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Vier Wochen im Paradies

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1. KAPITEL

Dave Firestone wusste genau, was er wollte.

Die Zukunft seiner Ranch Royal Round Up stand auf dem Spiel. Auf keinen Fall würde er sich das, was er sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte, durch Klatsch und Tratsch kaputt machen lassen. Alex Santiago war nun schon seit Monaten verschwunden, aber immer noch verdächtigte man Dave, etwas damit zu tun zu haben, und tuschelte hinter seinem Rücken. Es wurde Zeit, dass er sich mal mit Sheriff Battle, dem Mann des Gesetzes in der kleinen texanischen Stadt Royal, unterhielt. Die Ermittlungen mussten doch inzwischen irgendetwas ergeben haben!

Als er die Grenze seines Grundstücks erreicht hatte, stieg er aus dem Jeep und schlug den Jackenkragen hoch. Der Wind wehte scharf aus dem Osten, obwohl es erst Oktober war. Wahrscheinlich würde es wieder ein harter Winter werden. Dave zuckte kurz mit den Schultern. Daran konnte er nichts ändern. Aber er konnte dafür sorgen, dass sein Leben in anderer Hinsicht etwas leichter verlief.

Ein groß gewachsener Mann in einer schwarzen abgetragenen Lederjacke und einem hellen Stetson auf dem Kopf war dabei, den Stacheldrahtzaun zu flicken, der Daves Ranch von der Battlelands Ranch trennte. Hinter dem Mann in Schwarz stand Bill Hardesty und hob große Stacheldrahtrollen von einem Pick-up herunter. Bill war einer von Battles Rancharbeitern. Dave nickte ihm kurz zu, dann ging er auf Nathan Battle zu.

Nathan hörte ihn kommen und hob den Kopf. „Hallo, Dave.“

„Hallo, Nathan. Ich bin bei dir zu Hause vorbeigefahren, und Jake hat mir gesagt, wo ich dich finden kann. Ich bin überrascht, dass der Sheriff von Royal eigenhändig seinen Zaun repariert.“

Nathan richtete sich auf und ließ den Blick lächelnd über das weite Land schweifen. „Ich bin sehr gern hier draußen. Hier bekomme ich einen freien Kopf, kann abschalten und in Ruhe nachdenken. Mein Bruder hat zwar die Hauptarbeit mit der Ranch, aber es tut mir gut, mal mit anzufassen. Außerdem“, er sah Dave an und grinste, „ist Amanda im Renovierungswahn. Sie will alles rechtzeitig für das Baby fertig haben. Also ist Gordon mit seinen Bauleuten ständig da, und ich genieße hier die wunderbare Ruhe.“

Bill lachte kurz auf. „Das kann ich dir auch nur raten, Boss. Wenn das Baby erst mal da ist, ist es mit der Ruhe vorbei.“

Lächelnd drehte Nathan sich zu ihm um. „Kann sein. Aber kümmer du dich lieber um den Stacheldraht.“

Zu ärgerlich, dass Nathan nicht allein ist, dachte Dave. Aber ob Bill nun zuhörte oder nicht, er musste unbedingt mit dem Sheriff reden. In den letzten Monaten hatte sich in Royal wirklich vieles verändert. Nathan und Amanda hatten geheiratet und freuten sich auf ihr erstes Kind. Sam Gordon und Lila erwarteten sogar Zwillinge. Aber was die Stadt am meisten beschäftigte, war das plötzliche und spurlose Verschwinden von Alex Santiago, einem reichen Finanzberater und sehr erfolgreichen Investor. Und das war der Grund, weshalb Dave an seinem freien Tag hier herausgefahren war.

Dass er mit Alex befreundet gewesen war, konnte er nicht behaupten. Aber er hatte ihm auch nie etwas Böses gewünscht. Und nun redeten die Leute nicht nur über Alex’ mysteriöses Verschwinden, sondern leider auch darüber, dass er und Alex Konkurrenten gewesen waren. Und natürlich war sofort das Gerücht entstanden, dass Dave etwas mit der Sache zu tun hatte.

Normalerweise war Dave total egal, was die Leute über ihn redeten. Er lebte sein Leben, wie er es wollte. Und wenn es seinen Mitbürgern nicht passte, dann hatten sie eben Pech. Aber in diesem Fall konnte er leider nicht so einfach darüber hinwegsehen. Und deshalb musste er unbedingt mit dem Sheriff sprechen.

„Dass du gern mit anpackst, Nathan, kann ich gut verstehen. Ich habe einen sehr guten Vormann, aber ich bin auch immer froh, wenn ich was auf der Ranch tun kann.“ Dave nahm seinen Hut ab und strich sich das Haar zurück. „Es tut mir leid, dass ich dich hier stören muss …“

Nathan hakte den Drahtschneider in seinen Werkzeuggürtel ein und sah Dave an. „Aber?“

„Aber …“ Seufzend warf Dave einen Blick auf Bill, der nicht einmal so tat, als höre er nicht zu, „ich muss wissen, ob du irgendwas Neues in Bezug auf Alex’ Verschwinden gehört hast.“

„Nein, leider nicht.“ Nathan runzelte die Stirn. „Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Auch auf seinen Konten ist keinerlei Bewegung, also wurde seine Kreditkarte nicht benutzt. Diese Sache ist mir echt ein Rätsel. Und das macht mich ehrlich gesagt ganz verrückt.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Dave setzte sich den Hut wieder auf und schob ihn aus der Stirn. „Leider hilft mir das auch nicht weiter.“

Nachdenklich sah Nathan ihn an und nickte. „Das glaube ich gern. Diese Gerüchte …“

„Na wunderbar!“, unterbrach ihn Dave verärgert. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Auch der Sheriff gab was auf den Klatsch.

„Beruhige dich. Wenn jemand weiß, was du durchmachst, dann ich. Der Klatsch in Royal war schuld daran, dass ich beinah Amanda verloren hätte.“ Er schüttelte den Kopf. Nicht auszudenken … „Falls es dich beruhigt, offiziell stehst du nicht unter Verdacht.“

Das hatte Dave auch nicht angenommen. Dennoch war es gut zu wissen, dass Nathan an seine Unschuld glaubte, auch wenn es sein eigentliches Problem nicht löste. Die Leute in der Stadt wussten, dass er, Dave, Alex als Letzter gesehen hatte, und auch, dass sie sich kurz davor heftig gestritten hatten, noch dazu mitten auf der Hauptstraße. Die meisten kannten auch den Grund. Alex hatte ihm ein Investmentgeschäft vor der Nase weggeschnappt, und darüber war Dave sehr wütend gewesen. Aber deshalb hatte er Alex doch nichts Böses gewünscht.

„Das freut mich“, sagte er schließlich. „Und danach hatte ich dich auch fragen wollen. Deshalb bin ich heute hergekommen. Gut, dass wenigstens du mir glaubst. Auch wenn das leider die Meinung der meisten hier in der Stadt nicht ändert.“ Seit drei Jahren lebte er nun in Royal, und er hatte gedacht, dass die Leute ihn inzwischen kennengelernt hätten. Aber wahrscheinlich genügte eine schäbige Bemerkung, und das Misstrauen war wieder da.

Nathan schüttelte lächelnd den Kopf und stützte sich auf einem Zaunpfahl ab. „Du weißt doch, wie die Leute sind. Was habe ich nicht alles versucht, um sie davon abzuhalten, sich die Mäuler zu zerreißen. Aber in so einer kleinen Stadt passiert einfach zu wenig, und mit irgendwas müssen sie ja ihre Zeit totschlagen. Mach dir nichts draus. Das hat nichts zu bedeuten.“

„Für dich vielleicht nicht. Und darüber bin ich froh, versteh mich richtig“, fügte Dave schnell hinzu. „Aber ich versuche, mit TexCat ins Geschäft zu kommen und …“

Lachend hob Nathan die Hand. „Ich weiß, ich weiß … Texas Cattle ist ein Riesenproblem. Der alte Thomas Buckley hat eine sehr bestimmte Art, seine Firma zu führen. Er ist konservativ, wenn auch im guten Sinn, und duldet weder Schlamperei noch unehrenhaftes Verhalten.“ Stirnrunzelnd sah er Dave an. „Ach so, jetzt begreife ich. Deshalb machen dir die Gerüchte so zu schaffen.“

„Genau. Wenn Buckley mitkriegt, was hier in Royal über mich erzählt wird, kann ich den Vertrag mit TexCat vergessen.“ Wahrscheinlich würde sich Buckley dann nicht einmal mehr mit ihm zusammensetzen. Dave war fest entschlossen, es nicht dazu kommen zu lassen. Denn TexCat war der größte Viehhändler in Texas. Das Familienunternehmen wurde von Thomas Buckley mit eiserner Hand geführt und hatte einen sehr guten Ruf. Und Buckley würde darauf achten, dass das auch so blieb. Also musste Dave dringend dafür sorgen, dass die Gerüchte verstummten.

„Der alte Buckley macht sich fürchterlich viel draus, was Leute denken“, rief Bill den beiden zu. „Tadelloses Auftreten ist ihm unheimlich wichtig. Er soll sogar mit einem dreiteiligen Anzug ins Bett gehen.“

Dave runzelte unwillig die Stirn, und Nathan sah Bill streng an. „Hast du den Draht schon abgeladen?“

„Noch nicht ganz. Sorry, Boss.“ Bill wandte sich schnell wieder dem Pick-up zu.

„Entschuldige.“ Nathan schlug Dave kurz auf die Schulter. „Jeder hier muss ständig zu allem und jedem seine Meinung kundtun. Aber was Bill über den alten Buckley gesagt hat, ist dir sicher nicht neu.“

„Das kannst du laut sagen“, murmelte Dave.

„Dann weißt du bestimmt auch, dass er noch in anderer Hinsicht sehr bestimmte Vorstellungen hat.“ Nathan grinste.

„Leider ja.“

„Buckley macht nur mit verheirateten Männern Geschäfte. Ehe und Familie sind ihm sehr wichtig. Und du bist doch wohl noch Single, oder? Wo willst du denn so schnell eine Frau hernehmen?“

„Keine Ahnung“, brummte Dave missmutig. „Darüber habe ich noch nicht weiter nachgedacht. Es eilt ja auch nicht so sehr.“ Er drückte sich den Stetson fester auf den Kopf und machte die Jacke zu. Der Wind war eiskalt. „Mir wird schon was einfallen.“

Nathan nickte. „Davon bin ich überzeugt. Und wenn nicht, TexCat ist nicht der einzige Viehhändler der Welt.“

„Das nicht. Aber der beste.“ Es musste einfach klappen. Das, was Dave Firestone sich vornahm, erreichte er auch, und wenn er dafür Himmel und Hölle in Bewegung setzen musste. Sein Erfolg war ihm nicht in den Schoß gefallen, und er würde auch diesmal so lange hartnäckig bleiben, bis er am Ziel war.

Mia Hughes öffnete die Speisekammertür und starrte auf die fast leeren Regale, als warte sie auf ein Wunder. Aber das Wunder blieb aus, und die Borte füllten sich nicht mit köstlichen Speisen – noch nicht einmal mit ein paar Fertiggerichten. Seufzend griff sie nach einer Packung Nudelsuppe. „Immerhin mit Fleischgeschmack“, sagte sie halblaut vor sich hin. „Wenn ich die Augen zumache, kann ich mir vielleicht einbilden, einen Hamburger vor mir zu haben.“ Bei dem Gedanken knurrte ihr der Magen, und sie gab sich selbst einen Klaps auf den Bauch. „Sei ruhig.“

Aber es nützte nichts. Sie hatte Hunger und lebte schon seit Tagen von Trockensuppen. Als Alex Santiagos Haushälterin hatte sie zwar Zugang zu dem Haushaltskonto, aber das war leider inzwischen so gut wie leer. Denn seit Alex’ verschwunden war, war auch nichts mehr eingezahlt worden, und das, was darauf gewesen war, hatte sie für Strom, Wasser, Telefon und andere laufende Kosten ausgegeben. Für Essen war da einfach nichts übrig geblieben. Und für ihr Gehalt natürlich auch nicht. Also hatte sie sich erst einmal von dem ernährt, was sie in der Speisekammer und im Gefrierschrank fand. Doch da war nun auch nichts mehr. Sollte sie versuchen, einen Job zu finden? Aber wenn Alex sich nun gerade meldete, während sie tagsüber irgendwo anders arbeitete?

„Letzten Endes hat das Ganze auch was Positives“, machte sie sich Mut. „Immerhin habe ich fünf Pfund abgenommen. Andererseits“, sie ließ den Kopf hängen, „bin ich kurz davor, das Tischbein anzunagen.“

Seufzend sah sie sich in der geräumigen Küche um. Alles blinkte und blitzte, was aber wohl eher damit zu tun hatte, dass hier in den letzten Monaten so gut wie nie gekocht worden war. Auch der Rest des Hauses war in makellosem Zustand, denn Mia nahm ihren Job als Haushälterin sehr ernst. Doch seit Alex’ Verschwinden war auch hier kaum etwas zu tun.

Als das Wasser kochte, rührte sie die Trockensuppe ein und ließ sie vor sich hin köcheln. Währenddessen trat sie an das große Fenster, von dem aus man einen Blick auf die mit Natursteinen geflieste Terrasse und den rückwärtigen Garten hatte. Von diesem Platz aus konnte sie auch die Nachbarhäuser sehen, die allerdings weit auseinanderstanden. Jedes dieser großen Landhäuser war anders gebaut – nach den sehr bestimmten Vorstellungen seines Besitzers. Die Grundstücke hier in der Reichensiedlung Pine Valley waren großzügig geschnitten, sodass sich die Bewohner gegenseitig nicht störten.

In letzter Zeit fühlte Mia sich allerdings beinahe zu wenig gestört, ja regelrecht einsam. Seit Alex’ Verschwinden lebte sie allein in dem großen Haus, allein mit dem Telefon, das allerdings fast ununterbrochen klingelte. Da sie jedes Mal, wenn sie die luxuriöse Siedlung verließ, von Reportern bedrängt wurde, war sie kaum noch aus dem Haus gegangen. Und ziemlich bald würden die Reporter es auch schaffen, den bewachten Eingang zu Pine Valley zu umgehen und direkt vor der Haustür aufzutauchen. Entsetzlich … Sie seufzte tief auf. Je mehr Zeit verstrich, ohne dass Alex wieder auftauchte, desto verrückter würden die Medienleute sich aufführen. Denn das rätselhafte Verschwinden eines reichen Mannes war ein gefundenes Fressen für die Journaille. Vor allem in einer so kleinen Stadt wie Royal.

Nervös trommelte sie mit den Fingern auf dem schwarzen Granittresen herum. Wieder meldete sich ihr Magen, und sie schluckte. Alex war immer so gut zu ihr gewesen. Als sie dringend einen Job brauchte, hatte er sie eingestellt. Er war sehr großzügig, was ihre Arbeitszeiten betraf, sodass Mia ihr Studium hatte fortsetzen können und nun kurz vor der Prüfung zur Psychotherapeutin stand. Aber sie war ihm nicht nur dankbar, sie mochte ihn auch. Er war nicht nur ihr Arbeitgeber, sondern ihr Freund. Und Mia hatte nicht sehr viele Freunde.

Unwillkürlich fröstelte sie, als sie sah, wie sich die Baumwipfel in dem kalten Oktoberwind bogen. Die Vorstellung, dass nun bald der Winter kam und Alex immer noch verschwunden war, war beängstigend. Wenn sie wenigstens wüsste, ob der Freund irgendwo in Sicherheit war. Und unverletzt … Doch sie weigerte sich einfach, mit dem Gedanken zu spielen, Alex könne nicht wieder zurückkommen. Aber wie sollte ihr Leben in der Zwischenzeit weitergehen? Die laufenden Rechnungen fürs Haus waren zwar bezahlt, nicht aber ihre Studiengebühr. Und solange sie ihr Gehalt nicht bekam …

Das Telefon klingelte, und Mia fuhr zusammen, zwang sich aber, den Hörer nicht gleich abzunehmen. Erst einmal musste sie wissen, wer dran war. Sie machte schnell den Herd aus – wahrscheinlich waren die Nudeln eh schon zerkocht – und trat neben das Telefon. Sicher war es doch wieder einer dieser fürchterlichen Reporter, deren Fragen sie sowieso nicht beantworten konnte.

Aber vielleicht war es auch Alex, der ihr sagen wollte, dass es ihm gut ging und er Geld auf das Haushaltskonto überweisen würde. Zu schön, um wahr zu sein … Der Anrufbeantworter schaltete sich ein, und es war weder ein Reporter noch Alex, sondern Mias Freundin Sophie. „Mia? Bist du da? Wenn du mich hörst, geh bitte ran.“

Mia nahm den Hörer ab. „Ja, Sophie, ich bin hier.“

„Du Arme, wirst du immer noch von Reportern genervt?“

„Jeden Tag.“ Mia lachte gequält auf. „Die geben einfach nicht auf.“

„Immerhin kommen sie ja unten am Eingang nicht durch und können dir nicht vor dem Haus auflauern.“

„Von wegen! Ein paar haben es trotzdem geschafft, aber ich habe dann gleich den Sicherheitsdienst gerufen.“ Dennoch, manchmal hatte sie das Gefühl, wie in einer mittelalterlichen belagerten Festung zu leben – und dazu noch allein. Sicher, in Royal sollte sie sich eigentlich sicher fühlen, vor allem in einer abgeschlossenen und bewachten Luxussiedlung. Aber seit Alex spurlos verschwunden war und sich jeder fragte, warum, war ihr die Sache unheimlich. Sie wusste, dass die Reporter zu gern Näheres herausfinden würden und bestimmt nicht davor zurückschreckten, ins Haus einzubrechen, um nach verborgenen Hinweisen zu suchen.

Doch sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben. Alex war verschwunden, aber das bedeutete ja nicht, dass er nicht wieder zurückkommen würde.

„Du weißt, Mia“, erklärte Sophie vorsichtig, „du kannst jederzeit zu mir kommen und bei mir wohnen, solange du willst.“

„Danke, Sophie.“ Mia war gerührt. Sophie Beldon war wirklich eine gute Freundin. In den letzten Monaten waren sich die beiden Frauen in ihrer Sorge um Alex nähergekommen. Gemeinsam hatten sie alles Mögliche versucht, um Alex zu finden, bisher jedoch ohne Erfolg. Doch sie gaben nicht auf. Ihr neuester Plan hatte mit Dave Firestone zu tun, einem Konkurrenten von Alex, dem sie misstrauten. Mia wollte versuchen, mehr aus ihm herauszubekommen, hatte aber bisher noch keine Ahnung, wie.

„Das ist sehr nett von dir“, kam sie auf Sophies Vorschlag zurück. „Aber ich möchte das Haus hier nicht allein lassen.“ Und auf keinen Fall wollte sie auf Sophies Kosten leben. Sie hatte immer für sich selbst sorgen können und hasste die Vorstellung, jemanden um etwas bitten zu müssen. „Ich muss hierbleiben. Es kann ja sein, dass Alex plötzlich auftaucht oder anruft. Und das Haus sollte bewohnt sein, schon damit keiner einsteigt.“

„Verstehe. Aber denk dran, dass du immer zu mir kommen kannst, falls du es dir anders überlegst. Und sonst? Wie geht es dir sonst? Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Danke, nein, aber lieb, dass du fragst.“ Peinlich genug, dass die Freundin von gewissen Geldschwierigkeiten wusste. Ein paar Wochen zuvor waren sie gemeinsam essen gegangen. Und als Mia bezahlen wollte, wurde ihre Bankkarte nicht akzeptiert. Offenbar war nicht einmal mehr genug auf dem Konto, um für ein einfaches Mittagessen bezahlen zu können. Sophie hatte das dann für sie beide übernommen, was Mia nicht gerade angenehm gewesen war.

Oh, wie sie es hasste, sich Gedanken um Geld machen zu müssen! Und ständig Angst um Alex zu haben. Warum konnte sie ihr schönes, bequemes und sorgenfreies Leben nicht zurückhaben? War das zu viel verlangt?

„Aber Mia“, tadelte Sophie sie sanft, „wir sind doch Freundinnen. Ich weiß, dass du Geld brauchst. Warum kann ich dir nicht aushelfen? Ich kann dir doch was leihen. Sowie Alex zurück ist und alles wieder normal läuft, zahlst du es mir zurück.“

Wie gern würde Mia das annehmen. Aber da sie nicht wusste, wann und wie sie der Freundin das Geld zurückzahlen konnte, kam so etwas nicht infrage. In Gelddingen war sie nun einmal besonders gewissenhaft. Sie hatte nicht einmal eine Kreditkarte. Entweder bezahlte sie bar, beziehungsweise direkt von ihrem laufenden Konto, oder sie verzichtete auf den Kauf.

„Sophie“, sie seufzte leise, „du bist wirklich eine tolle Freundin. Aber es ist sehr ungewiss, wann Alex zurückkommt. Schließlich wird schon seit Monaten nach ihm gesucht, und er ist immer noch wie vom Erdboden verschwunden.“ Wenn er überhaupt jemals wiederkommt … „Mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut. Die Sache mit meiner Scheckkarte hat sich geregelt. Es war nur ein Fehler der Bank.“ Das war gelogen, aber sie wollte Sophie auf keinen Fall beunruhigen. Und nie könnte sie Geld von der Freundin annehmen. Seit sie achtzehn war, hatte Mia auf eigenen Füßen gestanden, und sie würde auch weiterhin allein zurechtkommen. Selbst wenn ihr der Magen knurrte.

„Du bist wirklich schrecklich stur.“ Sophie stöhnte.

„Danke.“

„Das sollte kein Kompliment sein! Aber egal, ich werde dich nicht weiter quälen. Zumindest nicht jetzt.“

„Das ist lieb von dir.“

„Außerdem habe ich aus einem ganz anderen Grund ange­rufen.“

Als Sophie nicht gleich weitersprach, horchte Mia auf. Erst kürzlich hatte die Freundin sich mit Zach Lassiter verlobt, einem Geschäftspartner von Alex. Der Anfang der Beziehung war nicht ganz einfach gewesen, aber jetzt schienen die beiden glücklich miteinander zu sein. Oder? „Alles in Ordnung mit Zach?“

„Oh, ja! Er ist mein Traummann. Nein, es geht nicht um uns.“

„Umso besser.“ Mia nahm das Telefon mit in die Küche und hob kurz den Deckel vom Topf. Nicht besonders appetitanregend … „Also, schieß los.“

„Wir hatten doch neulich beschlossen, uns etwas intensiver mit Dave Firestone zu beschäftigen. Erinnerst du dich? Du wolltest dich darum kümmern.“

„Ja, ich weiß.“ Mia seufzte leise. „Ich habe allerdings noch nichts herausgefunden. Leider habe ich wenig Erfahrung als Detektiv und weiß nicht, wie ich das Ganze anpacken soll.“ Sie hatte versucht, im Internet mehr über Dave Firestone herauszukriegen, aber da stand nur das, was immer über erfolgreiche Männer veröffentlicht wurde, also ziemliches Blabla und nichts Spezifisches.

„Aber ich habe eine Idee“, meinte Sophie triumphierend. „Ich habe gerade mit Carrie Hardesty telefoniert.“

„Wer ist das denn?“

„Carries Mann Bill arbeitet auf der Ranch von Sheriff Nathan Battle.“

„Und?“ Mia hatte immer noch keine Ahnung, was das mit Dave Firestone zu tun hatte. Außerdem war sie allmählich so hungrig, dass sie sich sogar nach ihrer dünnen Nudelsuppe sehnte.

„Bill hat Carrie angerufen, um ihr zu sagen, dass er früher nach Hause kommt. Etwas sei passiert, und er und Nathan hätten mit der Arbeit aufgehört.“

„Aha … Und weiter?“ Mia liebte die Freundin wirklich sehr, aber manchmal kam Sophie leider vom Hundertsten ins Tausendste.

„Dave Firestone war nämlich überraschend aufgetaucht. Und hat länger mit Nathan geredet.“

Dave Firestone … Mia ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Dave war einer der Letzten gewesen, die Alex vor seinem Verschwinden gesehen hatten. Die beiden hatten sich im Streit getrennt. Und nun fragte sich die ganze Stadt, ob er vielleicht etwas mit der Sache zu tun hatte. Mia hielt nicht viel von dem Gerede. Denn sie wusste, dass man in kleinen Städten gern klatschte, da sonst nicht besonders viel passierte.

Dennoch, Dave Firestone war einer dieser reichen Junggesellen, die sehr genau wussten, was sie wollten. Und er sah viel zu gut aus, als dass man ihm hätte trauen können. Deshalb hatten ­Sophie und sie ja auch beschlossen, sich ihn mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. „Worüber haben die beiden denn geredet?“

„Offenbar wollte er wissen, ob der Sheriff ihn verdächtigt, etwas mit Alex’ Verschwinden zu tun zu haben.“

Mia stockte kurz der Atem. „Und? Hat er?“

„Nein. Dave steht offiziell nicht unter Verdacht. Das hat wenigstens der Sheriff gesagt.“

„Schade.“ Mia biss sich auf die Zunge. Das hatte sie nicht sagen wollen. Natürlich wollte sie nicht, dass Dave Firestone verhaftet wurde, aber sie hatte gehofft, in Alex’ Fall irgendwie weiterzukommen. „Andererseits ist es verständlich, dass Nathan erst dann etwas gegen ihn unternimmt, wenn er stichhaltige Beweise hat. Dazu ist Dave einfach zu einflussreich.“

„Ja, leider.“ Sophie war genauso enttäuscht wie Mia.

„Sei ehrlich, Soph, glaubst du wirklich, dass Dave etwas mit der Sache zu tun hat?“

„Nein.“ Sophie seufzte tief auf.

„Ich auch nicht“, gab Mia zu.

„Aber trotzdem ist es eine Tatsache, dass er Alex als Letzter gesehen hat. Deshalb sollten wir bei unserem Plan bleiben, und du musst versuchen, möglichst viel über ihn rauszukriegen. Denn selbst wenn er unschuldig ist, kann es sein, dass er etwas weiß, von dem er gar nicht weiß, dass er es weiß.“

Mia lachte. „Ja, das kann sehr gut sein.“

„Und Nathan hat keinen Schimmer, was mit Alex passiert sein könnte. Das hat er wenigstens in Bills Gegenwart zugegeben.“

So etwas hatte Mia schon befürchtet. Seit Monaten saß Sheriff Battle nun schon an diesem Fall, und er hatte sie immer auf dem Laufenden gehalten. Nathan und Alex waren eng befreundet, und sie wusste, Nathan würde alles tun, um den Freund ausfindig zu machen. Und dennoch war seine Suche bisher erfolglos geblieben.

Mia hatte Alex als einen sehr herzlichen und großzügigen Mann kennengelernt. Aber er war nicht sehr offen, er hatte durchaus seine Geheimnisse. So durfte sie zum Beispiel nie sein Büro betreten. Das heißt, einmal im Monat war es ihr erlaubt, dort sauber zu machen, aber nur, wenn er dabei war. Und Sophie hatte ihr anvertraut, dass er manchmal Anrufe bekam, die nicht über ihr Telefon im Vorzimmer liefen und von denen er ihr nichts erzählte.

Seit Alex nicht mehr da war, hatte Mia natürlich sein Büro im Haus auf den Kopf gestellt, und Sophie hatte seine E-Mails und Telefongespräche überprüft. Aber beide hatten nichts Ungewöhnliches gefunden. Was für Mia nur bedeuten konnte, dass entweder Alex oder derjenige, der ihn entführt hatte, alles mitgenommen hatte, was geheim gehalten werden sollte. Oder was irgendwelche Rückschlüsse auf Alex’ Aufenthaltsort zuließ. Wo konnte er nur sein? War er verletzt oder vielleicht sogar …

„Er kommt zurück“, vertrieb Mia schnell ihre trüben Gedanken. „Es gibt bestimmt eine einleuchtende Erklärung für alles, und wenn Alex wieder da ist, wird sich alles aufklären.“

„Davon bist du fest überzeugt, was?“ Sophie schien ihre Zweifel zu haben.

„Felsenfest.“ Na ja, fast, fügte Mia in Gedanken hinzu. Aber sie hatte in ihrem Leben schon so viele Schwierigkeiten überwinden müssen, dass sie gelernt hatte, erst einmal optimistisch zu sein. Deshalb gab sie auch die Hoffnung nicht auf, Alex gesund und munter wiederzusehen. Sie würde alles tun, um ihn zu finden. Und wenn sie die nächsten drei Wochen Nudelsuppe essen musste.

„Ach du Schreck!“, rief Sophie plötzlich aus. „Zach steht vor der Tür. Er hat mich zum Lunch eingeladen. Ich ruf wieder an. Bis dann, Mia.“

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