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Violent Earth Prequel - Epizentrum Band 1 und 2 (Sonderausgabe)

Philipp Schmidt

Violent Earth Prequel - Epizentrum Band 1 und 2 (Sonderausgabe)

Zwei Romane der Zombie-Serie





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Sammelband Epizentrum (Teil 1 und 2)

Episodenromane zur Violent Earth Saga

von Philipp Schmidt

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses E-Book enthält die Bände

Epizentrum

Epizentrum 2 - Tanz in den Blutmond

Epizentrum

von Philipp Schmidt

Violent Earth Saga von Marten Munsonius (HERAUSGEBER)



© EPIZENTRUM, herausgegeben von Marten Munsonius, Episodenroman zur VIOLENT EARTH Saga, der eBookversion 2013 by Philipp Schmidt (Autor) Marten Munsonius (Herausgeber und Treatment in Teilen für die einzelnen Episoden )

© Das Universum von VIOENT EARTH created by Marten Munsonius

© Cover 2013 by Steve Mayer


© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Inhalt

Prolog

Nacht der Teufel

Morgen Grauen

Epilog




Die Wölfe fürchten heißt: nicht in den Wald gehen.

Ist der Kopf ab, weint man nicht um die Haare.

Was sein soll, das ist nicht zu vermeiden.

alte russische Sprichwörter



Prolog

Erst vor wenigen Augenblicken war es richtig finster geworden. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Regen prasselte auf die breite Windschutzscheibe des Armeejeeps. So dicht, dass man nichts mehr sehen konnte. Die Scheibenwischer flogen hastig von links nach rechts und öffneten jeweils für Sekundenbruchteile ein kleines Fenster. Wenn nur jeder so zuverlässige Arbeit leisten würde, dachte Majorin Kuschtewskaja. Ihr Blick verlor sich irgendwo zwischen der holprigen Straße, die von den schmutzigen Scheinwerfern dürftig beleuchtet wurde und der raumlosen Schwärze der sie umgebenden Nacht. Ein Auftrag höchster Sicherheitsstufe! Das ehrte sie, aber zugleich befürchtete sie, dass es am Ende doch nur darauf hinauslief, Schaulustige, selbstredend vor allem die Presse fernzuhalten und eine Panik zu verhindern. – In Zeiten des Smartphones und des unkontrollierbaren Internets beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Überging man sie wieder einmal? Würden ihren männlichen Genossen prestigeträchtigere Aufgaben zufallen und jene die Lorbeeren einheimsen, während sie die echte Drecksarbeit erledigte? Vielleicht war aber auch eben nur sie ausgewählt worden, weil sie als besonders hart und unnachgiebig galt. Die stählerne Prinzessin, so nannte man sie hinter ihrem Rücken. Und in der Tat war die Zivilbevölkerung Samaras für sie nicht mehr als eine Zahl auf einem Stück Papier, von dem sie einen ganzen Stapel auf dem Schoss liegen hatte. Sie wollte gerade darin blättern, als ihr Fahrer, ein schlaksiger Gefreiter, schärfer als nötig um eine Kurve bog. Die Majorin hielt von dem stets dümmlich dreinblickenden Jüngling mit den großen Ohren als Person ebenso wenig wie von seinen Fahrkünsten. Aber beim Militär konnte man sich ja das Wenigste wirklich selbst aussuchen. Sie rollte mit den Augen, knirschte mit den Zähnen und vertiefte sich in den Einsatzplan, auf dessen erster Seite in großen kyrillischen Lettern Operation: Schotten dicht geschrieben stand. Sie tat es obwohl ihr vollauf bewusst war, dass sich bereits in den nächsten Stunden die Order ändern könnte und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ändern würde. Es begann mit den trockenen Informationen des Einsatzgebietes. Stadtgründung 1586, Fläche 466 km², Einwohnerzahl, Einwohnerdichte, geographische Lage, Klimabedingungen, wichtige Gebäude der Stadt... Vorerst nichts, was man nicht auch Wikipedia hätte entnehmen können. Ein schrilles „Iiiii“ des Fahrers ließ die Majorin hochschrecken. Der Blätterstapel fiel hinunter und alles nur wegen einem... Hund! Zugegebenermaßen ein erstaunlich großes Exemplar, soweit sie es durch die von den Scheibenwischerblättern schmierende Scheibe abschätzen konnte. Gab es hier etwa noch Wölfe? „Draufhalten, die russische Armee bremst nicht wegen eines dahergelaufenen Köters!“, bellte sie ungehalten.

Ein dumpfer Aufschlag, ein Holpern und das Hindernis war ein für allemal beseitigt. Nur mit Mühe an sich haltend, klaubte die Majorin die lose gewordenen Blätter aus dem Fußraum auf. Sie schnaufte leise vor sich hin. Wen sie heute alles aus der Akademie entließen! Zu ihrer Ausbildungszeit hätte man den Grünschnabel so lange Ehrenrunden drehen lassen bis er alt und grau gewesen wäre und ihn dann als ungeeignet in hohem Bogen aus dem Militärdienst hinausbefördert!

Sie sortierte die Blätter nach ihren Seitenzahlen und begann wieder von vorne, doch sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Die Materialabteilung hatte es mit der Stärke wohl etwas zu gut gemeint. Der steife Kragen ihrer Uniform kratzte sie nervtötend am Nacken, und bei diesem Fahrer musste man ja ständig mit der nächsten Katastrophe rechnen. Die ganze Sache fing schon zum Kotzen an, es konnte nur noch besser werden.

Was die Majorin in diesem Moment weder sah noch ahnen konnte, war, dass, als die ganze Kolonne über den angefahrenen Hund gerollt war, dieser nach wenigen Augenblicken seinen deformierten Kopf hob und sich unglaublicherweise wieder auf die Beine rappelte.

Erst zuckte der Körper, als würden mächtige Stromstöße durch seinen Kadaver gejagt, dann zuckten die Ohren und die Schnauze kratzte ein paar Mal über das Blut und die Fellfetzen auf der Straße und vermischte es mit den Regengüssen.

Mit hängenden Lefzen bleckte er seine spitzen Zähne und stieß ein unheilvolles Knurren aus.

Der Regen wusch das letzte Blut von der Straße.

Ein Reifen hatte das Tier seine Rippen gebrochen und Spuren auf dem Körper hinterlassen, die wie eingedrückt aussahen, und zwischen den ausgerissenen Haaren schauten gräulichblaue Knochenreste hervor.

Seine leeren Augenhöhlen starrten hasserfüllt und hungrig in die verregnete Nacht dem Jeep hinterher, die soeben erst begonnen hatte und vielleicht unendlich lange andauern würde...



Nacht der Teufel

Blut. Überall war Blut. Ihre Hände waren voll davon. Sie war aus dem Schlaf hochgeschreckt und knipste die Nachttischlampe an. Sie blinzelte die Schlafreste weg. Panik stieg in ihr auf. Ihr ganzer Körper war von Eiterbeulen übersät. Eine besonders hässliche in ihrer Armbeuge war aufgeplatzt und davon musste sie erwacht sein. Feuchtigkeit, Nässe, überall! Das ganze Laken war durchtränkt von schleimigem Ausfluss und Blut, das im kargen Licht beinahe schwarz wirkte. Als sie an sich hinabsah, schwoll gerade eine zweite Wulst am Oberschenkel an. Man konnte ihr mit bloßem Auge beim Wachsen zusehen. Sie wurde breiter, größer und fester und ein irisierendes Farbenspiel bildete sich im Sekundentakt. Die Haut spannte sich und schließlich gab das Gewebe nach und die Beule barst. Eitersekret klatschte ihr bis hoch ins Gesicht, sprenkelte ihren ganzen Oberkörper. Gott! Was geschah hier bloß?! Sie begann zu wimmern und zu winseln, schlug um sich, stürzte aus dem Bett...

Und mit einem Mal war Olessja Andrejewna Gussew wirklich wach. Sie war tatsächlich aus dem Bett gefallen. Das passierte sonst nur Kindern. Was für ein Alptraum! Sicherheitshalber schaltete sie nun wirklich das kleine Licht auf ihrem Nachttisch ein und unterzog sich einer genauen Untersuchung. Sie tastete gründlich ihren gesamten nackten Körper ab. Gott sei Dank: keinerlei Anzeichen für Beulen oder Geschwulste.

Stöhnend atmete sie aus und schloss noch einmal die Augen.

Sie legte sich wieder zurück ins Bett. Das Laken war zwar nass wie im Traum, allerdings von Schweiß und nicht von Blut und Eiter. Als sie so lag und die schrecklichen Bilder aus ihrer Erinnerung zu löschen versuchte, stellte sie fest, dass es ihr trotz allem nicht gut ging. Je mehr sie in sich hinein lauschte, je länger sie nach Zeichen suchte, umso kränklicher fühlte sie sich. Ihr Herz schlug langsam, ihr Atem war flach und er schien keine Anstalten zu machen, zu einem gesunden Rhythmus zurückzufinden. Außerdem war ihr übel und wenn sie den Kopf auch nur ein wenig anhob, überkam sie sofort ein heftiger Schwindel. „So ein Mist!“, fluchte sie. Und bezahlte für den Ausruf sogleich mit einem stechenden Kopfschmerz. „So ein Mist“, sagte sie noch einmal, allerdings wesentlich leiser. Es hatte keinen Sinn, sie musste aufstehen. Schwerfällig quälte sich Olessja aus dem Bett. Es kostete sie eine unglaubliche Anstrengung in ihre Jeans zu schlüpfen und sich die Bluse vom Vortag überzustreifen. War das eine Grippe? So plötzlich? Kurz verschwamm ihr die Sicht und wieder packte sie der kalte Griff der Panik im Nacken. Schimpfwörter vor sich hermurmelnd schleppte sie sich zum Telefon in der engen Küchenzeile. Wut und Ärger waren immer gute Mittel gegen Angst. Und von ihr wollte sie sich unter keinen Umständen kleinkriegen lassen. Das hatte sie hinter sich. Aber sie würde heute auf keinen Fall zur Arbeit in die Wäscherei gehen können. War sowieso ein Drecksjob. Unterbezahlt und der Chef war ein Arschloch. Aber ihre Kolleginnen hatte sie lieb gewonnen. Na ja, sie würden ihr wohl nicht gleich kündigen. Sie hatte den Hörer schon in der Hand und wollte gerade die Nummer der Wäscherei wählen, als ihr auffiel, dass ihr Handrücken merkwürdig blass wirkte. Sie wechselte das Telefon in die Linke und besah sich die Rechte im ersten Sonnenlicht, das noch kraftlos, aber hell genug durch das schmale Kippfenster fiel. Ja... eindeutig blass, beinahe leblos, die Äderchen stachen blau und kalt hervor. Die winzige Bisswunde war über Nacht beinah vollständig verheilt, nicht mehr als ein undeutlicher Zahnabdruck.

Die unangenehme Begebenheit gestern im Supermarkt kam ihr in den Sinn. Ein vielleicht vier Jahre alter Junge, eindeutig auf dem Höhepunkt der Trotzphase, hatte plärrend an dem Regälchen direkt vor der Kasse gestanden. Als sie ihre Hand ausgestreckt hatte, um nach ihren Pfefferminzbonbons zu greifen, war sie wohl den von ihm begehrten in Silberpapier gewickelten Schokoplätzchen zu nahe gekommen, woraufhin er nach ihr geschnappt hatte. Die entsetzte Mutter war hinzugesprungen, hatte den ungezogenen Bengel am Ohr gepackt und sich über alle Maße zu entschuldigen begonnen. Sie wüsste auch nicht, was heute in ihn gefahren sei, hatte sie peinlich berührt erklärt. Olessja hatte abgewunken und gemeint, es sei ja gar nichts passiert. Die Frau konnte schließlich nichts dafür, sie war mit diesem kleinen Ungeheuer immerhin schon genug gestraft. Dem Satansbraten hatte sie allerdings, nachdem sie ihren Einkauf bezahlt hatte, noch einen vernichtenden Blick über die Schulter zugeworfen. Doch anstatt erschrocken zusammenzufahren, hatte er ihr ruhig und gelassen aus seinen kalten, bösen Augen zugelächelt.

Je länger sie auf die Hand starrte, umso mehr richteten sich ihre Nackenhaare auf. Schließlich musste sie den Blick abwenden. „Mist verdammt.“ Sie verschob die Krankmeldung auf später und tippte die Nummer des Notrufs ein, dann die ihres Hausarztes und danach noch jene des Städtischen Krankenhauses. – Alle besetzt. Das gab es doch nicht. Zuletzt rief sie ihre Schwester an; wie immer, wenn die Kacke am Dampfen war. Es klingelte und Olessja seufzte erleichtert. Aber es dauerte, ehe abgenommen wurde.

„Fjodorof?“

Gott sei Dank!

„Marija! Bin ich froh, dich zu hören!“

„Ich freu mich auch, kleine Schwester. Aber sag mal... ist dir bewusst, wie spät es ist?“

Schon allein die vertraute Stimme beruhigte Olessja. „Du, mir geht es gar nicht gut...“

Mit einem Mal klang Marija hellwach. „Was ist denn? Ist etwas passiert?“

„Ich weiß auch nicht, ich hatte einen schlimmen Traum...“

Am anderen Ende der Leitung war ein erleichtertes Seufzen zu vernehmen. Kurz befürchtete Olessja falsch angefangen zu haben und dass Marija sie gleich abwürgen könnte, aber so war sie nicht. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie deren Rolle eingenommen. Und obwohl sie mit ihrem Mann mittlerweile in der Hauptstadt wohnte, trafen sie sich regelmäßig. Olessja hörte wie Kaffee aufgesetzt wurde und wie Marija den Fernseher einschaltete, ihn aber sogleich auf stumm stellte. Eine alte Marotte von ihr. Immer musste irgendetwas flimmern. Olessja lächelte schwach.

„Also, dann erzähl mal...“

Sie holte weit aus, wurde jedoch nach nur wenigen Sätzen unterbrochen. „Warte mal, da kommt gerade etwas in den Nachrichten.“

Beide schwiegen gebannt.

„Und?“, drängte Olessja.

„Hmmm“, machte ihre Schwester. „Sie sagen nichts Genaueres, bloß dass der Bevölkerung strikt davon abgeraten wird, Samara anzufahren. Und dass die Regierung alles unter Kontrolle hat. – Das übliche eben.“

Erneut Stille, dann meldete sich Marijas Stimme wieder. Diesmal lag unverhohlene Besorgnis darin. „Du, ich glaube das Beste ist, du machst dich sofort auf den Weg zu uns. Wanja hätte sicher nichts dagegen und unser Gästezimmer wird eh viel zu selten genutzt...“

„Jetzt mach mal langsam“, fiel ihr Olessja ins Wort. „Es wird schon nicht die Welt untergehen und wenn ist es auch egal, wo ich bin.“ Sie versuchte heiter zu klingen, Marija sollte sich keine Sorgen machen. In Wahrheit aber wäre sie gerne gefahren, sie konnte sich jedoch nicht vorstellen, die Kraft aufzubringen, die lange Reise durchzustehen. Mit dem Zug war es eine ganze Tagesreise und ein Flugticket würde sie so kurzfristig wohl kaum erstehen können. Zumal sie vermutlich nicht die einzige war, die kalte Füße bekam, wenn tatsächlich etwas Größeres im Gange war. Nein, sie würde alleine klarkommen müssen.

„Du, ich glaube es geht schon besser...“

„Aber du gehst auf jeden Fall zu einem Arzt.“

Sie war noch nicht dazu gekommen auszuführen, dass darin genau ihr Problem lag.

„Mach ich, versprochen.“

„Und danach meldest du dich?“

„Na klar.“

„Also gut, kleine Schwester.“ Sie wirkte wenig überzeugt, aber was konnte sie schon tun. „Pass auf dich auf.“

„Wie immer... Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“

Als die Leitung endlich tot war, stürzte Olessja los, doch es reichte ihr nicht mehr bis zur Toilette. Im Flur gaben ihre Knie nach und sie erbrach sich auf den blumig gemusterten Fliesenboden. Wie sie sah, was sich da den falschen Weg die Speiseröhre nach oben gebrannt hatte, rote, schleimige Klumpen, würgte sie erneut. Gott, was geschah nur mit ihr?! Ihr ganzer Mund schmeckte nach Eisen und ein Geruch stieg ihr in die Nase, der sie an etwas erinnerte. Das war es: Letztes Jahr im Sommer war eine Ratte in einer Zwischenwand neben ihrem Badezimmer krepiert. Es hatte Wochen gedauert, bis sich der Vermieter darum gekümmert hatte. Was immer sie da aus sich hinausgepresst hatte, es roch wie diese vor sich hin verwesende Ratte damals. Sie setzte sich auf, lehnte sich an die Wand und versuchte ihre Gedanken zu sortieren. Womöglich eine Lebensmittelvergiftung? Sie ging ihre letzten Mahlzeiten durch, es fiel ihr nichts außer der Reihe ein. Sie verwünschte sich selbst, dass sie zu geizig gewesen war, sich diesen schicken, kleinen Flachbildfernseher zu leisten. Nachdem ihr alter Röhrenkasten seinen Dienst verweigert hatte, war sie vor einem Monat in einem Prospekt auf dieses handliche Wunderwerk gestoßen und hatte eine ganze Woche jeden Morgen bei Kaffee und Zigarette das Bildchen des Geräts betrachtet und seine technischen Details in der Spalte daneben studiert. Als sie sich übers Wochenende schließlich entschieden hatte, ihn zu kaufen und am Montag gleich nach der Arbeit jenen Elektronik Discounter aufgesucht hatte, war die Aktion bereits beendet gewesen. Spontan einen anderen auszuwählen, dazu hatte sie sich nicht durchringen können und so hatte sie seit geraumer Zeit überhaupt kein Fernsehgerät. In ihren Eingeweiden begann es wieder heftig zu rumoren. Halb gehend halb robbend kämpfte Olessja sich zurück in die Küche. Mit zitternden Händen durchsuchte sie ein Unterschränkchen. Da war es es! Sie klappte das Telefonbuch auf und suchte die Nummern der privaten Krankenhäuser heraus. Die erste war besetzt, aber bei der zweiten hatte sie Glück. Es klingelte und ein junger Mann nahm ab. Sie erfuhr von ihm, dass die Städtischen Klinken momentan überlaufen seien und es deshalb vollkommen in Ordnung sei, dass sie sich an diese Stelle wandte. „Kein Problem“, versicherte er ihr, „ist eine Weisung von ganz oben.“ Sie dankte und bestellte sogleich ein Taxi. Eine Stunde später saß sie im Wartezimmer einer Klinik. Die Magenkrämpfe waren ein wenig zurückgegangen. Sie blätterte in einem Frauenmagazin, sah kurz auf und zwinkerte dem Herren zu, der ihr im vollen Raum ritterlich seinen Sitzplatz vermacht hatte. Sie war gerettet.


*


Alexej Kulikowitsch Poljakow sah versonnen aus der Fensterfront seines gemütlichen, wenn auch etwas unordentlichen Arbeits- und Untersuchungszimmers. Ruhig und gelassen flossen die gigantischen Wassermassen der begradigten Wolga unter ihm dahin. Es klopfte und herein trat seine Assistentin Sonja. Sie reichte ihm eine frische Tasse Kaffee, die dritte diesen Morgen. Er nahm sie entgegen und nickte dankend. „Kann ich die nächsten reinschicken?“

Doktor Poljakow räusperte sich. „Natürlich.“

Warum musste das gerade jetzt geschehen, zwei Monate vor seiner Pensionierung? Es war doch immer dasselbe. Die Medien benutzten in ihrer Sensationsgeilheit bestimmte Reizwörter, wie Krankheitswelle, Epidemie, die unseriöseren sogar Seuche und dergleichen, und sofort meinte jeder, den ein Schnupfen plagte, er sei davon betroffen. Das Ergebnis waren unzählige Überstunden, schlaflose Nächte und allgemeines Chaos in den Krankenhäusern und Arztpraxen. So war es bei der Vogelgrippe gewesen, bei der Schweinepest, bei der Rinderpest und bei all den anderen öffentlichkeitswirksamen Skandalen. Das ärgerliche daran war nicht allein, dass gerade sein Berufsstand leidtragend war, sondern auch, dass bei all den Hypochondern die tatsächlich Erkrankten gerne übersehen wurden.

Wieder klopfte es, doch diesmal ging die Türe nicht von alleine auf; ein Patient also. Alexej trank noch einen großen Schluck, stellte die Tasse auf seinem Tisch ab und sagte laut: „Herein.“

Zwei Frauen und einen Mann hatte er bereits wieder nach Hause geschickt. Die erste hatte offenkundig an einem grippalen Infekt gelitten, die nächste an einer Blasenentzündung und der Mann war ihm als kerngesund erschienen, vielleicht mit einem leichten Nervenleiden, das ihm einen unruhigen Schlaf bescherte. Und so war er auch wenig angetan von der Geschichte der folgenden Patientin, die auf seine erste, gewohnheitsmäßig offene Anamnesefrage mit einem intensiven Traumerlebnis aufwartete. Pavor nocturnus notierte er auf seiner Schreibtafel. Noch zwei weitere, dann würde er eine kurze Vormittagspause einlegen. Ihm doch egal, wie viele vermeintlich Todkranke das Wartezimmer noch belagerten.

Olessja entging nicht, dass der Herr Doktor mit seinen Gedanken woanders war. Als sie jedoch auf den blutigen Auswurf zu sprechen kam, schien sie seine Aufmerksamkeit gewonnen zu haben. Das kleine, gebückte Männlein schob seine Brille zurecht, ließ sie ausreden und stellte dann noch einige fachmännische Nachfragen. Als er das Blatt auf seinem Schreibtisch beinahe vollgeschrieben hatte, bat er sie sich freizumachen. Der Doktor musterte sie eingehend und untersuchte anschließend so gut wie jede ihrer Körperöffnungen. Sie musste sich vorbeugen, sie sollte husten, Mund auf, tief ein- und wieder ausatmen... Das übliche Prozedere eben.

„Sie können sich wieder anziehen.“ Er begann eine neue Seite und kritzelte, flink für sein Alter, mehrere kleine Absätze in unleserlicher Schrift. Es schien als hätte der Greis vergessen, dass sie noch im Raum war. Sie hüstelte.

Merkwürdig, sehr merkwürdig, dachte Alexej, hütete sich aber es auszusprechen. Man bereitete seinen Patienten keine Sorgen, ehe man eine geprüfte Diagnose zur Hand hatte. Zunächst hatte er ihre Blässe und die augenfällige Schlaffheit darauf zurückgeführt, dass ihre inneren Organe stärker arbeiteten, wie es auch bei kleineren Infekten der Fall ist, aber ihr Ruhepuls lag bei 30 Schlägen pro Minute, sofern er sich nicht verzählt hatte – und er hatte ihn insgesamt dreimal überprüft.

„Frau Gussew, treiben Sie Ausdauer- oder Leistungssport?“

„Wenn ich dazukomme, gehe ich einmal die Woche laufen“, erwiderte Olessja matt. „Können Sie mir sagen, was ich habe?“

„Ich bin noch nicht ganz sicher“, sagte Alexej, anstatt zuzugeben, dass er vollkommen im Dunkeln tappte. Er drückte auf den Schalter, der Sonja herbeirief. „Eine Schwester wird ihnen Blut-, Urin- und Stuhlproben entnehmen, dann werden wir schon sehen. Ich möchte Sie aber gerne zur Beobachtung hierbehalten, bis die Ergebnisse da sind.“

„Muss das sein? Ich...“

„Lassen Sie uns auf Nummer sichergehen.“ Sie war keine Ärztin, aber seine verdüsterte Miene verhieß nichts Gutes.

„Na gut.“

Sonja erschien und nach kurzer Instruktion geleitete sie die junge Dame hinaus. Alexej fuhr sich durch das lichte, graue Haar, besah sich seine Aufschriebe und führte die Tasse Kaffee an den Mund. Merkwürdig...

Es klopfte und er echote sein „Herein“.


*


Olessja lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Überraschenderweise hatte man ihr ein Einzelzimmer zugewiesen. Es war zwar etwas beengend, aber das war sie ja von Zuhause gewohnt. Neben einem schlichten Holzkreuz über dem Kopfende des Bettes, einem Fenster mit weißen Gardinen, einem Sperrholzspind und der angelehnten Tür, die in die Dusch- und Toilettenparzelle abging, verfügte sie über einen an einer Wandhalterung angebrachten Fernseher. Doch nun, da sie die Möglichkeit hatte, verspürte sie keine Lust ihn einzuschalten.

Unvermittelt schwang die Tür auf. Herein kam ein sich tolpatschig anstellender Pfleger mit einem Essenswägelchen. Olessjas Magenkrämpfe befanden sich seit dem ersten Auftreten auf einer unsteten Berg- und Talfahrt. Gerade verspürte sie lediglich ein leichtes Ziehen. Sie wurde sich erst jetzt bewusst, dass sie seit dem Instant-Nudelsnack am Vorabend überhaupt nichts mehr gegessen hatte. Und nun da sie den Gedanken fasste, meldete sich der Hunger mit ganzer Macht. Ein Hunger, der sich anfühlte, als ob sie ein ganzes Schwein in einem Happen verzehren könnte.

„Ich bin Danil“, stellte sich der Pfleger vor und reichte ihr umständlich die Hand. Olessja ergriff sie. „Heute bin ich den ganzen Tag hier. Wenn irgendetwas sein sollte, drück einfach den...“ Er brach ab und sah auf seine Hand, die Olessja immer noch umklammert hielt. „Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?“

Der junge Mann war wirklich nicht ihr Typ, aber Olessja spürte ein unbändiges Bedürfnis, ihn zu... Ja, was eigentlich? Jedenfalls wollte sie ihn um keinen Preis loslassen. Sie warf mit der anderen Hand die Decke zurück, setzte sich aufrecht hin und spreizte die Beine.

„Ähm... Ich... Das...“

Sie zog seine Hand weiter zu sich und presste sie auf ihre Scham. Die andere schlang sie um seinen Hals. Ihre Lippen näherten sich seinem Mund. Danil wehrte sich, doch sein Widerstand brach, als sie ihren Unterkörper anhob und mit der Bewegung seine Finger in sich hineingleiten ließ. Nun erst gab sie seine Hand wieder frei. Sie schob ihm ihre Zunge tief in den stammelnden Mund und fuhr mit ihrer Rechten seinen Rücken hinauf, bis sie den Nacken erreicht hatte. Nun hielt sie seinen Kopf mit beiden Händen. Er gehört mir. Ich will... ich will ihn ganz! Plötzlich schmeckte sie Blut. Sie erschrak, aber der Geschmack war unbeschreiblich köstlich.

Die zuvor so schüchterne Hand fuhr ihr flach, aber doch mit voller Wucht, seitlich an den Kopf. In ihren Ohren rauschte es. Sie wand sich auf dem Laken, auf das nun Blutstropfen fielen. Blutstropfen aus ihrem Mund! Was war eben mit ihr geschehen? Tränen schossen ihr in die Augen. Wurde sie etwa wahnsinnig? „Es tut mir... Es tut mir so leid.“

Danil blickte sie aus gutem Abstand vom Bett entsetzt an. Seine Unterlippe hing in Fetzen. „Ef geht fon“, versuchte er schwach sie zu beruhigen. Es war offensichtlich, dass er in der Patsche saß und nicht recht wusste, was er nun tun sollte. Er hätte sich einer Patientin niemals auf diese Weise annähern dürfen. „Am befften, wir fe-fegeffen allef.“ Während er sprach rannen Speichel und Blut seinen Hals hinab und Olessja spürte den Hunger wieder in sich aufsteigen, daher nickte sie schnell. Der Pfleger nickte auch, hastete zur Tür, blickte noch einmal ungläubig zurück, schüttelte den Kopf und war verschwunden.


*


Doktor Alexej Kulikowitsch war in seine Sessellehne versunken und brütete vor sich hin. Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen die Laborergebnisse von Frau Gussew. Erythrozyten und Hämoglobin waren stark vermindert, während die Thrombozyten-, Leukozyten-, und Hämatokritwerte eklatant erhöht waren. Alleine der Leukozytenanteil war so hoch, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Das konnte nichts anderes bedeuten, als dass Frau Gussews Immunsystem eine Art verzweifelten Vernichtungskrieg gegen einen Virus oder ein Bakterium führte. Mit diesem Blutbild war es jedoch vollkommen ausgeschlossen, dass die gute Frau durch die Gegend lief und sich bloß etwas schwach fühlte; sie hätte im tiefsten Koma liegen müssen.

Sein Vater hätte vielleicht eine Erklärung parat gehabt, Alexej hingegen war kein Wissenschaftler. Seine ganze Karriere hatte er im Schatten des berühmten Herrn Papa gestanden. Ohne seinen Einfluss hätte er womöglich nicht einmal die Abschlussprüfungen bestanden, da er damals jung und unvernünftig den Kopf voll Flausen und Mädchen gehabt hatte. Aber es nützte nichts, sein Vater war schon lange verstorben und selbst, wenn er sich dazu hätte durchringen können, sich vor den Kollegen die Blöße zu geben, sie waren vollauf beschäftigt. Er würde eine Visite machen, möglich dass ihm im Anamnesegespräch etwas Wichtiges entgangen war... Ein nahes, schrilles Martinshorn riss ihn aus seinen Gedanken. Seit etwa zwei Stunden bildeten die Sirenen ein beständiges Hintergrundgeräusch. Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen schienen in einem permanenten Dauereinsatz. Wie ihm Schwester Sonja mitgeteilt hatte, platzte sein Wartezimmer aus allen Nähten, schon hätte sich eine Schlange bis in den Flur hinaus gebildet. Er hatte Anweisung gegeben, so viele wie möglich auf seine Kollegen zu verteilen. Er musste diesen Fall lösen, bevor jede Hilfe für die junge Frau zu spät kam. Doch zuerst wählte er die Nummer eines alten Freundes.

„Pater Wolkowitsch?“

„Nikolai! Gut dich zu hören! Hättest du Zeit ins Hospital zu kommen?“

Die Leitung schwieg einen Moment. Nikolai und er kannten sich seit dem ersten Studienjahr. Ihre Ungleichheiten hatten sie stets als fruchtbar und anregend verstanden. Nach ihren Abschlüssen hatten sie sich über 20 Jahre jeden Samstag zum Schachspielen getroffen, in der letzten Zeit jedoch waren sie froh gewesen, wenn sie es auf eine Partie im Monat geschafft hatten. Alexej wusste, dass sein Freund seinen nächsten Zug erwog und war erleichtert als seine Stimme schließlich verkündete: „Ich mache mich sofort auf den Weg.“

Alexej erhob sich, hängte sich sein Stethoskop um, klemmte sich die Papierbogen unter den Arm und hob seinen nostalgischen Arztkoffer auf. Bis die Ergebnisse gekommen waren, hatte er im Akkord einen Patienten nach dem nächsten abgefertigt und nicht mitbekommen was um ihn herum geschehen war. Sämtliche Gänge des durchaus geräumigen Krankenhauses waren in hektischer Bewegung. Pfleger schoben Betten herum, Kollegen sputeten im Laufschritt durch die Flure, aber auch Unbefugte belagerten jede Ecke und sprachen ihn an. „Bitte, Herr Doktor...“, „Meine Schwester...“, „Mein Bruder...“, „Meine Mutter“, „können Sie mir...“, „Warten Sie bitte...“, „Bitte, bitte, bitte...“ Ohne sich auf etwas einzulassen, drängte er sich durch die Menschentrauben. Den Fahrstuhl, der gleich von einer ganzen Horde gemischten Volkes belagert wurde, mied er und nahm die Feuertreppe. Schweißperlen tropften ihm von der Stirn und er musste dreimal tief durchatmen, ehe er die Klinke zu Frau Gussows Zimmer hinab drückte. Eigenartig, es war abgeschlossen. Eine Pflegerin huschte an ihm vorbei, drehte aber dann doch noch kurz auf dem Absatz um, wie sie ihn da mit gerunzelter Stirn vor der verschlossenen Tür stehen sah. „Herr...“ Das junge, einfältig wirkende Ding suchte nach seinem Namensschild, „Herr Doktor Poljakow“, sagte sie schließlich in fahrigem Tonfall. „Frau Gussew ist von Sinnen. Sie hat eine Kollegin von mir attackiert.“ Schon wollte sie weitereilen, aber Alexej hielt sie auf. „Attackiert sagen Sie?“

„Ja, sie hat sie gebissen. Und ein männlicher Kollege, der eigentlich zuständig ist, wollte nichts sagen, aber er war im Gesicht verletzt und hat sich krankschreiben lassen.“

Die Falten auf Alexejs Gesicht vertieften sich noch.

„Geben Sie mir den Schlüssel.“

Er tupfte sich mit seinem Schnupftuch den Schweiß von der Stirn und schloss auf. Ein unbeschreiblicher Verwesungsgestank brandete ihm entgegen, dass er beinahe wieder rückwärts hinaus getaumelt wäre. Doch er biss die Zähne zusammen, bemühte sich sein professionelles Lächeln aufzusetzen und steuerte auf das Bett zu.


*


„Frau Gussew, wie ist Ihr Befinden?“, fragte der knorrige Alte im weißen Kittel, den sie von der ersten Untersuchung her kannte. Seine Miene war undurchdringlich, aber Olessja roch seine Angst. Kein Wunder, in ihrem Zimmer sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Der Speisewagen war umgestoßen, die Suppe hatte die Wand vollgespritzt, die Schalen, Teller und Tassen lagen in Scherben auf dem Boden. Die Bettdecke hatte sie von sich in eine Ecke geschleudert, das Holzkreuz in einem Wutanfall zerbrochen. Wie ein Fötus lag sie zusammengekauert in Unterwäsche auf dem Bett. Ihre Knie schlotterten, ihre Zähne klapperten. Ihr war kalt, eiskalt. Aber bereits einen Augenblick später, glühte sie wieder im Fieber. Wie sollte sie dem Mann also sagen, wie es um ihr Befinden stand? Aus ihrer milchig getrübten Sicht blickte sie ihn hilfesuchend an.

Er musste sich sichtlich überwinden, aber er näherte sich. „Versuchen Sie sich zu entspannen,“ sagte er und Olessja entging nicht, wie unruhig er selbst war. Nun war er schon zum Greifen nahe, er zückte eine Spritze und entfernte mit zitternden Fingern das Plastikhäubchen von der Injektionsnadel. Olessja konnte nicht anders, sie begann frenetisch zu kichern. Wieder bemächtigte sich ihrer diese finstere, alles andere verdrängende Macht. „Kommen Sie, helfen Sie mir!“ Doch es war nicht ihre Stimme, die diese Worte sprach. Der Arzt beugte sich leicht nach vorne. Jetzt! Sie machte einen Satz auf ihn zu, die Zähne gefletscht, bereit sich in sein einladendes Fleisch zu versenken. Aber der Alte war schneller, als sie ihm zugetraut hatte, viel schneller. Er wehrte ihren Angriff ab, ließ ihre Zähne ins Leere schnappen und versenkte die Kanüle in ihren Oberarm. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie in sein runzliges Gesicht, dann wurden ihre Lider bleischwer, es wurde schwarz und sie sackte in sich zusammen.


*


Doktor Alexej Kulikowitsch Poljakow saß vor der Tür seiner Patientin auf einem der unbequemen Klappstühle, die normalerweise bloß in der Notaufnahme Verwendung fanden. Er fühlte zum dritten Mal seinen Puls: 92 Schläge pro Minute, für sein Alter also durchaus wieder normal. Meine Güte, was war da eben geschehen? Sein nüchterner, analytisch geschulter Verstand schaltete sich ein: Grippeähnliche Symptome, Verwirrtheit, vermutlich Halluzinationen, Aggressivität... möglicherweise Tollwut. Hatte sie nicht auch in einem Nebensatz etwas von einem Kinderbiss erwähnt. Aber auch eine akute Tollwutinfektion erklärte noch nicht das in sich widersprüchliche Blutbild und was war mit diesem Verwesungsgeruch? Außerdem hatte er Male an ihrem Körper entdeckt, die aussahen, als würde ihre Haut stellenweise absterben und verfaulen. Beschämenderweise hatte er es nicht lange in dem Raum ausgehalten und daher nur oberflächliche Eindrücke gewonnen. Seine Intuition sagte ihm, dass er sich am Rande des Fassbaren befand. Oder war das nur der Schreck? Verhielt er sich etwa wie ein kleines Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtete? Jedenfalls war er froh, dass bald sein Freund, Pater Nikolai, auftauchen würde; Nikolai war schon immer der Gelassenere von ihnen beiden gewesen und er hatte das Talent, neue Einsichten, bei den Menschen, mit denen er sprach, zu befördern. Alexej hatte die Empfangsdame über den internen Anschluss gebeten, einen in schwarze Priesterrobe gekleideten sofort zu ihm, also dem Zimmer 223, zu schicken. Er hob den müden Kopf und sah sich um. Der Patientenansturm schien sich noch immer nicht beruhigt zu haben. Am Ende des Ganges herrschte ungewöhnliche Hektik. Gab es einen Zusammenhang zwischen Frau Gussews Leiden und dem Medientrubel? Sein Freund würde es wissen. Er war leidenschaftlicher Radiohörer. Alexej schmunzelte. Er erinnerte sich, wie ihm der Freund einmal gestanden hatte, dass es für ihn bei der Vorbereitung auf eine Predigt keine bessere Konzentrationshilfe gab, als dem seichten Gewäsch der Radiomoderatoren zu lauschen. Er hingegen benötigte für einen freien Kopf absolute Stille. Und das war nur einer von den vielen Unterschieden zwischen ihnen. Genaugenommen hatten sie so gut wie gar nichts gemein, außer einer tiefverwurzelten Nächstenliebe. Und wenn ihre Mittel zur Auslebung derselben von Grund auf verschieden waren, so hatten sie doch beide die ihnen entsprechenden Wege dazu gefunden. Wer weiß, überlegte Alexej, womöglich handelte es sich tatsächlich um eine sich ausbreitende Epidemie und wenn es ihm gelänge, diese Eine zu retten, dann konnte vielleicht auch anderen geholfen werden.


*


„Drück drauf“, spornte Pater Nikolai seinen Oberministranten Fjodor an. Er hatte der Stimme seines alten Freundes sofort angemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war, aber um das einzusehen, musste man ja bloß die Augen öffnen. Die gesamte Stadt war in Unruhe. Es war ein verregneter Apriltag, und dennoch schien jeder Einwohner Samaras auf der Straße. Als könnte die frische Luft vor dem unbekannten Virus schützen, von dem die staatsunabhängige Presse seit einer Stunde berichtete. Vermutlich war eher das Gegenteil der Fall. Offenbar gab es auch diejenigen, welche diese Einschätzung teilten, die ihre Läden verrammelten und behelfsmäßige Palisaden vor ihren Wohnanlagen auftürmten. Aber sie waren eindeutig in der Minderheit. Die meisten bepackten panisch ihre Autos mit Habseligkeiten. Gruppen versammelten sich auf den Kreuzungen, Jugendliche die streitlustig aussahen. Dann gab es andere, die sturzbetrunken wirkten. Ihre Bewegungen waren schlurfend und abgehackt. Von mehreren Orten sah man Rauchschwaden in den bewölkten Himmel aufsteigen. Noch diese Allee, dann über die Brücke und sie waren beim Krankenhaus. Fjodor hielt an einer roten Ampel. Er war ein guter Junge. Er kutschierte ihn nicht nur durch die Gegend, er half ihm auch immer mehr bei behördlichen Formalitäten und für seine 19 Jahre besaß er ein ausgeprägtes Gespür für Maschinen. Am Wochenende bastelten sie oft gemeinsam an Nikolais restaurierter Fieseler. Fjodor zog ihn gerne damit auf, dass er einen Flug- aber keinen Führerschein besaß. So war er eben, in vielerlei Hinsichten ein unverbesserliches, starrsinniges Fossil, wie sein altes Propellerflugzeug. Die Rotphase streckte sich lange hin und Pater Nikolai sah sich um. Dabei fiel sein Blick auf eine ältere Frau, die ihnen, gehüllt in einen weiten, grauen Mantel, entgegen schwankte. Ob sie wohl Hilfe benötigte? Sie kam genau auf sie zu. Die Arme hatte sie steif von sich gestreckt und sie wirkte als würde sie schlafwandeln. Sonderbar. Fjodor hatte sie auch bemerkt. Mit offenen Mündern schauten sie der Frau zu, die sich in ihrem bizarren Gang immer mehr der Beifahrerseite näherte. Eine Windbö strich ihr durch den Mantel und hob diesen an. Fjodor schluckte vernehmlich, als er sah, was der Mantel verborgen hatte: Der halbe Brustkorb der Frau war aufgerissen und in der rot breiigen Masse, wo einmal ihre linke Brust gewesen sein musste, kamen die blanken Rippenknochen zum Vorschein.

„Gott verdammt“, sagte Fjodor.

„Du weißt, wie ich zum Fluchen stehe“, murmelte der Pater gewohnheitsmäßig. Die Frau war nun kaum mehr zwei Schritte entfernt. Ich Gesicht war entstellt, die Haut hing in Fetzen herab, als hätte man sie mit schlechtem Kleber angebracht, der sich jetzt löste. Sie öffnete weit den Mund und gab zwei Reihen verfaulter Zahnreihen preis.

„Los! Fahr!“

Das Gesicht der Frau knallte an die Scheibe. Im Glas entstanden Risse. Noch so ein Stoß und die Scheibe würde bersten. Doch dazu kam es nicht, Fjodor drückte auf das Gaspedal und sie rauschten über die Kreuzung. Nikolai drehte den Kopf nach hinten. Die Frau stand mitten auf der Straße und ihre Arme machten schnappende Gebärden, als könnte sie sie immer noch erreichen. Er bekreuzigte sich und die Offenbarung 12,9 aus dem Johannes Evangelium kam ihm in den Sinn.

„Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der ...

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