Logo weiterlesen.de
Virus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Vorwort
  6. PROLOG
  7. 12.19.19.17.09 - 11. DEZEMBER 2012
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  1. 12.19.19.17.10 - 12. DEZEMBER 2012
  2. 5
  3. 6
  4. 7
  5. 8
  6. 9
  7. 10
  8. 11
  1. 12.19.19.17.11 - 13. DEZEMBER 2012
  2. 12
  3. 13
  4. 14
  1. 12.19.19.17.12 - 13. DEZEMBER 2012
  2. 15
  3. 16
  4. 17
  5. 18
  1. 12.19.19.17.13 - 15. DEZEMBER 2012
  2. 19
  3. 20
  4. 21
  1. 12.19.19.17.14 - 16. DEZEMBER 2012
  2. 22
  3. 23
  4. 24
  5. 25
  6. 26
  7. 27
  1. 12.19.19.17.16 - 17. DEZEMBER 2012
  2. 28
  3. 29
  4. 30
  1. 12.19.19.17.18 - 19. DEZEMBER 2012
  2. 31
  3. 32
  1. 12.19.19.17.19 - 20. DEZEMBER 2012
  2. 33
  3. 34
  4. 35
  5. 36
  1. EPILOG
  2. ANMERKUNG DES AUTORS

Über den Autor

Dustin Thomason studierte Anthropologie und Medizin in Harvard und machte seinen M.D. an der Columbia University. Er ist ein Teil des Erfolgsduos Caldwell/Thomason, das mit seinem Thriller DAS LETZTE GEHEIMNIS die Bestsellerlisten stürmte. Außerdem schrieb und produzierte er mehrere TV-Serien, u. a. LIE TO ME. Thomason lebt und arbeitet in Venice Beach, Kalifornien.

 

Mitten im unwegsamen Dschungel Mittelamerikas schufen die Maya die fortschrittlichste Kultur der Neuen Welt.

Eine ihrer herausragendsten Leistungen war ein kompliziertes Kalendersystem, dessen Genauigkeit selbst heutige Astronomen in Erstaunen versetzt. Es gründete sich auf der Vorstellung, dass die Menschheitsgeschichte aus vier Zeitaltern besteht.

Einigen Deutungen zufolge markiert eine gewaltige Naturkatastrophe das Ende eines jeden Zeitabschnitts; auf die Zerstörung folgt der Neubeginn, und die Welt entsteht von Neuem.

Der vierte Zeitabschnitt begann am 11. August 3114 v. Chr.

Und er endet am 21. Dezember 2012.

PROLOG

Bild

Er drückt sich im Mondlicht an die Mauer des Tempels, das in Sisal gewickelte kleine Bündel unter dem Arm an sich gepresst. Der raue Stoff kratzt auf seiner Haut, doch er genießt das Gefühl. Es hat etwas Beruhigendes. Er würde das Bündel gegen nichts eintauschen in dieser von der Dürre heimgesuchten Stadt, nicht einmal gegen Wasser. Der Boden unter seinen Sandalen ist ausgedörrt und von tiefen Rissen durchzogen. Die grüne Welt seiner Kindheit ist verschwunden.

Froh, dass die wenigen noch verbliebenen Tempelwächter ihn nicht bemerkt haben, eilt er zum großen Platz in der Mitte der Stadt, wo früher Handwerker und Körperbemaler ihren Geschäften nachgegangen waren. Heute treiben sich nur noch Bettler hier herum, und Bettler können gefährlich sein, wenn sie hungrig sind. Aber er hat Glück. Nur zwei Männer stehen am östlichen Tempel. Sie kennen ihn, sie wissen, dass er ihnen jedes Mal so viel gibt, wie er kann. Dennoch drückt er sein Bündel fester an sich.

Am Rande des Dorfplatzes, zu den Maisspeichern hin, ist ein Wächter postiert, ein halbes Kind noch. Der Mann spielt mit dem Gedanken, sein Bündel zu vergraben und später wiederzukommen, um es zu holen, aber der Boden besteht nur aus Staub, und wo einmal Bäume standen, weht der Wind heute ungehindert über die Felder. Nichts bleibt in dieser verdorrten Stadt lange von Erde bedeckt.

Er holt tief Luft und geht weiter.

»Wohin des Wegs, königlicher heiliger Mann?«, ruft der blutjunge Wächter. Seine Augen sind müde und hungrig, aber ein gieriges Glitzern glimmt in ihnen auf, als er das unter den Arm geklemmte Bündel erblickt.

»Ich will zu meiner Fastenhöhle«, antwortet der Mann wahrheitsgemäß.

»Was hast du da bei dir?«

»Weihrauch für die Götter.«

Der Mann presst sein Bündel fester an sich und schickt ein stilles Gebet zu Itzamnaaj.

»Auf dem Markt gibt es seit Tagen keinen Weihrauch mehr zu kaufen, königlicher heiliger Mann«, erwidert der Wächter mit matter Stimme. Als ob alle Menschen nur noch lügen würden, um zu überleben. Als ob mit dem Regen auch die Unschuld verloren gegangen wäre. »Gib mir das Bündel.«

»Du hast recht, Krieger. Das ist kein Weihrauch. Es ist ein Geschenk für den König.«

Er hat keine andere Wahl, er muss den König ins Spiel bringen, auch wenn dieser ihm das Herz herausreißen lassen würde, wenn er wüsste, was er da bei sich trägt.

»Gib mir das Bündel«, wiederholt der junge Wächter.

Der Mann zögert, gehorcht dann aber. Mit ungeschickten Fingern nestelt der Junge an dem Stoff herum, aber als er den Sisal zurückgeschlagen hat, bemerkt der Mann den enttäuschten Ausdruck in seinen Augen. Was hatte er zu finden gehofft? Mais? Kakao? Er hat keine Ahnung, was er da gesehen hat. Wie die meisten Jungen heutzutage kennt er nur noch Hunger.

Der Mann wickelt sein Bündel hastig wieder ein und hastet weiter. Im Stillen dankt er den Göttern für sein Glück. Schließlich erreicht er die kleine Höhle am östlichen Rand der Stadt und schlüpft unbemerkt hinein.

Es ist schon alles vorbereitet. Auf dem Boden der Höhle sind Tücher ausgebreitet. Der Mann zündet eine Kerze an und legt sein Bündel in sicherem Abstand zu der Flamme nieder. Dann wischt er sich sorgfältig die Hände ab. Er kniet sich hin, greift nach dem Bündel und wickelt einen Stoß gefaltetes Papier aus dem Sisal. Das Papier ist aus der Rinde eines Feigenbaums hergestellt und mit einer dünnen Schicht Kalksteinpaste überzogen worden, um ihm Festigkeit zu verleihen. Mit der Sorgfalt und der Mühelosigkeit eines Mannes, der sich sein ganzes Leben auf diese Handlung vorbereitet hat, zieht er den Stapel auseinander. Fünfundzwanzig Mal ist das Papier gefaltet worden, und als der leere Bogen vollständig ausgebreitet ist, reicht er von einer Seite der Höhle zur anderen.

Hinter der Feuerstelle stehen drei kleine Gefäße mit Farbe bereit. Für die Herstellung der schwarzen Tinte hat er den Ruß von Töpfen gekratzt, das Rot hat er aus Rostpilzen gewonnen, die er von Felsen geschabt hat, und selbst gesammelte Indigopflanzen und den Lehm ausgetrockneter Flussbetten hat er zu einem satten Blau verarbeitet. Zuletzt ritzt er sich die Haut am Arm auf. Er schaut zu, wie scharlachrote Tröpfchen über sein Handgelenk rinnen und in die Gefäße mit Farbe tropfen. Sein Blut heiligt die Tinte.

Dann beginnt er zu schreiben.

12.19.19.17.09 – 11. DEZEMBER 2012

Bild

1

Bild

Dr. Gabriel Stantons Zuhause befand sich ganz am Ende der hölzernen Promenade, dort wo der Fußweg in eine üppig grüne Rasenfläche überging, auf der sich die Freunde des Tai-Chi trafen. Die bescheidene Doppelhaushälfte gegenüber dem Strand von Venice Beach war nicht unbedingt nach Stantons Geschmack. Er mochte lieber geschichtsträchtigere Gebäude. Aber an diesem eigenwilligen Abschnitt der kalifornischen Küste hatte man nur die Wahl zwischen heruntergekommenen Bruchbuden und modernen Bauten aus Stein und Glas. Stanton verließ das Haus kurz nach sieben Uhr morgens und radelte auf seinem alten Gary-Fisher-Rad Richtung Süden. Dogma, sein hellhaariger Labrador, rannte neben ihm her. Groundwork, wo es den besten Kaffee von L.A. gab, war nur sechs Straßen entfernt, und Jillian würde schon einen kräftigen Black Gold für ihn bereithalten, wenn er durch die Tür trat.

Dogma liebte die Morgenstunden ebenso sehr wie sein Herrchen. Aber da Hunde nicht mit ins Café durften, band Stanton ihn draußen an und ging dann allein hinein. Er winkte Jillian zu, schnappte sich seinen Becher und ließ den Blick prüfend durch den Raum schweifen. Viele der morgendlichen Gäste waren Surfer, von deren Neoprenanzügen noch das Wasser tropfte. Stanton stand normalerweise um sechs Uhr auf, aber diese Jungs waren schon seit Stunden wach.

Einer der bekanntesten und sicherlich originellsten Anwohner der Strandpromenade saß an seinem Stammplatz. Sein kahl geschorener Kopf war vollständig mit komplizierten Mustern tätowiert, und Ohrläppchen, Nase und Lippen waren mit Ringen, Nieten, kleinen Ketten gepierct. Stanton fragte sich nicht zum ersten Mal, wo Monster wohl herkommen mochte. Welche Erlebnisse in seiner Jugend hatten ihn dazu bewogen, seinen Körper zu einem derartigen Kunstwerk zu machen? Aus irgendeinem Grund sah Stanton immer ein halbgeschossiges Haus nahe einem Truppenstandort vor sich, wenn er sich Monsters Kindheit vorstellte – genau die Art Haus, die er aus seiner eigenen Kindheit nur allzu gut kannte.

»Und, was gibt’s Neues in der Welt da draußen?«, fragte Stanton.

Monster schaute von seinem Computer auf. Er war geradezu süchtig nach Nachrichten, und wenn er nicht in seinem Tattoo-Laden arbeitete oder sich als Teil der Venice Beach Freak Show von Touristen bestaunen ließ, postete er Kommentare in politischen Blogs.

»Du meinst, abgesehen davon, dass in zwei Wochen eine kosmische Konstellation dafür sorgen wird, dass die magnetische Ladung an den Polen sich umkehren wird, was den sicheren Untergang der Menschheit bedeutet?«

»Ja, davon einmal abgesehen.«

»Ein verdammt schöner Tag da draußen.«

»Und deine Lady?«

»Elektrisiert mich noch immer, danke der Nachfrage.«

Stanton ging zur Tür. »Dann bis morgen, Monster. Falls wir dann noch da sind.«

Draußen stürzte er seinen Black Gold hinunter, schwang sich dann wieder auf sein Rad und fuhr, Dogma neben sich, weiter in Richtung Süden. Vor hundert Jahren schlängelten sich Kanäle mit einer Gesamtlänge von mehreren Meilen durch Venice, eine von dem Tabakmagnaten Abbot Kinney geschaffene Nachbildung Venedigs. Inzwischen waren praktisch alle Wasserwege, auf denen sich die Einwohner früher mit Kähnen hatten befördern lassen, zugeschüttet worden und gepflastert mit anabolikabetriebenen Fitnessstudios, mit auf fetttriefende Snacks spezialisierten Imbissbuden und mit trendigen T-Shirt-Läden.

Stanton hatte mit Bedauern beobachtet, wie in den vergangenen Wochen überall Graffiti aufgetaucht waren, die sich auf die vermeintliche Maya-Prophezeiung der bevorstehenden Apokalypse bezogen. Auch Händler nutzten die Gunst der Stunde und boten allen möglichen Billigkram an. Stanton war katholisch erzogen worden, aber er hatte seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen, und er hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Wenn jemand meinte, sein Schicksal ergründen zu können, oder glaubte, irgendeine antike Uhr bringe Glück oder Unglück, dann sollte er das ruhig tun; Stanton hatte nichts dagegen. Er würde sich weiterhin an wissenschaftliche Methoden und überprüfbare Hypothesen halten.

Zum Glück schienen aber nicht alle in Venice damit zu rechnen, dass am 21. Dezember die Welt untergehen würde. Die Strandpromenade war auch mit roten und grünen Lämpchen geschmückt – nur für den Fall, dass diese Weltuntergangsspinner sich irrten. Die Weihnachtszeit war eine merkwürdige Zeit in L.A.: Nur wenige Zugereiste kamen damit klar, Weihnachten bei gut 20 Grad Wärme zu feiern, aber Stanton liebte den Kontrast: Rollschuhfahrer mit Nikolausmützen, Sonnenschutzcreme in Weihnachtsstrümpfen, mit falschen Rentiergeweihen geschmückte Surfbretter. Nichts konnte ihn heutzutage besser in Weihnachtsstimmung versetzen als eine Fahrt am Strand entlang.

Zehn Minuten später erreichten sie das nördliche Ende von Marina del Rey. Ihr Weg führte vorbei am alten Leuchtturm und an den Segeljachten und den vertäuten Fischerbooten, die im Hafen dümpelten. Stanton ließ Dogma von der Leine, und der Hund rannte voraus, während sein Herrchen sein Fahrrad schob und hinterhertrottete. Er lauschte. Die Frau, deretwegen sie hier waren, umgab sich zu jeder Tageszeit mit Jazz, und wenn man Bill Evans’ Piano oder Miles Davis’ Trompete hörte, wusste man, dass sie nicht weit sein konnte. Nina Countner war den größten Teil der letzten zehn Jahre die Frau in Stantons Leben gewesen. Zwar hatte es in den drei Jahren seit ihrer Trennung ein paar andere bei ihm gegeben, aber keine, die mehr als ein Ersatz für sie gewesen wäre.

Stanton folgte Dogma zu den Anlegestellen. Die schwermütigen Klänge eines Saxofons wehten aus der Ferne zu ihm herüber. Der Hund hatte schon die Spitze der südlichen Mole erreicht, wo Ninas wuchtige zweimotorige McGray – knappe sieben urwüchsige Meter Metall und Holz – sich ganz hinten in den letzten Liegeplatz quetschte. Dogma hatte sich auf die Seite gelegt und ließ sich von Nina, die neben ihm in die Hocke gegangen war, den Bauch kraulen.

»Wie ich sehe, habt ihr zwei mich gefunden«, rief sie.

»Ja, und zur Abwechslung direkt mal in einem richtigen Hafen«, erwiderte Stanton.

Er küsste sie auf die Wange und atmete ihren Duft ein. Obwohl Nina fast die ganze Zeit auf dem Meer verbrachte, schaffte sie es, immer nach Rosenwasser zu duften. Stanton trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Sie hatte ein Grübchen am Kinn und auffallend schöne grüne Augen, aber ihre Nase war ein kleines bisschen krumm und ihr Mund ziemlich klein. Die meisten Menschen bemerkten ihre Schönheit nicht, aber Stanton fand, dass ihr Gesicht perfekt war.

»Wann erlaubst du mir endlich, dass ich dir eine richtige Anlegestelle besorge?«, fragte er.

Ninas Blick sagte alles. Stanton hatte ihr schon oft angeboten, die Miete für einen ständigen Liegeplatz für ihr Boot zu übernehmen, immer in der Hoffnung, sie damit öfter an Land zurückzulocken, aber Nina hatte jedes Mal abgelehnt, und er wusste, dass sich daran vermutlich nichts ändern würde. Sie arbeitete freiberuflich als Journalistin, und da sie nicht über ein regelmäßiges Einkommen verfügte, war sie eine wahre Meisterin darin geworden, freie Liegeplätze, abgelegene Strände und von keinem Radar erfasste Anlegestellen aufzuspüren, die nur wenigen bekannt waren.

»Wie geht’s voran mit deinem Experiment?«, fragte sie, als sie vor Stanton an Bord ging. Das Deck der Plan A war spärlich ausgestattet: zwei Klappstühle, eine Sammlung von CDs, die rings um den Kapitänsstuhl verstreut lagen, und ein Wasser- und ein Futternapf für Dogma.

»Ich erwarte für heute weitere Ergebnisse«, antwortete er. »Dürfte interessant werden.«

Nina setzte sich auf den Platz des Skippers. Wie üblich kam sie gleich zur Sache. »Du siehst müde aus.«

Er fragte sich, ob es die unaufhaltsam vordringende Flut des Alters war, die sie auf seinem Gesicht entdeckte, die Krähenfüße hinter den Gläsern seiner randlosen Brille. Er hatte vergangene Nacht volle sieben Stunden geschlafen. Das kam selten vor. »Mir geht’s gut.«

»Und der Prozess? Ist er endgültig ausgestanden?«

»Schon seit Wochen. Das sollten wir feiern. Ich hab noch eine Flasche Champagner im Kühlschrank.«

»Ach, weißt du, ich will rüber nach Catalina.« Nina betätigte ein paar Hebel und Schalter, um das GPS und die Schiffselektronik einzuschalten. Stanton hatte sich nie die Mühe gemacht, sich mit der Steuerungsanlage vertraut zu machen.

Durch den Dunst hindurch konnte man die vagen Umrisse von Catalina Island erkennen. »Und wenn ich mitkommen würde?«, fragte Stanton.

»Um dann geduldig auf die Ergebnisse aus dem Forschungszentrum zu warten? Ich bitte dich, Gabe.«

»Behandle mich nicht wie ein kleines Kind.«

Nina stand auf, ging zu ihm und fasste ihn am Kinn. »Ich bin nicht umsonst deine Exfrau.«

Es war Nina gewesen, die diese Entscheidung getroffen hatte, aber Stanton gab sich die Schuld am Scheitern ihrer Ehe, und etwas in ihm hoffte immer noch auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr. Während ihrer drei Jahre dauernden Ehe hatte sein Beruf ihn oft monatelang ins Ausland geführt, und Nina hatte sich unterdessen aufs Meer hinausgeflüchtet. Der Ozean war schon immer ihre große Liebe gewesen. Stanton hatte sie ziehen lassen, und es hatte den Anschein, als wäre sie so am glücklichsten – ganz allein durchs Leben treibend.

In der Ferne heulte die Sirene eines Containerschiffs, und Dogma begann wie verrückt zu bellen und jagte dann seinem eigenen Schwanz hinterher.

»Ich bring ihn dir morgen Abend wieder«, sagte Nina.

»Bleib doch zum Essen«, schlug Stanton vor. »Sag mir, worauf du Lust hast, ich koche für dich.«

Nina sah ihn skeptisch an. »Und was wird deine Freundin dazu sagen?«

»Ich habe keine Freundin.«

»Was ist denn mit Wie-hieß-sie-doch-gleich passiert? Mit der Mathematikerin.«

»Wir sind vier Mal zusammen ausgegangen.«

»Und?«

»Und dann musste ich mir ein Pferd ansehen.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch. Ich bin nach England geflogen, weil bei dem Pferd der Verdacht auf Scrapie bestand, und da meinte sie, mir liegt nichts an unserer Beziehung.«

»Und, hat sie recht gehabt?«

»Wir sind vier Mal zusammen ausgegangen! Also, was ist jetzt mit dem Abendessen morgen?«

Nina ließ den Motor genau in dem Moment an, als Stanton auf die Anlegebrücke sprang, wo er sein Fahrrad abgestellt hatte. »Besorg eine anständige Flasche Wein«, rief sie ihm zu, während sie ablegte und ihn wieder einmal zurückließ. »Dann sehen wir weiter …«

***

Das Zentrum für Prionenforschung des Seuchenzentrums CDC in Boyle Heights war seit fast zehn Jahren Stantons berufliche Heimat. Als er 2000 hierher gezogen war, um die Stelle als Direktor anzutreten, dem ersten überhaupt, hatte das Zentrum nur aus einem kleinen Labor in einem Wohnwagen bestanden, der auf dem Gelände des Los Angeles County & USC Medical Center aufgestellt worden war. Unermüdlich hatte Stanton für die Erweiterung des Forschungszentrums gekämpft, und heute nahm es den ganzen sechsten Stock des Hauptgebäudes des Krankenhauses ein, desselben Gebäudes, das über drei Jahrzehnte lang als Kulisse für die Fernsehserie General Hospital gedient hatte.

Stanton ging durch die Doppeltür in seine »Höhle«, wie seine Post-Doktoranden den Raum oft nannten. Einer von ihnen hatte eine weihnachtliche Lichterkette aufgehängt, und Stanton schaltete sie zusammen mit den Halogenlampen ein, sodass neben bläulich weißem auch rotes und grünes Licht auf die Mikroskoptische im Labor fiel. Er ließ seine Aktenmappe in seinem Büro achtlos auf den Boden fallen, streifte sich Handschuhe und einen Mundschutz über und ging in den hinteren Teil des Labors. Wochenlang hatte sein Team an einer Testreihe gearbeitet, und an diesem Morgen würden sie die ersten Ergebnisse auswerten können. Stanton konnte es kaum erwarten.

Der Raum für die Labortiere war fast so lang wie ein Basketballfeld und nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet: computergesteuerte Bestandslager, Datenspeicher mit Touchscreens, elektronische Vivisektions- und Autopsiestationen. Stanton ging zum ersten der zwölf an der Südseite aufgestellten Käfige und spähte hinein. Zwei Tiere befanden sich darin: eine sechzig Zentimeter lange schwarz und orangerot geringelte Korallenschlange und eine kleine graue Maus. Auf den ersten Blick wirkte die Szene vollkommen normal – eine Schlange, die auf den richtigen Moment wartete, um vorzuschnellen und ihre Beute zu packen. Doch in Wirklichkeit spielte sich in diesem Käfig etwas ganz und gar Unnatürliches ab.

Die Maus stupste mit der Nase lässig den Kopf der Schlange an und hörte selbst dann nicht auf, als die Schlange warnend zischte. Und sie versuchte auch nicht, in eine Ecke des Käfigs zu fliehen. Sie fürchtete sich vor der Schlange ebenso wenig, wie sie sich vor einer anderen Maus gefürchtet hätte. Als Stanton dieses Verhalten zum ersten Mal beobachtet hatte, waren er und sein Team in lauten Jubel ausgebrochen. Mithilfe von Gentechnik hatten sie bestimmte Eiweißmoleküle, sogenannte Prionen, von der Membran der Hirnzellen der Maus entfernt, wodurch die natürliche Ordnung im Mäusehirn zerstört und die angeborene Angst vor Schlangen ausgelöscht worden war. Es war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Entschlüsselung der Funktion der tödlichen Eiweiße, eine Arbeit, die Stanton zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte.

Prionen kommen in jedem tierischen Gehirn vor, auch in dem des Menschen, doch auch nach jahrzehntelanger Forschung wusste weder Stanton noch sonst irgendein Wissenschaftler, welchen Zweck sie eigentlich erfüllten. Einige von Stantons Kollegen vertraten die Ansicht, dass Prionen-Eiweiße etwas mit der Gedächtnisleistung zu tun hatten oder eine wichtige Rolle bei der Bildung des Knochenmarks spielten. Aber genau wusste das niemand.

Meistens waren die Prionen gutartig und saßen an den Neuronenzellen im Gehirn. In seltenen Fällen jedoch kam es vor, dass sich diese Eiweiße krankhaft veränderten und zu wuchern begannen. Bei Prionenkrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson wurde gesundes Gewebe zerstört und durch Ablagerungen, sogenannte Plaques, ersetzt, wodurch die normalen Hirnfunktionen ausgeschaltet wurden. Doch während Alzheimer und Parkinson genetisch bedingte Krankheiten waren, gab es andere Formen von Prionenkrankheiten, die durch infiziertes Fleisch übertragen wurden. Das war das eigentlich Erschreckende. Mitte der 1980er-Jahre gelangten in England mutierte Prionen von kranken Kühen durch verseuchtes Fleisch in den Handel, und die ganze Welt sah sich plötzlich mit dem Phänomen einer Prioneninfektion konfrontiert. Innerhalb von drei Jahrzehnten fielen in Europa zweihunderttausend Rinder dem sogenannten Rinderwahnsinn zum Opfer. Dann griff die Krankheit auch auf den Menschen über. Die ersten Patienten konnten ihre Bewegungen nicht mehr koordinieren und zitterten unkontrolliert, sie verloren das Gedächtnis und die Fähigkeit, Freunde und Angehörige zu erkennen. Wenig später kam es zum Hirntod.

Stanton war schon früh in seiner Laufbahn ein weltweit anerkannter Experte für Rinderwahnsinn geworden, daher war er, als das Seuchenzentrum in den USA das Nationale Zentrum für Prionenforschung ins Leben rief, die erste Wahl für den Posten des Direktors gewesen. Es war ihm als einmalige Chance erschienen, und Stanton war dem Ruf nach Kalifornien voller Begeisterung gefolgt. Es war das erste Zentrum zur Erforschung von Prionen und Prionenkrankheiten in den USA. Unter Stantons Leitung sollten hier die rätselhaftesten Krankheitserreger der Welt diagnostiziert, erforscht und schließlich bekämpft werden.

Doch so weit kam es nicht. Die Fleischindustrie startete eine erfolgreiche Kampagne, mit der deutlich gemacht werden sollte, dass sich in den USA nur ein einziger Mensch nachweislich mit Rinderwahnsinn infiziert hatte. Die Zuschüsse für Stantons Labor wurden gekürzt, und als in England keine weiteren Neuerkrankungen bekannt wurden, ließ das Interesse der Öffentlichkeit an dem Thema rasch nach. Das Budget für das Forschungszentrum war zusammengestrichen worden, und Stanton sah sich gezwungen, einige Mitarbeiter zu entlassen. Das Schlimmste aber war, dass es trotz jahrelanger Forschungsarbeit immer noch kein Heilmittel gab. Unzählige Wirkstoffe waren getestet worden, aber die Hoffnung auf eine wirksame Therapie hatte sich jedes Mal zerschlagen. Doch Stanton war immer schon ebenso dickköpfig wie optimistisch gewesen. Er glaubte immer noch fest daran, dass das nächste Experiment möglicherweise die Antwort lieferte, die er sich erhoffte.

Als er vor den nächsten Käfig trat, bot sich ihm der gleiche Anblick: eine Schlange, die ihre Beute belauerte, und eine kleine Maus, die sich davon nicht im Geringsten beeindrucken ließ. Stanton und sein Team wollten mit diesem Experiment erforschen, ob Prionen eine Rolle bei der Unterdrückung »angeborener Instinkte« einschließlich der Angst spielten. Eine Maus musste nicht erst lernen, sich vor raschelndem Gras zu fürchten – es war in ihren Genen programmiert, dass dieses Geräusch Gefahr bedeutete, weil es das Anpirschen eines Feindes signalisierte. Doch nachdem ihre Prionen in einem früheren Experiment genetisch ausgeschaltet worden waren, verhielten sich die Mäuse aggressiv und irrational. Stanton und sein Team hatten daraufhin in weiteren Versuchen gezielt den Zusammenhang zwischen der Eliminierung von Prionen und den angeborenen Ängsten der Tiere untersucht.

Stantons Handy vibrierte in der Tasche seines Laborkittels. »Hallo?«

»Spreche ich mit Dr. Stanton?«, fragte eine unbekannte Frauenstimme. Das konnte nur eine Ärztin oder eine Krankenschwester sein – jeder andere hätte sich dafür entschuldigt, dass er vor acht Uhr morgens anrief.

»Ja. Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name ist Michaela Thane. Ich bin Assistenzärztin am East L.A. Presbyterian Hospital. Das Seuchenzentrum hat mir Ihre Nummer gegeben. Es geht um einen unserer Patienten. Es besteht der Verdacht, dass eine Prionenkrankheit vorliegt.«

Stanton lächelte, schob seine Brille zurecht und sagte: »Okay«, während er vor den nächsten Käfig trat. Eine Maus scharrte mit den Pfötchen am Schwanz der Schlange, die angesichts dieser Umkehrung der natürlichen Ordnung ganz verdattert schien.

»Okay? Ist das alles?«, fragte Thane.

»Schicken Sie mir die Proben ins Labor, mein Team wird sie sich ansehen«, erwiderte Stanton. »Ein gewisser Dr. Davies wird Sie dann wegen der Ergebnisse anrufen.«

»Und wann wird das sein? In einer Woche? Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, Doktor. Manchmal rede ich zu schnell für meine Gesprächspartner. Wir glauben, dass der Mann an einer Prionenkrankheit leidet.«

»Ja, das habe ich schon verstanden«, sagte Stanton. »Was ist mit den Gentests? Schon irgendwelche Ergebnisse?«

»Nein, aber –«

Stanton ließ sie nicht ausreden. »Hören Sie, Dr. … Thane, nicht wahr? Wir bekommen etliche Tausend Anrufe im Jahr, und nur bei einer Hand voll bestätigt sich der Verdacht einer Prionenerkrankung. Melden Sie sich wieder, wenn der Gentest positiv ist.«

»Doktor, alle Symptome deuten darauf hin, dass –«

»Lassen Sie mich raten. Ihr Patient hat einen unsicheren Gang.«

»Nein.«

»Gedächtnisverlust?«

»Das wissen wir nicht.«

Stanton klopfte an die Glasscheibe eines Käfigs. Aber keines der Tiere reagierte. »Und auf welche Symptome stützt sich dann Ihr Verdacht, Doktor?«, fragte er abwesend.

»Demenz und Halluzinationen, irrationales Verhalten, Muskelzittern und starkes Schwitzen. Und ein ganz schlimmer Fall von Schlaflosigkeit.«

»Schlaflosigkeit?«

»Wir dachten zuerst an Alkoholentzug, als er eingeliefert wurde«, erklärte Thane. »Aber bei Alkoholmissbrauch hätte sich ein Folsäuremangel nachweisen lassen müssen, und das war nicht der Fall. Also habe ich weitere Tests gemacht, und ich denke, es könnte sich um letale familiäre Insomnie handeln.«

Jetzt hatte sie Stantons volle Aufmerksamkeit.

»Wann wurde er eingeliefert?«

»Vor drei Tagen.«

Bei der letalen familiären Insomnie – oder FFI, nach dem englischen Begriff Fatal Familial Insomnia – handelte es sich um eine rasch fortschreitende Krankheit, die durch ein mutiertes Gen hervorgerufen wurde. Sie gehörte zur Gruppe jener wenigen Prionenerkrankungen, die erblich waren. Stanton hatte in seiner Laufbahn ein halbes Dutzend Fälle gesehen. Die meisten FFI-Patienten begaben sich zunächst in ärztliche Behandlung, weil sie ständig schwitzten und an Schlafstörungen litten. Binnen kurzer Zeit konnten sie überhaupt nicht mehr schlafen. Hinzu kamen Impotenz, Panikattacken, Bewegungsstörungen. Der Schlafmangel, der die Patienten zwischen einem halluzinatorischen Wachzustand und einer Panik auslösenden Munterkeit gefangen hielt, führte meist nach wenigen Wochen zum Tod. Und es gab nichts, was Stanton oder irgendein anderer Arzt dagegen tun konnte.

»Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse«, sagte er. »FFI wird weltweit nur bei einem von dreiunddreißig Millionen Patienten diagnostiziert.«

»Was sonst könnte die Ursache für totale Schlaflosigkeit sein?«, fragte Thane.

»Eine fehldiagnostizierte Methamphetaminabhängigkeit.«

»Wir sind hier in East L.A., Doktor. Ich habe das Vergnügen, jeden Tag eine Meth-Fahne zu riechen. Und der Drogentest war negativ.«

»Weniger als vierzig Familien weltweit sind von FFI betroffen«, sagte Stanton, während er langsam an den Käfigen vorbeiging. »Und Sie hätten es mir sicher schon gesagt, wenn es eine entsprechende Vorgeschichte gäbe.«

»Ehrlich gesagt konnten wir uns noch nicht mit dem Mann unterhalten, weil wir ihn nicht verstehen. Er sieht aus wie ein Latino, möglicherweise auch wie ein Indio aus Mittel- oder Südamerika. Wir haben schon einen Übersetzerdienst eingeschaltet. Aber heutzutage ist das meistens nur ein einziger Typ mit einem nicht näher qualifizierten Abschluss und einem Stapel ausgemusterter Wörterbücher.«

Stanton spähte in den nächsten Käfig. Die Schlange darin verharrte regungslos. Ein kleiner, dünner grauer Schwanz hing ihr aus dem Maul. Das Gleiche würde in den nächsten vierundzwanzig Stunden, wenn auch die anderen Schlangen Hunger bekämen, in allen anderen Käfigen passieren. Selbst nach so vielen Jahren im Labor wollte Stanton lieber nicht zu lange darüber nachdenken, welche Rolle er im Leben dieser Mäuse spielte.

»Wer hat den Patienten eingeliefert?«, fragte er.

»Laut Aufnahmeformular eine Ambulanz, aber ich finde nirgends einen Hinweis darauf, von welcher Organisation.«

Das passte zu dem, was Stanton sonst über das Presbyterian Hospital wusste. Nur wenige andere Einrichtungen in East L.A. waren so überfüllt und so verschuldet wie dieses Krankenhaus.

»Wie alt ist der Patient?«, fragte er.

»Wahrscheinlich Anfang dreißig. Ich weiß, das ist ungewöhnlich, aber ich habe Ihren Aufsatz über Altersabweichungen bei Prionenerkrankungen gelesen und dachte, dass wir es hier vielleicht mit einem solchen Fall zu tun haben.«

Thane verstand etwas von ihrem Job, doch ihre Gründlichkeit änderte nichts an den Tatsachen. »Ich bin sicher, wenn Sie erst einmal die Ergebnisse der Gentests vorliegen haben, wird sich das alles schnell aufklären. Sie können Dr. Davies später gerne anrufen, falls Sie noch weitere Fragen haben.«

»Halt! Nicht auflegen! Warten Sie, Doktor!«

Stanton musste ihre Hartnäckigkeit bewundern. Als Assistenzarzt war er auch eine ganz schöne Nervensäge gewesen. »Ja?«

»Letztes Jahr wurde eine Studie veröffentlicht, der zufolge Amylase ein biologischer Marker für Schlafmangel ist.«

»Ja, ich kenne diese Studie. Und?«

»Bei meinem Patienten wurden dreihundert Einheiten pro Milliliter gemessen, das heißt, er hat seit über einer Woche nicht mehr geschlafen.«

Stanton trat von dem Käfig zurück. Über eine Woche ohne Schlaf?

»Hat er epileptische Anfälle?«

»Die Hirnuntersuchung hat Hinweise darauf ergeben«, antwortete Thane.

»Wie sehen seine Pupillen aus?«

»Stecknadelkopfgroß.«

»Reaktion auf Lichteinfall?«

»Nein, keine.«

Tagelange Insomnie. Schwitzen. Anfälle.

Stecknadelkopfgroße Pupillen.

Von den wenigen Voraussetzungen, die diese Kombination von Symptomen auslösen konnten, waren die anderen noch seltener als FFI. Stanton streifte seine Handschuhe ab. Die Mäuse waren vergessen. »Lassen Sie niemanden zu dem Patienten. Ich komme, so schnell ich kann.«

2

Bild

Chel Manu kam wie immer, als der Gottesdienst schon fast zu Ende war. Die Fahrt von ihrem Büro im Getty Museum zur Kathedrale Our Lady of the Angels – der Mutterkirche für die vier Millionen Katholiken in Los Angeles – dauerte im dichten Berufsverkehr fast eine Stunde, aber sie genoss den allwöchentlichen Ausflug. Da sie die meiste Zeit in ihrem Forschungslabor im Museum oder in den Vorlesungssälen der UCLA eingesperrt war, war sie froh, wenn sie Gelegenheit hatte, aus dem westlichen Teil der Stadt herauszukommen, auf den Freeway einzubiegen und einfach nur zu fahren. Nicht einmal der Verkehr, der Fluch von Los Angeles, machte ihr etwas aus. Die Fahrt zur Kirche in Downtown L.A. war so etwas wie eine kleine Auszeit, eine besinnliche Pause, in der sie alle störenden Geräusche ausblenden konnte: die Forschungsarbeit, das Budget, die Kollegen, die Fakultätsausschüsse, ihre Mutter. Sie würde eine – oder auch zwei – rauchen, den Rocksender KCRW hören und ein bisschen abschalten. Jedes Mal, wenn sie sich ihrer Ausfahrt näherte, wünschte sie, sie könnte einfach weiterfahren.

Vor der Kathedrale schnippte sie die Kippe ihrer zweiten Zigarette in den Mülleimer, der unter der eigenartigen androgynen Monumentalfigur der Muttergottes am Eingang angebracht war. Dann stieß sie die schwere Bronzetür auf. Im Inneren der Kirche ließ Chel die vertrauten Eindrücke auf sich wirken: den süßen Duft von Weihrauch, den Gesang von Kirchenliedern und das gedämpfte erdfarbene Licht, das durch die Alabasterfenster auf die Gesichter der kleinen Gemeinde von Maya-Einwanderern fiel.

Am Predigtpult, unter fünf golden gerahmten Darstellungen der fünf Abschnitte im Leben Jesu, stand Maraka, der ältere bärtige »Hüter des Tages«, wie der Priester auch genannt wurde, und schwenkte ein Weihrauchfass.

»Tewichim«, psalmodierte er in Qu’iche, jenem Maya-Dialekt, der in Guatemala von über einer Million indígenas gesprochen wurde. »Tewichim gukumatz, k’astajisaj.« Gelobt sei die gefiederte Schlange, die Spenderin des Lebens.

Maraka wandte sich nach Osten und nahm dann einen kräftigen Schluck baalché, dem milchig weißen heiligen Trank, der aus Baumrinde, Zimt und Honig gemacht wurde. Als er fertig war, stimmten die Gläubigen auf sein Zeichen hin wieder ein Lied an. Das Ritual gehörte zu jenen uralten Bräuchen, die zu praktizieren der Erzbischof ihnen ein oder zwei Mal die Woche erlaubt hatte, vorausgesetzt, die indígenas besuchten auch weiterhin die traditionelle katholische Messe.

Chel versuchte, sich möglichst unauffällig am Rand des Kirchenschiffs entlangzudrücken, doch einer der Männer bemerkte sie und winkte ihr eifrig. Sie hatte ihm geholfen, die Formulare für die Einwanderungsbehörde auszufüllen, und seitdem hatte er sie ein halbes Dutzend Mal gefragt, ob sie nicht mit ihm ausgehen wolle. Sie hatte abgelehnt und geschwindelt, sie sei in festen Händen. Mit ihren eins fünfundfünfzig unterschied sie sich sicherlich von den meisten Frauen, denen man hier in Los Angeles begegnete, aber viele Männer fanden sie ausgesprochen schön.

Chel wartete neben dem Räucheraltar, bis der Gottesdienst zu Ende war. Sie ließ den Blick über die Gesichter der Gläubigen schweifen, unter denen sich mindestens zwei Dutzend Weiße befanden. Noch vor Kurzem hatte die Fraternidad nur sechzig Mitglieder gezählt, Nachfahren der Maya aus deren ursprünglichen Siedlungsgebieten, einschließlich Chels Heimat Guatemala, die sich montagmorgens hier versammelten, um zu den Göttern ihrer Vorfahren zu beten und die alten Traditionen zu pflegen.

Doch dann waren immer mehr Anhänger der Apokalypse aufgetaucht. »2012er« wurden sie in der Presse genannt. Anscheinend glaubten sie, sie würden beim Weltuntergang, der ihrer Meinung nach in knapp zwei Wochen stattfinden würde, verschont, wenn sie an den Maya-Zeremonien teilnahmen. Es gab natürlich auch solche 2012er, die sich nicht die Mühe machten, hierherzukommen, sondern ihre Ansichten über das Ende der sogenannten Langen Zählung der Maya von der eigenen Kanzel aus predigten. Einige prophezeiten verheerende Überschwemmungen, katastrophale Erdbeben und die Umkehrung der Magnetfelder an den Polen, wodurch jegliches Leben auf der Erde ausgelöscht würde. Andere behaupteten, unsere hoch technisierte Welt werde zusammenbrechen und die Menschheit auf eine primitivere Entwicklungsstufe zurückgeworfen. Seriöse Maya-Experten, darunter auch Chel, fanden die Idee, am 21. Dezember könne die Welt untergehen, einfach absurd. Doch das hielt die 2012er nicht davon ab, das uralte Wissen der Maya zu benutzen, um T-Shirts oder Karten für ihre Vorträge an den Mann zu bringen oder um Chels Volk in nächtlichen Fernsehshows zur Zielscheibe des Spotts zu machen.

»Chel?«

Als sie sich umdrehte, stand Maraka hinter ihr. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass die Zeremonie zu Ende war und die Kirchenbesucher sich aus den Bankreihen schoben.

Der »Hüter des Tages« legte ihr die Hand auf die Schulter. Er war inzwischen fast achtzig, und seine früher einmal schwarzen Haare waren ganz weiß geworden. »Willkommen. Du kannst ins Büro, es ist alles vorbereitet. Es wäre natürlich schön, wenn du auch einmal wieder den Gottesdienst besuchen würdest.«

Chel zuckte mit den Schultern. »Ich versuch’s, versprochen. Ich hatte in letzter Zeit viel um die Ohren, Hüter des Tages.«

Maraka lächelte. »Das weiß ich, Chel. In Lak’ech

Ich bin du, und du bist ich.

Chel neigte den Kopf. Die traditionelle Grußformel war sogar in Guatemala ungebräuchlich geworden, aber viele alte Menschen legten noch immer Wert darauf, und Chel fand, wenn sie schon kein Interesse mehr am Besuch des Gottesdienstes hatte, konnte sie Maraka wenigstens diesen Gefallen tun.

Und so erwiderte sie leise: »In Lak’ech.« Dann ging sie in den hinteren Teil der Kirche.

Vor dem Büro, in dem sie jede Woche eine Art Sprechstunde abhielt, warteten schon etliche Hilfesuchende. Die Larakams waren die Ersten. Chel hatte gehört, dass Vicente in die Fänge eines Kredithais geraten war, der sein Geschäft mit Leuten wie den Larakams machte – Einwanderer, die nicht glauben konnten, dass das Leben hier vielleicht noch schlimmer war als das, das sie in Guatemala hinter sich gelassen hatten. Chel fragte sich, ob Ina, Vicentes Frau, die einen intelligenten Eindruck auf sie machte, es vielleicht geahnt hatte. Ina trug einen bodenlangen Rock und eine huipil genannte Baumwollbluse mit einem komplizierten Zickzackmuster. Die traditionelle Kleidung unterstrich ihre traditionelle Rolle als Ehefrau, und das bedeutete, sie würde ihrem Mann nicht widersprechen, egal, wie schlecht sein Urteilsvermögen auch sein mochte.

»Danke, dass wir kommen durften«, sagte sie ruhig.

Vicente erklärte langsam, dass er sich Geld zu Wucherzinsen geliehen hatte, damit sie sich eine Einzimmerwohnung in Echo Park mieten konnten, und jetzt waren die Belastungen höher als sein Lohn als Landschaftsgärtner. Er machte ein Gesicht, als lastete die ganze Welt auf seinen Schultern. Ina stand stumm neben ihm, aber ihre Augen sahen Chel flehentlich an. Die beiden Frauen verstanden sich auch ohne Worte. Chel begriff, wie viel Überwindung es Vicente gekostet hatte, hierherzukommen und sie um Hilfe zu bitten.

Wortlos gab er Chel den Vertrag des Halsabschneiders, den er unterschrieben hatte, und als sie das Kleingedruckte las, stieg eine vertraute Wut in ihr hoch. Vicente und Ina waren nur zwei von den zahllosen Einwanderern aus Guatemala, die sich, überwältigt von der Flut neuer Eindrücke, in diesem Land zurechtzufinden versuchten, und es gab genug Leute, die das gnadenlos ausnutzten. Andererseits waren die Nachfahren der Maya schlicht zu vertrauensselig. Nicht einmal fünfhundert Jahre Unterdrückung hatten es geschafft, sie mit einem Mindestmaß an überlebensnotwendigem Zynismus auszustatten, und dafür mussten sie teuer bezahlen.

Doch zum Glück für die Larakams hatte Chel ausgezeichnete Kontakte, vor allem zu Rechtsanwälten und anderen Beratungsstellen. Sie schrieb ihnen den Namen eines Anwalts auf, mit dem sie sich in Verbindung setzen sollten. Doch bevor sie sich verabschieden konnte, griff Ina in ihre Tasche, zog eine Plastikdose heraus und reichte sie Chel.

»Pepian«, sagte sie. »Meine Tochter und ich haben es für Sie gekocht.«

Chels Tiefkühltruhe war bereits randvoll mit dem süßlichen Hühnergericht, das sie immer wieder von Mitgliedern der Fraternidad geschenkt bekam, aber sie bedankte sich und nahm es trotzdem. Der Gedanke, dass Ina und deren kleine Tochter es gemeinsam zubereitet hatten, machte sie glücklich. Die guatemaltekische Gemeinde hatte eine Zukunft in L.A., und darüber freute sie sich von ganzem Herzen. Chels eigene Mutter, die in einem kleinen Dorf in Guatemala aufgewachsen war, verbrachte den Morgen wahrscheinlich vor dem Fernseher, schaute sich Good Morning Amertca an und aß eine Schale Cornflakes dazu.

»Halten Sie mich auf dem Laufenden«, sagte Chel, als sie Vicente die Unterlagen zurückgab. »Und seien Sie das nächste Mal vorsichtiger. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Geschäfte mit jemandem ein, dessen Gesicht Sie an der Bushaltestelle sehen. Das macht diese Leute nicht zu Berühmtheiten. Jedenfalls nicht im positiven Sinne. Kommen Sie lieber zu mir.«

Vicente nahm seine Frau bei der Hand und lächelte angespannt. Dann verließen sie das Büro.

Eine Stunde lang kümmerte sich Chel um die Anliegen, die an sie herangetragen wurden. Sie erklärte einer Schwangeren ein Programm für Schutzimpfungen, schaltete sich für Marakas Vertreter wegen einer strittigen Kreditkartenabrechnung ein und befasste sich mit der Klage eines Vermieters gegen einen alten Freund ihrer Mutter.

Als ihr letzter Besucher gegangen war, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie dachte an die antike Keramikvase im Getty Museum, in der man Überreste von Tabak gefunden hatte, einer der ältesten Tabakfunde überhaupt. Kein Wunder, dass es ihr so verdammt schwerfiel, das Rauchen aufzugeben. Die Menschen rauchten seit Jahrtausenden.

Ein energisches Klopfen holte Chel in die Wirklichkeit zurück.

Sie stand auf und ging zur Tür. Verblüfft sah sie den Mann an, der vor ihr stand. Sie hatte ihn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Er gehörte zu einer völlig anderen Welt als die indígenas, die sich zu den Fraternidad-Messen versammelten, deshalb erschrak sie unwillkürlich bei seinem Anblick.

»Was machen Sie hier?«, fragte sie, als Hector Gutierrez ins Büro trat.

»Ich muss mit Ihnen reden.«

Sie hatte Gutierrez nur ein paar Mal getroffen, aber er schien immer in guter körperlicher Verfassung zu sein. Jetzt hatte er dunkle Schatten unter den Augen, die müde und glasig starr blickten. Er schwitzte stark und tupfte sich mit einem Taschentuch nervös den Schweiß vom Gesicht. Chel hatte ihn noch nie unrasiert gesehen. Sein Bart wuchs bis zu dem portweinroten Fleck unter seiner linken Schläfe hinauf. Chels Blick fiel auf die Tasche in seiner Hand.

»Woher haben Sie gewusst, dass ich hier bin?«

»Ich habe in Ihrem Büro angerufen.«

Chel nahm sich vor, dafür zu sorgen, dass niemand in ihrem Labor diese Information noch einmal herausgab.

»Ich habe etwas, das Sie sich unbedingt ansehen müssen«, fuhr er fort.

Sie warf einen misstrauischen Blick auf den Matchsack in seiner Hand. »Sie sollten nicht hier sein.«

»Ich brauche Ihre Hilfe. Sie haben meinen alten Lagerraum entdeckt, wo ich meinen Bestand deponiert hatte.«

Chel spähte zur Tür, um sich zu vergewissern, dass niemand lauschte. »Sie« konnte nur eines bedeuten: Die Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde, die unter anderem gegen Antiquitätenschmuggel vorgingen, waren ihm auf den Fersen.

»Ich hatte den Lagerraum schon ausgeräumt«, fuhr Gutierrez fort. »Aber sie haben ihn durchsucht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie bei mir zu Hause aufkreuzen.«

Chel schnürte es unwillkürlich die Kehle zu, als sie an das Gefäß in Form eines Schildkrötenpanzers dachte, das sie ihm vor über einem Jahr abgekauft hatte. »Und Ihre Unterlagen? Haben sie die auch gefunden?«

»Keine Sorge, im Moment sind Sie sicher. Aber Sie müssen das hier für mich aufbewahren, Dr. Manu. Nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht.«

Er hielt ihr die Tasche hin.

Chel schaute abermals zur Tür und flüsterte: »Sie wissen, dass ich das nicht tun kann.«

»Sie haben Stahlkammern im Museum. Legen Sie es dorthinein. Nur für ein paar Tage. Kein Mensch wird etwas merken.«

Sie sollte ihm einfach sagen, dass er das, was er da in der Tasche hatte, loswerden sollte. Sie wusste, dass sie das tun sollte. Sie wusste auch, dass es sich um etwas äußerst Wertvolles handeln musste, wenn er das Risiko eingegangen war, es herzubringen. Man konnte Gutierrez nicht trauen, aber wenn es darum ging, Antiquitäten zu beschaffen, war er ein absoluter Profi, und er kannte ihre Leidenschaft für die Artefakte ihres Volkes.

»Kommen Sie«, raunte Chel ihm zu und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen.

Einige vereinzelte Gläubige blickten kurz auf, als sie vor ihm in das Kellergewölbe der Kirche hinunterging und weiter durch die Glastüren mit Engelsgravuren in das Mausoleum, wo in Wandnischen die Urnen mit der Asche etlicher Tausend Katholiken aufbewahrt wurden. Chel betrat einen der Räume, in denen Steinbänke vor glänzenden weißen Wänden mit eingemeißelten Namen und Daten standen, eine akribische Bibliografie des Todes.

Chel schloss sorgfältig die Tür hinter sich. »Lassen Sie sehen.«

Gutierrez zog ein ungefähr sechzig auf sechzig Zentimeter großes quadratisches Holzkistchen, das in Plastikfolie eingewickelt war, aus seinem Beutel. Als er die Folie entfernte, stieg der unverkennbare scharfe Geruch von Fledermausexkrementen auf – der typische Geruch eines Gegenstands, der vor Kurzem erst aus einer alten Grabstätte geborgen worden war. »Es muss unbedingt fachkundig konserviert werden, bevor es noch mehr zerfällt.« Er nahm den Deckel der Kiste ab.

Im ersten Moment begriff Chel nicht, was sie da vor sich hatte. Der Inhalt sah aus wie eine Art Verpackungsmaterial. Als sie sich darüberbeugte, erkannte sie jedoch, dass es sich um vergilbte, brüchige Blätter aus Baumrinde handelte, die lose in der Kiste lagen. Die Blätter waren mit Wörtern und sogar ganzen Sätzen in der Sprache ihrer Vorfahren beschrieben. Die alten Maya hatten eine Hieroglyphen-Schrift entwickelt, und die Fragmente waren nicht nur über und über mit diesen sogenannten Glyphen bedeckt, sondern auch mit Darstellungen von Göttern in farbenprächtigen Gewändern.

»Ein Kodex?«, sagte Chel. »Kommen Sie, machen Sie sich doch nicht lächerlich!«

Die Geschichtsaufzeichnungen der Maya, niedergeschrieben von einem Schreiber im Auftrag des Königs, wurden als Kodex bezeichnet. Chel hatte das Wort »selten« im Zusammenhang mit blauen Diamanten oder einer Gutenberg-Bibel gehört, aber verglichen mit dem überlieferten Schrifttum der Maya kamen Gutenberg-Bibeln oder blaue Diamanten geradezu oft vor: Nur vier solcher Bücher waren erhalten geblieben. Wie konnte Gutierrez auch nur eine Minute lang glauben, sie würde ihm abnehmen, dass er in den Besitz neuer Texte gelangt war?

»Seit dreißig Jahren ist kein neuer Kodex mehr entdeckt worden«, fügte sie hinzu.

»Bis jetzt.« Der Mann schälte sich aus seiner Jacke.

Chel beugte sich abermals über die kleine Kiste. Während ihres Studiums hatte sie einmal die seltene Gelegenheit gehabt, einen Originalkodex zu sehen, daher wusste sie genau, wie einer aussehen und sich anfühlen musste. In einem Gewölbe in Deutschland hatte sie unter den wachsamen Blicken bewaffneter Wachleute die Seiten des Dresdner Kodex umgeblättert und war beim Anblick der Bilder und Zeichen tausend Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt worden. Es war ein Schlüsselerlebnis: Es hatte sie dazu bewogen, sich in ihrem weiteren Studium der Sprache und den Schriften ihrer Vorfahren zu widmen.

»Das ist eine Fälschung, das ist doch klar«, sagte sie und zwang sich, den Blick abzuwenden. Heutzutage handelte es sich bei mehr als der Hälfte der Artefakte, die ihr angeboten wurden, um Fälschungen, selbst wenn sie ganz legal von einem renommierten Händler kamen. Sogar der Geruch nach Fledermausexkrementen ließ sich künstlich herstellen. »Und um eins klarzustellen: Als Sie mir das Tongefäß in Form eines Schildkrötenpanzers verkauft haben, wusste ich nicht, dass es sich um Diebesgut handelte. Sie haben mich mit den Papieren bewusst in die Irre geführt. Also versuchen Sie nicht, der Polizei etwas anderes zu erzählen.«

Doch die Wahrheit war komplizierter. Als Kuratorin für die Kunst der Maya musste Chel jeden für das Getty Museum erworbenen Gegenstand dokumentieren und dessen Herkunft lückenlos bis zum Ursprung zurückverfolgen und belegen. Das hatte sie auch mit dem von Gutierrez gekauften antiken Gefäß getan, doch dann, Wochen später, hatte sie festgestellt, dass es Unstimmigkeiten gab. Ihre Entdeckung für sich zu behalten war ein Risiko, das war ihr klar, aber sie brachte es einfach nicht fertig, sich von diesem einzigartigen Zeugnis der Geschichte zu trennen, und so behielt sie es und schwieg. Der eigentliche Skandal war doch, dass das Erbe ihres Volkes auf dem Schwarzmarkt verhökert wurde und jedes Artefakt, das sie nicht kaufte, für immer im Haus irgendeines Sammlers verschwand.

»Bitte«, sagte Gutierrez beschwörend und überging geflissentlich ihre Bemerkung über das Gefäß. »Heben Sie es nur ein paar Tage für mich auf.«

Chel beschloss, die Sache an Ort und Stelle zu klären. Sie griff in ihre Handtasche und zog ein paar weiße Baumwollhandschuhe und eine Pinzette heraus.

»Was haben Sie vor?«, fragte Gutierrez.

»Ich werde Ihnen beweisen, dass das Ding da eine Fälschung ist.«

Die Plastikfolie war noch feucht vom Schweiß des Mannes, und Chel spannte sich unwillkürlich an, als die Feuchtigkeit durch den Stoff ihrer Handschuhe sickerte. Gutierrez kniff sich in den Nasenrücken und rieb sich dann energisch die geröteten Augen. Sein Körpergeruch stach Chel noch schärfer in die Nase als der Geruch von Fledermausexkrementen. Doch als sie mit beiden Händen in die Kiste griff und vorsichtig die brüchigen Blätter untersuchte, vergaß sie alles um sich herum. Ihr erster Gedanke war, dass die Glyphen zu alt waren. Die Geschichte der Maya ließ sich in zwei Perioden unterteilen: in die klassische, die den Aufstieg ihrer Kultur von 200 v. Chr. bis 900 v. Chr. umfasste, und die postklassische, wie man die Zeit ihres Niedergangs bis zur Ankunft der Spanier um 1500 herum bezeichnete. Das Schrifttum der Maya hatte sich formal und auch inhaltlich im Lauf der Zeit unter äußeren Einflüssen entwickelt und verändert, und jede Periode hatte ihre eigene unverwechselbare Schrift.

Aus der klassischen Periode war nicht ein einziges Stück beschriebenes Papier überliefert worden; alle vier bekannten Maya-Kodizes waren erst Jahrhunderte später entstanden. Nur Inschriften in Ruinen gaben Hinweise darauf, wie die Schrift in der klassischen Periode ausgesehen haben musste. Doch die Zeichen der Blätter, die Chel jetzt betrachtete, schienen irgendwann zwischen 800 und 900 v. Chr. niedergeschrieben worden zu sein, und das war ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn es echt wäre, würde es sich um das wertvollste Artefakt in der Geschichte der mesoamerikanischen Forschung handeln.

Chel überflog die Zeilen auf der Suche nach einer Unstimmigkeit – eine unsauber gemalte Glyphe, die Darstellung eines Gottes ohne den richtigen Kopfputz, ein Fehler in der zeitlichen Abfolge. Doch sie konnte nichts finden. Die schwarze und die rote Tinte waren verblasst, wie es sein sollte, und die blaue leuchtete immer noch so, wie es in echten Maya-Texten der Fall war. Das Papier war verwittert, als hätte es tausend Jahre in einer Höhle überdauert, die Rinde war brüchig und spröde.

Was Chel aber noch mehr beeindruckte, war die Tatsache, dass sich der Text ganz flüssig las. Die Kombination der Glyphen ergab intuitiv einen Sinn, genau wie die Piktogramme. Wie bei einem Kodex aus dieser Zeit zu erwarten war, schienen die Glyphen in einer frühen Version des klassischen Ch’olan geschrieben zu sein. Besonders die phonetischen Ergänzungen über den Glyphen, die dem Leser beim Entschlüsseln der Bedeutung helfen sollten, verblüfften Chel. Sie waren in Qu’iche geschrieben.

Die bekannten postklassischen Handschriften mit ihren mexikanischen Einflüssen waren in Yucatec und in der Mayasprache Ch’olan verfasst worden. Chel vermutete aber schon länger, dass ein klassischer Text aus Guatemala Ergänzungen in dem Dialekt haben könnte, mit dem ihre Eltern aufgewachsen waren. Wer auch immer dieses Buch gefälscht haben mochte, musste ein tiefes und differenziertes Verständnis der Geschichte und der Sprache gehabt haben.

Chel konnte nicht fassen, mit welcher Kunstfertigkeit der Fälscher zu Werke gegangen war. Wahrscheinlich hätten sich selbst einige ihrer fachkundigsten Kollegen davon täuschen lassen.

Dann fiel ihr Blick auf eine Sequenz von Glyphen, und sie erstarrte.

Auf einem der größten Papierstücke waren drei Piktogramme zu einem Satzfragment aneinandergereiht worden:

Bild

Wasser, dazu gemacht, aus einem Stein emporzuschießen

Chel blinzelte verwirrt. Der Verfasser konnte damit nur einen Brunnen meinen. Aber kein Fälscher der Welt hätte einen Brunnen erwähnen können, weil erst seit Kurzem bekannt war, dass die Maya jener Zeit bereits welche gekannt hatten. Erst vor knapp vier Wochen hatte ein Archäologe der Pennsylvania State University herausgefunden, dass, entgegen der landläufigen Meinung, nicht die Spanier die ersten Aquädukte in der Neuen Welt errichtet hatten: Die Maya hatten schon Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer Wasserleitungen gebaut.

Eine Handschrift wie diese konnte unmöglich in so kurzer Zeit gefälscht worden sein.

Chel schaute auf und sah Gutierrez ungläubig an. »Wo haben Sie die her?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, das wissen Sie doch.«

Chel konnte sich schon denken, woher die Handschrift stammte: Sie war aus einem Grab in irgendeiner Maya-Ruine geraubt worden, wie so viele andere Schätze auch.

»Wer weiß sonst noch davon?«

»Nur meine Quelle«, antwortete Gutierrez. »Verstehen Sie jetzt, wie wertvoll dieser Fund ist?«

Wenn sie sich nicht irrte, enthielten diese Texte mehr Informationen über die Geschichte der Maya als alle bisher bekannten Ruinen zusammen. Der Dresdner Kodex, der von den vier überlieferten Handschriften am besten erhalten war, würde auf einer Versteigerung zehn Millionen Dollar einbringen, aber die Seiten, die sie hier vor sich liegen hatte, würden alles in den Schatten stellen.

»Haben Sie vor, das Buch zu verkaufen?«

»Wenn der richtige Zeitpunkt kommt.«

Selbst wenn sie das Geld hätte, würde dieser Zeitpunkt für sie wahrscheinlich nie kommen. Legal konnte sie die Handschrift nicht erwerben, weil sie offensichtlich gestohlen war, und die Rekonstruktion und Entzifferung der Texte würde so umfangreiche Nachforschungen erfordern, dass sie es nicht lange würde geheim halten können. Und wenn je herauskäme, dass sie im Besitz eines geraubten Kodex war, würde sie ihre Stelle verlieren und müsste wahrscheinlich mit einer Anzeige rechnen.

»Warum sollte ich es für Sie aufbewahren?«, fragte sie.

»Damit ich genug Zeit habe, die entsprechenden Papiere nachzumachen, damit es an ein amerikanisches Museum verkauft werden kann – an Ihres, hoffe ich. Und weil keiner von uns das Buch je wiedersehen wird, wenn es jetzt der Einwanderungs- und Zollbehörde in die Hände fällt.«

Chel wusste, dass Gutierrez recht hatte. Wenn die Handschrift jetzt beschlagnahmt wurde, würde sie der guatemaltekischen Regierung zurückgegeben werden, die weder die finanziellen Mittel hatte noch die Experten, die für die Auswertung, Konservierung und Ausstellung einer so kostbaren Handschrift nötig waren. Das in Mexiko entdeckte Grolier-Fragment verrottete dort seit den 1980er-Jahren in einem Kellergewölbe.

Gutierrez machte den Deckel der Holzkiste wieder zu und packte sie sorgfältig ein. Es juckte Chel regelrecht in den Fingern, den alten Text noch einmal zu berühren. Das spröde Papier zerfiel und musste unbedingt fachkundig konserviert werden. Vor allem aber musste die Welt erfahren, was in diesem Buch geschrieben stand, weil es ein Zeugnis der Geschichte ihres Volkes war. Und die Geschichte ihres Volkes geriet mit jedem Tag mehr in Vergessenheit.

3

Bild

Das East L.A. Presbyterian Hospital: vergitterte Fenster und draußen ein Grüppchen von Rauchern, wie sie vor heruntergekommenen Krankenhäusern immer herumstanden und pafften. Der Haupteingang war geschlossen, weil durch eine undichte Stelle in der Decke der Eingangshalle Wasser tropfte, und so wurden Besucher und Patienten gleichermaßen durch die Notaufnahme in das Krankenhaus gelotst.

Eine wilde Mischung unterschiedlichster Gerüche schlug Stanton drinnen entgegen: Alkohol, Schmutz, Blut, Urin, Erbrochenes, Desinfektionsmittel, Luftverbesserer, Tabak. Im Wartezimmer saßen Dutzende Kranke und warteten darauf, dass sie aufgerufen wurden. Stanton kam nicht oft in solche Einrichtungen: In einem Krankenhaus, das sich Tag für Tag mit den Opfern von Bandenkriminalität beschäftigen musste, bestand kein Bedarf an einem Prionenspezialisten, der akademische Vorträge hielt.

Während eine eindeutig gestresste Krankenschwester, die hinter einer kugelsicheren Scheibe saß, Dr. Thane zu erreichen versuchte, ging Stanton zu einer Gruppe von Besuchern, die sich um einen an der Wand angebrachten Fernseher geschart hatten. Ein Bergungsschiff der Küstenwache zog ein Flugzeug aus dem Meer. Rettungsboote und Helikopter kreisten um die Trümmer. Flug 126 der Aero Globale war auf dem Weg von L.A. nach Mexico City gewesen, als die Maschine vor der Küste von Baja California ins Meer stürzte. Zweiundsiebzig Passagiere und acht Besatzungsmitglieder waren ums Leben gekommen.

So kann’s gehen, dachte Stanton. Auf einmal ist alles vorbei. Egal, wie oft das Leben ihn auch zu dieser Erkenntnis zwingen mochte, der Gedanke verblüffte ihn immer wieder aufs Neue. Man trieb Sport und ernährte sich gesund, man ließ sich einmal im Jahr durchchecken, arbeitete vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche, ohne sich zu beklagen, und dann stieg man eines Tages einfach ins falsche Flugzeug, und das war’s.

»Dr. Stanton?«

Das Erste, was ihm an der groß gewachsenen Schwarzen im grünen Overall auffiel, waren die breiten Schultern. Die Frau war Anfang dreißig, hatte kurz geschnittene Haare und trug eine Brille mit dicken Gläsern und schwarzem Gestell, was ihr das Aussehen einer Exrugbyspielerin verlieh, die einen auf hip machte.

»Ich bin Michaela Thane.«

»Gabriel Stanton.« Er schüttelte ihr die Hand.

Thane schaute zum Fernseher hinauf. »Schrecklich, nicht wahr?«

»Weiß man schon, wie es passiert ist?«

»Angeblich menschliches Versagen.« Sie führte ihn aus der Notaufnahme. »Oder wie wir hier sagen: RDSA – Ruf die Scheißanwälte an.«

»Apropos anrufen – ich nehme an, Sie haben das Gesundheitsamt informiert?«, fragte Stanton, als sie zum Lift gingen.

Thane drückte mehrmals auf einen Knopf, der partout nicht aufleuchten wollte. »Sie haben versprochen, jemanden herzuschicken.«

»Ich schätze, das kann dauern«, bemerkte Stanton trocken.

Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Stanton lächelte.

Endlich kam der Lift. In der Kabine drückte Thane auf den Knopf mit der Sechs. Ihr Ärmel rutschte dabei ein Stück hoch, und Stanton bemerkte die Tätowierung auf ihrem Trizeps – ein Weißkopfadler mit einer Schriftrolle zwischen den Schwingen.

»Sie kommen von der Army?«

»Ja, ich war bei der 565. Sanitätskompanie. Zu Ihren Diensten, Sir!«

»Aus Fort Polk?«

»Stimmt. Kennen Sie das Bataillon?«

»Mein Vater war bei den Pionieren. Bei der 46. Wir haben drei Jahre in Fort Polk gewohnt. Waren Sie vor Ihrer Assistenzzeit im aktiven Dienst?«

»Ich habe für mein Medizinstudium die Ausbildung für Reserveoffiziere absolviert, und nach meinem Praktikum haben sie mich geholt«, antwortete sie. »Zwei Jahre Luftrettung per Helikopter in der Nähe von Kabul. Als ich aus der Army entlassen wurde, war ich Captain.«

Stanton war beeindruckt. Verwundete Soldaten über eine Luftbrücke von der Front zurückzuholen war so ziemlich der gefährlichste Einsatz im Sanitätsdienst.

»Wie viele Fälle von FFI haben Sie schon gesehen?«, fragte Thane, als sich der Lift endlich in Bewegung setzte.

»Sieben«, erwiderte Stanton.

»Und alle Patienten sind gestorben?«

Er nickte ernst. »Sind die Ergebnisse der Gentests schon da?«

»Noch nicht, müssten aber bald kommen. Ich habe inzwischen übrigens herausgefunden, wie der Patient hierhergekommen ist. Die Polizei hat ihn in einem Super 8 Motel ein paar Blocks von hier festgenommen, weil er auf andere Gäste losgegangen ist. Als den Beamten klar wurde, dass der Mann krank ist, haben sie ihn hierher gebracht.«

»Wir können von Glück sagen, dass er nach einer Woche ohne Schlaf nichts Schlimmeres verbrochen hat.«

Schon eine einzige schlaflose Nacht konnte das Wahrnehmungsvermögen so stark beeinträchtigen wie ein Blutalkoholspiegel von 0,1 Promille. Halluzinationen, Delirium und starke Stimmungsschwankungen konnten die Folge sein. Nach mehreren Wochen sich verschlimmernder Insomnie trugen sich die Patienten mit Selbstmordgedanken. Doch die meisten, die Stanton gesehen hatte, starben an völliger psychischer und physischer Erschöpfung.

»Sagen Sie, Dr. Thane, war es eigentlich Ihre Idee, den Amylasespiegel zu messen?«

Der Aufzug hielt im sechsten Stock.

»Ja, wieso?«

»Die meisten Assistenzärzte wären nicht auf die Idee gekommen, FFI auf die Liste der Differentialdiagnosen zu setzen.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Heute Morgen war ein Obdachloser in der Notaufnahme, der acht Tüten Bananenchips gefuttert hatte. Er wollte damit seinen Kaliumspiegel in die Höhe treiben, damit wir ihn stationär aufnehmen. Wenn Sie ein bisschen mehr Zeit hier verbringen würden, wäre Ihnen klar, dass wir einfach alles in Betracht ziehen müssen.«

Sie näherten sich dem Nervenzentrum der Station. Stanton bemerkte, dass alle Angehörigen des Personals Thane im Vorbeigehen zulächelten oder zunickten oder zuwinkten. Der Empfangsbereich sah aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr modernisiert worden. Sogar die Computer waren vorsintflutlich. Krankenschwestern und Assistenzärzte kritzelten Notizen in Schnellhefter, deren Farbe schon verblasste. Pflegekräfte beendeten ihre Runde und stapelten die leeren Tabletts aus den Krankenzimmern.

Vor Zimmer 621 war ein Angestellter des Sicherheitsdienstes postiert worden. Der Mann war mittleren Alters, hatte eine dunkle Hautfarbe und einen Bürstenschnitt und trug einen rosaroten Mundschutz, der bis auf die Augen das ganze Gesicht verdeckte.

»Alles in Ordnung da drin, Mariano?«, fragte Thane.

»Ja, im Moment ist er recht ruhig«, antwortete der Mann und klappte sein Kreuzworträtselheft zu. »Ein paar kurze Ausbrüche, sonst nichts.«

»Das ist Mariano«, stellte Thane den Angestellten vor. »Mariano, das ist Dr. Stanton. Er wird uns bei dem Fall unseres unbekannten John Doe behilflich sein.«

Marianos dunkelbraune Augen richteten sich auf Stanton. »Seit er vor drei Tagen eingeliefert wurde, hat er die meiste Zeit wie wild um sich geschlagen und herumgebrüllt. Kann ganz schön laut werden da drin. Wuuh wuuh wuuh, das ist alles, was er von sich gibt.«

»Was sagt er?«, fragte Stanton stirnrunzelnd.

»Wuuh oder wuudsch. So ähnlich hört es sich jedenfalls an. Weiß der Teufel, was das zu bedeuten hat.«

»Ich habe es bei Google eingegeben, aber nichts gefunden, das irgendeinen Sinn ergeben würde, egal, in welcher Sprache«, sagte Thane.

Mariano zog die Gummischlaufen seines Mundschutzes fest hinter die Ohren. »Hey, Doc, Sie sind doch der Experte hier. Kann ich Sie was fragen?«

Stanton streifte Thane mit einem flüchtigen Blick. »Sicher.«

»Das ist doch nicht ansteckend, was der Typ da hat, oder?«

»Nein, machen Sie sich keine Sorgen.« Stanton folgte Thane in das Krankenzimmer.

»Ich glaube, er hat sechs Kinder oder so«, flüsterte Thane, als sie außer Hörweite waren. »Er hat Angst, er könnte etwas von hier mit nach Hause bringen. Ich habe ihn noch nie ohne Mundschutz gesehen.«

Stanton zog einen Mundschutz aus einem Automaten an der Wand und band ihn sich um. »Wir sollten seinem Beispiel folgen«, sagte er und gab Thane ebenfalls eine Maske.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Virus" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen