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Viel mehr, als du denkst!

Michelle Celmer

Viel mehr, als du denkst!

1. KAPITEL

Juni

Alexis „Lexi“ Cavanaugh war in den falschen Bruder verliebt.

Sie sah über den von Kerzen beleuchteten Tisch hinweg zu dem Mann, mit dem sie den größten Teil der vergangenen Woche verbracht hatte. Voller Enthusiasmus sprach er über Brody Oil and Gas, die Firma, die er gemeinsam mit seinem Bruder Lance besaß – dem Mann, den Lexi heiraten sollte.

Nicht dass sie erwartet hatte, sich in Lance zu verlieben. Ihre Ehe würde kaum mehr als ein Geschäft sein, das Mitch und Lance mit Lexis Vater Bruce Cavanaugh – dem Senator des Staates Texas – abgeschlossen hatten. Hatte sie nicht immer getan, worum sie ihr Vater gebeten hatte? Behauptete er nicht, alles besser zu wissen? Eine Hochzeit mit Lance würde die finanzielle Unabhängigkeit und den gesellschaftlichen Status bedeuten, die Lexi seiner Meinung nach zustanden. Lexi wusste allerdings nicht, womit sie das verdient haben sollte – außer vielleicht dadurch, dass sie ebenfalls den Namen Cavanaugh trug.

Natürlich fand sie Lance attraktiv, denn er war groß und dunkelhaarig, sah umwerfend gut aus und hatte einen athletischen Körper. Außerdem konnte er unwiderstehlich charmant sein – ein sanftmütiger Riese. Aber auf Lexi wirkte er nicht so anziehend wie die Männer, deren Umgang sie normalerweise gewohnt war. Bei seinen Arbeitern in der Raffinerie schien er sich wesentlich wohler zu fühlen als in der Gesellschaft von Aktionären. Mitch hingegen kam problemlos mit der geschäftlichen Elite von Washington D. C. zurecht. Gemeinsam hatten Lexi und er wenigstens sechs Partys und Wohltätigkeitsveranstaltungen besucht, wobei Mitch seinen Bruder vertreten hatte. Er hatte keine Probleme gehabt, mit den wichtigsten Leuten ins Gespräch zu kommen. Unleugbar war er derjenige von beiden, der bei Brody Oil and Gas die Fäden in der Hand hielt.

Darüber hinaus war er auch derjenige von beiden, in den Lexi sich verliebt hatte.

Viele Männer sahen in ihr lediglich ein Vorzeigeobjekt ohne Geist und Verstand: Sie sollte schön anzusehen sein, sich ansonsten jedoch besser schweigend im Hintergrund halten. Mitch allerdings hörte ihr zu und schien aufrichtig interessiert an dem zu sein, was sie zu sagen hatte.

Plötzlich fiel ihr auf, dass Mitch ihren Blick erwiderte und sie anlächelte. Sein Gesicht war ihr in den vergangenen Tagen vertraut geworden. Jede Einzelheit hatte sie sich eingeprägt: die wohlgeformte Nase, die sinnlichen braunen Augen, die verführerischen Lippen, die edle Kinnpartie. Da sie jeden seiner Gesichtsausdrücke zu deuten verstand, wusste sie, dass sein Lächeln in diesem Moment Belustigung verriet.

„Was ist denn?“, fragte Alexis.

„Du hast nicht ein Wort von dem mitbekommen, was ich gesagt habe, richtig?“

Er hatte vollkommen recht. Völlig geistesabwesend war sie gewesen, während er eben über sein Geschäft geredet hatte, das ihm mehr als alles andere auf der Welt am Herzen lag. Allerdings war es ihr einfach unmöglich, auf diese Lippen zu starren, ohne in Verzückung zu geraten und sich nicht von dem tiefen Klang seiner Stimme verzaubern zu lassen. Natürlich war das keine Entschuldigung für ihr unhöfliches Verhalten, denn normalerweise war sie eine äußerst aufmerksame Zuhörerin.

„Tut mir leid“, sagte sie.

„Ich sollte mich wohl eher bei dir entschuldigen. Bestimmt langweile ich dich mit meinem Gerede. Hin und wieder vergesse ich, dass nicht jeder so leidenschaftlich in das Ölgeschäft verliebt ist wie ich.“

„Nein, ganz im Gegenteil, ich höre dir sehr gern zu, wenn du davon sprichst. Ich bin nur ein bisschen müde. Ist ja auch eine anstrengende Woche gewesen.“

„Das stimmt“, erwiderte Mitch mit einem beinahe verführerischen Lächeln. „Mein Bruder hat ja keine Ahnung, was ihm entgangen ist.“

Fühlte er etwa dasselbe Verlangen nach ihr wie sie für ihn? Oder war er nur höflich? Oder, wie sein Bruder, einfach ein Naturtalent im Flirten?

„Es ist spät. Ich sollte dich ins Hotel zurückbringen.“

Für einen Augenblick erlaubte Lexi sich die Vorstellung, dass sie gar nicht schnell genug auf ihr Zimmer kamen, um sich dort leidenschaftlich zu lieben. Dieser Gedanke faszinierte und erschreckte sie gleichermaßen. Schon immer hatte sie darauf gehofft, ihr erstes Mal würde etwas ganz Besonderes sein, und sie war vollkommen überzeugt, dass Mitch der richtige Mann dafür war.

Doch das würde nicht geschehen, denn bald heiratete sie seinen Bruder. Und hob man etwas so Kostbares wie Jungfräulichkeit nicht für den zukünftigen Ehemann auf? Auch dann, wenn es gar keine richtige Ehe sein würde?

Mitch rief den Ober und bezahlte die astronomisch hohe Rechnung, ohne mit der Wimper zu zucken. Was hatte sie erwartet, wenn er sie in das teuerste Restaurant von Washington ausführte? Offensichtlich war Geld kein Thema für ihn.

Er war ihr beim Aufstehen behilflich und geleitete sie zur Tür. Erfreut bemerkte Lexi, dass alle anderen Gäste sich nach ihnen umdrehten. Die Männer beobachteten neidisch, wie ihre Begleiterinnen Mitch verzückt anstarrten.

Sorry, Mädels, der gehört mir ganz allein. Zumindest so lange, bis sie offiziell mit Lance liiert war. Wenn es ihr doch nur gelänge, diesen Augenblick bis in alle Ewigkeit hinauszuzögern und ein Leben mit Mitch anstatt mit Lance zu führen!

Als sie hinaus in die schwüle Abendluft traten, wartete die Limousine bereits auf sie. Das weiche Leder fühlte sich angenehm kühl an, als sie in dem Wagen Platz nahmen. „Zum Watergate Hotel“, wies Mitch den Fahrer an.

Sie hoffte, während der Fahrt mit Mitch sprechen zu können, aber leider klingelte sein Mobiltelefon. Nach einem Blick auf das Display, entschuldigte er sich bei ihr. „Tut mir leid, aber ich muss den Anruf annehmen.“

Obwohl er am Telefon nichts Bestimmtes sagte, merkte sie an seinem Tonfall, dass es um das Feuer in der Raffinerie ging. Von ihrem Vater hatte Lexi gehört, dass alles auf Brandstiftung hindeutete. Obwohl es keine konkreten Beweise gab, waren Gerüchte laut geworden, dass Lances langjähriger Rivale, Alejandro Montoya, dafür verantwortlich sein könnte. Zwar blieb ihr unbegreiflich, wie jemand so leichtfertig viele Menschenleben aufs Spiel setzen konnte, allerdings war sie sozusagen mit Politik groß geworden und hatte lernen müssen, dass manche Menschen zu furchtbaren Dingen fähig sein konnten.

Als die Limousine vor dem Hotel hielt, beendete Mitch das Gespräch. Normalerweise trennten sie sich in der Lobby, da ihre Zimmer in verschiedenen Flügeln des Hotels lagen. Heute Abend jedoch bot Mitch ihr an, sie bis zu ihrem Zimmer zu begleiten.

Er ist lediglich höflich, redete sie sich ein. Aber warum ausgerechnet heute? Was war an dem heutigen Abend anders als an den übrigen zuvor?

Die Luft im Fahrstuhl schien vor Anspannung zu knistern. Mehr als sonst war Lexi sich Mitchs Gegenwart bewusst. Vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

Als die Kabinentür aufglitt, berührte er Lexis Taille, um sie herauszuführen. Seine Hand war warm, das spürte sie sogar durch den Seidenstoff ihres Sommerkleides, und ihre Haut prickelte vor Erregung. Sie konnte sich nicht daran erinnern, von Mitch vorher schon einmal auf solche Weise berührt worden zu sein, das hätte sie unter gar keinen Umständen vergessen. Als sie die Zimmertür erreicht hatten, nahm er Lexi den Schlüssel ab, um aufzuschließen. Nachdem sie eingetreten war, lehnte Mitch sich an den Türrahmen.

„Der Abend heute hat mir sehr gut gefallen, Lexi“, sagte er und sah ihr zunächst in die Augen, bevor sein Blick weiter nach unten auf die Vorderseite ihres Kleides schweifte. Sie bemerkte den leidenschaftlichen Gesichtsausdruck, mit dem Mitch das Ergebnis ihres teuren, wenn auch unbequemen Push-up-BHs bewunderte, der ihr ein aufregendes Dekolleté bescherte. Mitch war es also nicht entgangen, und offensichtlich gefiel ihm, was er da sah.

Sie war noch nie die geborene Verführungskünstlerin gewesen, aber an diesem Abend war ihr genau danach. Was konnte es schon schaden, zum ersten Mal in ihrem langweiligen Leben etwas Skandalöses und Verruchtes zu tun? Etwas, das sie nur für sich selbst tat? Wer, außer ihnen beiden, würde jemals davon erfahren? Hatte sie sich nach all den Jahren der Enthaltsamkeit nicht eine Nacht zügelloser Leidenschaft und Ekstase verdient?

Zweifellos würde Mitch ihr zu so einer Nacht verhelfen.

„Mir hat er auch sehr gut gefallen“, erwiderte sie und lächelte ihn an. Sie hoffte, dass ihr Lächeln auch wirklich verführerisch wirkte. Vielleicht lag es am Wein oder am Candle-Light-Dinner, aber sie konnte förmlich spüren, wie ihre Hemmungen sich in nichts auflösten. „Hättest du Lust, auf einen Schlummertrunk reinzukommen?“

Ohne zu zögern, folgte er ihrer Aufforderung und schloss die Tür hinter sich. Sie öffnete den Mund, um zu fragen, was er trinken wollte, als er auch schon die Arme um sie legte und sie an sich zog. Ihre Brustknospen prickelten, als er sie an seinen muskulösen Oberkörper presste, und vor Aufregung fühlten sich ihre Knie an, als wollten sie jeden Moment nachgeben. Mitch neigte den Kopf, um sie zu küssen. Überrascht atmete sie ein, öffnete den Mund, und Mitch ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.

Fast erwartete sie, dass er sie so stürmisch und dominant küsste, wie es die Helden in ihren Lieblingsliebesromanen zu tun pflegten, doch seine Lippen berührten sie sanft und zärtlich. Obwohl sie es sich von ganzem Herzen gewünscht hatte, von ihm geküsst zu werden, war sie so überwältigt von dem Kuss ihres zukünftigen Schwagers, dass sie reglos in seinen Armen verharrte.

Da er ihr Zögern wohl als Ablehnung deutete, ließ er sie los und zog sich zurück. „Tut mir leid“, sagte er. „Aber ich habe schon den ganzen Abend davon geträumt, das zu tun. Die ganze Woche schon, um ehrlich zu sein.“

Das hatte sie auch, und sie hatte auch nicht vor, die Sache jetzt zu vermasseln. Auf keinen Fall würde sie es ihrer Furcht vor dem Unbekannten gestatten, ihr die Chance auf eine Nacht mit dem Mann ihrer Träume zu nehmen.

Und deshalb setzte sie ihr verwegenstes Lächeln auf und schlang ihm die Arme um den Nacken. „Und warum hörst du dann auf?“

Beim nächsten Kuss hörte er nicht mehr auf, und als sie zusammen ins Bett gingen, um sich zu lieben, übertraf er alle ihre Erwartungen bei Weitem.

Und noch viel mehr.

Das wurde die erstaunlichste, erschreckendste und schönste Nacht in Lexis Leben. Sie hatte gar keine Vorstellung davon gehabt, dass zwei Menschen sich in dieser perfekten Weise verbinden konnten, wie sie und Mitch es getan hatten. Zwar hatte sie versucht, die Tatsache zu verbergen, dass sie immer noch Jungfrau war, aber natürlich hatte Mitch es bemerkt. Ihre Sorge, dass er wütend oder gar abgestoßen sein könnte, erwies sich als vollkommen unbegründet. Genau das Gegenteil war der Fall, und er war besonders süß und zärtlich zu ihr gewesen. Was Lexi sich als eine schmerzhafte und schreckliche Erfahrung vorgestellt hatte, war schöner gewesen als alles, wovon sie je zu träumen gewagt hatte.

Als sie am nächsten Morgen unter der warmen Seidendecke erwachte, an der immer noch der Duft von Mitchs Aftershave haftete, wusste Lexi, dass sie Lance nicht heiraten würde. Sie wollte Mitch und war sicher, ihr Vater würde, wenn sie ihm die Sache erklärte, Verständnis dafür haben, dass der andere Brody eine wesentlich bessere Partie war. Für den Senator war doch lediglich der Name Brody von Belang.

Sie lächelte vor sich hin und stellte sich vor, wie es wäre, mit Mitch verheiratet zu sein. Wie glücklich sie sein würden, weil sie einander liebten. Und sie stellte sich vor, wie ihre Kinder wohl aussehen würden. Sie würden einen Sohn mit Mitchs schlankem Körperbau, dunklem Haar und schönen Gesichtszügen haben. Und eine hübsche Tochter mit ihrem blonden Haar und hellen Teint.

Sie würden die Hochzeitszeremonie im Garten des Houstoner Anwesens ihres Vaters feiern und ihre Flitterwochen irgendwo verbringen, wo es warm und exotisch war. Vielleicht in Cabo San Lucas auf der berühmten mexikanischen Halbinsel oder auf den Bahamas. Und wenn Mitch einverstanden war, könnte sie versuchen, während dieser Zeit schwanger zu werden. Was für einen schöneren Zeitpunkt gab es dafür als die Flitterwochen? Sie wollte wenigstens drei oder vier Kinder haben.

Als Lexi eine Bewegung im Zimmer wahrnahm, bemerkte sie, dass Mitch bereits auf war. Sie sah auf die Uhr auf dem Nachttisch und stellte erstaunt fest, dass es noch nicht einmal sieben war.

„Bist du schon wach?“, fragte Mitch.

Sie drehte sich auf die Seite, um ihn anzusehen, und wollte gerade lächelnd fragen, warum er nicht zurück ins Bett kam und es selbst herausfand – als sie feststellte, dass er bereits angezogen war. Der Ausdruck auf seinem Gesicht nahm ihr den Mut. Doch dann wurde ihr klar, dass es ja nicht verwunderlich war, wenn Mitch so bekümmert aussah. Schließlich war er im Begriff, seinem Bruder die Verlobte wegzunehmen. Vielleicht dachte er auch, Lance liebte sie.

Die Decke vor ihre Brust haltend, setzte Lexi sich auf. „Guten Morgen.“

„Wir müssen reden“, entgegnete er.

Eifrig nickte sie und war kaum in der Lage, ihre Aufregung zu bezähmen. Jetzt war es so weit. Er würde ihr sagen, dass er sie liebte, und sie bitten, ihn anstelle von Lance zu heiraten. Natürlich würde sie mit Ja antworten, und er würde sich wieder ausziehen und zurück ins Bett kommen. Den restlichen Morgen würde sie damit verbringen, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebte. Danach würde alles perfekt sein, so wie es in den Liebesromanen immer war, wenn es hieß, dass sie glücklich bis zum Ende ihrer Tage zusammenlebten.

„Ich muss dir sicher nicht sagen, dass wir beide einen großen Fehler begangen haben“, erklärte er im düsteren Tonfall.

Moment mal, was?

Einen Fehler?

Mehrere Male wiederholte sie die Worte im Stillen und war immer noch überzeugt, sich verhört zu haben.

„Niemand darf jemals davon erfahren, was hier zwischen uns passiert ist“, fügte Mitch grimmig hinzu. „Und auf gar keinen Fall mein Bruder.“

Ebenso gut hätte er ihr bei lebendigem Leib das Herz herausreißen können, denn genau so kam sie sich gerade vor. Das schmerzhafte Gefühl von Leere, das plötzlich in ihr herrschte, war beinahe unerträglich.

Jahrelang hatte sie die Kritik und Gleichgültigkeit ihres Vaters ertragen. Was auch immer sie getan hatte, um ihm zu gefallen – nie hatte es gereicht, um seine Liebe zu gewinnen. Und jetzt wurde sie erneut von einem Mann zurückgewiesen, dessen Zuneigung sie so heftig herbeisehnte.

Vielleicht stimmte mit ihr irgendetwas nicht, und es war gar nicht möglich, dass man sie liebte.

„Lance fliegt heute Nachmittag hierher, um dir offiziell einen Antrag zu machen“, teilte Mitch ihr mit. „Du musst so tun, als wäre alles in bester Ordnung.“

Wie sollte sie vorgeben, dass alles gut war, wenn sie dabei das Gefühl hatte, vor Schmerz zu zerbrechen? Wie hatte sie nur so dumm sein können? Warum hatte sie nicht gleich erkannt, dass es für Mitch nur Sex gewesen war? Vielleicht war es so was wie ein Wettstreit zwischen den Brüdern, und Mitch verführte alle Freundinnen von Lance.

Sie kam sich so erniedrigt vor wie nie zuvor, aber lieber wäre sie gestorben, als es Mitch gegenüber zuzugeben.

Stolz reckte sie das Kinn und setzte einen betont gelangweilten Blick auf. „Ich muss nicht so tun, als wäre alles in bester Ordnung, Mitch. Soweit es mich betrifft, ist alles in bester Ordnung. Zweifellos hast du deine Aufgabe erfüllt.“

„Was für eine Aufgabe?“, fragte er stirnrunzelnd.

Verzweifelt zermarterte sie sich das Hirn auf der Suche nach der allerschlimmsten Antwort, die ihr nur einfallen konnte, damit sie ihn genau so tief verletzen konnte. „Um mir ein bisschen Nervenkitzel zu verschaffen und meinen zukünftigen Ehemann um meine Jungfräulichkeit zu bringen. Wer wäre dazu besser geeignet als der eigene Bruder? Allerdings muss ich dir leider mitteilen, dass ich es mir schon besser vorgestellt hatte. Deine Vorstellung ist ja nicht gerade weltbewegend gewesen.“

Mitchs Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass er nun ziemlich wütend war. Lexi wartete darauf, dass er zu schreien und schimpfen begann, wie ihr Vater es tat, wenn sie ihn enttäuscht hatte. Doch alles, was Mitch sagte, war: „Das hätte ich von einer verwöhnten und verhätschelten Erbin wie dir eigentlich erwarten müssen.“

Nichts hätte sie mehr treffen können.

Mitch griff nach seinem Portemonnaie, das auf dem Nachtschrank lag. „Wir treffen uns um neun unten in der Lounge“, sagte er, bevor er sich umdrehte und ohne ein weiteres Wort das Zimmer verließ.

Für ein paar Minuten saß sie einfach nur da und fühlte sich vor Kummer ganz elend, bis plötzlich noch ein anderes Gefühl sich in ihr zu regen begann: Verärgerung. Was fiel Mitch eigentlich ein, so mit ihr zu spielen? Wie hatte er es wagen können, mit ihr zu schlafen, ihr wertvollstes Geschenk – ihre Unschuld – anzunehmen und sie danach rücksichtslos von sich zu stoßen?

Das würde er noch bereuen. Sie würde seinen Bruder heiraten und dazu bringen, sich in sie zu verlieben. Sie würde die beste Mutter, die beste Ehefrau und einfach alles sein, was Lance sich von einer Partnerin wünschen konnte.

Mitch würde sehen, wie glücklich sie waren und wie perfekt sie sein konnte, und bis zum Ende seines Lebens würde er es bereuen, sie abgewiesen zu haben.

2. KAPITEL

September

Mitchell Brody war eigentlich kein Mann von Kompromissen, aber wenn es aber um Brody Oil and Gas ging, war er bereit, fast alles für den Erfolg seiner Firma tun. Auch wenn das bedeutete, eine verwöhnte, herzlose und berechnende Erbin zu heiraten, die anstelle eines Herzens einen Eisblock in ihrer Brust zu haben schien.

In seinem Houstoner Büro sah Bruce Cavanaugh Mitch von seinem Platz hinter dem massiven Schreibtisch an – der, wie Cavanaugh gern betonte, einst John F. Kennedy gehört hatte. Ein wenig wirkte der Senator wie ein König, der einem seiner Untergebenen gnädig eine Audienz gewährte. Alles in dem Raum, von der luxuriösen Einrichtung bis hin zu den Urkunden an den Wänden, diente lediglich dem Zweck, Besucher einzuschüchtern. Nur zu gerne hätte Mitch dem überheblichen Politiker gesagt, dass er sich zum Teufel scheren sollte, doch unglücklicherweise waren er und Lance auf die Unterstützung des Senators angewiesen. Wenn sie den Profit erhöhen wollten, mussten sie mit ihrer Firma expandieren.

„Ihr Bruder hat meine Familie erniedrigt“, erklärte Cavanaugh.

„Das weiß ich, Sir. Und ich möchte Ihnen erneut unser tiefes Bedauern darüber ausdrücken und hoffe, Sie akzeptieren unsere Entschuldigung.“

„Meine Lexi für eine gewöhnliche Sekretärin zurückzuweisen“, spottete der Senator, als ob es für einen Brody nicht angemessen war, eine Frau mit diesem Beruf zu heiraten. Mitch fragte sich, wie Cavanaugh sich wohl fühlen würde, wenn er wüsste, dass seine geschätzte Tochter ihn verführt hatte, als sie eigentlich ihre Hochzeit mit Lance hätte planen sollen.

„Er liebt Kate“, erklärte Mitch, obwohl sein Gegenüber dieser Tatsache vermutlich keine große Bedeutung beimessen würde.

Der Senator sah ihn unverwandt an. „Ich denke nicht, dass es zwischen uns noch etwas zu besprechen gibt, Mr. Brody.“

Zwar hatte Mitch noch nie vor jemandem katzbuckeln müssen, aber bekanntlich gab es ja für alles ein erstes Mal. Sein Bruder schuldete ihm verdammt viel dafür. „Ich möchte Ihnen einen Kompromiss vorschlagen, Sir.“

Der Senator kniff die Augen zusammen. „Was für einen Kompromiss?“

„Wir sind immer noch auf Ihre Unterstützung angewiesen, Senator Cavanaugh, und ich nehme an, dass Sie immer noch das Beste für Ihre Tochter wünschen.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Der Name Brody könnte dabei von großer Hilfe sein.“

„Was schlagen Sie also vor?“

Mitch musste sich regelrecht zwingen, die Worte auszusprechen. „Eine Hochzeit zwischen Lexi und mir.“

Mit einem etwas skeptischen, doch zugleich faszinierten Gesichtsausdruck lehnte der Senator sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Erklären Sie das.“

Mit anderen Worten, Mitch sollte jetzt vor ihm zu Kreuze kriechen und ihm die Sache schmackhaft machen. „Meiner Meinung nach wäre dieses Arrangement in unser aller Interesse, Senator. Wäre sie mit mir verheiratet, dann müsste Lexi sich nicht um ihre finanzielle Sicherheit sorgen und könnte sich weiterhin ihren Platz in der texanischen High Society sichern.“

„Und im Gegenzug?“, hakte der Senator nach.

„Mit Ihrer Unterstützung könnten mein Bruder und ich mit Brody Oil and Gas expandieren und könnten erfolgreicher sein, als es unser Vater je für möglich gehalten hätte.“

„Sie können sich bestimmt vorstellen, wie sehr es meine Lexi verletzt hat, dass Sie sich nicht an unsere erste Vereinbarung gehalten haben. Wenn ich zustimme, was für eine Sicherheit geben Sie mir, dass Sie sich nicht in Ihre Sekretärin verlieben und sie anstelle meiner Tochter heiraten?“

Mitch ärgerte es, dass der Senator von seiner Tochter als „meine Lexi“ sprach, als sei sie sein Besitz oder eine Handelsware. Wenn er das Mädchen wirklich liebte, würde er sie dann dazu bringen, eine arrangierte Vernunftehe einzugehen? Wollte er denn gar nicht, dass sie glücklich war? Aber vielleicht bedeuteten seiner Auffassung nach Wohlstand und Sicherheit auch automatisch Glück.

Was immer die Beweggründe für das Handeln dieses Mannes waren, es war nicht Mitchs Problem. Außerdem bekam Lexi seiner Meinung nach genau das, was sie verdiente. Ihm hätte auffallen müssen, dass die Frau hinter der süßen und sittsamen Fassade in Wahrheit eine Schlange war. Sie war wie seine Mutter. Die hatte seinen Vater einst dazu gebracht hatte, sich in sie zu verlieben. Dann waren ihre Söhne auf die Welt gekommen, und einige Jahre später hatte sie sich aus dem Staub gemacht.

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