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Weihnachtsmänner küssen besser: Viel Trubel um Sam

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Lori Wilde

Weihnachtsmänner küssen besser: Viel Trubel um Sam

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von

Tess Martin

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1. KAPITEL

Dieses verflixte Weihnachtsmannkostüm juckte.

Und zwar sehr.

Mit wachsendem Entsetzen stellte Sam Stevenson fest, dass das Kostüm voller Flöhe war. Er kratzte sich heftig hinterm Ohr und dachte, dass er aus diesem verdammten Ding rausmusste, bevor die gnadenlosen Viecher ihm die Haut vom Leib fraßen. Und außerdem würden die Plagegeister auf die Kinder überspringen, wenn sie bei ihm auf dem Schoß saßen.

“Ich muss weg”, brummte er die schlanke Elfe an, die auf einem Podium neben dem Pferdeschlitten aus Pappe und Sperrholz stand.

“Weg?” Die junge Frau blinzelte ihn an. “Was soll das heißen? Das Kaufhaus öffnet in zwei Minuten, und eine ganze Kinderbande wartet darauf, den Weihnachtsmann zu sehen. Sie können jetzt nicht gehen.”

Wenn ihm nicht so unwohl gewesen wäre, hätte er sich womöglich die Zeit genommen, ihr kurzes, dunkelblondes Haar zu bewundern, das sich in Locken um ihr unschuldiges Kindergesicht kringelte. Dieses Gesicht war ganz offensichtlich der Grund dafür, dass sie diesen Job als Elfe bekommen hatte. Im Augenblick allerdings konnte Sam an nichts anderes denken, als so schnell wie möglich seine Kniehosen auszuziehen.

“Hören Sie, Lady, da ist etwas, worum ich mich ziemlich dringend kümmern muss. Die Kinder müssen einfach warten.” Sam eilte zur Tür.

Doch da stürzte die Elfe mit ausgestreckten Armen nach vorne, um sich ihm in den Weg zu stellen. Dabei klingelten die Glöckchen an ihrem rotweiß gestreiften Hut fröhlich. “Tut mir leid, aber Sie werden nicht gehen.”

“Wie bitte?” Sam kratzte sich aufgebracht am Hals. Was für ein Problem hatte diese Frau? Garantiert wurde sie vom Kaufhaus nicht gut genug bezahlt, um sich als Chefin aufzuspielen. “Wollen Sie mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe?”

“Ich weiß, was Sie vorhaben, und ich kann das nicht gutheißen.” Sie stemmte mit gerunzelter Stirn die Hände in die Hüften und blitzte ihn mit ihren olivgrünen Augen vorwurfsvoll an.

Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn. Hatte sie irgendwie sein Geheimnis erraten?

“Wovon sprechen Sie?” Sam fasste in seinen Bart. Die Flöhe fraßen ihn bei lebendigem Leib auf. Er musste aus diesem Kostüm. Sofort.

“Ich weiß, was los ist, und ich kann Ihnen helfen. Meine Mutter ist Sozialarbeiterin.”

“Und wenn Ihre Mutter Margaret Mead persönlich wäre, das interessiert mich nicht. Aus dem Weg.”

“Margaret Mead war Anthropologin”, klärte sie ihn auf. “Keine Soziologin. Eine Anthropologin studiert die Menschen. Eine Soziologin studiert soziale Gruppen.”

“Wen zum Teufel interessiert das?”

“Ärger.” Sie schüttelte den Kopf. “Ein absolut klassisches Symptom.”

Sam starrte sie mit offenem Mund an. Diese Frau musste verrückt sein.

Er versuchte, um sie herumzugehen, doch sie trat ihm Schritt für Schritt in den Weg, als würden sie zusammen Walzer tanzen.

“Sie müssen sich deswegen nicht schämen”, fuhr sie ernsthaft fort.

Gut, vielleicht musste man sich wegen Flöhen nicht schämen, aber Sam wollte auch nicht, dass seine Notlage vor der ganzen Welt ausposaunt wurde. Er konnte sich noch gut an ein besonders beschämendes Ereignis aus seiner Kindheit erinnern, als seine Lieblingslehrerin in der vierten Klasse, Miss Applebee, Läuse in seinem Haar entdeckt hatte.

Sam zuckte bei der unangenehmen Erinnerung zusammen. Er musste dieses Kostüm loswerden. Nicht nur wegen der Flöhe, was schon Grund genug war, sondern auch, weil es ihn an seine erbärmliche Kindheit erinnerte.

Er hob drohend einen Finger. “Aus dem Weg, Sweetheart, oder ich renne Sie über den Haufen.”

“Aber die Kinder brauchen Sie. Der Weihnachtsmann verkörpert für sie etwas Schönes und Wunderbares. Wie können Sie nur ihre Träume kaputtmachen? Bedeuten Ihnen diese Kinder denn nicht mehr als der Alkohol?”

“Alkohol?”

“Mir ist bewusst, dass die meisten Männer, die einen Job als Santa Claus annehmen, ziemlich viel Pech gehabt haben. Sie bekommen keine festen Jobs, weil sie ein Drogen- oder Alkoholproblem haben. Diese Männer brauchen Hilfe, jemanden, der sich um sie kümmert. Es ist nicht Ihr Fehler, dass Sie abhängig sind, aber es ist Ihre Verantwortung, mit dem Trinken wieder aufzuhören.”

Sam warf die Arme in die Höhe. “Sie sind wahnsinnig, wissen Sie das? Ich bin kein Alkoholiker.”

“Leugnen!” rief sie triumphierend. “Ebenfalls ein klassisches Symptom.”

Sam schaute sich um, in der Hoffnung, dieser grünäugigen Fanatikerin irgendwie entkommen zu können. Doch er sah keinen Ausweg.

“Weihnachtsmann, Weihnachtsmann!”, brüllten die Kinder.

Mein Gott! Er musste fliehen. Sam täuschte einen Schritt nach links vor und sprintete dann rechts an der Elfe vorbei.

“He!”, schrie sie. “Sie können doch nicht von mir erwarten, dass ich mich ganz alleine um die Kinder kümmere. Sie wollen den Weihnachtsmann sehen.”

Und Menschen in der Hölle wollen Wasser, dachte er, sprach es aber nicht laut aus.

Die Elfe jagte hinter ihm her und packte ihn am Saum der Weihnachtsmannjacke, bevor er sich durch die Tür mit der Aufschrift Personal aus dem Staub machen konnte.

“Sie gehen nirgendwohin, Weihnachtsmann”, fauchte sie und grub die Absätze in den Boden. “Und wenn doch, dann werde ich das dem Geschäftsführer Mr. Trotter melden.”

Sam fletschte die Zähne und spornte die Flöhe schweigend an, doch lieber auf sie zu springen. Als er versuchte, die Elfe abzuschütteln, klammerte sie sich hartnäckiger an ihm fest als ein Fussel an einer Wolljacke.

“Schau nur, Mutti, die Elfe versucht, dem Weihnachtsmann wehzutun”, ertönte eine Kinderstimme.

Na toll. Da hatten sie ja ihr Publikum.

“Lassen Sie mich los”, verlangte Sam durch zusammengebissene Zähne.

“Nein.” Sie kniff die Augen zusammen und packte noch fester zu.

Er sah ein paar verstreute Sommersprossen auf ihrer hübschen kleinen Nase und eine winzige Narbe auf ihrer ansonsten makellosen Stirn. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort hätte er ihre Hartnäckigkeit bewundert. Aber nicht hier und nicht jetzt, wo gerade jede Menge Flöhe einen Festschmaus auf seiner Haut abhielten.

“Mami, Mami, die Elfe soll den Weihnachtsmann in Ruhe lassen!”

“Sie machen meiner Tochter Angst”, beschwerte sich eine Frau.

Das war nicht gut. Er durfte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sinn seines Einsatzes war doch, sich hinter der gemütlichen Weihnachtsmannfassade zu verstecken. Sein Chef, Chief Timmons, würde ihm das Fell über die Ohren ziehen, wenn seine Tarnung gleich am ersten Tag aufflog.

Sam hatte geahnt, dass es ein schrecklicher Einsatz werden würde. Chief Timmons hatte ihm schließlich deutlich zu verstehen gegeben, dass er auf diese Weise für den Lexus des Bürgermeisters bestraft werden sollte, den er bei seinem letzten Undercover-Einsatz in die Luft gejagt hatte. Unabhängig davon, dass es sich dabei um einen unvermeidbaren Unfall gehandelt hatte.

Die Flöhe nagten an ihm, als ob sie seit letztem Weihnachten nichts mehr zu essen bekommen hätten. Sam fragte sich, ob Carmichael’s, das berühmte Kaufhaus in Dallas, dieses Kostüm vielleicht in einer Hundehütte eingelagert hatte. Auf jeden Fall konnte er es keine Sekunde länger aushalten. Irgendetwas musste geschehen.

Also packte er das Handgelenk der Elfe und bog jeden einzelnen Finger auf. Und bevor sie erneut zugreifen konnte, jagte er durch die Tür.

Sobald er den leeren Lagerraum betreten hatte, riss er sich den Bart ab und kratze sich fieberhaft das Gesicht. Als Nächstes zerrte er den ramponierten Filzhut vom Kopf und warf ihn auf den Boden.

Seine Finger kämpften mit den großen schwarzen Knöpfen seines Kostüms, wobei die Flöhe in sämtliche Richtungen hüpften. Dann entfernte er hektisch die Polsterfüllung um seine Taille, die einen dicken Bauch vortäuschte, kickte die Stiefel von den Füßen und schälte sich aus der Hose. Er verspürte nichts anderes als Erleichterung.

Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass die unerbittlich wohltätige Elfe die Ausdauer eines Gefängniswärters hatte. Als sie in den Raum platzte, stand er nackt bis auf die Unterhose vor ihr.

Sie hatte ihn mit heruntergelassener Hose erwischt.

Edie Preston blieb ruckartig mit offenem Mund stehen. Sie hatte nicht erwartet, dass der Weihnachtsmann so gut gebaut war, so männlich, so verdammt sexy. Und schon gar nicht, ihn fast nackt vorzufinden.

Sie hatte eher mit einem etwas schwabbeligen, betrunkenen Mann mittleren Alters gerechnet, der an einer Whiskeyflasche nuckelte oder sich eine Hand voll Pillen einwarf. Stattdessen hatte sie diesen vitalen, extrem attraktiven Mann in eine ziemlich peinliche Situation gebracht.

Er riss den Kopf herum. Dunkelblaue Augen starrten sie an, bis sie zu Boden blickte.

“Was ist?” Seine Stimme war schneidend wie zersplittertes Glas. “Was wollen Sie von mir?”

“Ich … ich …” Ihre Augen wanderten von seinen kräftigen Knöcheln hoch zu seinem knackigen Hintern. Ihre Wangen wurden heißer als ein Lockenstab auf höchster Stufe. Irgendwie konnte sie ihre Zunge nicht mehr finden, obwohl sie sicher war, dass sie sich an dem üblichen Platz in ihrem Mund befand.

“Wenn Sie dann alles betrachtet haben, könnten Sie mich bitte allein lassen?” Er drehte sich zu ihr um.

“Ich … äh … ich wollte nicht …”, stammelte sie, unfähig, den Blick von seinem spektakulären Waschbrettbauch abzuwenden.

Wie kam es, dass so ein Mann den Weihnachtsmann in einem Kaufhaus spielte? Er müsste doch eigentlich Fotomodell oder Profisportler sein.

“Was soll ich denn mit den Kindern machen?” Sie deutete hilflos auf die Tür.

“Weiß nicht, ist mir auch völlig wurscht.” Er hob einen Arm und kratzte sich verzweifelt im Nacken.

“Kann ich Ihnen eine Frage stellen?”

“Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie sie sowieso stellen werden, egal, was ich sage.” Er seufzte. “Schießen Sie los.”

“Würden Sie mir verraten, warum Sie hier reingerannt sind und sich ausgezogen haben?”

“Flöhe.”

“Wie bitte?”

“Flöhe.” Er fuhr sich über die Brust. Knallrote Quaddeln übersäten seine Haut.

“Sie haben Flöhe?”

“Nein, das Kostüm.” Er deutete mit dem Kinn auf die auf dem Boden verstreuten Kleider.

Edie schlug eine Hand vor den Mund. “Ach je, und da habe ich Sie auch noch so genervt.”

“Ja”, bestätigte er. “Allerdings.”

“Das tut mir wirklich leid. Ich hatte ja keine Ahnung. Wissen Sie, ich habe schon öfter mit Kaufhaus-Weihnachtsmännern zusammengearbeitet und einige schlechte Erfahrungen gemacht.”

“Sind Sie immer so schnell mit Ihren Urteilen?” An seinem süffisanten Grinsen sah sie, wie sehr er ihre Verlegenheit genoss.

“Nein. Hören Sie, es tut mir sehr leid. Ich möchte das gerne wieder gutmachen. Ich werde jetzt den Geschäftsführer suchen und ihm von dem Problem mit dem Kostüm erzählen.” Edie kam sich so klein wie ein Maiskorn vor. Sie war immer stolz darauf gewesen, dass sie Menschen nicht einfach so verurteilte.

Andererseits hing ihr guter Ruf davon ab, dass der Weihnachtsmann nüchtern war. Sie hatte eine ganze Woche gebraucht, um Mr. Trotter dazu zu überreden, Leute aus dem Männerwohnheim zu engagieren. Erst das Argument, dass diese Männer für wenig Geld arbeiteten, überzeugte ihn, nicht etwa ihre flammende Rede über seine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber.

Wenn der Weihnachtsmann sich also hätte volllaufen lassen, hätte Mr. Trotter sie persönlich dafür verantwortlich gemacht. Deswegen hatte sie diesen übereilten Rückschluss gezogen. Wofür sie sich schämte.

“Könnten Sie mir, bevor Sie gehen, einen Gefallen tun?”, flehte er.

“Einen Gefallen?” Du meine Güte, was konnte so ein attraktiver Mann nur von ihr wollen?

“Könnten Sie mich genau hier mal kratzen?” Er drehte den Arm auf seinen Rücken. “Direkt unter meiner linken Schulter. Da komme ich nicht hin, ich werde fast wahnsinnig.”

“Nun …” Diesen Mann anfassen? Ihre Finger brannten darauf, seiner Bitte Folge zu leisten, doch ihr Verstand drängte sie, lieber schnell wegzurennen.

“Kommen Sie schon, Lady, fassen Sie sich ein Herz.”

“Edie.”

“Wie bitte?”

“Mein Name ist Edie. Edie Preston.”

“Das ist ja toll.”

“Und wie heißen Sie?”

“Sam. Seien Sie ein Schatz, Edie, und helfen Sie mir.”

Sie wollte schon beginnen, an einem Fingernagel zu kauen, hielt dann aber inne. Sie hatte sich das Nägelkauen so gut wie abgewöhnt, außer, sie stand unter Stress.

“Bitte”, flehte er.

“Also …”

“Wenn Sie mich nicht anfassen wollen, dann nehmen Sie irgendetwas anderes, um mich damit zu kratzen. Einen Stock, einen Kleiderbügel. Haben Sie doch Mitleid, Ma’am. Bitte.”

Bitte. Diesem Zauberwort konnte Edie nie widerstehen. Er meinte es offenbar ernst. Sie holte tief Luft.

“Okay, ich tu’s.” Sie machte einen Schritt nach vorne und streckte zögernd die Hand aus.

Seine Haut fühlte sich straff und warm an. Er machte einen Buckel.

“Höher”, dirigierte er.

Edie spreizte die Finger über seiner warmen Haut. Ein merkwürdiger Schauer durchlief sie.

“Ein bisschen nach links.”

Ihr Herz pochte. Sie berührte diesen unglaublichen Mann tatsächlich. Unwillkürlich wanderte ihr Blick seinen Rücken hinab bis zum Gummizug seiner Unterhose.

Was sie da erblickte, war so aufregend, dass sie schnell wegschaute und sich auf einen Stapel Kisten in der Ecke konzentrierte.

“Nein”, sagte der Weihnachtsmann, der sich vor ihren Augen in einen griechischen Gott verwandelt hatte. “Das ist zu tief. Höher. Höher. Ah! Genau da ist es!”

Edie kratzte ihn mit den Fingernägeln, den Blick starr abgewandt.

“Fester”, kommandierte er mit rauer Stimme. “Schneller.”

Grundgütiger, um das Feuer, das sich in ihr ausbreitete, zu löschen, hätte es eines feuerfesten Anzugs bedurft.

“Ja”, stöhnte er. “Hören Sie nicht auf!”

Sam beugte sich ein wenig nach vorne. Edie stand direkt hinter ihm und kratzte wie wild seinen nackten Rücken.

“Das ist es, Baby!”

In dieser Sekunde flog die Tür auf. Als Edie und Sam sich gleichzeitig umdrehten, entdeckten sie Mr. Jebediah Trotter, hinter dem sich eine Horde grölender Kinder versammelt hatte.

“Was um Himmels willen geht hier vor sich?”, verlangte Mr. Trotter zu wissen.

“Ich kann das erklären”, erwiderte Edie.

Mr. Trotter knallte die Tür hinter sich zu, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie herablassend an. “Ich würde vorschlagen, dass Sie unverzüglich damit beginnen, Miss Preston. Und zugleich verraten Sie mir bitte, warum ich Sie beide nicht auf der Stelle rauswerfen sollte.” Er warf einen verächtlichen Blick in Sams Richtung.

Edie hob die Arme und ließ sie dann beschwichtigend sinken. “Sie haben ein Haus voller Kinder, die darauf warten, den Weihnachtsmann zu sehen. Wenn der nicht auftaucht, werden die Mütter mit ihnen in ein anderes Kaufhaus gehen, und dann machen Sie keinen Umsatz”, appellierte Edie an seinen Geschäftssinn.

Sie mochte den neuen Geschäftsführer von Carmichael’s nicht sonderlich, aber sie bildete sich etwas auf ihre Fähigkeit ein, mit jedermann auszukommen. Mr. Trotter jedoch war nur schwer zufriedenzustellen, er führte ein hartes Regiment und glaubte eher an Bestrafung als an Motivation.

Trotter streckte die Nase in die Höhe. “Mag sein, aber ich werde nicht zulassen, dass Sie mit dem Weihnachtsmann irgendwelche Sexspielchen in meinem Haus veranstalten. Und schon gar nicht, wenn Sie eigentlich arbeiten sollten.” Er tippte auf das Glas seiner Armbanduhr.

Sexspielchen mit dem Weihnachtsmann? Edie blickte kurz zu Sam und schluckte schwer. Bis zum heutigen Tag hatte sie den Weihnachtsmann nicht im Mindesten erotisch gefunden, doch das hatte sich schlagartig geändert.

Sam stellte sich mit wütendem Gesicht zwischen Edie und Mr. Trotter. “Hören Sie mal zu, Trotter, dieses Kostüm ist voller Flöhe. Das ist der Grund, warum ich hier in Unterhosen stehe. Das ist der Grund, warum ich diese Stiche auf meinem Körper habe, die Miss Preston dankenswerterweise gekratzt hat. Wenn Sie mir nicht subito einen neuen Anzug besorgen und damit aufhören, diese Dame hier zu bedrohen, dann werde ich den Vorfall dem Gesundheitsamt melden müssen.”

“Das wagen Sie nicht”, schnaubte Trotter.

Edie blinzelte in das Licht der Neonröhre und stellte fest, dass Trotter in diesem Augenblick genauso aussah wie der Grinch, der Weihnachten verhindern wollte – hochnäsig, verbittert, praktisch glatzköpfig. Sie hielt sich schnell den Mund zu, um nicht loszukichern.

“Das werden wir ja sehen”, knurrte Sam und beugte sich drohend nach vorne. Edie war zwar schleierhaft, wie jemand in Unterhose bedrohlich wirken konnte, doch so war es. Sam strahlte die Gelassenheit eines Schwergewichtsboxers aus. “Und ich denke, Sie sollten sich bei Miss Preston entschuldigen.”

“Entschuldigen? Wofür denn?” Trotters Augenbrauen zogen sich zu einem wütenden V zusammen.

“Für Ihre Unterstellung, dass sie in ihrem Haus Sex hat.”

Trotter grunzte. “Ich werde mich nicht entschuldigen.”

Die beiden Männer starrten einander an, Auge in Auge, Zeh an Zeh. Sam ballte die Fäuste. Trotters Adamsapfel hüpfte. Keiner von beiden blinzelte.

Edies Herz setzte einen Schlag aus. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sam setzte sich für sie ein! Noch nie hatte das jemand für sie getan, und sie fand es zugleich aufregend und beängstigend, weil sie befürchtete, dass Trotter sie nun beide feuern würde. Sie brauchte diesen Job, um die Studiengebühren fürs nächste Semester zahlen zu können. Und auch Sam machte diese Arbeit sicher nicht aus reinem Vergnügen. Irgendwie musste es ihr gelingen, die Wogen wieder zu glätten.

“Ist schon gut, Sam”, sagte sie ruhig. “Ich kann mir vorstellen, wie das hier gewirkt haben muss – Sie mit nichts an als Ihren Unterhosen und ich mit meinen Händen auf Ihrem …” Sie zögerte bei dem Wort Körper. “Wie wäre es, wenn ich mal rausgehe und mich um die Kinder kümmere, bevor wir unsere Kunden verlieren?”

“Sind Sie sicher, Edie?”, fragte Sam.

“Ja.” Sie wandte sich an den Geschäftsführer. “Mr. Trotter, ich gebe Ihnen mein Wort, dass hier nichts … nun, Sexuelles zwischen Sam und mir geschehen ist oder je geschehen wird. Ich habe nur versucht, ihm bei seinem Flohproblem zu helfen.”

Mr. Trotter räusperte sich. “Nun gut”, erwiderte er. “Bisher waren Sie eine vorbildliche Mitarbeiterin. Ich schätze, ich sollte Ihnen noch eine Chance geben.” Er drohte Sam mit dem Finger. “Aber wenn ich mitbekomme, dass es ein Techtelmechtel zwischen Ihnen gibt, dann fliegen Sie beide raus. Verstanden? Carmichael’s hat schließlich einen Ruf zu verlieren.”

Edie zwang sich, zu lächeln. “Natürlich, Sir. Danke sehr. Sie werden diese Entscheidung nicht bereuen.”

Sam sagte nichts, er starrte Trotter nur weiter so böse an, dass Edie eine Gänsehaut bekam. Sam besaß denselben Mut wie Mel Gibson im ersten Teil von Lethal Weapon – ihrem absoluten Lieblingsfilm. Sie hatte den unerklärlichen Wunsch, ihn zu beschwichtigen.

“Ich werde sehen, ob ich ein anderes Kostüm finde”, meinte Trotter. “Warten Sie hier, Mr. Stevenson. Miss Preston, zurück an die Arbeit.” Er scheuchte sie mit einer Handbewegung fort.

Edie zog den Kopf ein, lief an Trotter vorbei durch die Tür, wobei die Glöckchen an ihrem Hut wieder leise bimmelten. Dann atmete sie erleichtert auf, allerdings nur kurz. Gut, es war ihr gelungen, ihren Job zu behalten, aber dabei hatte sie versprochen, die Finger vom reizvollen Santa Sam zu lassen. Und wie es das Schicksal so wollte, handelte es sich dabei zufällig um den faszinierendsten Mann, den sie je getroffen hatte.

2. KAPITEL

Jingle Bells tönte zum hunderttausendsten Mal aus den Lautsprechern des Kaufhauses. Sam hielt gerade Zwillinge im Arm, die erstaunlich koordiniert gleichzeitig auf seine Hände sabberten. So langsam wurde er auch von zu vielen herzhaften Ho, Ho, Hos heiser, und sein Rücken juckte noch immer wie verrückt.

Überall um ihre kleine Nordpolinsel herum kämpften die Kunden um Sonderangebote auf den Wühltischen. Zwei Gänge weiter befand sich die Parfümabteilung. Sam hatte das Gefühl, dass der Geruch von Rosenblättern sich für immer in seiner Nase festgesetzt hatte.

Mistelzweige und Stechpalmen hingen von der Decke, und auf der gesamten Etage blinkten unzählige Weihnachtslämpchen. Aus dem Lautsprecher erklang in regelmäßigen Abständen eine näselnde Stimme, um vergoldete Rückenkratzer in der Badezimmerabteilung oder mit ländlichen Szenen bemalte Schalen in der Porzellanabteilung anzupreisen.

Chief Alfred Timmons wusste, wie man einen Mann quälen konnte. Um mehr ging es nicht, denn Sam hatte auf diese Weise gar nicht die Möglichkeit herauszufinden, wer hinter diesen Kaufhausdiebstählen steckte. Die meisten Nachforschungen würde er erst in den Stunden nach seinem Job anstellen können.

Er seufzte. Das bedeutete nichts anderes als einen Zwölf- bis Fünfzehnstundentag. Und den Großteil davon musste er in dieser rotweißen Aufmachung verbringen. Nun gut. Timmons hatte es geschafft. Sam hatte seine Lektion gelernt. Er würde in Zukunft vermeiden, das Auto des Bürgermeisters in die Luft zu jagen.

“Sie sehen absolut hinreißend aus.” Edie grinste.

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