gehalten hätte. Er selbst konnte sich noch nicht vorstellen, dass ein See groß genug sein konnte, um bis an den Horizont nur Wasser zu sehen. Salziges Wasser zu allem Überfluss. Aigonn kannte Salzquellen aus seiner Heimat. Es handelte sich um winzige Bäche meist, deren Wasser schnell versickerte und im Umkreis besonders seltene Pflanzen anzog. Doch ein ganzer See, ein Meer voll Salzwasser? Das überstieg Aigonns Vorstellungskraft. Lorn jedoch lachte auf, laut genug, um eines der Kinder zu wecken, das sich verschlafen nach ihm umsah. Der alte Hausherr schien an Aigonns Verstand zu zweifeln, als er seine Aussage noch einmal wiederholen musste:

„Ihr … seid ernsthaft hergekommen, … um über das Meer zu fahren …? Jetzt? IM WINTER ?“ Lorn schien nicht glauben zu können, was er soeben gehört hatte. Lachend griff er sich an die Stirn, während er einen Teil des Tees auf seiner Hose verteilte.

„Man hat Euch des Verstandes beraubt, wie es scheint?“

Aigonn wusste nicht, was er davon halten sollte. Verunsichert blickte er zu der Hausherrin, als könnte diese ihm das Verhalten ihres Mannes erklären. Sie aber hatte sich gerade unter die Decken ihres Schlaflagers verzogen. „Ihr habt keine Ahnung, was Euch erwartet, oder?“

Fast unfreiwillig musste Aigonn ihm recht geben. Die Art, wie Lorn ihn vorführte, behagte ihm nicht im Geringsten, doch ihm fehlte es an Fantasie, um nachzuvollziehen, warum der alte Mann ihn so verspottete. Vermutlich handelte es sich doch um ein schwereres Vorhaben, als er gehofft hatte.

Die Art, wie Lorn ihn ansah, war fast väterlich, als er herzhaft gähnte und ihm dann versicherte: „Legt Euch jetzt schlafen, Aigonn. Wenn der Sturm bis heute Abend abgeklungen ist, werde ich Euch demonstrieren, worauf Ihr Euch einlassen wollt.“

Damit gähnte er ein weiteres Mal, erhob sich mit knackenden Gelenken und gab wortlos zu verstehen, dass er sich nun selbst schlafen legen wollte. Aigonn wusste nicht recht, was er tun sollte und beschloss zunächst, sich ebenfalls hinzulegen. Das Vertrauen, das man ihm soeben angeboten hatte, erschien ihm noch zu trügerisch. Zu viel Misstrauen und Ablehnung war ihm dafür bereits auf seiner Reise begegnet. Er fürchtete, dass er auch in diesem Haus keine Zuflucht finden würde.

Deshalb wartete er, hielt sich zwanghaft wach und spähte durch den Raum. Erst jetzt, da sämtliche Bewohner schliefen, bemerkte er eine junge Frau, die sich in den Schatten einer Hausecke gedrückt hatte. Obgleich ihr Gesicht im Dunkeln lag, wusste Aigonn genau, dass sie nicht schlief. Als er sich mit seinen Fellen und Decken etwas näher an die Wände mit den Vorratsgefäßen zurückzog und den Schatten des niedrigen Daches suchte, fühlte er ihren Blick wie ein heißes Schmiedeeisen auf sich ruhen. Vorsichtig sah er zu ihr. Für einen Moment war es so still im Haus, dass Aigonn leise Stimmen flüstern hören konnte, verschwommene Bilder. Das Langhaus war voll von Erinnerungen dieser Familie, die ihm auf eine fremdartige Weise Zuversicht vermittelten. Kindererinnerungen.

Ohne es zu merken hatte Aigonn das sehende Auge geschlossen und starrte mit dem weiß überwachsenen Augapfel in die Finsternis. Die junge Frau rührte sich nicht. Als könnte sie die fremde Macht spüren, die in diesem Moment nach ihr langte, sah er, wie sie sich versteifte. Einen Herzschlag lang glaubte Aigonn, einen Lichtfunken in der Dunkelheit aufglimmen zu sehen, dann verblassten alle Bilder so jäh, wie sie gekommen waren.

Als Aigonn erwachte, überkam ihn der Wunsch, sich niemals wieder von diesem Lager erheben zu wollen. Mit schweren Lidern blinzelte er in die Schatten ohne zu wissen, wo er sich befand und wie er an diesen Ort gekommen war. Leise Stimmen klangen durch den Raum in den hohen Dachstuhl hinauf: Man unterhielt sich murmelnd in einem Dialekt, der Aigonn zwar den Eindruck vermittelte, ihn verstehen zu müssen. In Wirklichkeit tat er es jedoch nicht.

Für einen Moment überlegte Aigonn, ob er die Augen nicht einfach wieder zufallen lassen sollte, um weiterzuschlafen. Einfach weiterschlafen.

Auf einmal riss er sie wieder auf. Schneller, als sein Verstand die wahre Natur der Sache identifizieren konnte, reagierte sein Körper bereits unbewusst auf ein Gefühl, nein, eigentlich nur eine Empfindung. Ohne sich dagegen wehren zu können, kroch ein Schauer seine Arme entlang. Er war nicht allein im Schatten des Daches. Eine Person verharrte in solch unmittelbarer Nähe, dass er fast reflexartig ein Stück beiseite krabbelte, sich auf die Hände stützte und gegen die Müdigkeit in das Zwielicht blinzelte. Nein, es war keine Person. Keine zwei Fuß über ihm schwebte eine Silhouette unter den Dachbalken. Es war nur der Schatten eines lebenden Menschen, eine Seele, die vielleicht vor Jahren gestorben war.

Augenblicklich war Aigonn hellwach. Wie von selbst blickte sein getrübtes Auge zur Seite, ungeachtet des Unversehrten, das noch immer die Müdigkeit nicht hatte abschütteln können. Die beiden in sich verschiedenen Bilder, die Aigonn erreichten, verschwammen zwischen schimmernden Farben und dem Grau der Wirklichkeit, bevor Aigonn das sehende Auge schloss und alle Konzentration aufbrachte, die ihm so unmittelbar nach dem Aufwachen zur Verfügung stand.

Die Seele selbst war weniger als ein Schatten. Wie Nebeldunst erkannte Aigonn die Umrisse einer Person vor dem Dachstuhl. Eine Frau, wie er vermutete, blickte neugierig zu ihm herab. Der Ausdruck ihrer Augen trug nichts Bösartiges in sich, trotzdem war der Anblick kaum zu ertragen. Unzählige Erinnerungen tanzten um ihren kaum sichtbaren Leib, genug für ein ganzes Menschenleben, jedoch nur so lose mit ihr verbunden, dass die tote Frau sie unmöglich aus ihrem eigenen vorangegangen Leben mitgenommen haben konnte. Die Eindrücke verdreifachten, überlagerten sich. Aigonns Geist war nicht in der Lage, die vielen verschiedenen Bilder und Erinnerungen aufzunehmen, sodass nicht mehr als die pure Emotion bei ihm ankam und er nach einem Atemzug glaubte, dies nicht ertragen zu können. Hass, Enttäuschung, Gewalt, all das vermengte sich mit solch wehmütiger Schönheit zu einem grotesken Bilderschwall, der alle Auffassungsmöglichkeiten überstieg. Die Seele selbst schien sich der ungeheuren Wirkung auf den Menschen vor ihr nicht im Geringsten bewusst, während Aigonn halb entsetzt, halb erschrocken von den Erinnerungen trank, die sie wie ein Kleid um ihren Körper trug.

Er konnte nicht mehr. Die Emotionen kamen so nah, wurden so real. Schreie, Tränen, beinahe wäre er eingefallen, während er sich auf den Rücken wälzte, die Hände aufs Gesicht gepresst. Kein Mensch konnte so etwas ertragen!

„Junger Mann?“

Die Stimme war wie ein schützender Spruch. Der Strom aus Erinnerungen versiegte so jäh, dass Aigonn gar nicht wusste, wie ihm geschah. Schritte näherten sich. Ein Fuß schob einen Krug beiseite, bevor sich der Schatten einer Person vor die wenigen Strahlen Tageslicht drängte. Unvermittelt öffnete Aigonn die Augen. Schwindel überkam ihn, bis er sich an diese weltliche Sicht der Dinge gewöhnt hatte und er einen Mann erkannte, der ihn belustigt von oben musterte.

Auf einmal verdrängten Aigonns eigene Erinnerungen die niederschmetternden Sinneseindrücke der vergangenen Augenblicke. Der Sturm, das Langhaus! Erst jetzt erkannte er den jungen Mann, den er in der zurückliegenden Nacht bei seinen Kindern hatte sitzen sehen. Es musste sich um Lorns Sohn handeln, oder seinen Schwiegersohn.

„Da scheint jemanden den Alp mit ins Haus gebracht zu haben. Schlecht geschlafen?“

Aigonn schüttelte sich, was seinen Geist vollends in die Wirklichkeit zurückbrachte. Die Seele war noch immer hier. Misstrauisch beobachtete sie ihn, als wüsste sie nicht recht, wie sie Aigonns Verhalten beurteilen sollte. Ihm aber gelang es endlich, ihre Anwesenheit auszublenden.

Aigonn schüttelte sich ein weiteres Mal und raffte sich auf, während der junge Mann ein Stück zurückwich. Blinzelnd gewöhnte er seine Augen an das Tageslicht, das durch halb geöffnete Windaugen ins Langhaus fiel. Der Mann war beinahe einen Kopf größer als Aigonn. Sein kantiges Gesicht gehörte einem Drei-, vielleicht Vierundzwanzigjährigen und war von strähnigen, blonden Haaren umgeben. Er lächelte selbstgefällig, als er sich Aigonns Aufmerksamkeit bewusst wurde und sagte: „So, so, der Fremde aus dem Süden. Ich muss mich entschuldigen, dass ich heute Nacht so unhöflich war und mich nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Rhaldar.“

Der Mann, der sich mit Rhaldar vorgestellt hatte, streckte Aigonn die Hand hin. Dieser erwiderte den Gruß, ohne ihm recht Beachtung zu schenken, während er sich an ihm vorbeidrückte. Der Schlaf war binnen eines Herzschlags zunichtegemacht worden. Diese wenigen Augenblicke hatten alle Erschöpfung der vorhergehenden Tage zurückgeholt. Aigonns Gedanken versuchten noch immer das eben Gespürte angemessen zu verarbeiten, als er abwesend in das Langhaus sah und bemerkte, wie viele Leute sich um die beiden Männer versammelt hatten.

Die junge Frau – Rhaldars Ehefrau wie Aigonn vermutete – saß im Kreis dreier Kinder am Herdfeuer; eine Handspindel baumelte an einem Wollfaden zwischen ihren Knien hinab, der mit geschickten Drehungen ihrer Finger immer länger wurde. Lorns Frau saß an ihrer Seite, ein zerschlissenes Hemd auf dem Schoß, das sie zu stopfen begonnen hatte. Nur Lorn selbst war nicht zu sehen und in diesem Moment war Aigonn mehr als dankbar dafür.

Die Scham überkam ihn schneller als jedes andere Gefühl. Wenn diese Fremden seine Reaktion binnen der vergangenen Momente beobachtet hatten, musste er in ihren Augen einem Verwirrten nahekommen. Er traute sich gar nicht, den Blicken der beiden Frauen zu begegnen, doch diese wirkten lediglich überrascht, ein wenig unsicher vielleicht. Nichts deutete darauf hin, dass sie gesehen hätten, was Aigonn von Herzschlag zu Herzschlag unangenehmer wurde.

Widerwillig ertappte er sich dabei, wie er noch einmal kaum merklich über die Schulter lugte. Die Seele war noch immer da. Er spürte ihre Präsenz mehr, als dass er sie sah. Aber das allein beruhigte ihn nicht.

Gerne hätte er sich noch länger damit beschäftigt, doch Rhaldars Stimme zwang ihn dazu, seine Aufmerksamkeit auf die Anwesenden zu richten.

„Ihr solltet einen Schluck trinken, Aigonn. So wie Ihr ausseht, könnte man denken, Ihr hättet in der vergangen Nacht den Weg ins Reich der Götter selbst gefunden. Da, nehmt!“

Ob du weißt, wie wahr deine Worte sind?, schoss es Aigonn durch den Kopf, als er aus der Hand des jungen Mannes einen Becher nahm, der die gleiche Teemischung der zurückliegenden Nacht zu beinhalten schien. Rhaldar selbst setzte sich zu seiner Frau ans Feuer, die in ihrer Arbeit innegehalten hatte und zögerlich zu Aigonn aufsah, als suchte sie noch nach Worten. Nach einem kurzen Moment, den Aigonn dagestanden hatte wie eine Statue, entschied sie sich dazu, die Spindel wegzulegen, aufzustehen und Aigonn ihre Hand zu reichen. „Ich bin Rinelda.“ Ohne groß nachzudenken, erwiderte er die Geste und wiederholte unnötigerweise seinen Namen, den alle Menschen in diesem Haus spätestens am Morgen von Lorn erfahren hatten.

Rinelda schien froh, diese Pflicht erledigt zu haben, sank wieder neben ihren Mann ans Herdfeuer und flüsterte Rhaldar eine kurze Bemerkung ins Ohr, die dieser nur lächelnd abtat. Aigonn bemerkte, dass die junge Frau einen deutlich härteren Dialekt zu sprechen pflegte als Rhaldar und bewies ihm auf einmal, welch große Mühe alle Anwesenden – allen voran Lorn – sich gegeben hatten, um Aigonn überhaupt ihre Anliegen kenntlich zu machen.

Aigonn wusste von den vielen verschiedenen Sprachen, die mit jeder Meile weiter nach Norden an Fremdartigkeit gewannen. Obgleich er sich bei seiner Abreise auf diesen Umstand vorbereitet hatte, indem er sich für den Notfall einfache Handzeichen überlegt hatte, war ihm bisher kaum bewusst gewesen, wie sehr sich die Dialekte von dem seiner Heimat zu verändern begonnen hatten. Rineldas Worte klangen vertraut und fremdartig in einem, wie Geschwister, deren Äußeres sich ähnelte, obwohl sie sich kaum in ihrem Leben begegnet waren. Rhaldar selbst konnte demnach nicht aus dieser Gegend kommen. Die Art, wie er sprach, erinnerte Aigonn noch zu sehr an sein Zuhause.

Da nun Rinelda sich vorgestellt hatte, geriet Lorns Frau ebenfalls in die Bedrängnis, ihre Unhöflichkeit der vergangenen Nacht wettzumachen. Es war ersichtlich, dass sie sich für ihr Fehlverhalten genierte, was Rhaldar anscheinend anstachelte, es ihr leicht zu machen. „Das ist Naane“, stellte er sie vor. „Die Mutter der schönsten Frau an dieser Küstenlinie.“ Mit diesen Worten zog er süffisant die Augenbrauen in die Höhe und drückte Rinelda einen Kuss auf die Wange, ohne Aigonn dabei aus den Augen zu lassen. Diese errötete, wagte jedoch nicht, ihren Blick abzuwenden.

Rhaldar hatte gerade den Mund zu einer Ansprache geöffnet, als die Tür einen Spalt breit aufglitt, mit der nächsten Windböe aber krachend gegen die Wand geschlagen wurde. Vom Reif erstarrtes Laub wirbelte durch den Eingang, bevor die junge Frau, die Aigonn kurz vor dem Einschlafen erst entdeckt hatte, zügig die Tür wieder in ihren Rahmen drückte, um sich danach zu versichern, dass deren Verankerung von dem heftigen Aufschlag keinen Schaden genommen hatte. Rhaldar beobachtete sie missgünstig. Als die junge Frau keinerlei Mängel feststellen konnte, fragte er scharf: „Möchtest du dich unserem Gast nicht auch endlich vorstellen?“

Die Frau wirbelte herum, als wäre ihr erst in diesem Moment wahrlich aufgefallen, dass sie nicht alleine war. Nachdem die Bedeutung der Worte von Lorns Schwiegersohn bei ihr angekommen war, huschte ein düsterer Schimmer über ihre Miene. Sie machte langsam zwei Schritte auf die kleine Gruppe zu, scheinbar unsicher, was sie tun sollte.

„Ihr müsst verzeihen“, wandte Rhaldar sich an Aigonn. „Sie ist die Sklavin meiner Schwiegereltern. Wir haben viel Zeit und Mühe daran verschwendet, ihr vernünftiges Benehmen beizubringen …“

Rhaldar sprach einfach weiter ohne zu bemerken, dass Aigonn ihm gar nicht zuhörte. Es war die erste Gelegenheit für ihn, die Frau – Sklavin sogar – bei normalem Tageslicht anzusehen. Auf den ersten Blick schätzte er sie auf dasselbe Alter wie Rhaldar, vierundzwanzig vielleicht. Die leicht eingefallenen Wangen und die tiefen Schatten unter ihren Augen machten es schwer, ein vernünftiges Urteil zu fällen. Noch schwieriger wurde es durch ihre knabenhafte Gestalt. Dichtes, schmutzig braunes Haar fiel ihr bis an die Taille, war jedoch in mehreren dicken Zöpfen verfilzt. Der Schlamm an ihrer Kleidung vollendete den Gesamteindruck dessen, was sie war. Eine Sklavin. Hin und wieder ereilte auch in seiner Heimat jemanden das unglückliche Schicksal, seine Schulden nicht mehr mit Wertgegenständen tilgen zu können, sodass er sein eigenes Leben bieten musste.

„Hörst du schlecht?“ Rhaldars ungehaltene Frage ließ die junge Frau nur unbeeindruckt mit der Augenbraue zucken, bevor sie zu Aigonn gerichtet sagte: „Tiuhild.“ Nicht mehr. Rhaldar wirkte nicht zufrieden mit dieser kurzen Vorstellung, doch Aigonn war die Kritik, die er verlauten ließ, auf einmal völlig egal. Es fiel Aigonn schwer zu sagen, woran er sein plötzliches Stutzen festmachen konnte. Vielleicht war es der Klang, den ihre Stimme diesem einen Namen verliehen hatte, die Art, wie sie die Silben betonte. Doch was immer es gewesen sein mochte, es brachte eine Erinnerungen in seinem Hinterkopf zum Schallen: Bilder aus einer anderen Generation, ein junger Seher auf dem Weg fort von der Heimat, Gesprächsfetzen … Auf einmal hatte die Sklavin, Tiuhild, nur mit ihrem Namen eine Spur gelegt, auch wenn Aigonn sich Herzschläge später selbst töricht vorkam, sich so viele Hoffnungen zu machen. Sie war nur eine Frau, deren Art zu reden derer ähnelte, die er aus Erinnerungsbruchstücken im Umkreis einer Grabstätte hatte finden können. Es musste hunderte, tausende Menschen geben, die diese Eigenschaften mit ihr gemein hatten.

Und doch … Als Aigonns Gedanken in die Wirklichkeit zurückkehrten, traf ihn aus Tiuhilds Augen ein finsterer Blick, scheinbar der Lohn dafür, dass er sie so lange unvermittelt angestarrt hatte. Rhaldar und Rinelda sahen Aigonn an, als könnten sie sich nicht recht vorstellen, welches Interesse er an dieser Sklavin haben konnte. Aigonn glaubte bereits, eindeutige Gedanken hinter dem fragenden Blick des jungen Mannes zu sehen, als ein weiteres Mal die Tür aufflog und diesmal Lorn im Eingang zum Langhaus erschien.

Der Hausherr machte sich erst gar keine Mühe, den Wind auszusperren. Stattdessen hielt er die Tür mit einer Hand, blickte sich um, bis er Aigonn erkannte und rief ihm schließlich zu: „He, Aigonn! Kommt her!“

Überrascht folgte der dieser Aufforderung. Er stand noch kaum auf den Beinen, als Lorn schon wieder halb aus dem Eingang verschwunden war und ihn von draußen gegen die Böen anwies: „Zieht Euch an! Ich will Euch etwas zeigen!“

„Wohin gehen wir?“ Aigonn wich ein Stück zurück, als der Wind von draußen eisige Kälte ins Haus trug. Lorn aber wiederholte nur ungeduldig: „Zieht Euch schon an! Ich will Euch nur demonstrieren, worauf Ihr Euch noch in dieser Nacht einlassen wolltet!“

Die Sturmgeister jagten heulend über das flache Land. Obwohl Aigonn das Schafsfell über seinem Mantel bis weit an die Augen herangezogen hatte, durchdrang die Kälte noch immer jeden einzelnen Knochen. Vom Raureif erstarrte Heide knirschte unter seinen Füßen, während er Lorn durch das kleine Dorf folgte, das er nun zum ersten Mal wirklich betrachten konnte.

Im Grunde war es kaum mehr als ein Weiler, eine winzige Siedlung ohne Einfriedung, ohne Palisaden. Vier große Bauerngehöfte dominierten das Bild mit ihren Langhäusern und ließen Behausungen wie die von Lorn fast winzig erscheinen. Aigonn fiel es schwer zu sagen, was er von diesem Anblick halten sollte. Die Leute hier schienen Selbstversorger zu sein, Bauern und Handwerker zugleich. Die vielen Boote, die er immer wieder durch Schlitze und halb offene Türen erkennen konnte, brachten ihn zu der Schlussfolgerung, dass die meisten Familien vom Fischfang leben mussten. Waren sie dem Rand dieses riesigen Sees schon so nahe?

Lorn für seinen Teil beachtete Aigonns nachdenkliches Staunen nicht. Während der alte Mann drei Schritte vorlief, konnte Aigonn erkennen, aus welchem Grund er die halbe Nacht nicht im Haus verbracht hatte: Lose Bretter und Lederplanen waren immer wieder wie große Flicken auf den Hausdächern zu sehen. Sie waren der notdürftige Schutz für die Hausbewohner als Folge des Sturms, der große Teile der grasgedeckten Dächer mit sich gerissen hatte. Überall bemerkte Aigonn Männer und Frauen, die gegen den scharfen Wind versuchten, neue Bündel des Deckmaterials unter den alten anzubringen. Die Sturmgeister jedoch gaben sich Mühe, ihre Arbeit binnen Herzschlägen zunichtezumachen.

„So wie Ihr Euch umschaut, scheinen derartige Stürme eine Seltenheit in Eurer Heimat zu sein.“ Lorn wandte sich kurz zu Aigonn um, während der Wind ihm die struppigen Haare vor Augen und Nase wehte.

„Allerdings.“ Aigonn hätte es selbst nicht besser ausdrücken können. „Ich glaube …, ein- oder zweimal in meiner Kindheit hat ein starkes Unwetter ein paar Dächer abgedeckt. Viel schlimmer ist der Regen, wenn die Erde an den Hügelhängen nass wird und in Bewegung gerät. Die Schlammmassen haben zu Zeiten meines Großvaters schon ganze Siedlungen mitgerissen.“

Lorn blickte noch einmal zu ihm und an seinen Augen war abzulesen, dass er sich das eben von Aigonn beschriebene Phänomen nur schwerlich vorstellen konnte. Sein Tonfall ließ Skepsis erkennen, als er den Bericht kommentierte: „Ich habe schon davon gehört, dass der Süden bergig sein soll.“

Aigonn musste schmunzeln. Das Land, das er vor sich sah, ließ vermuten, dass Lorn niemals vor einer Anhöhe gestanden hatte, die größer war als sein eigenes Langhaus. Nachdem sie das kleine Dorf hinter sich gelassen hatten, tat sich vor den Männern reifbedeckte Heide auf. Aigonn fühlte sich unwillkürlich an das Rote Moor erinnert, den undeutbaren Blick seiner schwarzen Augen, in welchen sich die Tore zur Anderen Welt verbargen. Dieses Land kam ihm nahe mit seinen Heidelbeerbüschen, die entlaubt wie zarte Skelette zwischen Wollgras und Torfmoos standen. Nur fiel es ihm schwer, die Stimmen der Geister, die im Boden ausharrten und auf den Frühling warteten, durch das Heulen des Sturmes zu vernehmen.

Birken und vereinzelte Kiefern säumten ihren Weg. Der Geruch nach Salz wurde präsenter, während der Boden zu Aigonns Erstaunen immer weicher wurde, immer sandiger.

„Ihr müsst aufpassen“, warnte Lorn, als er bemerkte, wie Aigonns Schritte immer unsicherer wurden. „Hier beginnt bald eine Düne. Der Frost wird den Sand ein wenig gefestigt haben, aber sie wird an vielen Stellen trotzdem nachgeben.“

„Eine Düne?“ Das Wort selbst sagte Aigonn nichts, doch bevor er nach seiner eigentlichen Bedeutung fragen konnte, erkannte er den Sand, der immer häufiger zwischen den Heidesträuchern zu sehen war, und sich nach einem kurzen Stück mehrere Fuß hoch auftürmte. Der Wind gewann mit jedem Schritt mehr an Kraft. Das Heulen vermischte sich mit einem gleichmäßigen Rauschen, das Aigonn die Nackenhaare in die Höhe trieb. Entfernt schien es das tosende Echo der Rur zu sein, eines gigantischen Flusses. Er hatte bereits den Mund geöffnet, um Lorn danach zu fragen, als der alte Mann bereits grinsend die Düne erklomm und ihm von oben aus zurief: „Nun kommt! Seht Euch an, welchen Gott Ihr besänftigen wollt!“

Aigonn wurde mulmig zumute. Seine Fantasie begann abenteuerliche Bilder zu spinnen, während er sich bemühte, auf dem feinen Sand sicheren Halt zu finden. Das Rauschen schien immer näher zu kommen, immer stärker zu werden – wenn nicht in der Realität, dann tief in seinem Kopf. Ihm lag eine neue Frage auf den Lippen, als er endlich die Kuppe der Düne erreicht hatte. Sobald er sich aber aufgerichtet hatte, zerfloss sie, wurde nebensächlich. Sein Geist war Momente lang unsicher, ob das blinde Auge nicht eine neue Vision vor seinem Angesicht beschworen hatte. Doch selbst als er es schloss, konnte er der Wahrheit nicht entgehen. Was er sah, war real.

Wasser. Unvorstellbare Massen Wasser füllten das Sichtfeld vor seinen Augen. Ein kleiner Strand wie die letzte Erinnerung an das Festland war hinter der Düne zu erkennen, bevor er nichts anderes sah als Wasser. Das Unwetter hatte graue Regenwolken herangetragen. Ton in Ton verschwamm dieser gewaltige See irgendwo in weiter Ferne mit dem Horizont. Der Wind hatte das Wasser zu tosenden Wellen aufgetürmt, die wie tausende Mäuler nach dem Festland zu langen schienen, Schaumkronen wie Speichel auf den Lippen trugen.

Aigonn fehlten die Worte. Mit aufgerissenen Augen starrte er auf die Küstenlinie, unfähig, die Gefühle trennen zu können, die ihn überkamen. Ehrfurcht, Furcht, beeindruckt von der schier unbegrenzten Macht der Natur, die dieses Phänomen erschaffen hatte und mit jedem Wellenschlag die Menschen an seine Präsenz erinnerte. Einen Gott hatte Lorn ihn genannt, diesen See, dieses … Meer. Und er musste recht haben. Was konnte so etwas anderes sein als ein Gott?

Es war Lorns Lachen, das Aigonn aus seiner Starre befreite. Der alte Mann sah ihn fast väterlich an, amüsiert von Aigonns Erstaunen über etwas für ihn so Alltägliches. Trotzdem lag respektvoller Nachdruck in seiner Stimme, als er mit Blick über die tosende See zu erzählen begann: „Im Moment herrscht Flut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das Meer zurückzieht und Ihr das Watt sehen könnt.“

Aigonn hatte ihm immer noch mit nur einem Ohr zugehört, bis in seinem Geist angekommen war, was Lorn berichtet hatte. „Es zieht sich tatsächlich zurück, dieses … Meer? Ich habe Geschichten davon gehört, aber … um ehrlich zu sein, hatte ich sie für Flunkereien der Händler gehalten.“

„Oh nein!“ Lorn lag wieder ein Lachen auf den Lippen. „Einmal am Tag und einmal in der Nacht zieht sich die See ein Stück vom Land zurück, bis sie den fernsten Punkt erreicht hat, um wiederzukommen. Es gibt unzählige Geschichten, welchen Grund dieses Phänomen haben könnte, doch unser Schamane sagt – und das glaube ich auch – dass das Meer uns daran erinnern will, dass wir nicht frei über es verfügen können. Wenn das Wasser fort ist, können Fischer und Händler nicht auslaufen und das sollte auch sonst niemand zu dieser Zeit versuchen. Das Meer nennt uns den geeigneten Zeitpunkt, nicht wir selbst.“

Aigonn nickte nur. Sein Blick schien untrennbar mit den Schaumkronen verbunden, die auf den Wellen gen Festland brandeten. Hier endete die Macht der Menschen, endgültig. Diese Gewalt konnte niemand bezwingen, schon gar kein kleiner Reisender mit seinem Schiff. Es war eine Gewissheit, die ihn gleichzeitig erschütterte und enttäuschte. Hier endete also sein Weg gen Norden. Vorerst.

Die Weiße Frau

„Das kann nicht sein Ernst sein!“ Rowilan kämpfte mit dem Drang, von seinem Stuhl aufzuspringen und seinem Gegenüber alle Unfassbarkeit ins Gesicht zu spucken. Es war kaum zu glauben. In seinem Kopf schien ein Gewitter zu toben. Die Höflichkeit und Gefasstheit allein, die seine momentane Position forderte, hielt ihn zurück, seinen Unmut in aller Offenheit kundzutun, auch wenn er sich fragte, ob Zurückhaltung in diesem Moment angebracht war.

Der Bote im Gegenzug saß dem Schamanen seelenruhig gegenüber. Er machte sich gar nicht die Mühe, ihn im Auge zu behalten, während er einen kräftigen Schluck Bier aus seinem Trinkhorn nahm und seinen ungepflegten Bart mit weißem Schaum besudelte. Erst, als er diesen beiseite gewischt und das Horn wieder abgestellt hatte, beantwortete er die rhetorische Frage: „Ganz und gar ernst, mein Freund. Ihr selbst solltet am besten wissen, dass Fewiros bei derlei Dingen nicht zu scherzen beliebt.“

Ja, eigentlich hätte er es wissen können, ganz egal, wie unfassbar es war. Rowilan schüttelte noch immer den Kopf, die Stirn auf die Fäuste gestützt, bevor er sich doch nicht mehr beherrschen konnte, von seinem Stuhl aufsprang und erregt auf und ab zu laufen begann.

„Könnt Ihr mir dann bitte verraten, wie Euer Heerführer es sich vorstellt, bei einbrechendem Winter drei Tagesreisen gen Osten zu unternehmen, durch den Wald, während wir uns noch halb mit den Eichenleuten im Krieg befinden und praktisch keine Krieger zurücklassen könnten, um die Siedlung zu schützen?“

Der Bote hatte bereits den Mund zu einer Antwort geöffnet, Rowilan aber unterbrach ihn wieder, um seinen Worten hinzuzufügen: „Noch dazu gut ein Dutzend Tage in Zelten auf gefrorenem Boden zu schlafen. Wir müssen allen Proviant selbst mit uns nehmen, weil zu dieser Jahreszeit kaum mehr gejagt und praktisch nichts mehr gesammelt werden kann. Wir riskieren bei einem heraufziehenden Unwetter einen guten Teil unserer Vorräte zu verlieren, die dieses Jahr ohnehin schon knapp sind!“

Für einen Herzschlag herrschte Stille im Raum. Rowilan konnte das Atmen der übrigen Anwesenden hören. Die halbe Siedlung hatte sich um ihn in dem großen Haus versammelt, das auf den Trümmern von Behlenos’ Wohnstatt notdürftig neu errichtet worden war und nun als Versammlungshalle diente. Niemand wagte ein Wort zu sagen, Einspruch zu erheben, was den Schamanen nur umso wütender stimmte. War dies nicht ihrer aller Angelegenheit? Was Fewiros plante, war Irrsinn. Noch nie war eine volle Stammesversammlung im Winter abgehalten worden – nicht einmal in den größten Notzeiten. Fewiros hatte nach Rowilan gerufen. Es war eine Aufforderung, der er als vorübergehendes Oberhaupt der Bärenjäger nachkommen musste, wenn er seine Legitimation nicht vollkommen einbüßen wollte. Doch was dieser Mensch im Sinn hatte, war eine Versammlung sämtlicher Stammesmitglieder der Bärenjäger, weit über vierhundert Menschen nach dem letzten Krieg, im Winter, abseits einer geschlossenen Siedlung.

Dabei war es aus Sicht des Heerführers ein ganz und gar sinniger Plan. Fewiros entstammte derselben Sippe wie Behlenos und war als dessen Vetter und fähiger Anführer immer der größte Konkurrent und naheste Anwärter auf den Titel des Fürsten gewesen. So nah, wie Fewiros’ Siedlung sich an dem erwählten Versammlungsort befand, brauchte er weder die Gefahren der Reise zu fürchten noch, dass sich ein Teil der bei der Fürstenwahl Stimmberechtigten von eben solchen abgeschreckt fühlen würde und somit als seine Fürsprecher in ihrer Siedlung blieb.

Fewiros’ Bote nahm sich Zeit, um seine Entgegnung zu formulieren. In der gelassenen Kühle seiner Augen konnte Rowilan zu gut erkennen, wie sicher sich Fewiros seiner Sache war, und ganz unbegründet war es nicht. Der Schamane hatte es lange hinaus gezögert, sich der Wahl des neuen Fürsten zu stellen. Warum, konnte er gar nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch was immer der Grund gewesen sein mochte, für Ausflüchte war es nun zu spät.

Am liebsten hätte Rowilan dem Boten das selbstgefällige Lächeln aus dem kantigen Gesicht geprügelt, als dieser fragte: „Und? Was darf ich meinem Siedlungsvorsprecher ausrichten?“

Für drei Atemzüge nur wandte der Schamane sich hilfesuchend an die Umstehenden. Nawos stand unweit hinter ihm, eine Augenbraue fragend in die Höhe gezogen. Es lag alles an ihm.

Einen kurzen Moment lang glaubte Rowilan, seine Wut nicht halten zu können, dann aber besann er sich und holte tief Luft. „Ich billige Fewiros’ Vorhaben nicht“, entgegnete er mit erzwungener Ruhe. Der Bote aber schien eine solche Antwort bereits erwartet zu haben. Sein Lächeln wurde breiter, als er betonte: „Fewiros wird die Versammlung auch ohne Euch abhalten, mein Herr. Im Gegensatz zu Euch legt er nämlich Wert auf einen legitimierten Fürsten, erst recht wenn uns ein harter Winter bevorsteht.“

Als ob ihr groß zu leiden haben werdet! Der Schamane verkniff sich diesen Ausspruch, denn er allein hätte wie eine Anklage gewertet werden können, was noch größere Unannehmlichkeiten mit sich gebracht hätte. Fewiros musste wissen, dass auch die anderen Siedlungen seine Zurückhaltung im Krieg mit den Eichenleuten nicht gutgeheißen hatten. Es würde sich zeigen, was diese Versammlung mit sich bringen würde.

Rowilan hatte kein gutes Gefühl dabei, als er sich zusammenriss, doch er spürte, dass ihm keine andere Wahl blieb. „Wir werden kommen“, antwortete er. Sein Blick fixierte den Boten scharf. Dem Schamanen behagte es nicht, dass er ihm in diesem Moment vermutlich die Reaktion lieferte, die er und Fewiros sich erhofft hatten. Doch ändern konnte und wollte er daran nichts. Einzig erleichtert war er über den Umstand, dass der Bote nach dieser Nachricht zufrieden sein Horn austrank, sich den Mund abwischte und unmittelbar verkündete: „Sehr schön. Wenn Ihr erlaubt, Rowilan, werde ich Fewiros diese Nachricht sogleich überbringen und Eure Gastfreundschaft nicht weiter in Anspruch nehmen. Er erwartet Euch und Eure Leute in fünf Tagen am Hohen Göttersitz. Solltet Ihr auf der Hinreise wirklich zu große Verluste an Vorräten verbüßen, braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen. Wir haben mehr als genug.“

Das hättest du wohl gerne! In Rowilans Fäusten spannten sich gefährlich die Sehnen. Ein Feuer schien im Inneren des Schamanen zu entflammen, als der Bote sich von seinem Stuhl erhob und diesen ordentlich zurück an den Tisch schob. Schneller aber, als Rowilan begreifen konnte, welche Wirkung diese wenigen Worte erzielen würden, entkam seinen Lippen die Warnung: „Fewiros sollte auf der Hut sein! Zu große Selbstsicherheit verleitet einen Machthaber leicht dazu, die realen Begebenheiten zu unterschätzen!“

Der Bote zog scharf eine Augenbraue in die Höhe. „Ist das eine Drohung?“

„Seht es als Ratschlag Eures höchsten Schamanen. Die Götter mögen Eure Heimreise segnen!“

Ohne ein weiteres Wort verließ der Bote damit die Halle. Rowilan musste hart schlucken, als die Tür in den Rahmen fiel. Er war zu weit gegangen, das spürte jeder im Raum. Auf einmal graute ihm davor, was er soeben mit einem Satz geschaffen haben konnte. Bei all den Machtspielereien, die Fewiros seit jeher geliebt hatte, konnte er dies als offene Herausforderung verstehen. Der Gedanke, seinem Gegner soeben in die Hände gespielt zu haben, lag dem Schamanen wie ein Stein im Magen, sodass ihm übel wurde. Gegner … ist es schon so weit mit uns gekommen?

Die nächsten Augenblicke schienen die anwesenden Bärenjäger vom eben Gehörten wie erstarrt. Fast reglos lauschten sie nach außen, wie der Bote des Fewiros sein Pferd aus den Stallungen holen ließ, aufsaß und das Klappern von Hufen endlich seine Abreise verkündete. Als hätte man ihnen wieder Leben eingehaucht, regten sich nun die Krieger, Alten und Frauen. Stimmen wurden laut. Nawos ließ sich zu Rowilans Rechten auf einen Schemel sinken, atmete angestrengt aus und kommentierte das eben Gehörte: „Fewiros ist mutig. Ausgesprochen mutig. Aber ich muss gestehen, Rowilan, in mancherlei Hinsicht stehst du ihm in nichts nach!“

„Ich bin zu weit gegangen“, gestand der Schamane kleinlaut, jedoch so undeutlich, dass es nur die Leute seiner unmittelbaren Nähe verstanden.

„Vielleicht.“ Nawos zog das Trinkhorn des Boten mit spitzen Fingern aus seinem Ständer, als wäre es durch den Speichel mit Gift beschmiert, ließ es auf die Tischplatte fallen und brachte stattdessen sein eigenes in Position. Der alte Krieger sah Rowilan nicht an, während er sich selbst Bier aus einer Tonflasche einschenkte, seine Stimme aber sagte genug: „Vielleicht hast du auch nur das Unvermeidliche beschleunigt.“

„Willst du etwa behaupten, Fewiros gedenkt uns den Krieg zu erklären?“ Eine Frau fortgeschrittenen Alters hatte sich Nawos gegenüber auf dem breiten Tisch abgestützt und beobachtete die beiden Männer mit entsetztem Blick. Ihr Name war Maelina. In ihrem Leben hatte sie bereits elf Kinder zur Welt gebracht, jedoch hatten bis heute gerade einmal sechs Krieg und harte Winter lebend überstanden. Damit stand sie ihrer Schwester in nichts nach, deren zweitältester Sohn Bral die Sprechenden wie ein Raubtier belauerte, jedoch wusste, dass ihn dieses Gespräch nichts anging.

Nawos begegnete ihrer Aufregung mit kühler Sachlichkeit. „Ich behaupte gar nichts, sondern versuche die Zeichen zu lesen, die mir gegeben werden. Wir alle wissen, dass Fewiros seit Behlenos’ Ernennung zum Fürsten eifersüchtig auf dieses Privileg gewesen ist. Hältst du mich für blind?“

„Fewiros ist nicht wahnsinnig“, unterbrach Rowilan die Auseinandersetzung. „Seine ihm unterstellten Krieger würden einen Verrat niemals billigen.“ Auch wenn der Zeitpunkt denkbar gut ist.

„Wie es scheint“, meinte Nawos darauf, „werden wir bald erfahren, was Behlenos’ verehrter Vetter plant. Du solltest zu packen anfangen, Rowilan.“

Der Schamane grinste witzlos. „Ja, vermutlich. Glaubst du, uns gelingt die Reise zum Hohen Göttersitz in drei Tagen bei diesem Wetter? Eine solche Wahl braucht Vorbereitung! Ich muss dir nicht sagen, dass die meisten Sympathien gewonnen werden, bevor die eigentlichen Versammlungen abgehalten werden.“

„Solange die Sturmgeister mit uns Erbarmen haben.“

Erbarmen hatten die Sturmgeister, wenn auch nur vorläufig. Rowilan hatte sich bis zum Ende des Tages in sein Haus zurückgezogen, allein auf seine Bettstatt, in der halbherzigen Hoffnung, mit Ruhe und einem starken Kräutertee seinen Geist klären zu können. Der Winter hatte begonnen. Als höchster Mann seines Standes hätte Rowilan im Grunde längst mit Vorbereitungen für die Mittwinterrituale beginnen müssen, die Wiedergeburt des Sonnenjahres. Das alte Jahr strebte unerbittlich seinem Ende entgegen und versprach eine unruhige Zeit, in welcher die Geister und verstorbenen Seelen so gegenwärtig waren wie die Lebenden. Dies war seine Pflicht, Geister und Götter zu besänftigen, um seinem Volk das größte Wohlergehen zu ermöglichen, das eine Welt wie die ihre zuließ. Als Schamane, nicht als Heerführer oder als Fürst. Rowilan war dafür geboren worden, die Stimmen des Übernatürlichen zu erhören und nicht, um als Diplomat mit Menschen zu verhandeln.

Doch wie es schien, war er auf dem besten Weg, jenen Pfad zu verlassen. Fewiros würde die Wahl eines neuen Fürsten fordern, die Übergabe der Macht an sich selbst. Rowilan zweifelte nicht an der Überzeugungskraft und dem Führungsgeschick von Behlenos’ Vetter, auf eine gewisse Weise aber war er nun von einem Gefühl erfüllt, das er selbst kaum beschreiben, geschweige denn deuten konnte.

Als wäre es Behlenos’ geheimer Wunsch, der ihn durch den dünnen Schleier der Welten ereilte, fühlte Rowilan sich beinahe verpflichtet, das Erbe seines alten Freundes zu bewahren. Und er war sich sicher, dass Fewiros dazu nicht in der Lage war. Ob es dem Schamanen nun gefallen mochte oder nicht. Er wusste, das Schicksal hatte längst entschieden.

Während der Schnee draußen lautlos das Land und seine Hügel mit seinem weißen Kleid überzog, beschloss Rowilan, sich zu fügen. Sollte nicht gerade ein Schamane wie er darauf vertrauen können, dass die Götter immer den richtigen Weg wählten, ganz egal ob dieser sich den Menschen erschloss?

Noch am selben Tag hatte die ganze Siedlung zu packen begonnen. Die Geschäftigkeit, die allein der Vorbereitung ihrer anstehenden Reise diente, hatte beinahe Ähnlichkeit mit den Markttagen im Sommer, zumindest so, wie Rowilan sie noch aus besseren Zeiten in Erinnerung hatte. Der Schamane selbst beobachtete den Trubel wie in Trance. Er war sich noch immer nicht sicher, ob er Fewiros einen Boten schicken und die seinem Schutz unterstellten Menschen hier in der Siedlung belassen sollte. Wo sie zu dieser Jahreszeit eigentlich hingehörten.

Rowilan glaubte, aus einem Traum zu erwachen, als Bral außer Atem hinter ihm erschien und schon von weitem seinen Namen rief. Der Schamane wandte sich lustlos um. Der Tatendrang, der Bral seit der Nachricht des Boten beflügelt hatte, erschien ihm fast zynisch, wenn er die Risiken bedachte, die sie alle mit dieser Reise eingingen. Eigentlich hatte er geglaubt, der Krieg hätte den jungen Krieger mehr gelehrt, als einen solchen Ausflug zu Winterbeginn zum großen Abenteuer zu machen.

Kaum da Bral zum Stehen gekommen war, verkündete er bereits seinen Bericht: „Es werden drei Krieger vor und drei nach uns aufbrechen, um die Gegend auszuspähen. Nawos hat gemeint, er wolle sich ihnen anschließen.“

„Nawos möchte Wölfe jagen gehen?“, staunte Rowilan. „Bis vor Kurzem dachte ich, er hielte sich dafür bereits zu alt.“ Bei diesen Worten schmunzelte der Schamane, erst recht, weil Bral so gut wie alle anderen Bewohner der Siedlung Nawos’ fast legendären Ruf kannte, noch jedes Tier erjagt zu haben, auf das er es abgesehen hatte. Eben deshalb schmunzelte auch Bral. Nur wusste er nichts davon, was Rowilan im Geheimen mit seinem nunmehr fast engsten Freund besprochen hatte.

Rowilan traute Fewiros nicht. Vielleicht war er paranoid geworden, dass er hinter jedem Baum, jeder Hütte Verrat witterte. Doch allein die Verantwortung für die Siedlung, die dieser Tage wie ein Kettenhemd auf seinen Schultern lastete, verlangte von ihm, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Und eben dies war ein Überfall. Der Winter, der die Bäume entlaubt und den Boden mit einer immer dichter werdenden Schneedecke überzogen hatte, würde ihnen das Vorankommen schwer und ihren Tross weithin sichtbar machen. Womöglich reagierte er über. Ja, wahrscheinlich hatte der Krieg einen verängstigten Narren aus ihm gemacht, aber die Tatsache, dass nun Nawos besagte Späher anführen wollte – die ganz offiziell nur hungrige Wolfsrudel fern halten würden – schürte und bestätigte gleichermaßen seine Befürchtungen. Denn Nawos nahm sie ebenso ernst wie er selbst.

Um den jungen Krieger an seiner Seite nicht zu beunruhigen, wechselte er das Thema: „Wie weit sind deine Eltern mit dem Packen?“

„Fertig, soweit ich sehen konnte. Wird Tante Maelina mit euch vorreiten?“

„Ja. Man kennt sie in den anderen Siedlungen. Ihrer Erfahrung gebührt diese Würdigung. Sag ihr bitte Bescheid, dass wir aufbrechen.“

„Gerne!“ Womit Bral bereits hinter dem nächsten Haus verschwunden war. Es war soweit. Rowilan löste den Strick seines Pferdes und schwang sich mit vorsichtig dosiertem Schwung auf den voll beladenen Rücken. Sein ganzes Gepäck, die rituellen Kräuter und Gefäße, Schlaffelle, Umhänge, Messer und Dolche waren alle wohl verpackt an den leichten Reitersattel geschnallt. Im Grunde war das Gepäck nicht schwer, aber so sperrig, dass Rowilan sich sorgte, wie er eine mögliche Flucht abseits der gut begehbaren Handelsstraßen bewältigen sollte. Doch über derartige Szenarien wollte er gar nicht länger nachdenken.

Mit leichtem Schenkeldruck gab er seinem Hengst das Signal für den Schritt und ritt zu Nawos, der unweit des Siedlungstors seine Späher bereits um sich versammelt hatte. Als der alte Krieger Rowilan erkannte, löste er sich aus der Gruppe, ritt dem Schamanen entgegen und eröffnete ihm: „Wir sind bereit. Wenn es dir beliebt, werden Oran, Nelban und ich aufbrechen. Die anderen folgen euch mit einiger Verzögerung nach.“

„Gut. Sind genügend Krieger zurückgeblieben, um die Siedlung zu sichern?“

Nawos presste nachdenklich die Lippen aufeinander, während er rund um sich die Wachen auf den Wehrgängen beobachtete, die dort bereits ihren Posten eingenommen hatten. „Sichern können sie sie. Vor Banditen oder Wölfen. Wenn ein gezielter Angriff erfolgt, wird innerhalb eines halben Tages alles niedergebrannt sein. Diese Siedlung lässt sich vor Ort einfach zu schlecht verteidigen, erst recht mit so wenigen Männern. Ich habe sie angewiesen, weite Spähritte zu unternehmen. Sollte wirklich eine Bedrohung bestehen, sollen sie die Siedlung aufgeben und … zur Wallburg flüchten.“

„Zur Wallburg?“ Im ersten Moment erschloss sich Rowilan der Sinn dieses Plans nicht. Verwundert sah er zu dem Skelett der Siedlung oben auf der Hügelkuppe hinauf, die wie eine schleierhafte Zukunftsvision seinen Blick zu erwidern schien. „Da oben ist doch gar nichts, keine Vorräte, keine Waffen.“

„Ein fertiger Wall ist sehr viel mehr als nichts“, gab Nawos zu bedenken. Vorräte werden schnell genug hochgeschafft sein. Die Hütten, die die Männer zum Schutz des Baumaterials errichtet haben, werden als notdürftige Kornlager ihrer Aufgabe Genüge tun. Du darfst nicht vergessen, dass der Hang sie sehr viel leichter zu verteidigen macht als unsere Siedlung hier. Und dass Mauern nicht annähernd so schnell brennen wie Palisaden.“

Rowilan äußerte sich zu dieser Idee nur noch mit einem Nicken. Ihm fehlte es noch an Vorstellungskraft, die Grundzüge dieses Plans so nachzuvollziehen, dass sie ihm ebenso schlüssig erschienen wie Nawos, doch auf eine gewisse Weise klang es sinnig. Erstaunlich sinnig.

Die lauten Stimmen der Menschen, die sich mit Karren, Pferden und Zugochsen vor dem Tor der Siedlung eingefunden hatten, erinnerten den Schamanen daran, dass die Abreise kurz bevorstand. Ein Stein lag ihm im Magen, als er Nawos eine Hand auf die Schulter legte. „Pass auf dich auf, Freund!“

„Du solltest dir nicht zu viele Sorgen machen, Rowilan.“ Der alte Krieger lächelte väterlich. „Ich habe schon mehr Schlachten in meinem Leben geschlagen, als du vielleicht jemals erleben wirst. Zumindest wünsche ich es dir.“ Damit fasste er die Hand des Schamanen, drückte sie kurz und zuversichtlich, bevor er zu seinen Spähern ritt und sie mit einem kurzen Gruß vorausritten, in den verschneiten Mittag hinein.

Rowilan blieb mit einem mulmigen Gefühl im Magen zurück. Einen Herzschlag lang starrte er den Männern nach, bevor er sich einiger letzter Anweisungen an die Zurückbleibenden besann und dann die Aufmerksamkeit der Reisefertigen auf sich zog. Mehr als Dreiviertel der ganzen Siedlung hatte sich versammelt. Nur die Ältesten und Kranken waren mit einigen Leibeigenen zurückgeblieben, die kein Recht zur Wahl auf der anstehenden Versammlung hatten. Der Rest war bereit, sodass es Zeit wurde, den Weg zu beginnen, der sie alle auf seine Weise in eine neue Zukunft führte.

Bis zum Abend dieses Tages reisten die Bärenjäger ohne unerfreuliche Zwischenfälle. Der Hohe Göttersitz lag tief in dem hügeligen Land, an dessen Rand Behlenos’ Vorfahren ihre Siedlung erbaut hatten; im Sommer zwei Tagesreisen entfernt, im Winter rechnete Rowilan mit einer längeren Strecke. Der Wind heulte weiter und sandte den Reisenden unzählige Schneeflocken als stumme Begleiter, die sich auf Felle und Umhänge setzten, in Haaren und Stofffalten schmolzen und bis zum Sonnenuntergang zu einer Schicht lockeren Eises gefroren waren. Der alte Handelsweg, der seit der Zeit ihrer Ahnen das Land durchzog, führte sie fort von der Rur dem Fluss Timel entgegen, bis die fruchtbaren Täler ihrer Heimat uralten, dichten Wäldern wichen.

Rowilan wählte eine geschützte Viehweide unweit der Handelsstraße als Lagerplatz für die Nacht. Im Sommer hatten sie es üblicherweise gepflegt, noch ein Stück weiter nördlich auf einer bestimmten Lichtung zu rasten, doch Dunkelheit und stärker aufkommende Kälte hatten den Zug jäh zum Anhalten gebracht. Feuchte Moosteppiche und der lichter werdende Baumbestand waren Anzeichen eines Niedermoores, das unweit ihres Lagerplatzes beginnen musste. Gerne wäre der Schamane ein Stück weiter zwischen Sauergras, Kiefern und Erlen in die Wildnis hinaus gelaufen, doch die aufkommende Dunkelheit und erste Wolfstimmen brachten diesen Entschluss ins Wanken.

„Entzündet genügend Feuer!“, rief er über die Menge hinweg. „Und steckt Fackeln rund um das Lager in die Erde. Wir wollen den Wölfen keine Einladung bieten.“

Rowilan stapfte zwischen den Reihen der Bärenjäger durch die handhohe Schneeschicht. Ihm war nicht vollkommen wohl dabei, so nah an einem Moor zu lagern, wo die Grenzen zur Anderen Welt zu dieser Jahreszeit dünn waren wie nie. Als die Familien ihre Nachtlager in Zelten und großen Karren aufgeschlagen hatten, ließ Rowilan sich deshalb von einem der Bauern einen Krug frischen Bieres abfüllen und entnahm mit spitzen Fingern eine der rituellen Bronzekannen seinem Gepäck.

Die Sonne war nur noch ein gelblicher Lichtschimmer über dem Horizont, als er im ersten Mondlicht über die Feuchtwiese lief. Die Kiefern und dichten Sträucher machten es ihm im Zwielicht der Dämmerung schwer, seine nahe Umgebung zu erkennen, sodass er außerhalb des Lagers nur noch vorsichtig mit den Füßen über den Boden tastete, aus Angst, vom gierigen Schlick eines Moores überrascht zu werden. Im Schatten der Bäume erkannte der Schamane bald nur noch dunkle Silhouetten vor grauem Nachthimmel. Er war überrascht, als sich das leise Murmeln eines Baches in die Geräusche des Waldes mischte. Der zunehmende Mond tauchte wieder hinter einer Wolke auf. Rowilan wollte sich gerade nach den Fackellichtern des Lagers umsehen, da nahm er aus dem Augenwinkel plötzlich eine Bewegung in der Dunkelheit wahr.

Augenblicklich fuhr er herum. Vorsichtig tastete er sich einen Schritt vor, versuchte im blassen Mondlicht wenigstens einen Teil seiner Umgebung zu erfassen.

Dann auf einmal drang eine Melodie durch die Finsternis. Das leise Summen einer Frau vermischte sich mit dem Raunen der Bäume. Unwillkürlich jagte dem Schamanen ein Schauer über den Rücken, ohne dass er mit Bestimmtheit sagen konnte, aus welchem Grund. Vielleicht war es der Archaismus, der dem Klang auf besondere Weise inne lag. Er schien Teil dieses Waldes zu sein, untrennbar mit der Natur verbunden, bar jeder Menschlichkeit.

Achtsam machte Rowilan noch einen Schritt vor, zwängte sich an einem dichten Strauch vorbei, bis er endlich den Bach im Mondschein erkennen konnte. Unbewusst wich der Schamane einen Schritt zurück. Obgleich ihre Gestalt einer sterblichen Frau ähnlich war, hatte das Wesen, das am Ufer des Gewässers kniete, nichts Menschliches an sich. Die Frau, jene Person, war alt, vielleicht so alt wie die Zeit. Rowilan war nicht in der Lage dazu, ein solches Urteil zu fällen. Jedes Jahr ihres Lebens hatte sich in ihren eingefallenen Zügen verewigt, ohne dass sie den Ausdruck jugendlicher Schönheit verloren hatte. Der Eindruck war ebenso grotesk wie real und dieser Umstand allein gemahnte Rowilan zu äußerster Vorsicht.

Die Frau selbst summte ihr Lied, ohne zu erkennen zu geben, ob sie den Schamanen bemerkt hatte. Graues, stumpfes Haar umschlang ihren Körper wie ein Gewand und verdeckte beinahe die Spindel, die sie mit einer Hand hielt. Ein weißer Wollfaden schien wie aus dem Nichts zwischen ihren Fingern zu entstehen. Rowilan musste lange hinsehen, um das gleichfarbige Etwas zu erkennen, das auf ihrem Schoß ruhte. Auf den ersten Blick erschien es wie gebündeltes Licht, das sich einem Kind gleich bewegte, ein Säugling, fein, hilflos, doch auf seine Weise geborgen.

Ihm blieb keine Zeit sich in derlei Gedanken zu vertiefen. Gerade, als eine unterschwellige Ahnung ausgedacht werden wollte, hallte eine leise Stimme zwischen den Bäumen wider. Für einen Herzschlag überlegte der Schamane, ob es nicht besser war, auf der Stelle kehrt zu machen und zurück zum Lager zu eilen. Da aber sah er schon, wie die Frau den Kopf hob, ihn der Blick zweier uralter Augen wie eine Lanze in die Brust zu stechen schien und wusste, dass es für diese Entscheidung längst zu spät gewesen war.

Es klang nicht wie eine echte Frage, als sie sagte: „Du kommst, um mir zu opfern?“

Lautlos drehten ihre Finger das Garn, während die Spindel gleichmäßig um die eigene Achsen schwang, so lange, dass das Wesen sie kaum anstoßen musste.

„Wenn Ihr die Herrin dieses Waldes seid?“

„Die Herrin nicht.“ Sie musterte ihn geheimnisvoll. „Ich wache über ihn, die Tiere, die Geister, die Bäume.“

„Dann nimm trotzdem dieses Opfer von mir und meinen Leuten. Wir sind Reisende, die nur den Weg zwischen den Bäumen beschreiten wollen, ohne die Ruhe zu stören oder dem Wald selbst zu schaden.“

Für einen kurzen Moment hielt die Frau inne. Die Spindel begann an dem gestrafften Faden zu baumeln, während ihr Blick über die beiden Gefäße, den Krug voller Bier und die kunstvoll verzierte Bronzekanne glitt. Rowilan konnte nicht sagen, was sie dachte, ob sie nicht nur aus Berechnung zögerte.

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