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Viva Maremma - In den Hügeln der anderen Toscana

Elmo Modersohn-Maraun

Viva Maremma

In den Hügeln der anderen Toscana

Autobiografische Erzählung,

Wanderungen und toskanische Gerichte

Maremma!

Randland der Toscana,

nicht reich aber wunderschön.

blau, braun, grün,

der Himmel, die Erde, die Macchia.

In der Ebene ein alter Traktor.

Sein Lärm durchpflügt die Luft,

bis hoch auf die Hügel.

Und oben als Kronen

die steinernen Dörfer.

Inhalt

1. Wieso überhaupt Maremma?

2. So hat alles angefangen

3. Ein Freund berichtet

4. Pitigliano, das Mittelalter stellt sich vor

5. Eine Wohnung suchen

6. Eine Wohnung kaufen

8. Vie Cave – auf den Spuren der Etrusker

9. Freunde finden

10. Wir haben auch Nachbarn

11. Julia

12. Falsche Wohnung im falschen Ort

13. Manciano

14. Haus auf dem Hügel

15. Der Preis ist zu hoch

16. Casa Helmi

17. Ein Nachbar erzählt

18. An Landwirtschaft haben wir nicht gedacht

19. Schon wieder ein Kaufvertrag

20. Nachbarschaft ist schön

21. Unser erstes Öl

22. Männerwochenende

23. Lago di Bolzena und Sorano

24. Capalbio, Niki de Saint Phalle, Orbetello

25. Es wird ernst – wir planen

26. Bauen leicht gemacht

27. Ein Erdnussschälchen

28. Unser padrone

29. Landmaschinen

30. Arrivederci Pitigliano

31. La Vecchia – wir ziehen um

32. Angekommen in der Campagna

33. Der Teufelsgeiger in der Einsiedelei

34. Ein Tag am Strand

35. Träum weiter, Elmo!

36. An der Fiora

37. Orvieto

38. Est!Est!Est!

39. Eine Runde um Manciano

40. Ein paar Tage nur noch

41. Monte Labbro und Arcidosso

42. Porto Ercole

43. Abschied

44. La Campigliola

45. Der Dichter fährt einkaufen

46. Montemerano

47. Ordnung muss sein

48. Olivenernte

49. Herbsttage mit Laura

50. Katze

51. Begegnung

52. Im Uccellinagebirge

53. Rom – so oder so

54. Katzes Rückkehr

55. Poggio Buco

56. Burgruine Roccaccia von Montauto

57. Abendbrot mit Katzen

58. Sonntag

59. Ciao, La Vecchia

Anhang I

10 Wanderwege – selbst gegangen

1. Route: Castro antico und via cava di castro

2. Route: Eine Runde um Manciano

3. Route: Etruskerschluchten („vie cave“) zwischen Pitigliano und Sovana

4. Route: Im Uccelinagebirge

5. Route: Vom Strand bei Ansedonia nach Porto Ercole (Wanderung oder Fahrradtour)

6. Route: Von der Fiorabrücke (Pizzeria La Capannella) nach Poggio Buco und bis oberhalb des Fioratals

7. Route: Von Manciano ins Tal der Fiora

8. Route: Von Manciano nach Montemerano

9. Route: Zur Burgruine Roccaccia di Montauto

10. Route: Zur Höhleneinsiedelei Poggio Conte im Fioratal

Anhang II

10 Rezepte – selbst gekocht

1. Rezept: Cinghiale alla maremmana

2. Rezept: Coniglio alla toscana

4. Rezept: Ossobuco alla maremmana

5. Rezept: Panna Cotta

6. Rezept: Polenta

7. Rezept: Pollo alla cacciatora

8. Rezept: Risotto ai funghi porcini

9. Rezept: Spaghetti alla Maremma

10. Rezept: Trota affogata

1.  Wieso überhaupt Maremma?

Wir hatten einen Traum. Wir, das sind meine Frau Laura und ich. Unser Traum: ein Haus in Italien. Wir fanden es, umgeben von Hügeln mit Oliven und Wein, vor uns die ganze Landschaft der Maremma, gerahmt von Gebirgszügen, in der Ferne der Monte Argentario und ein kleiner Streifen des silbernen Meeres. Wir brauchten Jahre, um Stück für Stück einen wilden Olivenhain mit zwei einfachen Steinhäusern ohne Strom und Wasser zu zähmen, bewohnbar zu machen und in unser kleines, privates Paradies zu verwandeln.

Ein Haus bei Manciano, einem nicht sehr großen und eher schmucklosen aber sehr lebendigen Städtchen zwischen dem Lago di Bolzena und dem thyrrenischen Meer, mitten in der italienischen Provinz.

Vor der Haustür die Reste des sagenhaften Etruriens: Vulci, etruskische Metropole, Magliano oder Castro, etruskische Gründungen, rätselhafte Hohlwege bei Sorano und Pitigliano, monumentale Grabanlagen bei Sovana oder massige Mauerreste in Orbetello; und bei Tarquinia die etruskischen Grabkammern, bemalt mit Bildern von Kriegern und Jägern oder mit erotischen Szenen. Eine ganz eigene Welt. Vielleicht liegt hier der Grund für den so unaufgeregten Stolz der Menschen in der Maremma: ich glaube, tief in ihren Herzen sind sie Etrusker.

Wir haben viel Zeit verbracht in Italien. In den Bergen am Lago Maggiore, am Gardasee, wir waren in Rom, in Neapel, in den alten Städten der Toscana und Umbriens, haben Ferien gemacht am Meer bei Sorrent, an der Amalfiküste und in den apuanischen Alpen. Geblieben jedoch sind wir im Süden der Toscana, in der Maremma. Hier in den Hügeln, den Wäldern, zwischen weiten Feldern und Wiesen, auf denen Schafe weiden und Rinder, hier in den alten Bergdörfern, deren Menschen so freundlich wie verschlossen sein können, hier fanden wir so etwas wie ein zweites Zuhause.

Morgens weckt uns ein Hahnenschrei, die Sonne scheint durch die Zweige von Nuss- und Olivenbäumen vorbei am Stamm einer hohen Zeder und fällt – Spinnwebfäden glitzern in dürrem Geäst – blendend auf das Weiß unserer Betten. In der Mittagsstille schläft das Land auf schweren Polstern aus Hitze, und in der Abenddämmerung lauschen wir den selten gewordenen Rufen des Kuckucks. In der Ferne leuchten die Lichter der alten Stadt mit ihrer Burg, und in der Nacht beschützt ein unvergleichliches Sternenzelt unser kleines Haus auf dem Hügel. Im Schein des kühl glänzenden Mondes fallen geheimnisvolle Schatten in den Olivenhain, und leichter Wind lässt die spitzen Blätter zittern. Und dann wieder der Tag, soviel Sonne über unserem Hügel! Manchmal ziehen ringsum dichte Wolken über das Land, doch genau über uns reißt der Himmel immer wieder auf und zeigt sein tiefes Blau. Sonnenhügel!

Eine Idylle? Wie auch immer. Wir haben das Glück gehabt, einen solchen Ort zu finden.

„Elmo, wo bist Du? Kommst du hoch? Pranzo! Caprese und spaghettini con pomodori!“, höre ich, während ich unten am Fuß des Hügels in der braunen Erde ein Gemüsebeet jäte, faggioli, zucchini, pomodori, Bohnen, Zucchini und Tomaten, alles frisch für die Küche. Mittagessen? So schnell ist der Morgen vergangen?So schnell vergeht hier die Zeit und doch bleibt sie stehn, während wir unser Stück Erde bearbeiten, toskanisch kochen oder träge im warmen Halbschatten von Oliven- oder Obstbäumen liegen, von Wanderungen und Spaziergängen träumen und die Wege auch gehen, entlang an Flussläufen, durch dichte, grüne Wälder, in einem engen Bachbett über Felsen klettern oder über lang gezogene Bergrücken wandern mit weitem Blick bis zum Meer. Einkehren in einer einfachen, aber gastlichen trattoria in einem dieser für mich so unbeschreiblich schönen, so wenig hektischen, alten Dörfer, die unberührt von der Geschäftigkeit großer Städte aus ihrem Dornröschenschlaf kaum geweckt werden wollen – und doch auf ihre Entdeckung warten.

Wir gehen den Spuren der Geschichte nach. Mehr als zweieinhalb Jahrtausende Reichtum und Armut, etruskische Hochkultur und im Mittelalter bäuerliches Dasein am Rande des Hungertods, Reste versunkener, immer noch rätselhafter Welten, archäologische Kostbarkeiten, steinalte Orte in der flimmernden Mittagshitze, manches schön anzuschauen und manches, Palast oder Tempel, nur noch Ruine, irgendwann dem Erdboden gleichgemacht oder ganze Orte, eingestürzt, verlassen und vergessen, von der macchia überwuchert.

Im Sommer biegt sich über allem, über dem Meer und den Bergen, über den Wäldern, den Feldern und unserem kleinen Haus auf dem Hügel ein weiter, blauer Himmel, durch den die Sonne unmerklich ihren Bogen zieht. Und manchmal schieben sich Berge von Wolken vor das Licht, es wird düster und aus heiterem Himmel stürzt sich ein Gewitter über das Land. In derselben Sekunde zerreißt ein Blitz das graue Dunkel, und Donner zieht krachend durch das Tal. Regenmassen fallen wie Graumilchkatarakte aus den sich blähenden Wolken. Die weite Ebene ist verschwunden, und der Brunnen vor unserem Haus scheint hinter treibenden Wasserschleiern sich zu verstecken. Aber auch das ist großartig.

Wenn ein alter Obstbaum Opfer des stürmischen Winds oder ein Olivenstamm vom Blitz gespalten wurde, sind wir froh, dass wir hier nicht alleine sind, dass freundliche Nachbarn uns zur Seite stehen.

An unserem Italienisch allerdings werden immer zu arbeiten haben. Perfekt sind wir bei weitem nicht und werden es nie werden. Mit vielleicht zwei- oder dreihundert Wörtern haben wir begonnen. Für eine elegante Gesprächsführung reicht das nicht, aber für unsere alltäglichen Dinge sehr wohl.

„Due biglietti di andata e ritorno per Roma“ geht uns leicht über die Lippen und wir erhalten tatsächlich zwei Tickets für eine Bahnfahrt nach Rom oder wir fragen: „Dov’è una pizzeria qui vicino?“, wenn wir in der Nähe eine Kleinigkeit essen wollen und in der Pizzeria erzählen wir dann mit einfachen Worten den Tischnachbarn von uns und unseren Kindern. Wir sind mutig und reden einfach mit den Menschen hier; das öffnet nicht nur deren Lippen sondern auch ihr Herz.

„Wo bleibst Du?“, höre ich wieder Lauras eher neugierige als ungeduldige Stimme.

„Moment, ich komme, ich bin unten. Die Zucchini werden riesig dieses Jahr“, rufe ich und stapfe zwischen Olivenbäumen über die rot und gelb aufblühende Wiese den Hang hoch. Lauras Essen will ich nicht kalt werden lassen.

Unter der Pergola ist der Tisch gedeckt. In der großen Schüssel glühen die kleinen, roten Tomaten zwischen dem Weiß der Pasta und dem Grün von Basilikum. Die Farben Italiens auf unserem Tisch.

2.  So hat alles angefangen

„Laura, Telefon! Gehst du ran, ich bin gerade oben, am PC.“

„Wenn du mir sagst, Elmo, wo das Teil liegt.“

„In der Küche irgendwo.“

„In der Küche irgendwo! Und wo, bitteschön? Du bist zwei Minuten in der Küche und hier herrscht das Chaos. Wie machst du das?“

„Keine Ahnung, das geht alles wie von selbst.“

„Was macht das Telefon denn da im Brotkorb?“

„Keine Ahnung! Hunger vielleicht?“

„Aha, der Anrufbeantworter! Wir sollten immer nur den Anrufbeantworter fragen, wer was wollte.“

„Wird gemacht Schatz. Wer war denn dran und was wollte er?“

„Moment mal, lass ihn doch wenigsten zu Ende reden! Der André spricht.“

„Na, geh doch ran, dann sparen wir uns den Rückruf!“

„Zu spät, André hat gerade Schluss gemacht. Wir sollen ihn zurückrufen, es sei wichtig!“

Und den Rückruf haben wir dann vergessen.

Es ist Samstagmorgen. Der Wochenendeinkauf wartet, wir erwarten Gäste für den Abend. Unsere beiden Kinder, Susanne und Moritz, fünfzehn und zwölf, wollen nicht länger warten; sie wollen so schnell wie möglich zu ihren Freunden gebracht werden, weil auch die bereits warten. Es ist der übliche, entspannte Beginn eines ruhigen Wochenendes. Da vergisst man schon einmal etwas.

Das Wetter hat tatsächlich gehalten, womit die Vorhersage gedroht hat: dicke Wolken lassen die Sonne nicht durch. Meiner krankhaft guten Morgenlaune macht das nichts. Laura hadert schon eher mit dem Wettergott, wenn graue Regenschleier Garten und Gemüt bedecken.

Der Samstag fängt ja gut an. Wie wird er enden?

Jetzt ist es sechs Uhr abends. Laura und ich haben eingekauft und alles gefunden, was wir brauchen. Unsere Gäste lieben italienische Speisen. Alles ist vorbereitet.

Wir stehen in der Küche. Das Telefon klingelt. Unsere Freunde: „Versinkt ihr auch bereits im Schnee?“ Statt Regen haben wir seit dem Nachmittag dichtes Schneetreiben. Wir hätten ja hoffentlich nicht allzu viel Aufwand getrieben, sagen sie, und wir sollten nicht böse sein, aber sie blieben heute lieber zuhause.

Sagt man Freunden immer die Wahrheit? Wir hätten uns nicht viel Arbeit gemacht, sagen wir, und wir hätten auch gerade erst mit Kochen anfangen wollen – kurzum, das sei für uns kein Problem.

„Und was machen wir jetzt?“, frage ich Laura.

Sie erinnert mich an André, dem wir noch einen Rückruf schulden. Auch André liebt Italien und die italienische Küche, und er wartet auf unser Telefonat. „Wir laden einfach ihn zum Essen ein. Vielleicht hat er ja nichts vor und er kommt.“

„Rufst du an, Laura? Du kannst das einfach besser, ihm ein wenig um den Bart streichen.“

„Okay, ich ruf ihn an. Steinpilzrisotto, Kaninchen und panna cotta werden ihn schon herbringen. Und mutig ist er auch, das Wetter wird ihn nicht abhalten.“

So ist es. André hat Zeit, Appetit und Mut. Er werde sich trotz verschneiter Straßen ins Auto setzen.

Der Abend ist gerettet.

3.  Ein Freund berichtet

Strahlend steht André in der Tür. Irgendetwas muss ihn in Bestlaune versetzt haben. Das Wetter kann es wirklich nicht sein.

„Komm rein, schnell die Tür zu, bevor wir im Flur Schlitten fahren können!“ Heftiger Wind treibt die Schneeflocken bereits ins Haus. So kurz die Strecke vom Parkplatz ist, André erinnert bereits an einen Schneemann. Laura schüttelt vor der Tür kurz Andrés Mantel aus und hängt ihn drinnen über das Treppengeländer. Die Schuhe zieht André von alleine aus. Schneematsch im Wohnzimmer mag Laura nicht so gerne, das weiß er.

„Hi, Laura, ciao Elmo, alles klar?“, die Standardbegrüßung. „Kein Vergnügen, bei diesem Wetter Auto zu fahren, aber egal, jetzt bin ich da.“

„Bingo! Du wolltest ohnehin mit uns sprechen. ‚Wichtig’ hast du gesagt. Am Telefon hast du dich ja noch bedeckt gehalten. Jetzt trinken wir einen Schluck, und dann erzählst du uns, was los ist!“

Ich öffne voller Erwartung eine eisgekühlte Flasche Prosecco und gieße allen ein Glas ein. „Salute! Also, was gibt’s?“

„Nun, mal langsam, lass uns einen Schluck trinken, dann etwas essen und dann berichte ich Euch. In dieser Reihenfolge, okay?“André hat offenbar Hunger.

Der Tisch war gedeckt und nach dem Essen wieder abgeräumt. Laura hatte wunderbar gekocht, und der Weiswein, Verdicchio, den schon die Etrusker an der Costa d’Argento angebaut haben, hatte zum risotto so gut gepasst wie der Rote, Barbera d’Asti, zum Wildkaninchen in kräftiger Sauce. Über alles Mögliche haben wir während des Essens gesprochen, nur nicht über das, was André wollte.

„Also, los, André, jetzt gibt es einen Espresso, vielleicht noch einen Grappa, und dann lässt du die Katze aus dem Sack. Du machst es ja wirklich spannend!“

„Den Grappa nehme ich und den Espresso doppelt. Also, ich war bis vorgestern in der Toscana. Ihr erinnert euch an Giorgio, den Bildhauer; auf meinem letzten Geburtstag war er da, der mit der Glatze und dem schwarzen Vollbart. Er hat sich in Pitigliano ein kleines Haus gekauft.

„Pitigliano?“, frage ich, „die Stadt auf diesem Tuffsteinplateau? Da waren wir schon einmal. Ist zwanzig Jahre her. Ich erinnere mich; ziemlich alt, ziemlich grau, ziemlich verfallen.“

„Ja, ja, aber da tut sich etwas. Es gibt viele Leute aus Rom, aus Florenz, aber auch ein paar Deutsche und Engländer, die alte Häuser kaufen, renovieren und sie für die Ferien nutzen.“

„Einen guten Weißwein gibt es da, Bianco di Pitigliano“, ergänze ich meine Bemerkung von vorhin. „Und jetzt hat Giorgio sich da ein Haus gekauft?“

„Ja“, antwortet André, eine tolles kleines Haus, mit Terrasse, im centro storico, direkt am Steilhang, spektakulär, aber ein Fall für Totalrenovierung. War ein hartes Stück Arbeit, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen: das Bad eine Höhle im ockerfarbenen Tuff, eine grüne Marmorwanne, der Wohnraum groß und hell, mit alten Terracottafliesen und offenem Kamin und auf Gartenterrasse Sonne satt, von morgens bis abends!“

Ich beginne zu begreifen. „Ja, ja, ich verstehe …“, will ich sagen.

Doch André lässt sich nicht unterbrechen. „Aus zwei Kammern unter der Wohnung“, fährt er fort, „mussten wir ganze Berge von Schutt und Müll nach oben schaffen, Eimer für Eimer, Stufe für Stufe, Schritt für Schritt. Über Treppen wie Hühnerleitern. Und – habt ihr eine Idee, was das für Räume sind?“

„Wie sollten wir? Keine Ahnung! Du wirst es uns jetzt sagen – aber deswegen hast du uns doch nicht angerufen, oder?“

„Nein, natürlich nicht, das kommt gleich. Das sind etruskische Grabkammern! Zwei Stockwerke tief. Stellt euch das vor: Grabkammern, zweitausend Jahre alt, direkt unter dem Schlafzimmer!“

Laura und ich, wir schauen uns an, warum erzählt er uns das?

Jetzt beginnt Andre zu schwärmen: „Und dann. Ich sitze auf der Terrasse, am späten Nachmittag, keine Wolke am blauen Himmel, die Sonne tief, die Schatten lang. Es ist Ende Oktober, und immer noch warm! In der Hand ein Glas Bianco di Pitigliano, und ich weiß, morgen scheint wieder die Sonne. Ich sitze einfach nur da, schaue auf die Kapelle am Waldhang gegenüber – und dann läuten tatsächlich auch noch die Glocken vom Domturm!“

Andre bläht die Backen und atmet hörbar aus. „Ich habe mich gefragt, gibt es so etwas noch einmal hier, und kann ich das vielleicht sogar bezahlen? Ich bin herumgerannt, hab mir kleine Wohnungen angesehen, teils bewohnbar, teils Bruchbuden. Ich wollte auf jeden Fall auch eine Terrasse. Ich habe etwas gefunden. Und zwar nicht nur für mich – ihr wolltet doch auch immer etwas in Italien haben.“ Ende von Andrés langem, nicht zu stoppenden Monolog. „Da müssen wir hin!“, fügt er noch an.

André strahlt immer mehr. Das also ist es. Daher das Leuchten in seinen Augen und seine gute Laune. Auch er hat einen Traum. Er sieht sich sommers wie winters mit einem Glas Wein auf einer Terrasse sitzen, in der Sonne, in der Toscana.

Und: Andrès Erzählung trifft mich ins Herz. Seit wie vielen Jahren trage ich diesen Traum mit mir herum! Savoir-vivre auf italienisch, ars vivendi auf einem Hügel der Toscana! Andrés Begeisterung weckt ihn wieder in mir, diesen Traum von leben und leben lassen.

4.  Pitigliano, das Mittelalter stellt sich vor

Wir haben siebenmal unruhig geschlafen, und jetzt sitzen wir tatsächlich zusammen mit André auf dieser Terrasse in Pitigliano, am späten Nachmittag. Und nichts ist einfach nur so, wie André es beschrieben hat. Die Wirklichkeit ist – unbeschreiblich! Jetzt ist schon Anfang November und keine Wolke am blauen Himmel. Über der Hügellinie im Westen steht die Sonne und wirft lange Schatten in den schon dunkelnden Garten.

Ich ziehe mir meine Kappe tiefer ins Gesicht, weil das helle Licht die Augen blendet. Die Sonnenstrahlen wärmen zwar noch, aber dennoch ist es bitterkalt. Dicke Jacken und Wollpullover hüllen uns ein, und ich bin froh, dass ich von zu Hause einige meiner Kappen mit auf die Reise genommen habe: eine leichte Kappe aus Leinen gegen die Sonne, eine wollene für kalte Tage und eine Lederkappe, für den Fall, dass es regnet. Die Lederkappe hätte ich zu Hause lassen können, aber vor einigen Tagen ist es ungewöhnlich kalt geworden, auch hier ganz im Süden der Toscana. Meine Wollkappe ist im Dauereinsatz.

Laura haucht in ihre Hände, und kleine Nebelfetzen verflüchtigen sich über ihren Handrücken. „Toscana und Sonne“, sagt sie, „stimmt! Aber ich hätte mir doch die mit Fell gefütterten Stiefeletten kaufen sollen.“

Ich stehe zu Hause täglich vor der Garderobe und frage mich: welche Kappe? Und Laura fragt in den Schuhschrank hinein: welche Schuhe?

Manche Freunde nennen mich einfach nur„Cappo“ (eine Kurzform für „cappuccino, was wörtlich übersetzt „Käppchen“ bedeutet), und meiner Frau eilte schon früh der Ruf voraus, königliche Füße zu besitzen – und für die benötigt sie natürlich eine fürstliche Auswahl von allerlei Schuhwerk.

In der Stadt hoch auf dem Tuffsteinfelsen fegt schneidender Wind durch die engen Gassen. Das Wasser in den Brunnen ist im Fall gefroren. Phantastische Formen und filigrane Muster glitzern vielfach gebrochen im Eis.

Lange haben wir zu Hause nicht nachdenken müssen, und am gleichen Abend noch, als André uns von Pitigliano erzählt hat, sind die Würfel gefallen. „Wir fliegen hin!“ Internetbuchungen gab es noch nicht. Am nächsten Morgen daher Reisebüro, Telefonate, Termin zum Abholen der Reiseunterlagen, Hinfahrt, Rückfahrt, erneute Abstimmung mit André, und eine Woche später sind wir unterwegs.

Jetzt sind wir hier, in Pitigliano. Schon der erste Blick auf die mittelalterliche Stadt hat uns gefesselt, ein Ort, vor über zweitausend Jahren auf schroffen Tuffsteinfelsen schon von den Etruskern besiedelt; die Reste einer alten etruskischen Stadtbefestigung, riesige Tuffsteinblöcke, sind bei der Porta Sovana noch aufeinander geschichtet. Aber sonst hat der Lauf der Geschichte nichts mehr übrig gelassen von der etruskischen Siedlung. Nur diese gewaltigen Steinblöcke im Mauerwerk der Stadtbefestigung erzählen von der Urzeit der Stadt.

André hat die Route von Manciano kommend gewählt, und wir mussten auf der Hinfahrt gestern bei der Kirche Madonna della Grazie das Auto einfach anhalten. Was für ein Panorama! Gigantisch wachsen aus steilen Tuffsteinwänden Häuser in die Höhe, exakt auf die Kanten der Felsen gebaut. Der hoch aufragende Domturm, die Stirnwand der Synagoge und die kompakten Mauern der Orsiniburg, atemberaubend im roten Abendlicht. Ein solches Stadtbild sieht man nicht oft. Das war unser erster Blick auf Pitigliano.

Und dann betreten wir den Ort. Eine Stadt wie eine Festung. Niemand auf den Straßen, die Kälte hält die Menschen in den Häusern. Wir schließen die Mäntel dichter am Hals.

In einer Seitengasse eine Ape, eine Dreiradvespa mit Ladefläche, hoch mit Holz beladen, für den Kamin. Zentralheizung ist selten hier in der Altstadt. In den Wochenendwohnungen der Römer vielleicht, aber ansonsten heizt ein Kamin, althergebracht, einen Raum in der Wohnung, für mehr reicht hier oft das Geld nicht. Holz ist nicht billig, und, wir können es auf den ersten Blick sehen, reich ist diese Stadt, sind ihre Bewohner nicht.

Je dunkler es wird, desto düsterer wirkt die Stadt, trotz der gelb leuchtenden Laternen, die vergeblich dem Mauerwerk die Kälte zu nehmen versuchen. Mittelalter. Kein Schnickschnack, keine herausgeputzten Hausfassaden. Und dann: das Knattern eines Mopeds, es macht die eisige Stille spürbar. Das hier ist in einem kalten November kein Ort für Touristen. Wie vor Jahrhunderten, abweisende Häuser mit kleinen Fenstern und enge Straßen, in denen der Hauch des Atems nach oben steigt.

Ich weiß es noch nicht, aber für mich ist die Entscheidung wohl in diesem Moment gefallen: Hier will ich ein Haus, hier, in diesem seltsamen Ort, wo die Zeit erstarrt zu sein scheint.

Der nächste Tag bringt wieder gleißendes Licht. Ein Spaziergang entlang der grauen Häuser, durch die Sonne nur mühsam freundlich gemacht. Dunkle Torbögen verschlucken unsere Schatten, Sonnenterrassen an steil stürzenden Tuffsteinhängen geben sie uns zurück. Wir spüren das Besondere an diesem Ort.

„Dieser Ort steckt voller Spannung.“ Laura hat Recht. Grelles Sonnenlicht auf der Piazza della Repubblica und düstere Gassen, die an Felsstürzen enden. Beengt durch das Mauerwerk fliegt der Blick dennoch weit hinaus ins Land. Jetzt durchbricht das Geheul eines Hundes die Stille in der Enge der Straßen.

Nur selten sind Menschen zu sehen, und sie wirken wie ihre Stadt im November mit den verschlossen Türen. Diese Stadt ist keine sanfte, ich spüre ihre Rauheit auf meiner Haut.

„So eine Stadt, Laura, habe ich noch nie gesehen. Das hier ist es. Hier bleiben wir.“

„Mal sehen!“ ist Lauras lakonische Antwort.

5.  Eine Wohnung suchen

Unser Spaziergang hat einen Zweck. Wir sind verabredet mit Lino, Maurer, Bauunternehmer, Wohnungsrestaurator und Schlitzohr.

Lino kennt sich aus in Pitigliano. Er kauft nicht mehr genutzte, verfallende Wohnungen, saniert und renoviert sie nach altem, toskanischem Vorbild, und dann verkauft er sie, zu ausgesprochen vorteilhaften Preisen – sagt er.

Er hat auch Giorgios Haus umgebaut, Mauern durchbrochen, die Wände verputzt, die alten Terrakottaböden und Tuffsteinbögen restauriert.

Bei diesen Arbeiten hat André ihn kennengelernt und sich etliche seiner appartamenti angesehen. Zwei hat er sich reservieren lassen, eine kleine Wohnung für sich selbst und eine etwas größere für uns. Die größere ist unser erstes Ziel. Sie liegt im historischen, jüdischen Viertel, nur einige Meter entfernt vom Eingang zur Synagoge. Wir stehen vor der jüdischen Bäckerei.

„Du, ich hol mir einen von diesen Mandelbageln hier“, Laura zeigt in die Fensterauslage. „Der Kaffee heute Morgen war ja in Ordnung, aber die Brote von gestern fand ich nicht so prickelnd.“ Ich folge Laura in den Laden. Lino wartet draußen.

Der Bäcker ist ein freundlicher Mann, mit dem wir sofort, wenn auch holprig, ins Gespräch kommen. Er sieht Lino vor der Tür und weiß offenbar sofort Bescheid. „Comprare un appartamento a Pitigliano? Da Lino? Un bravo ragazzo.“

Ja,ja, ein tüchtiger Kerl ist er, ein guter Maurer, ein Kunsthandwerker, der wirklich etwas von einfühlsamem Renovieren versteht, wie wir gleich sehen werden, der aber auch weiß, wie man das in klingende Münze umsetzt. Das werden wir später sehen.

Der Bäcker reicht Laura den gewünschten Bagel. Während sie die 500 Lire dafür in ihrer Geldbörse sucht, legt der Bäcker mir ebenfalls solch ein rundes Gebäck aus Hefeteig zum Probieren („solo per assaggiare“) auf den Tresen und erklärt uns, dass Bagel eine jüdische Backspezialität seien, deren Tradition ins siebzehnte Jahrhundert zurückreiche.

„Mmh, Elmo, der Bagel ist gut, richtig gut. Ich brauch einen Sack. Ich nehme sie alle mit.“

„Und im Flieger einen Sack voller Bagel als Handgepäck?“ frage ich grinsend? Ich schaue den Bäcker an und sage: „Meine Frau braucht einen Sack, sie möchte mehr von den Bagel.“

Der Mann in der weißen Jacke lacht und fährt sich mit mehligen Fingern durch sein schwarzes Haar: „Ja, die sind gut. Seit Jahrhunderten schon und immer das gleiche Rezept! Wissen Sie, wie die Bagel nach Pitigliano gekommen sind?“

Das wissen wir natürlich nicht. Aber der Bäcker mit dem Mehl im Haar erklärt es uns: „Im Kirchenstaat wurden vor Jahrhunderten die Juden als Gottesmörder blutig verfolgt. Die Päpste waren fanatische Judenhasser, und das Ghetto in Rom war ein grausames Gefängnis. Viele Juden flohen nach Pitigliano und lebten hier im Schutz ihnen wohlgesonnener Fürsten. Jahrhunderte lang, in einer jüdischen Gemeinde, mit allen Traditionen und eben auch mit dem Bagel.“

„Und heute?“, frage ich, „für wen backen Sie heute? Sehr bewohnt sieht das Viertel hier ja nicht aus. Mehr Ruinen als Häuser.“

„Ja, ja, die jüdische Zeit im Viertel ist vorbei. Ich backe jetzt für alle im Ort, für die paar Juden, die es hier noch gibt, nicht einmal eine Hand voll, und für die Touristen, die herkommen um sich die Reste des Ghettos anzusehen und die Synagoge. Die ist wunderbar renoviert. Dafür gab es Fördermittel. Für die Wohnhäuser nicht. Darum kümmern sich Maurer wie Lino.“

Um eines dieser alten Häuser geht es uns heute. Vicolo Brescia. Mächtiger Tor- und Treppenbogen, breite durch die Jahrhunderte abgetretene Stufen führen nach unten. Ein düsterer Abgang. Am Ende vielleicht nur ein Verließ, kalt, feucht? Unten aber ein kleiner, von hohen Hauswänden begrenzter Innenhof. Seine Wände aus massiven Tuffsteinblöcken fangen oben ein wenig Sonne ein, und unten rechts erwartet uns eine breite, jedoch verschlossene Eingangstür.

André schaut uns an: „Wir sind da. Eure Wohnung! Sesam öffne Dich!“, und André breitet seine Arme aus, als ob sie die Türflügel wären.

So märchenhaft hier auch alles ist, wir brauchen einen Schlüssel. Lino sucht in den Tiefen seiner Maurerhose. „Porca madonna,“, flucht er, „dimenticato a casa! Und wie der Blitz rennt dieser nicht mehr ganz junge Mann los, um den zuhause vergessenen Schlüssel zu besorgen.

Irgendwo auf irgendetwas warten ist nie meine Stärke gewesen, aber hier nutze ich die Gelegenheit um mich ein wenig umzuschauen. Oben gegenüber der Treppe plätschert leise und ohne Unterlass ein dünner Wasserstrahl aus dem geöffneten Maul eines kleinen Löwenkopfes in ein bronzenes Wasserbecken an der Wand. Links daneben ein Plakat: Lucio Dalla. Mir fällt eine Liedzeile von ihm ein, „tutta la vita, senza mai chiudere una porta“, das ganze Leben, ohne geschlossene Türen – oder so ähnlich.

Und in dem Moment öffnet sich das zweiflügelige Eingangsportal. Lino ist mit dem Schlüssel zurück. Wir betreten einen großen, fensterlosen Raum, vor Jahrhunderten vielleicht als Warenlager für einen jüdischen Händler gebaut. Wirklich hell ist es hier nicht. Lino schließt die Tür. Ein wenig Licht fällt durch deren halbhohe Verglasung und aus dem hellen Hauptraum mit zwei Fenstern durch einen breiten, mit Tuffstein verkleideten Bogen. Eines der Fenster, in Richtung Westen, ermöglicht den Zugang auf eine kleine Terrasse – für uns das Herzstück einer Wohnung in Italien.

Hier könnten wir frühstücken, mit Blick auf die andere Talseite, den Hang dort und die kleine Kapelle. „Na, Laura, ist das was? Hier in der Sonne sitzen? Abends ein Glas Wein?“

„Warum nur eins?“ fragt Laura

In Gedanken sehe ich die Räume schon vor mir: die fertig gemauerte Kochecke mit grün-weißem Fliesenspiegel, die kleine Terrasse mit Blumen geschmückt, das kleine Bad, auch hier eine Höhle im Fels, in die die Hitze des Sommers keinen Einlass findet.

Wortreich, mit ausladenden Gesten preist Lino sein Angebot. „Die kleinen Wandnischen mit ihren Ziegelbögen, alles original! So einen schönen Raum sieht man selbst hier nicht oft.“ Linos listige Augen wandern von einem zum anderen, als wolle er unsere Gedanken lesen. Er ist erfahren und schlau: Für ihn ist die Wohnung verkauft. So ist es dann auch. Lino nennt den Preis, hält uns die Hand hin und euphorisch schlagen wir ein. Schnell, sehr schnell.

André drängt jetzt ein wenig. Er will uns seine Wohnung zeigen. Wir lassen noch einmal unsere Blicke durch den Raum schweifen, bewundern noch einmal die alten Böden, die Mauernischen und die hohen Tuffsteinwände und folgen dann Lino durch eine enge Sackgasse, an deren Ende eine schwere Tür aus Kastanienholz den Zugang zu Andrés appartamento versperrt. Lino öffnet – diesen Schlüssel hat er mit – und führt uns in einen etwas heruntergekommenen Doppelraum, mit Tuffsteinbogen und vor allem einer großen, durch Mauerwerk windgeschützten Terrasse.

„Hier draußen sitzen zu können, das ist ein Traum, und ich habe Platz genug für eine lange Tafel mit Freunden.“ Ich glaube, Andrè träumt wirklich. Auch wenn es stimmt, diese Terrasse ist dreimal so groß wie unsere, aber André träumt von Freunden, die er hier gar nicht hat.

Was wir nicht verstehen: diese Wohnung ist kleiner, abgewohnt und stark renovierungsbedürftig aber teurer als unsere. Warum?

6.  Eine Wohnung kaufen

Mit Handschlag wird jetzt alles besiegelt, aber wir haben keine Ahnung, wie es weitergeht.

Als Erstes steht der sogenannte compromesso an, ein privater Optionsvertrag, in dem alles Wesentliche bereits geregelt wird. Dabei ist Maria uns behilflich, eine ortsansässige Maklerin, auf deren Redlichkeit wir uns damals und auch später verlassen konnten. Maria, eine blond gelockte, sympathische Dame in den Fünfzigern bittet uns lächelnd auf den Stühlen vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen. Sie kennt Lino und weiß, um was es geht. Ein vorbereites Formblatt liegt bereits auf dem Tisch.

Marias ungebremstes Italienisch trifft uns gnadenlos. Keine Chance auch nur irgendetwas zu verstehen. Hilfe suchend sieht Laura mich an, und genauso Hilfe suchend blicke ich zurück.

„Lento, molto piu lento, per favore,“ soviel Italienisch bringe ich mit in die Verhandlung. Ob richtig oder falsch, jedenfalls wiederholt Maria ganz langsam und deutlich, was sie gesagt hat, und sie geht mit uns den Vertrag durch, sorgfältig, Zeile für Zeile, und wir verstehen allmählich, auch mit Hilfe des Wörterbuchs, was da steht, dass wir nämlich die Absicht haben, die genannte Immobilie zu kaufen. Optionsvertrag? Absicht? Wir wähnen uns sicher, und wir haben kein Problem, auch schon eine Anzahlung auf den Kaufpreis zu leisten.

Wir unterschreiben. André seinen Vertrag auch, was er besser nicht getan hätte. Er hat wieder einmal geträumt, und zwar von Geld, das er nicht hat. Er hat seine finanziellen Möglichkeiten überschätzt, seine Pläne werden zu Makulatur, und seine Anzahlung sieht er nie wieder.

Jetzt aber geht es darum, die Verträge zu feiern. Eine trattoria ist schnell gefunden, ein freier Tisch ebenfalls, und bis zum Essen haben wir ausreichend Zeit, uns in den schönsten Farben auszumalen, mit welchen alten Möbeln wir unsere Wohnungen einrichten, und mit welchen Blumen und Bäumchen wir unsere Terrassen verschönern werden. An Probleme denken wir keinesfalls!

In Italien – das wissen wir natürlich nicht – ist bereits der privatschriftlich abgefasste Vorvertrag für die Parteien bindend. Ein Grundstückskaufvertrag wird zwar auch notariell abgeschlossen, aber alle Rechte und Pflichten der Parteien ergeben sich bereits aus dem schon unterschriebenen Vorvertrag. Kann uns aber auch egal sein, denn wir haben ja, was wir wollen. Denken wir!

Was haben wir gekauft? Laut Privatvertrag eine Immobilie, von Maria präzise benannt, bestehend aus einem „monolocale con bagno e piccolo terrazzo“, also eine Einraumimmobilie mit Bad und kleiner Terrasse. Die Feinheiten italienischer Grundstücksbezeichnungen und Vertragsformulierungen sind uns alles andere als geläufig. Wir lassen uns den Entwurf des notariellen Vertrags schicken, lassen ihn übersetzen und geraten ins Staunen.

Der Kaufgegenstand hat sich verwandelt in ein „locale uso magazzino“, einen Lagerraum. Von einem Bad und einer Terrasse ist im Notarvertrag keinerlei Rede. Ein Bad gibt es nach den Katasterunterlagen nicht, und auch bezüglich der fehlenden Terrasse haben wir bald Klarheit. Es gibt sie ebenfalls nicht! Durch den türähnlichen Fensterausstieg gelangt man zwar nach außen, aber nur auf das von Lino mit Fliesen gedeckte Dach eines Vorbaus. Eigentum für uns? Fehlanzeige!

Jetzt verstehe ich die relativ geringe Höhe des Kaufpreises. Lagerraum ist natürlich auch in Italien billiger als Wohnraum. Und Lino? Redlicher Handwerker? Oder doch mehr Schlitzohr? Er hat für kleines Geld einen Lagerraum gekauft und ihn „abusiv“, also ohne Baugenehmigung, in eine Wohnung umgebaut. Eine in Italien zu dieser Zeit nicht gerade unübliche Praxis.

Oft ist das gut gegangen, wenn auch manchmal nur unter dramatischen Umständen. Ich erinnere mich an ein sehr vergnügliches Buch, „Spaghetti im Rohbau“, dessen Lektüre mich Freude und Schmerz bei der abusiven Entstehung eines Hauses miterleben ließ.

Häufig aber stoppt ein rotes Flatterband endgültig jegliches Bauen und den Zutritt zu einem so erstellten Bauwerk. Laura und ich, wir sind Menschen, die in einer Wohnung, die sie kaufen, auch tatsächlich wohnen wollen – ohne nachträglichen Kampf um eine Baugenehmigung.

Für „unser“ appartamento haben sich die Frühstücks- und Abendterrasse und der ganze Wohnraum buchstäblich in Luft aufgelöst. Unser Vertrag jedoch leider nicht!

„Wie kommen wir da wieder heraus?“ Lauras Stimme klingt nicht sehr zuversichtlich.

„Hm, den Notartermin müssen wir erst einmal absagen. Und wir müssen mit Lino reden. Aber wir kriegen das schon irgendwie hin.“ Ich bin unverbesserlich in meinem Optimismus.

Ich rufe Lino aus Deutschland an. Natürlich hat er keine Ahnung, wovon ich rede. Für solche Telefonate reicht auch mein Italienisch nicht. Mit einem Italiener zu reden ist bei dessen Tempo für mich ohnehin schwer genug. Aber telefonieren? Da sehe ich die Mimik nicht, die Gesten fehlen mir und wer Italien kennt, der weiß, dass man ohne seine Hände dort gar kein Gespräch führen kann.

„Non ci sono problemi“, wiederholt Lino mehrfach am Telefon, „es gibt keine Probleme, ich weiß gar nicht, was ihr wollt!“ Aber wir vereinbaren immerhin einen Termin in Pitigliano.

Wir nehmen ein Wohnmobil für die Fahrt nach Italien, weil uns ja klar ist, dass wir keine Wohnung haben.

Das allerdings sieht Lino ganz anders. Er versteht überhaupt nicht, was wir wollen. Sein Motto: gekauft ist gekauft. Wir müssen mit ihm verhandeln.

Eine Deutsche, klein, korpulent, mit unbewegtem Gesicht, die vor Jahren von Lino eine Wohnung gekauft hat, übersetzt mit leiser Stimme, was er sagt. „Wir haben einen Vertrag gemacht, schriftlich. Ihr habt sogar schon 10 Mio. Lire a Konto bezahlt. Und jetzt wollt ihr die Wohnung nicht mehr. Kommt gar nicht in Frage. Vertrag ist Vertrag!“

„Aber du hast uns keine Wohnung verkauft, sondern einen Lagerraum und das noch ohne Terrasse! Und was mit dem Bad ist, das wissen wir auch nicht.“

Keine Ahnung, ob Linos Dolmetscherin unseren Einwand wirklich zutreffend vermittelt. Jedenfalls zucken wir zusammen, als Lino aufbraust: „Ihr habt die Wohnung doch gesehen, ihr habt auf der Terrasse gestanden, es ist doch alles da, was im Vertrag steht. Ihr kauft doch das, was ihr gesehen habt!“

„Aber, porca madonna,“ halten wir nicht weniger aufgebracht dagegen, „was dir nicht gehört, das kannst du uns doch nicht verkaufen. Und ob wir die Terrasse nutzen dürfen? Das kannst du gar nicht garantieren.“

„Wo steht denn, dass ihr die Terrasse nicht nutzen dürft? Ich sage euch, ihr dürft das. Und: ihr habt gekauft!“ schnaubt Lino, die Anzahlung im Blick, zehn Scheine, zehn mal eine Million Lire.

Zwischen den Fronten die deutsche Lady, die versucht ihren Job zu machen und freundlich zu vermitteln. Lino sträubt sich, gestikuliert, steht auf, setzt sich wieder hin und will sein Geld haben, aber wir bestehen auf Eigentum für Alles „Nein Lino, so nicht! Und vor einem Prozess haben wir keine Angst.“

Das war es dann für diesen Abend. „Zumindest sind die Fronten geklärt“, sage ich zu Laura, als wir im gelben Schein der Laternen zurück zu unserem Wohnmobil marschieren.

„Aber“, fragt Laura, deren Herz immer noch an dieser Wohnung hängt, „was ist denn, wenn wir trotzdem kaufen? Lino betreibt das Geschäft doch schon seit Jahren. Der weiß doch, was geht und was nicht.“

„Erinnerst du dich an die Sache mit Leo und Anna?“, wende ich ein, „sie haben auf Giglio in ihrem Haus nur die Tür verbreitert.“

„Ja, ja, ich weiß. Eines Tages flatterte ein weiß-rotes Band vor dem Eingang. Irgendjemand hatte sie bei der Gemeinde angezeigt, und sie durften ihr Haus erst wieder nutzen, nachdem sie die Tür zurückgebaut hatten.“

„Na, eben“, schließe ich den kurzen Disput, „so ein Flatterband vor unserer Tür? Nein, danke!“

Zurück in unserem mobilen Heim schleudere ich meine Kappe auf das schon zum Bett ausgezogene Schlafgestell und Laura ihre Ballerinas darunter. Nach Feiern ist uns nicht zumute, und so hole ich heute statt toskanischem Wein eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, und jeder, ein Glas in der Hand, schauen wir durch das breite Fenster des Wagens in den sternenübersäten Nachthimmel, auf die angestrahlten Felswände, die Bögen des Aquädukts und die Mauern des Palazzo Orsini. Soll’s das gewesen sein? Wie auch immer, eines ist klar: Linos Wohnung ist es nicht. Aber das müssen wir ihm noch endgültig beibringen.

Ich kenne Linos aktuelle Baustelle und bin am nächsten Morgen bei ihm. Er grüßt mich freundlich, wenn auch verhalten. Schließlich weiß er, weshalb ich wieder bei ihm bin. Wir reden auch nicht lange um den heißen Brei und verabreden uns für den Abend auf ein Glas Wein.

Um Acht sind wir bei ihm. Lino holt gleich einen Krug Wein aus seiner Kantina und wir ahnen, dass wir uns nach dem gestrigen, langen Abend heftiger Wortwechsel einer einvernehmlichen Annullierung des Vertrages nähern. Dieses „Einvernehmen“ kostet uns zwar immerhin noch eine halbe Million Lire, aber das ist der Preis für den Becher Wein und einen Rest von „bella figura“ von Lino. Gnädig verzichtet er auf eine gerichtliche Auseinandersetzung und stimmt dem Rücktritt vom Kaufvertrag zu. Wir sind zufrieden, denn ein Prozess kann in Italien ewig dauern, und wie er ausgeht, steht in den Sternen. Unsere Kaufpreisanzahlung fließt, wenn auch nur in Raten, aber doch immerhin fast vollständig, an uns zurück. Ende gut, alles gut?

Kann man so nicht sagen. Wir haben Blut geleckt und wollen jetzt auf jeden Fall eine Wohnung in dieser eigentümlich schönen, rauen, alten Stadt.

7.  Die richtige Wohnung kaufen

„Und was machen wir jetzt?“ Aus Lauras Frage klingt immer noch die Enttäuschung über den misslungenen Kauf. Aber ich höre auch den Wunsch, es noch einmal zu versuchen.Der alte Kaufvertrag ist aus der Welt, doch wir wollen etwas Neues.

Lino, mit dem wir immer noch reden, Schlitzohren sind ja nicht per se unsympathisch, hat uns zwar ein paar Objekte gezeigt, aber unsere Traumwohnung ist nicht dabei und so wirklich wollen wir von Lino auch nichts mehr kaufen.

Wir sitzen in unserem Wohnmobil und schauen wieder einmal aus dem Fenster auf die sonnenbeschienene Schokoladenseite von Pitigliano: Tuffsteinhäuser über steilen Felshängen. Da muss doch etwas zu finden sein! An etlichen Haustüren informieren Schilder von Maklern: „Vendesi.“

„Tja, Laura, auf zu den Maklern!“

„Das machst du aber bitte alleine. Mein Italienisch reicht gerade für den Supermarkt.“

„Wir wollen beide eine Wohnung hier, und dann suchen wir sie auch beide. Sprache hin, Sprache her. Zum Anschauen brauchst du kein Italienisch, und im Übrigen siehst du aus wie eine Italienerin. Das kann nicht schaden. Also auf zum ersten Makler!“

„Okay, ich bin dabei, aber ich sag’s dir, ich mache nicht den Mund, ich mache nur die Augen auf.“

Mein Spruch beim ersten Makler lautet: „Buon giorno, wir haben zwei Probleme, erstens, wir sprechen quasi kein Italienisch und zweitens, wir wollen eine Wohnung kaufen.“

Beides wird sofort verstanden, und ehe wir uns versehen, sind wir unterwegs zu einer Ortsbesichtigung. Wohnungsangebote gibt es reichlich. Hier eine dunkle Mansarde, drei Treppen hoch, für Alpinisten, da eine Miniwohnung, drei Zimmer auf vierzig Quadratmetern, nichts bei Klaustrophobie oder hundertzwanzig Quadratmeter con bella vista, mit Terrasse und Innenhof, nur etwas für Reiche, und so geht es weiter.

Ein Objekt aber hat es uns angetan. Auch hier sind wir ruck zuck gedanklich beim Einzug angekommen.

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