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Verzaubert von deiner Liebe

1. KAPITEL

Die Abteilung für Glas und Porzellan von Grady’s befand sich im hinteren Teil des Kaufhauses, und Dinah arrangierte gerade ein paar Figuren auf der Ausstellungsfläche. Wie so oft, war ihre Brille ein Stück die Nase hinuntergerutscht. Trotzdem erkannte sie den Mann sofort, der den Gang entlang direkt auf sie zu kam.

Instinktiv wollte sie sich hinter der Theke verstecken, damit er sie nicht bemerkte, doch Jason Dentons Adleraugen konnte sie nicht entgehen. Panik überkam sie, eine Figur rutschte ihr aus den bebenden Fingern und zerbrach auf dem Boden in Stücke.

„Meine Güte!“

„Was haben Sie denn da angestellt, Miss Stacey?“ Die Abteilungsleiterin eilte herbei, um den Schaden zu begutachten, während Dinah starr auf Jason Denton blickte, dessen große athletische Gestalt im grauen Anzug fast bedrohlich auf sie wirkte.

„Eine von den Royal Doultons!“ Anklagend blickte die Abteilungsleiterin Dinah an. „Die werden Sie wohl bezahlen müssen!“

Bezahlen! Ja, das war alles, was Dinah gerade noch denken konnte.

Jason beugte sich über die Theke und legte schwungvoll einige Zehnpfundscheine auf die Platte. „Wird das genügen?“, fragt er in jenem gebieterischen Ton, der Dinah selbst jetzt noch Schauer über die Haut jagte.

„Es gehört hier zur Firmenpolitik, dass die Angestellten selbst verursachte Schäden aus eigener Tasche bezahlen müssen“, erwiderte die Abteilungsleiterin.

„Um dann eine Woche aufs Mittagessen zu verzichten.“ Jasons autoritärer Ton beeindruckte die Frau sichtlich. „Unfälle kommen nun mal vor. Also nehmen Sie bitte das Geld.“

„Na gut, Sir.“ Die Frau zählte die Scheine und ließ sie in der Kasse verschwinden. „Der Gentleman hier möchte bedient werden, Miss Stacey. Stehen Sie also nicht herum und träumen.“

Dinah träumte nicht. Sie stand immer noch unter Schock, weil Jason sie offensichtlich gefunden hatte und wieder in ihr Leben getreten war. Schweigend stand er da und sah zu, wie sie sich nervös die Brille zurechtrückte.

„Geh!“, hätte sie ihn am liebsten angeschrien. „Lass mich in Ruhe!“

Nichts anderes hatte sie gewollt, als sie vor Wochen durch den Nebel flüchtete, der Denton Drive stets morgens umwaberte. Er kam vom Meer herüber und schnitt das Herrenhaus vom Ort Havenshore ab. Manchmal schien das Haus über der Felsklippe zu schweben, obwohl seine Grundfesten so tief im Granit verankert waren.

Als Dinah am Bahnhof angekommen war, war ihr Haar vom Nebel feucht gewesen. Sie hatte einfach den ersten Zug genommen und war Stunden später in London angekommen, wo sie sich inmitten der Heerscharen junger Frauen, die in Geschäften und Büros arbeiteten, endlich sicher fühlte.

Doch jetzt war sie nicht mehr sicher … auf einmal bedrohten sie erneut die Erinnerungen, die Jason in ihr weckte.

„Ich kenne eine junge Dame, die Tiger sammelt“, begann er. „Könnte ich den mal sehen, der da zum Sprung geduckt in der letzten Reihe auf dem Regal steht?“

Wortlos holte Dinah den Tiger, ihre Beine drohten nachzugeben, als sie Jason die Figur reichte. Er beobachtete sie scharf … so unerbittlich wie ein Tiger seine Beute.

„Der wird ihr bestimmt gefallen“, entschied er, „obwohl er nicht ganz so aufregend ist wie der Prachtkerl aus Topas, der schon auf ihrem Nachttisch steht und mit glimmenden Augen auf sie aufpasst.“

„Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen?“ Dinah war blaß und zittrig, doch ihre Augen hinter den runden Brillengläsern funkelten aufgebracht. „Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben, Jason! Ich verabscheue dich und alles, was mit dir zu tun hat, und das weißt du sehr genau!“

„Natürlich regt es dich auf, mich zu sehen, Dinah. Das verstehe ich. Aber du hast auch zu dem beigetragen, was in der Halloweennacht passiert ist –, obwohl du es nicht zugeben willst.“ Sein selbstsicherer Ton machte sie noch wütender, und sie griff nach einer Figur, um sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Sie wollte ihm wehtun, wie er ihr wehgetan hatte, seine Selbstsicherheit zerstören.

„Das würde ich nicht tun“, warnte er sie, „sonst hat das Kaufhaus bald keine Royal Doulton-Krinolinendamen mehr.“

„Geh endlich, sonst rufe ich die Abteilungsleiterin zurück und sage ihr, dass du mich belästigst.“ Dinah versuchte, sich in den Griff zu bekommen. Jetzt nur nicht die Fassung verlieren! „Inzwischen kannst du mir nichts mehr anhaben. Ich bin frei und brauche dich nicht mehr!“

„Du wirst nie frei von mir sein, Dinah. Vergiss nicht, du gehörst zu mir, ich bin dein Vormund, seit du als Schulmädchen und Mündel in mein Haus kamst.“

„Schöner Vormund! Ein Lügner bist du, Jason! Die Leute mögen dich für ein Vorbild an Rechtschaffenheit halten, aber du hast mich geschickt belogen. Erst von anderen habe ich die Wahrheit erfahren. Und die tat weh, Jason, schrecklich weh! Noch nie in meinem Leben war etwas so schmerzlich für mich!“

Ihm war anzusehen, dass auch er sich jetzt nur noch mühsam beherrschte. „Du hast dich von zwei klatschsüchtigen Frauen beeinflussen lassen, sonst nichts. Ich hatte dich vor ihnen gewarnt, aber du wolltest ja nicht auf mich hören.“

„Ich habe auf jede Menge Dinge gehört, die du mir gesagt hast, und die stellten sich als Lug und Trug heraus –, wie die Kostüme, die wir zu Halloween trugen. Warum also sollte ich dir glauben.“

Obwohl die Party nun zwei Monate zurücklag, hatte Dinah selbst jetzt noch unauslöschlich vor Augen, was in jener Nacht geschehen war, nachdem die Gäste das Anwesen verlassen hatten. Sie erinnerte sich noch sehr deutlich, wie das Gelächter, die Motorengeräusche der abfahrenden Wagen verklungen war, und sie nur noch die Meeresbrandung an den Klippen hörte.

„Nachdem ich jetzt die ganze Wahrheit kenne, kannst du mich nicht zwingen, hier zu bleiben“, hatte sie ihm aufgebracht vorgehalten. „Ich werde mir ein eigenes Leben aufbauen, wie andere junge Frauen arbeiten gehen und mir mein Geld selbst verdienen.“

Daraufhin hatte Jason ihr die Hände auf die Schultern gelegt und kalt erklärt: „Du bist als mein Mündel hergekommen. Ich habe mich um dich gekümmert, dafür gesorgt, dass du unbeschadet aufwächst. In meinem Haus hast du ein behütetes Leben geführt. Dies ist dein Zuhause, und du bleibst hier.“

„Kommt nicht infrage!“ Der bloße Gedanke, auf Denton Drive zu bleiben, war Dinah unerträglich. Nichts hielt sie mehr hier. Ihre aufkeimenden Träume waren zertrampelt worden, sie fühlte sich erniedrigt und gedemütigt.

„Ich gehe, Jason. Sicher finde ich Arbeit in – einem der zahlreichen Kaufhäuser.

Dort ist viel los, und ich möchte endlich auch am echten Leben teilhaben.“

„Du redest Unsinn!“, hielt Jason ihr scharf vor. „Du tust so, als wärst du hier unglücklich gewesen, aber du weißt selbst, dass es nicht so ist. In Kaufhäusern arbeiten mittellose Mädchen, die gezwungen sind, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bist du wirklich so naiv zu glauben, es wäre erstrebenswert, von morgens bis abends auf den Beinen zu sein? Willst du dein Leben lang anspruchsvolle, launische Frauen bedienen? Du redest wie die Dummchen aus den Soap Operas!“

„Und du bist ein Zyniker!“ Mit Jason war es immer das Gleiche. Stets wusste er, was am besten für sie war.

„Ich will unabhängig sein, Jason, und du wirst mich nicht daran hindern“, beharrte Dinah. „Zum ersten Mal tue ich, was ich will, und nicht, was du bestimmst.“

Groß und grimmig stand er vor ihr – wie ein dunkler mächtiger Schatten. Immer schon hatte er das Gegenteil von dem ausgestrahlt, was sie an ihrem Vater so geliebt hatte.

Jason war ein entfernter Verwandter ihrer Mutter. Nach dem Flugzeugabsturz, den ihre Eltern nicht überlebt hatten, war Dinah nichts anderes übrig geblieben, als ihre wenigen Sachen zu packen und in einem mächtigen Wagen zum mächtigen Herrenhaus Denton Drive zu fahren, weil man Jason Denton zu ihrem Vormund ernannt hatte.

Er war unermesslich reich, sehr viel vermögender als ihre Eltern, die auch nicht gerade arm gewesen waren. Sie hatten als Schauspieler gearbeitet, keine Superstars, aber gefragte Charakterdarsteller und manchmal waren sie nach Hollywood oder nach Europa geflogen, um dort zu filmen. Im Internat hatte Dinah den anderen Mädchen scheu anvertraut, sie wären im Showgeschäft. Und sie hatte so getan, als mache es ihr nichts aus, wenn man ihr sagte, sie sähe ihrer glamourösen Mutter so gar nicht ähnlich.

Ein Mädchen hatte daraufhin kichernd überlegt, ob der Storch sie vielleicht vor der falschen Tür abgelegt habe. Ein anderes hatte sie lachend als Kuckucksei bezeichnet, das in einem Schwalbennest abgelegt worden sei.

Wann immer Dinah in den Spiegel blickte, kam sie sich mit ihren großen runden Brillengläsern eher vor wie eine Eule. Seit sie in Jasons Haus lebte, hatte sie sich und ihn insgeheim als Eule und Tiger gesehen.

Seine geschmeidige Art, sich zu bewegen, hatte etwas von einer Raubkatze, und es kostete sie sehr viel Mut, gegen ihn aufzubegehren. Vom ersten Tag an hatte sie in seiner Gegenwart Ehrfurcht, fast sogar eine leise Furcht empfunden. Bei der Ankunft auf Denton Drive war sie schüchtern durch die Eingangstür getreten, und Jason hatte in der Diele gestanden. Die Spätnachmittagssonne war durch die hohen Fenster hereingeflutet, und er war ihr wie eine der darin eingelegten mächtigen Buntglasfiguren erschienen …

„Du verlässt dieses Haus nicht“, hatte Jason in der Halloweennacht befohlen, doch Dinah dachte nicht daran, sich ihm zu beugen, nachdem sie im Festtrubel ungewollt etwas Ungeheuerliches mit angehört hatte.

Sie hatte sich auf die Halloweenparty gefreut und in einer Truhe unter dem Dach ein hübsches Bauernmädchenkostüm entdeckt, das Jasons Großmutter gehört hatte. Nach alter Tradition gaben die Dentons drei Feste im Jahr: ein Weihnachstfest am Heiligen Abend, ein zweites zum Geburtstag des Hausherrn und das dritte am Abend von Halloween.

Damals hatte Dinah ernsthaft an die übernatürlichen Vorgänge zu Halloween geglaubt, für sie war diese Nacht voller Geheimnisse, in der die Hexen und Zauberer herumgeisterten und überall ihr dreistes Unwesen trieben.

An jenem Abend waren Dutzende Gäste nach Denton Drive gekommen. Eine Musikkapelle spielte, und im großen Saal tanzten unter den funkelnden Kristalllüstern Paare in ausgefallenen Kostümen und Masken. Nur Jason trug kein Kostüm. Im eleganten Smoking und dem tadellos weißen Hemd bewegte er sich gewandt unter den Gästen, nur seine Augen blitzten hinter den Schlitzen seiner schwarzen Maske.

Erwartungsvolle Erregung erfüllte diesmal den Saal, denn an diesem Abend wollte er seine Verlobung mit Dinah bekannt geben. Sie hatte ihn angefleht, sie noch eine Weile geheim zu halten, doch er hatte sich über ihren Hang zur Geheimnistuerei nur lustig gemacht.

„Warum sollen es nicht alle erfahren?“, sagte er zu Dinah. „Die meisten Mädchen wollen die ganze Welt wissen lassen, dass sie heiraten. Oder willst du etwa nicht meine Frau werden?“

Dinah schüttelte den Kopf, obwohl sie sich ihrer Sache gar nicht sicher war. „Warum ausgerechnet ich, Jason?“, fragte sie. Ja, warum? Von Liebe hatte er bisher nie gesprochen.

„Weil ich mich an dich gewöhnt habe“, erwiderte er ausweichend.

Als Dinah später auf der Terrasse mit einem Glas Champagner in der Hand die kühle Abendluft genoss, hörte sie die Unterhaltung mit an, die ihr den Ring am Finger unerträglich machte und ihr Glücksgefühl ersterben ließ.

Im Salon standen zwei Damen in der Nähe der geöffneten Türen hinter wallenden langen Vorhängen gerade so, dass Dinah ihr Gespräch mitanhören konnte. „Natürlich heiratet Jason das arme Waisenmädchen nur, weil es sonst kaum einen passenden Mann finden würde“, bemerkte die eine. „Nach der Erziehung in teuren Internaten und all den Jahren, die Dinah nun schon in Jasons Haus lebt, ist sie immer noch so ein linkisches, kleines Ding.“

„Der begehrteste Junggeselle weit und breit wird der Ehemann einer verwaisten kleinen Brillenschlange“, erklärte die andere Dame mit nervtötend schriller Stimme. „Es wundert mich, dass er ihr keine Kontaktlinsen verordnet hat. Damit würde sie besser aussehen und sie tut doch sicher alles, was er sagt.“

„Nicht jeder verträgt sie, Margaret. Aber du hast recht, sie sollte wirklich etwas für ihr Aussehen tun.“

„Außerdem ist diese Ehe doch völlig unstandesgemäß! Ich war richtig schockiert, als Jason die Verlobung bekannt gab.“

„Also ich würde sagen, er fühlt sich für sie verantwortlich, weil sie keinen anderen findet. Außerdem verstummt mit dieser offiziellen Verbindung dann auch endlich die Gerüchteküche. Es heißt ja schon länger, sie wären mehr als nur Mündel und Vormund, wenn du verstehst, was ich meine.“

Anzügliches Gelächter folgte, dann entfernten die Stimmen sich.

Lange danach stand Dinah immer noch auf der Terrasse und hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Die Glückwünsche waren also nur Schein. Alle meinten zu wissen, dass Jason sie lediglich aus Mitleid heiraten wollte.

Nach Mitternacht begannen die Gäste, sich zu verabschieden. Allmählich wurde es im Haus ruhig, und nur in der entlegenen Küche klapperte das Personal mit Geschirr und Bestecken.

Benommen stieg Dinah die breite getäfelte Aufgangstreppe zu ihrer Suite im Lady-Grace-Flügel hinauf, der nach einer Ahnin Jasons benannt worden war. Es wurde gemunkelt, in dem weitläufigen Flügel würde es spuken, doch Dinah war noch nie von einer herumgeisternden grauen Lady belästigt worden.

Geräuschlos schloss sie die Tür hinter sich und ging zu der schweren Eichenkommode, wo sie begann, ihre Sachen aus Schränken und Schubladen zu nehmen. Wie benommen faltete sie ihre Kleider zusammen und packte sie in eine Reisetasche. Viele luxuriöse Dinge musste sie zurücklassen – Kaschmirpullover, Designerjeans, Abendkleider und Seidenröcke, Reit-, Tennis- und Segelsachen –, alle aus teuren Boutiquen oder von Harrod’s.

Jason hatte stets wert darauf gelegt, dass sie elegant gekleidet war, obwohl er das bei einem unscheinbaren Ding wie ihr eigentlich doch als Verschwendung betrachten musste. Aufstöhnend wand Dinah sich seinen Verlobungsring vom Finger. Was sollte sie mit einem funkelnden Diamanten an der Hand, ein Mädchen, in dem alle nur eine verwaiste Brillenschlange sahen?

Sie wollte gerade den Reißverschluss der Tasche zuziehen, als es laut an der Tür klopfte. Nervös griff Dinah sich an den Hals. In ihrer überstürzten Eile hatte sie nicht bedacht, dass Jason sie suchen kommen könnte. Hilflos blickte sie zur hohen Zimmerdecke hinauf. Dann drehte sich der Knauf, und Jason betrat ihr Zimmer.

Er trug immer noch den Smoking und hielt einen Zigarrillo in der Hand. „Ich hatte erwartet, du würdest zu mir kommen und mit mir eine ruhige halbe Stunde im …“ Er sprach nicht weiter, als er die halb geschlossene Reisetasche entdeckte. „Was, zum Teufel, tust du da, Dinah?“

„Ich … gehe fort.“

„Wie bitte?“ Mit zwei Schritten war er bei ihr am Bett und blieb im Schein der Lampe stehen.

„Ich … verlasse Denton Drive, Jason.“ Sie öffnete ihre Hand und hielt ihm den funkelnden Diamantring hin. „Bitte nimm ihn zurück. Ich kann dich nicht heiraten.“

„Das darf nicht wahr sein!“

„Ich kann es einfach nicht.“ Rasch trat sie auf ihn zu und steckte ihm den Ring in die Jackettasche, wich jedoch ebenso schnell wieder zurück, um nicht zu lange in seiner Nähe sein zu müssen. Sie sah ihn direkt an. „Du musst mich nicht heiraten, um mich davor zu bewahren, eine alte Jungfer zu werden. Alle auf der Party dürften sich über mich lustig gemacht haben –, die linkische Brillenschlange, für die du nur Mitleid empfindest. Wenn ich weiter hier in deinem Haus bleibe, werden die Leute sich weiter fragen, ob es nicht etwas ganz anderes ist, das uns verbindet. Eine ernstgemeinte Ehe traut uns jedenfalls keiner zu.“

Bebend hielt sie einen Augenblick inne, fuhr dann jedoch beherzt fort: „Ein Mann deines Ranges muss auf seinen Ruf achten, Jason. Wenn jemand so hässlich ist wie ich …“

„Was ist nur auf einmal in dich gefahren?“ Seine Augen funkelten erregt. „Was redest du da für einen Unsinn?“

„Ich habe … mit angehört, wie zwei Damen über uns und unsere Hochzeit sprachen. Es war schrecklich –, aber es stimmte wahrscheinlich alles. Da wurde mir blitzartig klar, dass ich hier nicht bleiben kann.“

„Du gehst nirgendwohin.“ In Jasons Augen erschien ein stählerner Ausdruck. „Glaubst du wirklich, ich würde dich ziehen lassen, nur, weil zwei Klatschbasen den Mund nicht halten können? So sei doch vernünftig! Hier ist dein Zuhause!“

„Du kannst mich nicht zwingen zu bleiben. Ich rufe mir ein Taxi und …“

Dinah wollte zum Telefon greifen, doch Jason legte ihr eine Hand auf die Schulter und hielt sie zurück. Wie stets, wenn er sie berührte, spürte sie die beherrschende Kraft, die von diesem Mann ausging, und erschauerte.

„Du hast dich darüber sehr aufgeregt, aber es ist das Gerede von zwei Frauen, die nichts mit uns zu tun haben.“ Er hielt sie mit einer Hand fest, nahm ihr die Brille ab und legte sie zur Seite. Dann blickte er ihr in die leuchtend blauen Augen. „Du glaubst wirklich zu wissen, warum sie klatschen, Dinah? Ich heirate dich, damit du keine alte Jungfer wirst? Dann nehme ich den Skandaltanten doch gleichzeitig den Wind aus den Segeln. Dinah, das kannst du doch nicht ernsthaft von mir denken!“

„Mir war, als würde man mir Nadeln in die Brust rammen!“ Sie versuchte, sich seinem Griff zu entziehen.

„Jetzt hör mir gut zu, meine Liebe. Du packst deine Sachen ganz schnell wieder aus und legst dich schlafen.“

„Ich gehe morgen früh, und du kannst mich nicht daran hindern. Mir ist gerade so viel klar geworden. Ich brauche ein eigenes Leben.“

„Und wohin willst du gehen?“

„Ich suche mir eine Arbeit wie andere junge Frauen auch.“ Dinah blickte Jason fest an und versuchte, sich nicht einschüchtern zu lassen. Vom Hörensagen wusste sie, dass die Dentons leicht aufbrausten, wenn man sie herausforderte, und sich dann manchmal vergaßen.

Er sah sie seltsam an, dann senkte er die Lider, sodass sie nicht erkennen konnte, was in ihm vorging. „Morgen buchen wir eine Reise quer durch Europa“, schlug er ihr beherrscht vor. „Ich denke, wir sollten in Frankreich beginnen, dann nach Venedig fliegen und einfach das Leben genießen.“

„Und durch die Museen wandern?“ Dinah warf den Kopf zurück. Eine Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen. „Da arbeite ich wirklich lieber in einem Kaufhaus!“

„Wo du noch mehr klatschsüchtige Frauen triffst, die den Mund nicht halten können und ihr Gift verspritzen? In London scheuen die Menschen vor nichts zurück, um Geld zu verdienen. Sie sind daran gewöhnt, du nicht. Es macht alles andere als Spaß, in einem Büro oder Kaufhaus zu arbeiten. Also komm schon, Dinah, sei vernünftig.“

„Du meinst, sei brav und wieder das kleine Ding, das du beherrschen kannst.“ Sie atmete tief ein, sodass sie die Meeresluft riechen konnte, die über die Felsklippen des Privatstrands von Denton Drive heraufwehte. „Warum heiratest du nicht eine Frau, die zu dir passt, Jason? Was willst du mit einem Mündel, das die Leute veranlasst, von einer unstandesgemäßen Verbindung zu reden?“

„Sei still!“ Er schüttelte sie, sodass ihr langes Haar sich löste. „Pack die Tasche wieder aus, und leg die Sachen an ihren Platz zurück – sofort.“

„Mach es doch selbst!“ Sie wich vor ihm zurück, blickte ihm aber kampfbereit ins Gesicht. „Pack du die Sachen weg.“

Kurzerhand nahm Jason die Reisetasche und stülpte sie um. Der ganze Inhalt verteilte sich auf dem Boden. „Und jetzt packst du die Sachen weg, auf der Stelle!“, forderte er.

Sein Ton warnte Dinah, sie hielt es für besser nachzugeben. Widerwillig sammelte sie einen Armvoll Kleidungsstücke auf, ging zur Eichenkommode und schleuderte sie in die erstbeste Schublade. Während Dinah sie zuknallte, erhaschte sie einen Blick auf ihr Spiegelbild – ihre blauen Augen funkelten rebellisch … und ein wenig furchtsam. Doch das lag wohl an dieser seltsamen Atmosphäre – der Dunkelheit, die das Haus umgab, der Stille, die unten herrschte, und dem Bewusstsein, dass sie mit Jason allein war, dessen großer, breitschultriger Schatten vom Lampenlicht an die Decke geworfen wurde.

„Würdest du jetzt bitte gehen? Ich habe getan, was du verlangst.“ Sie beobachtete seinen dunklen Schatten und wartete, dass Jason zur Tür ging. Wenn er doch bloß verschwinden würde!

„Erst musst du mir versprechen, dich wie eine Erwachsene zu benehmen und diesen Unsinn zu vergessen.“

„Ich … kann dir nichts versprechen.“ Ihre Stimme bebte, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie würde sich Jason nicht beugen, schon gar nicht jetzt, nachdem sie den Mut aufgebracht hatte, ihm den Verlobungsring zurückzugeben.

„Ich warne dich, Dinah.“ Er blickte sie durchdringend an. „Ich gehe erst, wenn du mir dein Ehrenwort gegeben hast, dass du nicht wegläufst und hier bleibst, wo du hin gehörst.“

„Ich gehöre nicht zu dir, Jason. Du hast mich gekauft, indem du für meine Erziehung, mein Essen und Trinken bezahlt hast.“

„Jetzt benimmst du dich wie ein störrisches Kind!“ Er wirkte angespannt und schien sich nur noch mühsam zu beherrschen.

„Du musst dich schon entscheiden, wie du mich behandeln willst, Jason. Bin ich für dich ein Kind oder eine Erwachsene?“ Entschlossen hielt sie seinem Blick stand, sie fochten einen stummen Willenskampf aus. „Du scheinst nicht zu wissen, wie du zu mir stehst, aber du bist ein Diktator, der sich um jeden Preis durchsetzen muss. Jetzt bist du wütend, weil ich einen eigenen Willen habe und mein eigenes Leben führen will, statt mich zu einer von den zahllosen Besitztümern machen zu lassen, die du in deinem Haus angehäuft hast –, leblose Gegenstände in Regalen, die dir nicht widersprechen können, die sich nicht beklagen, wenn du sie nach Belieben umstellst.“

Dinah warf den Kopf zurück und fuhr sich mit feuchten Fingern durchs Haar. Ihr brach der kalte Schweiß aus, der Stufenpetticoat klebte ihr am Rücken. Noch vor wenigen Stunden hatte sie das Bauernmädchenkostüm fröhlich getragen, jetzt wollte sie den Unterrock, das Mieder und das lästige langärmelige Kleid nur noch loswerden.

„Ich bin es leid, in einem Haus zu leben, das einem Museum gleicht“, schleuderte sie Jason entgegen. „Ich will mir nicht länger vorschreiben lassen, was ich anziehen, was ich tun und denken soll. Du bist ein Tyrann!“

„Und du weißt nicht, was du sagst.“ Jason hatte die Augen halb geschlossen, er wirkte jetzt fast bedrohlich. „Tyrannen behandeln andere wie den letzten Dreck, und das habe ich nie getan. Ich habe dir nur Vorteile verschafft, dafür gesorgt, dass du die besten Schulen besuchst, wo du mit intelligenten, netten Mädchen aus den besten Familien zusammenkamst.“

„Ja sicher, du hast mir sogar meine Freunde ausgesucht“, gab Dinah ihm Recht. „Und es passte dir gar nicht, als ich mich mit Cissie Lang angefreundet hatte. Du hast sie für oberflächlich und leichtlebig gehalten, doch für mich war genau das wichtig, Mit Cissie konnte ich übermütig sein und von Herzen lachen. Du hast sie abgelehnt, aber nicht, weil ich durch sie in falsche Gesellschaft hätte geraten können, sondern weil du mich festnageln und als dein Besitztum behalten willst. Du möchtest verreisen und mich in Museen führen? Meine Güte, ich habe fast mein ganzes Leben in einem verbracht!“

„Denton Drive ist für dich also ein Museum?“ Jason sprach leise, gefährlich langsam. „Und du glaubst, ich hätte keine Gefühle?“

„Ja! Genau das denke ich!“ Etwas geschah mit Dinah, auf einmal kannte sie keine Hemmungen mehr. „Du willst alles besitzen, mich in ein Glashaus stecken, wo du so tun kannst, als wäre ich kein normales menschliches Wesen, das ganz normale Gefühle hat, das hungrig ist, ängstlich, traurig und manchmal auch wütend. Du bist es, der nicht normal empfindet!“

„Du undankbares Geschöpf!“ Jason kam auf sie zu, und Dinah wich zurück –, zu schnell. Sie stolperte über einen Fußhocker und fiel auf den Teppich. Rasch hob Jason sie auf und trug sie in den Schein der Lampe, der das Bett erhellte.

Unvermittelt gab er sie frei, und sie fiel rücklings auf die Satinbettdecke. Bebend wandte sie sich ab. Noch nie hatte sie Jason so in Rage gesehen. Es war seltsam, aber sie fühlte sich ihm gegenüber schwach und ausgeliefert, war aber gleichzeitig so aufgewühlt wie an jenem Nachmittag, als sie von ihrer Stute Grashopper beim Sprung über eine Hecke abgeworfen worden war. Sie landete in einem schlammigen Graben und hatte dort fast zwei Stunden in der Kälte gelegen, halb begraben unter ihrem verletzten Pferd. Der Tierarzt hatte Grashopper erlösen müssen, sie selbst war mit einer Lungenentzündung davon gekommen.

Damals hatte Jason sie gefunden und war mit ihr auf seinem Hengst Moonlight behutsam nach Hause geritten, während sie den schlammverkrusteten Kopf vertrauensvoll an seine breite Brust gebettet hatte.

Jetzt, in dieser Halloweennacht, in ihrem Schlafzimmer, hielt er sie fest umfangen, und obwohl Dinah hoffte, dass er sie gleich loslassen würde, wusste sie, dass er bereits die Beherrschung verloren hatte und sich nicht mehr zügeln konnte. Aber anstatt sich zu wehren und weiter zu kämpfen schmiegte sie sich wie damals zitternd in seine Arme …

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