Logo weiterlesen.de
Verzweifeln hilft doch nichts

Image

Image

© 2016 Anna S. Sommer

Covermotiv: © Subbotina Anna/Fotolia.com

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-4906-9
E-Book: 978-3-7345-4908-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Kapitel 2

Was geschah in dem Jahr, als sie betrogen wurde?

Anna kauert immer noch in der Gartenliege, rutscht von der linken Seite auf die andere und umgekehrt. Sie verspürt Unruhe, Traurigkeit, Hass, Hoffnungslosigkeit.

Warum bin ich in diesem Jahr, wo so viel los war, so belogen und betrogen worden?

Ein runder Geburtstag

Peter hatte im ersten Halbjahr dieses besagten Jahres seinen 50. Geburtstag. Anna organisierte damals eigens für ihn ein Megaevent. Sie hatten Motorradfreunde, das war kein Klub oder Verein, sondern einfach nur eine lockere Zusammenkunft, Freunde eben. Und da hatte sie die Idee, den runden Geburtstag als Anlass zu nehmen, um ein großes Motorradfest zu veranstalten. Aber wo? Bei ihr zu Hause im Garten war keine Gelegenheit dazu, denn sie rechnete schon mit mindestens 20 Motorrädern und doppelt so vielen Gästen. Also überlegte sie, wo viele Motorräder parken könnten und wo es auch die Nachbarn nicht stören würde. Denn Motorradfest heißt: »laut«!

Jede Maschine hat ihren eigenen Sound, und jeder Biker ist stolz darauf und möchte natürlich den anderen das hören lassen. Für einen richtigen Chopper-Fan gibt es nichts Schöneres, als die Maschinen anzuschauen und zu hören! Es war jedes Mal auch für Anna ein Erlebnis, die herausgeputzten Maschinen zu bestaunen und den tiefen, geilen Sound zu hören. Für Anna war es ein tolles Gefühl der Macht, was hinter den Maschinen steckte.

Wichtig für das Fest war außerdem, dass es eine Gelegenheit geben musste, wo einige von den Gästen zelten oder irgendwie übernachten konnten.

Anna hatte da so eine Idee. Am Rande des Ortes, eher ein bisschen außerhalb, gab es genau die richtige Location. Allerdings war das Gebäude schon lange nicht mehr in Gebrauch. Sie ging zu dem Verantwortlichen, erzählte ihm den Grund, wofür sie es braucht und ob sie denn das Gebäude und Gelände für ein Wochenende anmieten darf. Dieser war sofort einverstanden und wollte eigentlich auch keine Miete dafür. Das Einzigste, was er sagte war: »Das Gebäude ist aber nicht geputzt, das müssen Sie selbst tun und auf eigene Kosten in Schuss bringen.«

Anna war begeistert und sie erzählte es sofort ihrem Mann, der diese Idee auch klasse fand.

Anna investierte ihre ganze Kraft für dieses Fest. Sie putzte und schrubbte nicht nur den riesigen Saal, sondern auch den Kellerbereich, in dem übernachtet werden konnte und kehrte den Hof, ja sogar das kleine Beet vor dem Eingang befreite sie von Unkraut. Es sollte doch alles so schön werden!

Das ganze Fest organisierte sie so gut wie allein. Schon Wochen vorher war sie ständig damit beschäftigt, Musik zusammenzustellen. Die reichte für mindestens 24 Stunden am Stück, und es waren alle Musikrichtungen dabei, sodass jeder zufrieden sein konnte. Angefangen von ruhiger Musik, wo man einfach nur so zuhören und dabei ratschen konnte, über Disco-Musik, Tanz-Musik bis hin zu Heavy Metal, was auf keinen Fall auf so einer Fete fehlen darf.

Bei einem Motorradfest gab es auch immer schon ein kleines Patch zur Erinnerung, das man sich an die Weste nähen konnte, und das sollte natürlich auch auf diesem Fest nicht fehlen. Dieses Patch gestaltete sie zusammen mit ihrem Mann. Sie überlegten sich einen passenden Namen für das Fest und was alles auf dem Patch stehen und abgebildet sein sollte, und in welchen Farben sie es haben möchten. Auch wenn sich das ein paar Tage hingezogen hatte, das Kreieren machte beiden so viel Spaß. Schließlich und endlich waren sie mit ihren Entscheidungen fertig, nun musste es nur noch ganz schnell in Auftrag gegeben werden, die Zeit drängte.

Sitzgelegenheiten, also Bierbänke und Tische, und Getränke musste sie auch noch bestellen, und weil sie beim besten Willen nicht für so viele Gäste Essen kochen wollte, war sie sich mit ihrem Mann einig, dass es ein Spanferkel geben sollte. Sie durfte nicht vergessen, ihre Gäste zu fragen, wer einen Salat mitbringt möchte.

Dekorieren wollte sie auch ein wenig, aber nicht mit zu viel Schnickschnack. Das kann man zu Hause machen, aber für ein Motorradfest ist das nicht passend, dachte sie. In einem Prospekt entdeckte sie Windlichter aus Metall. Ja, das macht sich gut und passt zum Motorrad, nickte sie sich selbst zu.

Als der Tag der Feier endlich kam, war sie total aufgeregt. Hatte sie an alles gedacht? Ja, hab ich, beruhigte sie sich immer wieder – die ganze Organisation stand perfekt. Es war ein herrliches Wetter an dem Tag, und es wurde ein super Fest, an das sich alle noch lange erinnerten. Gut an die 30 Motorräder waren da, was schon allein eine Schau war, und circa 50 Gäste. Die Stimmung war ausgelassen und lustig, und sie feierten bis spät in die Nacht. Das Spanferkel wurde schon Stunden vorher an den Grill gehängt. Und als es fertiggegrillt war, war das Fleisch herrlich zart und die Haut knusprig. Genau so muss ein Spanferkel sein!

Es blieb nicht viel übrig, so lecker wie es schmeckte und bei so vielen Männern. Dafür blieb aber einiges an Salaten übrig. Männerfest halt!, lächelte Anna in sich hinein.

Die Leute fragten sie immer wieder, wo sie denn die gute Musik herhatte. Jeder war begeistert und für jeden war was dabei.

Da es sehr spät in dieser Nacht wurde, rentierte es sich gar nicht, dass manche ihren Schlafsack und ihre Luftmatratze ausbreiteten. Auch sie und ihr Mann kamen kaum zum Schlafen.

Die Nacht war etwas kalt, aber die Sonne am Morgen wärmte jeden. Es war herrlich, zu sehen, wie die Sonne aufging und wie es sich anfühlte, die ersten Strahlen auf sich zu spüren.

Anna war so glücklich, was sie für Peter organisiert hatte. Manche Frauen kaufen ihren Männern zum Geburtstag eine Krawatte oder ein Hemd oder Socken. DAS aber war IHR Geburtstagsgeschenk für ihn! Sie waren jetzt fast 25 Jahre verheiratet und sie wollte ihm zeigen, wie sehr sie in liebte und wie stolz sie auf ihn war. Er machte den Eindruck, dass auch er sehr glücklich war. Doch wenn sie jetzt so darüber nachdachte, erinnerte sie sich an so manchen Gesichtsausdruck von ihm, der ihr im Nachhinein sagte, dass er mit seinen Gedanken irgendwo anders war – bei IHR natürlich!

* * *

Anna steht von ihrer Gartenliege auf. Ich kann jetzt schon nicht mehr darin sitzen, denkt sie und geht in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen.

»Aber wo soll ich denn sonst sitzen? Ich kann mich ja gleich auch auf den Boden setzen«, sagt sie fast verbittert laut vor sich hin. »Irgendwo muss ich doch noch eine Decke haben ...«

Sie ist schlecht gelaunt und durchkramt einige Kartons. Zudem wollte das Jucken an ihrem Arm nicht aufhören. Sie kratzt und kratzt, aber es wurde nicht besser. In einem Karton findet sie eine Wolldecke. Sie setzt sich wieder in ihre Liege, kuschelt sich fest in die Decke ein und denkt weiter über alles nach.

Ja, nicht nur auf dem Motorradfest war ihr der Blick ihres Mannes immer wieder aufgefallen, auch bei anderen Gegebenheiten waren seine Gedanken bei IHR. Das wird ihr jetzt erst so richtig klar.

So war es auch im Sommer, als ein schreckliches Unglück passierte, und von diesem Ereignis her musste wohl auch die Stelle an ihrem Unterarm kommen, die einfach nicht mehr verheilen wollte.

Der Unfall

Es war an einem Wochenende im Frühsommer, und es war das herrlichste Wetter. Sie verabredeten sich mit Motorradfreunden in den Bergen. Mit Motorradfreunden treffen heißt natürlich auch, dass man mit dem Motorrad dorthinfährt.

Schon die Anfahrt war herrlich. Das Wetter war schön, es war wenig los auf den Straßen, und sie genoss es, hinten mit auf dem Motorrad zu sitzen und die Landschaft anzuschauen. Sie liebte die Berge. Es war einfach nur wunderschön.

Als Motorradfahrer ist man viel näher an der Natur als im Auto, dachte sie. Die Gerüche fand sie so faszinierend. Die nimmt man im Auto so gar nicht wahr. Die Wiesen dufteten ganz anders als die Getreidefelder, an denen sie vorbeifuhren. Das frisch geschnittene Gras hatte einen anderen Geruch als das bereits trockene Heu. Es verströmte einen wunderbaren Geruch.

Immer wieder tippte sie Peter auf die Schulter und deutete mit ihrem Finger auf irgendetwas was sie sah und was sie ihm mitteilen wollte. Sie hatte den Eindruck, dass auch ihr Mann die Fahrt genoss. Rundum war es ein wunderschöner Tag. Sie hatte so viele Eindrücke, so viel gesehen und gerochen, und sie hatten ganz viel Spaß mit ihren Freunden.

Der Wetterbericht sagte gegen Abend allerdings Regen an, und deshalb verabschiedeten sie sich am späten Nachmittag, um wieder nach Hause zu fahren. Immerhin waren es an die zwei Stunden Fahrt.

Nach der Hälfte der Fahrzeit tippte Anna wieder einmal ihrem Mann auf die Schulter und deutete auf die Regenwand in der Ferne, die auch noch genau in ihrer Richtung war. Sie hatten in den Satteltaschen am Motorrad immer Regenkleidung mit dabei, und Anna wollte diese anziehen, um die Lederkleidung zu schützen. Sie hasste Regen beim Motorradfahren, nicht nur, dass man klitschnass werden konnte bis auf die Unterhose, sondern auch, weil es gefährlich wurde. Wenn sie schon mal in einen Regen kamen, wie beneidete sie da jeden Autofahrer!

Sie fuhren schon längere Zeit auf einer Landstraße, wo man nicht einfach mal so schnell stehen bleiben konnte. Aber dann kamen sie endlich an einem Ort vorbei und eine Bushaltestelle war in Sicht. Ja, da konnten sie kurz anhalten und sich anziehen. Die Straße war immer noch trocken, aber die Begrenzung der Haltestelle war wohl irgendwie schon feucht.

Und da passierte es.

Peter bremste das Motorrad ab, um in die Bucht zu fahren. Sie fuhren höchstens noch 20 km/h, eher weniger. Als die Räder des Motorrads über die Begrenzungslinie fuhren, glitten sie einfach weg. Im Zeitlupentempo fiel das Motorrad samt ihnen auf die rechte Seite, und sie rutschten die letzten Meter am Boden entlang. Anna versuchte, ihren Kopf zu schützen und hochzuhalten, aber sie krachte mit dem Helm auf den Boden.

Das war ein Geräusch, ein Ton, den man nicht vergisst. Auch versuchte sie, ihr Bein rechtzeitig wegzuziehen, bevor das Motorrad darauflandete.

Als sie so auf dem Rücken lag und irgendwie versuchte, sich zu ordnen, sah sie, wie Peter neben ihr lag und wie sein Bein unter dem Motorrad eingeklemmt war. Mit aller Kraft stemmte sie mit ihren Beinen die Maschine so weit hoch, dass ihr Mann sein Bein herausziehen konnte.

Verwirrt und geschockt hoben sie beide das Motorrad hoch, und er stellte es auf den Seitenständer.

Sie setzten sich auf den Randstein und versuchten erst einmal, wieder klar im Kopf zu werden. Sie sah auf ihre Motorradstiefel. Gott sei Dank hatte sie welche an, sonst hätte sie jetzt keine Zehen mehr. Die Schuhspitze des rechten Stiefels und der linke Stiefel an der Ferse waren komplett abgewetzt. Auch der rechte Ärmel ihrer Lederjacke war vom Ellbogen über den ganzen Unterarm abgewetzt, aber zum Glück hatte die Jacke Protektoren. In dem Moment wurde ihr richtig bewusst, wie wichtig eine gute Motorradbekleidung ist und war froh darüber, dass sie da nicht gespart hatte.

Als sie so dasaßen, kam ein Lkw vorbei, der Fahrer hielt an und fragte, ob er irgendwie helfen konnte. Aber beide deuteten ihm, dass alles in Ordnung sei und der Lkw fuhr weiter. An dem Motorrad war auf den ersten Blick nicht viel kaputt, der Tank war zum Glück nicht beschädigt, nur der rechte Griff und der Blinker waren leicht lädiert. Also saßen sie wieder auf und fuhren los.

Es war noch eine gute Stunde zu fahren.

Das Aberwitzige, oder soll man sagen Schicksalhafte, an der ganzen Sache war:

Das Wetter hielt, und sie blieben trocken!

Je weiter sie fuhren, desto mehr bekam Peter Schmerzen im rechten Bein. Und nicht nur das, er bekam auch kaum noch Luft. Wie er es noch heim schaffte, grenzte an einem Wunder. Zu Hause angekommen half Anna ihrem Mann aus der Motorradkleidung und vor allem aus den Stiefeln. Das war das Schwierigste. Erst jetzt bemerkten beide, wie geschwollen das untere Bein war. Auf Anna gestützt humpelte er mit ihr zu ihrem Auto und sie brachte ihn in ein Krankenhaus.

Die Notaufnahme des Krankenhauses war recht voll, und so warteten sie fast eine Stunde. Peter glaubte, dass er ersticken müsste. Er konnte nicht tief Luft holen, der Brustkorb tat ihm unendlich weh.

Endlich wurde er aufgerufen und kam ins Untersuchungszimmer. Das Bein und der Brustkorb wurden geröntgt. Das Bein wies einen glatten Bruch auf, und ein paar Rippen waren angeknackst. Bei den Rippen konnten die Ärzte nichts machen, die mussten ganz von allein wieder heilen, auch das Bein musste nicht operiert werden. Aber es wurde eingegipst und es hieß, dass es mindestens fünf Wochen dauern würde, bis der Bruch wieder geheilt war.

Fünf Wochen im Gips und an den Krücken, nichts allein machen können, nicht Auto fahren! Wie schrecklich, dachte sich wahrscheinlich nicht nur Anna. Er war vollkommen auf fremde Hilfe angewiesen.

In dieser Zeit bemerkte sie immer wieder mal einen Gesichtsausdruck bei ihm, irgendwie traurig, irgendwie gedankenverloren. Natürlich dachte Anna bei diesem Blick, dass er sich wohl ums Büro Sorgen machte, weil seine Arbeit liegenblieb. Was sollte ihn auch anderes beschäftigen? Es ging ihm ja gut, außer dass er halt zu allem Hilfe brauchte. Und dafür war sie ja für ihn da. Sie würde den Gesichtsausdruck nie vergessen, den er immer und immer wieder hatte – es waren nicht die Sorgen ums Büro, seine Gedanken waren bei IHR.

Klar, wie sollte er Kontakt zu ihr aufnehmen? Anna war ja fast immer zu Hause, und da konnte er nicht einfach mal telefonieren. Aber scheinbar sollte es so sein, dass das Schicksal einen Weg bereitete, dass Anna eben nicht immerzu zu Hause war.

Renovierungsarbeiten

Sie besaßen ein kleines Häuschen so circa 30 Kilometer von zu Hause entfernt, das sie vermietet hatten. Die Mieter kündigten damals von heute auf morgen. Anna fuhr mit ihrem Mann zu dem Häuschen, und sie glaubten, sie können ihren Augen nicht trauen. Wie war das Haus heruntergekommen! Sie ließen allen Mietern immer freie Hand, glaubten an das Gute, dass jeder doch für Sauberkeit und Ordnung sorgt, so wie man doch auch selbst leben möchte.

Und dann dieser Schock! Nicht nur, dass der Garten völlig verwahrlost und mit lauter Hundedreck übersät war, auch das Haus innen war dreckig, und fast alle Fenster waren mit Schimmel umrandet. So eine Schweinerei! Wie sollten sie dies wieder in Ordnung bringen? Von den Mietern konnten sie ja nichts mehr erwarten.

Solange Peter noch das Gipsbein hatte, fuhr Anna lediglich mal zu dem Häuschen, um zumindest den Garten wieder in Schuss zu bringen. Zuerst entfernte sie den Hundedreck. Ein Apfelbaum stand im Garten und die heruntergefallenen Äpfel mussten aufgehoben werden, bevor sie faulig wurden und vor sich hin schimmelten. Dann mähte sie den Rasen. Ein kleiner Teich, umrandet mit einem Blumenbeet, war im Vorgarten. Sie zupfte das Unkraut und schnitt die verwelkten Blumen ab.

Das alles war für sie kein Problem. Zu Hause hatte sie einen dreifach so großen Garten, und der hier waren eigentlich nur peanuts für sie. Es dauerte trotzdem gut über einen halben Tag bis sie mit allem fertig war. Aber als sie dann so dastand, bei einer Tasse Kaffee, den sie in einer Thermoskanne mitgebracht hatte, war sie mit ihrer Arbeit und sich selbst zufrieden. Es sah alles wieder so schön aus und wirkte friedlich.

Zumindest nach außen hin, dachte sie. An das Haus innen durfte sie gar nicht denken. Das wird noch ein anderes Kaliber. Vor allem wusste sie bereits jetzt schon, an wem das hängenblieb – an ihr natürlich!

Die letzten zwei Wochen mit dem Gipsbein vergingen, und endlich wurde der Gips entfernt. Jetzt war ihr Mann wieder so einigermaßen mobil, und er brauchte sie nicht mehr ständig. Auch fuhr er wieder zur Arbeit, besser gesagt, sie fuhr ihn in der ersten Woche hin und holte ihn abends wieder ab. Der Alltag pendelte sich wieder ein und Anna nutzte jetzt die Gelegenheit, das kleine Häuschen auch innen wieder zu einem Schmuckstückchen zu machen.

Sie fuhr über einige Wochen lang fast jeden Tag dorthin. Meistens war sie von der Früh bis Nachmittag dort. Sie war aufgepackt mit sämtlichen Werkzeugen und allem, was man zum Renovieren braucht.

Wo sollte sie bloß zuerst anfangen? Also, eigentlich einfach von vorn, dachte sie und fing bei der Eingangstür mit Windfang an. Das muss wohl der Lieblingsplatz von diesem Hund gewesen sein, der nicht nur den Garten verdreckt hatte. Die Wand am Eingang war mit Holz verkleidet, und in jeder Holzritze hingen Hundehaare. Die Fugen zwischen den Bodenfliesen waren schwarz. Anna kniete sich auf ein Kissen und fing an, mit Seifenwasser und einer alten Zahnbürste jede Fuge einzeln zu schrubben. Auch die Holzvertäfelung bürstete sie mit Seifenwasser ab. Es dauerte einige Stunden, bis nur dieser kleine Bereich wieder sauber war.

Der Gang nach dem Windfang war auch gefliest und die Fugen ebenso dreckig. Also das gleich Prozedere: Seifenwasser und Zahnbürste. Es verlangte Anna viel Kraft ab. Manchmal glaubte sie, dass sie das alles nicht schaffen würde. Sie schwitzte und die Knie taten ihr weh. Sie bekam einen richtigen Hass auf die Mieter. Dieser Hass machte sie aber wieder nur stärker.

Damals, vor Jahren, als sie das Haus gesehen hatten, waren sie beide sofort in dieses verliebt und wollten es unbedingt kaufen, auch wenn es alt war – oder eben wohl, weil es alt war! Es versprühte so einen Charme aus wie kaum ein anderes. Und diesen Charme wollte Anna dem Haus wieder geben. Sie setzte ihre ganze Kraft und Energie ein.

Das Haus hat es verdient, dachte sie, es kann ja nichts dafür.

Diese Putzerei war nur der Anfang. Jetzt musste der Schimmel an den Fenstern weg. Das war schon recht widerlich. Anna setzte sich eine Atemmaske und ein Kopftuch auf, ebenso zog sie Gummihandschuhe an. Sie ekelte sich bei dem Gedanken, dass die Schimmelsporen an ihr hafteten. Es waren einige Fenster und sie hatte ziemlich viel Mühe damit. Zuerst musste die Tapete rund um die Fenster herum entfernt werden, dann kratzte sie mit einer Spachtel zuerst den Schimmel ab und sprühte die befallenen Stellen mit Schimmelspray ein. Danach kratzte sie den Putz ab und versprühte wieder dieses Spray. Und nicht nur die Tapete und der Putz waren befallen, ja auch die Fenster selbst. Also, auch diese einsprayen und schrubben. Nach dieser ganzen Aktion musste alles wieder neu verputzt, tapeziert und auch wieder gestrichen werden.

Anna war zum Glück handwerklich sehr begabt und geschickt, und es gab kaum etwas, was sie nicht anpacken konnte. Höchstens wenn es ihre körperliche Kraft nicht zuließ.

Einerseits hasste sie diese Renovierungsarbeiten, weil es mit viel Ekel verbunden war, andererseits war sie selbst auf sich so stolz, weil sie es allein schaffte. Ihr Mann musste ja die ganze liegengebliebene Arbeit im Büro wieder aufholen, da konnte er ihr nicht helfen, und außerdem sollte er ja seinen Fuß noch schonen. So dachte sie zumindest. Dass sie ihm aber, zumindest tagsüber, den Weg frei machte für seine Liebelei, das wusste und ahnte sie nicht!

* * *

Die Jahre vergingen eh schnell, aber dieses Jahr war so voller Ereignisse, das flog nur noch so dahin. Der Herbst war schon längst da und im Oktober stand für sie das größte Ereignis in diesem Jahr an – ihre Silberhochzeit.

»Es kann doch gar nicht sein, dass wir jetzt schon 25 Jahre verheiratet sind«, sagte Anna einmal zu ihrem Mann.

Diese 25 Jahre waren so schnell vergangen. Aber wo sind sie geblieben? Was auch immer diese Jahre mit sich gebracht haben, sie waren stets das Traumpaar schlechthin – immer händchenhaltend, immer verliebt und nie einen Streit. In ihrem Umfeld, egal ob Freundeskreis, Familie, Nachbarn oder einfach Leute aus dem Ort, waren schon so viele geschieden und teils aber auch wieder neu verheiratet. Anna konnte sich nie in ihrem Leben vorstellen, dass sie das einmal selbst treffen könnte.

Und so sagte sie sich: »Diese tollen Jahre sollen irgendwie besonders gefeiert werden«.

So dachte sie sich das zumindest. Beide waren sich auf alle Fälle einig, dass sie ihre Silberhochzeit nicht mit Verwandten und Freunden irgendwo beim Essen feiern wollten. Sie stöberten im Internet sämtliche Reiseziele durch und kamen zu einer Reise in die USA. Aber eine Reise in die USA hieß für Anna wirklich was „Besonderes“, denn nicht nur das Land selbst war etwas Besonderes, sondern dahin musste sie ja fliegen, da kann man nicht mit dem Auto hinfahren. Anna weigerte sich die letzten 15 Jahre, in ein Flugzeug zu steigen. Sie hatte furchtbare Flugangst seit einem Rundflug in einer kleinen viersitzigen Maschine. Wie hatte sie sich damals diesen Flug gewünscht und zu einem Geburtstag ihn auch endlich bekommen! Und wie hatte dieser Flug dann ihr nächstes Leben bestimmt! Sie liebte es, in den Urlaub zu fahren, aber seit diesem Flug ging es nur noch dorthin, wo man mit dem Auto fahren konnte. »Nie wieder fliegen«, schwor sie sich damals.

Anna ging die nächsten Tage tief in sich und überlegte hin und her, ob sie das wirklich möchte, dieses Fliegen. Und ja – sie mochte! Sie war in so vielen anderen Ländern bereits, die man mit dem Auto erreichen kann, aber sie war in ihrem Leben erst ein Mal mit dem Flugzeug in einem weiter entfernten Land. Das war Tunesien und das war ihre Hochzeitsreise vor 25 Jahren. Und jetzt stand wieder eine „Hochzeitsreise“ an.

Sie freuten sich beide so sehr, und so buchten sie eine achttägige Bus-Rundreise durch den Westen der USA. Die Tour ging los in Kalifornien und führte über Arizona und Utah bis nach Nevada. Als Höhepunkte waren ausgeschrieben Los Angeles mit Hollywood, der Joshua Tree National Park, der Grand Canyon und der Bryce Canyon sowie der Zion National Park in Utah und zuletzt Las Vegas!

Anna versuchte, die Tage und Wochen bis zum Flug ihren Kopf klar zu bekommen, ja eigentlich meditierte sie. Sie musste ja irgendwie von der Flugangst loskommen, und so redete sie sich selbst ständig ein, wie toll doch Fliegen sei und dass der Pilot doch auch heilankommen möchte. Und siehe da – es funktionierte!

Als es dann so weit war und sie ins Flugzeug stiegen, hatte jetzt plötzlich Peter mehr Angst als sie. Jetzt war sie es, die den anderen beruhigen musste. Wer hätte das gedacht? Die Sitzreihen in der Maschine waren eng und selbst sie, die doch kürzere Beine hatte als jeder Mann, stieß am Vordersitz an. Und so sollten sie zehn Stunden fliegen? Anna war ja überhaupt nicht flugerfahren, und so wusste sie vorher nicht, dass sie nach einer Stunde beim Umsteigen in eine ganz andere Maschine steigen sollten.

Ja, das war ein Flugzeug für Überland! Anna war begeistert. Sie bekam einen Fensterplatz, und sie fühlte sich sofort wohl in der großen Maschine. Jetzt kann es losgehen, dachte sie, und auch ihr Mann hatte plötzlich wieder einen besseren Gesichtsausdruck. Sie genoss den Flug, ja sogar, als das Flugzeug immer wieder in ein sogenanntes Luftloch kam, war es für sie so was von klasse.

Wie geil ist das denn, dachte sie dabei und sagte es zu ihrem Mann, wenn der Pilot vollen Schub gab, um wieder raus aus dem Loch und wieder nach oben zu kommen. Diese Kraft, die dahintersteckte, war nur noch faszinierend für sie.

Sie flogen über Grönland. So etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen. Sie waren an die 10.000 Meter hoch, aber die Luft und alles war so klar, dass man meinen konnte, da unten könne man jeden Eisberg, ja sogar jeden Eisbär, sehen.

Der Flug verging wirklich wie „im Flug“, und sie landeten in Los Angeles. Beim Anflug sah sie, dass Los Angeles flach war. Sie erwartete Hochhäuser, solche Wolkenkratzer, wie man sie vom Fernsehen her kannte. Aber da waren keine. Das war die erste Überraschung für beide, denn ihrem Mann ging es genauso.

Die ganze Reise war absolut gut organisiert. Sie hatten einen tollen Luxusbus, der Busfahrer war klasse, und man konnte sich auf seine Fahrkünste verlassen. Der Reiseleiter war ein Deutscher, der seit über 20 Jahren in den USA lebte und der ihnen sämtliche Informationen über Land und Leute geben konnte, und die Stimmung im Bus war genial. Die Gruppe passte gut zusammen – gut, es gab ein paar Ausnahmen, aber über diese konnte man hinwegsehen, und so wurde die Woche zu einem einzigartigen Erlebnis. Jede Nacht waren sie in einem anderen Hotel untergebracht und auch die waren gut ausgesucht, bis auch hier auf kleine Ausnahmen.

Es war so angenehm mit den Mitreisenden, jeder redete mit jedem. Je länger die Tour wurde merkte man, wen man besonders mag. Und so entwickelten sich kleine Freundschaften, speziell mit zwei Paaren. Man versuchte, nicht nur bei den Ausflügen miteinander zu gehen, sondern jeder hielt auch beim Abendessen für das noch fehlende Paar einen Platz reserviert. Das eine Paar kam aus der Nähe von Hamburg. Anna schätzte sie auf gut zehn Jahre jünger. Das andere Paar war in etwa gleich alt wie sie und kamen aus Belgien. Er ist Belgier und sie Deutsche, die der Liebe wegen nach Belgien geheiratet hatte.

Anna war überwältigt von den Eindrücken. Sie kam mit dem Fotografieren gar nicht mehr nach.

»Zum Glück ist die Zeit vorbei, wo man sich zwischen einem 24er- und 36er-Film entscheiden muss«, lachte sie immer wieder. Sie knipste und knipste, und kein Stein war vor ihr sicher.

Der vierte Reisetag war dann DER Tag – es war ihr Hochzeitstag! Es war ein Sonntag. Der Beginn des Tages war nicht ganz so grandios. Das Frühstück im Hotel ließ zu wünschen übrig, und bei den Waffeln, die man sich selbst zubereiten konnte, meinte man fast, dass man seinen Plastikteller mitessen würde.

Aber das alles entschädigte dann die Weiterfahrt. Ein großes Ziel für diesen Tag war der Joshua Tree National Park. Sie kamen aus dem Staunen und Fotografieren nicht mehr heraus.

Der Park mit seinen besonderen Bäumen und Felsen war so einzigartig! Diese Bäume gibt es nur in diesem Nationalpark, sonst nirgends. Man kann sie als Mischung ansehen zwischen Baum, Palme und Kaktus. Was dachte sich die Natur dabei, und warum wachsen die nirgends anders? Leider hatten sie nur eine Stunde, um ein bisschen in diesen Park hineinzulaufen, dann hieß es schon wieder „Weiterfahrt“.

Die Strecken in Amerika von A nach B sind lang, und sie hatten noch einiges auf dem Programm. Sie fuhren auch auf der berühmten Route 66, aber von dieser legendären Straße gibt es nur noch ein ganz kleines Stück. Abends kamen sie an ihrem Hotel in Williams an. Die Hotelanlage war zum Glück nicht sehr groß, und es war ein flacher Bau, der sich gut inmitten von Wäldern einfügte.

»So kann man sich Kanada vorstellen«, schwärmte Anna, und Peter stimmte ihr zu.

So heiß es untertags auch war, so kalt war es jetzt dort abends. Aber das war die Gelegenheit für Anna. Sie hatte extra halterlose Strümpfe mit ins Gepäck genommen und wollte ihren Mann an „ihrem Tag“ damit überraschen. Zum Abendessen zog sie die schwarzen Strümpfe unter ihre Jeans an. Sie hatte sich auch noch hübsche Wäsche gekauft. Natürlich zog sie auch diese jetzt an.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verzweifeln hilft doch nichts" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen