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Viermal Historical Romance

Alfred Bekker, W. A. Hary

Viermal Historical Romance

Wiedersehen im Südland/ Sturm über St.Kitts/ Karibische Flüche/ Fluch der Meere





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Viermal Historical Romance

von Alfred Bekker und W. A. Hary

© by authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende Erzählungen und Romane:

Wiedersehen im Südland von Alfred Bekker

Sturm über St. Kitts von Alfred Bekker

Karibische Flüche von Alfred Bekker

Fluch der Meere von Alfred Bekker und W. A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 602 Taschenbuchseiten.

Alfred Bekker schrieb unter anderem unter dem Pseudonym Leslie Garber. Als Neal Chadwick begann der bekannte Autor von Fantasy-Romanen, Jugendbüchern und Krimis seine Karriere. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FAKLSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL AUS MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall.

Mit W. A. Hary schrieb er den Roman FLUCH DER MEERE.

Wiedersehen im Südland

von Alfred Bekker

© 2006 und 2010 by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

Die Erstveröffentlichung erfolgte als Original-Hörbuch. Alle Rechte vorbehalten.

Die Erzählung erschien ursprünglich separat unter dem Pseudonym Leslie Garber.

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Catherine Glenfield auf ihrer dramatischen Reise ins Australien der ersten Siedler...

1

Portsmouth, England 1809…

Catherine Glenfield zog ihren Umhang enger um die Schultern. Die Haare der jungen Frau klebten am Kopf. Sie war völlig durchnässt, denn es regnete immer wieder wie aus Kübeln und ein eiskalter Wind trieb ihr den Regen ins Gesicht.

Den Regen und manchmal sogar etwas von der Meeresgischt.

Sie stand da und blickte suchend auf die grauen Wellen. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals stecken.

John, warum musst du nur bei diesem Wetter hinausfahren?, ging es ihr durch den Kopf. Ihre Augen verengten sich, suchten den Horizont ab, aber nirgends war dort der Mast der SEAGULL zu sehen, des Schiffs von John Billings, dem Mann den sie liebte.

Der Sturm peitschte die Wellen unablässig gegen die Kaimauer. Oft genug schlugen sie über dem Ufer zusammen. Zwei Kriegsschiffe seiner Majestät waren fest vertäut im Hafen. Daneben unzählige kleinere Schiffe ziviler Art. Vom Frachtschoner bis zum Fischerboot. Dass gleich zwei Schiffe der königlichen Kriegsflotte im Hafen lagen war ungewöhnlich, denn normalerweise war die englische Flotte im Dauereinsatz gegen Blockadebrecher.

Jahrelang hatte Napoleon auf der anderen Seite des englischen Kanals Vorbereitungen für eine Invasion der britischen Inseln vorgenommen. Nachdem die Briten die englischen Kriegshäfen blockiert hatten, waren die Franzosen dazu übergegangen, entlang der Küste von den Pyrenäen bis zur Nordsee tausende kleiner Boote für die Invasion zu bauen, was die Flotte gezwungen hatte, jetzt nicht nur die französischen Kriegshäfen zu blockieren, sondern die gesamte Küste. Ein ungeheurer Aufwand, der die englische Flotte ständig in Atem gehalten hatte. Inzwischen hatte Napoleon seine Truppen aus der Normandie und der Bretagne abgezogen. Der Kaiser der Franzosen hatte seine Pläne einer Invasion in England längst aufgegeben. Inzwischen hatte sich der Zweck der englischen Blockade gewandelt. Die Aufgabe der englischen Kanalflotte war es seit gut einem Jahr, jeglichen Handel mit Frankreich zu unterbinden, was dem Schmuggel eine ungeahnte Blüte verschafft hatte.

„Madam, was tun Sie da?“, drang eine Stimme an Catherines Ohren.

Schritte ließen sie herumfahren.

Sie sah in die wässrig blauen Augen von George Jackson, dem Hafenmeister. Er hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen und den Kragen seines Rocks hochgeschlagen.

„Ich muss hier regelmäßig nach dem Rechten schauen – aber für Sie gibt es einfach keinen Grund hier herumzustehen und sich durchnässen zu lassen!“, meinte er.

„Die SEAGULL ist noch draußen“, rief sie. Catherine zitterte. Einerseits vor Kälte, und andererseits, weil ein inneres Frösteln ihr Herz umklammert hielt. Sie hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Als ob ihr Brustkorb in einem der Korsetts gesteckt hätte, mit denen sich die feinen Damen des Adels noch bis vor wenigen Jahren eingeschnürt hatten.

„Captain John Billings ist ein Teufelskerl! Ich wäre bei dem Wetter niemals hinausgefahren! Und Sie sehen ja - nicht einmal die Marine seiner Majestät des Königs traut sich das und bleibt lieber im sicheren Hafen.“

„Die SEAGULL müsste längst zurück sein!“

„Wohin war sie denn unterwegs?“

„Nur zur Isle of Wight.“

„Nicht etwa noch ein Stück weiter?“

Catherine sah den Hafenmeister empört an. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Na kommen Sie, John Billings ist kein Heiliger – und er wäre auch nicht der erste, der behauptet, zur Isle of Wight oder den Kanalinseln zu fahren und in Wahrheit in der Bretagne oder der Normandie ankommt. Egal, was so gesagt wird, es ist unmöglich die ganze Küste wirklich abzuriegeln. Jeder, der auch nur ein bisschen von der Seefahrt versteht weiß das!“

Er kicherte. Aber dies erstarb, als Catherines energische Stimme ihn unterbrach.

„John ist kein Schmuggler und auch kein Spion. So etwas würde er nie tun!“

„Madam, ich habe nur Spaß gemacht und ich wollte damit überhaupt nichts andeuten oder jemanden beleidigen.“

„Dann ist es ja gut.“

„Am besten, Sie vergessen einfach, was ich gesagt habe.“

„Das wird in der Tat das Beste sein!“

„Und für Sie wird es das Beste sein, wenn Sie nicht länger hier herumstehen! Sie werden sich den Tod holen. Entweder, weil Sie Fieber kriegen oder weil eine der Wellen Sie von der Kaimauer holt! Sie sind hier in Portsmouth geboren und aufgewachsen, Madam. Und daher wissen Sie, dass so etwas schon geschehen ist! Man kann sich dann nicht mehr auf den Beinen halten, wenn der Wind so stark ist…“

„Ich danke Ihnen für die Sorge, Sir“, erwiderte Catherine etwas spitz.

Der Regen ließ nach. In der Ferne riss jetzt sogar ein heller Fleck das Grau des Himmels auf. Für einige Augenblicke fielen Sonnenstrahlen auf das Wasser und ließen es in fast zauberhafter Schönheit glitzern, bevor es sich wieder zuzog. Das Wetter war hier so launisch und wechselhaft, dass man an manchen Tagen das Gefühl bekommen konnte, alle vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag zu erleben.

Vielleicht ließ ja der Sturm jetzt nach. Das konnte die Rettung für John Billings und seine Crew von der SEAGULL sein.



2

Catherine dachte an den Moment zurück, an dem sie John Billings zum ersten Mal begegnet war. Fast ein Jahr lag das nun zurück. Er war groß, breitschultrig, trug einen groben Rock aus Tweed und eine Mütze, als er die Weinhandlung von Thomas Glenfield betrat, Catherines Vater.

Schon in dem Moment, in dem seine angenehm samtene, tiefe Stimme zu ihr sprach, hatte sie sich von ihm angezogen gefühlt. Eine Kraft, die unwiderstehlich war, zog sie zu ihm hin. Diese Stimme wollte sie immer wieder hören, ganz gleich, was sie sagte. Sein Lächeln verzauberte sie und sorgte dafür, dass ihr Herz schneller schlug.

John Billings war mit einem Batzen Geld nach Portsmouth gekommen. Geld, dass er von einem Onkel geerbt hatte, der in London ein gutgehendes Geschäft mit Tuchen betrieben hatte. Das hatte John Billings verkauft. Er wollte ins Frachtgeschäft einsteigen, sich einen Segler kaufen und auf den kleineren Routen entlang der südenglischen Küste und zur Isle of Wight segeln.

Zumindest am Anfang, da er sich noch keine großen, wirklich ozeantauglichen Schiffe leisten konnte.

Aber dieser Tag würde eines Tages kommen, da war er sich sehr sicher.

Drei Flaschen Wein kaufte er im Laden der Glenfield, der mehr oder minder von Catherine allein betrieben wurde, nachdem ihr Vater schwer gestürzt war und das Bett kaum noch verlassen konnte.

Ihre Mutter war bereits im Kindbett gestorben und so blieb die Last, das Geschäft weiterzuführen an Catherine hängen.

Nicht, dass sie etwas dagegen gehabt hätte! Im Gegenteil. Schließlich kannte sie das Geschäft von Grund auf und war von frühester Jugend an in alle Transaktionen ihres Vaters einbezogen worden.

Wie gebannt hatte Catherine Johns Plänen zugehört.

Der junge Mann stellte sich vor, mit seinem Schiff ein Vielfaches von dem zu verdienen, was er durch die Weiterführung des Tuchhandels in London hätte gewinnen können.

„Ach, seien Sie doch ehrlich! Sie wollen sich einfach lieber den Wind um die Nase wehen lassen, als den ganzen Tag in einem stickigen Laden zu verbringen, Mister Billings!“

„Ich gebe zu, dass diese Überlegung durchaus eine Rolle spielte“, sagte der zukünftige Schiffseigner. Und dann rechnete er Catherine vor, dass er in jedem Geschäftsjahr einen bestimmten Betrag zurückzulegen gedenke, um sich irgendwann ein zweites Schiff leisten und bemannen zu können.

„Nach und nach wird Billings eine große Reederei werden! Eine der Größten in England und da England die Meere beherrscht, auch eine der wichtigsten in der Welt. Irgendwann werde ich größere Schiffe kaufen, die für den Handel mit den Vereinigten Staaten und den spanischen Amerika-Kolonien gebraucht werden und sogar nach Indien oder das neu entdeckte Neu Holland fahren…“

Es hatte Catherine gefallen, wie stark diese Mann an seine Chance glaubte und wie gut er alles durchdacht hatte.

Drei Flaschen Wein hatte der junge Mann schließlich bei ihr gekauft.

„Die Bestände an französischen Weinen sind leider seit der Blockade sehr knapp geworden“, stellte Catherine bedauernd fest.

„Und die Preise haben sich rasant nach oben entwickelt, wie bei jeder knappen Ware, nicht wahr?“, lächelte er und der Blick seiner meergrünen Augen ging ihr dabei durch und durch. Sie musste unwillkürlich schlucken und gleichzeitig aufpassen, ihre Faszination nicht allzu offen nach außen dringen zu lassen. Das ziemte sich schließlich für eine ehrbare junge Frau nicht.

„Statt französischen Wein, hätte ich das hier anzubieten“, erklärte Catherine und zeigte John Billings eine Flasche mit einem Etikett, das in spanischer Sprache verfasst worden war.

„Keine Ahnung, wie man das ausspricht, was da steht“, sagte Billings.

„Der Inhalt dieser Flaschen stammt aus Jerez (sprich Cheres – scharfes ch am Anfang, der Schlusslaut wie th im Englischen) de la Frontera in Andalusien.“

„Jerez!“, versuchte John es nachzusprechen. „Da verdreht man sich die Zunge im Hals!“

„Deswegen nennen wir es einfach Sherry!“

„Klingt schon besser.“

„Vielleicht das ja etwas für Sie!“

„Warum nicht? Ich brauche den Wein demnächst, wenn mein Schiff auf den Namen SEAGULL getauft wird.“

Sie hob amüsiert die Augenbrauen. „Ein Schiff, das Sie wohlgemerkt noch gar nicht haben!“

„In meiner Vorstellung ist es bereits mein Eigentum und liegt im Hafen vertäut – jederzeit bereit auszulaufen!“

„Na ja, für eine Schiffstaufe wäre eine der letzten Flaschen französischen Weins wohl auch wirklich verschwendet!“, lächelte Catherine.



3

Catherine und John sahen sich von da an immer öfter. John kaufte sich ein Schiff, das gut und solide war und zumindest für die Gewässer des englischen Kanals vollkommen ausreichte. Außerdem hatte es genug Stauraum, sodass man damit tatsächlich eine wirtschaftliche Küstenlinie betreiben konnte.

Sie gingen miteinander spazieren und schlenderten durch die engen, verwinkelten Gassen von Portsmouth, wenn sie Zeit dazu hatten. John war manchmal tagelang unterwegs.

Catherine ertappte sich dabei, wie sie unruhig wurde, wenn John dabei die vorgesehene Zeit überschritt. Zumeist war der unberechenbare Wind dafür verantwortlich. Wenn die Windverhältnisse schlecht waren, konnte so aus einer Reise von einer Woche auch leicht mal das Doppelte werden.

Einmal, als die SEAGULL erst spät abends zurückkehrte, obwohl sie bereits am Vormittag erwartet worden war, stand Catherine ausdauernd am Kai und blickte in die Nacht, bis sie endlich das Schiff herannahen sah. Wie ein Schatten wirkte es in der Dunkelheit. Ein paar Laternen gab es an Mast und Bug, aber die waren aus der Ferne kaum zu sehen. Zu schwach waren sie.

Als die SEAGULL endlich angelegt hatte, stürzte Catherine auf John zu, nachdem dieser an Land gestiegen war. Dann hielt sie inne.

„Wenigstens Sie scheinen die SEAGULL zu erwarten“, sagte John.

Sie sah ihn an und er erwiderte ihren Blick. Dann wandte er sich an seinen Steuermann. „Ihr macht hier alles klar!“

„Aye, aye!“

John wandte sich Catherine zu und bot ihr seinen Arm. „Darf ich Sie nach Hause bringen?“

„Es sind nur wenige Yards, aber… Ja!“ Sie errötete leicht. Sie hatte das zwar erhofft, aber eigentlich nicht erwartet.

Sie gingen also zur Weinhandlung der Glenfield, während ein heller Mond diese Nacht eine ganz besondere Stimmung gab.

Vor der Weinhandlung blieben sie stehen. Sie sahen sich an. Und dann folgten sie bei einem gemeinsamen Wunsch und küssten sich.



4

Jetzt, da Catherine in dieser sturmumtosten Nacht am Ufer stand und wieder einmal darauf wartete, dass John Billings wohlbehalten zurückkehrte, dachte sie an diesen ersten Kuss, den es zwischen ihnen gegeben hatte und dem noch so viele weitere gefolgt waren.

John hatte inzwischen bei ihrem Vater ganz offiziell um Catherines Hand angehalten. In ein paar Monaten sollte die Hochzeit sein.

Sollte das alles verblassen wie ein schöner Traum?

Doch dann, endlich, tauchte der Mast der SEAGULL auf. Das Schiff war ein Spielball der Wellen und kaum in der Lage noch einen Kurs zu halten. Die Segel waren gerefft und die SEAGULL näherte sich nur langsam.

Catherine harrte aus, bis sie endlich den Hafen erreichte und vertäut worden war, was für die Besatzung einen Kampf ohnegleichen bedeutete.

Vollkommen erschöpft stiegen die Seeleute an Land. John Billings nahm Catherine in den Arm und sie drückte ihn an sich. „Ich möchte dich nie wieder loslassen!“, sagte sie.

„Ich dich auch nicht, Catherine“, erwiderte er.

„Das heißt, du wirst Weinhändler und im Laden meines Vaters arbeiten?“

„Das heißt, ich werde dich nie wieder loslassen, bis auf die kurzen Momente, in denen ich auf See bin, Darling!“

Sie seufzte. „Ich wusste doch, dass an der Sache ein Haken ist!“

John sah an ihr herab. „Du bist vollkommen durchnässt!“, stellte er fest. „Auf keinen Fall hättest du hier draußen so lange Ausschau halten sollen.“

„Ich hätte ohnehin keine Ruhe gefunden, ehe ich nicht gewusst hätte, dass dir nichts geschehen ist!“, hauchte sie.

Starker Regen setzte nun ein. John nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. Sie stellten sich erst unter den Dachvorsprung eines der Häuser in der Nähe des Hafens.

John Bellings hatte ganz in der Nähe ein Zimmer, das man durch einen separaten Eingang erreichen konnte. Von dem, was er mit der SEAGULL verdiente, hätte er sich leicht ein ganzes Haus kaufen können, aber das wollte er nicht. Er sparte jedes Pfund dafür, sich endlich ein zweites, größeres Schiff leisten zu können.

Und was das betraf, war er auf bestem Wege.

Es war ein mühsamer Weg, den Traum von der eigenen Ärmelkanal-Frachtflotte zu verwirklichen. Aber John hatte die ersten Schritte schon getan.

Er zog die junge Frau weiter mit sich.

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Dich vor einer Lungenentzündung zu retten!“

„Das ist nur Regen – nichts Giftiges! Und vielleicht hast du es noch nicht bemerkt, ich bin nicht aus Zucker, sodass ich sofort zerfließe!“

Sie hatten den Aufgang zu Johns Wohnung erreicht. Einen Moment lang zögerte sie, strich sich das klatschnasse Haar aus dem Gesicht und wechselte einen Blick mit John.

„Was werden die Leute sagen, wenn…“

„…wenn ich dich jetzt mitnehme? Sie werden es gar nicht bemerken, weil die meisten Leute in Portsmouth im Moment ihre Fensterläden geschlossen haben und hoffen, dass nicht all zuviel von diesem Regen in ihre Häuser hineinspritzt. Also komm.“

„Ich…“

„Wovor fürchtest du dich?“

Sie überlegte einen Moment und dann fand sie, dass Johns Frage eigentlich auch schon die Antwort enthielt. Nein, wenn John bei ihr war, dann schien es nichts und niemanden geben zu können, der sie zum Fürchten brachte.

Er nahm zärtlich ihre Hand und führte sie ins Haus. Sie erreichten die Tür, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war. John Billings bewahrte schließlich einige wichtige Dokumente in seinem Zimmer auf. Dokumente, die er nicht auf See mitnehmen wollte, weil sie nicht zu ersetzen gewesen wären.

Schließlich betraten sie die Wohnung.

„Ich habe leider kein Feuerholz für den Kamin“, bekannte John.

„Das macht nichts“, hauchte sie. Sie sahen sich erneut an und einige Augenblicke lang sagte keiner von ihnen ein Wort. John Billings schluckte. Er trat auf die zu und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Sehr zärtlich und liebevoll tat er dies.

Ihre Lippen trafen sich zu Küssen, die immer fordernder und leidenschaftlicher wurden.

Dann zögerte sie plötzlich.

Mit hochrotem Kopf sagte sie: „Wir sollten das nicht tun. Ich weiß, wohin das führt. Und es ist Sünde, wenn das geschieht, bevor wir tatsächlich vor Gott Mann und Frau sind.“

„Vor Gott sind wir das längst!“, widersprach John Billings. „Nur vor der Welt noch nicht. Das ist die Wahrheit! Denn für mich gibt es keine andere als dich.“

Erneut begann er, sie zu küssen, ihr zärtlich über das Haar, die Stirn, das Gesicht und schließlich auch über die Schultern zu streicheln.

Jede seiner Berührungen erschien ihr wie eine prickelnde Quelle sinnlichster Empfindungen. Sie wollte mehr davon. Viel mehr. Und so entschied sie, dass er mit seiner Interpretation der Ehe vor Gott Recht hatte.

„Es ist die Kraft der Liebe, die uns zueinander zieht“, murmelte sie. „Und gegen diese Kraft ist kein Kraut gewachsen.“

„Ja, das ist ein wahres Wort“, gab er zu. Sie küssten sich erneut. Er streifte ihr den Umhang von den Schultern – sie tat dasselbe mit seiner Jacke. Sie sanken auf das Bett, in dem John nächtigte, wenn er nicht gerade auf See war. Es bot für beide Platz genug.

„Oh, John“, flüsterte sie.



5

Als sie am Morgen durch ein paar Sonnenstrahlen geweckt wurden, die durch das Fenster fielen, schreckte Catherine geradezu hoch.

„Was haben wir nur getan!“, stieß sie hervor.

„Wir haben genau das vorweggenommen, was uns in Kürze ohnehin niemand mehr streitig machen wird! Was soll man sich darüber groß Gedanken machen?“

Sie begann sich anzuziehen. „Ich kann es gar nicht mehr erwarten, bis wir verheiratet sind und ich nicht mehr darauf achten muss, dass mich auch niemand dabei beobachtet, wie ich die dieses Haus verlasse…“

„Ach, Catherine… Das ist ein schöner Traum von der Zukunft.“

„Nur leider sind wir keine Königskinder, sondern die Kinder einfacher Bürger.“

In diesem Moment klopfte es grob an der Tür.

„John Billings! Machen Sie die Tür auf! Im Namen des Königs, öffnen Sie.“

John fuhr hoch und sah Catherine fragend an. „Wer kann das sein?“

„Ich weiß es nicht, John.“

Er zog sich rasch an. Er hatte sich gerade Hemd und Hose übergestreift, da flog die Tür zur Seite. Vier Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten stürzten herein.

John erstarrte. Und Catherine konnte nur fassungslos mit ansehen, was geschah. Ein Sergeant betrat als letzter das Zimmer. Er sah John an.

„Sie sind der Kapitän John Billings?“

„Ja, Sir, der bin ich. Aber was wird hier für ein Auflauf veranstaltet? Das muss eine Verwechselung sein!“

„John Billings, Ihnen wird vorgeworfen, mit Ihrem Schiff die Blockade Frankreichs verletzt zu haben und in Gewässer gesegelt zu sein, die dem Einflussgebiet der Feinde seiner Majestät angehören. Sie werden deshalb festgenommen und in den städtischen Kerker überstellt, bis ein Gericht über Ihren Fall entschieden hat!“

Der Sergeant nahm Haltung an.

„Das ist unmöglich!“, rief John.

„Ziehen Sie sich vollständig an, Mister Billings. Und dann machen Sie bitte keine weiteren Umstände, sonst müssen wir Gewalt anwenden.“



6

John Billings wurde in den städtischen Kerker geworfen, der völlig überfüllt war. Catherine versuchte eine Besuchserlaubnis zu erwirken, was ihr nach einigen Schwierigkeiten auch gelang. Sie wurde zum Kerker vorgelassen, wo John hinter gusseisernen Gitterstäben zusammen mit zwei Dutzend anderen Gefangenen in seinem Verlies saß.

„Catherine, es wird schon alles wieder gut“, sagte er.

„Aber die behaupten, dass du Hochverrat begangen und die Blockade gebrochen hättest! John, die werden dich hinrichten oder für Jahre hinter Gitter bringen!“

„Nein, das werden sie nicht“, war er zuversichtlich. „Ich habe nämlich nichts dergleichen getan und die Wahrheit wird sich schon herausstellen!“

„Oh, John!“

Sie nahm seine Hand, aber das wollte der Wächter nicht zulassen. „Kommen Sie, das geht zu weit“, sagte er. „Sie müssen jetzt gehen.“



7

Es wurde nicht alles gut, wie John gehofft hatte. Die Anklage basierte auf einer anonymen Beschuldigung, die angeblich von einem der Seeleute stammte, die mit John Billings hinausgefahren waren, den John für die nächste Fahrt nicht mehr anheuern wollte.

Eigentlich lagen keine handfesten Beweise vor. Aber das Gericht war völlig überlastet. Es urteilte im Schnellverfahren. Und da die Regierung von Premierminister Putt gerade erst neue Gesetze erlassen hatte, die Blockadebrecher aus Profitgier, wie es hieß, strenger abstrafen sollten, sah das Gericht auch keinen Anlass, Gnade walten zu lassen.

Der Verteidiger war schlecht vorbereitet und wenig interessiert an dem Fall. Halbherzig versuchte er, ein Urteil durch Geschworene anstatt durch einen Einzelrichter zu erwirken, aber der Antrag wurde abgelehnt.

Nach wenigen Minuten war der Schuldspruch gefallen.

John Billings wurde wegen Hochverrats zu zwanzig Jahren Haft, abzubüßen in einer Strafkolonie in Neu Holland, verurteilt.

Catherine glaubte den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, als sie dies anhörte.

„Unsere Regierung sieht es als das Beste an, wenn Blockadebrecher und andere, die England Schaden zufügen oder es in dieser schweren Zeit an der Loyalität zu König und Vaterland mangeln lassen, in dem neuen Kontinent im Süden durch Arbeit zur Läuterung gelangen“, begründete der Richter sein Urteil.

John wurde aus dem Gerichtssaal geführt. Catherine versuchte zu ihm zu gelangen, aber das wir nicht möglich. Ein Menschenauflauf trennte sie sehr schnell von ihm. Bewaffnete Wächter sorgten dafür, dass sie abgedrängt wurde. Er wandte den Kopf in ihre Richtung, während er abgeführt wurde. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke.

Tränen glitzerten in Catherines Augen. Sie hätte schreien wollen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.



8

Schon ein paar Tage später wurde John mit einem Gefangenentransport nach Southampton gebracht. Von dort aus liefen inzwischen alle Monate Schiffe in die Kolonien in Neu Holland aus, das man auch Australien oder das Südland nannte.

Ein Land so trocken und heiß, dass die holländischen Seefahrer, die vor über hundert Jahren bereits an seinen Küsten gelandet waren, recht rasch das Interesse an diesem Kontinent verloren hatten. 1788 waren die ersten britischen Siedler im Südosten des Kontinents gelandet und hatten sich niedergelassen.

Seitdem gab es einen zwar zunehmenden, aber im Ganzen doch recht spärlichen Verkehr an diesen Ort, der im wahrsten Sinne des Wortes am anderen Ende der Welt lag. Die klimatischen Bedingungen waren nicht optimal. Geschichten über Wundersame Tiere und zahllose Giftschlangen machten die Runde und es gab nicht wenige, die es als völlig sinnlos ansahen, diesen Südkontinent zu besiedeln, da die dortigen Kolonien mit Sicherheit für hundert Jahre auf Hilfe von außen angewiesen seien – wenn sie es überhaupt je schafften, sich selbst zu versorgen.

Die Holländer hatten schon gewusst, warum sie die Terra Australis verschmäht hatten, obwohl sie durch ihre Kolonien auf Java und Sumatra eigentlich eine viel bessere Ausgangsposition gehabt hatten.

Catherine versuchte alles, was in ihrer Macht stand, um das Unvermeidliche doch noch aufzuhalten. Sie beauftragte einen Anwalt, um gegen das Urteil vorzugehen, aber das erwies sich als erfolglos. Als sie schließlich nach Southampton gelangte, bekam sie gerade noch mit, wie das Schiff, mit dem John Billings deportiert wurde, den Hafen verließ.

Sie stand an der Kaimauer und sah den braunen Segeln nach, bis diese hinter dem Horizont verschwanden. Wie betäubt fühlte sie sich. Der Gedanke daran, dass sie John nie wieder sehen würde, ließ sie kaum atmen.

Aber genau damit musste sie rechnen.

Keiner der Deportierten war je zurückgekehrt.

Und wenn ich ihm folgen würde – ans andere Ende der Welt?, ging es ihr durch den Kopf. Aber auch das war vollkommen utopisch. Sie hätte niemals Geld genug gehabt, um sich eine Fahrt dorthin leisten zu können. Davon abgesehen konnte sie auch ihren kranken Vater und dessen Weinhandlung nicht im Stich lassen.

In meinem Herzen wirst du immer bei mir sein, John!, dachte sie. Ganz egal, wohin uns das Schicksal auch jeweils verschlagen mag…

Tränen glitzerten in ihren Augen und ein kühler Wind trocknete sie. Sie schluckte und fühlte eine Traurigkeit wie nie zuvor in ihrem Leben.



9

„Es wird andere junge Männer in deinem Leben geben“, sagte ihr Vater später zu ihr. „Du wirst sehen, eines Tages kommst du darüber hinweg!“

„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte sie. „Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen.“

„Aber es wird so kommen, glaub mir!“

„Ich bin mir ganz sicher, dass ich John niemals vergessen werde. Wo immer er auch sein mag…“

In den nächsten Tagen wurde John Billings’ Schiff, die SEAGULL, versteigert, den nach dem Gesetz fiel das Eigentum eines Hochverräters an die Krone Englands.

Der Herbst kam. Die Blätter fielen und die Traurigkeit der Landschaft war wie ein Spiegelbild von Catherine Glenfields Seele. Sie hatte das Gefühl, als wäre ein Teil ihrer selbst gestorben. So als hätte man ihr Stück ihres Herzens herausgerissen. Ihre Arbeit in der Weinhandlung verrichtete sich wie mechanisch. Und auch das Gerede der Leute nahm sie nur ganz am Rande wahr.

Hier und da kam das Gerücht auf, dass John Billings vielleicht sogar für die Weinhandlung der Glenfields französischen Wein aus Frankreich herübergeschmuggelt habe. Die wildesten Spekulationen schossen in dieser Hinsicht ins Kraut. Die Versicherungen, dass die Bestände an französischem Wein, die es bei den Glenfields gab, noch aus der Zeit vor der Blockade stammten, wurden eher achselzuckend zur Kenntnis genommen und nicht wirklich geglaubt.

Auf Grund einer anonymen Anzeige kam es schließlich sogar zu einer Durchsuchung der Bestände. Aber da die Weinhandlung der Glenfields immer sehr akribisch geführt worden war, fanden sich für jede einzelne Flasche entsprechende Herkunftsbelege, sodass die Anzeige im Sande verlief.

Für Catherines Vater jedoch war das alles etwas zu viel. Nachdem der ohnehin kranke Mann über starke Schmerzen in der Brust klagte, ließ Catherine Dr. Soames kommen, den Hausarzt der Familie.

Als er später mit Catherine sprach, konnte der Mediziner der jungen Frau leider keine große Hoffnung machen.

„Es ist das Herz“, sagte Dr. Soames. „Ihr Vater braucht jetzt absolute Ruhe. Jede Aufregung könnte einen weiteren Anfall hervorrufen.“

„Ich werde tun, was ich kann“, versprach Catherine. „Schon jetzt führe ich den Weinhandel mehr oder weniger allein. Aber es wir immer schwerer für uns, seid diese Gerüchte im Umlauf sind, dass wir vom Schmuggel über den Kanal profitiert hätten.“

„Ich weiß, Miss Glenfield, ich weiß…“, nickte der Arzt. „Und ich wünschte, ich könnte mehr für Sie tun.“



10

In der Folgezeit kam Dr. Soames öfter zu den Glenfields, um regelmäßig den Zustand des Hausherrn zu kontrollieren. Der Winter 1809/10 war ungewöhnlich hart für die Südküste Englands. Die Temperaturen sanken über Wochen unter den Gefrierpunkt. Eiszapfen hingen von den Dächern der Häuser und eine dünne Schneeschicht lag über allem.

Thomas Glenfield erlitt einen zweiten Herzanfall, den er nur knapp und durch das beherzte Eingreifen des Arztes überlebte.

„Ich habe wirklich alles getan, um Aufregung von ihm fern zu halten“, sagte Catherine später, als sie mit Dr. Soames noch bei einer Tasse Tee vor dem Kamin saß. „Aber allein die Bilanzen des Weinhandels werden ihn schon genug aufgeregt haben!“

„Warum haben Sie ihm diese Unterlagen dann überhaupt gezeigt?“

Catherine seufzte.

„Weil er sich noch mehr aufgeregt hätte, wenn ich sie ihm nicht gezeigt hätte, so wie ich es ursprünglich vorgehabt habe! Aber Dad witterte natürlich gleich, dass da etwas nicht in Ordnung war.“

„Steht es so schlimm?“, fragte Dr. Soames in verständnisvollem, warmherzigem Ton.

Catherine nickte. „Einige glauben, dass wir Franzosenfreunde wären, während gleichzeitig englische Soldaten auf dem Kontinent gegen Napoleon kämpfen und dort ihr Leben lassen!“

„Gegen Dummheit und Fanatismus gibt es leider keine wirksame Medizin“, erwiderte Dr. Soames.

„Ja. Das ist wohl wahr.“

Der Arzt druckste noch etwas herum und Catherine spürte, dass er noch etwas zu sagen beabsichtigte, was ihm noch auf dem Herzen lag. „Miss Catherine…“, brachte er schließlich heraus. „Ich darf Sie doch so nennen, hoffe ich? Ich weiß, dass uns die Krankheit Ihres Vaters zusammengeführt hat, aber in dieser Zeit habe ich die Gespräche und den gedanklichen Austausch mit Ihnen sehr genossen…“

„Das geht mir umgekehrt genauso, Dr. Soames. Und ich weiß sehr wohl, dass Sie für meinen Vater alles nur erdenkliche tun…“

„In vielen Dingen steht die Medizin heute noch am Anfang.“

„Das ist mir in letzter Zeit sehr schmerzhaft bewusst geworden“, konnte Catherine nur zustimmen. Aber sie begann zu erahnen, dass dies nicht der eigentliche Punkt war, auf den der Arzt hinauswollte.

„Miss Catherine, vielleicht komme ich mit diesem Ansinnen zu eine völlig ungeeigneten Zeitpunkt zu Ihnen und falls das so sein sollte, so sagen Sie mir dies bitte offen und ehrlich. Aber anderseits kann ich auch nicht länger verbergen, dass ich mich zu Ihnen hingezogen fühle.“

Catherine schluckte und errötete leicht.

Gewiss war ihr der Arzt sympathisch und auch sie hatte es genossen, mit jemandem über alles sprechen zu können. Auch über Dinge, die ihr so auf der Seele lagen und die sie ihrem Vater gegenüber mit Rücksicht auf dessen ach so labile Gesundheit nicht zu erwähnen wagte.

Aber dieses Geständnis kam nun doch überraschend.

Sie wich dem Blick Ihres Gegenübers aus.

„Dr. Soames, ich…“

„Nennen Sie mich ruhig George, Miss Catherine!“

Aber Catherine Glenfield schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich möchte Sie eigentlich gerne weiterhin Dr. Soames nennen, wenn Sie gestatten.“

Dr. Soames Körperhaltung straffte sich. „Ich verstehe“, murmelte er. „Es tut mir Leid, wenn ich zudringlich gewirkt haben sollte. Es ist nur so, dass ich mir eine engere Verbindung zwischen uns durchaus gewünscht hätte. Und vielleicht lassen Sie sich das ja auch noch einmal durch den Kopf gehen und überlegen sich, wie Ihre Zukunft aussehen soll…“

„Nein, ich glaube kaum, dass Sie das richtig verstehen können, Dr. Soames.“

„Dann erklären Sie es mir, Miss Catherine“, forderte der Arzt sie auf.

Catherine seufzte. Ein Schwall wirrer Gedanken jagte in ihrem Kopf herum und bildete ein Knäuel verschlungener Verbindungen, das ihr in diesem Augenblick kaum entwirrbar schien.

„Es war durchaus nicht meine Absicht, Sie vor den Kopf zu stoßen, Dr. Soames, denn auch ich habe die Gespräche und den Austausch mit Ihnen sehr geschätzt. Sie waren mir in diesem dunklen Herbst und in diesem noch finsteren Winter eine große Stütze. Aber ich will auch ehrlich zu Ihnen sein. Die Art von Zuneigung, die Sie mir gegenüber zu empfinden scheinen, kann ich leider nicht erwidern.“

„Aber vielleicht werden Sie das noch – in der Zukunft“, wandte Dr. Soames ein. „Ich bitte Sie, berauben Sie mich nicht dieser Hoffnung!“

„Es tut mir aufrichtig leid, ich halte das für ausgeschlossen.“

Dr. Soames wirkte enttäuscht. Er trank seinen Tee aus. „Ihr Herz gehört noch immer John Billings“, stellte er fest.

„Er wurde durch eine ungerechte Justiz, die sich von einer Intrige blenden ließ, von mir fortgerissen, aber das heißt nicht, dass ich ihn vergessen hätte. Dazu wäre ich nicht in der Lage! Und wenn es irgendeine Möglichkeit dazu gäbe, würde ich ihm nach Neu Holland folgen!“

„Sie wissen nicht, was Sie sagen, Miss Catherine!“

„Oh doch, das weiß ich! Es soll ein Land sein, in dem bleich angemalte Eingeborene den Busch auf Hunderten von Meilen mit Feuer entflammt haben. Ein Land, in dem es mehr Giftschlangen gibt als bei uns Vogelarten. Ein Land, dessen Inneres so heiß und trocken sein soll, das niemand darin vorzudringen vermag.“

„Nicht von ungefähr wurde es mit der Hölle verglichen!“

„Das würde mich alles nicht schrecken, Dr. Soames.“

Sie schwiegen eine Weile und Dr. Soames äußerte schließlich seinen Wunsch zu gehen.

An der Tür wandte er sich noch einmal zu Catherine herum. „Bei alledem, worüber wir gesprochen haben, sollten Sie auch Ihre Zukunft nicht außer Acht lassen“, sagte Dr. Soames.

„Sie meinen, eine Arztfrau hätte eine sicherere Zukunft als die Erbin eines inzwischen ziemlich verschuldeten Weinhändlers?“

„So direkt hatte ich das nicht ansprechen sollen“, gestand Dr. Soames. „Aber im Prinzip ist es genau das, was Sie bedenken sollen, Miss Catherine.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Sorge um mich, Dr. Soames. Aber das alles ändert nichts an der Gültigkeit dessen, was ich Ihnen gegenüber bisher zu diesem Thema äußerte.“

Dr. Soames verabschiedete sich und Catherine schloss die Tür. Nein, da war kein Zweifel in ihr. Der Platz in ihrem Herzen war besetzt. Mochte John Billings auch Tausende von Meilen von hier entfernt sein, so war sie doch in Gedanken und mit Gefühl immer bei ihm.



11

Der Winter war noch nicht zu Ende, da wachte Thomas Glenfield eines Tages nicht mehr auf. Sein schwaches Herz war stehen geblieben und er war friedlich eingeschlafen.

Dr. Soames blieb nichts weiter übrig, als den Tod des Patienten festzustellen.

Catherine schluchzte. Auch wenn sie das Unvermeidliche lange hatte kommen sehen, so war es nun doch ein entsetzlicher Schrecken.

Doch der Schrecken war damit für die junge Frau noch keineswegs vorbei. Die Weinhandlung hatte inzwischen ein Kredit aufnehmen müssen und die Bank forderte diesen nun zurück. Den alten Glenfield hatte man als kreditwürdig angesehen – nicht aber seine Tochter.

„Es tut uns Leid, dass wir Ihnen keinen angenehmeren Bescheid geben können, Miss Glenfield, aber ich habe die Angelegenheit mit unserem Direktorium immer und immer wieder erörtert und das Risiko, Sie als Kreditnehmerin einzusetzen, erschien uns einfach gegenüber unseren Bankkunden als nicht verantwortbar“, erläuterte Mister Jeffrey Winterbottom die Situation, während Catherine Glenfield wie angewurzelt und starr vor Angst im Büro des Bankdirektors saß.

Winterbottom war ein dicker, feister Mann, der die Angewohnheit hatte, dauernd mit seiner goldenen Taschenuhr herumzuspielen. Er zog diese immer wieder aus der Westentasche heraus, öffnete sie und ließ sie mit einem klackenden Geräusch wieder zuschnappen.

„Bitte geben Sie mir doch eine Chance“, flehte Catherine. „Zumindest dieselbe Chance, die Sie der Weinhandlung gegeben haben, solange mein Vater noch lebte!“

„Es mag herzlos klingen, Miss Glenfield, aber genau darin liegt der Unterschied. Wir glauben einfach nicht, dass Sie den Laden wieder auf die Beine kriegen! Vor allem nicht, nachdem diese unschönen Gerüchte im Umlauf sind…“

„…die sich allesamt als haltlos erwiesen haben, Mister Winterbottom!“, fiel Catherine ihm ins Wort.

„Das mag in den Augen der Behörden und der Justiz so sein – aber nicht in den Augen Ihrer Kundschaft. Finden Sie sich damit ab: Entweder, Sie können den Kredit bis Morgen auslösen, oder die Weinhandlung wird samt dem Inventar an den Meistbietenden verkauft.“

„Aber ich kann diese Summe nicht aufbringen, Sir!“

„Das tut mir Leid für Sie, Miss Glenfield. Und es tut mir Leid für Ihren Vater, den ich über viele Jahre hinweg in finanziellen Dingen beraten habe. Aber die Dinge sind nun mal so, wie sie sind!“



12

Wie betäubt verließ Catherine das Büro von Jeffrey Winterbottom. Die Weinhandlung war verloren. Alles, was ihr jemals gehört hatte oder gehören sollte, zerrann ihr jetzt unter den Händen.

Die Versteigerung am nächsten Tag ergab nicht einmal einen Bruchteil der Summe, die nötig gewesen wäre, um die Schulden zu tilgen.

Alles, was sie jetzt noch hatte, war ein Bündel mit ihren persönlichen Sachen. Ein paar Kleidungsstücke und eine King James Bibel. Das war alles.

Mit ihrem letzten Geld fuhr sie mit der Postkutsche nach Southampton, wo sie entfernte Verwandte hatte, bei denen sie unterzukommen hoffte.

Besonders gelegen kam sie im Haushalt ihres Großonkels Richard Glenfield nicht, der sich schon vor ihrer Geburt mit Catherines Vater zerstritten hatte.

Er führte einen kleinen Krämerladen und hatte selbst keinen Penny übrig.

Aber Catherine wurde dennoch aufgenommen und schlief in der Stube. Tagsüber half sie im Laden und am Abend zog es sie oft in die Nähe des Hafens. Dorthin, wo sie das Schiff hatte auslaufen sehen, das John Billings mitgenommen hatte.

Ein paar Monate gingen so ins Land. Es wurde wärmer, auch wenn an der Kanalküste immer ein frischer Wind vom Meer her wehte.

Und dann wurde eines Tages wieder einer jener mächtigen Segler beladen, die sich auf die Reise ans andere Ende der Welt machten. Gefangene waren nicht an Bord, sondern vorwiegend dringend benötigte Werkzeuge. Auch Tiere wurden auf das Schiff gebracht. Allen voran Schafe, die man offenbar in Neu Holland gut züchten konnte.

In einem Moment, in dem die Wachen abgelenkt waren, schlich sie an Bord. Catherine schlich bis zu einer Luke, die unter Deck führte. Sie stieg hinab und verbarg sich zwischen Mehlsäcken, Säcken Saatgut, aus dem Siedler in Neu Holland fruchtbare Felder zu machen gedachten und Kisten voller Werkzeug. Flugscharen waren darunter ebenso wie jede Menge Schaufeln und Hacken. Noch gab es in Neu Holland kaum Betriebe, die Eisen verarbeiteten. Aber das würde sich in wenigen Jahren sicherlich geändert haben.

Catherine verbarg sich dort unten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Es war eine verrückte Idee, die ihr Kopf herumspukte. Warum nicht einfach an Bord des Seglers bleiben und sich bis nach Neu Holland fahren zu lassen?

Schlimmer, als es für sie hier in England war, konnte es ohnehin nicht mehr werden.

Wollte sie wirklich als fünftes Rad am Wagen im Haushalt ihres Großonkels Richard versauern? So mittellos, wie sie war, konnte sie weder heiraten noch irgendein Geschäft beginnen. Allenfalls als Wäscherin hätte sie sich noch verdingen können – oder als Prostituierte in den zweifelhaften Tavernen am Hafen.

Auf einmal erschien Catherine dieses Schiff wie eine einmalige Chance, dem Elend, das zweifellos auf sie in der Zukunft wartete, doch noch zu entkommen.

Schlimmer als das, konnte auch ein Leben in der Gluthölle von Neu Holland nicht sein – ganz gleich, welche der furchtbaren Geschichten, die man darüber hörte, nun der Wahrheit entsprechen mochten und welche nicht.

FAR HOPE, so lautete der beziehungsreiche Name des Dreimasters.

So kauerte Catherine unter Deck, verbarg sich ganz weit im hintersten Winkel des Lagerraums.

Träger schleppten die halbe Nacht hindurch Kisten und Säcke in diesen Raum.

Fässer mit Frischwasser wurden zugeladen – und solche mit Rum. Außerdem sehr viel Stockfisch als Verpflegung für die Mannschaft.

Am nächsten Tag legte das Schiff ab. Catherine war eingeschlafen. Sie erwachte, als ein Ruck durch die FAR HOPE ging.

Die Rufe der Matrosen waren unüberhörbar. Befehle wurden über Deck gerufen und bestätigt. Außerdem setzte man Segel und nahm Fahrt auf. Das Schiff neigte sich ein wenig mit dem Wind und wurde sanft hin und her gewiegt.

Die Zeit wirkte auf Catherine wie ins Unendliche gedehnt, denn es schien sich nichts zu ereignen. Jeder Tag und jede Nacht nach waren gleich. Selbst am Tag fiel so gut wie kein Licht in das Ladedeck. Allenfalls ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch die Ritzen zwischen den Planken stahlen oder durch die Luke hereinkamen. Wenn sie geschlossen war, dann bedeutete dies für Catherine eine fast vollkommene Dunkelheit.

Doch innerhalb kürzester Zeit vermochte sie sich im Ladedeck quasi blind zu bewegen. Ihre Hände übernahmen dabei die Aufgaben der Augen. Da sich auch die Vorräte hier befanden, hatte sie jederzeit ausreichend Wasser, Stockfisch und Zwieback zur Verfügung, um Hunger und Durst zu stillen.

Sie musste nur aufpassen, sich nicht gerade in dem Augenblick an den Vorräten zu schaffen zu machen, wenn der Schiffskoch den Raum betrat, um irgendetwas für das tägliche Mahl zu holen, das er für die Besatzung herrichten musste.

Ein Mahl, über das die Besatzungsmitglieder jeden Tag etwas mehr murrten, wie Catherine durch die dünnen Planken sehr wohl mitbekam. Die Stimmung unter den Seeleuten war schlecht. Ein Teil von ihnen bezweifelte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich für eine der Neu Holland-Fahrten anheuern zu lassen.

Die meisten der Männer schliefen auf dem Zwischendeck über der Ladekammer, wo sich auch die Luken der Kanonen befanden. Von dort aus konnte Catherine ihre Gespräche sehr gut mit anhören. Sie gab sich deswegen auch keinerlei Illusionen hin.

Was mit ihr geschah, wenn sie entdeckt wurde, wusste sie nicht.

Vielleicht würde man sie einfach irgendwo an Land setzen, von wo aus sie dann zusehen konnte, wie sie fort kam.

Auch damit musste sie rechnen.

Schließlich war der Captain der FAR HOPE während der Seereise nach Neu Holland ein fast unumschränkter Herrscher auf seinem Schiff.

Etwas, das so mancher von ihnen allerdings auch weidlich ausnutzt!, ging es ihr durch den Kopf.

Der Captain der FAR HOPE hieß Blackwell und Catherine hörte seine Kommandos bis in den Laderaum.

Ein Tag verging für sie wie der andere und sie verlor langsam den Sinn dafür, wie viel Zeit vergangen war. Aber sie stellte fest, dass es immer wärmer wurde, da die FAR HOPE offenbar in wärmere Klimazonen einfuhr. Die Luft wurde fast unerträglich stickig und Catherine hätte sich nichts so sehr gewünscht, wie einmal am Deck gehen zu gehen, um frei durchzuatmen. Selbst auf dem Zwischendeck über ihr musste es geradezu paradiesisch sein, da die Kanonenluken für Durchlüftung sorgten.

Hier unten aber fühlte sie sich wie lebendig begraben.

Manchmal dämmerte sie den ganzen Tag mehr oder weniger vor sich hin, kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Das Wasser schmeckte schal und Catherine wurde tagelang so schlecht, dass sie schon dachte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen.

Eines Nachts schlich sie an Deck. Der Wunsch, frei atmen zu können, war einfach übermächtig geworden. Erschreckend schwach waren inzwischen ihre Arme und Beine, da sie sich in den Wochen, die zurücklagen kaum hatte bewegen können und sich schlecht ernährt hatte.

Catherine stieg vorsichtig die Leiter empor und öffnete die Luke, die an Deck führte. Sie kam am Zwischendeck vorbei. Die meisten Seeleute schliefen. Hier und da war ein Schnarchen zu hören.

Als Catherine an Deck gelangt war, stand der Mond als großes, helles Oval am Himmel. Catherine blickte zum Sternenhimmel empor. Wenn ich darin geübt wäre, dann könnte ich jetzt erkennen, wie weit gen Süden wir schon gesegelt sind!, dachte sie. Und irgendwo in einer einsamen Siedlung am Rand des Südlandes blickte jetzt vielleicht auch John Billings zum Himmel hinauf und dachte an sie. Jedenfalls stellte sich Catherine das vor. Ein Gedanke, der ihr Kraft gab. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich sein Gesicht mit den meergrünen Augen vorstellte. Das Lächeln, mit dem er sie immer angesehen hatte. Ein Ausdruck, der ihr das Gefühl gegeben hatte, dass sie da jemand von ganzem Herzen und aus tiefster Seele liebte. Sie glaubte für einen Moment den Klang von Johns Stimme zu hören.

So weit wir auch räumlich voneinander entfernt sein mögen, in Gedanken sind wir doch beieinander!, ging es ihr durch den Kopf. Und es gibt nichts, was uns zu trennen vermag…

Der Geruch von Salzwasser und Seetang drang ihr in die Nase. Aber in dieser Nacht kühlte es kaum ab. Sie mussten sich irgendwo in tropischen Gewässern befinden. Wahrscheinlich an der westafrikanischen Küste.

Sobald wir das sturmumtoste Kap der guten Hoffnung erreichen, werde ich es in meinem Versteck sicher mitbekommen!, dachte Catherine.

Sie zuckte zusammen als ein knarrender Laut ertönte.

Einer der Steuerleute hielt Wache am Ruder. Seine Gestalt ragte hoch auf und hob sich wie ein dunkler Schemen gegen den Sternenhimmel und das Mondlicht ab.

Aber er konnte Catherine nicht sehen, da sie sich in dem Schatten befand, den die Heckaufbauten der FAR HOPE warfen.

Die Segel waren nur mäßig gebläht. Ein lauer, warmer Wind blies. Immerhin herrschte keine Flaute.

Ich werde vorsichtiger sein müssen!, dachte Catherine.

Bis kurz vor Morgengrauen blieb sie an Deck.

Dann erst schlich sie zurück in den Lagerraum. Gerade noch rechtzeitig, um nicht von den erwachenden Matrosen entdeckt zu werden.

Sie kauerte sich in ihre Ecke und wenig später kam der Koch zu ihr hinunter, um ein paar essbare Zutaten zu suchen, die die Ratten bisher verschmäht hatten.

Catherine wagte es kaum zu atmen und sie hatte das Gefühl, dass der Koch eigentlich ihren Herzschlag hätte hören müssen.

Aber er verschwand schließlich wieder.

Knarrend stieg er die Leiter empor und Catherine atmete auf.



13

Die FAR HOPE legte in einem britischen Stützpunkt an der Goldküste an, um frisches Trinkwasser an Bord zu nehmen. Es ging rasch weiter gen Süden. Die Temperaturen gingen zurück. Der Seegang nahm spürbar zu.

Eines Tages schreckte Catherine aus tiefem Schlaf hoch. Eine Hand fasste sie bei der Schulter.

„Heh, du!“

Sie zuckte zusammen und blickte in die Augen des Kochs. Durch die Luke fiel ein bisschen Licht. Außerdem durch die Ritzen zum Zwischendeck. Aber das reichte kaum aus, um wirklich viel sehen zu können.

Unwillkürlich wollte Catherine einen Schrei ausstoßen, aber der Koch presste ihr seine riesige Hand auf den Mund.

„Sei still“, sagte er.

Dann ließ er sie los und musterte sie. Sie wich etwas zurück. Offenbar hatte der Koch etwas gesucht und war dabei auch in den hinteren Teil des Lagerraums vorgedrungen.

„Wer bist du?“, fragte der Mann.

Catherine war unfähig, auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen.

„Du bist eine blinde Passagierin, was?“

Was gab es darauf zu sagen.

Der Koch lachte. Er griff nach Catherines Arm und erwischte ihr Handgelenk. Sein Griff war wie ein Schraubstock. „Komm mit“, sagte er. „Wir werden sehen, was der Captain dazu sagt!“

Der Koch zog sie mit sich. Er stieg mit ihr die Leiter hinauf. Schon im Zwischendeck wurde sie von verwunderten Blicken gemustert.

„Heh, wen hast du denn da aufgegabelt?“, rief einer der Seeleute.

„Ich hatte immer gedacht, dass Seejungfrauen ins Land der Fabeln gehören!“

Dröhnendes Gelächter folgte.

Wenig später hatte der Koch Catherine an Deck gezerrt.

„Captain, wir haben eine blinde Passagierin!“, meldete der Koch.

Captain Blackwell war ein großer, breitschultriger Mann mit grauem, etwas verfilzt wirkendem Haar, das ihm bis zur Schulter herabfiel.

Seine Haut war wettergegerbt. Die Züge wirkten hart. Das hervorspringende Kinn unterstrich diesen Eindruck noch.

Die Linke umfasste den Griff eines Säbels, der ihm an einer Schärpe um die Schultern hing. Die FAR HOPE segelte zwar nicht für die britische Marine, aber Captain Blackwell hatte ehemals dort gedient, bevor er bei Admiral Nelson in Ungnade gefallen und entlassen worden war. Catherine wusste dies aus den Gesprächen der Seeleute, die sie ziemlich gut hatte verstehen können.

Angeblich war es bei der Entlassung Blackwells um die Veruntreuung von Marinegut gegangen und da alle Seiten einen Prozess in der Sache hatten vermeiden wollen, um das Ansehen der Navy nicht zu schädigen, hatte man Blackwell einfach aus dem Dienst entfernt und auf eine Strafverfolgung verzichtet.

Aber das ist eben der Unterschied zwischen einem Mitglied des Offizierscorps der königlichen Marine und einem einfachen Frachtkapitän wie John Billings, der schon einer halbgaren Anschuldigung wegen nach Neu Holland deportiert wurde!, ging es Catherine bitter durch den Kopf.

Captain Blackwell musterte sie eingehend.

Ihr war sehr wohl bewusst, dass sie diesem Mann jetzt völlig ausgeliefert war und ihr Schicksal davon abhing, was er entschied.

Catherines Atem ging schneller. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Sie schalt sich eine Närrin dafür, geglaubt zu haben, während der gesamten Fahrt nach Neu Holland unentdeckt an Bord bleiben zu können. Das war wohl sehr naiv gewesen. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. Was auch immer geschah, es konnte kaum schlimmer sein, als das, was sie in der Heimat erwartet hätte, als unerwünschtes fünftes Rad am Wagen im Haushalt ihres Großonkels Richard, der in ihr nichts anderes als eine nutzlose Kostgängerin sah.

„Wann bist du an Bord gekommen?“, fragte Captain Blackwell barsch. „Schon in Southampton?“

„Ja, Captain“, sagte sie.

„Was fällt dir ein, dich an Bord zu schleichen?“

„Ich will nach Neu Holland.“

Captain Blackwell brach in Gelächter aus. Er wandte sich an den Koch. „Haben Sie das gehört, Moore?“

„Ja, Sir“, nickte der Koch.

„Die einen werden in Ketten nach Neu Holland gebracht, weil dort außer denen, die man dazu verdammt hat, niemand leben will. Und diese junge Lady schleicht sogar eigens dafür an Bord der FAR HOPE, um dieses unwirtliche Land zu erreichen!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und trat auf Catherine zu. „Eine Frau an Bord bringt nur Unruhe! Wir erreichen bald die Kapkolonie. Da sollte ich sie an Land setzen!“

„Nein!“, entfuhr es Catherine. „Ich bitte Sie, nehmen Sie mich mit nach Neu Holland!“

Ihr Gegenüber verengte die Augen.

Catherine sah das Misstrauen überdeutlich, das ihr entgegenschlug. Und in gewisser Weise konnte sie den Captain der FAR HOPE sogar verstehen.

„Bist du auf der Flucht vor dem Gesetz?“, fragte Captain Blackwell.

Catherine schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist nicht der Fall.“

„Du sprichst in Rätseln. Warum fliehst du dann ans Ende der Welt? Was hast du auf dem Gewissen?“

„Nichts.“

„Bist du eine Giftmischerin oder etwas in der Art? Vielleicht ist es sogar besser, die Kapkolonie vor dir zu verschonen und dich bereits an der Skelettküste an Land zu setzen – oder gleich über Bord zu werfen! Die Haie wollen schließlich auch leben!“

Gelächter brach aus.

Ein Gelächter, das sofort erstarb, nachdem Captain Blackwell die Hand gehoben hatte.

Einige Augenblicke herrschte Schweigen.

„Ich kann mich nützlich an Bord machen!“, sagte Catherine.

„Du siehst auch gerade so aus, als hättest du die muskulösen Arme eines Seemannes“, spottete Captain Blackwell.

„Ich wüsste schon etwas, wie sie sich ihre Passage verdienen könnte!“, grinste der Koch dreckig.

Aber als er den eisigen Blick des Captains sah, verstummte er sofort. „Das kommt nicht in Frage!“, fuhr Captain Blackwell dazwischen. „Wenn sich einer von euch mit ihr vergnügt, werden die anderen verrückt. Also wird keiner von euch sie anrühren. Außerdem ist Engländerin und Christin – und nicht irgendeine heidnische Eingeborene.“

Der Koch nahm Haltung an. „Ja, Sir!“, stieß er hervor.

Blackwell bedachte Catherine mit einem durchdringenden Blick. „Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet!“, stellte er fest. „Wovor fliehst du? Wenn du mir das nicht beantworten willst, dann lass dir dieselbe Frage von den Haien stellen - aber ich habe keine Lust, mein Schiff unnötig mit Problemen zu befrachten, die durch deine Anwesenheit entstehen könnten.“

„Es gibt nichts, wovor ich fliehe, Captain. Ich folge vielmehr jemandem nach Neu Holland.“

„Wem?“

„Meinem Verlobten.“

Captain Blackwell runzelte die Stirn.

Der Wind fuhr ihm durch das graue, verfilzte Haar und ließ es einer Fahne gleich wehen. Blackwell wirkte nachdenklich. Dann sagte er schließlich: „Du musst eines sehr kindlichen Glaubens sein, um annehmen zu können, deinen Verlobten in Neu Holland noch anzutreffen.“

„Weshalb?“

„Weil ich annehme, dass er nicht freiwillig dorthin verbracht wurde.“

„Das ist richtig.“

„Und weil ich weiter annehme, dass kaum die Hälfte der Gefangenen überhaupt ihren Bestimmungsort erreicht haben und ein weiterer Teil dieser Deportierten im Verlauf des ersten halben Jahres ein Opfer von Schlangenbissen oder Krankheiten wurden…“ Blackwell atmete tief durch. „Mach dich in der Küche nützlich und sieh zu, dass du nicht zuviel isst!“

„Das heißt, ich kann an Bord bleiben?“

„Das heißt, ich werfe dich vorerst nicht den Haien vor. Was in Kapstadt geschieht – das warten wir ab!“



14

Catherine musste nun dem Koch zur Hand gehen, der ihr immer wieder mit anzüglichen Bemerkungen klarmachte, was er eigentlich von ihr wollte.

Aber sie stand unter dem Schutz des Captains und gegen den wagte niemand zu rebellieren.

Wochen später erreichte die FAR HOPE Kapstadt, das die Briten erst vor drei Jahren endgültig den Holländern abgenommen hatten.

Die britische Krone war damit auf groteske Weise Nutznießer der Eroberungen ihres Feindes Napoleon geworden, der die Niederlande besetzt und einen Günstling auf den Königsthron gesetzt hatte.

Ein Teil der Ladung wurde in Kapstadt gelöscht und dafür neue Waren an Bord genommen.

Insgesamt dauerte der Aufenthalt drei Tage.

Da es bisher keine Vorkommnisse gegeben hatte, die Captain Blackwell zu der Ansicht kommen ließen, sich mit Catherine Glenfield unnötig Schwierigkeiten eingehandelt zu haben, sah er davon ab, sie in der Kapkolonie zurückzulassen.

Im Gegenteil! Die Stimmung unter der Besatzung hatte sich verbessert, da viele die Speisen als schmackhafter empfanden, die jetzt in der Bordküche zubereitet wurden.



15

Für viele Wochen sah die Besatzung der FAR HOPE nun kein Land mehr.

Nur das Azurblau des Indischen Ozeans.

Captain Blackwell ließ die Ausgucke verdoppeln, da er befürchtete, auf französische Kriegsschiffe zu treffen, die von Madagaskar oder Ile de France und anderen französischen Besitzungen im Indischen Ozean aus unterwegs waren.

Als dann endlich der Ruf „Land in Sicht!“ ertönte, war das für alle an Bord eine Erleichterung. Die Freudenrufe konnte man wahrscheinlich meilenweit hören.

Catherine stand wie alle anderen auch an Deck.

Die Küste nahte heran. Sie sah bräunlich bis gelblich aus. Hohe Rauchsäulen ragten in den Himmel empor.

„Warum brennt es dort?“, fragte Catherine einen der Männer.

„Weil die Eingeborenen ihr Land ständig in Brand halten“, sagte einer der Matrosen – ein freundlicher, gutmütiger Kerl namens Todd.

„Aber wieso zünden sie ihr Land an?“, fragte Catherine.

„Sie jagen damit – und sie bekämpfen die natürlichen Gegner ebenfalls mit Feuer“, gab Todd Auskunft. „Eine Fahrt an der Küste Neu Hollands entlang ist immer eines der seltsamsten Erlebnisse, über die ein Seefahrer berichten kann. Vor allem hält jeder, dem man das in England erzählt einen für einen Geschichtenerzähler, der sich bei seinen Übertreibungen nicht zurückhalten kann. Aber du siehst ja nun mit eigenen Augen. Dieses Land brennt. Es scheint fast so, als hätten die Eingeborenen es durch Feuer geformt.“

Die ganze Fahrt an der Küste dieses rätselhaften Landes entlang sahen sie von der FAR HOPE aus an Land die Feuer brennen. Mal zahlreicher, mal nur vereinzelt. Aber immer stiegen die Rauchwolken empor.

Dass so manch einer gedacht hatte, sich tatsächlich am Rand des Höllenschlunds zu befinden, der hier her gekommen war, konnte sich Catherine nun lebhaft vorstellen.

Ab und zu kam die FAR HOPE nahe genug ans Ufer heran, um einzelne Eingeborene sehen zu können, die von hohen Klippen aus zu ihnen hinüberblickten.

Captain Blackwell sah die Mischung aus Entsetzen und Staunen in Catherines Gesicht. „Na, bereust du es schon, her gekommen zu sein?“

„Nein“, flüsterte sie. „Niemals werde ich das bereuen.“

Sie dachte daran, dass es nun nicht mehr lange dauern konnte, bis sie John Billings wiedersah.

Ihr Herz schlug wie wild bei dem Gedanken daran.

Aber andererseits war John ein Gefangener und das bedeutete, dass es möglicherweise gar kein Wiedersehen gab. Zumindest nicht in Freiheit.

Sie biss sich auf die Lippen.

Die Frage, was sie konkret dagegen unternehmen wollte, dass John weiterhin in einer Strafkolonie Zwangsarbeit leisten musste, hatte sie bisher einfach verdrängt.

Aber nun brach diese Frage natürlich umso heftiger in ihr auf.

Vielleicht sollte ich mich an den Gouverneur der Kolonie wenden!, dachte sie sich.

Die FAR HOPE passierte die Meeresstraße zwischen der Terra Australis und der Insel Tasmanien, wo es seit 1803 auch einen Stützpunkt der Briten gab. Einen kleinen Hafen namens Hobart.

Diesen Hafen lief die FAR HOPE auch zunächst an. Die Strecke, die jetzt noch vor ihnen lag, entsprach fast der Entfernung zwischen Portsmouth und Lissabon.

Das Südland musste wahrhaft gewaltige Ausmaße haben. Ein Kontinent, der so groß wie fast ganz Westeuropa war. Erst vor kurzem hatte man ihn zur Gänze kartographiert, sodass feststand, dass es sich tatsächlich um eine riesige Insel handelte, die von allen Seiten vom Meer umspült wurde.

In Hobart hörte die Besatzung der FAR HOPE die ersten Neuigkeit aus Neu Süd Wales, wie die britische Kolonie an der Ostküste Neu Hollands genannt wurde.

„Es scheint in Neu Süd Wales eine Rebellion gegen den Gouverneur gegeben zu haben“, berichtete Captain Blackwell, nachdem er von seinem Landgang zurückgekehrt war, gegenüber seinen Offizieren. Aber er tat dies laut genug, sodass jeder, der es hören wollte, alles mitbekam. Catherine spitzte natürlich die Ohren. „Offenbar gab es viele Tote und Verwundete. Und der Gouverneur wurde abgesetzt. Manche sagen allerdings auch, dass die Rebellen erschossen worden sind. Seit vier Monaten hat man keinerlei Nachrichten mehr aus Neu Süd Wales empfangen. Sollten Schiffe von dort losgesegelt sein, so müssen sie die Nordroute genommen haben.“ Der Kapitän runzelte die Stirn und setzte noch hinzu: „Manche sagen sogar, es sei alles niedergebrannt, was bisher an der Botany Bay aufgebaut worden ist und Port Jackson würde nicht mehr existieren.“

Von dem Matrosen namens Todd, der die Route nach Neu Holland wohl schon öfter gefahren war, erfuhr Catherine dann Näheres.

„Dieser Gouverneur – William Bligh ist sein Name – regierte die Kolonie wie seinen persönlichen Besitz und war für seine Selbstherrlichkeit berüchtigt! Wahrscheinlich bist du zu jung, um den Namen William Bligh schon in anderem Zusammenhang gehört zu haben.“

Catherine zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung!“

„Er war der Kommandant der legendären Bounty. Neu Süd Wales hat er als eine Art Privatkönigreich betrachtet! Und das schon gut zwanzig Jahre lang! Wenn du mich fragst, dann war es nur eine Frage der Zeit, wann sich da mal Unmut regt, und sie diesen Tyrannen im Dienst seiner Majestät einfach absetzen.“

„Was könnte das für die Strafgefangenen bedeuten?“, fragte sie.

Todd zuckte mit den breiten Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Alles“, sagte er.

„Alles?“

„Zwischen Freiheit und sofortiger Hinrichtung ist bei so einem Umsturz doch alles drin. Wir wissen nicht, was geschehen ist und daher lässt sich das überhaupt nichts sagen.“

Captain Blackwell entschied sich zunächst dafür, für ein paar Tage in Hobart zu bleiben und erst zu entscheiden, ob er weiter nach Neu Süd Wales segeln sollte, wenn er etwas genauere Nachrichten über die dortigen Vorkommnisse bekommen hatte.

Er überlegte sogar, Port Jackson überhaupt nicht mehr anzufahren, wenn sich herausstellen sollte, dass dort möglicherweise eine wilde Bande von Meuterern das Regiment übernommen hatte. Das Risiko war in dem Fall einfach unkalkulierbar.

Dass man in Port Jackson auf seine Waren dringend wartete, stand natürlich auf einem anderen Blatt. Und es lag Captain Blackwell eigentlich fern, seine Handelspartner im Stich zu lassen. Aber andererseits ließen sich die Güter, die die FAR HOPE transportierte, auch ebenso gut in Hobart verkaufen. Möglicherweise konnte er damit auch auf den Inseln des nahen Neuseeland erfolgreich sein. In Hobart machten Gerüchte die Runde, dass dort die Gründung einer britischen Kolonie kurz bevor stand.

Erste Siedler waren bereits dort. Und sie hatten sicher dringenden Bedarf an allem, was man sich nur denken konnte.

Eine Woche verging, dann eine zweite und eine dritte.

Catherine überlegte schon, ob sie die FAR HOPE vielleicht verlassen und notfalls in Hobart auf eine Gelegenheit warten sollte, doch noch nach Port Jackson zu gelangen.

Die Unruhe in ihr wuchs.

Die Ungewissheit nagte einfach zu sehr an ihrer Seele. Was war mit John Billings geschehen.

Vier Wochen, nachdem die FAR HOPE den Hafen von Hobart angelaufen hatte, traf schließlich ein Segler aus Port Jackson ein.

Es gab neue Nachrichten. Der Verlauf der Rebellion wurde etwas weniger blutig dargestellt. Angeblich gab es einen neuen Gouverneur und die Verhältnisse seien in geordneten Bahnen.

Captain Blackwell erkundigte sich danach, wer dieser neue Gouverneur sei.

„Lachlan Macquarie – ein sehr fähiger Mann!“, lautete die Antwort des anderen Kapitäns.

Blackwell hatte schon von Macquarie gehört.

Und so entschied er, dass man es wagen könne, gen Norden zu segeln.



16

Das Land, an dem die FAR HOPE nun vorbeisegelte, war hügelig und grasbewachsen. Der Name Neu Süd Wales kam also nicht von ungefähr. Aber die Feuer der Eingeborenen waren auch hier allgegenwärtig.

Die FAR HOPE fuhr schließlich in eine recht verborgen gelegene Bucht und erreichte so Port Jackson, den ersten Hafen der Kolonie.

Das Schiff legte an und wurde vertäut. Um den Anlegeplatz der FAR HOPE bildete sich sogleich ein kleiner Menschenauflauf, denn allzu oft kam es nicht vor, dass hier Schiffe anlegten. Und schon gar nicht solche, die aus England kamen.

Als Catherine den Boden dieses neuen Landes betrat, hatte sie ein Gefühl, als ob sie sich in einem Traum befand und jederzeit daraus erwachen konnte.

Es gab nur wenige Häuser in Port Jackson und eine Militärkommandantur.

Todd, der ebenfalls an Land gestiegen war, sprach sie an. „Der Captain hat gesagt, wir bleiben eine Woche hier in Port Jackson. Falls du es dir also noch mal überlegen solltest und plötzlich Heimweh nach England hast...“

Aber Catherine schüttelte den Kopf.

„Das wohl kaum“, sagte sie.

„Aber es könnte ja sein, dass du deinen Verlobten hier nicht findest. Dass du ihn vielleicht nirgendwo mehr findest…“

„Das werde ich bis dahin sicher herausgefunden haben. Wo sind die Gefangenen?“

„Die Strafkolonie ist an einer anderen Bucht, hier ganz in der Nähe. Sie heißt Sydney Cove oder einfach nur Sydney. In dem dazugehörigen Ort residierte auch der Gouverneur – ob das auch für seinen Nachfolger gilt, musst du selbst herausfinden.“



17

Catherine fand im Hafen eine Barkasse, die sie mit nach Sydney Cove nahm. Dafür musste sie mit Aus- und Einladen helfen. Der Besitzer der Barkasse war zwar eigentlich der Ansicht, dass Frauen dafür nicht taugten, aber im Moment konnte er nicht wählerisch sein. Die Waren, die aus der FAR HOPE in Barkassen umgeladen wurden, sorgten ohnehin schon dafür, dass die gesamte männliche Bevölkerung von Port Jackson Arbeit bekam und so musste der Mann froh sein, überhaupt jemanden zu finden.

Er hieß Jenkins und war ein rothaariger Mann mit vielen Sommersprossen.

Er ruderte die Barkasse nach Sydney Cove hinüber, wo man ebenso gespannt auf die Ankunft des Schiffs – und vor allem seiner Waren – gewartet hatte wie in Port Jackson.

„Es gab mal ein paar Franzosen, die sich hier niederlassen wollten“, sagte er. „Das ist aber schon einige Jahre her! Deswegen hat man die Hauptsiedlung nach Sydney verlegt, weil man sich dort besser verteidigen kann!“ Er zuckte mit den Schultern. „Da hat man diesen Flecken Erde extra nach dem ehrenwerten Minister seiner Majestät Thomas Townsend Sydney benannt, in der Hoffnung, dass sich das Mutterland vielleicht mal etwas mehr um Neu Süd Wales kümmert. Aber nicht einmal das hat etwas genützt!“

„Ich verstehe.“

„Mal `ne Frage: Ich sehe keinen Ring an Ihrem Finger. Sie sind nicht verheiratet, was? Also, bevor Sie schlechtere Angebote annehmen, sollten Sie sich mal überlegen, ob jemand, der eine Barkasse besitzt nicht…“

„Ich bin verlobt“, erwiderte Catherine.

„Jammerschade“, fand er. „Es gibt nämlich so wenig weiße Frauen hier.“



18

In Sydney Cove stieg Catherine an Land. Sie half dem Barkassenbesitzer noch bei der Entladung des Bootes und fragte sich dann nach dem Büro des Gouverneurs durch.

Er residierte in einem einfachen Holzhaus, in dem er auch privat wohnte. Es erinnerte an die bunt angemalten Bürgerhäuser in Portsmouth oder Southampton, nur dass es für einen Gouverneur seiner Majestät recht bescheiden wirkte.

Zwei Soldaten hielten vor der Tür Wache. Ein Sergeant schritt ziemlich nervös davor auf und ab, so als erwartete er, dass jederzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen konnte. Möglicherweise waren die Verhältnisse nach der Rebellion gegen das Regime von William Bligh doch noch nicht so klar und eindeutig, wie man das in Hobart erzählt hatte.

Catherine näherte sich der Tür des Hauses. Der Sergeant wurde auf sie aufmerksam und trat ihr einen Schritt entgegen.

„Was suchen Sie hier, Madam?“

„Ich möchte zum Gouverneur, seine Exzellenz Mister Lachlan Macquarie.“

Der Sergeant blickte an Catherines Kleidern herab, die etwas verdreckt waren. Während der Schiffspassage war es nicht einfach gewesen, das Äußere einigermaßen in Ordnung zu halten.

„Sie scheinen bessere Manieren zu haben, als Ihre zerschlissenen Kleider vermuten lassen“, sagte er.

Catherine lag eine giftige Erwiderung auf der Zunge, denn die Uniform des Sergeanten war auch nicht unbedingt in dem Zustand, in dem sie hätte sein sollen. Davon abgesehen, dass er in ihr auch erbärmlich schwitzte, da sie für die hiesigen klimatischen Verhältnisse einfach nicht gemacht war. Aber diese Bemerkung schluckte Catherine herunter.

Sie wollte ja schließlich etwas von Ihrem Gegenüber.

„Ich bin soeben mit dem Schiff hier angekommen und suche meinen Verlobten, einen Mann namens John Billings.“

„Wurde er in die Strafkolonie deportiert?“

„Ja. Durch ein ungerechtes Urteil, das…“

Der Sergeant hob die Hände. „Schon gut, Madam. Aber die Strafkolonie gibt es nicht mehr – zumindest so lange nicht, bis neue Gefangene aus England kommen.“

„Was?“ Catherine vergaß für einige Augenblicke, den Mund wieder zu schließen.

„Gouverneur Macquarie hat als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Amnestie verfügt. Es gab hier ein paar Kämpfe, wie Sie sicher gehört haben und der Gouverneur hielt es nicht für verantwortbar, dass unter den gegebenen Umständen fast alle Soldaten mit der Bewachung von Gefangenen beschäftigt sind.“ Der Sergeant grinste. „Da hat er das ganze Gesindel einfach entlassen. Zumindest diejenigen, die die Kämpfe und die letzte Epidemie überlebt haben. Viele waren das sowieso nicht. Die einzigen Gefangenen sind zurzeit der alte Gouverneur und ein paar seiner Vertrauten!“

„Ich suche Mister John Billings! Was können Sie mir darüber sagen, wo er geblieben sein könnte?“

„Keine Ahnung, Madam. Er konnte gehen, wohin er wollte. Und in der letzten Zeit sind die Unterlagen über die Gefangenen auch nicht besonders sorgfältig geführt worden. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, ob er überhaupt dabei war!“

„Was ist das für ein Krach?“, polterte eine raue Stimme. Der Sergeant nahm sofort Haltung an.

Ein Mann im braunen Gehrock und aschblonden Haaren kam an die Tür. Er war Ende dreißig, trug einen Backenbart und schwitzte furchtbar.

Das Wasser lief ihm die hohe Stirn hinunter. Er setzte seine Brille ab, die ohnehin vollkommen beschlagen war und musterte Catherine.

„Wer ist diese Person?“, fragte er.

„Mister Macquarie, das ist eine Frau, die mit dem Schiff kam“, sagte der Sergeant sichtlich eingeschüchtert.

Der Gouverneur runzelte die Stirn. „Sind sie etwa ledig?“, fragte er an Catherine gewandt.

„Nun, Sir, ich…“

„Ich mag keine ledigen Frauen in meiner Kolonie! Das bringt nur Unruhe und Unmoral, es sei denn, Sie wären eine Nonne! Also sehen Sie zu, dass Sie heiraten, dazu gebe ich Ihnen zwei Wochen! Es gibt schließlich genügend Junggesellen hier! Andernfalls müsste ich Sie aus Sydney verweisen. Schließlich soll sich hier nicht bald schon so ein Sündenbabel etablieren, wie in manchen Vierteln von London!“

„Sir, ich suche meinen Verlobten. John Billings. Er war bei den freigelassenen Gefangenen, so hoffe ich“, erwiderte Catherine.

Macquarie wandte sich an den Sergeant. „Sehen Sie zu, dass Sie herausbekommen, wo dieser John Billings abgeblieben ist!“

„Aber Sir, der könnte überall sein! Vielleicht hat er sich auf irgendeiner Farm anheuern lassen oder…“

„Schauen Sie als erstens ins Sterberegister und dann in die Gefangenenlisten, Sergeant. Ersteres ist nämlich genauer!“, unterbrach der Gouverneur den Sergeant. „Und machen Sie schnell! Sonst verschwendet die junge Lady hier noch wertvolle Zeit von den zwei Wochen, die ich ihr gegeben habe, um eventuell einen Toten zu suchen. Das kann ja nun wirklich nicht in unser aller Interesse sein!“



19

Fast zehn Meilen Meilen musste Catherine durch hügeliges Grasland gehen. Und sie konnte nur hoffen, sich dabei richtig orientiert zu haben.

Aber ihr Herz war leicht und der Gedanke daran, in Kürze auf John zu stoßen, ließen ihre Füße sich fast wie von selbst bewegen.

John Billings, so hatte sich durch die nicht ganz freiwilligen Bemühungen des Sergeants herausgestellt, wohnte inzwischen auf einem Stück Land ein paar Meilen vor Sydney.

Schon von weitem hörte sie das Hämmern.

Eine Hütte entstand auf einem Hügel.

Und davor grasten ein paar Schafe.

Für Catherine gab es kein Halten mehr, als sie John Billings erkannte. Er hatte sich verändert. Ein Bart verdeckte sein Gesicht und das Haar war ziemlich lang geworden.

„John!“, rief sie.

Er drehte sich zu ihr um und glaubte im ersten Moment seinen Augen nicht zu trauen.

„Catherine! Mein Gott, was machst du denn hier?“

„Ich hoffe, du freust dich! Schließlich bin ich dir um den ganzen Erdball gefolgt.“

Einen Augenblick klang blieben sie voller Staunen voreinander stehen, so als ob jeder von ihnen es einfach nicht fassen konnte, den anderen tatsächlich vor sich zu sehen. Dann flogen sie sich in die Arme.

John hielt Catherine fest im Arm und die junge Frau schmiegte sich an ihn. Wie lang hatte sie auf diesen Augenblick gewartet. Und nun war er endlich da.

„Oh, John, ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt, nach allem, was ich gehört hatte…“

Sie küssten sich. Zuerst zart und zurückhaltend, doch dann voller Leidenschaft.

Atemlos lösten sie sich schließlich wieder voneinander.

John Billings sah sie an, strich ihr zärtlich über das Haar und schüttelte voller Verwunderung den Kopf. „Wie bist du hier her gekommen, Catherine?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte sie. „Und ich denke, ich werde Zeit genug haben, sie ausführlich zu erzählen. Aber sag mir zuerst, was das für Schafe sind… Und wie kommt ein amnestierter Gefangener zu einem Stück Land?“

„Land gibt es hier im Überfluss“, sagte John. „Und es ist Land, das sich sehr gut zur Schafzucht eignet. Die Tiere gehören natürlich nicht mir, sondern einem benachbarten Farmer, für den ich die Arbeit übernehme. Dafür darf ich im nächsten Jahr einige der Jungtiere behalten und damit meine eigene Herde aufmachen.“

„Ein guter Plan, John“, flüsterte Catherine.

John lächelte. „Ja, das finde ich auch. Obwohl ich eigentlich immer gehofft hatte, England noch einmal wieder zu sehen.“

„Man kann sich auch hier ein Leben aufbauen, glaube ich“, sagte Catherine.

John legte den Arm ihre Schulter.

„Wenn du es sagst.“

„Der Gouverneur hat mir zwei Wochen gegeben, um zu heiraten“, berichtete Catherine. „Andernfalls würde er mich der Kolonie verweisen!“

John Billings runzelte die Stirn. „Was sind das denn für eigenartige Maßnahmen?“

„Offenbar ist der neue Gouverneur sehr um die Tugend in seiner Kolonie besorgt!“

„Er ist eigentlich hier, um die Disziplin wieder herzustellen und den Einfluss der Englischen Krone zu sichern. William Bligh war es nämlich ziemlich gleichgültig, was in London am Kabinettstisch so beschlossen wird.“

Catherine lächelte.

„Und mir ist es ziemlich gleichgültig, aus welchem Grund der Gouverneur so eigenartige Bestimmungen erlässt oder welche Laune ihn dazu getrieben hat, mir dabei behilflich zu sein, dich zu finden.“

„So?“

„Ich will einfach nur eine Antwort von dir, John. Ja oder…“

John küsste sie, ehe sie zu Ende sprechen konnte.

„Ist das Antwort genug?“, fragte er.

Sie lächelte. „Vollkommen“, erwiderte sie.


ENDE




Sturm über St. Kitts

Historisches Abenteuer von Alfred Bekker

© 2006 und 2010 by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

Die Erstveröffentlichung erfolgte als Original-Hörbuch. Alle Rechte vorbehalten.

Die Erzählung erschien ursprünglich separat unter dem Pseudonym Leslie Garber.

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Ein warmer Tropenwind blähte die Segel des Dreimasters „Saint Denis“ auf. Man hatte Marie de Perrin davor gewarnt, sich zu häufig an Deck aufzuhalten, da die Sonne in diesen Breiten viel stärker schien, als in den Gärten von Versailles und Sonnenschirme eine Dame nicht davor bewahren konnten, ihre vornehme Blässe zu verlieren. Aber Marie de Perrin war das in diesem Augenblick gleichgültig. Die junge Frau freute sich nach der wochenlangen Überfahrt in die Karibik einfach zu sehr auf den Anblick festen Landes. Tagelang war ihr schlecht gewesen. Das dauernde Schwanken der „Saint Denis“ hatte sie seekrank gemacht. Sie hatte zwar davon gehört, wie strapaziös die Überfahrt war, hatte aber zuvor keine richtige Vorstellung von dem gehabt, was sie erwartete. Hoffentlich entschädigte St. Kitts für alles bisher Erlebte. Vielleicht mit dem Mann ihrer Träume? …

1

Anno 1689…

„Es wird Sturm geben“, hatte der Kapitän schon vor einer ganzen Weile gesagt. „Das habe ich im Gefühl. Vielleicht wird der Sturm noch nicht heute oder morgen kommen. Aber er liegt in der Luft.“

Niemand glaubte ihm.

Ein warmer Tropenwind blähte die Segel des Dreimasters

„Saint Denis“. Man hatte Marie de Perrin davor gewarnt, sich zu häufig an Deck aufzuhalten, da die Sonne in diesen Breiten viel stärker schien, als in den Gärten von Versailles und Sonnenschirme eine Dame nicht davor bewahren konnten, ihre vornehme Blässe zu verlieren.

Aber Marie de Perrin war das in diesem Augenblick gleichgültig. Die junge Frau freute sich nach der wochenlangen Überfahrt in die Karibik einfach zu sehr auf den Anblick festen Landes. Tagelang war ihr schlecht gewesen. Das dauernde Schwanken der „Saint Denis“ hatte sie seekrank gemacht. Sie hatte zwar davon gehört, wie strapaziös die Überfahrt war, hatte aber zuvor keine richtige Vorstellung von dem gehabt, was sie erwartete. Wie jene Männer das aushielten, deren Beruf es war, im Dienste des Sonnenkönigs zur See zu fahren und Verbindung zu den überseeischen Besitzungen zu halten, war ihr ein Rätsel. Es schien ihr, als ginge das über die Möglichkeiten der menschlichen Natur hinaus.

Marie de Perrin hatte noch immer ein flaues Gefühl in der Magengegend. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so lag der Grund dafür nur zum Teil in der unruhigen See des Atlantiks…

Es gab da noch etwas anderes, was ihr auf der Seele lag. Die Sehnsucht nach jenem Mann, in den sie sie sich unsterblich verliebt hatte – auch wenn sich alle Welt gegen dieses Glück verschworen zu haben schien.

Sie trat an die Reling auf dem Achterdeck des Dreimasters und ließ den Blick schweifen. Eine geradezu paradiesisch wirkende Insel hob sich vom hellen Blau des Himmels und dem etwas dunkleren, mit grün durchmischten Blau der karibischen See ab.

„Das ist St.Kitts, Mademoiselle“, sagte Kapitän Jacques Bonneau, der neben Marie getreten war, ohne dass sie es zunächst bemerkt hatte.

„Die Perle Frankreichs in der Karibik“, seufzte Marie. „Das scheint mir nicht übertrieben zu sein.“

„Nur aus der Ferne, Madame. Diejenigen, die hier leben, denken zum Großteil anders darüber.“

„Weil sie Sklaven sind?“

Kapitän Bonneau lachte heiser. „Nicht nur die Sklaven wünschen sich an einen anderen Ort, Mademoiselle, sondern auch die Mehrheit der Siedler bereut, jemals hier her gekommen zu sein.“

„Wenn Sie das sagen, Kapitän…“

„Noch vor zwanzig Jahren war St.Kitts neben Jamaika eine der Perlen Englands“, erwiderte Kapitän Bonneau. „Ich war dabei, als wir es den Engländern abnahmen.“

„Besteht nicht die Gefahr, dass die Engländer versuchen, sich dieses Eiland zurückzuholen?“

„Genau gesagt sind es zwei Inseln, Mademoiselle. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, sie würden es sicher gern versuchen, aber ich glaube kaum, das ihnen dabei Erfolg beschieden sein wird. Schließlich gibt es eine gute Verteidigungsanlage und ich denke, nicht einmal die englischen Siedler, die es nach wie vor auf der Insel gibt, wünschen sich die Herrschaft eines königlichen Gouverneurs zurück. Die habe allgemein in der Karibik keinen guten Ruf, weil sie korrupt sind und zu viele Steuern berechnen!“

Marie seufzte. Mit den Gärten von Versailles und ihrem geometrischen Ebenmaß war das alles nicht zu vergleichen. Hier wucherte die Vegetation. Gewächse, die sie nie zuvor gesehen und von denen sie allenfalls etwas gehört hatte, entdeckte sie am Ufer.

Die nahende Hafenstadt Basseterre bestand nur aus ein paar handvoll Häuser aus Lehm. Die vornehmen Bauten waren aus Sandstein, manche auch aus Holz. Am Ufer gab es mindestens so viele schwarze wie weiße Menschen. Marie hatte davon gehört, dass auf den Plantagen von St.Kitts und Hispaniola schwarze Sklaven den Zuckerrohr ernteten, die in einem steten Strom aus Afrika verschleppt und in den europäischen Besitzungen in der neuen Welt gebracht wurden.

„Ich hoffe, es holt Sie jemand ab“, sagte Kapitän Bonneau.

„Aber normalerweise spricht es sich auf der Insel immer wie ein Lauffeuer herum, wenn ein Schiff anlegt. Zumindest wenn es ein Schiff aus Frankreich ist und nicht einer dieser Zuckerrohr- oder Sklavenschiffe, die hier alle naselang anlegen.“

Eine große Menschenmenge versammelte sich am Kai, als die Saint Denis im Hafen von Basseterre anlegte. Marie ertappte sich dabei, dass sie die Gesichter der am Ufer Stehenden absuchte.

Robert, dachte sie. Bist du hier? Nein, das wäre ein zu großer Zufall. Wie hättest du schließlich wissen können, dass ich heute hier in Basseterre auf St. Kitts anlegte?

Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild von Robert de Goénèc, einem jungen Adeligen, den sie am Hof in Versailles kennen gelernt hatte. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie sich das erste Mal begegnet waren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, wenn sie daran dachte.

Sie war ihm direkt in die Arme gelaufen und dort wäre sie am liebsten für immer geblieben…

Marie musste schlucken als sie an die Vergangenheit dachte.

Die Küsse, die Umarmungen, die Zärtlichkeit und der Charme dieses jungen Mannes. Da alles war jetzt wieder so gegenwärtig, als wäre es gerade erst geschehen. Ein wohliger Schauer überlief Maries Rücken und sie bekam trotz der drückenden Hitze eine Gänsehaut.

„Alles in Ordnung mit Ihnen, Mademoiselle de Perrin?“, fragte Kapitän Bonneau.

Marie nickte.

„Ja“, flüsterte sie. „Ich denke schon…“

„Ich dachte nur. Sie wirkten so…“

„Ich war in Gedanken, Monsieur. Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten“, versicherte sie.



2

Ein Jahr zuvor…

„Hoppla!“, sagte eine sonore Männerstimme. Kräftige Arme fingen sie auf. Sein Haar war dunkel und gelockt. Es fiel ihm schulterlang über den Rücken. Seine Beine steckten in hohen Schaftstiefeln und an der Seite trug er einen Degen. Ein charmantes Lächeln umspielte seinen Mund, während seine dunklen Augen Marie aufmerksam musterten. „Von wem hatte ich die Ehre umgerannt zu werden?“

Marie erwiderte seinen Blick, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und atmete tief durch, soweit das in dem engen Korsett, das sie trug, überhaupt möglich war. Dann löste sie sich von ihm und raffte ihr Kleid wieder zurecht.

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Gefahr bestand, Euch umzurennen, Monsieur.“

„…de Goénèc“, vollendete er. „Robert de Goénèc. Ich glaube, ich habe Euch schon einmal beim Menuett beobachtet.“

„Warum habt Ihr Euch nicht getraut mich anzusprechen und mit mir zu tanzen?“

„Hättet Ihr Euch denn dazu herabgelassen?“

„Nun...“

„Antwortet nicht! Es ist vielleicht ganz gut so, dass ich Euch nicht angesprochen habe, obwohl ich es durchaus erwog. Aber ich bin kein geschickter Tänzer, müsst Ihr wissen und ich sage es Euch frei heraus: Mein Vater ist ein einfacher Graf in der Bretagne und dort sind die Umgangsformen vielleicht nicht ganz so fein, wie hier am Hof von Versailles.“

Marie musste lächeln. „Mit anderen Worten, Ihr habt zwei linke Füße beim tanzen und wolltet mir eine Blamage ersparen.“

„So könnte man sagen…“

„Aber wenn Euer Vater nur ein einfacher Graf ist, dann –verzeiht mir diese Bemerkung – seid Ihr kaum bedeutend genug, als dass König Ludwig Eure Anwesenheit bei Hof verfügt haben dürfte! Was macht Euch dann so wichtig, dass Ihr trotzdem hier in Versailles seid?“

Robert de Goénèc grinste breit. „Die Gunst des Königs, die ich momentan genieße scheint hier gegenwärtig der entscheidende Faktor zu sein. Und natürlich sein Vertrauen in meine Fähigkeiten.“

Marie hob die Augenbrauen. Der Sohn eines einfachen Grafen, der vom König mit einer besonderen Aufgabe betraut worden war?

Das klang geheimnisvoll. Aber vielleicht war dieser Robert de Goénèc auch nur ein Aufschneider, der sich wichtig machen wollte. Auf Versailles wimmelte es von dieser Sorte. Der Hof war schließlich nichts anderes als eine gewaltige Bühne der Selbstdarstellung. Und wer auf ihr am Besten zu glänzen wusste, konnte hoffen, vom König vielleicht für ein einträgliches Amt eingesetzt zu werden oder andere Vergünstigungen zu bekommen.

„Nun, wie gesagt, ich darf nicht darüber reden. Und wenn ich es täte, wäre ich die Gunst des Königs gleich wieder los!“

„Oh, so hat es vielleicht mit den Geheimnissen der Diplomatie des Krieges zu tun?“

„Es hat keinen Sinn, wenn Ihr weiter in mich zu dringen versucht, Mademoiselle. Ich bin verschwiegen wie ein Grab.“

„Zu schade. Ich liebe Geheimnisse zu enträtseln und dachte, ich hätte dazu jetzt eine willkommene Gelegenheit.“

„Eine Hofdame, die Geheimnisse liebt und mir bis jetzt Ihren Namen noch nicht verraten hat – wie interessant“, sagte Robert.

Marie hatte eine Erwiderung auf der Zunge gelegen, doch in diesem Augenblick kam eine Gruppe von kichernden Hofdamen hinter einer der Hecken des Irrgartens hervor, in dem sich die vom Sonnenkönig Ludwig VIV. zur Anwesenheit am Hof verpflichteten Adeligen allerlei neckischen Spielchen hingaben und sich die Langeweile vertrieben. Der Grund für diese Anwesenheitspflicht war so einfach wie einleuchtend: Der König glaubte, Verschwörungen des Adels am besten dadurch begegnen zu können, dass er zumindest den bedeutenden Teil dieses Standes für lange Perioden des Jahres bei Hofe versammelte und so am besten unter Kontrolle halten und bespitzeln konnte.

Und selbst bei jenen, deren Töchter er als Hofdamen in Versailles aufnahm, hatte er dadurch in Notfall immer ein Faustpfand, um den Betreffenden unter Druck setzen zu können.

Das Gekicher der jungen Frauen erstarb, als sie Robert de Goénèc sahen.

„Ach hier seid Ihr also, Marie!“, sagte eine von ihnen. Sie hieß Arielle de St.Clair und war die Tochter des Herzogs von Otranto.

„Wir hatten Euch wirklich schon überall gesucht… Wollt Ihr uns diesen Kavalier nicht vorstellen?“

„Robert de Goénèc – ein Mann, der in der Gunst des Königs steht, für den er eine geheime Mission zu erfüllen hat – was immer darunter auch zu verstehen sein mag. Manche sagen ja, dass selbst seine Gärtner schon Geheimnisträger seien, weil niemand vorab wissen darf, welche Veränderungen unser aller König als nächstes veranlassen wird.“

„Komm, Arielle! Wir stören hier nur!“, sagte eine andere der jungen Frauen, deren Haar ganz weiß gepudert war. Sie rückte sich das Dekolletee zurecht und warf Robert Goénèc einen Blick zu, der Marie aus irgendeinem Grund nicht gefiel. „Vielleicht sieht man sich ja bei anderer Gelegenheit, Monsieur“, sagte die weiß Gepuderte. „Mein Name ist Valerie de Rimbourg und ich mache übrigens aus meinem Namen kein Geheimnis und aus sonst auch nichts, was Ihr vielleicht zu wissen verlangt!“

Allgemeines Gekicher kam unter den jungen Frauen auf, die sich daraufhin entfernten.

Robert wartete, bis sie gegangen waren.

„Marie heißt Ihr also. Und wie weiter?“

„Jemand, den ein Geheimnis umgibt, sollte vielleicht doch auch in der Lage sein, ein Geheimnis zu lüften“, erwiderte Marie kokett. „Oder meint Ihr nicht?“

„Gewiss. Aber ich frage mich, weshalb Ihr ein Geheimnis daraus macht!“

„Vielleicht um Euer Interesse zu wecken – da Ihr Euch ja offenbar für Geheimnisse interessiert…“

Mit diesen Worten ließ Marie de Perrin den jungen Mann zunächst stehen. Aber es dauerte nicht lange, bis beide sich erneut begegneten. Die gesellschaftlichen Anlässe zu Versailles waren dermaßen zahlreich, dass man unmöglich an allen von ihnen teilnehmen konnte.

Einer dieser Anlässe war das morgendliche Ankleiden des Königs, zu dem sich der Hofstaat und darunter auch sämtliche Minister versammelten. Je nachdem, welches Kleidungsstück der König ihm anzulegen gestattete, so hoch war die Gunst bemessen, die der König ihm derzeit gerade entgegenbrachte. Die Rangfolge unter den Ministern, Potentaten, Würdenträgern und Beratern war einem ständigen Wechsel unterworfen. Es herrschte ein steter Wettbewerb um die Aufmerksamkeit seiner Majestät, der sich selbst gerne als Jupiter in einer Schar von Göttern sah.

Robert de Goénèc durfte immerhin den linken Stiefel dem Monarchen überziehen. Das war zwar noch kein besonders hoher Rang, wie Marie de Perrin leicht amüsiert feststellte – aber dennoch war er damit besser dran, als der Kriegsminister, der schon seit einer Woche die Ehre hatte, den Nachttopf des Monarchen leeren zu dürfen – was dieser mit einer schwungvollen, aus dem Fenster gerichteten Bewegung zu erledigen pflegte.

Später, als Marie de Perrin Gelegenheit zu einem Spaziergang in den von einer an geometrischen Formen und einer Faszination für die Regelhaftigkeit der Mathematik geprägten Gärten hatte, traf sie erneut auf Robert de Goénèc.

Er sprach mit einigen Männern, von denen Marie inzwischen wusste, dass sie am Hof große Bedeutung hatten. Kardinal Mazzarin war darunter, sowie Colbert, der Minister für Wirtschaft und Finanzen, dessen Politik zur Förderung der Manufakturen Frankreich eine einzigartige wirtschaftliche Blüte geschenkt und das Staatssäckel hatte voll werden lassen.

Schließlich löste sich Robert aus dieser Gruppe und ging Marie entgegen.

„Seid gegrüßt, Mademoiselle de Perrin. Oder darf ich Euch einfach Marie nennen?“

„Das wäre vielleicht etwas verfrüht“, lächelte sie. „Oder lernt ihr so frivole Sitten in der Bretagne?“

Amüsiert schüttelte Robert den Kopf. „Nein, ich gestehe, ich habe den Sinn des Begriffs Frivolität erst hier in Versailles kennen gelernt und war natürlich zunächst furchtbar schockiert.“

„Was offensichtlich schnell nachgelassen hat“, vollendete Marie.

„Wie bei Euch, nehme ich an.“

„Immerhin scheint Ihr ernsthaftes Interesse genug an mir verspüren, um meinen Namen herauszufinden…“

„Das war nicht schwer. Ein paar Bekannte hier und da… Es ist schließlich kein Staatsgeheimnis, wer Ihr seid!“

„Anders, als es bei Eurer geheimnisvollen Mission der Fall ist“, konterte Marie. Sie gingen zusammen ein Stück des Weges.

Auf einer der Rasenflächen konnte man den König dabei beobachten, wie er mit ein paar Hofdamen Blinde Kuh spielte. Er schien völlig in diesem Spiel aufzugehen, und in diesem Augenblick hätte man kaum glauben können, es mit einem Mann zu tun zu haben, der fast seine gesamte bisherige Amtszeit hindurch Krieg geführt hatte.

Colbert wurde hinzugerufen und aufgefordert, sich doch am Spiel zu beteiligen. Dieser folgte notgedrungen der Aufforderung.

Seinem gequälten Lächeln war anzusehen, dass ihm eigentlich keineswegs der Sinn danach stand.

„Ich sehe die Erleichterung in Euren Augen, Monsieur“, sagte Marie de Perrin mit einem koketten Lächeln. „Die Erleichterung darüber, dass nicht Ihr es wahrt, den er herbeigerufen hat.“

„Ich hätte es als Ehre empfunden“, sagte Robert.

„Gewiss.

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