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Vieles haben wir dann nicht mehr mitgemacht

Silke Kruse, Udo Kruse

Vieles haben wir dann
nicht mehr mitgemacht!

Die 50er-Jahre aus Sicht der Nachkriegsgeneration

mit Fotos aus der Nachkriegszeit von Ernst Hübener

Einleitung:

Das soll uns nicht noch mal passieren!

Die Kriegsgeneration auf der Suche nach stabilen Verhältnissen und Geborgenheit

Eine Welt aus zweiter Hand

Das tut man nicht!

Aber bitte mit Sahne!

Vorbild ist die legendäre schwäbische Hausfrau

Gehen Sie mit der Konjunktur!

Die genervte Jugend rebelliert

Schluss mit der prüden Sexualmoral!

Und dann die APO

Vatis Argumente

Die Antibabypille und der Pillenknick

Suche nach einem ideellen Aufbruch

Wer hat den Bericht des Club of Rome im Altpapier entsorgt?

Klaus von Dohnanyis Erinnerungen

1. Kapitel

Die Welt der Kriegsgeneration

Die Flucht in auslaufende Lebensmodelle

Der überforderte Mann

Warum „Alleinverdiener“ mehr verdienen sollten

Von der Hausfrauenehe zur Partnerschaftsehe

Keine Gleichberechtigung bei der Namenswahl

Absage an das Fräulein

2. Kapitel

So sind wir aufgewachsen

Zufriedenheit der Nachkriegskinder mit bescheidenen materiellen Möglichkeiten

Mutter, der Mann mit dem Koks ist da

Und samstags wird gebadet

Das Alte wird entsorgt – Neues setzt sich durch

Bezahlt wird jetzt in Raten

Das „Ein-Wochen-Hemd“

Es wird geschneidert, gestrickt und gehäkelt

Schlichte und biedere Kleidung für die Männer

Klassen mit über 50 Schülerinnen und Schüler

3. Kapitel

Immer wieder sonntags

Impressionen aus Otto Normalverbrauchers Idealwelt

Unterschiedliche Erinnerungen an die Sonntage

Samstags gehört Vati mir

Sonntagvormittag: Glockengeläut und Kirchgang

Sonntagmittag: Der Sonntagsbraten

Sonntagnachmittag: Spaziergang „en famille“

Sonntagabend: Häuslichkeit ist angesagt

Sonntagskleidung: Tag der guten Sachen

Mit Krawatte auf den Fußballplatz

4. Kapitel

Und dann haben wir uns aufgelehnt!

Der radikale Wandel in Familie und Arbeitsleben

Mit Minirock und Jeans gegen die Mode unserer Mütter

Empörung über die „Feigenblatt-Aktion“

Ein neues Selbstverständnis der modernen Familie

Wir wollten anders sein

Vor allem ein Partnerschaftsproblem: Rollenverteilung in der Familie

Aussteuer haben wir dann nicht mehr gesammelt

Verlockungen der Wirtschaftswunderwelt

Oswald Kolle klärt auf

Proteste von gestern

Spätes Lächeln über die Frauenzeitschrift „Brigitte“

Schlussbetrachtung

Die Nachkriegsgeneration setzte sich durch

Wir haben viel verändert, etliches bleibt zu tun

„Das tut man nicht!“ dulden wir nicht mehr

Letzte Spuren aus der alten Welt beim Restaurantbesuch

Einleitung

Das soll uns nicht noch mal passieren!

Die Kriegsgeneration auf der Suche nach stabilen Verhältnissen und Geborgenheit

Wir befinden uns im Nachkriegsdeutschland. Der mörderische Krieg und der totale Zusammenbruch beherrschten noch bis tief in die 1950er-Jahre das Denken und Fühlen der arg gebeutelten Kriegsgeneration, insbesondere der in den 1920er- bis Mitte der 1930er-Jahre Geborenen. Was lag da näher, als dass sie sich nach stabilen Verhältnissen und Geborgenheit sehnten? Und weil ihr Sicherheitsbedürfnis gewaltig war, suchte sie Halt in unzerstörten Traditionen und überkommenen Rollenbildern. Unter dem Motto „Keine Experimente!“ wurden Wahlen gewonnen. Passend dazu sang Heinz Erhard 1952 das Lied „Das soll uns nicht noch mal passier‘n!“1

Anders sahen das die nach dem Krieg Geborenen, zu denen die Verfasser dieses Buches gehören. Für uns war die „kaputte Nachkriegswelt“ normaler Alltag. Auch wenn überall Mangel herrschte. Auch wenn die Wohnungen eng und kärglich ausgestattet waren. Wir kannten das alles ja nicht anders. Selbst dass wir auf den Straßen immer wieder Kriegsversehrten begegneten und viele unserer Freunde und Freundinnen ohne Vater aufwuchsen, wunderte uns nicht. Das war eben so. Kinder wollen leben und nehmen die Verhältnisse verständnisvoll als gegeben hin. So spielten viele denn munter zwischen Trümmern und gingen in die oft mit mehr als 50 Kindern überbesetzten Schulklassen. Und das mit der gleichen Freude oder der gleichen Abneigung wie heute Kinder in Klassen mit halb so vielen Schülerinnen und Schülern gehen.

Einschulung: Die Nachkriegsgeneration ging in die oft mit mehr als 50 Kindern überbesetzten Schulklassen. Und das mit der gleichen Freude oder der gleichen Abneigung wie Kinder heute in Klassen mit halb so vielen Schülerinnen und Schülern gehen.

Jüngere Kinder sind eben meistens verständig und wollen sich anpassen. Sie wollen von den Erwachsenen lernen, wie man sich „in der Welt“ bewegt. Wir befanden uns in der wichtigen ersten Phase unseres lebenslangen Sozialisationsprozesses“2 – so wie Generationen vor uns und so wie später unsere Kinder und Kindeskinder.

Eine Welt aus zweiter Hand

In unseren Erinnerungen sind deshalb die kargen Nachkriegsjahre denn auch nicht die schlechteste Zeit in unserem Leben. So war dieser Mangel auch nicht die Ursache der späteren, stark auch von der Pubertät geprägten Auflehnung gegen die Welt unserer Eltern, die letztlich in die 68er-Studentenunruhen mündete. Die Ursachen der späteren Auflehnung lagen vielmehr in den steifen, oft zudem überbetonten Verhaltensnormen und Rollenvorstellungen der Erwachsenen. Und diese waren eben stark von deren frustrationsgeprägten Erlebnissen und Empfindungen geprägt. Sie nämlich waren die noch einmal Davongekommenen. „Damit das nicht noch mal passiert“, legte die Kriegsgeneration jetzt nämlich großen Wert auf diese Verhaltensnormen und Rollenbilder. Im Grunde genommen schuf sie sich damit eine Welt aus zweiter Hand. Andererseits: Woran sollte sie sich auch sonst orientieren? Schließlich hatten viele von ihnen den Alltag in normalen Zeiten nie erlebt. Viele Männer hatten nur in Kasernen, Schützengräben und Kriegsgefangenenlagern gelebt. Das Berufsleben kannten sie dagegen kaum oder gar nicht. Woher sollten sie da die den „normalen bürgerlichen Alltag“ bestimmenden Umgangsformen kennen? Wie sollten sie da jetzt zurechtkommen – ohne Ausbildung, ohne Perspektive, ohne Geld und auch ohne moralische Identität? So begann für sie ein verspäteter Sozialisationsprozess. Kein Wunder, dass bei dieser Unsicherheit Anstandsbücher reißenden Absatz fanden. „Man benimmt sich wieder!“ hieß eines von ihnen (Abb. auf Seite 7). Sie versprachen Hilfe für alle Lebenslagen – vom sozialen Kontakt im Alltag über Feste, Reisen, Briefeschreiben bis hin zur Haushaltsführung und zu Vorstellungsgesprächen. So krempelte der arg gebeutelte Otto Normalverbraucher – ein abgemagerter, ehrlicher Typ – die Ärmel hoch. Er wollte lernen. Er wollte das Versäumte nachholen. Und er war auch zur Anpassung bereit. Heute verstehen wir ihn.

Heute wissen wir, dass diese verspätete Sozialisation – wie rückständig auch immer man sie heute betrachten mag - für die Stabilität der Nachkriegsgesellschaft enorm wichtig war. Weitgehend einheitliche und vor allem allgemein akzeptierte Normen bilden nämlich den Kern der Stabilität der sozialen Ordnung.3 Nach dem Ersten Weltkrieg verlief die Entwicklung anders und erschütterte dadurch die Weimarer Republik. Das sollte man nicht vergessen.

„Das tut man nicht!“

Vor diesem Hintergrund gab die Kriegsgeneration ihre Gefühle und Vorstellungen an uns Kinder weiter – so wie es jede Generation vor ihr auch getan hat. Wen wundert es, dass diese Generation auf Ordnung und Disziplin, gute Manieren, Sparsamkeit und korrekte Kleidung setzte?! Anstand und Sitte schrieb sie groß. In der Tanzschule, in die sie uns Kinder schickte, regierten Knigge und Etikette. Wir lernten dort damals nicht nur tanzen, sondern auch gute Umgangsformen (siehe Abbildung auf Seite 7).

Dazu gehörte zum Beispiel für uns als junge Frauen das richtige Sitzen: „Die Knie eng zusammen und die Füße nebeneinander!“ Noch waren die Knie der Mädchen beim Abtanzball bedeckt. Und wir Jungs mussten einen Diener machen, bevor wir eine der jungen Damen zum Tanz aufforderten. Es war die Zeit, in der wir immer und immer wieder das sicherheitsgeprägte „Das tut man nicht!“ zu hören bekamen. Das gehörte zu unserem Sozialisationsprozess.

In der Tanzschule lernten die jungen Leute nicht nur tanzen, sondern auch gute Umgangsformen. Anstand und Sitte standen hoch im Kurs.

Anstandsbücher fanden reißenden Absatz.

Als wir älter wurden, nervte uns das alles allmählich, denn so recht verstehen konnten wir damals so manches Verbot oder Gebot nicht. Dafür fehlte uns die Erinnerungslast unserer Eltern. Das ganze schreckliche Kriegsgeschehen sowie die Not und die Entbehrungen der frühen Nachkriegsjahre hatten wir ja nicht bewusst miterlebt. Dafür waren wir noch zu klein. Deshalb dachten und empfanden wir unbelastet und damit ungezwungen. Deshalb wollten wir „das alles“ denn auch nicht mehr mitmachen. Und damit zerfiel die für die weitere Sozialisation so wichtige Akzeptanz der so mühsam wieder entwickelten Normen und Werte der Kriegsgeneration.4

Aber zunächst trauten wir uns noch nicht, deshalb wie einige Zeit später offen und impulsiv, ja teilweise irrational gegen die ältere Generation aufzubegehren. Im Nachhinein wissen wir, dass hierbei auch die Pubertät eine Rolle spielte – jene Zeit, in der die Eltern als „doof“ angesehen werden, die Schule „nervt“, und das Leben als enorm anstrengend empfunden wird.5 Auch wenn wir die Nachkriegszeit als außergewöhnlich empfanden, hatten wir – mehr oder minder ausgeprägt – Pubertätsprobleme wie andere Generationen auch.

Eines allerdings hielt sich starr noch lange Zeit: Menschen, die nicht miteinander verwandt oder befreundet waren, siezten sich. In der Lehre wurden wir ab dem dritten Lehrjahr gesiezt. Selbst unter Studenten war das „Sie“ üblich. Daran haben zunächst auch die Achtundsechziger nichts geändert, die das „Sie“ als Zeichen der verpönten Bürgerlichkeit ablehnten. Ihr „Allerwelts-Du“ allerdings wirkte auf manche abstoßend und unehrlich und hat damit einer Lockerung der Anredeformen eher geschadet. Eine Ausnahme blieb deshalb lange Zeit das klassische Sportler-, Genossen- und Arbeiter-Du.

„Aber bitte mit Sahne!“

Schon bald war es mit der vorsichtig bescheidenen Behaglichkeit im Spitzwegwinkel der Kriegsgeneration vorbei. Das Wirtschaftswunder riss alle von den Stühlen – auch uns. Was für eine Zeit: Das reale Bruttosozialprodukt verdoppelte sich in den 50er-Jahren, und die Nettoeinkommen der Beschäftigten stiegen um gut zwei Drittel. Die Arbeitslosenzahl sank von 11 auf 1,3 Prozent. Es herrschte praktisch Vollbeschäftigung. Die Schaufenster waren voll. Da wurde nachgeholt und nochmals nachgeholt. Auch wir Jüngeren wurden in die Wirtschaftswunderwelt hineingezogen. Und wir ließen uns ziehen. Wir haben das alles mit Begeisterung mitgemacht. So gingen wir am kleinen Tante-Emma-Laden, der unsere Kindheit mitgeprägt hatte, stur vorbei zum neuen Supermarkt. Das war modern! Tante Emma war out – auch wenn ihr Weggang später immer wieder mit Krokodilstränen beweint wurde.

Bald ging es uns schon sehr viel besser. Auch die Jüngeren ließen sich in die Wirtschaftswunderwelt hineinziehen (Underberg-Anzeige aus den 50er-Jahren).

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