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Verzweifelte Sehnsucht

Johanna Theden

Verzweifelte Sehnsucht

1. KAPITEL

„Du musst dir im Klaren darüber sein, dass Eva Krendlinger einen Platz in deinem Herzen einnehmen will.“ André führte ein väterliches Gespräch mit Robert, der gerade aus Verona zurückgekehrt war. Und in Verona waren er und Eva sich nähergekommen. „Sie ist keine, die sich mit einer Affäre begnügt“, fuhr André fort. „Dass sie dich liebt, ist ja nicht zu übersehen.“

„Mit ihren Gefühlen zu spielen, ist das Letzte, was ich im Sinn habe“, erwiderte Robert nachdenklich.

„Umso mehr freut es mich, dass ihr endlich zueinandergefunden habt.“ André hatte schon lange gehofft, dass Robert und Eva Kredlinger ein Paar würden. Nicht nur seinem Neffen würde eine neue Beziehung guttun – auch für Valentina war Eva das Beste, was überhaupt passieren konnte.

„Ich … Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann …“ Robert war sichtlich durcheinander. In Italien hatte sich alles so richtig angefühlt. Aber nun, zurück am Fürstenhof, wurde er wieder von den Erinnerungen eingeholt.

„Robert, dir fehlt Miriam“, sagte André voller Mitgefühl. „Das wissen wir alle. Trotzdem solltest du Eva eine Chance geben.“

„Wenn ich mich nicht mit ganzem Herzen auf sie einlassen kann, werde ich ihr nur wehtun“, fürchtete Robert.

„Du nimmst Miriam nichts weg, wenn du Eva liebst.“ Aber Robert hatte schon jetzt das Gefühl, er würde seine verstorbene Ehefrau betrügen. „Unsinn! Ich bin sicher, deine Miriam hätte gewollt, dass du wieder glücklich wirst.“

„Sie soll immer in meinem Herzen bleiben.“ Das hatte Robert Miriam am Grab versprochen.

„Das wird sie auch. Aber Robert …“ André legte seinem Neffen eine Hand auf den Arm. „Eva Krendlinger ist eine wunderbare Frau. Und du bist viel zu jung, um allein zu bleiben.“ Robert presste die Lippen aufeinander. „Egal, wie du dich entscheidest – entscheide dich schnell. Alles andere wäre Eva gegenüber verdammt unfair.“

Eva hingegen ahnte nichts von Roberts Zweifeln. Sie war einfach nur glücklich. Die Tage in Verona waren die schönsten ihres Lebens gewesen.

„Du strahlst, als hättest du eine Lichterkette verschluckt“, witzelte Jacob, als er sie in der Sonnbichler’schen Stube begrüßte. Sie sprudelte heraus, was alles geschehen war. Der Heiratsantrag von Gianni, die Restauranteröffnung. Und dann die Nacht, die sie mit Robert verbracht hatte.

„Wir haben uns auf dem Balkon von Romeo und Julia geküsst“, berichtete sie verträumt. „Vielleicht ist es total unvernünftig, aber was soll ich machen: Ich bin so verliebt!“

„Du hast es verdient, glücklich zu sein.“ Brüderlich zog Jacob sie an sich. „Ich wünsche dir ehrlich, dass es gut geht mit euch.“ Das wünschte sich Eva auch. Von ganzem Herzen.

Kurz darauf packte sie in ihrem Zimmer ihre Sachen aus, hielt dabei aber immer wieder inne und blickte in die Ferne. Als sie die Taschen für Verona gepackt hatte, da war sie so traurig gewesen, so dumpf … So viel Glück auf einmal, wie sie es jetzt empfand – das hatte sich Eva gar nicht vorstellen können. Es war überall. In jeder Zelle, in jedem Tröpfchen Blut, in jedem Herzschlag. Sie spürte es sogar bis in die Haarspitzen. Überall Glück, Glück, Glück. Als hätte man ihr pures Sonnenlicht in die Adern gepumpt.

Nun klopfte es an ihrer Tür.

„Valentina und ich wollten nur kurz Hallo sagen.“ Robert trat mit seiner kleinen Tochter herein. Eva strahlte ihn an. Unbeholfen beugte er sich vor und küsste sie auf beide Wangen. Um ihr Befremden darüber zu verbergen, widmete sie sich wieder den Kleidern. „Dann wollen wir mal nicht länger stören“, meinte er.

„Robert, ihr stört nicht!“ Voller Sehnsucht sah sie ihm in die Augen.

„Ich muss trotzdem gehen. Madam hat Hunger.“ Weg war er. Vor den Kopf gestoßen blieb Eva zurück. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Hatte sie Robert mit ihrer Bemerkung vorhin etwa provoziert? Er hatte ihr schließlich angeboten, bei ihm einzuziehen. Und sie hatte abgelehnt, weil sie fand, dass es besser sei, sich Zeit miteinander zu lassen. Er musste ja völlig verunsichert sein.

Ohne anzuklopfen, stürmte Lena Zastrow in die Saalfeld’sche Privatwohnung. Werner konnte sich schon denken, dass es wieder mal um ihren Vater ging.

„Dieses Schwein!“, empörte sie sich. Werner bat sie, sich erst einmal zu beruhigen. „Sie müssen jetzt unbedingt gut auf sich aufpassen“, warnte sie ihn da. „Mein Vater will Ihnen nämlich etwas antun. Das hat er eben in Gegenwart seiner Hexe gesagt.“

„Aber warum?“, wunderte sich der Senior.

„Er bildet sich immer noch ein, dass zwischen uns etwas läuft.“ In der Tat hatte Lena ihren Vater damit provoziert, dass sie behauptete, sie hätte eine Affäre mit Werner Saalfeld. „Und jetzt flippt er völlig aus. Wenn wir uns weiterhin sehen, wird er Ihnen das Leben zur Hölle machen.“ Aber so leicht ließ sich der Senior nicht ins Bockshorn jagen.

„Ihr Vater hat mir schon alles Mögliche angedroht“, meinte er. „Wenn er das alles in die Tat umgesetzt hätte, wäre meine Familie längst ausgelöscht, und der Fürstenhof läge in Schutt und Asche.“

„Aber wenn er es dieses Mal ernst meint?“, sorgte sie sich.

„Ihr Vater würde doch niemals etwas riskieren“, entgegnete Werner. Zumal alle wussten, dass Götz’ Zulassung als Anwalt auf der Kippe stand. Aber Lena war weiterhin äußerst beunruhigt. „Gut, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich rede ein paar klärende Worte mit Ihrem Vater. Und dann sehen wir weiter.“ Erleichtert stimmte sie zu.

„Wie ich gerade erfahren musste, haben Sie eine unschöne Drohung gegen mich ausgestoßen.“ Werner hatte sich vor Zastrows Tisch im Restaurant aufgebaut.

„Wer sagt das?“, fragte der Anwalt kühl.

„Ihre Tochter Lena“, antwortete Werner triumphierend. „Falls Sie sich mit solchen lächerlichen Drohgebärden wieder bei ihr beliebt machen wollen, ist das schlichtweg erbärmlich.“

„Erbärmlich sind alte Männer, die glauben, eine jüngere Frau würde sie wieder zum strahlenden Adonis machen“, schnaubte Götz.

„Ich schätze Ihre Tochter als reizende Gesprächspartnerin, ganz sicher aber nicht als Bettgespielin.“ Götz stutzte überrascht. „Vielleicht sollten Sie sich lieber mal überlegen, weshalb sie Ihnen mit solchen Geschichten kommt.“ Der Senior taxierte sein Gegenüber abschätzig. „Ich kann das gut verstehen. Bei dem Vater.“

„Ich warne Sie.“ Götz’ Stimme war gefährlich leise geworden. „Hören Sie endlich auf, meine Tochter zu manipulieren.“

„Ich bin nicht schuld daran, dass Lena zu Ihnen auf Abstand geht“, gab Werner zurück. „Das ist ganz allein Ihr Verdienst. Bei Ihrem Sohn Lukas haben Sie es ja ebenfalls geschafft.“ In Götz brodelte es sichtlich. „Eigentlich sehr tragisch, Ihre familiären Verhältnisse“, stichelte der Senior weiter. „Was mich betrifft: Ich möchte diesem armen Mädchen lediglich als väterlicher Freund zur Seite stehen.“ Damit ging er. Hasserfüllt sah Zastrow ihm nach.

André war gar nicht glücklich darüber, dass sein Bruder Götz Zastrow schon wieder provoziert hatte.

„Er hat Kontakte zur Unterwelt!“, meinte André. „Denk an unsere Begegnung mit Wassily Smyslow im Wald!“ So etwas wollte doch keiner von ihnen noch einmal erleben. Aber Werner winkte nur ab.

„Zastrow bläst sich mal wieder ordentlich auf“, sagte er. „Das kann er eben am besten.“ Aber natürlich machte sich auch Werner Gedanken – er wollte sich jedoch auf keinen Fall von Götz unterkriegen lassen.

„Macht bitte nie wieder den Fehler, seine Tochter als Druckmittel zu benutzen“, warnte André.

„Lena Zastrow ist mir schlichtweg sympathisch“, entgegnete sein Bruder. „Die junge Frau macht eine schwierige Phase durch. Und ich unterstütze sie ein wenig. Nicht mehr und nicht weniger …“

Götz telefonierte allerdings schon mit einem seiner dubiosen Kontakte. Barbara hörte nur, dass er am Telefon den Vorschlag machte, Werner Saalfeld solle einen Reitunfall erleiden.

„Was hast du vor?“, fragte sie, nachdem das Gespräch beendet war. Götz hatte gar nicht bemerkt, dass sie einen Teil seines Telefonats mit angehört hatte.

„Du spionierst mir nach?“, giftete er sofort.

„Die Tür stand offen“, verteidigte sie sich. „Du solltest wirklich vorsichtiger sein.“ Aber sie hatte nun mal gehört, was er plante: Er wollte Werner etwas antun.

„Unsinn“, knurrte Götz.

„Du hast es auch schon in Lenas Beisein angedroht“, beharrte Barbara. „Verlier jetzt bitte nicht die Nerven. Zumal ich mittlerweile glaube, dass zwischen Werner und deiner Tochter in Wirklichkeit gar nichts läuft.“

„Das hoffe ich sehr“, sagte Götz und schlug einen verächtlichen Ton an. „Ein väterlicher Freund will er für sie sein.“

„Wozu dann die ganze Aufregung?“, wunderte sich Barbara.

„Seine Schadenfreude hättest du mal sehen müssen, als er sich als Vertrauter meiner Tochter präsentierte“, brach es da aus Götz heraus.

„Ja, das kann er gut“, bestätigte sie düster und dachte dabei an ihren eigenen Sohn Ben. „Er setzt immer da an, wo es am meisten wehtut. Aber deswegen solltest du ihm trotzdem nicht deine Schläger auf den Hals hetzen. Das wäre das Dümmste, was du jetzt machen kannst.“

„Danke. Ich weiß selbst, was ich tun und lassen soll.“ Gereizt verließ er den Raum.

Es war schon Nacht. Aber Eva lag mit offenen Augen im Bett und konnte nicht einschlafen. Wie schön wäre es, jetzt in Roberts Armen zu liegen … Vermisste er sie denn gar nicht? Wieso ging es ihm nicht so wie ihr? Er musste es doch fühlen – selbst wenn sie eine dumme Bemerkung gemacht hatte. Er wusste doch, was sie für ihn empfand …

Auch Robert konnte nicht schlafen. Die Erinnerungen an Verona hielten ihn wach. Unglücklich erhob er sich aus dem Bett und betrachtete ein Foto von Miriam. Er wusste einfach nicht, wie er mit dem Zwiespalt seiner Gefühle umgehen sollte. Schließlich klopfte er an Evas Zimmertür.

„Robert?“ Hoffnungsvoll und freudig sah sie ihn an. Aber es gelang ihm einfach nicht, über seinen Schatten zu springen.

„Ich will Valentina nur schnell einen Gutenachtkuss geben“, behauptete er also und beugte sich über seine friedlich schlafende Tochter. „Träum süß, Prinzessin.“ Dann warf er Eva ein verkrampftes Lächeln zu. „Schlaf gut, bis morgen.“

Enttäuscht starrte sie, nachdem er wieder gegangen war, ins Leere. Es lag nicht an ihrer Bemerkung. Es war – Miriam. Bestimmt spürte Robert hier am vertrauten Ort, dass er doch noch nicht frei war. Wären sie doch bloß niemals aus Verona zurückgekommen!

Werner lief Barbara am nächsten Morgen in voller Reitmontur über den Weg. Und sie verspürte den Impuls, ihn von seinem Ausritt abzuhalten – dass Götz ihm etwas antun wollte, klang ihr noch in den Ohren. Also behauptete sie, dass ein schwerer Regen aufziehen würde.

„Rührend, wie du dich um mich sorgst“, spottete der Senior, der natürlich gar nicht daran dachte, seine Pläne zu ändern. Stattdessen versetzte er ihr nebenbei noch einen gezielten Stich. „Ben geht es übrigens gut“, erklärte er. „Er ist mit der Wahl seines Aufenthaltsortes äußerst zufrieden. Das hat er mir am Telefon gesagt. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht. Wo er den Kontakt zu dir doch komplett abgebrochen hat.“ Barbara biss sich auf die Lippen. Es stimmte: Ben hatte den Fürstenhof verlassen, ohne ihr zu sagen, wohin er und Katja gehen wollten …

Götz bestellte zur selben Zeit André Konopka zu sich, um mit dem Chefkoch eine Veranstaltung zu besprechen, die erst in einigen Monaten am Fürstenhof ausgerichtet werden wollte. André fand das vollkommen überflüssig, zumal er mit der Vorbereitung des Mittagsgeschäftes genug zu tun hatte. Aber Götz blieb hart. Schließlich brauchte er ja ein überzeugendes Alibi …

Barbara hatte sich zu einem längeren Waldspaziergang aufgemacht. Und bemerkte nun am Rande eines Waldwegs Belmont, Werners Hengst. Allerdings ohne Reiter. Das Tier schien reichlich nervös zu sein.

Barbara suchte die nähere Umgebung ab und rief immer wieder Werners Namen. Sie versuchte auch, ihn anzurufen – doch auf seinem Handy meldete sich nur die Mailbox.

Schließlich entdeckte sie einen Fuß, der aus einem Stück Gebüsch herausragte. Werner! Er lag am Boden und hatte die Augen geschlossen.

„Kannst du mich hören?“, fragte sie, erhielt jedoch keine Antwort. Sie fühlte seinen Puls. Er stöhnte leise auf. Er war also am Leben. Unschlüssig betrachtete sie den Bewusstlosen. Dann fiel ihr Blick auf einen Stein, der nicht weit vom Kopf des Seniors lag. Es wäre alles so einfach …

Eva und Hildegard tranken miteinander einen Kaffee im Personalraum.

„Schade, dass die Tage in Verona schon vorbei sind“, meinte Hildegard. „Obwohl …“ Sie lächelte. „Da war es ja auch ziemlich aufregend für uns alle.“

„Euer kurzfristiger Einsatz bei der Restauranteröffnung …“, erinnerte sich Eva.

„Und Giannis Heiratsantrag.“ Hildegard lachte. „Diese Italiener – immer kommen sie gleich mit den ganz großen Gefühlen. Kein Wunder, dass Gianni so enttäuscht war, als du abends überraschend mit Robert weg bist.“ Mütterlich drückte sie Evas Hand. „Es freut mich wirklich, dass ihr beide endlich zusammen seid.“

„Falls wir das sind …“

Frau Sonnbichler stutzte.

„Nach den strahlenden Gesichtern am Frühstückstisch?“, wunderte sie sich. „Vielleicht bin ich in dem Punkt etwas altmodisch, aber früher war das ein sicheres Zeichen.“

„Ich fürchte, Robert denkt immer noch an Miriam.“ Eva klang mutlos und unglücklich.

„Ich hoffe sogar, dass er das tut!“, hielt Hildegard dagegen.

„Und ich habe ihm versprochen, dass wir nichts überstürzen“, fuhr Eva geknickt fort. Inzwischen bereute sie das so sehr.

„Quäl dich nicht, Kind. Wenn du dir unsicher bist, frag ihn, wie es mit euch weitergeht.“ Aber Eva wollte Robert nicht bedrängen.

Hildegards und ihr Gespräch wurde nun unterbrochen, weil Alfons aufgeregt in den Personalraum platzte.

„Der Herr Direktor hatte einen Unfall!“, sprudelte er heraus. „Doktor Niederbühl ist gerade völlig überstürzt aufgebrochen.“

Michael war gerade bei der Stelle im Wald angekommen, wo Werner noch immer lag. Inzwischen war der Senior aber wieder bei Bewusstsein.

„Sie hatten einen Reitunfall“, erklärte Michael dem verwirrten Herrn Saalfeld. Ein anonymer Anruf war bei ihm eingegangen und hatte ihn alarmiert. Eine Frau war am Telefon gewesen. „Sie hat keinen Namen genannt. Und ihre Stimme klang irgendwie verfremdet. Vielleicht mit einem Taschentuch.“

„Wer macht denn so was?“, wunderte sich Werner.

„Jemand, der schuld war an Ihrem Unfall?“, meinte Michael.

„Wenn der Reiter fällt, ist er meist selbst schuld.“ Aber Dr. Niederbühl hatte schon einen Verdacht.

„Ich bin nicht sicher, aber … Die Stimme klang ein wenig nach Barbara von Heidenberg.“ Werner verzog das Gesicht.

„Barbara? Ausgerechnet? Wieso ruft sie einen Arzt?“ Sie wollte ihn doch lieber heute als morgen unter der Erde sehen. „Sie würde ein Freudenfest veranstalten, wenn ich hier verrecke.“ Dr. Niederbühl hatte den Senior inzwischen am Kopf verbunden.

„Sie waren nach dem Sturz wahrscheinlich sofort bewusstlos“, sagte er. „Aber was war davor? Können Sie sich an irgendwas erinnern?“

2. KAPITEL

Götz saß mit dem ungeduldigen André noch immer im Büro und führte die in den Augen des Chefkochs vollkommen unsinnige Besprechung. Da kam Rosalie Engel herein.

„Ihr Bruder hatte einen Reitunfall“, benachrichtigte sie André. „Michael ist schon bei ihm.“

„Wie schlimm ist es?“, fragte André bestürzt.

„Kann ich nicht sagen“, antwortete sie. „Ihr Bruder hat wohl eine Kopfverletzung. Er lag bewusstlos im Wald.“ Sofort sprang der Chefkoch auf. Er musste zu Werner. Ganz schnell.

Der war inzwischen schon wieder mit Michaels Hilfe in seine Wohnung gekommen. Um den verstörten Belmont kümmerte sich Jacob Krendlinger.

Robert war bei seinem Vater.

„Jetzt guck nicht so“, brummte der Senior. „Noch weile ich unter den Lebenden. Doktor Niederbühl sagt, es ist nur eine Schramme.“

„Plus Gehirnerschütterung“, ergänzte Robert besorgt. Sein Vater musste sich unbedingt schonen.

„Wie ist das überhaupt passiert?“ Bevor der Senior antworten konnte, stürmte André herein. Und war sichtlich erleichtert, seinen Bruder in einigermaßen guter Verfassung vorzufinden.

„Ich bin mit Belmont meine übliche Runde geritten“, erinnerte sich Werner nun. „Über den Waldweg, der direkt am Hochsitz vorbeigeht.“ Plötzlich war ein Auto aus dem Seitenweg geschossen und knapp an ihm und seinem Pferd vorbeigerast. Belmont war zunächst erstaunlich ruhig geblieben. „Bis der Idiot auch noch auf die Hupe gedrückt hat.“

„Was war denn das für ein Spinner?“, fragte André.

„Zastrow“, vermutete Werner. „Der seine Drohung ernst gemacht hat.“

„Der kann es nicht gewesen sein.“ André berichtete, dass er beinahe den ganzen Vormittag mit Götz hatte verbringen müssen.

„Aber er hätte den Anschlag auch in Auftrag geben können“, schaltete sich nun Robert ein.

„Niederbühl glaubt, es war Barbara, die ihn anonym angerufen hat.“ Irritiert sahen André und Robert den Senior an.

„Barbara?“, wiederholte Robert dann ungläubig. „Selbst wenn sie im Wald direkt über dich gestolpert wäre, hätte sie keine Hilfe organisiert.“

„Vor allem würde sie sich damit gegen ihren Lebensgefährten stellen“, fügte sein Vater hinzu. „Zastrow hätte sicher keine Freude daran, wenn Barbara seine Anschläge sabotiert.“

„Wer versteht schon diese Frau?“, knurrte André. „Bestimmt war es Zastrow.“ André hatte seinen Bruder ja gewarnt. „Du spielst mit deinem Leben, wenn du dich nicht von seiner Tochter fernhältst.“ Robert runzelte die Stirn. Aber Werner dachte gerade angestrengt nach.

„Ja, du hast mich gewarnt“, gab er dann zu. „Ich wünschte, Charlotte wäre jetzt hier.“

Nachdem sich Werner hingelegt hatte, drehten Robert und Eva mit dem Kinderwagen eine Runde durch den Park. Natürlich erzählte Robert als Erstes vom Unfall seines Vaters.

„Zum Glück ist es noch mal gut gegangen“, sagte Eva mitfühlend.

„Dank Vaters berühmten Saalfeld-Dickschädel“, entgegnete Robert. „Den bekommt so schnell niemand kaputt.“ Die beiden brachen in Lachen aus. Und dann blickten sie sich tief in die Augen. Zärtlich strich Robert Eva eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie griff nach seiner Hand und küsste ihn dann sanft auf den Mund. Er zog sie an sich. Der Kuss wurde leidenschaftlicher – die beiden hielten einander umschlungen, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Doch schließlich lösten sie sich atemlos voneinander. Und Eva nahm all ihren Mut zusammen.

„Robert … Bist du in mich verliebt? Haben wir beide eine Chance?“ Überfordert starrte er sie an.

„Lass mir etwas Zeit“, bat er dann leise. Sie nickte verhalten und hatte Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Ich muss jetzt in die Küche.“ Mitsamt dem Kinderwagen hastete er davon. Jetzt war es also passiert. Jetzt war die Muschel wieder zugeklappt. Und Eva und Robert waren genau da, wo sie schon vor Verona gewesen waren …

Lena war bei ihrem Vater im Büro. Sie hatte eine Vorladung vom Gericht erhalten und wollte wissen, ob sie dort unbedingt erscheinen müsse. Denn sie wollte Stephan auf keinen Fall wiedersehen.

„Man könnte einen Antrag stellen, dass dein Exmann nicht im Gericht sein darf, wenn du da bist“, schlug Götz vor. Sie stimmte zu.

„Hast du mit Werner Saalfeld gesprochen?“, fragte sie dann.

„Er hat mir gesagt, dass ihr nichts miteinander habt“, erwiderte Götz etwas betreten.

„Kannst du dir vorstellen, wie verletzend diese Unterstellung war?“

Er wollte so gerne Frieden mit seiner Tochter und zeigte sich deshalb reuig.

„Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen“, entschuldigte er sich. „Es tut mir sehr leid.“ Sie nickte. Doch in Wirklichkeit ging es ihr um etwas ganz anderes.

„Hast du gehört, was heute im Wald passiert ist?“ Sie musterte ihren Vater voller Misstrauen.

„Der Reitunfall von Saalfeld? Ab einem gewissen Alter sollte man sich mit Risikosportarten besser zurückhalten.“

„Hast du was damit zu tun?“ Da erst begriff Götz, dass seine Tochter ihn verdächtigte. „Du hast ihm gedroht.“

„Ich wäre kaum so dumm und würde es vorher ankündigen, wenn ich etwas in der Richtung vorhätte“, log er. Sie ließ ihn nicht aus den Augen.

„Es gab übrigens einen anonymen Anruf. Eine Frau hat Doktor Niederbühl zur richtigen Stelle im Wald gelotst. Sonst würde Werner Saalfeld wahrscheinlich immer noch bewusstlos da liegen.“ Alarmiert verzog Götz das Gesicht.

Werner hatte inzwischen Barbara zu sich gebeten.

„Eine Privataudienz im Hause Saalfeld?“, spottete sie, als sie die Wohnung betrat. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Du hast mich vorhin vor dem Regen gewarnt“, meinte er. „Warum nicht gleich vor unberechenbaren Verkehrsteilnehmern?“

„Tut mir leid, aber Hellsehen kann ich noch nicht“, gab sie zurück.

„Ich hatte einen Anruf von dir auf meinem Handy“, fuhr er fort. „Kurz nach meinem Unfall. Warum, Barbara?“ Sie schwieg. „Ohne den anonymen Anruf läge ich jetzt noch im Wald. Und Doktor Niederbühl meint, er hätte deine Stimme erkannt.“

„Werner, wir sollten froh sein, dass dein Unfall so glimpflich verlaufen ist“, sagte sie. „Und sei in Zukunft etwas vorsichtiger, wenn du draußen unterwegs bist.“

„Du hättest mich einfach liegen lassen und darauf hoffen können, dass niemand mich findet. Dann wärst du mich vielleicht für immer los gewesen.“ Er konnte es nicht fassen, dass tatsächlich ausgerechnet sie ihm geholfen hatte.

„Ohne eine Portion Nervenkitzel ist das Leben doch langweilig“, stellte sie fest.

„Wie muss ich das verstehen?“, forschte er weiter. „Dir würde etwas fehlen, wenn es mich nicht mehr gäbe?“

„Uns verbindet eine Menge. Nicht alles davon war schlecht.“ So viel Sentimentalität hätte er ihr weiß Gott nicht zugetraut. „An deiner Stelle würde ich in Zukunft nicht mehr darauf spekulieren.“

„Steckt also wirklich dein Fast-Ehemann hinter dem Unfall?“ Sie lächelte nur. „Zastrow wird schwer daran zu schlucken haben, wenn er erfährt, dass ausgerechnet du mir geholfen hast.“ Barbaras Miene blieb unergründlich.

Robert war nicht in die Küche gegangen. Stattdessen war er zur Almwiese gelaufen, wo der Rosmarin gestanden hatte, den Miriam und er gemeinsam gepflanzt hatten. Als der Busch eingegangen war, hatte Robert einen neuen an dieselbe Stelle gesetzt.

„Ach Miriam …“, flüsterte er. „Sag mir, was ich tun soll … Ich vermisse dich so sehr …“ Da hörte er auf einmal Miriams Stimme.

„Robert, du sollst glücklich sein.“ Es klang, als würde sie es ihm direkt aus den Wolken zurufen. Mit Tränen in den Augen blickte er zum Himmel.

Eva spielte mit Valentina, die im Stubenwagen lag. Aber in Gedanken war sie natürlich bei Robert.

„Was meinst du, habe ich deinen Papa jetzt endgültig vergrault?“, flüsterte sie der Kleinen zu. Valentina lächelte. „Ach so, du findest, ich soll nicht so viel grübeln. Ich soll einfach ganz fest daran glauben, dass alles irgendwann gut wird?“ In dem Moment wurde die Tür zu Evas Schlafzimmer aufgerissen. Robert kam atemlos herein.

„Ich bin ein Held darin, mir selbst im Wege zu stehen“, begann er. „Und ich weiß, dass ich manchmal ein unerträglicher Sturkopf und Trottel sein kann. Aber was ich eigentlich sagen will …“ Er geriet etwas ins Stammeln. „Sollen wir uns heute Abend sehen?“ Sprachlos schaute sie ihn an. Er trat einen Schritt näher. „Morgen auch? Und übermorgen? Wenn du magst, eigentlich immer? So oft, bis du denkst: Kann der Kerl mich nicht mal für eine halbe Sekunde allein lassen?“ Die beiden blickten einander tief in die Augen. Evas sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er liebte sie. Sie würden eine gemeinsame Zukunft miteinander haben.

„Das war die schönste Liebeserklärung, die ich je gehört habe“, hauchte sie.

„Das ist einfach nur die Wahrheit“, flüsterte er bewegt. Die beiden umarmten sich innig und versanken dann in einem langen Kuss. Doch als sie gerade miteinander aufs Bett sinken wollten, begann Valentina zu weinen.

„Da kann man nichts machen“, seufzte Eva und sah nach der Kleinen.

„Es gibt Leute, denen scheint ein Schutzengel beizustehen.“ Götz empfing Barbara auf der Hotelterrasse ausgesprochen schlecht gelaunt.

„Ich persönlich glaube nicht daran“, entgegnete sie.

„Nicht? Dabei ist Saalfelds Reitunfall überraschend glimpflich ausgegangen.“ Sie zuckte die Schultern und gab sich unbeteiligt. „Was wohl in erster Linie daran liegt, dass Doktor Niederbühl prompt zur Stelle war. Er hat gewusst, wo er suchen muss. Und Lena meint, Niederbühl hätte den Tipp von einer Frau bekommen.“

„Deine Tochter erzählt eine ganze Menge“, stellte Barbara fest. „Wie wir inzwischen wissen, ist längst nicht alles davon richtig.“

„Jetzt frage ich mich natürlich, ob du die anonyme Anruferin warst“, bohrte er nach.

„Absurd“, schnaubte sie. „Du weißt, wie ich zu Werner stehe.“

„Da bin ich mir eben nicht mehr so sicher.“ Götz’ Stimme wurde scharf. „Barbara, ich habe dich gewarnt. Halt dich aus meinen Angelegenheiten raus.“ Sie ertrug es gar nicht, wenn er sie so behandelte. Deshalb sagte sie ihm auf den Kopf zu, dass tatsächlich sie den anonymen Anruf getätigt hatte.

„Du solltest mir dankbar sein“, zischte sie. „Ich habe dich nämlich vor einer großen Dummheit bewahrt. Oder möchtest du wegen versuchten Mordes ins Gefängnis wandern?“ Wütend funkelte er sie an. „Wo bleibt deine strategische Klugheit?“, fuhr sie fort. „Du wirst leichtsinnig. Wieso kündigst du Lena an, dass du Werner etwas antun willst? Wer wird wohl verdächtigt, wenn wirklich etwas passiert?“

„Du unterschätzt mich“, knurrte er. „Ich habe ein Alibi.“

„Mord kann man auch in Auftrag geben, Herr Anwalt“, konterte sie.

„Ich wollte Werner Saalfeld nur einen Schrecken einjagen“, meinte er da.

„Er hätte sterben können.“ Götz’ Miene wurde gehässig.

„Aber die heilige Barbara hat ihn gerettet.“ Er verstand immer noch nicht, wieso sie dem Senior geholfen hatte.

„Die Katze lässt die Maus auch zwischendurch wieder laufen.“ Sie verzog das Gesicht zu einem koketten Lächeln. „Bevor sie sie endgültig frisst.“ Er verdrehte die Augen. „Es war der falsche Zeitpunkt für einen Angriff“, fügte sie hinzu. Und im Moment genoss sie Werners Verwirrung. „Wie soll er verstehen, dass ausgerechnet ich sein Schutzengel war?“ Sie lachte auf.

Der Senior zermarterte sich derweil das Hirn, was er gegen Götz Zastrow unternehmen könnte.

„Soll ich ihn wegen versuchten Mordes anzeigen?“, fragte er seinen Bruder.

„Er hat ein Alibi“, entgegnete André. „Ausgerechnet ich muss ihm das einräumen.“

„Barbara hat indirekt zugegeben, dass er hinter dem Anschlag steckt. Und Zastrow hat seiner Tochter gegenüber offen gedroht, mir etwas anzutun.“ Es gab eigentlich keinen Zweifel – natürlich steckte Götz dahinter.

„Er hat seine Handlanger, das wissen wir doch.“ André klang mutlos.

„Wenn ich ihn anzeige, muss die Polizei der Spur nachgehen“, überlegte Werner. „Sie werden Zeugen befragen, vielleicht seine Telefonate überprüfen …“ Aber André konnte sich nicht vorstellen, dass sich Kriminalhauptkommissar Meyser ein Bein ausreißen würde. „Es wäre ein Anfang …“

Valentina war wieder eingeschlafen.

„Wie schön für uns!“, stellte Robert fest und zog Eva in seine Arme. Doch da klopfte es, und Werner streckte den Kopf zur Tür herein.

„Entschuldigung, störe ich?“, fragte er etwas verunsichert.

„Wie kommst du denn darauf?“, erwiderte sein Sohn ironisch.

„Ich wollte nur fragen, ob hier das Warmwasser geht.“ Offensichtlich gab es ein Problem mit der Heizungsanlage. Direkt nach dem Gespräch mit seinem Bruder hatte Werner mehrere Beschwerden deswegen entgegennehmen müssen.

„Die Heizungsanlage findest du aber nicht hier, sondern im Keller.“ Aber Werner blieb in der Tür stehen. Eva begriff als Erste, was sein Problem war.

„Ich finde, dein Vater sollte nicht allein nach unten gehen“, sagte sie zu Robert. „Gerade jetzt, nach dieser Geschichte.“ Nun fiel auch bei Robert der Groschen.

„Ich beeile mich“, versicherte er und ging an seinem Vater vorbei nach draußen.

„Wie schön, dass selbst Robert inzwischen gemerkt hat, was für ein Glück Sie für ihn sind“, meinte Werner und lächelte Eva freundlich an.

„Du hast es natürlich schon lange geahnt!“, frotzelte sein Sohn.

„Deine Mutter und ich waren gleich der Meinung, dass Frau Krendlinger etwas Besonderes ist.“ Eva lachte.

„Aufhören, bevor ich rot werde!“

„Das sieht bestimmt auch sehr hübsch aus“, erklärte Werner charmant.

„Spar dir deine Komplimente“, schaltete sich Robert wieder ein. „Eva ist das von mir nicht gewöhnt.“ Er warf ihr noch eine Kusshand zu und zog seinen Vater dann mit sich. Glücklich sah sie den beiden nach.

Kurze Zeit später verließen Werner und Robert missmutig den Keller.

„Ich kann die Heizungsanlage auf keinen Fall wieder hochfahren“, seufzte der Senior. Robert nickte und wischte sich die schmutzigen Hände an einem Lappen ab.

„Wenn Öl austritt, ist es was Ernstes.“ Sie mussten sofort den Installateur kommen lassen.

„Und die Gäste informieren, dass der Schaden schon behoben wird“, ergänzte Werner. Man würde allen ein kleines Präsent aufs Zimmer bringen, als Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.

Werner wollte nun noch von seinem Sohn wissen, wie es überhaupt dazu gekommen war, dass Eva und er ein Paar geworden waren. Aber Robert wies den Senior grinsend in seine Schranken – was in Italien genau passiert war, ging seinen Vater überhaupt nichts an. Dann kamen sie auf die Geschichte mit Zastrow sprechen. Robert schlug vor, Anzeige gegen unbekannt zu erstatten und bei der Polizei einen Verdacht gegen den Anwalt zu äußern.

„Immerhin würde er dann schon mal verhört werden. Und ist damit im Visier der Ermittler. Falls noch mal etwas Ähnliches passiert, fällt der Verdacht sofort auf ihn.“

„Das ist allerdings ein Argument“, sagte Werner nachdenklich.

Götz aß derweil im Restaurant zu Abend und suchte dabei das Gespräch mit seiner Tochter. Aber Lena schlug ihm gegenüber einen rein geschäftlichen Ton an.

„Du bist meine Tochter!“ Er griff nach ihrer Hand, als sie seinen Teller abräumen wollte. „Kannst du mir die Ohrfeige nicht verzeihen?“ Er bereute es zutiefst, dass ihm vor Kurzem die Hand ausgerutscht war. „Lena, bitte … Ich möchte, dass wir wieder normal miteinander umgehen.“

„Was heißt ‚normal‘ für dich?“, fragte sie kühl.

„Es ist sehr schwer für mich, dass du dich auf Werner Saalfelds Seite stellst“, erklärte er. „Er würde alles tun, um mir zu schaden.“

„Ist es nicht eher umgekehrt?“, bemerkte sie spitz. „Du würdest ihn doch lieber tot als lebendig sehen. So ein kleiner Reitunfall …“

„Wie oft denn noch?“, rief Götz. „Damit habe ich nichts zu tun.“

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