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Virtuosity – Liebe um jeden Preis

Über die Autorin

Jessica Martinez wurde in Calgary, Kanada geboren. Schon als Kind liebte sie Geschichten genauso wie Musik. Nach ihrem Studium war sie unter anderem Orchestermusikerin und gab Geigenunterricht. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Orlando, Florida. Virtuosity – Liebe um jeden Preis ist das erste Buch der Autorin.

Jessica Martinez

Virtuosity

Liebe um jeden Preis

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Sabine Bhose

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Balkongeländer fühlte sich kühl an, als ich meine Wange dagegen presste. Der Verkehr, der zehn Etagen unter mir über den Lake Shore Drive schnurrte, schien meilenweit entfernt. Alles um mich herum war vollkommen still: der schwarze sternenlose Himmel über dem Lake Michigan, mein nackter Arm, den ich zwischen den Metallstäben hindurchgesteckt hatte, und das gedeckte Orange der Geigenschnecke, die aus meiner Faust emporragte.

Es wäre so leicht, meine Hand zu öffnen. Ich könnte einfach einen Finger nach dem anderen lockern. Wenn sich der letzte löste, würde die Geige den Nachthimmel wie eine Klinge zerteilen und in die Tiefe stürzen. Dann wäre alles vorüber.

Ich atmete aus und fühlte, wie mein Körper auf den Betonboden sank. Diana würde stinksauer sein wegen der Abendrobe. Ihre persönliche Damenschneiderin hatte das hauchdünne Chiffon gedreht, gefaltet und plissiert, bis es wie ein Wasserfall aussah, fließende Kaskaden in drei Blautönen. Jetzt lag es zerknittert unter mir und nahm wahrscheinlich gerade Dreck, Fett, Zigarettenasche und alles andere auf, was sich so auf Hotelbalkonen ansammelte.

Ich zitterte. Der Wind fuhr um mich herum, hob meine Haare, schleuderte sie gegen meine Wange und meinen freien Rücken. Die Haarspangen und -klammern waren schon lange nicht mehr da – die hatte ich als Erstes aus meiner Frisur gezogen, nachdem ich das Hotelzimmer betreten hatte. Dann hatte ich die hochhackigen Schuhe abgestreift, die Strumpfhose heruntergerollt und die Ohrringe abgenommen. Aber nichts half. Die Scham, die an meiner Haut klebte, war durch nichts zu entfernen.

Also war ich mit meiner Geige auf den Balkon gegangen.

Immer noch fühlte ich, wie sich dieser Albtraum in mir festbiss, die Anspannung in der Brust, im Kopf, in den Waden, in den Fingern.

1,2 Millionen.

So viel war die Geige wert. Aber die Summe war nur schwer nachvollziehbar. Schwer fühlbar. Ich ließ die Geige baumeln, nur ein wenig, und schloss die Augen. Mord. Als sich dieses Wort in meine Gedanken schlich, verwarf ich es sofort. Das war lächerlich. Schließlich war die Geige kein Baby oder ein Tier. Sie lebte nicht.

Das wirklich zu glauben wäre leichter gewesen, wenn ich nicht gespürt hätte, wie sie atmete und sang, während ich auf ihr spielte.

Ich öffnete die Augen. Meine Finger, hager und weiß, zitterten. Die Wirkung der Tabletten ließ nach. Die Musik war verklungen.

Ich ließ los.

Kapitel 1

»Carmen, jetzt starr nicht so! Du kannst ihn ja doch nicht mit den Augen herbeizaubern«, ermahnte mich Heidi.

Sie hatte natürlich recht. Aber ich wollte nicht riskieren, ihn zu verpassen. Der Hinterausgang des Chicago Symphony Centers öffnete sich nicht, wie schon in der letzten halben Stunde. Bald musste er einfach herauskommen!

»Lass uns tauschen«, schlug sie vor.

Ich blickte kurz auf meinen Nachtisch, eine Mini-Schokoladentorte, aus deren Mitte geschmolzene Schokolade floss, mit einem Klecks Sahne obendrauf. Dann sah ich auf Heidis Dessert, ein Zitronenküchlein, das von einer unnatürlich gelben Wolke aus gesponnenem Zucker umgeben war. Sie hatte gerade mal einen Bissen probiert.

»Stimmt irgendwas nicht mit deinem Nachtisch?«, fragte ich und hielt dabei den Blick fest auf den Ausgang gerichtet.

»Nein. Ich finde ihn nur zu sauer. Aber sieh dir den Kuchen mal an. Sieht er nicht hübsch aus?« Sie stieß mit der Gabel dagegen.

»Hm …« Das war mir eigentlich egal. Wo blieb er?

Heidi wusste, dass sie mich fast überredet hatte, und lächelte. Dann strich sie sich ihre seidigen blonden Haare hinter die Ohren. Wieder schielte sie auf meinen Teller. »Und du magst doch gern Zitrone, oder nicht?«

»Schon.« Ich schob meinen Teller zu ihr hinüber. Zumindest hasste ich Zitrone nicht.

»Du bist einfach klasse«, sagte sie, während ihre Gabel bereits in meine Torte sank.

»Weiß ich.«

Ich probierte ihren Nachtisch. Die Zitronencreme war wirklich sauer, insbesondere nach der Schokoladentorte, aber der Zuckerguss war schrecklich süß. Elegant und voll im Trend, wie alles, was auf der Karte vom Rhapsody stand, aber nichts, das ich wirklich essen wollte.

Ich nahm noch einen Bissen, schob das Küchlein dann aus dem Weg und stützte das Kinn auf die Hände. Ich hatte diesen Ecktisch auf der Terrasse ausgesucht, weil man von hier einen ungestörten Blick auf die Hintertür des Symphony Centers hatte. Wir saßen so dicht dran, dass wir die abgeblätterte Farbe an der Tür sehen konnten. Trotzdem waren wir ausreichend hinter den dicken grünen Büschen, die aus Blumenkästen quollen, und den goldfarbenen Sonnenschirmen versteckt. Perfekt, um unsichtbar zu bleiben.

»Sag mir noch mal, wonach ich Ausschau halten soll.« Heidi leckte sich einen Schokoklecks vom Daumen.

»Blonde Haare, Geigenkasten.«

»Ja richtig. Und jetzt sag mir noch mal, warum du hinter diesem mysteriösen Albino-Geiger her bist.«

»Er ist kein Albino und ich bin nicht hinter ihm her. Hinter ihm her zu sein würde bedeuten, dass ich eine Art romantisches Interesse an ihm hätte.«

»Komm schon, jetzt bleib mal locker«, ärgerte sie mich. »Eine kleine Schwärmerei ist nun wirklich kein Grund zur Aufregung.«

Ich hätte sie gern ignoriert, aber sie lag einfach zu falsch.

»Noch mal: Jeremy King ist nicht mein Schwarm. Ich kenne ihn überhaupt nicht. Er ist ein Konkurrent.«

»Aber jetzt sage ich dir mal, was ich daran nicht verstehe: Wieso musst du ihn denn dann sehen? Schließlich bist du Geigerin und trittst nicht im Armdrücken gegen ihn an. Was soll es dir bringen, wenn du weißt, wie er aussieht?«

»Gar nichts. Ich bin einfach nur neugierig.« Ich nahm meine Haare zusammen und versuchte, meine schwer zu bändigende Lockenpracht zu einem Pferdeschwanz zu binden.

»Alle Welt spricht über diesen Typen.«

»Alle Welt?«

Ich musste sie nicht einmal ansehen, um zu wissen, dass sie grinste. Mein ›alle Welt‹ war nicht ihr ›alle Welt‹. Gelegentlich vergaß ich, dass sich der Rest des Universums nicht ausschließlich um klassische Musik drehte.

»Ich habe das Gefühl, dass dir dieser Wettbewerb langsam an die Nieren geht«, verkündete sie. »Es ist merkwürdig zu sehen, dass du dir Sorgen machst. Du machst dir sonst nie Sorgen.«

»Ich mache mir gar keine Sorgen«, widersprach ich. »Ich möchte ihn bloß sehen. Und außerdem habe ich mich seit vier Jahren auf den Guarneri-Wettbewerb vorbereitet. Irgendwas würde nicht mit mir stimmen, wenn ich nicht zumindest ein bisschen aufgeregt wäre.«

Heidi riss die Augen auf. »Willst du eine Jeremy-King-Voodoo-Puppe anfertigen? Sind wir deshalb hier?«

Noch ehe ich ihr einen bösen Blick zuwerfen konnte, bedachte sie mich mit ihrem patentierten niedlichen Lächeln. Niedlich zu sein ist Heidis größte Waffe. Sie benutzt sie, um Leute für sich einzunehmen. Sie weiß eben, dass sie einfach zu hinreißend ist und man ihr deshalb nicht böse sein kann. Also nimmt sie nie ein Blatt vor den Mund. Ich liebe sie wie eine Schwester, aber sie macht mich ganz verrückt. Manchmal frage ich mich, ob ich auch tun und lassen könnte, was ich wollte, wenn ich babyblaue Augen und butterblumengelbe Haare hätte (ja, Heidi ist im Grunde Barbie, ohne deren sexy Schmollmund). Es wäre toll, brutal ehrlich sein zu können und sich ab und an wie ein verwöhntes Gör zu benehmen. Aber meine dunklen Locken und braunen Augen bewirken einfach nicht denselben Zauber. Und die etwas zu große Nase hilft auch nicht gerade.

»Keine Voodoo-Puppen«, widersprach ich. »Aber überleg mal, wie viel interessanter das hier ist als Physik oder Französisch, womit wir uns eigentlich gerade beschäftigten sollten.«

»Das stimmt.«

»Obwohl, genau genommen bezahlt dich meine Mutter genau dafür.«

Heidi setzte sich sofort aufrecht hin und blickte sich nervös auf der Terrasse um, als könnte Diana tatsächlich hinter einem der Sonnenschirme lauern.

»Suchst du jemanden?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Nö. Ist nur ein Reflex.«

»Physik und Französisch können wir morgen machen. Ich bin sowieso fast fertig.«

Dagegen konnte Heidi nichts einwenden. Die beiden Fächer waren meine letzten High-School-Kurse. Ich hatte Physik bis zuletzt aufgeschoben, weil ich es hasste, obwohl meine Noten gut waren. Nicht, dass es wichtig war. Und Französisch hatte ich nur im Nachhinein dazugenommen. Es war nicht vorgeschrieben für den High-School-Abschluss, aber während meiner Tournee durch Europa letztes Frühjahr hatte ich mich in den Klang der Sprache verliebt. Ich fand es wunderbar, wie die Worte im Mund umherrollten und dann herauspurzelten.

»Du hast recht«, erwiderte Heidi. »Deinem Herzallerliebsten hinterherzuspionieren macht sowieso viel mehr Spaß.«

»Ich hasse dich.«

»Nein, das tust du nicht.« Sie lächelte und schob sich das letzte Stückchen meiner Torte in den Mund. »Ich habe übrigens ein Vorstellungsgespräch«, nuschelte sie.

»Wofür?«

»Einen echten Job. Nichts für ungut.«

»Geschenkt.« Ich hielt inne. »Klasse«, fügte ich dann hinzu und bemühte mich, aufrichtig zu klingen.

Heidi würde zwangsläufig irgendwann einen echten Job annehmen. Sie unterrichtete mich jetzt seit sechs Jahren, aber meine Schulausbildung war fast beendet und ich würde im Herbst an der Juilliard-Schule, dem berühmten Musik-Konservatorium in New York, anfangen. Natürlich hatte sie Vorstellungsgespräche. Aber wofür? Sie hatte Kunstgeschichte studiert und ich war ihre einzige Arbeitserfahrung.

»Was für einen Job?«, hakte ich nach.

Sie zuckte die Achseln. »Personalabteilung bei OfficeMax

Ich nickte.

Sie nickte.

Keine von uns beiden sprach es aus, aber wir dachten es beide: Sie hätte lieber Zahnmedizin studieren sollen.

Eine Kellnerin kam mit einem neuen Getränk für Heidi und füllte mein Wasser nach.

»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?«, erkundigte sie sich.

Heidi schüttelte den Kopf und die Kellnerin ging wieder. Mein Blick war kein einziges Mal vom Hinterausgang gewichen. Es bewegte sich nichts.

»Und woher weißt du, dass er blonde Haare hat, wenn du ihn noch nie gesehen hast?«, wollte Heidi jetzt wissen.

»Von seinem Foto«, entgegnete ich. »Neben seinem Lebenslauf im Programm der Carnegie Hall.« Ich zog das Heft aus der Häkeltasche, die auf meinen Knien ruhte. Die Tasche aus Hanf war ein Souvenir, das ich auf dem Camden Market in London gekauft hatte, während ich in Großbritannien getourt war. Sie war mit CDs vollgestopft – verschiedene Aufnahmen von Bach-Sonaten und -Partiten für Violine. Nach meiner Stunde hatte mich Juri mit ihnen nach Hause geschickt. Ich sollte sie mir anhören und analysieren.

Ich reichte Heidi das Programm der Carnegie Hall, das genau auf der Seite mit dem Foto aufschlug. »Diana hat es aus New York mitgebracht.«

»Sie hat ihn spielen gehört?«

»Nein. Das Programm ist ein Jahr alt. Sie hat es mir nur besorgt.«

»Und klappte es da auch schon genau auf dieser Seite auf oder geht das auf dein Konto?«

Ich biss nicht an. Entweder wollte sie damit sagen, dass Diana eine überehrgeizige Mutter oder dass ich von Jeremy King besessen war. Beides war nicht vollkommen richtig.

Aber auch nicht falsch.

Heidi begutachtete das Foto. »Süßer Junge. Grübchen, Locken. Er sieht aus wie die männliche Ausgabe von Shirley Temple. Wie alt?«

»Siebzehn.«

»Nie im Leben.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Das steht zumindest in seinem Lebenslauf.«

»Eher zwölf.«

Ich sah auf die Uhr. 1:37. »Seine Probe hätte um Viertel nach eins zu Ende sein sollen. Vielleicht haben wir ihn verpasst.«

»Woher weißt du denn, wann er probt?«

»Ich habe letzte Woche den Probenplan vom CSO gesehen. Ich hatte gestern die Mittagssession und er ist heute dran.«

Aber die Tür hatte sich immer noch nicht geöffnet. Zumindest nicht, seit wir uns vor dreißig Minuten hingesetzt hatten. Und das bedeutete, dass Jeremy immer noch im Gebäude sein musste.

Heidi nahm das Programm noch mal hoch und studierte das Foto eingehend. »Der kann nicht in deinem Alter sein.«

Ich zuckte die Achseln und sah wieder zum Hinterausgang. Vielleicht war er abgeschlossen, überlegte ich. Vielleicht hatte Jeremy einen der Vorderausgänge benutzt. Aber die von den Umkleideräumen aus zu finden war nicht leicht, wenn man sich nicht mit den Korridoren, Seiteneingängen und Tunneln auskannte. Nein, er würde ganz bestimmt durch diese Tür kommen.

Plötzlich wurde sie aufgestoßen.

Ich schnappte aufgeregt nach Luft, bis ich feststellte, dass er es nicht war. Ein großer, schlaksiger Typ in Jeans und T-Shirt mit Baseballkappe kam zum Vorschein. Vielleicht ein Bühnenarbeiter. Aber er hatte einen Geigenkasten über seine Schulter geworfen. Ich blinzelte gegen die Sonne an. Warum nur hatte ich keine Sonnenbrille mitgebracht? Hinten unter der Baseballkappe kringelten sich blonde Haare. Und unter dem Schatten, den der Schirm auf sein Gesicht warf, entdeckte ich Grübchen auf den Wangen.

Jeremy King.

Mein Magen hob sich. Das konnte auf keinen Fall Jeremy King sein. Das war auf keinen Fall der Junge auf den Fotos, die ich online und im Programm gesehen hatte. Es sei denn, die Fotos waren alt.

Sehr, sehr alt.

Ich zwang mich dazu, langsam einzuatmen. Falls das wirklich Jeremy King war, war er kein Wunderkind. Zumindest nicht mehr.

Der Typ mit der Baseballmütze – von den Yankees, wie ich jetzt sehen konnte – sah sich etwas orientierungslos nach rechts und links um. Dann machte er ganz unvermittelt eine Kehrtwende und marschierte in die Richtung, die am wenigsten wahrscheinlich war. Direkt auf mich zu. Ich hatte damit gerechnet, dass er den Parkplatz und die Wabash Avenue zur Hochbahn-Station überqueren würde. Stattdessen ging er jetzt an der Seite des CSO-Gebäudes entlang, überquerte die verfallenen Parkplätze und kam auf das Rhapsody zu. Dabei pfiff er vor sich hin und die Finger seiner rechten Hand fuhren über den roten Backstein einer Hauswand. Große, langsame Schritte brachten ihn immer näher zu mir. Ich saß wie versteinert da, von seinen geschmeidigen Bewegungen wie hypnotisiert.

Warum sah ich nicht einfach weg? Ich könnte so tun, als wäre mir etwas vom Tisch gefallen oder zumindest mit gesenktem Kopf in meiner Tasche wühlen. Aber nein, ich starrte ihn die ganze Zeit an.

Und dann sah er mich. Wie zwei Magnete hefteten sich seine Augen auf mich. Sein Gesichtsausdruck war gleichgültig, als fiele sein Blick rein zufällig auf einen Fremden, dem er in einem Aufzug oder auf dem Bürgersteig begegnete.

Solange sein Gesicht ausdruckslos war, hätte ich immer noch wegsehen können, ehe es geschah. Aber ich war zu benommen. Das also war Jeremy King.

Und dann änderte sich seine Miene. Die Augen verengten sich und der Mund dehnte sich zu einem überheblichen Grinsen.

Reflexartig riss ich meinen Kopf nach unten und meine Hand schnellte nach oben, um mein Gesicht zu verstecken.

»Was machst du denn da?«, zischte Heidi.

Ich hatte ganz vergessen, dass sie auch noch am Tisch saß. »Gar nichts. Weiß ich nicht.« Gute Frage! »Ich will nicht, dass er mich sieht.«

»Zu spät, Einstein«, höhnte sie.

»Sieht er mich immer noch an?«

»Ja. Und nur, weil du ihn nicht sehen kannst, heißt das noch lange nicht, dass er dich nicht sieht. Nimm die Hand runter.«

»Aber dann weiß er, dass ich ihm nachspioniere.«

»Glaub mir, das weiß er auch so.«

Sie reckte sich über den Tisch, nahm mein Handgelenk und drückte meine Hand in den Schoß. Ich zwang mich aufzusehen.

Er starrte mich immer noch an, nicht mehr als ein paar Meter entfernt, aber sein Grinsen hatte sich in eine spöttische Grimasse verwandelt. Und als er so dicht an mir vorbeikam, dass ich ihn hätte festhalten können, hob er den Arm und grüßte mich mit einem zackigen Salut.

Ich tat nichts.

Er ging vorbei und war dann fort.

Heidi und ich saßen stumm da. Mein Magen hob sich und ich hatte Angst, die paar Bissen des Zitronenküchleins könnten wieder hochkommen. Wieso hatte ich meine Medikamente nicht mitgenommen? Ich hätte wissen müssen, dass ich sie brauchen würde.

Heidi fasste sich zuerst. »Wow.«

Ich hörte, wie ich aufstöhnte.

»Das war schlimm«, fügte sie hinzu.

»Wie konnte das bloß passieren? Wie hat er mich überhaupt sehen können? Wie kommt es, dass er mich erkannt hat?«

Heidi schüttelte den Kopf. »Wirklich, Carmen? Ich meine, es war zwar Pech, dass er ausgerechnet hier vorbeigekommen ist, aber dass er dich erkannt hat, ist nun wirklich kein Wunder.«

»Aber er hat mich doch noch nie gesehen!«

»Vielleicht nicht offiziell.«

»Nein, überhaupt nicht«, beharrte ich.

»Ich könnte in jeden Musikladen im Land gehen – wahrscheinlich sogar auf der ganzen Welt – und einen Stapel CDs mit deinem Gesicht auf dem Cover zusammensuchen. Muss ich dich erst daran erinnern, dass du letztes Jahr einen Grammy gewonnen hast? Natürlich weiß er, wie du aussiehst.«

Ich konnte sie kaum hören. Mein Herzschlag dröhnte wie Donner in den Ohren.

»Überleg doch mal«, fuhr sie fort. »Du hast Angst vor ihm. Wahrscheinlich hat er genauso viel Angst vor dir.«

Ich ließ den Kopf auf den Tisch sinken und schloss die Augen. Ich brauchte eine Inderal. Warum hatte ich die Tabletten nicht in meine Tasche gesteckt? »Ich habe keine Angst.«

Auf der anderen Straßenseite schoss die Hochbahn an uns vorbei, sodass der Tisch unter meiner Wange vibrierte. Selbst mit geschlossenen Augen fühlte ich, dass Heidi mich anstarrte, dass ihre Härte zu Besorgnis dahinschmolz.

»Es ist doch bloß ein Wettbewerb, Carmen«, sagte sie sanft.

Aber es war nicht bloß ein Wettbewerb. Heidi konnte es nicht verstehen und ich erwartete es auch nicht von ihr. Ich erwartete von niemandem, dass er es verstand. Ich hatte nicht bloß Angst vor Jeremy King. Ich dachte ständig an ihn, googelte seinen Namen, las alle Kritiken, hörte seine CDs an und studierte das blöde veraltete Foto im Carnegie-Hall-Programm. Ich übte nicht und dachte nicht über Musik nach – ich dachte an Jeremy King. Ich war von ihm besessen und hatte allen Grund dazu.

Jeremy King war in der Lage, mein Leben zu ruinieren.

Kapitel 2

Ich wurde nach einer feurigen spanischen Zigeunerin benannt. Die echte Carmen, falls Opernfiguren überhaupt echt sein können, war in Messerstechereien verwickelt, verführte jeden Matador und löste Eifersuchtsanfälle aus. Die echte Carmen hätte ganz bestimmt nicht versucht, sich hinter Büschen zu verstecken und dann, was noch viel schlimmer war, hinter ihrer eigenen Hand, wenn sie sich ihrem Erzfeind gegenüber gesehen hätte.

Als ich an diesem Abend mit meiner Mutter auf der Veranda in der Hollywood-Schaukel saß und das Arien-Spiel spielte, bemühte ich mich, keine Gedanken an die Szene im Café oder überhaupt an Jeremy King aufkommen zu lassen. Die Regeln des Spiels waren denkbar einfach – meine Mutter summte eine Arie und ich musste die Oper nennen, aus der sie stammte. Aber es war schier unmöglich zu gewinnen, da sie jede Oper, die je komponiert worden war, in- und auswendig kannte und ich, nun ja, ich eben nicht.

»Don Giovanni?«, riet ich und versuchte mein Bestes, um die Scham zu unterdrücken, die in meinem Magen klumpte, seit Jeremy mich angegrinst hatte.

»Richtiger Komponist, falsche Oper«, berichtigte mich meine Mutter und summte dann weiter. Dianas Stimme war gleichzeitig strahlend und rau, wie zerknitterte Alufolie. Es war die Stimme einer Sopranistin mit Narben.

»Sag’s mir einfach. Mozarts Opern hören sich alle gleich an.«

»Ich kann nicht fassen, dass du das gerade gesagt hast!« Sie tat bestürzt, dabei wusste sie selbst, dass es stimmte. Dann summte sie weiter.

»Ehrlich, sag’s mir einfach«, wiederholte ich ungeduldig. Anscheinend schlugen mir Erniedrigungen auf das Gemüt.

Ihre Augen verengten sich und das brachte ihre Lachfalten zum Vorschein – einziger Makel in einem sonst makellosen Gesicht. »Le Nozze di Figaro«, klärte sie mich auf. »Du siehst gestresst aus. Hier, leg deinen Kopf auf meinen Schoß und lass mich mit deinen Haaren spielen.«

Ich gehorchte. Sie summte eine neue Melodie.

»Madama Butterfly«, sagte ich. »Ich hab wirklich keine Lust mehr zu spielen.«

Ihr Summen verstummte. Wir lauschten dem Quietschen der Verandaschaukel, während meine Mutter meine Locken mit den Fingern kämmte. Warum war ich nur so gemein zu ihr? Sie liebte dieses Spiel.

»Was ist denn los?«, fragte sie mich nach einer Minute. »Hast du dich mit Heidi gestritten?«

»Nein.« Ich schloss die Augen und sah Jeremys Gesicht.

»Also ist es wegen dem Guarneri«, stellte sie fest.

Ich antwortete nicht. Bloß der Guarneri-Wettbewerb. Das Halbfinale war in zwei Wochen und die Endausscheidung ein paar Tage danach. Es war der angesehenste Wettbewerb für klassische Musik und alles andere als der erste Platz wäre eine Katastrophe. Man erwartete von mir, dass ich gewann.

Bloß der Guarneri-Wettbewerb.

Diana wusste es besser.

»Lass uns versuchen dich davon abzulenken«, schlug sie vor. »Wie wäre es mit Kino?«

»Keine Lust.« Ich hielt inne und dachte über ihre Stimmung nach. Sie wirkte ziemlich entspannt und es bestand zumindest die Chance, dass sie mir etwas mehr über meinen leiblichen Vater erzählen würde. Also fuhr ich fort. »Erzähl mir, wie es war, an der Met zu singen.«

Sie seufzte, aber es klang mehr nach Kapitulation als Frustration. Eigentlich sprach sie gern von ihrer Karriere. »Ich habe dir doch schon alles erzählt, Carmen.«

Das glaubte ich ihr nicht. Nicht mal für eine Sekunde. »Dann erzähl es mir eben noch mal.«

»Lass mal sehen. Ich war gerade von Mailand nach New York gezogen und kannte keine Menschenseele. Mein Englisch war ziemlich gut, aber meine Aussprache …« Sie lachte auf, als sie sich daran erinnerte. »Mein Akzent war so stark, dass ich alles mindestens dreimal wiederholen musste. Ich dachte, alle Amerikaner wären schwerhörig.«

Diesen Teil der Geschichte konnte ich mir nie so richtig vorstellen – meine Mutter die Immigrantin. Jetzt hörte man ihren Akzent kaum noch und der Rest wurde von ihrer rauen Stimme überdeckt. »Und dann?«

»Also: Ich war gerade zwei Monate lang in den Vereinigten Staaten, als ich an einem Vorsingen an der Met teilnahm und das Engagement bekam.« Sie hielt inne und nahm eine neue Haarsträhne, um sie mit den Fingern durchzukämmen. Es fühlte sich gut an. »Es war immer mein Traum gewesen, aber als es tatsächlich passierte, war es schwer, daran zu glauben – in meinem Kopf schwirrte alles durcheinander. An einem Tag war ich noch eine arme Studentin aus Mailand und am nächsten schon Solistin an der New York Metropolitan Opera … Es war überwältigend. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es wäre mir nicht ein wenig zu Kopf gestiegen. Ich glaubte, die Welt gehörte mir.« Sie kicherte. »Die Welt gehörte mir.«

»Und was hast du gesungen?« Ich wusste die Antwort bereits, aber was machte das schon?

»In meiner ersten Saison sangen wir Aida, dann La Traviata und Tosca. In der zweiten Saison sangen wir …« Ihre Stimme verlor sich. Sie wartete darauf, dass ich ihren Satz zu Ende führte.

»Carmen

»Ganz genau. Und neun Monate später kamst du auf die Welt.«

Typisch. »Entweder hast du jetzt etwas ausgelassen oder ich war das Produkt einer unbefleckten Empfängnis.«

Sie seufzte dramatisch. »Du kannst einfach nicht davon lassen, Carmen. Na schön. Jonathon Glenn saß bei der Premiere im Publikum. Seine Eltern hatten ein Abonnement, eine Loge, wenn ich mich richtig erinnere. Wahrscheinlich haben sie sie immer noch. In ihren Kreisen ist das eben üblich – eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie kultiviert man ist.«

»Oder vielleicht mögen sie Opern einfach.«

»Also bitte. Leuten wie den Glenns geht es bloß darum, sich möglichst schick in ihren paillettenbesetzten Roben und Smokings zu präsentieren, damit sie sich am nächsten Tag in den Klatschspalten der Zeitungen wiederfinden. Leute wie sie gibt es haufenweise in jedem Opernhaus. Sie haben nicht einmal den blassesten Schimmer, welche Oper überhaupt aufgeführt wird, halten aber im Foyer Hof, trinken Champagner und lächeln für die Kameras.«

»O.k., wir kommen vom Thema ab.«

»Wo war ich stehen geblieben?«

»Er kam zur Premiere von Carmen

»Richtig. Und dann ist er nach der Aufführung hinter die Bühne gekommen, um mich persönlich kennenzulernen. Eigentlich hatten wir alle gemeinsam die Premiere feiern wollen, aber Jonathon überredete mich, allein etwas trinken zu gehen. Meine Freunde waren sauer, aber mir war es egal. Jonathon sah unglaublich gut aus und einfach so … ich weiß auch nicht … so selbstbewusst. Als wüsste er, dass ich ihm auf keinen Fall einen Korb geben könnte.«

Sie verstummte und blinzelte auf die Straße oder vielleicht blinzelte sie eher in die Vergangenheit. Jedenfalls erschienen jetzt wieder die Lachfalten. In der Stille hörte ich förmlich den wohlbekannten inneren Kampf, der in ihr vorging: Was sollte sie erzählen und was für sich behalten? Jedes Mal, wenn ich sie an diesen Punkt brachte, erzählte sie ein wenig mehr, und doch sah ich in ihren Augen, dass sie mir immer noch etwas vorenthielt.

»Während der nächsten vier Monate waren wir unzertrennlich. Er kam sogar zu den Proben. Erst machte ich mir noch Sorgen, dass er vielleicht seinen Job verlieren könnte, wenn er die ganze Zeit mit mir verbrachte. Aber dann fand ich heraus, dass man nicht rausgeschmissen wird, wenn man der Erbe eines Medienimperiums ist.« Sie hielt inne und atmete tief durch. Als sie fortfuhr, klang ihre Stimme sanfter. »Damals war er noch anders als seine Eltern. Er liebte die Musik wirklich und ich dachte, er liebte auch mich wirklich …«

»Warum also nur vier Monate?«

Die Schaukel quietschte. Diana überkreuzte die Beine, sodass ich beinahe mit dem Kopf zuerst auf den Boden gefallen wäre. Sie war nie besonders glücklich über diese Frage. »Wir passten einfach nicht zusammen.«

»Das ist so vage.«

»Kann schon sein. Aber so war es.«

Ich setzte mich aufrecht hin und studierte ihr Gesicht. Ständig hieß es, wir sähen uns so ähnlich, aber das stimmte nicht. Vielleicht hatten wir dieselben mandelförmigen Augen und die gleichen Locken, aber ihre Nase war sehr zart und ihre Lippen voller. Sie war schön.

»Es hat nicht an dir gelegen, Carmen. Ich schwöre es.«

»Wusste er, dass du schwanger warst?«

»Irgendwie kam alles zusammen. Ich wurde schwanger, Jonathon und ich machten Schluss, meine Diagnose …«

Und schon war das Spiel aus. An dieser Stelle, als sie ihre Stimme verloren hatte, endete die Geschichte jedes Mal. Aber ich wusste auch so über den jämmerlichen Verlauf Bescheid. Polypen auf den Stimmbändern machten mehrfache Operationen nötig, die zu Vernarbungen führten und Vertragsbrüche nach sich zogen, eine zerbrochene Karriere und zerbrochene Träume. Und irgendwo mittendrin hatte man ihr außerdem noch das Herz gebrochen. An diesem Punkt wurde das Märchen zur Tragödie und ich wusste aus Erfahrung, dass sie weinen würde, wenn ich sie zu weit trieb.

»Als Musikerin solltest du in der Lage sein, es zu verstehen«, sagte sie. »Jonathon verliebte sich in Diana, die Sopranistin, aber plötzlich war ich nicht mehr Diana, die Sopranistin. Ich war nur noch Diana.«

»Also liebte er dich nur wegen deiner Stimme?«

»Nein«, widersprach sie. »Er war kein schlechter Mensch. Er war einfach nur jung und so etwas wie ein Frauenheld. Wahrscheinlich ist er das immer noch. Aber das war nicht das Problem. Ich hatte mich verändert. Stell dir mal vor, du müsstest mit dem Geigespielen aufhören. Dann wärst du nicht mehr du, stimmt’s? Mein Leben veränderte sich schlagartig, ich trauerte darum und war außerdem damit beschäftigt, mich von der vermasselten Operation zu erholen. Obendrein fand ich dann noch heraus, dass ich schwanger war. Ich war vollkommen durcheinander.«

Ich hörte nicht mehr zu. Wie wäre mein Leben ohne meine Geige? Vor meinem geistigen Auge sah ich … nichts.

»Vergiss es am besten, Carmen. Ich weiß, du möchtest mehr über ihn erfahren, aber es hat keinen Sinn. Er wird immer zu sehr mit sich selbst beschäftigt sein, als dass er irgendeine Art Vaterrolle annehmen könnte und außerdem hast du einen Vater. Du weißt doch, wie sehr Clark dich liebt.« Sie verstummte und fuhr dann mit einer winzigen Spur der Verbitterung in ihrer Stimme fort: »Außerdem, auch wenn Jonathon nicht selbst an deinem Leben teilhat, das Geld seiner Familie tut es auf jeden Fall.«

Mir kam es wie eine Beleidigung vor, obwohl ich wusste, dass ich nicht diejenige war, der sie diesen Satz eigentlich an den Kopf werfen wollte. Ich dachte daran, was die Glenns für mich getan hatten und hatte vage ein schlechtes Gewissen, als hätte ich sie darum angebettelt, mich zu unterstützen. Aber das hatte ich nicht.

In diesem Augenblick fuhr unser Geländewagen in die Auffahrt. »Die Damen«, begrüßte uns Clark, als er grinsend die Treppe hochkam. In der einen Hand hielt er seine Aktentasche, in der anderen einen Strauß Blumen.

Diana erhob sich und gab ihm einen Kuss.

»Hey, Superman«, sagte ich. »Was macht die Strumpfhose?« Es war unser Privatwitz. Ich ließ nicht zu, dass er in Vergessenheit geriet und Clark hatte immer eine neue Antwort parat. Wie er mir einmal erklärt hatte, muss man sich eine gesunde Datenbank an Antworten auf Superman-Sticheleien zulegen, wenn man Clark heißt und eine Hornbrille trägt.

»Sie juckt. Sie juckt ganz fürchterlich.«

»Wie wär’s mit waschen?«

»Kommt nicht infrage. Das bringt Unglück.«

Diana hielt den Blumenstrauß in der einen Hand und zog Clark mit der anderen am Arm ins Haus.

»Komm mit uns rein«, schlug Clark vor.

»Ich möchte noch ein wenig hier draußen sitzen. Ich komme rein, wenn mir kalt wird.«

Das würde nicht lange dauern. Ich fühlte, wie sich die Wärme des Nachmittags verflüchtigte. Die Haustür wurde geschlossen und die Geräusche draußen schienen plötzlich lauter: das Vogelgezwitscher in den neu erblühten Eichen, die entlang unserer Straße Spalier standen; eine Fahrradklingel, schrill und laut; das Gelächter zweier kleiner Jungen, die auf dem Bürgersteig Fangen spielten.

Meine Gedanken wurden klarer, während ich allein hier draußen saß. Das war immer so. Aus irgendeinem Grund funktionierte mein Verstand nicht richtig, wenn Diana bei mir war, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, auf das zu reagieren, was sie sagte. Meistens fühlte ich mich in die Enge gedrängt und suchte grundlos eine Zielscheibe.

Zum Beispiel ergab es überhaupt keinen Sinn, Diana ausgerechnet jetzt mit Fragen über Jonathon zu nerven. Ich hatte ganz andere Sorgen, schließlich stand der Guarneri-Wettbewerb kurz bevor. Und sie hatte natürlich recht, dass ich ihn nicht brauchte. Clark war mein Dad. Diana und er hatten geheiratet, als ich sechs war. Ich konnte mich kaum an die Zeit davor erinnern.

Es war nicht auszudenken, auf welcher verrückten Umlaufbahn Diana und ich unsere Runden drehen würden, wenn er nicht zu uns gestoßen wäre. Clark war unser Gegengewicht. Er war kein Musiker, nicht überemotional, nicht ehrgeizig – im Prinzip das Yin zu unserem Yang. Clark war leidenschaftlicher Gourmet-Koch, wenn auch nur als Hobby. Er sah sich Indie-Filme mit mir an und langweilige Dramen mit Diana, obwohl er sich viel lieber eine seiner idiotischen Science-fiction-Serien reingezogen hätte.

Im Gegensatz dazu kannte ich Jonathon Glenn kaum. Als ich noch klein war, hatte er mich manchmal besucht. Aber das war selten und gekünstelt gewesen. Wohl kaum unvergesslich.

Ich kann mich dunkel an ein paar lahme Ausflüge erinnern, zum Beispiel an einen Spaziergang im Central Park, gefolgt von einem Besuch in irgendeinem Buchladen. Jetzt gab es so gut wie gar keinen Kontakt mehr. Er teilte seine Zeit zwischen London und Peking ein, oder wo er sonst gerade Geschäfte machte, und rief mich an meinen Geburtstagen an. Manchmal. Ich hatte ihn zuletzt vor vier Jahren gesehen und seit vorletztem Weihnachten nichts mehr von ihm gehört.

Zitternd zog ich meinen Pullover fester um mich. Ich konnte es kaum abwarten, bis endlich Sommer war. Nur noch ein paar Wochen und es würde auch abends warm bleiben und der Guarneri-Wettbewerb wäre vorbei. Fast Sommer. Fast vorbei. Ich stand auf und ging zurück ins Haus.

Kapitel 3

An diesem Abend lag ich wach im Bett und ließ mir immer wieder jede einzelne qualvolle Sekunde des Fiaskos im Rhapsody durch den Kopf gehen, bis ich Magenschmerzen bekam. Blöde Heidi, blödes Zitronenküchlein, blöder Jeremy King. Aber am blödesten war ich selbst gewesen. Es war zu heiß in meinem Zimmer, mein Nachthemd hatte sich vollkommen verdreht und die Bettdecke kratzte, sobald ich mich bewegte. Oder mich nicht bewegte. Vielleicht war es so in der Hölle: von Schlaflosigkeit befeuertes Elend.

Der Wecker auf meinem Nachttisch zeigte 2:21, als ich schließlich aufgab, mich aus der Bettdecke schälte und an meinen Schreibtisch setzte. Ich warf meinen Computer an, der mit einem leisen Surren antwortete, und sah in meinem Postfach nach. Ganz oben befand sich eine ungelesene E-Mail. In der Betreffzeile stand fettgedruckt: Nett dich auch kennengelernt zu haben. Die Adresse des Absenders sagte mir nichts, jk45@jehudimenuhinschool.co.uk, aber sie sah nach Spam aus dem Ausland aus. Ich konnte darauf verzichten, dass meine Festplatte ein weiteres Mal gereinigt wurde und Clark mir einen Vortrag über das Öffnen unbekannter E-Mails hielt. Also markierte ich die E-Mail und ließ den Cursor schon über der Löschtaste schweben. Eine Sekunde und dann noch eine weitere Sekunde. Doch irgendetwas in meinem Gehirn drehte sich, wie ein Puzzleteil, das an die richtige Stelle geschoben wird. Wenn ich die Buchstaben auseinanderzog, ergab die Adresse einen Sinn. Yehudi Menuhin School. Das war die exklusivste Geigenakademie in England, vielleicht sogar in ganz Europa. Die Schule, die Jeremy besuchte. Mist.

Ich öffnete die E-Mail.

Carmen,

normalerweise wäre es mir etwas peinlich, jemandem eine E-Mail zu schicken, den ich nicht kenne und dessen E-Mail-Adresse ich nicht persönlich bekommen habe, aber schließlich warst du diejenige, die heute auf mich gewartet hat. Wenn also einem von uns etwas peinlich sein müsste …

Übrigens ist die Sekretärin des CSO äußerst bereitwillig, jedem deine Kontaktdetails zu geben, der behauptet, ein Fan von dir zu sein.

Ich würde zu gern wissen: Machst du Jagd auf alle Halbfinalisten oder nur auf die, die vielleicht gewinnen könnten? Ist Stalking vor einem Wettbewerb eine amerikanische Gepflogenheit? Sollte ich es auch tun oder reicht diese E-Mail schon?

Ich habe immer gedacht, Tonleitern und Passagen langsam zu üben ist die beste Vorbereitung auf einen Wettbewerb, aber vielleicht würde ich meine Zeit konstruktiver nutzen, wenn ich mich mit einem Fernglas in die Büsche schlage. Hat es sich bei dir schon bezahlt gemacht?

Jeremy King

PS Viel Glück!

Ich las die E-Mail sechs Mal. Beim ersten Lesen registrierte ich Schock, nichts als Schock. Beim zweiten Scham. Beim dritten Scham. Beim vierten Scham mit einem Schimmer Wut. Beim fünften und sechsten Durchgang wuchs die Wut zur Raserei und ich wusste, dass ich das Endstadium erreicht hatte, als ich am liebsten die Faust durch den Bildschirm gejagt hätte.

Mit zitternden Händen klickte ich auf den Antwortknopf. Ich musste nicht darüber nachdenken, was ich schreiben sollte. Es stellte sich heraus, dass mich meine Wut besonders wortgewandt machte oder zumindest extra produktiv. Offensichtlich hatte Jeremy King länger nicht zu hören bekommen, was für ein unwichtiges Würstchen er war – vielleicht hatte man es ihm noch nie gesagt – und ich war diejenige, die das gerne übernahm. Ich würde ihm und der Menschheit keinen Gefallen tun, wenn ich ihm nicht die Meinung sagte. Er war derjenige, dem das alles peinlich sein sollte, nicht mir. Meine Finger kamen kaum hinter den Beleidigungen her, die mein Verstand ausspuckte. Ich schrieb Worte nieder, die ich niemals laut sagen würde. Das Gefühl war wunderbar.

Ich hatte bereits mehrere Seiten meiner Tirade abgefasst, als ich zum ersten Mal innehielt und ordentlich Luft holte. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Normalerweise krochen schlaflose Nächte nur so dahin, aber meine Wut hatte die letzte Stunde einfach verschlungen. War es tatsächlich schon nach drei Uhr? Ich las mir durch, was ich bis jetzt geschrieben hatte. Es klang … vollkommen verrückt. Wie das Gefasel einer rasenden Irren. Das konnte ich unmöglich so abschicken. Mein Zeigefinger fand die Löschtaste und ich sah zu, wie die Beleidigungen Buchstabe für Buchstabe verschwanden.

Wieso regte er sich so auf? Ich hatte schließlich nichts Hinterhältiges getan – und außerdem war er derjenige, der sich mit seinem Salut wie ein Idiot benommen hatte. Mir war die ganze Sache peinlich, aber das musste es nicht sein. Denn Jeremy war eindeutig kein netter Mensch. Er gehörte zu denen, die eine Schwäche entdecken und dann so lange daran herumkratzen, bis etwas Rohes und Schmerzhaftes zum Vorschein kommt. Ich spürte die Tränen, die sich hinter meinen Augen gesammelt hatten. Es wäre ein Leichtes, sie herauszulassen. Aber ich fühlte mich meistens schwach, wenn ich weinen musste, und ich fühlte mich schon ohne Tränen schwach genug.

Schwäche. Er glaubte, ich sei schwach, weil ich mich heute so verhalten hatte. Vielleicht wäre es besser, überhaupt nicht zu antworten. Ein selbstherrlicher Typ wie er – wahrscheinlich würde ihn das mehr ärgern als alles andere.

Es sei denn, er würde meine Stille als ein weiteres Zeichen der Schwäche interpretieren.

Ich verschränkte die Finger hinter dem Kopf und sank gegen die Rücklehne des Stuhls. Meine Antwort musste einfach sein, tiefgründig, aber vollkommen emotionslos.

Ich begann von Neuem.

Jeremy,

du bist ein Blödmann.

Carmen

PS Dir auch viel Glück.

Viel besser. Ehe ich es mir anders überlegen konnte, drückte ich schnell auf Senden. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Hatte ich das wirklich gerade gemacht? Das sah mir so ganz und gar nicht ähnlich.

Es war nicht daran zu denken, dass ich jetzt ins Bett ging. Nur eine Kombination aus Hypnose und einer Handvoll Beruhigungsmittel würde mir bei meinem Zustand helfen abzuschalten. Stattdessen schlich ich mich auf Zehenspitzen in mein Studio. Es stellte sich heraus, dass die Zehenspitzen ganz unnötig waren, denn vom Treppenabsatz aus hörte ich Clarks Schnarchen – sein übliches, halb ersticktes gutturales Grunzfest –, was bedeutete, dass Diana ihre Ohrstöpsel trug.

Mein Geigenkasten wartete in der Mitte des Zimmers gegen den Notenständer gelehnt auf dem Boden. Nur der Mond spendete etwas Licht. Ich hockte mich hin, öffnete den Koffer und begann mit dem Vorbereitungsritual: Zuerst öffnete ich den Klettverschluss der Schulterstütze und brachte sie an, dann drehte ich an der Schraube des Bogens, um das Pferdehaar zu spannen.

Das Licht war gerade hell genug, um sich auf der Violine zu spiegeln. Das bernsteinfarbene Holz beschrieb anmutige Bögen und Spitzen. Jahrhunderte des Spielens hatten die Maserung dunkel werden lassen. Es war immer noch schwer zu glauben, dass sie wirklich mir gehörte.

Sie hatten sie mir gekauft. Die Glenns. Dazu war mein Vater gut. Geld. Lange Jahre meines Lebens war ich nichts als ein irritierendes Detail für Thomas und Dorothy Glenn gewesen, die gehofft hatten, dass ich irgendwann von der Bildfläche verschwinden würde, wenn sie mich lange genug ignorierten. Ich war das unglückselige Nebenprodukt einer Affäre ihres Playboy-Sohnes mit irgendeiner Opernsängerin, die ausgerechnet katholisch genug war, keine Abtreibung zu wollen, oder vielleicht hinter dem Geld ihres Sohnes her war. Jedenfalls dachten sie so, wenn man Diana Glauben schenken konnte.

Aber dann wurde ich sechzehn und alles passierte ganz schnell, zu schnell, als dass ich es hätte analysieren und verstehen können. Ich gewann einen Grammy für das beste Klassikalbum und eine Woche später prangte mein Gesicht auf dem Cover des Time Magazines mit der Schlagzeile »Virtuoses Amerika«. Gleich anschließend wurde ich für Vanity Fair interviewt und fotografiert. Und an diesem Punkt rief mich Dorothy Glenn an und gratulierte mir.

Diana hatte mir den Hörer in die Hand gedrückt und mit den Achseln gezuckt, als wollte sie sagen: Na dann viel Glück. Ich hatte nicht gewusst, was ich sagen sollte. Seit meinem fünften Lebensjahr hatte ich meine Großmutter weder gesehen noch mit ihr gesprochen und Glückwunschkarten zum Geburtstag – Karten mit Berglandschaften, Blumensträußen oder anderen Motiven, für die sich kleine Mädchen nicht ...

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