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Vielleicht verliebt

Über die Autoren

Ruth Löbner, Jahrgang 1976, studierte Allgemeine Sprachwissenschaft in Köln und Düsseldorf. Sie arbeitet als freischaffende Kinderbuchautorin und lebt mit ihrer Familie in Rheydt. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Karsten Teich, geboren 1967, studierte Kunst an der Hochschule der Künste in Kassel. Seit 2001 illustriert er Kinderbücher für verschiedene Verlage. Seine Figuren und Geschichten haben inzwischen viele Freunde gefunden. Er zeichnet, schreibt und lebt mit seiner Familie in Berlin.

 

»Eckstein, Eckstein …«

Elisa hat es mir nicht leicht gemacht. Ganz schön lange hat sie kichernd in ihrem Versteck gehockt und wollte sich nicht zeigen. Zum Glück hat mir das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW ein Arbeitsstipendium spendiert, sodass ich mir für die Suche ein bisschen mehr Zeit lassen konnte. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken!

 

Bist du bereit?« Elisa sieht dem Käfer tief in die Augen. »Dann gib alles!« Vorsichtig setzt sie ihn zwischen den Socken und dem Stapel mit den Origami-Fröschen im Experimentparcours ab. Der Käfer krabbelt los.

Elisa denkt mit aller Kraft an Joram. Sie versucht gar nicht erst, sich sein Gesicht vorzustellen. Das hat sie hundert Mal probiert – und es hat hundert Mal nicht funktioniert. Sie konzentriert sich lieber auf seinen Geruch. Dazu muss sie nur die Augen zumachen, und schon riecht sie ihn vor sich: Joram duftet, wie eine braune Blume duften würde, wenn es braune Blumen gäbe. Ein bisschen süß, ein bisschen herb. Elisa weiß nie, ob dieser Duft sie an den Frühling oder an den Herbst erinnert, ob er sie glücklich oder traurig macht oder alles auf einmal.

»Bin ich in ihn verliebt«, fragt sie mit fester Stimme, »oder bin ich nicht?« Sie atmet tief ein und schlägt die Augen wieder auf.

Der Käfer bleibt abrupt vor dem Schatten stehen, den der grüne Bauklotz auf den Boden wirft, als wäre der Schatten ein Hindernis. Dann krabbelt er im weiten Bogen in der Sonne weiter Richtung Stinkesocken.

Ist das schon der entscheidende Hinweis? Die Botschaft, die der kosmische Plan Elisa schicken will? Ist Joram ein Schatten, um den sie einen Bogen machen sollte? Liebesmäßig?

Allerdings ist es ziemlich bekloppt von dem Käfer, einen Bogen um einen Schatten zu machen. Er hätte einfach drüberlatschen können, ohne dass ihm was passiert wäre. Ist also das die Botschaft vom kosmischen Plan? Soll Elisa gefälligst schlauer sein als ein Käfer und einfach drauflosmarschieren? Auf Joram? Liebesmäßig?

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Der Käfer setzt einen gelbbraunen Mikrokackeklecks auf den Boden und hebt seine harten Flügelschalen hoch. Darunter entknittern sich die frischhaltefolienartigen Flug-Flügel.

»Du kannst jetzt nicht weg.« Elisa erklärt es ihm ganz langsam. »Ich hab noch keine Antwort.« Der Käfer zieht die Knitterdinger wieder ein und klappt seinen gepunkteten Rucksack zu.

»Brav!«

Vielleicht hat sie zu viele kitschige Geschichten im Fernsehen gesehen oder die falschen Bücher gelesen, jedenfalls hat Elisa sich immer vorgestellt, wenn sie sich verliebt, würde ein Feuerwerk explodieren. Oder ein Orkan brausen. Oder ein Regen Konfetti niedergehen. Oder sie würde einen Frauenchor irgendeine Schnulze trällern hören. Nichts davon ist passiert.

Es sind aber andere Sachen passiert, seit sie Joram kennt – kleinere, leisere. Kein Feuerwerk, aber immerhin Glühwürmchen. Zum Beispiel, wenn seine Ohren rot anlaufen, was sie ziemlich oft tun. Kein Orkan, aber ein sanfter Windhauch. Zum Beispiel, wenn sie miteinander reden und Elisa plötzlich merkt, wie krass anders man die Welt sehen kann. Kein Frauenchor, aber so eine Art Gesumm. Zum Beispiel, wenn Joram am Klavier sitzt und sich das ganze Wohnzimmer in eine schwingende gedankenfreie Glücksblase verwandelt.

Und die Sache mit dem Konfetti ist das Merkwürdigste überhaupt.

Es war vor ungefähr zwei Monaten in ihrem Zimmer. Joram wollte Elisa etwas schenken. Was an sich ja schon mal aufregend war, immerhin kannten sie sich da gerade mal seit einer Woche. Noch aufregender wurde es dann aber, als sich rausstellte, was das Geschenk war: das grüne Notizbuch nämlich, für Elisas Ersatz-Namens-Suche. Damit hätte sie niemals gerechnet. Als sie Joram am Wochenende davor erzählt hat, dass sie ›Elisa‹ einen unterirdisch unpassenden Namen findet und deswegen schon seit Ewigkeiten einen neuen sucht, hat er das überhaupt nicht verstanden (dachte Elisa). Er hat dazu bloß gesagt, dass er ›Elisa‹ einen schönen Namen findet. Und damit war die Sache für ihn erledigt (dachte Elisa).

War sie aber doch nicht. Was das Notizbuch bewiesen hat. Was wiederum bewiesen hat, dass Joram genau kapiert hat, wie wichtig Elisa die Namenssuche ist. Was wiederum bewiesen hat, was für eine Art Mensch Joram ist, nämlich die voll durchblickende Sorte.

Jedenfalls. Es gab ein Problem bei der Geschenkübergabe. Das Chaos in Elisas Zimmer hatte an diesem Tag nämlich die letzte Stufe vor der automatischen Verbesserung erreicht. Es war also ziemlich voll überall, auch auf dem Boden. Das Notizbuch steckte in Jorams Umhängetasche, wo er es nicht rausholen konnte, weil er fast im Spagat auf den letzten beiden Fitzeln freier Bodenfläche stand und mit den Armen rudern musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

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Um ihn zu retten, hat Elisa dann an seiner Hand gezogen. Und jetzt kommt’s: Bei dem Ruck ist plötzlich zwischen ihnen ein Konfettischnipsel auf den Boden geflittert. Aus völlig heiterem Himmel. Es war zwar kein ganzer Regen, aber immerhin dieses eine schimmernd blaue Tröpfchen.

Und nun ist die Frage aller Fragen, was das zu bedeuten hat.

Durch das offene Fenster weht ein Sommermorgenlufthauch mit Lavendelduft. Der Käfer krabbelt gemütlich quer durch den Parcours. Dort, wo sich die Origami-Frösche zu einem Gebirge türmen, durch das ein schmaler Tunnel führt, bremst er ab und zögert. Der Tunnel hat zwei Ausgänge, aber das kann der Käfer unmöglich sehen. Er zögert trotzdem. Und mitten in das Zögern hinein durchfährt Elisa ein hammermäßiger Blitzgedanke, die Idee, wie sie den Parcours perfekt machen kann!

Sie springt vom Boden auf, holt ihr Schatzkistchen aus dem Regal und tupft sich den blauen Joram-Konfettischnipsel auf ihren Mittelfinger. Vorsichtig legt sie ihn vor dem rechten Tunnelausgang auf den Boden.

»Danke, dass du gewartet hast!«, wispert sie dem Käfer zu. »Jetzt kannst du wieder.«

Der Käfer krabbelt wirklich sofort los und verschwindet unter den Fröschen. Elisa beobachtet die Tunnelausgänge. Ihr Herz rast. Wo wird der Käfer rauskommen? Rechts, beim Konfetti, dann ist sie verliebt. Links, dann ist sie nicht verliebt.

Ihre Augen wandern von Tunnelausgang zu Tunnelausgang.

Rechts?

Links?

Links?

Rechts?

Der Käfer lässt sich Zeit. Tock, tock, tock pocht Elisas Herz. Allerdings nicht mehr ganz so schnell wie vorhin.

»Du machst das genau richtig«, flüstert sie, »es ist nicht eilig, aber dafür superwichtig. Lass dir Zeit.« Sie checkt weiter die Tunnelausgänge. Rechts, links. Hin, her. Sie checkt den Tunneleingang. Nicht, dass der Käfer vorne wieder raustrippelt! Aber nichts. Nirgendwo.

Von draußen bollert es plötzlich an die Tür. Oh nein! Zwillingsalarm! Elisa hat vergessen, das rote Tuch um die Klinke zu binden, damit die Kleinen Bescheid wissen, dass sie nicht stören dürfen!

»Nicht reinkommen!«, ruft sie. Aber da drängeln sich Mai und Juni schon hopsend durch die Tür. Der Boden bebt und die Origami-Frösche rascheln bedrohlich im plötzlichen Durchzug.

»Uns ist langweilig«, sagen beide gleichzeitig. Das haben sie bestimmt vorher geübt.

Elisa starrt weiter auf die Tunnelausgänge. »Geht doch in den Kindergarten.«

»Der hat aber zu, du Dummi!«, sagt Juni empört. »Heute ist doch Samstag! Wir wollen, dass jetzt endlich das Umziehauto mit Tristan drin kommt und dass der seine ganzen Sachen hier reinträgt und dann sofort für immer bei uns wohnt und unser Stiervater ist.«

»Das heißt Stiefvater«, verbessert Mai. »Und ich will das gar nicht. Mir ist bloß langweilig, weil du uns keine Papa-Paul-Geschichte erzählst.« Sie stürzt sich auf Elisa und versucht, sie in den Papa-Paul-Geschichten-Erzähl-Kopfstand umzudrehen.

»Nicht!« Elisa verliert das Gleichgewicht und das Froschgebirge aus den Augen. »Mann!« Sie schiebt Mai von sich weg. Sie hat jetzt definitiv keine Zeit, um sich für die Kleinen ein Supergeheimagentenabenteuer auszudenken. »Ich bin grad mitten in einem Experiment.«

Juni geht sofort auf alle viere runter und sucht den Parcours mit den Augen ab. »Wo ist denn der Käfer?«

»Weiß ich nicht genau. Der ist da unter die Frösche gekrabbelt.«

»Dürfen wir hierbleiben und warten, bis der wieder rauskommt?«

»Was willst du denn von dem Käfer wissen?«

»Erzählst du uns danach eine Geschichte?«

Ein Paar riesige olivfarbene Kulleraugen zwischen lockigen Springbrunnenzöpfen und ein Paar riesige olivfarbene Kulleraugen unter einem frisch selbst geschnittenen Raspelpony glänzen Elisa bittend an.

»Nein«, sagt sie streng. »Bei diesem Experiment muss ich allein sein. Und es ist geheim. Tschüss.« Sie schiebt Mai und Juni in Richtung Zimmertür.

»Dann soll aber jetzt wenigstens Tristan kommen!«, quengelt Juni.

»Er kommt im richtigen Moment«, tröstet Elisa, »weißt du doch.«

»Aber der richtige Moment soll jetzt sein!«

Elisa schiebt die beiden noch ein Stück in den Flur, dann drückt sie die Tür zu. Der oberste Frosch wird vom Luftzug ein Stück weggeweht. Es bollert noch mal gegen die Tür und Juni brüllt: »Du bist eine total doofe Elisa!« Dann patschen vier nackte Füße wütend über die Dielen davon und es ist still.

Elisa hockt sich auf den Boden, legt den Frosch zurück an seinen alten Platz und versucht, sich wieder auf das Experiment zu konzentrieren. Hoffentlich ist der Käfer inzwischen nicht unbemerkt abgehauen! An den Ein- und Ausgängen tut sich nichts. Der Konfettischnipsel liegt einsam da und glitzert in der Morgensonne wie eine Diskokugel in einem leergefegten Tanzsaal.

Elisa wartet.

Und wartet.

Eigentlich darf man in Käferexperimente nicht eingreifen. Das würde das Schicksal stören. Sinn des Ganzen ist es ja, den Käfer nur zu beobachten und zu deuten, was er tut. So kann man dem kosmischen Plan bei wichtigen lebenstechnischen Angelegenheiten ein bisschen in die Karten gucken. Hat hunderttausend Mal hervorragend geklappt.

Aber wie soll Elisa bitte schön etwas deuten, wenn sie den Käfer nicht sieht? Sie weiß ja nicht mal, ob er überhaupt noch da ist!

»Das ist ein Notfall«, murmelt sie und nimmt das Froschgebirge auseinander: Der Käfer. Ist. Verschwunden.

»Ich fass es nicht.« Sie faltet – einen nach dem andern – die Frösche auf. Den mit den blauen Blümchen. Den mit den roten Karos. Den mit den gelb-orangen Zickzacken. Und da! In der Maulfalte vom uniblauen findet sie ihn endlich. Seelenruhig klebt er am Papier, ohne sich zu mucksen.

Der pennt!

Ob das ein Zeichen ist?

Durchs Fenster weht wieder eine Lavendel-Windbö und Juni rappt auf der Wiese: »Tris-tan! Tris-tan! Komm jetzt! Ko-ko-ko-komm jetzt!« Mai macht dazu rhythmische Pupsgeräusche mit dem Mund.

Was könnte es bedeuten, dass der Schicksalskäfer so kurz vor dem Ziel schlappmacht? Findet der kosmische Plan vielleicht, dass Elisa gar nicht wissen soll, ob sie verliebt ist oder nicht? Müssen sich erst mehr Glühwürmchen ansammeln oder das Gesumm lauter werden oder noch mehr Konfetti niedergehen? Oder weniger? Hat das Schicksal sich vielleicht einfach noch nicht entschieden? Findet es die ganze Sache vielleicht genauso verwirrend wie Elisa?

Eigentlich dachte sie nämlich immer, sie würde sich in jemanden verlieben, der so ähnlich ist wie sie. Jemand, mit dem sie zugewachsene Waldwege entdecken und freischlagen und dann ausprobieren kann, wo sie hinführen. Jemand, der es gerne wuselig und voll und laut hat. Jemand, der an den kosmischen Plan glaubt. Jemand, der ihr in der Fußgängerzone bei der Passantenbefragung zum Thema ›Hat das Universum Grenzen und wenn ja, warum?‹ hilft. Jemand, der gerne bei Regen draußen ist und am liebsten von allem auf der Welt Schnee isst.

Und nun ist es (vielleicht) Joram.

Joram, der noch nicht mal bei Sonnenschein gerne draußen ist. Joram, der stundenlang mutterseelenallein am Klavier sitzt und immer wieder dieselben Tonleitern übt, ohne sich zu langweilen. Joram, der nicht an den kosmischen Plan, sondern an Logik und Zufälle glaubt. Der so schüchtern ist, dass seine Ohren sogar rot anlaufen, wenn er mit Leuten redet, die er gut kennt. Was bei einer Passantenbefragung mit diesen Ohren passieren würde, will Elisa lieber nicht ausprobieren. Ob er Schnee mag, weiß sie nicht. Aber mit einer selbst geschnitzten Machete im Wald kann Elisa ihn sich definitiv nicht vorstellen.

Vielleicht explodiert deswegen kein Feuerwerk? Braust kein Orkan? Singt kein Chor?

»Tristan! Tris-tis-tis-tis-tan! Komm jetzt! Jetzt, uh jähr!«

Aber sein Duft! Und seine klugen Augen, die alles ganz genau beobachten. Wie er zuhört, mit dem Höchste-Konzentrations-Mund, und anschließend was sagt, das Elisa total umhaut. Wie er Juni stundenlang ihr Lieblingsbuch vorliest, immer und immer wieder von vorne, ohne die Geduld zu verlieren. Und wie er es manchmal sogar schafft, Mai zum Lächeln zu bringen, was außer Opa Eins noch keinem Mann gelungen ist! Na gut, vielleicht noch Tristan.

Selbst wenn Joram einfach nur irgendwo sitzt und gar nichts macht, steuert Elisa automatisch auf ihn zu. Auf den ersten Blick ist er nur ein unauffälliger schwarzer Stein, aber wenn sie in seine Nähe kommt, merkt Elisa, dass er in Wirklichkeit ein Magnet ist. Und Elisa die Büroklammer. Oder so.

Sie beguckt sich den schlafenden Käfer auf dem aufgefalteten Frosch. Die Sache ist echt kompliziert. Kein Wunder, dass der arme Kerl damit überfordert ist.

Es weht wieder so eine Brise durchs Fenster. Noch kühl von der Nacht, aber mit einem watteartigen Nachwind, der ›Heute wird ein heißer Tag‹ flüstert. Elisa legt den Käfer sanft auf der Fensterbank ab und hängt sich ein Stück raus in den Morgen. Von Tristan und dem Umzugswagen noch keine Spur. Der Rap ist inzwischen zu Opern-Gesang mit Mundharmonikabegleitung mutiert. Würdevoll schreiten die Musiker im Gänsemarsch am Fenster vorbei. »Oh bitte, komm jääääää-hääää-häääääääääätzt!«

Auf einmal wird der Käfer wieder munter, krabbelt an Elisas Unterarm vorbei zur Fensterbankkante und hebt ab. Ihre Augen verfolgen ihn noch bis zum Apfelbaum, dann stellen sie, ohne dass Elisa es will, auf die Äste scharf, und der Käfer ist nur noch eins von tausend kleinen Pünktchen, die durch den Garten schwirren.

Es ist Elisa noch nie passiert, dass ein Experiment keine Antwort gebracht hat.

Vor dem Haus hupt es. Der Gesang unterm Fenster verstummt.

»Wüüüüüüüühhh Umziiiiiieh-Autwöööööhhhhh!«, ruft Mai in die Mundharmonika.

»Tristan ist da! Wir haben ihn angelockt!«, jubelt Juni. Dann sausen sie über den Rasen zur Haustür.

Elisa tupft sich den Konfettischnipsel aus dem Käferparcours wieder auf den Finger und legt ihn behutsam zurück in ihr Schatzkistchen. Vielleicht erwartet sie ja ein bisschen zu viel von diesem Tag: Der netteste Stiefvater, den man sich nur denken kann, zieht heute bei ihnen ein!

Da sollte sie die Frage, ob sie nun in seinen Sohn verliebt ist oder nicht, vielleicht besser ein anderes Mal klären.

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Hi.« Elisa fühlt die warme Sonne auf ihren Haaren und den kühlen Steinboden unter ihren Füßen und das wilde Herzgeklopfe irgendwo genau dazwischen.

»Hi«, sagt Joram und streicht sich eine Strähne aus der Stirn. Etwas unschlüssig steht er vor dem Möbelwagen.

»Jetzt ziehen wir zusammen, was?« Elisa lächelt ihn an.

Er lächelt nicht zurück. »Na ja, zumindest für die Wochenenden.«

»Freust du dich? Ich freu mich total.« Sie hätte eigentlich Glühwürmchen und den Windhauch und das Gesumm erwartet, wenn sie Joram sieht, aber heute überkommt sie nur das ganz starke Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt.

Joram lächelt immer noch nicht.

»Ist was mit dir?«

Seine Stimme wird leise. »Kann ich jetzt nicht drüber reden«, nuschelt er. »Vielleicht wenn wir Pause machen?«

»War was mit Tristan?« Wäre ja nicht das erste Mal, dass die beiden Knatsch miteinander haben. Aber Joram schüttelt den Kopf.

»Ihr Süßen seid im Weg. Hi, Elisa.«

»Hi.« Tristan und sie klatschen sich ab, dann schwenkt Tristan die Ladetüren auf. Juni hängt dabei an seinem Bein.

Elisa beguckt sich das Innere des Wagens. »Das sind aber viele Kisten! So groß war deine Wohnung doch gar nicht.«

Tristan zieht den Juni-Saugnapf sanft von seinem Bein ab, schwingt sich auf die Ladefläche und zeigt auf einen beachtlichen Stapel Kartons, die alle mit einem roten X markiert sind. Wie ein Actionheld, dem riesenschwere Kartons mal so rein gar nichts ausmachen, schnappt er sich einen davon und flüstert verschwörerisch: »Kinderkartons.« Dann reicht er ihn von oben an Juni runter, die ihn mit großen Augen in Empfang nimmt.

»Ich kann den tragen!«, ruft sie, und man hört ihrer Stimme an, dass sie es selbst kaum glauben kann. »Guck mal, Tristan, ich bin stark!«

»Aber hallo!« Tristan macht ein anerkennendes Gesicht.

»Ich bin auch stark!«, knurrt Mai, krempelt zum Beweis ihren T-Shirt-Ärmel über die Schulter hoch und lässt ihre Muckis spielen.

Dann stapft sie mit düsterem Blick zum Umzugswagen.

»Hai-Mai«, begrüßt Tristan sie grinsend.

Mai grunzt bloß. »Ich will auch einen. Gib.«

Nur der Fachmann kann erkennen, wie sich ein aufgeregtes Lächelfältchen in ihre Augenwinkel stiehlt, als sie den nächsten X-Karton in die Arme schließt. Es sieht sehr wichtig aus, wie die beiden ihre Beute ins Haus schleppen, die ungefähr genauso groß ist wie sie selbst.

»Wo sind die Erwachsenen?«, fragt Tristan.

»Noch drinnen, die schmieren ’ne Milliarde Butterbrote.« Elisa dreht sich in Richtung Haus, formt mit den Händen einen Trichter um ihren Mund und brüllt: »Eva! Oma Eins! Opa Eins! Tristan ist da!«

»Äh, danke!« Tristan verzieht das Gesicht in gespieltem Schmerz und steckt sich den Zeigefinger ins Ohr. »Jetzt wissen auch die Nachbarn Bescheid. Vielleicht kommen die mithelfen.«

Elisa grinst. »Oder sie flüchten.«

Jorams Gesicht verdüstert sich. »Und was ist mit den Kartons, die kein X drauf haben?«

Tristan grinst. »Das sind die schweren.«

»Aber die haben gar keine Nummern.«

»Nö.« Tristan hievt einen Karton von einem mannshohen Stapel runter. Jetzt sieht er nicht mehr aus wie ein Actionheld.

»Und auch keine Zimmer?«

»Richtig.«

Joram seufzt. »Dann gibt es wohl auch keine Liste, wo draufsteht, was in welchem Karton drin ist?«

Tristan setzt seine Ladung ächzend ab. »Es war alles ein bisschen hektisch bei mir«, erklärt er. »Und ich konnte auch nicht so packen, dass immer klar ist, in welches Zimmer der Karton gehört. Bücher mit Klamotten zusammen, Teller mit Kopfkissen.« Er zuckt die Schultern. »Verstehste?«

»Aber die beiden Kartons, die ich gepackt habe«, sagt Joram, »mit meinen Sachen drin, die gibt es doch noch, oder?«

»Also, das war so …« Tristan kratzt sich am Kopf.

»Papa?!«

»Kumpel, die waren einfach zu schwer, mit deinen ganzen Büchern und so. Ich musste da ein bisschen umverteilen.«

Joram nimmt schweigend einen tiefen Atemzug. »Zum Glück hab ich alles Wichtige bei Mama«, murmelt er. Dann sagt er laut zu Tristan: »Und woher sollen wir jetzt wissen, wo die Kartons hinsollen?«

Ordnung und Beschriftungen und Pläne sind eine wichtige Sache für Joram. Elisa muss an ein Käferexperiment denken, das sie vor Kurzem mit ihm zusammen gemacht hat. Das hat eindeutig ergeben, dass Gegensätze sich anziehen. Vielleicht ist Joram einfach ihr Gegenteil?! Das würde doch so ziemlich alles erklären.

»Pass auf«, sagt sie, um Tristan ein bisschen beizustehen. »Wenn man keine Nummern auf die Kartons schreibt und deswegen nicht genau weiß, wie viele man in der alten Wohnung gepackt hat und wo sie hinsollen, dann kann man in der neuen auch nicht so schnell merken, wenn einer fehlt.«

»Eben!« Joram guckt wie jemand, der findet, dass er das Falsche erklärt bekommt.

»Das ist doch cool!« Elisa lächelt ihn an. »Stell dir mal vor: Einer von den Kartons landet aus Versehen irgendwo, wo er nicht hingehört. Im Keller zum Beispiel oder in der Garage. Irgendwann fragen wir uns: ›Haben wir jetzt alle Kartons ausgepackt?‹ ›Glaube schon.‹ ›Nichts vergessen?‹ ›Nicht, dass ich wüsste.‹« Elisa spricht mit wechselnden Stimmen, damit Joram sich alles ganz genau vorstellen kann. »Und diesen einen verschollenen Karton finden wir dann – sagen wir mal – ein Jahr später wieder. Wir packen ihn aus, und tadadadaaa! – kommen lauter coole Sachen raus. Wir haben die gar nicht vermisst, aber jetzt fallen sie uns wieder ein. Und dann fühlt es sich an, als wären das neue Sachen, bloß welche, mit denen wir uns total auskennen.«

Jorams Gesicht macht keinen erleuchteten Eindruck.

»Willst du das ganze Spannende verpassen, nur wegen ein paar blöden Nummern?«, fragt Elisa.

Joram sieht sie lange an, ohne zu antworten. Zwischen seinen und ihren Augen spannt sich eine magische Blickschnur. Elisa bekommt Herzklopfen und sieht die ersten Glühwürmchen antanzen. Aber als Joram immer weiter schweigt, macht sie sich plötzlich Sorgen.

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