Logo weiterlesen.de
Viva Las Vegas!

1. KAPITEL

Corinne McCourt stand vor ihrem Wandspiegel und betrachtete ihren nackten Körper. Sie war jetzt achtundzwanzig und besaß bei einer Größe von einssiebzig zwar keinen Körper wie eine Statue, aber sie konnte sich nicht beschweren. Ihre Beine waren dank des morgendlichen Joggens schlank und straff, und den runden festen Po hatte sie geerbt. Ihr Blick fiel auf die vollen runden Brüste, und sie wünschte sich, ihr Verlobter Tony Borgeson, der hier mit ihr zusammenlebte, würde sie wieder so wie früher begehren. Damals hatte er immer von den “aufregenden Vanillekugeln” gesprochen. Prüfend neigte sie den Kopf zur Seite.

Sie sehen immer noch aufregend aus, stellte sie fest und konnte ihre eigene Unsicherheit nicht ertragen. Was war denn passiert? Als Tony und sie sich vor fünf Jahren kennengelernt hatten, hatte er nicht genug von ihr bekommen können. Und sie hatte ihn “den Vulkan” genannt. Heute konnte sie froh sein, wenn wenigstens hin und wieder ein kleines Flämmchen loderte.

Gedankenverloren spielte sie mit ihrem goldenen Herzanhänger an ihrer Halskette. Den großen Spiegel hatte sie vor einem Monat angebracht, um wieder ein bisschen Leben in ihre Beziehung zu bringen. In einer Frauenzeitschrift hatte sie gelesen, dass so ein Spiegel das Liebesspiel wieder aufregender machen konnte.

Leider steigerte der Spiegel bei Tony nur seine Selbstverliebtheit. Jeden Morgen stolzierte er davor herum und trainierte sein Vertreterlächeln. Einmal hatte Corinne ihn darauf hingewiesen, dass niemand einen Computer kaufte, weil der Verkäufer so nett lächelte, doch davon hatte Tony nichts wissen wollen.

Jetzt sah Corinne an sich hinab und betrachtete ihren flachen Bauch. Wieso nur wollten die meisten Frauen unbedingt einen flachen Bauch haben? Corinne hätte alles dafür gegeben, endlich einen gewölbten Bauch zu haben und schwanger zu sein. Schon als Mädchen hatte sie davon geträumt, eine große Familie zu haben. So eine wie Tonys zum Beispiel, dessen italienische Großfamilie schon seit Generationen in diesem Viertel von Denver lebte. Corinne dagegen war durch die vielen Ehen und Beziehungen ihrer Mutter schon sechs Mal umgezogen, als sie neunzehn war.

Sie strich sich über den Bauch und sehnte sich nach einem Baby. Ich muss Tony dazu bringen, mich endlich zu heiraten, dachte sie. Er muss endlich Nägel mit Köpfen machen, und ich werde ihm so einheizen, dass er aufheult wie sein Ferrari namens Baby.

Es hatte Corinne immer gestört, dass er sein Auto Baby nannte, während sie sich so sehr ein eigenes Baby wünschte. Wusste er das nicht? Andererseits hatte schon ihre Mutter ihr immer gesagt, dass man einem Mann zeigen müsse, was man wollte. Reden war vergebliche Mühe. Diesen Rat hatte Corinne allerdings nicht beherzigt, denn sie war nicht so offen und ungehemmt wie ihre Mutter. Heute aber würde Corinne die Initiative ergreifen. Sie war schon ungeheuer aufgeregt, weil sie Tony zeigen würde, was sie sich wünschte. Leidenschaft und inniges Zusammensein mit ihrem Partner. Und vielleicht führte das dann auch zu einem Baby.

Corinne nickte. Ihr Plan würde dazu führen, dass sie eine verheiratete und schwangere Frau sein würde, bevor Tony auch nur sein Vertreterlächeln aufsetzen konnte.

Um ihr bei diesem Vorhaben zu helfen, hatte ihr bester Freund Kyle ihr das Buch “Weck das Tier in deinem Mann” geschenkt. Jeder Tipp in diesem Buch diente dem Ziel, das auch Corinne verfolgte. Aber die aufregenden erotischen Vorschläge darin waren für ihren Geschmack doch ziemlich verrucht. Die Sache mit dem Spiegel hatte sie schon allen Mut gekostet und sie war beim Einhämmern der Nägel so aufgeregt gewesen, dass das Ding jetzt schief hing. Leider hatte Tony das auch sofort bemerkt und ihr nur geraten, beim nächsten Mal einen Fachmann kommen zu lassen.

Nach der misslungenen Sache mit dem Spiegel hatte Corinne sich an Kyle gewandt, aber der hatte ihr nur versichert, in seiner Beziehung mit Geoff habe das Buch wahre Wunder bewirkt. Und wenn ein schwuler Mann nicht wusste, wie Männer in Fahrt kamen, wer sonst?

Also war Corinne das Buch Kapitel für Kapitel durchgegangen: Handschellen – nicht nur für Kriminelle, Freie Lust unter freiem Himmel, Spiel Geschenk und lass dich auspacken. Das mit den Handschellen war nichts für Corinne. Und wenn sie mit Tony Sex im Garten hatte, bekam der alte Mr Valdez womöglich noch einen Herzinfarkt. Aber das mit dem Geschenk? Dem Buch zufolge war es wichtig, dem täglichen Entkleiden die Routine zu nehmen.

Deshalb hatte Corinne für heute die große Enthüllung geplant. Normalerweise war sie am achten Juni immer beim alljährlichen Betriebspicknick. Sie arbeitete schon fast so lange für “Universal Shower Door”, wie sie mit Tony zusammen war. Ungefähr fünf Jahre. Und zum Picknick brachte sie jedes Jahr ihren Überraschungskuchen mit.

Aber nicht in diesem Jahr.

Heute würde sie die Überraschung sein, wenn Tony zum Lunch nach Hause kam. Ihr Herz schlug schneller, als sie sich sein erschrockenes Gesicht ausmalte und dann seine Erregung, wenn er seine Verlobte als Geschenk verpackt sah.

Corinne blickte zur Uhr auf dem Nachttisch. Zehn nach elf, also kam Tony in zwanzig Minuten nach Hause. Zeit zum Einpacken! Sie nahm die Rolle mit Klarsichtfolie und wickelte sich diese um den Körper. Die Folie lag zwar nicht ganz glatt an, aber sie wollte schließlich auch keine Ewigkeit damit herumlaufen.

Leise summend blickte Corinne beim Wickeln in den Spiegel. Sie stellte sich ihren schlanken Körper als den Ferrari vor. Und die Folie war wie das Wasser, mit dem Tony seinen Wagen jede Woche wusch. Aber bei mir, dachte sie, wird er die Kontrolle verlieren, wenn er mir die Folie vom Leib reißt. Und dann werde ich ihm sagen, er soll auf meine Stoßstangen achten, bevor er Gas gibt.

Sollte sie diesen Spruch wirklich gebrauchen? Sie fuhr sich über die Unterlippe, als müsse sie diesen Gedanken sofort wieder verdrängen. Dann musste sie leise lachen. Sie hatte schon den Spiegel angebracht und wickelte sich jetzt in Frischhaltefolie ein, da konnte sie auch damit anfangen, beim Sex einen frechen Scherz zu machen. Ihr gefiel diese neue Seite an sich. Vielleicht brachte sie nach dem Auspack-Sex sogar den Mut auf, Tony nach einem Datum für die Hochzeit zu fragen. Seine Familie wartete schon seit Langem darauf, da konnte Corinne ihn ruhig ein bisschen drängen. Wie viel Zeit brauchte man zur Vorbereitung einer Hochzeit? Fünf Monate? Oder nur fünf Wochen?

Sie sah wieder zur Uhr. Noch fünf Minuten. Hastig packte sie sich fertig ein und holte eine Schere aus dem Nähkorb. Da nähte sie sich seit Jahren praktische Röcke und Blusen, und jetzt schnippelte sie mit ihrer Schere ihr durchsichtiges Minikleid zurecht, das alles zeigte.

Nachdem sie sich einen Schlitz gemacht hatte, um wenigstens ein paar Schritte laufen zu können, wandte Corinne sich dem Spiegel zu und überprüfte alles. Rasch fuhr sie sich durch das wellige Haar. In diesem Aufzug würde man sie bei der Arbeit niemals mehr als unauffällig bezeichnen. Die Brüste wirkten wie zwei appetitliche runde Früchte unter der Folie, mit zwei keck hervorragenden Spitzen. Zwischen ihren Schenkeln sah man durch die Folienschichten hindurch schemenhaft die feinen rötlichen Haare. Wieder fuhr sie sich durch die Frisur. Ihr gefiel der zerzauste Look ihrer schulterlangen Locken, die sie sich hatte blondieren lassen. Es wirkte wilder als ihre natürliche Haarfarbe, ein sanftes Rotbraun. Außerdem ähnelte dieser Blondton der Farbe von Tonys Ferrari, dem seltenen “warmen Gold”, mit dem er immer bei seinen Freunden so angab.

“Und jetzt zum Tüpfelchen auf dem I”, sagte sie vor sich hin. Auf Zehenspitzen ging sie zum Schrank. Speziell für diesen Anlass hatte sie sich schwarze Stilettos gekauft. Bei ihrem bescheidenen Gehalt hätte sie wochenlang für diese Schuhe sparen müssen, aber sie hatte Glück gehabt und die Schuhe waren auf den halben Preis reduziert worden.

Der Verkäufer hatte gesagt, die Schuhe seien jetzt so günstig, weil Frauen solche Schuhe nicht mehr trügen, und Corinne war rot angelaufen. Er hatte sie aufgefordert, ein paar Schritte darin zu gehen, und sie war sofort gestolpert und hatte dann schwankend ein paar kleine Schritte gemacht. “Perfekt”, hatte sie nur mühsam herausgebracht.

Sicher war es schwierig, sich in solchen Dingern zu bewegen, aber schließlich hatte sie einen Plan. Sie musste an ihre wilde Cousine Sandee denken, die sicher keinerlei Schwierigkeiten hatte, auf solchen Stelzen herumzustolzieren. Es war jetzt fünfzehn Jahre her, seit Corinne ihre Cousine durchs Fenster auf den Rücksitz vom Wagen irgendeines Jungen geschoben hatte. Damals war Corinne mit ihrer Mom nach der Scheidung vom zweiten Ehemann in eine texanische Kleinstadt gezogen, weil ihre Mutter in der Nähe ihrer Zwillingsschwester Judy hatte leben wollen. Judy und Corinnes Mutter waren eineiige Zwillinge und ähnelten sich total. Tante Judy und ihre Tochter Sandee waren für Corinne so eine Art Familie gewesen. Seit damals hielt Corinne Kontakt zu Sandee, die jetzt in Las Vegas lebte. Sie sahen sich zwar selten, aber sie telefonierten manchmal stundenlang miteinander. Erst letzte Woche hatten sie miteinander gesprochen. Sandee hatte sich Sorgen gemacht wegen etwas, was sie als “einen schnellen Rumser” bezeichnete, aber sie hatte keine Einzelheiten erzählt. Und Corinne fragte nicht nach, obwohl sie vor Neugier brannte. “Ein schneller Rumser”, das klang wie ein Kapitel aus dem Buch “Weck das Tier in deinem Mann”.

Corinne stieß einen Schreckensschrei aus, als sie auf ihren hohen Absätzen ins Wanken geriet, und sie konnte sich gerade noch an einem der dicken Bettpfosten festhalten. Zitternd holte sie Luft. Das war doch verrückt. Sie würde niemals verführerisch wirken, wenn sie herumstolperte und mit den Armen in der Luft ruderte. Eine Sekunde lang musste sie gegen Tränen ankämpfen.

Nein, beschloss sie und biss die Zähne zusammen. Ich will heiraten und ein Baby bekommen. Und ich werde sexy sein, auch wenn es mich umbringt. Bei diesem Gedanken musste sie lachen. In diesem Aufzug zu sterben wäre wirklich zu peinlich.

Entschlossen richtete sie sich auf, ließ den Bettpfosten los und schwankte in Richtung Haustür.

In diesem Moment hörte sie den Schlüssel im Türschloss. Tony!

Fast wäre Corinne wieder gestolpert, als sie abrupt stehen blieb. Jetzt ging’s los! Sie spreizte die Beine leicht und fragte sich, was sie mit den Händen machen sollte. Ihr fiel das Kapitel mit den Handschellen ein, und sie hob die Arme hoch über den Kopf und verschränkte die Handgelenke. Tief atmete sie durch, um ihr Zittern zu unterdrücken.

Die Tür ging auf, und Corinne schloss die Augen. Sie holte Luft, um ihre Brüste noch etwas mehr nach oben zu drücken. Sie kam sich wie ein Rennauto vor, das mit aufheulendem Motor an der Startlinie stand und nur darauf wartete, losrasen zu können.

“Hör auf damit!”, erklang eine näselnde Frauenstimme. “Warte doch, bis wir drin sind, Tiger.”

Tiger? Corinne riss die Augen auf. Eine dauergewellte Blondine kam herein. Sie steckte wie eine Wurst in einem tief ausgeschnittenen pinkfarbenen Kleidchen, und sie schmiegte sich an … Tony!

Er blickte hoch und sah Corinne in die Augen. Sein Vertreterlächeln erstarb. “Es ist nicht so, wie du denkst”, sagte er sofort und wedelte mit der freien Hand. Mit der anderen hielt er die Blondine eng umschlungen.

Alle Hoffnung in Corinne erstarb. Sie bekam kaum noch Luft und fühlte sich wie erstarrt. Schlagartig fühlte sie sich nackt und verletzlich, doch immer noch hielt sie ihre Hände wie gebannt über ihren Kopf.

Die Blondine zuckte zurück. “Was in aller …?” Sie wandte sich an Tony. “Ist das deine Putzfrau?”

“Putzfrau?” Corinne wurde so wütend, dass sie ihre Lähmung überwand, und sie ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte noch nie jemanden geschlagen, aber im Moment würde sie es auch mit Mike Tyson aufnehmen. “Genau! Ich bin die Putzfrau, ich nähe und bügle und mache die Wäsche. Nur um die finanziellen Dinge kümmere ich mich nicht, weil der alte Tiger hier mein Gehalt einsteckt und mir nur eine Art Taschengeld zubilligt.”

So einen Blick hatte sie noch nie an Tony gesehen. Sein Mund stand fassungslos offen, und der Blick seiner Augen war ungläubig. Für einen heißblütigen Italiener wirkte er auf einmal ziemlich kühl. Das hatte nichts mit Corinnes Aufzug zu tun, sondern eher damit, dass sie ihn noch niemals angeschrien hatte. Nie hatte sie ihm die Meinung gesagt. Tja, dachte sie, das wird sich jetzt ändern. Ich habe gerade erst angefangen!

Sie trat von einem ihrer hochhackigen Schuhe auf den anderen, und ein Schweißtropfen lief ihr ins Dekolleté und verschwand unter der Folie. “Kurz gesagt”, fuhr sie fort – und es war ihr egal, dass sie jetzt lauthals schrie –, “ich bin die Dauerverlobte, die offenbar niemals den Sprung zur Ehefrau schafft.” Sie kämpfte gegen die Tränen an. “Und anscheinend bin ich die Letzte, die das erfährt.”

“Tony”, flüsterte die Blondine, “ich glaube, deine Putzfrau bedient sich etwas zu viel an deiner Bar.”

Tony winkte ab, damit sie schwieg. “Baby”, sagte er und warf die Autoschlüssel auf den Beistelltisch. “Geh doch bitte ins andere Zimmer …”

Baby! Corinne konnte ihm noch verzeihen, dass er sein Auto so nannte, aber eine andere Frau? Während seine Verlobte sich so verzweifelt nach einem Baby sehnte?

“Sag mir nicht, ich soll mich beruhigen!” Die andere Frau stieß ihm einen ihrer langen grellroten Fingernägel an die Brust. “Du nimmst mich für eine schnelle Nummer mit zu dir nach Hause, und da werden wir von einer Angestellten begrüßt, die in Plastik eingewickelt ist und herumfantasiert, sie sei eine Ehefrau.”

Corinnes Magen verkrampfte sich. In Plastik eingewickelt, das klang nach Essensresten. Aber in einem Punkt hatte die Blondine recht. Es war tatsächlich eine kranke Fantasie, sich vorzustellen, mit diesem Mann verheiratet zu sein. Wie dumm wäre sie gewesen, diesen selbstsüchtigen Kerl zu heiraten! Er war auch noch so dreist und trug das Kruzifix, das seine Mutter ihm geschenkt hatte, als bräuchte ausgerechnet er Schutz vor dem Bösen auf der Welt.

Corinne sah zum Autoschlüssel auf dem Tisch. Tony und die Blondine schrien sich gegenseitig an, als sei Corinne überhaupt nicht da. Hier stand sie nackt in Folie eingewickelt und wurde immer noch nicht beachtet. Damit würde von nun an Schluss sein!

Gerade eben noch hatte sie sich so wagemutig gefühlt, weil sie erste Schritte machte, um ihre Hemmungen abzustreifen. Aber jetzt würde sie keine kleinen Schritte mehr machen, sondern sich ins kalte Wasser stürzen.

Sie schnappte sich die Schlüssel, umkurvte das streitende Pärchen und ging aus dem Haus und auf den Ferrari in der Auffahrt zu. Sie sprang hinein, und als sie den Motor anließ, kam Tony über den Rasen gerannt. Er stieß eine Reihe von Schimpfwörtern aus, eine wüste Mischung aus Englisch und Italienisch.

Corinne machte sich nicht die Mühe, ihm zuzuhören. Sie legte den Rückwärtsgang ein, ließ die Reifen quietschen und hüllte das Haus und ihren Verlobten in eine Wolke aus Abgasen und Staub ein.

Ihr wurde klar, dass sie nicht nur ihre Hemmungen, sondern ihr gesamtes bisheriges Leben abstreifte.

Als sie den ersten Gang einlegte, hielt sie die Hand aus dem offenen Schiebedach. “Bye-bye, Baby!”, schrie sie und gab Gas.

Ein Aktenordner wurde auf Leos Schreibtisch geworfen. “Ein Typ behauptet, dass eine üppige Rothaarige ihm seinen Studebaker gestohlen habe”, erklärte eine Männerstimme dazu. “Sieht mir nach klassischem schnellem Rumser aus. Aber Lizzie war’s bestimmt nicht. Die steht mehr auf Sportwagen.”

Leo trank einen Schluck Kaffee und verbrannte sich die Zunge, doch er ließ es sich nicht anmerken.

“Tut mir leid.” Dom rieb sich die Schläfe. “Über Lizzie sollte ich lieber keine Scherze machen.”

Das stimmte. Leo hustete und blickte in die Unterlagen, als konzentriere er sich ganz auf den Fall mit dem Studebaker, aber in Gedanken war er bei Lizzie, seiner Exfrau Elizabeth. Alle hatten gewusst, wie sehr er sie liebte, und alle waren in sie vernarrt gewesen. Mit ihrer lebenslustigen Art hatte sie alle Menschen für sich eingenommen.

Und jetzt kannten auch alle die ganze Geschichte. Leo hatte eine Razzia in einem zwielichtigen Club durchgeführt, wo mit Drogen gehandelt wurde, und seine Frau unter den Gästen entdeckt. Darüber war er so entsetzt gewesen, dass er zu langsam reagierte, als auf ihn geschossen wurde, und wäre beinahe getötet worden. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte man ihn dazu gedrängt, zu einer Therapeutin zu gehen, doch nach ein paar Terminen hatte er damit aufgehört, denn es schmerzte ihn zu sehr, über Elizabeth zu reden. Seitdem hatte er kein Wort mehr über sie verloren. Nur mit Mel, seinem Papagei, sprach er noch über sie, und auch das nur nach ein paar Drinks.

“Wann bekomme ich wieder einen richtigen Fall, Dom?”, fragte er, um das Thema zu wechseln. “Ich bin jetzt fünfunddreißig und dein bester Detective, aber ich kriege nur die Fälle, die jeder Tattergreis bearbeiten könnte. Demnächst darf ich mich noch um gestohlene Gehwagen im Altersheim kümmern.” Insgeheim fragte er sich jedoch, ob er wirklich wieder einen richtigen Fall wollte. Wahrscheinlich sagte er das nur, weil er nie etwas anderes als ein Polizist gewesen war.

Fragend hob Dom die Augenbrauen und wollte etwas erwidern, aber Leo kam ihm zuvor.

“Wenn du angeschossen worden wärst, weil deine Frau …” Er brachte es nicht über sich, den Satz zu beenden. “Ach vergiss es.” Er nahm einen Stift. “Ein Studebaker”, wiederholte er und notierte es. “Älterer Besitzer … üppige Rothaarige.” Er blickte hoch. “Klingt so, als wäre in Vegas mittlerweile jeder in Verbrechen verwickelt, oder?”

Leo hatte sein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht. Er hatte erlebt, wie sein Dad seine Familie verließ, wie seine Mom ihre beiden Söhne allein aufzog, von denen einer ihr nichts als Ärger machte. Mit siebzehn war Leo bereits aktenkundig, weil er Autos knackte und damit Spritztouren unternahm. Doch dieses Hobby hatte er schlagartig aufgegeben, als seine Mom zum zweiten Mal heiratete, und zwar einen Polizisten.

Zuerst hatte Leo seinen Stiefvater gehasst, doch der hatte ihn einfach nur gerecht behandelt. Er hatte dem Jungen ganz offen seine Zuneigung und auch seinen Ärger gezeigt. Eines Tages hatte Leo ihn fast aus Versehen Dad genannt, und von da an wurde er von ihm als Sohn bezeichnet. Für Leo hatte sofort festgestanden, dass er auch Polizist werden wollte.

Und genau das hatte er getan. Er war einer der ehrgeizigsten Detectives geworden, doch seine Karriere lag jetzt auf Eis. Manchmal malte er sich aus, alles in seinen alten Silver Bullet, einen liebevoll renovierten Wohnwagen, zu packen, irgendwo eine kleine Ranch zu kaufen und sich ein neues Leben aufzubauen. Während seiner Zeit im Krankenhaus hatte er oft daran gedacht, und er hatte sich sogar ausgerechnet, dass er noch zwei Jahre lang sparen musste, bis er sich die Anzahlung für ein Grundstück leisten konnte.

Dom räusperte sich und riss Leo aus seinen Tagträumen. “Du solltest dich gesünder ernähren.” Er schob eine Packung mit Brezeln beiseite und setzte sich auf die Tischkante. “Ich weiß, dass du kein Schreibtischtäter sein willst, aber schließlich warst du es selbst, der es abgelehnt hat, ein ganzes Jahr bezahlten Urlaub zu nehmen. Leo Wolfman tut so etwas natürlich nicht.”

“Wenn ich auch nur einen Tag länger zu Hause geblieben wäre, hätte ich meinen Papagei bei den Anonymen Alkoholikern anmelden können.”

Wieder hob Dom die Augenbrauen. “Er würde keinen Wein trinken, wenn du ihm keinen hinstellen würdest.”

“Ich trinke aber nicht gern allein. Außerdem bekommt Mel immer so schlechte Laune, wenn er nüchtern ist.”

Dom schüttelte nur den Kopf.

Leo seufzte dramatisch. “Jetzt sitze ich hier seit vier Monaten, tippe mit zwei Fingern einen Bericht nach dem anderen und hoffe zum Büroleiter befördert zu werden.”

Auch Dom seufzte. “Wieso bleibst du nicht zu Hause und lässt es dir gut gehen? Kümmere dich um deinen suchtanfälligen Papagei.”

Leo hatte sich den Vogel angeschafft, nachdem Elizabeth in seiner Abwesenheit die gemeinsame Wohnung leer geräumt hatte. Das machte Leo nicht viel aus, denn es ersparte ihm wenigstens, alles wegzuwerfen, was ihn an sie erinnerte. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus hatte er sich einsam gefühlt.

Als Haustier war der Papagei perfekt. Leo hatte sich einen immer gut gelaunten, fliegenden Hausgenossen vorgestellt, der auch noch reden konnte. Leider ging Mel meistens zu Fuß, war chronisch schlecht gelaunt und seine Äußerungen beschränkten sich meist auf bissige Bemerkungen. Manchmal kam es Leo so vor, als seien sie beide zwei missmutige alte Männer.

Verärgert sah Leo auf die Akten. “Ich bin nicht Detective geworden, um Handtaschenräuber zu verfolgen und üppige Rothaarige, die alten Männern die Autos klauen.”

“Moment mal, Wolfman. Du hast ein Trauma erlebt, und die Abteilung gönnt dir eine Erholungspause. Sieh das hier als einen Aufstieg an. Vom Handtaschendiebstahl zum Autoraub.”

Da hatte Dom recht, aber Leo wollte es nicht eingestehen. “Wenn ich diesen Fall löse, dann möchte ich etwas, woran ich mir richtig die Zähne ausbeißen kann.”

Prüfend sah Dom ihn an, und nach einer Weile stand er auf. “Löse erst mal diesen Fall, dann sehen wir weiter.”

Bei Dom konnte man sich auf so ein Wort verlassen. “Abgemacht.” Leo wusste, dass er hiermit seine Chance bekam, endlich wieder richtige Fälle zu lösen.

Corinne stand auf der Veranda vor dem Haus ihres besten Freunds Kyle und drückte wie verrückt auf die Klingel. Hoffentlich machte Kyle auf und nicht sein Partner Geoff, der sie aus tiefster Seele verabscheute. Kyle hatte ihr erklärt, Geoff sei eifersüchtig, wenn Kyle Zeit mit ihr verbrachte. Für Geoff sei sie die Rivalin.

“Ich als Rivalin”, murmelte sie. Verzweifelt bedeckte sie mit einer Hand ihre Brüste und mit der anderen ihre Hüften, obwohl sie nicht sicher war, ob das überhaupt etwas half. “Meinen Verlobten kann ich nicht erregen, aber ein Schwuler sieht in mir die Rivalin.”

Die Tür ging auf und Kyle beugte sich entsetzt vor. In einer Hand hielt er eine Erdbeere, die mit Schokolade überzogen war. “Corinne?” Sein Blick glitt an ihrem Körper hinab. “Was tust du hier? Benutzt du jetzt Firmeneigentum als Kleidung?”

Sie arbeiteten beide für eine Firma, die Duschkabinen und -vorhänge herstellte. “Gefällt’s dir?”, fragte sie in schrillem Tonfall, der fast hysterisch klang. “Dann steck ich mir beim nächsten Besuch noch die Plastikringe an die Ohren.”

Sanft zog Kyle sie ins Haus. “Honey, Honey”, sagte er leise und nahm sie in die Arme.

Das gab Corinne den Rest. Tony gegenüber hatte sie sich keine Schwäche anmerken lassen und sie war in Plastikfolie und Stilettos quer durch Denver gefahren, aber im Moment wollte sie nicht mehr stark sein. Sie schmiegte sich an Kyles Brust und ließ ihren Tränen freien Lauf. “Tony … als Geschenk verpackt … Blondine.”

Kyle verstand kein Wort.

Schließlich hob sie den Kopf. “Ich habe deinen Ratschlag befolgt und wollte das Tier in meinem Mann wecken. Allerdings hat er sich erst wie ein Tier aufgeführt, als ich ihm seinen Ferrari geklaut habe.”

“Du hast Baby gestohlen?”

“Ja. Und er bekommt weder den Wagen noch mich zurück. Von jetzt an bin ich mein eigener Herr.” Erst als sie es aussprach, wurde ihr klar, wie ernst es ihr war, doch sofort bekam sie Angst vor ihrer eigenen Courage. Sie hatte kein Zuhause, kein Geld und keine Kleidung. “Ich würde gern ein paar Tage bei dir bleiben, aber Geoff würde wahrscheinlich ausrasten …”

“Das ist noch untertrieben.”

“Ich stecke in der Klemme.”

Kyle betrachtete sie von Kopf bis Fuß. “Sieht ganz so aus.”

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Viva Las Vegas!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen