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Verzaubert von deinen Küssen

Tina Ducan

Verzaubert von deinen Küssen

1. KAPITEL

Es war erledigt. Oder so gut. Die erforderlichen Telefonate waren geführt, die nötigen Anweisungen erteilt. Gino hatte den Auftrag erhalten, diese Mona Marshall in das Chefbüro der Da Silva Schokoladenfabrik zu schaffen.

Sie hatte keine Ahnung, was sie hier erwartete. Zweifellos ging sie davon aus, dass ihr geliebter Joseph hinter der überraschenden Anweisung steckte.

Stattdessen wartete er hier auf sie. Luca lächelte grimmig in sich hinein. In einer Stunde wäre das Problem vom Tisch. Dann würde diese Mona wissen, wie dumm es von ihr gewesen war, sich mit der Familie Da Silva anzulegen.

Luca schwenkte den schwarzen Ledersessel wieder zum Schreibtisch und vertiefte sich in den Quartalsbericht der Schokoladenfabrik, die ein Tochterunternehmen seines Großkonzerns war. Zumindest vorübergehend wollte er die ganze unschöne Angelegenheit um Mona Marshall vergessen.

Die Frau würde noch früh genug hier erscheinen. Er würde ihr die Leviten lesen und sie auf die Straße setzen, wo sie hingehörte. Er würde schon dafür sorgen, dass sie ihn und seine Familie nie wieder belästigte.

Zwanzig Minuten später brütete Luca noch immer über den Quartalszahlen, als es an der Tür klopfte.

„Herein“, sagte er und hörte die Tür aufgehen. Luca markierte noch einige kritische Zahlen, bevor er den Stift weglegte, und als er dann aufblickte, stockte ihm der Atem.

Vor dem stämmigen Gino, Chef seines Sicherheitsdienstes und sein Privatchauffeur, stand eine der attraktivsten Frauen, die Luca je gesehen hatte. Sie war groß, schlank und hatte rabenschwarzes Haar, das ihr offen über die Schultern fiel. Ihre schönen, ebenmäßigen Züge wirkten feinsinnig und intelligent. In reizvollem Kontrast dazu standen die hohen schwarzen Lederstiefel, die ihre wohlgeformten Waden umschlossen und von Tatkraft und Selbstbewusstsein zeugten.

Luca atmete langsam und kontrolliert aus, während er die Frau aus schmalen Augen musterte. War sie die Teufelin, die es darauf abgesehen hatte, die Ehe seiner Schwester zu ruinieren? War sie die eiskalte, herzlose Hexe, die seinen Schwager verführt hatte?

In seiner Vorstellung sahen skrupellose Verführerinnen braver Ehemänner boshaft und verschlagen aus. Nicht so jung – die Frau war höchstens Anfang zwanzig –, so betörend unschuldig und sinnlich zugleich, dass selbst Luca sich ihrer Wirkung nicht entziehen konnte. Luca, der mit den schönsten Frauen der Welt zusammen gewesen war.

Ihm war auf den ersten Blick klar, dass Mona Marshall eine Nummer zu groß für seinen Schwager war. Sie war vielmehr sein Typ. Er wusste, wie man mit einer so atemberaubenden Schönheit wie ihr umzugehen hatte.

Ärgerlich verbot er sich weitere Gedanken in dieser Richtung. Es gab nur eine Art, mit dieser Frau umzugehen: Er würde ihr eine Lektion erteilen, die sie nie vergaß.

„Sind Sie Mona Marshall?“, fragte er, nur um sicherzugehen.

Die junge Frau reckte ihm ihr Kinn entgegen. Eine Geste, die ihm vage bekannt vorkam. „Ja, das bin ich.“ Sie sah sich kurz um, heftete dann ihre faszinierenden schwarzen Augen auf ihn. „Wo ist Joseph?“

Seine Miene gefror. Sie konnte es offenbar nicht abwarten, ihren Geliebten zu sehen. Ob sie nach der Unterredung mit ihm, Luca, immer noch Sehnsucht nach Joseph haben würde? Er bezweifelte es.

„Wissen Sie, wer ich bin?“, erwiderte er, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Sie nickte kurz. „Luca da Silva.“

„Genau. Josephs Schwager.“ Als keine Reaktion von ihr kam, wiederholte er: „Sein Schwager, verstehen Sie?“

Ihr Blick blieb unverändert ruhig, und doch glaubte Luca eine plötzliche Anspannung an ihr zu bemerken. „Ja, natürlich. Joseph ist mit Ihrer Schwester Stefania verheiratet.“

Obwohl er geahnt hatte, dass sie Bescheid wusste, war er enttäuscht. Einen winzigen Moment lang hatte er gehofft, dass alles nur ein Missverständnis war. Dass Joseph ihr verschwiegen hatte, dass er verheiratet war.

Stattdessen stand ihre Schuld nun eindeutig fest. Was Luca jedoch wider Erwarten nicht in Rage brachte, sondern eher ein flaues Gefühl in ihm weckte. Vielleicht weil er diese Frau selbst gern erobert hätte?

Aber ja doch! Unter anderen Umständen würde er genau das tun. Nur dass die Umstände nicht gerade günstig waren – und es nie sein würden.

Er musste der hässlichen Wahrheit ins Auge sehen. Mona Marshall hatte genau gewusst, was sie tat, als sie Joseph verführte. Sie war nicht ahnungslos mit einem verheirateten Mann ins Bett gestiegen. Sie hatte es ganz bewusst getan. Und dafür würde sie jetzt die Quittung bekommen.

„Wissen Sie, weshalb ich Sie herbestellt habe?“, fragte er scheinbar freundlich.

„Nein, das weiß ich nicht.“ In ihren Augen, so dunkel wie seine eigenen, bemerkte er ein zorniges Funkeln. Sie sah über die Schulter zu Gino, der breitbeinig hinter ihr stand und ihr einen Rückzug unmöglich machte. „Dieser … dieser … Gorilla hat ja so gut wie kein Wort mit mir gesprochen!“

„Ach, tatsächlich?“ Gut gemacht, Gino. Luca hatte seinen Angestellten angewiesen, möglichst keine Erklärungen abzugeben, wenn er Mona Marshall abholte. Sie sollte ihm völlig unvorbereitet gegenübertreten. Was offenbar funktioniert hatte.

„Allerdings.“ Wütend stemmte sie die Hände in die schön geschwungenen Hüften. „Ich sagte ihm, dass es mir jetzt nicht passt, aber das schien ihn gar nicht zu stören. Wie eine Schwerverbrecherin hat er mich abgeführt und hierher transportiert.“

„Er hat Sie doch nicht verletzt, oder?“, fühlte Luca sich verpflichtet zu fragen. Er hatte allen Grund, diese Frau zu verabscheuen, die seinen Schwager zum Ehebruch verführt hatte. Schließlich wusste er aus eigener Erfahrung, wie viel Schmerz und Unglück außereheliche Beziehungen verursachen konnten. Doch Gewalt gegen Frauen war ihm verhasst. Wäre Mona Marshall ein Mann gewesen, hätte er ihr vielleicht eine Tracht Prügel verpasst. Obwohl das Problem dann ja gar nicht erst aufgetaucht wäre …

„Nein, aber darum geht es nicht“, versetzte sie ungehalten.

„Worum dann?“

Über ihre hübsche schmale Nase hinweg maß sie ihn mit einem Blick, der besagte, dass sie ernsthaft an seinen geistigen Fähigkeiten zweifelte. „Es geht darum, dass ich einen vollen Terminkalender habe und meine Sekretärin bitten musste, mehrere Treffen im letzten Moment abzusagen.“

„Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.“

„Ach, meinen Sie? Vielleicht verraten Sie mir endlich, was hier eigentlich vorgeht. Und wenn Sie schon mal dabei sind, sagen Sie mir auch gleich, wo Joseph ist. Dies ist sein Büro. Sie sollten in seiner Abwesenheit gar nicht hier sein.“

Luca musterte sie überrascht. Sie ging in die Luft wie eine Feuerwerksrakete, mit zornblitzenden Augen und knisternd vor Temperament. Es hätte ihn nicht gewundert, aus ihren schwarzen Haaren die Funken sprühen zu sehen.

Ob sie auch im Bett so heißblütig war? Unwillkürlich glitt sein Blick zu ihrem Dekolleté. Unter der schwarz-weiß gestreiften Bluse, die sie zu ihrem schicken schwarzen Business-Kostüm trug, zeichnete sich deutlich ihre üppigen Brüste ab.

Hitze stieg in ihm auf, sein Puls ging schneller. Er stellte sich vor, wie es wäre, sie an Ort und Stelle zu verführen. Auf dem Schreibtisch. Nackt bis auf diese sexy Stiefel, die sich um seine Hüfte legen würden …

Er zwang sich, den Blick von ihrem verführerischen Körper loszureißen und ihr wieder in die Augen zu sehen. Mona Marshall war die letzte Frau auf Erden, die für solche Fantasien infrage kam.

„Ich werde eine offizielle Beschwerde einlegen“, setzte sie zornig hinzu. „Joseph wird verärgert sein, wenn er hört, wie Sie mich behandelt haben.“

Ja, das würde Joseph zweifellos sein – falls er je von diesem Gespräch erfuhr.

Luca erhob sich und ging um den Schreibtisch herum auf sie zu. „Lassen Sie uns allein“, wies er Gino an, der verschwand und die Tür hinter sich zuzog. „Joseph wird nichts von dieser Unterredung erfahren, denn Sie werden ihm nichts davon erzählen.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Natürlich werde ich ihm davon erzählen!“

Luca ergriff ihren Arm und zog sie mit sich. Ihr Duft, warm, exotisch und mit einer feinen Orangennote, hüllte ihn ein. „Nein, das werden Sie nicht.“ Er drückte sie in einen der Besuchersessel, blieb selbst jedoch stehen, mit der Hüfte an den Schreibtisch gelehnt. „Nicht, wenn Sie wissen, was gut für Sie ist.“

Sein drohender Unterton ließ sie alarmiert aufblicken. „Was soll das heißen?“

Er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln und registrierte zufrieden, wie sehr es sie zu verunsichern schien. „Kommen Sie, Ms Marshall, Sie sind doch eine kluge junge Frau. Haben Sie wirklich keine Ahnung?“

In ihren großen dunklen Augen spiegelte sich Verwirrung. Erneut hob sie das Kinn in einer Weise, die ihm merkwürdig vertraut vorkam. „Nein, ich habe absolut keine Ahnung. Geht es um etwas Geschäftliches?“

„Nicht direkt. Ich habe keine Zeit, mich persönlich mit den alltäglichen Abläufen in meinen Firmen zu befassen. Dafür habe ich meine Manager.“

„Was wollen Sie dann von mir?“, fragte sie mit leicht bebender Stimme.

„Raten Sie mal!“

Die Art, wie sie den Kopf hielt, erinnerte ihn an jemanden. Er wusste nur nicht, an wen.

„Klären Sie mich auf, Mr da Silva“, erwiderte sie mühsam beherrscht.

Sie zeigte bewundernswerte Haltung, das musste er zugeben. Nur schade, dass es ihr an Charakter mangelte.

Als er sein Gewicht verlagerte, bemerkte er den kurzen, interessierten Blick, mit dem sie seine Figur musterte. Er beugte sich vor. Wieder stieg ihm ein zarter Orangenduft in die Nase. „Ich habe Sie herbestellt, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie ab sofort nicht mehr für Enigma Marketing arbeiten.“

Mona Marshall rang nach Luft. Sie schwankte in ihrem Sessel und wurde so blass, dass selbst ihre Lippen blutleer wirkten. „Das können Sie nicht tun!“

„Aber natürlich kann ich das.“

Normalerweise käme es ihm nicht in den Sinn, seine Macht derart zu missbrauchen. Doch dies war eine Ausnahmesituation, die drastische Maßnahmen erforderte.

„Ihnen gehört vielleicht die halbe Welt, Mr da Silva, aber nicht Enigma Marketing. Sie haben nicht zu entscheiden, wer in dieser Firma eingestellt oder entlassen wird.“

„Sind Sie wirklich so naiv?“ Er lächelte amüsiert. „Ein Telefonat, und Ihr Schicksal war besiegelt.“

Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre dunklen Augen wirkten riesig in dem schmalen, blassen Gesicht. „Ich glaube Ihnen kein Wort. Das würde mir meine Chefin nicht antun!“

„Nein?“ Er beugte sich, eine Hand auf den Tisch gestützt, noch weiter vor. „Auch nicht, wenn ich ihr damit drohen würde, ihrer Agentur die Aufträge der Da Silva Schokoladenfabrik zu entziehen?“

Tödliche Stille folgte seinen Worten. Der Ausdruck auf Mona Marshalls Gesicht besagte, dass sie die Antwort auf diese Frage ebenso gut kannte wie er.

Da Silva war in der Süßwarenbranche, was Versace in der Modewelt war. Eine Marke, die unter Schokoladenliebhabern, Genießern und Confiserien rund um den ganzen Erdball Kultstatus erlangt hatte. Ihre exklusiven Leckereien landeten auf den Tischen der Reichen und Berühmten.

Da Silva war das Flaggschiff der Marketingagentur Enigma. Die Firma als Kunden zu verlieren bedeutete nicht nur die Einbuße umfangreicher Aufträge, sondern auch einen erheblichen Verlust an Renommee. Ein Risiko, das die Agenturchefin von Enigma, Dawn Merchant, niemals eingehen würde.

Luca griff nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch und schob es Mona hin. „Bitte, rufen Sie Ihre Chefin an. Dawn wird Ihnen gern bestätigen, was ich gerade sagte.“

Unschlüssig wanderte ihr Blick zwischen ihm und dem Telefon hin und her. „Also gut, ich glaube Ihnen. Aber Sie müssen mir schon einen sehr guten Grund für meine Kündigung nennen, sonst verklage ich Sie bis zum Sanktnimmerleinstag!“

Er hätte beinahe gelacht. Aber nur beinahe, denn die Tatsache, dass diese Frau die Ehe seiner Schwester in Gefahr brachte, war alles andere als komisch. Gerade jetzt, da Stefania so besonders verletzlich war.

Seine Schwester war zutiefst deprimiert, weil sie einfach nicht schwanger wurde. Obwohl sie versuchte, tapfer zu sein und die Hoffnung nicht aufzugeben, hatte sie der erneute Misserfolg ihrer letzten künstlichen Befruchtung doch sehr mitgenommen. Was Stefania jetzt auf keinen Fall brauchte, war die Nachricht, dass ihr geliebter Ehemann sie mit einer anderen Frau betrog.

Luca würde alles dafür tun, dass sie es nie erfuhr. Schließlich war es in erster Linie seine Schuld, dass sie sich in dieser misslichen Lage befand. Wenn er nur …

Grimmig schob er den quälenden Gedanken von sich. Die zermürbende Frage, was gewesen wäre, wenn, hatte er sich so oft gestellt, dass es für den Rest seines Lebens reichte. Die endlose Grübelei, wie er den folgenschweren Unfall hätte verhindern können, hatte ihn schon einmal beinahe in den Wahnsinn getrieben.

Doch das lag hinter ihm. Was ihn jetzt interessierte, waren die Gegenwart und die Zukunft. Gegen Stefanias Unfruchtbarkeit konnte er nichts ausrichten, ganz sicher aber gegen diese Mona Marshall.

„Ich könnte behaupten, Sie seien inkompetent, aber das werde ich nicht tun“, erklärte er schroff.

„Recht so“, erwiderte sie erbost, „denn damit lägen Sie völlig falsch. Ich bin gut in meinem Job. Sehr gut sogar. Das wird Dawn Ihnen ja wohl gesagt haben.“

„Hat sie“, bestätigte er. „Falls das ein Trost für Sie ist.“

Tatsächlich war Luca überrascht gewesen, wie vehement Dawn sich für ihre Mitarbeiterin eingesetzt hatte. Als er die Agenturchefin anrief, hatte er sein Anliegen zunächst als Bitte formuliert. Prompt hatte Dawn eine endlos lange Liste von Monas Qualifikationen und Vorzügen heruntergerattert. Daraufhin sah er sich gezwungen, seine Bitte in einen Befehl umzuwandeln, dem sich Dawn immer noch hartnäckig widersetzt hatte.

Mona war eine mustergültige Angestellte. Eine großartige Teamarbeiterin. Noch dazu innovativ und kreativ … Luca hatte die Lobeshymne stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen und sich im Stillen gefragt, ob sie beide von derselben Person sprachen.

Die tugendhafte Lichtgestalt, die Dawn beschrieb, klang nicht nach einer Frau, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann einging. Andererseits sprach die Tatsache, dass Mona Marshall gut in ihrem Job war, nicht zwangsläufig dagegen, dass sie überaus fragwürdige Moralvorstellungen besaß.

„Nein, es ist kein Trost, und das wissen Sie ganz genau!“, fauchte Mona ihn an. „Also, warum haben Sie mich feuern lassen? Aber passen Sie auf, was Sie sagen. Mein Anwalt ist schneller hier, als Sie bis drei zählen können.“

Luca konnte nicht umhin, ihren Mut zu bewundern. Gleichzeitig erfüllte ihn ihre konstante Weigerung, die Wahrheit zu sagen, mit kalter Feindseligkeit.

Er brachte sein Gesicht so nah an ihres heran, dass sie in ihrem Sessel zurückwich. „Ist Ihre Beziehung zu Joseph Langdon nicht Grund genug?“, fragte er sanft.

Monas Welt stand kopf. Alles verschwamm vor ihren Augen. Im selben Moment, als sie das Büro betrat und sich Luca da Silva gegenüber sah, hatte sie gewusst, dass etwas nicht stimmte. Aber das hatte sie nicht ahnen können.

Er wusste es. Woher auch immer, Luca da Silva wusste Bescheid.

Eine Welle von Panik ergriff sie. Sie bekam keine Luft mehr. Ein stählernes Band schien ihre Brust zu umschließen. Ihre Handflächen wurden feucht. Ihr Herz raste.

Sie zwang sich, ruhig durchzuatmen. Einmal, zweimal … Sie schloss die Augen. Öffnete sie wieder. Und sah die straffen, muskulösen Oberschenkel dieses Mannes vor sich. Ihr Puls beschleunigte sich. Hitze breitete sich in ihr aus. Sie schluckte trocken und sah weg.

Wie hatte das passieren können? Sie hatten sich so sorgfältig bemüht, ihre Beziehung zueinander geheim zu halten. Hatten sich nur an abgelegenen Orten oder in der Privatsphäre ihres Apartments getroffen. Oder hier, in diesem Büro. Manchmal, weil sie tatsächlich etwas Geschäftliches zu besprechen hatten, manchmal auch nur, weil sie einander sehen wollten.

Doch wie es schien, waren sie nicht vorsichtig genug gewesen.

Ihr Magen verkrampfte sich. Sie ballte die Hände zu Fäusten und reckte das Kinn vor. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Er kam so dicht an sie heran, dass sein warmer Atem ihr Gesicht streifte. „Von Ihrer Beziehung zu Joseph Langdon“, sagte er erneut, und sein Tonfall war weitaus schärfer. Sein leichter italienischer Akzent trat nun deutlicher hervor.

„Was ist damit?“ Sie nahm den feinherben Duft seines Shampoos wahr und spürte die Wärme, die von ihm ausging. Ihre Muskeln spannten sich an. Unwillkürlich presste sie die Knie zusammen. „Wir haben geschäftlich miteinander zu tun.“

Er warf den Kopf zurück. „Nicht nur geschäftlich!“

„Sagt wer?“

„Sage ich.“

Monas Blick glitt von seinem zornigen Gesicht zu seinem kräftigen Hals und der breiten Brust. Was genau weiß er? fragte sie sich, fasziniert von den Muskeln, die sich unter seinem Hemd abzeichneten, als Luca da Silva die Hände zu Fäusten ballte.

Genug, sagte sie sich, um mich durch halb London hierher schleifen zu lassen. Es hatte also keinen Sinn, sich komplett ahnungslos zu stellen. „Wir sind darüber hinaus auch befreundet. Ist das etwa verboten?“

Sie musste kein Genie sein, um zu erraten, dass das, was er nun auf Italienisch hervorstieß, kein Kompliment war.

„Wir sind wirklich nur Freunde“, betonte sie.

„Ach, tatsächlich?“ Er ging auf Abstand zu ihr, so, als wäre die Luft um sie herum kontaminiert. „Das glaube ich nicht.“

Du meine Güte, ist der Mann arrogant! Genau darüber hatte Joseph sich schon unzählige Male bei ihr beklagt. Nicht genug, dass Luca sich ständig in die Leitung der Da Silva Schokoladenfabrik einmischte. Nein, er machte auch vor Josephs Ehe nicht halt, was dieser völlig inakzeptabel fand. Überfürsorglich war gar kein Ausdruck dafür, wie Luca seinen Schwager mit guten Ratschlägen eindeckte und argwöhnisch über das Wohlergehen seiner Schwester wachte. Joseph hatte gar keine Chance, der Ehemann zu sein, der er gern gewesen wäre.

Nun, Mona würde nicht tatenlos zusehen, wie Luca in ihr Leben eingriff. Sie warf den Kopf so heftig in den Nacken, dass ihre schwarzen Haare flogen. „Glauben Sie doch, was Sie wollen! Es interessiert mich nicht. Ohne triftigen Grund können Sie mich nicht feuern lassen.“

Er verharrte in völliger Reglosigkeit. Es war faszinierend mit anzusehen. Wie ein Löwe, der auf Beute lauert. Sein eisiger Blick ließ Mona erschauern.

„So, meinen Sie?“ Plötzlich ging er wieder um den Schreibtisch herum und setzte sich.

Mona atmete auf. Seine Nähe hatte sie in mehr als einer Weise beunruhigt. Ob es ihr nun gefiel oder nicht, Luca da Silva übte eine gewisse … Wirkung auf sie aus. Als Mann.

Der Gedanke erschreckte sie. Luca da Silva war der Letzte, der solche Regungen in ihr hätte hervorrufen sollen. Aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Er war gefährlich attraktiv. Sein Haar war so schwarz wie ihr eigenes, seine Augen so dunkel wie ihre. Sein durchtrainierter Körper ein Zusammenspiel von straffen Muskeln und goldbrauner Haut.

Doch das allein war es nicht. Sie wusste, dass manche Menschen so viel Charisma besaßen, dass sie andere unweigerlich in ihren Bann zogen, aber ihr war noch nie so jemand begegnet. Bis heute, denn Luca da Silva besaß dieses gewisse Etwas.

Lächelnd lehnte er sich in seinem Sessel zurück. Es war das Lächeln eines Hais, der kurz davor stand, einen kleinen Fisch zu verschlucken. „Sie müssen mir versprechen, sich nicht mehr mit Joseph zu treffen.“

Ihr Herz zog sich zusammen. Der Verlust ihrer Arbeitsstelle war vergessen, zumindest vorübergehend. Auch die Sorge, wie sie ohne Einkommen ihr Studiendarlehen und die Hypothek zurückzahlen sollte. Über all das würde sie später nachdenken. Joseph war wichtiger.

Er war alles, was sie an Familie besaß. Der einzige Mensch, der sich wirklich etwas aus ihr machte. Ihre eigene Mutter hatte ihre Existenz als Belastung empfunden. Sheila Marshall hatte keine Gelegenheit ausgelassen, Mona spüren zu lassen, dass sie ihre Tochter für ihr gescheitertes Leben verantwortlich machte.

Ganz anders Joseph. Er hatte sie mit offenen Armen willkommen geheißen. Seine überschwängliche Freude hatte Mona zu Tränen gerührt. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich gewollt gefühlt. Wirklich gewollt.

Und nun verlangte Luca, dass sie das alles aufgab? Eine eiskalte Hand schien nach ihrem Herzen zu greifen. Sie wollte Joseph nicht verlieren. Nicht ihn und nicht das Gefühl der Zugehörigkeit, das sie verspürte, seit sie ihn gefunden hatte.

Doch das konnte sie Luca nicht erklären. Weil sie Joseph versprochen hatte, niemandem zu verraten, wie sie in Wahrheit zueinander standen.

Was sollte sie denn nun tun? Luca sagen, er solle zur Hölle fahren? Es lag ihr schon auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Feindseligkeit konnte die Lage nur verschlimmern – falls das überhaupt noch möglich war.

Die andere Alternative war, ihn anzulügen. Gern tat sie es nicht. Lügen und Geheimnisse hatten die fatale Tendenz, auf einen zurückzufallen, wenn man es am wenigsten erwartete. Aber hatte sie eine Wahl?

Sie atmete tief durch und lächelte matt. „Gut, ich verspreche es.“

„Lügnerin.“

Das Blut stieg ihr in die Wangen. Ihr Lächeln erlosch. „Ich …“, begann sie, doch er brachte sie mit einer unwilligen Handbewegung zum Schweigen.

„Bemühen Sie sich nicht.“ Grimmig musterte er sie, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt. „Ich hatte gehofft, der Verlust Ihrer Arbeitsstelle würde Ihnen ausreichend verständlich machen, dass ich es ernst meine. Aber Sie brauchen wohl einen zusätzlichen Anreiz, um die Finger von Joseph zu lassen.“

Mona lief es kalt den Rücken herunter. Wie konnte er eine scheinbar harmlose Bemerkung nur so bedrohlich klingen lassen?

Er zog etwas aus einer Schublade hervor und knallte es auf den Schreibtisch.

„Was ist das?“, fragte Mona heiser.

„Sehen Sie doch nach.“

Sie beugte sich vor, streckte den Arm aus und griff mit spitzen Fingern nach dem Stück Papier, als hätte sie Angst, gebissen zu werden. Es handelte sich um einen Scheck, ausgestellt auf ihren Namen und über die Summe von fünfzigtausend Pfund.

Ihre Hände begannen zu zittern. Alles in ihr zog sich zusammen. Kreideweiß im Gesicht sprang sie auf und schleuderte den Scheck nach Luca. „So eine Unverschämtheit!“

Blitzschnell fing er das Stück Papier in der Luft ab. „Nicht genug?“, fragte er.

Die Beleidigung verschlug ihr den Atem. Wütend stemmte sie die Hände auf die Tischplatte und funkelte ihn an. „Glauben Sie etwa, mit Bestechungsgeld könnten Sie mich von Joseph fernhalten?“

„Ja.“

Sie schüttelte den Kopf. „Da täuschen Sie sich. Freundschaft hat für mich keinen Preis und kein Verfallsdatum.“

Er zuckte die Schultern. „Es ist viel Geld.“

Es war viel Geld. Geld, das sie gut gebrauchen konnte, erst recht jetzt, da sie arbeitslos war. Die vier Jahre an der Universität von Oxford waren teuer gewesen. Obwohl sie nebenher gearbeitet hatte, zunächst als Kellnerin, dann als Marketingassistentin, hatte sie nicht alle Kosten decken können. Sie war gezwungen gewesen, ein Darlehen aufzunehmen, um ihr Studium beenden zu können.

Mit fünfzigtausend Pfund könnte sie die gesamte Restschuld begleichen. Auch die Hypothekenraten und ihr Lebensunterhalt wären für die nächsten Monate gesichert. Aber sie dachte gar nicht daran, das Geld anzunehmen. Der Preis war zu hoch. Viel zu hoch. Joseph und ihr Selbstwertgefühl waren ihr wichtiger als alles Geld der Welt.

„Egal, wie viel es ist … ich will es nicht!“, erklärte sie zornig.

Luca wirkte einen Moment lang irritiert. Dann stand er auf und imitierte ihre Haltung, indem er sich ebenfalls auf den Schreibtisch stützte.

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