Logo weiterlesen.de
Verzaubert auf den ersten Blick

Margaret Moore

Ihre erste Geschichte verfasste Margaret Moore mit acht Jahren. Doch erst nachdem sie sich in den verschiedensten Berufen – u. a. als Synchronschwimmerin und Bogenschützin – versucht hatte, fand sie im Schreiben ihre wahre Berufung. Inzwischen hat sie für ihre Romane zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Toronto.

1. KAPITEL

Grafschaft Wiltshire, 1204

„Augen auf und aufgepasst, Bert!“, befahl der stämmige Fußsoldat seinem jüngeren Waffenbruder am Tor von Ludgershall Castle. „Sieht mir verdächtig aus, der Bursche da vorn!“

Bert, mager und mit Pickeln im noch jugendlichen Gesicht, wandte den Blick von dem näherkommenden Reiter ab und sah Godwin verdutzt an. „Der hat doch niemanden bei sich. Der kann doch unmöglich vorhaben, die Burg im Alleingang zu stürmen! Da müsste er ja von Sinnen sein! Wo es bei uns doch von Soldaten nur so wimmelt, jetzt, wo der König zu Gast ist!“

„Wäre nicht das erste Mal, dass Dummköpfe und Verrückte Ärger machen“, bemerkte Godwin. „Und der Ritter da, der sieht mir ganz so aus, als könnte er gut und gern ein Dutzend Gegner erledigen, bevor er selbst dran glauben muss.“

„Woher willst du wissen, dass das ein Ritter ist?“, fragte Bert. „Wo sind denn seine Leute? Wo ist sein Knappe? Er hat weder Packpferd noch Knecht dabei. Wahrscheinlich ist das auch nur einer von diesen Legionären, die der König gedungen hat.“

Verächtlich spuckte Bert aus. Wie die meisten Soldaten, die sich durch Land und Loyalität an den Lehnsherrn banden, waren ihm Söldner ein Gräuel, und jene im Dienste von König John zählten zur allerschlimmsten Sorte.

Godwin schüttelte den Kopf. „Der nicht. Achte mal auf seine Haltung. Der Gaul macht zwar nicht viel her, aber so reitet nur ein bei Hofe ausgebildeter Ritter. Sitzt so entspannt im Sattel wie eine feine Dame an ihrer Stickerei. Außerdem trägt er einen Hauberk, oder? Ein Schwert hat er ebenfalls, und wenn ich mich nicht sehr irre, baumelt da auch noch ein Morgenstern am Sattel.“

„Ach, solche Streitkolben haben viele“, wandte Bert ein. „Und aufrecht im Sattel sitzt auch fast jeder. Außerdem … den Zossen da, den kann man zwar vor einen Bauernkarren spannen, aber der ist doch kein Reittier für einen Ritter! Der Waffenrock hat gleichfalls schon bessere Tage gesehen. Und guck dir mal die Haartracht an. Welcher Ritter trägt sein Haar schulterlang? Sieht mir eher wie ein Wikinger aus, der Vogel, oder wie einer von diesen Schotten oben aus dem Norden.“

„Verlass dich drauf, wenn das kein Ritter ist, bin ich ’ne Nonne.“ „Na, und wenn schon“, winkte Bert ab. „Was soll’s? Ritter gehen bei uns doch ein und aus.“

„Aber keine wie der da!“ Godwin trat aus dem Schatten des mächtigen Vorwerks und rief dem Neuankömmling sein „Halt, wer da?“ zu.

Gehorsam zügelte der Fremde seine klapprige Mähre, sodass der Wachposten ihn genauer in Augenschein nehmen konnte. Er hatte strenge, kantige Züge, volle, zu einem grimmigen Strich zusammengekniffene Lippen. Nein, das war kein gewöhnlicher Mann, ob nun Söldner, Ritter oder Lord.

„Wen haben wir da? Godwin, was?“, fragte der Fremde mit tiefer, kehliger Stimme.

Der Posten, verwirrt ob dieser vertraulichen Anrede, stutzte einen Augenblick und hielt dann, als er das hagere Gesicht erkannte, den Atem an. Unverzüglich ließ er den Spieß sinken und verfiel in ein breites Grinsen, in das sogar die Narbe am Kinn mit einbezogen war.

„Verzeiht, Mylord!“, rief er in einer Mischung aus Freude und Erleichterung. „Das ist ja eine Überraschung – aber eine schöne, wohlgemerkt! Was war ich froh, als ich hörte, dass Ihr doch nicht tot seid!“

„Und ich meinerseits freue mich des Lebens“, erwiderte Lord Armand de Boisbaston, während er sich aus dem Sattel schwang. „Was ist denn nun? Darf man passieren oder nicht?“, fragte er mit einem Blick auf den zweiten Posten, der seinen Spieß nach wie vor im Anschlag hielt.

Godwin bedeutete seinem Kameraden, die Waffe hochzunehmen. „Das hier ist Lord Armand de Boisbaston, ein guter Freund des Earls. Zuletzt war er hier vor … Wie lange ist das her, Mylord? Drei Jahre?“

Der Ritter nickte, woraufhin Bert tat, wie geheißen. „Bitte um Nachsicht, Mylord. Das war vor meiner Zeit.“

„Keine Ursache“, entgegnete der Neuankömmling. „Völlig in Ordnung, mir den Zutritt zur Burg zu verwehren, solange nicht feststeht, ob ich Freund oder Feind bin. Zumal doch unser innig geliebter Landesherr in den Mauern weilt.“

Godwin zog unmerklich die Brauen zusammen. Innig geliebter Landesherr? So die Gerüchte stimmten – und Godwin sah keinen Grund, dies zu bezweifeln –, hatte Lord Armand de Boisbaston keinen Anlass, den König zu mögen, im Gegenteil. Er hatte jeden Grund, ihn abgrundtief zu hassen.

„Wie gelange ich zu den Stallungen?“, wollte der Edelmann wissen. „Drinnen immer an der Westmauer entlang“, antwortete Godwin. „Bert holt Euch schnell …“

„Nicht nötig“, beschied Lord Armand, die Hand am Zügel. „Ich kümmere mich lieber selber um mein Pferd. Der Letzte, der versucht hat, den Gaul zu striegeln, fing sich einen ordentlichen Tritt ein.“

„Folgen Euer Knappe und Eure Diener noch mit dem Gepäck, Mylord?“, erkundigte sich Bert. „Das müssten wir für den Fall wissen, dass sie nicht vor dem Wachwechsel eintreffen.“

„Mein Knappe ist tot, und mein gesamter Besitz befindet sich in dem Beutel, der am Sattel hängt.“

Das verschlug den beiden Posten die Sprache, weshalb sie wohlweislich den Mund hielten.

„Ist der Earl daheim oder auf Jagd?“, wollte der Edelmann wissen.

„Er weilt in Wales, Mylord“, meldete Godwin. „Im Auftrag des Königs. Allerdings erwarten wir nicht, dass er lange fortbleibt.“

„Und Randall FitzOsbourne?“

„Oh, der ist hier, und ein trefflicher junger Herr ist er, wahrlich, das muss man ihm lassen. Nicht so wie manche von den Höflingen, die mit dem König angereist sind.“

„Hab Dank“, erwiderte Lord Armand. „Dass der Earl nicht da ist, trifft sich zwar unglücklich, doch zufälligerweise habe auch ich eine Angelegenheit mit dem König zu regeln.“ Das Pferd am Zügel, schritt er auf den Wachturm zu. „Schön, dich wiederzusehen, Godwin.“

„Ganz meinerseits, Mylord“, erwiderte der Angesprochene und sah zu, wie Lord Armand de Boisbaston, einst reich und mächtig, doch nunmehr keines von beidem mehr, hinter dem wuchtigen hölzernen Fallgatter verschwand, als sei er ein Gespenst und gerade von den Toten auferstanden.

Schnell schlüpfte Lady Adelaide d’Averette in den dämmrigen Pferdestall. Tief atmete sie die nach Heu und Pferden duftende Luft ein und lauschte kurz auf etwaige Stimmen. Doch sie hörte nur das mahlende Kauen der Tiere, die friedlich in ihrenVerschlägen ihr Heu futterten.

Welche Wohltat!, fuhr es ihr durch den Kopf, als sie das Stalltor hinter sich schloss.

Von dem, was man ihr schon den ganzen Morgen als angeblich geistreich zumutete, hatte sie mittlerweile die Nase voll. Ganz besonders von den nichts sagenden Schmeicheleien der königlichen Höflinge. Entweder hielten diese Schwachköpfe sie für unsäglich dumm oder für eitel bis dorthinaus. Diese Schöntuer irrten sich gewaltig, wenn sie glaubten, Adelaide nehme ihr Gefasel ernst und merke nicht, dass man sie damit lediglich ins Bett bekommen wollte.

Und was die Hofdamen anging, so hatte Adelaide auch deren abfällige Blicke, die spitzen Bemerkungen und all das Getuschel satt. Sie konnte nichts für ihre Schönheit. Und jene durchtriebenen Frauenzimmer wahrscheinlich nichts für ihre Ränkespiele, mit denen sie sich mächtige, reiche Liebhaber oder Gatten zu angeln versuchten.

Trotz dieser schnöden Behandlung nahm sie den Damen die Machenschaften und Spielchen nicht übel. In einer von Männern beherrschten Welt waren es nun einmal die Herren der Schöpfung, die darüber bestimmten, ob ihren Gemahlinnen ein glückliches oder unglückliches Dasein beschieden war, ein Leben in Wohlstand oder Armut.

Was allerdings – Gott bewahre! – nicht für Adelaide und ihre Schwestern galt. Wenn es nach ihnen ging, würde nie ein Mann eine derartige Macht über sie haben.

Im Geiste vernahm sie erneut das ungehobelte Lallen ihres betrunkenen Vaters, als stünde er direkt neben ihr. „Wenn’s eben geht, verheirate ich euch alle an die, die mir das Meiste für euch bieten. Und wenn einer nicht die Katze im Sack kaufen möchte und vor einem Angebot prüfen will, was er sich einhandelt, ziehe ich euch höchstpersönlich nackt aus.“

Adelaide verdrängte die schrecklichen Erinnerungen und ließ sich in einem leeren Pferdeverschlag auf ein sauberes Strohbund sinken. Dort nahm sie die reich bestickte Mütze sowie Schleier und Kinnbinde ab, zog sich die Nadeln aus dem Haar und schüttelte es, bis es locker herabfiel.

In diesem Moment drang vom anderen Ende des Bohlenvierecks ein leises Miauen an ihr Ohr. Als sie hinsah, entdeckte sie eine Katzenmutter, die es sich anscheinend auf einer alten Pferdedecke bequem gemacht hatte und dort ihre Kätzchen säugte – den gesamten Wurf bis auf eins. Offenbar weniger hungrig als seine Geschwister und stattdessen eher auf Abenteuer aus, tapste das Kleine auf Adelaide zu.

Ein niedliches kleines Ding war es, überwiegend weiß, doch mit schwarzem Rücken, als trage es einen Mantel. Auch auf der Nase befand sich ein schwarzer Fleck, ebenso wie direkt unter dem Mäulchen, sodass es wie eine Art Bart aussah.

Um die Mutter nicht unnötig aufzuscheuchen, blieb Adelaide einfach sitzen und begnügte sich damit, dem Kätzchen bei seinem Ausflug zuzuschauen. Augenscheinlich ohne jede Scheu kam es auf Adelaide zu, die allerdings gleich begriff, dass das Tier es auf den in ihrem Schoß liegenden Schleier abgesehen hatte. Sie setzte ihre Mütze auf und wollte gerade den Schleier hinter dem Rücken verstecken, da machte das Kätzchen einen Satz und landete in ihrem Schoß. Lachend, doch darauf bedacht, dass der Seidenstoff keinen Schaden nahm, schob Adelaide Schleier und Kinnbinde hinter sich und streichelte das Kätzchen.

Ein zweites Junges – überwiegend schwarz und mit weißer Brust und weißen Pfötchen – sprang auf sie zu. Das weiße Kätzchen fing an zu zappeln, um sich aus Adelaides Schoß zu befreien. In diesem Moment ging knarrend die riesige Stalltür auf, und das unmissverständliche Hufklappern eines draußen über den gepflasterten Burghof geführten Pferdes durchbrach die Stille.

Da sie nicht wusste, wer da eintrat, und aus Furcht, es könne womöglich Sir Francis de Farnby oder ein anderer Hofherr sein, hielt Adelaide es für klüger, sich davonzumachen.

Ehe sie sich jedoch rühren konnte, hüpfte ihr das weiße Katzenjunge wie einVogel auf die Schulter. Daraufhin sprang ihr das schwarze, das seinem Geschwisterchen anscheinend auf Schritt und Tritt folgte, auf den Schoß. Miauend wagte das weiße sich weiter in ihren Nacken vor und bohrte Adelaide dabei die nadelspitzen kleinen Klauen so schmerzhaft in die Haut unter der Nackenbeuge, dass Adelaide den Atem anhalten musste, um nicht aufzuschreien. Das schwarze Junge verzog sich derweil zurück zu seiner Mutter.

Mit gebeugtem Kopf versuchte Adelaide unter Drehen und Winden, das Tierchen zu packen, doch ohne Erfolg. Dabei fiel ihr die Mütze zu Boden, während das Kätzchen sich noch fester an ihren Nacken klammerte und dabei mit seinen Krallen sogar das scharlachrote Damastgewand durchbohrte.

„Darf ich Euch meine Hilfe anbieten?“

Adelaide erstarrte.

Ein Pferdeknecht war das mitnichten, erst recht kein Stalljunge. Der gebildeten Sprache nach musste es sich um einen Edelmann handeln, auch wenn ihr die tiefe, kehlige Stimme nicht bekannt vorkam.

Sie versuchte, den Kopf zu heben, worauf das Kätzchen sich nur noch fester anklammerte. „Autsch!“

„Ihr gestattet, Mylady …“

Ein Paar ramponierte, abgetragene und schmutzverkrustete Stiefel erschienen in ihrem Blickfeld. Das Gewicht des Kätzchens verschwand zum Glück von Adelaides Nacken, allerdings nicht der Schmerz von den kleinen Krallen, die sich in ihre Haut gebohrt hatten.

„Seid bitte vorsichtig“, bat sie, den Kopf immer noch geneigt. „Sonst zerreißt mir das kleine Biest noch das Gewand!“

„Das geht natürlich nicht“, betonte ihr Retter in vertraulichem und liebenswürdigem Ton. Adelaide wurde schlagartig rot, als sei sie bei einem von jenen heimlichen Treffen erwischt worden, denen sie immer so geflissentlich auswich.

Sie hob den Blick in der Hoffnung, den vor ihr Stehenden etwas genauer in Augenschein nehmen zu können. Sein grauer wollener Waffenrock war ebenfalls voller Schlammspritzer, und im Saum befand sich ein fingergroßes Loch.

„Na, komm schon, mein Kleines“, murmelte der Mann, während er behutsam die Krallen aus dem Stoff befreite.

Adelaide bemühte sich zwar, die Nähe des Mannes zu ignorieren, doch seine tiefe Stimme und sein warmer Atem an ihrem Nacken sandten ihr einen Schauer über den Rücken – allerdings keinen des Grauens. Ihr schauderte vielmehr vor etwas ganz anderem. Vor etwasVerbotenem, Gefährlichem.

„So, nun seid Ihr frei“, brummte er, indem er ihr das Kätzchen abnahm und ihr dabei wie mit einer zärtlichen Liebkosung das Haar aus der Nackenbeuge strich. „Hat es Euch gekratzt?“

Gott steh mir bei! Noch nie hatte ein Mann sie so berührt. Eigentlich durfte auch keiner sie so anfassen, und gefallen durfte es ihr schon gar nicht!

„Blut ist keines zu sehen“, bemerkte er. „Vielleicht unter dem Stoff …“

„Ihr schaut auf keinen Fall unter mein Kleid!“ Hastig sprang Adelaide auf, schnappte sich Schleier und Barbette, drehte sich um und stand vor …

… dem schönsten Mann, den sie je gesehen hatte.

Langes, kastanienbraunes Haar umrahmte sein ebenmäßiges Gesicht mit den markanten Wangenknochen und einem kräftigen, kantigen Kinn. Dunkle Brauen wölbten sich über braunen Augen mit sonderbar goldenen Pünktchen darin, als seien es winzige Sonnenflecken. Er verzog die vollen Lippen zu einem amüsierten, doch liebenswürdigen Lächeln, das Adelaides Herz so heftig klopfen ließ, als sei sie gerade meilenweit gerannt. In seine Armbeuge gekuschelt, ruhte das schwarzweiße Kätzchen. Die Augen halb geschlossen, schnurrte es behaglich, während der Fremde ihm den prallen kleinen Bauch tätschelte.

Noch nie hatte Adelaide eine Katze dermaßen beneidet.

„Seid versichert, Mylady, mein Vorschlag war keineswegs unziemlich gemeint“, beteuerte der Mann mit einem leicht belustigten Unterton in der rauen Stimme. „Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass Eure Zofe Euch am besten noch auf etwaige Krallenspuren untersucht. Kratzer von einer Katze sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Adelaide, die schlagartig bemerkte, dass sie den Unbekannten wie ein vernarrtes Dummchen angaffte, klappte den Mund zu. Vor ihr stand schließlich nur ein Mann, nicht irgendein übernatürliches Wesen. „Habt Dank, Sir“, bemerkte sie hoheitsvoll. „Ich bin sicher, dass ich lediglich geringfügige Verletzungen davongetragen habe, wenn überhaupt.“

Sein Lächeln erlosch, und seine funkelnden braunen Augen verdunkelten sich.

Genau so war es recht. Sie war ja schließlich nicht an den Königshof gereist, um nach einem Bräutigam Ausschau zu halten. Sie war vielmehr bei Hofe, um alles zu unternehmen, damit sie nicht heiraten musste.

Hinter ihr ertönte ein Fauchen. Die Kätzchen waren inzwischen alle gesäugt, und die Katzenmutter hielt es nun offensichtlich für geboten, sich mitsamt ihrem Nachwuchs davonzumachen.

Das weiße Kätzchen hüpfte dem Mann vom Arm und gesellte sich wieder zu seinen Geschwistern. Der gut aussehende, sprachgewandte und daher gewiss adelige Unbekannte bedachte Adelaide mit einem betrübten Lächeln. „Ach, man hat mich schnöde verlassen!“

Adelaide verkniff sich ein Lächeln, denn das hätte er womöglich als Ermunterung aufgefasst. Sie wandte vielmehr den Blick ab – und sah auf dem Handrücken des Fremden einen langen Kratzer. „Ihr blutet ja!“

„Verflixtes Teufelchen!“, knurrte der Mann und begutachtete seine Hand, wobei er sein Handgelenk entblößte. Adelaide bemerkte, dass seine Haut fleckig und rot war, als sei sie vor Kurzem erst wundgescheuert worden. Ganz so, als habe er wochenlang in Fesseln gelegen.

Erschrocken hob sie den Blick und stellte fest, dass der Fremde sie unverwandt ansah, allerdings mit einem Ausdruck, der keine Gefühlsregung verriet. Obwohl inzwischen neugierig geworden, beschloss sie, am besten gar nichts zu sagen und sich bloß um die Schramme zu kümmern, da er ihr seinerseits ja ebenfalls geholfen hatte.

Eilig verließ sie den Stall, tauchte eine Ecke ihres Schleiers in den nächstbesten Wassertrog und kehrte wieder zurück, um den Kratzer zu säubern.

Doch sowohl der Edelmann als auch die Katzenmutter samt ihrem Wurf waren verschwunden.

Überrascht stand Adelaide da. Wohin war er wohl gegangen? Ob sie ihn suchen sollte? Da hörte sie die nur zu vertraute Stimme von Francis de Farnby. Es wäre nicht gut gewesen, wenn man sie hier in männlicher Begleitung ertappt hätte. Erst recht nicht mit einem so anziehenden Mannsbild wie diesem blaublütigen Unbekannten. Man konnte sich unschwer ausmalen, was der Hofklatsch daraus gemacht hätte.

2. KAPITEL

„Armand! Da bist du ja endlich! Allmählich dachte ich schon, du hättest dich verlaufen!“

Hocherfreut, die Stimme seines engsten Freundes zu hören, ließ Armand den Striegel sinken und sah lächelnd Randall FitzOsbourne entgegen, der in den Pferdestall gehumpelt kam.

Wie üblich trug Randall eine bodenlange, dunkle Tunika und um die schlanke Taille einen schlichten Ledergürtel. Sein Haar vom Farbton frisch gesägter Eiche hatte die derzeit beliebte normannische Fasson, wobei ihm derWirbel auf der linken Seite ein verwegenes Aussehen verlieh, das so gar nicht zu seiner ansonsten sanftmütigen Erscheinung passen wollte.

„Ist das etwa dein Pferd?“, fragte Randall, wobei er den Blick über das nervöse Tier gleiten ließ, das beim Klang seiner Stimme verschreckt scheute.

„Ein besseres konnte ich mir nicht leisten“, erwiderte Armand, wobei er den Lumpen, den er gerade benutzt hatte, in einen seitlich stehenden Eimer segeln ließ. „Verzeih, dass ich dir Anlass zur Sorge gab. Der Gaul ist nicht der schnellste, und außerdem musste ich länger als geplant bei meinem Onkel bleiben.“

„Mit Erfolg?“ Randall hob fragend die Brauen.

Während er mit der Linken das schnaubende und stampfende Pferd tätschelte, langte Armand mit der Rechten in seine Tunika und warf seinem Freund eine kleine Lederbörse zu. Die Münzen darin klirrten, als Randall den Beutel auffing. Randall bewegte sich außerordentlich geschickt und wäre vermutlich ein hervorragender Ritter geworden, hätte ihm sein missgebildeter Fuß dies nicht verwehrt.

„Wie viel?“, fragte er nun, löste die Verschlusskordel und spähte in den Beutel.

„Zehn Pfund.“

Randall war nicht weniger enttäuscht als Armand. „Mehr nicht?“

„Mein Vater und mein Onkel waren sich eben nicht besonders grün“, erklärte Armand seinem Freund und zuckte dabei die breiten Schultern. „Ich kann noch von Glück sagen, dass er nicht die Hunde auf mich gehetzt hat.“

Seufzend lehnte Randall sich rücklings gegen die Stallwand. „So schlimm?“

„Allerdings.“

Armand sah keinen Anlass, sich genauer über den unerfreulichen Besuch bei seinem Onkel auszulassen. Er hatte ihn um einen Beitrag für ein Lösegeld bitten wollen, mit dem sein Halbbruder Bayard freigekauft werden sollte. Die üblen Dinge, die man seinem niederträchtigen, wollüstigen und glücklicherweise toten Vater völlig zu Recht nachsagte, mochte er vor Randall lieber nicht wiederholen, ebenso wenig wie den kalt geäußerten Hinweis seines Onkels, er habe ja schon zu Armands Freikauf beigetragen; da sei für Bayard nicht mehr viel übrig.

„Und wie viel hast du jetzt zusammen?“

„Zweihundertvierundachtzig Pfund.“

„Also brauchst du noch zweihundertsechzehn“, bemerkte Randall voller Bedauern. „Ich bin überzeugt, der Earl würde dir den Betrag ohne Weiteres borgen, nur ist er leider nicht da. Sein Kastellan hingegen, wenngleich an sich ein feiner Kerl, gibt dir ohne die Erlaubnis des Earls wahrscheinlich nicht einen roten Heller.“

„Wann wird der Earl denn zurückerwartet?“

„In zwei Wochen etwa.“

Armand stieß einen unterdrückten Fluch aus.

„Wenn du mich noch mal mit meinem Vater sprechen ließest …“

„Ausgeschlossen. Auch wenn ich Bayard noch so dringend freikaufen möchte – eine solche Demütigung werde ich dir kein zweites Mal zumuten.“

Sein ganzes Leben lang würde Armand nicht vergessen, wie furchtbar Lord Dennacourt, Randalls Vater, mit seinem einzigen Kind umgesprungen war. Damals hatte Armand in dem Bemühen, Bayard zu retten, zusammen mit seinem Freund den reichen Edelmann aufgesucht, um diesen um das Lösegeld oder zumindest eine Teilsumme zu bitten. Ging man nach Lord Dennacourts Verhalten, hätte man glatt meinen können, Armand wolle ihm ans Leder oder Randall habe sich absichtlich selbst verstümmelt, um dem Vater bei dessen Plänen ins Handwerk zu pfuschen.

Armand klopfte dem Freund kameradschaftlich auf die Schulter, nahm ihm die Lederbörse wieder ab und geleitete ihn aus dem Pferdeverschlag. „Ich habe mir etwas anderes überlegt, um das Geld zusammenzubekommen“, sagte er dabei mit einer Heiterkeit in der Stimme, die ganz und gar nicht gekünstelt wirkte. „Ich glaube, mein Freund, es ist an der Zeit, dass Armand de Boisbaston auf Brautschau geht.“

Randall starrte ihn entgeistert an. „Du willst heiraten, um an das Lösegeld zu kommen?“

„Wenn’s sein muss“, bestätigte Armand.

Er konnte Randalls Verwunderung gut nachvollziehen. Bevor er damals zu jenem verhängnisvollen Feldzug in die Normandie aufgebrochen war, hätte er sich ein solch raffgieriges Motiv für eine Eheschließung nie und nimmer zu eigen gemacht. Geldgier hatte auch seinen Vater dazu bewogen, ein zweites Mal zu heiraten, obwohl Armands Mutter kaum unter der Erde war. Jene zweite Ehe erwies sich dann als ausgesprochene Katastrophe, ein ständiges Hin und Her aus gegenseitigen Vorwürfen und Bosheiten, aus Geschimpfe und Handgreiflichkeiten. Armand hatte sich geschworen, dass es in seiner eigenen Familie einmal nur Zuneigung, Freundschaft und Frieden geben werde, ganz unabhängig von Mitgift und Ländereien, die eine Braut in die Verbindung einbringen mochte.

Nun allerdings, da Bayards Leben von ihm abhing, konnte er es sich nicht leisten, ausschließlich an seine eigenen Wünsche hinsichtlich der Wahl einer Gattin zu denken. Er musste zudem einräumen, dass der Plan inzwischen, nach dem Zusammentreffen mit jener entzückenden, schamhaften Schönen im Pferdestall, erheblich mehr nach seinem Geschmack war. Es war ihm nicht entgangen, dass sie keinen Ehering trug.

Als sie den Blick hob und ihn ansah, da hatte er gleich jene fast vergessene Spannung gefühlt. Und Erregung. Es war, als seien die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit nie geschehen – bis die Schöne seine zernarbten Handgelenke sah und er daraufhin überhastet den Rückzug antrat wie ein Hasenfuß oder ein eitler Schönling. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass unser König sich nach wie vor der Gesellschaft von verwaisten jungen Damen erfreut, die königliche Mündel sind? Oder auch von etlichen reichen, verwitweten Gutsbesitzerinnen, die er seinen Günstlingen zur Gemahlin geben kann? Oder jemandem, dem er noch einen Gefallen schuldet?“

„So ist es“, bestätigte Randall, während sie gemeinsam hinaus auf den Burghof traten.

Überall herrschte reges Treiben. Soldaten liefen auf den Wehrgängen Streife oder hielten Torwache. Diejenigen, die dienstfrei hatten, saßen und standen in der Julisonne, lachten und schimpften oder erzählten sich Geschichten. Mägde bummelten kichernd und tuschelnd zum Brunnen, wobei sie die Burgbesatzung bewusst missachteten. Auch andere, feiner gekleidete Dienstboten wuselten emsig herum und erledigten allerlei Angelegenheiten für ihre hochwohlgeborene Herrschaft.

Händler und Kaufleute trafen mit ihren Fuhrwerken ein, hoch bepackt mit Waren für Keller und Küche. Andere Kutschen, inzwischen entladen, fuhren wieder davon, wobei die Fuhrleute beim Passieren des Tores fast ebenso bildreich fluchten wie die Männer der Burgwehr.

Armand bemerkte, dass Randall ein ausgesprochen düsteres Gesicht zog. „Auch ich mache mir große Sorgen um Bayard“, betonte er und sprach etwas lauter, um den Lärm im Hof zu übertönen. „Ich hoffe, ihn durch eine Eheschließung baldigst freizubekommen.“

„Mag sein.“

Eine solch einsilbige, brüske Antwort sah Randall überhaupt nicht ähnlich. „Was hast du? Herrscht etwa Mangel an jungen, ledigen Damen oder reichen Witwen? Oder denkst du, König John wird mir keine als Gemahlin zuteilen? Das ist doch wohl das Mindeste, was man von ihm erwarten kann! Nach allem, was ich seinetwegen erdulden musste!“

Während sie sich vor der Vorratskammer durch ein Gewirr aus Körben voller Erbsen und Bohnen schlängelten, musste Armand die Ohren spitzen, um Randalls Antwort zu verstehen. „König Johann lässt sich wahrscheinlich nur ungern an seineVerluste in der Normandie erinnern.“

„Ich kann nichts dafür, dass er seine dortigen Ländereien eingebüßt hat. Dankbar für meine Dienste müsste er mir gleichwohl sein.“

Randall ließ kurz den Blick über Armand huschen. „Zugegeben, er schuldet dir eine Belohnung, und ich kann nur hoffen, dass er dir eine zukommen lässt. Bloß … na ja …“ Er hüstelte verlegen. „Hast du dir mal überlegt, ob du dir deine Haartracht stutzen lässt?“

„Nein, und du weißt auch, warum nicht“, entgegnete Armand, der sich angesichts seiner Gründe für diese Entscheidung einen feindseligen Unterton nicht verkneifen konnte.

„Und was sagst du, wenn du diesbezüglich gefragt wirst?“

„Die Wahrheit.“

Randall packte den Freund beim Arm und zog ihn hinter den nächsten Bauernkarren. „Bei Gott, Armand, soll man dich wegen Hochverrats anklagen?“, fauchte er ihn gepresst an.

Armand schüttelte den Griff ab. „Ich bin kein Verräter. Ich schwor John die Treue und halte sie auch, wenngleich ich den Tag bereue, an dem ich meine Ehre in seine Hände legte. Nur seinetwegen wäre ich um ein Haar im Kerker verreckt. Nur seinetwegen sind mein Knappe und etliche brave Männer tot, und John ist auch schuld daran, dass mein Bruder noch immer in Frankreich festsitzt.“

„Sei’s drum! Nimm dich in Acht, Armand, zumal du noch nicht ganz von deinen Verwundungen genesen bist. Stimmt doch, oder?“ Randalls Blick glitt hinunter zu Armands rechtem Knie, das einen derben Hieb mit einem Streitkolben abbekommen hatte und während der Gefangenschaft nicht richtig behandelt worden war.

„Aber fast“, knurrte Armand, obwohl das Knie die meiste Zeit höllisch schmerzte. Auch die Arme waren noch schwach, und die Stimme war ein wenig belegt von dem beständigen Husten, an dem er bereits über zwei Wochen litt. Dennoch: Inzwischen ging es ihm erheblich besser als noch bei seinem letzten Zusammentreffen mit Randall.

„Egal, ganz gesund bist du noch nicht, also musst du dich vorsehen“, beharrte Randall. „John wittert überallVerschwörungen; durchaus möglich, dass auch dein Treueschwur keinen Schutz bietet. Und dein Besitz allein reicht schon aus, um landhungrige, ehrgeizige Männer dazu zu bringen, beim König gegen dich zu sticheln. Wirst du des Hochverrats bezichtigt, was soll dann aus Bayard werden?“

Verbittert knirschte Armand mit den Zähnen. Er wusste, sein Freund hatte recht. In diesem Schlangennest konnte man nicht vorsichtig genug sein. „Ich passe schon auf.“

„Gut“, brummte Randall sichtlich erleichtert. „So, jetzt lass uns einen Happen essen. John und die Königin schlafen noch, also brauchst du ihnen noch nicht gleich deine Aufwartung zu machen.“

„Ein Glück! Sonst würde mir ja vollends der Appetit vergehen.“

„Schön, dass es dir besser geht“, sagte Adelaide zu Eloise de Venery, als die zwei später am Morgen im Burggarten auf einer Steinbank saßen.

Eloise war Adelaides einzige wahre Freundin bei Hofe – liebreizend, freundlich und hübsch, zudem herzensgut, verlässlich und glücklicherweise frei von jedem Ehrgeiz.

In der Nähe spielte ein Grüppchen Höflinge eine Partie Boule auf dem flachen Rasen, der das Zentrum des Burggartens bildete. Sinn des Spieles war es, die eigene Kugel so nahe wie möglich an eine in der Mitte befindliche kleinere Zielkugel zu werfen oder gegnerische, die noch dichter am Ziel lagen, wegzukegeln.

Außen um die Gartenanlage herum zogen sich von Blumenbeeten und süß duftenden Kräutern gesäumte Wandelgänge. Kletterrosen zierten die Mauern; Spaliere mit Rankpflanzen bildeten zahlreiche Nischen und Lauben.

Lord Richard d’Artage schickte sich an, seine Kugel zu werfen. Der eitelste Pfau am Hofe, verwendete er jeden Morgen ganze Stunden auf seine Frisur sowie seine Garderobe. Gerüchten zufolge hatte er die Schulterpartien seiner Tunika ausgepolstert und verdankte seine Haarfarbe nicht allein der Natur, sondern auch der Färbekunst.

Andere junge Edelleute schauten zu und gaben Ratschläge, ob nun willkommen oder nicht, und so mancher hatte bereits reichlich dem Wein zugesprochen. Auch etliche Hofdamen waren zugegen, darunter die ehrgeizige, scharfzüngige Lady Hildegard mit ihrem bohrenden Blick und dem spitzen Kinn.

Adelaide gab sich damit zufrieden, den anderen Höflingen bei ihren Spielchen zuzusehen, ganz gleich, ob es sich dabei um Boule, um albernes Geplänkel oder um Machtgeschacher handelte. Sie hielt sich lieber im Hintergrund, obwohl das bei ihrer Schönheit leider Gottes so gut wie unmöglich war.

Eloise warf ihr einen verlegenen Blick zu. „Im Grunde war ich heute Morgen gar nicht unpässlich. Ich wollte einfach nur mal ein Weilchen meine Ruhe vor Hildegard haben.“

„Verständlich“, meinte Adelaide. Auch bei ihr hielt sich die Sympathie für Hildegard in Grenzen.

Eloise seufzte. „Sie schafft es aber auch jedes Mal, mich aufzuregen. Ach, hätte ich doch mehr von dir, Adelaide. Du lässt dich von ihr nicht aus der Ruhe bringen.“

„Weil es mir einerlei ist, ob Hildegard mich mag oder nicht“, antwortete Adelaide wahrheitsgetreu. Für sie war allein entscheidend, was der König von ihr hielt, war er doch derjenige, der über ihr Geschick sowie über das ihrer Schwestern bestimmte.

Da Eloise weiterhin einen aufgewühlten Eindruck machte, versuchte Adelaide, sie aufzumuntern. „Randall FitzOsbourne hat dich gestern Abend beim Tanz beobachtet.“

Die Freundin hob abrupt den Kopf, senkte dann aber errötend den Blick auf den gepflasterten Gartenpfad. „Ach, das glaube ich nicht. Der hat bestimmt einer anderen zugeschaut.“

„Doch, doch, er hatte nur Augen für dich!“, beteuerte Adelaide. „Vielleicht solltest du dich heute Abend einmal mit ihm unterhalten.“

„Das geht doch nicht! Was soll ich denn sagen? Womöglich hält er mich für aufdringlich.“

„Das bezweifle ich. Du bist die Bescheidenste am Hofe. Ich bin sicher, dass er dich mag. Leider ist er ebenso schüchtern und zurückhaltend und anspruchslos wie du. Wenn du ihn vielleicht als Erste ansprechen würdest …“

„Das traue ich mich nicht. Außerdem“, so fuhr Eloise bekümmert fort, „wird er sich jetzt, da sein Freund eingetroffen ist, womöglich nicht einmal an mich erinnern.“

„Welcher Freund soll denn das sein?“, fragte Adelaide bewusst gleichmütig, obwohl sie innerlich schlagartig hellhörig geworden war. Soweit sie wusste, war nur ein einziger neuer Gast eingetroffen – der Mann, dem sie im Pferdestall begegnet war. Von weiteren war nicht die Rede gewesen.

„Lord Armand de Boisbaston“, sagte Eloise. „Du warst nicht hier, als er das letzte Mal am Hof weilte, sonst würdest du dich bestimmt an ihn erinnern. Er ist nämlich ein sehr schöner Mann.“

Das musste der Ritter sein, den sie im Stall kennengelernt hatte. „Möglich, dass ich ihn gesehen habe“, bemerkte Adelaide, die sonderbarerweise davor zurückschreckte, ihrer Freundin von der Begegnung mit dem Mann im Stall zu berichten. „Hat er langes Haar?“

„Meine Zofe Marguerite meint, es reicht fast bis zu den Schultern. Als sie mir von ihm berichtete, flatterte sie so aufgeregt herum wie eine freigelassene Brieftaube. Warte nur ab, bis sich bei den Hofdamen herumspricht, dass er wieder im Lande ist. Die werden genauso reagieren wie meine Marguerite. Allerdings ist mir ein Rätsel, wieso er sich nicht das Haar gestutzt hat. Bevor er in die Normandie aufbrach, achtete er immer auf ein gepflegtes und ordentliches Äußeres. Fandest du ihn nicht auch ansehnlich?“

„Durchaus.“

„Wundert mich sehr, dass es so lange gedauert hat und er jetzt erst wieder bei Hofe auftaucht. Er ist doch inzwischen schon seit Wochen frei.“

„Frei?“, hakte Adelaide nach, die sich an die vernarbten Handgelenke erinnerte.

Eloise senkte die Stimme zu einem Raunen. „Er befehligte früher eine von Johns Burgen in der Normandie. Die Besatzung hielt wochenlang einer Belagerung stand, aber John sandte keine Verstärkung. Schließlich kapitulierte Lord Armand, als der französische König ihm damit drohte, das Dorf niederzubrennen und sämtliche Bewohner umzubringen. Hinterher wurden Lord Armand und seine Getreuen mitsamt den Knappen eingekerkert, bis man Lösegeld für sie zahlte. Bei wem das schnell geschah, der war nach knapp zwei Wochen wieder frei, doch dieses Glück war anderen nicht beschieden. Lord Armands Freunde brauchten Monate, um die Summe aufzutreiben. Güter seiner Familie lagen ja brach, weil ein älterer Halbbruder mit Richard Löwenherz zum Kreuzzug aufgebrochen war. Der arme Kerl starb indes schon vor Erreichen des Heiligen Landes. Der jüngere Halbbruder von Lord Armand sitzt nach wie vor in französischer Gefangenschaft und wartet darauf, dass er durch Zahlung eines Lösegeldes freikommt.“

„Dann hat er also … vielmehr hatte er … zwei Halbbrüder?“

Eloise nickte. „Raymond de Boisbaston hatte drei eheliche Söhne von zwei verschiedenen Frauen. Nach allem, was ich gehört habe, kommen aber noch eine ganze Reihe uneheliche Nachkömmlinge dazu.“

„Falls der Sohn dem Vater ähnelt, kann ich gut nachvollziehen, dass die Damen ihn nicht von der Bettkante gestoßen haben“, bemerkte Adelaide nachdenklich und erinnerte sich an Lord Armands Lächeln sowie an seine betörend braunen Augen.

Mit dem Kopf wies Eloise auf die spielenden Höflinge. „Die anderen ledigen Edelleute werden Lord Armands Rückkehr gar nicht so gern sehen.“

„Er ist unverheiratet?“

„Du sagst es.“

Adelaide war bemüht, durch diese Nachricht weder erfreut noch erleichtert zu wirken. Schließlich betrachtete sie ja die Ehe als etwas, das es zu vermeiden galt – es sei denn, man wollte sich einem Mann mit all dessen Launen und Befehlen ausliefern und vom Herrn Gemahl mieser behandelt werden als sein Hund oder seine Pferde. Sie hatte jedenfalls nicht vor, sich von so einem Kerl verprügeln zu lassen, nur weil sie ihm „nutzlose Mädchen“ gebar statt der erwünschten Söhne.

Und traf man mal einen schönen Mann mit einer angenehmen Stimme, die einem allerlei sündhafte Freuden in Aussicht stellte, so war er mit Sicherheit nie und nimmer treu.

„Vielleicht gibt ihm der König ja eine wohlhabende Witwe als Lohn für seine Treue und Leiden“, vermutete Eloise. „Dann könnte er die Mitgift nehmen und damit seinen Bruder auslösen. Möglich, dass er genau deswegen hergekommen ist.“

„Könnte sein“, meinte Eloise, heilfroh darüber, dass sie durch ihre bewusst schlichte Kleidung stets den Eindruck erweckt hatte, als stamme sie aus einer weniger begüterten Familie. Als einziges Schmuckstück trug sie lediglich das Kruzifix ihrer Mutter. Wenngleich aus Gold und mit Smaragden verziert, war es doch alt und unscheinbar, verglichen mit den Juwelen, welche die anderen Hofdamen schmückten.

„Ei, so ein Pech!“, rief da Lady Hildegard, als Lord Richard an der Reihe war und mit seinem Wurf die Zielkugel weit verfehlte. „Liegt gewiss an dem holperigen Rasen, sonst hättet Ihr bestimmt gewonnen.“

„Ja, Pech gehabt, Richard. Um ein Haar hättet Ihr mich noch erwischt“, frohlockte Sir Francis de Farnby, der Gewinner des Turniers, sichtlich schadenfroh. Blond, breitschultrig und schmal in der Taille, wirkte er zwar anziehender als sein Gegner, doch wie Lord Richard war er sich seiner körperlichenVorzüge sowie des Reichtums undAnsehens seiner Familie wohl bewusst. Er gehörte zu jenen Männern, die immer erwarten, dass alle anderen ebenso beeindruckt von ihnen sind wie sie selber.

Als sie sah, wie er auf sie zugeschlendert kam, hatte Adelaide ihre liebe Mühe, keine abweisende Miene aufzusetzen.

„Ach, Mylady!“, rief er, ohne Eloise eines Blickes zu würdigen. „Ich fürchtete schon, die Elfen hätten Euch heute Morgen entführt, weil sie Euch für ihresgleichen hielten. Es war ja fast, als hättet Ihr Euch in Luft aufgelöst.“

Adelaide musste an sich halten, um nicht die Augen zu verdrehen. Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geworfen, sie würde sich liebend gern direkt vor ihm in Luft auflösen, so sie nur könnte. „Lady Eloise habt Ihr doch zweifellos ebenfalls vermisst. Können wir uns nicht glücklich schätzen, dass es ihr wieder besser geht?“

Francis blickte hinüber zu Eloise. Die bedachte ihn mit einem nachsichtigen Lächeln, das sie sonst immer nur ganz kleinen Kindern oder sehr dummen Erwachsenen schenkte.

„Doch, selbstverständlich“, hüstelte er, wobei er sich wieder Adelaide zuwandte. Anscheinend merkte er gar nicht, dass Eloise nur wenig Bewunderung für ihn übrig hatte. „Wo wart Ihr denn bloß hin? Ich habe überall nach Euch gesucht. Beinahe hätte ich die Wache alarmiert.“

„Ich war im Pferdestall.“

„Falls Euch nach einem Ausritt war, Mylady, so hättet ihr bloß zu fragen brauchen. Ich hätte Euch herzlich gern meine Begleitung angetragen.“

Und wahrscheinlich, so Adelaide insgeheim, hätte er schon bald versucht, sie vom Pferderücken herunterzubekommen, um sie besser verführen zu können.

„Weder war ich für einen Ausritt gekleidet, noch stand mir der Sinn nach einem solchen“, gab sie zurück. „Ich empfinde die Gegenwart von Pferden nun einmal als beruhigend.“

Die Kätzchen waren dabei ein zusätzlicher Quell des Vergnügens gewesen, und was das Zusammentreffen mit Lord Armand de Boisbaston anging …

„Dass die Rösser Eure außergewöhnliche Schönheit und Euren Liebreiz so zu würdigen wissen wie ich, wage ich zu bezweifeln“, wandte Francis mit schmeichlerischem Unterton und bewundernder Miene ein.

Allmächtiger, bewahre mich vor eingebildeten Eseln und …

„Ja, Sapperlot!“, ließ sich da ganz in der Nähe eine heisere, vertraute Männerstimme vernehmen. „Wenn das nicht Sir Francis de Farnby ist!“

Schlagartig und unaufhaltsam lief Adelaides Gesicht glühend heiß an, denn der da gemächlichen Schrittes angestiefelt kam, war Lord Armand de Boisbaston, Randall FitzOsbourne im Schlepptau.

Inzwischen hatte Lord Armand Waffenrock, Mantel und Kettenharnisch abgelegt. Er trug eine schlichte, glänzend schwarze Ledertunika, darunter ein weißes, am Hals geschnürtes Hemd, schwarze Wollbeinlinge und dazu seine inzwischen vom Dreck gesäuberten Stiefel. An einem breiten Ledergurt hing die Scheide mit dem Breitschwert.

Mit seinem Aufzug und seinem langen Haar wirkte er mehr denn je wie ein Barbar, eher jedoch wie ein Mann, der es nicht nötig hatte, feine Kleider zu tragen, um Eindruck zu schinden. Die Höflinge, die noch das Spiel besprachen, verstummten, und Eloise wusste anscheinend nicht, wo sie hinblicken sollte.

„Offenbar seid Ihr überrascht, mich zu sehen, Francis“, bemerkte Lord Armand, derweil er neben Adelaide stehen blieb. „Ich bin entzückt, Euch bei so blendender Gesundheit vorzufinden. Andererseits: Fern vom Schlachtfeld lebt es sich vermutlich besser. Möchtet Ihr mich nicht diesen reizenden Damen vorstellen?“

Flüchtig ließ er den Blick hinüberzucken zu Adelaide, und wenngleich er sich äußerlich nichts anmerken ließ, bemerkte sie doch in seinen Augen so etwas wie heimliche Vertraulichkeit, als würden sie sich schon näher kennen. Ein warmer, erregender Schauer überlief sie – ungewollt allerdings, denn sie war ja beileibe keine, die unbedingt einem Mann gefallen wollte. Lieber sollte er sie getrost hassen oder doch zumindest nichts für sie übrig haben.

„Darf ich vorstellen?“, knarzte Francis schmallippig. „Lady Eloise de Venery, Lady Adelaide d’Averette. Meine Damen, Lord Armand de Boisbaston, dessen Eitelkeit und Anmaßung offenbar nicht im Geringsten unter der vor kurzem beendeten Gefangenschaft gelitten haben – ungeachtet der Tatsache, dass er die ihm zurVerteidigung anvertraute Burg an den Feind auslieferte.“ Demonstrativ fixierte er dabei Adelaide. „Ich an Eurer Stelle, Mylady, würde mich vor der honigsüßen Zunge dieses Mannes hüten.“

Was fiel dem Schnösel ein, einen Mann zu verhöhnen, der sein Leben für seinen König eingesetzt hatte? Zumal Francis selber kein größeres Wagnis auf sich nehmen musste als ein Turnier! „Über Euch, Mylord, scheint er aber nicht allzu süß zu reden“, bemerkte sie spitz.

Auf Francis’ Stirn bildete sich eine Unmutsfalte, als sei er durch Adelaides Bemerkung vergrätzt oder verwirrt. „Ja, weil ich keine schöne Dame bin. Armand de Boisbastons Ruf indessen eilt ihm ja bekanntermaßen voraus.“

„Allerdings!“, unterstrich Randall FitzOsbourne, dem die Bemerkung regelrecht herausfuhr, als könne er es kaum noch aushalten. „Er ist der beste und tapferste Ritter in England!“

„Zu viel der Schmeichelei“, protestierte Lord Armand mit einem Lächeln, das schon gar nicht mehr bescheiden war.„Der beste und tapferste Ritter Englands und sogar der ganzen Christenheit ist William Marshal. Hätte ich auch nur einen Bruchteil seines Könnens und seiner Ehre vorzuweisen – ich würde mich als Glückspilz betrachten.“

„Ehre?“, höhnte Francis. „Die habt Ihr, glaube ich, in Frankreich zurückgelassen.“

In Armands braunen Augen flammte Zorn auf. „Ich immerhin hatte eine Ehre zu verlieren!“

„Soll das eine Beleidigung sein, Mylord?“, giftete Francis.

Sah Francis etwa nicht den Unmut in Lord Armands Miene? Die zornige kleine Falte zwischen den schrägen Brauen? Wollte er es wirklich auf eine Auseinandersetzung mit ihm ankommen lassen? Adelaide war gespannt.

„Das war lediglich eine Bemerkung, gemünzt auf Euren Hinweis auf meinen Normandie-Aufenthalt“, erwiderte Lord Armand kühl und mit einer Stimme, die seine offensichtliche Wut zu verbergen suchte. „Wie Ihr sie interpretiert, bleibt Euch überlassen. Offenbar seid Ihr während meiner Abwesenheit etwas dünnhäutig geworden, Francis. Vielleicht habt Ihr zu viel Zeit bei Hofe zugebracht.“

„Und Ihr habt anscheinend die höfische Kleiderordnung vergessen. Meine Knechte sind besser angezogen als Ihr. Habt Ihr nicht einmal ein Messer, um diese Zottelmähne zu stutzen?“

„Da ich gezwungenermaßen all meine Habe aufgeben musste, um nach meinem Einsatz für den König die Freiheit wiederzuerlangen, besitze ich keine bessere Kleidung. Was mein Haar angeht …“ Lord Armand ließ den Blick von Lady Adelaide zu Eloise wandern und lächelte. „Schaue ich denn so abscheulich aus?“

Eloise errötete schon wieder, schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf.

„Und Ihr, Mylady?“, fragte Armand, an Adelaide gewandt. „Haltet auch Ihr mein Haar für eine Zottelmähne?“

Adelaide rief sich ins Gedächtnis zurück, dass sie aus einem ganz bestimmten Grund am Hofe war, und der bestand mit Sicherheit nicht darin, dem Zauber eines schönen Mannes zu verfallen. Falls Eloise oder Lady Hildegard oder eine andere Hofdame diesen Lord Armand haben wollte, dann bitte sehr.

„Nein, das tue ich nicht“, erwiderte sie. „Es verleiht Euch allerdings ein recht unzivilisiertes Aussehen. Müssen wir vielleicht damit rechnen, dass Ihr als Nächstes mit blau angemaltem Gesicht erscheint? So wie die Schotten? Tragt Ihr diese ungewöhnliche Frisur aus einem besonderen Anlass, Mylord? Oder wollt Ihr bloß provozieren und Euch in denVordergrund schieben?“

Während Francis in schallendes Gelächter ausbrach, wurde Adelaide beim Anblick des Ausdrucks, der sich über Lord Armands Züge breitete, ganz unbehaglich zumute.

„Eines Tages, Mylady“, sagte er, „werde ich Euch vielleicht erklären, wieso ich mir das Haar seit meiner Gefangennahme nicht habe schneiden lassen. Allerdings bezweifle ich, dass Ihr das verstehen werdet.“

Adelaide stieg die Schamesröte ins Gesicht. Sie hätte sich gern entschuldigt, traute sich aber nicht. Sie hatte einen gewissen Ruf zu verteidigen, auch wenn ihr der nicht sonderlich zusagte.

„Achtet nicht auf sein Geschwätz, Mylady“, riet Francis. „Und Ihr, Mylord, solltet Euch überlegen, in welchem Ton Ihr mit einem Mündel des Königs redet.“

Der Angesprochene blieb die Ruhe selbst. „Sagt einmal, Francis: Als ich im Kerker des Comte de Pontelle schmachtete – wo wart Ihr da eigentlich?“

Francis warf sich in die Brust. „Da stand auch ich in Diensten des Königs!“

„Das glaube ich gern!“ Der Spott in Lord Armands Stimme und Augen war überdeutlich. „Es soll ja Schlachtfelder geben, wo nicht mit der Waffe gefochten wird.“

„Und dann gibt’s noch welche, die können nicht mal richtig marschieren“, spöttelte Francis mit einem Blick auf Randall FitzOsbourne, der schlagartig puterrot anlief.

Fürwahr, das war ein Hieb unter die Gürtellinie gewesen. Randall konnte ja schließlich nichts für seine Missbildung.

Auf Lord Armands Gesicht blieb zwar weiter der Anflug eines Lächelns, doch in seinen Augen loderte aufs Neue der Zorn auf. Seine Hand zuckte zum Knauf des Schwertes, ebenso wie bei Francis.

Eloise erbleichte, und Randall FitzOsbourne machte ein besorgtes Gesicht. Adelaide hingegen war überzeugt, dass Lord Armand in einem Waffengang die Oberhand behalten würde. Francis hatte eine Lektion wahrlich verdient.

„Beim Zeus!“, ertönte da die Stimme des Königs. „Gibt’s etwa Streit unter meinen Höflingen?“

Alles drehte sich um, und da kam König Johann Ohneland auf die Gruppe zumarschiert. Niemand hatte sein Kommen bemerkt, so sehr waren alle auf den Wortwechsel zwischen Sir Francis und Lord Armand fixiert.

Wie üblich trug John erlesene, reich verzierte Kleidung: eine lange Tunika aus elfenbeinfarbener Seide mit aufwendigen Stickereien an Halsausschnitt, Saum und Ärmelbündchen. Sein Gürtel war goldverbrämt, und dazu trug er eine große goldene Brosche mit einem Rubin in der Mitte. Ringe funkelten an den fleischigen Fingern, und das Haar glänzte vor Öl. Der Geruch der teuren Duftstoffe, der ihn umgab, überlagerte das zartere Aroma der in der Nähe rankenden Rosen. Die Königin sowie etliche seiner Söldner folgten ihm, bemüht, mit seinem flotten Schritt mitzuhalten.

Der König blieb vor Adelaide stehen und blickte sie ohne jede Rücksicht auf seine Gemahlin unverhohlen lüstern an. „Diese beiden Streithähne sind sich doch gewiss Euretwegen in die Haare geraten, was, Mylady?“

„Sire“, erwiderte sie mit bewusst gleichmütiger Stimme, „ich sagte lediglich gerade Lady Eloise guten Tag, als die beiden Herren mich ansprachen.“

„So, so!“ Forschend musterte der König Lord Armand, der einen ganzen Kopf größer war. „Man hat uns über Euer Kommen in Kenntnis gesetzt, Lord Armand. Seid uns bei Hofe herzlich willkommen.“

„Habt Dank, Sire“, erwiderte Lord Armand und trat einen Schritt auf den König zu. „Ich hoffe …“

John fiel ihm ins Wort. „Wir können uns denken, was Ihr hofft“, schnarrte er mit einem leicht ungnädigen Unterton, „und wir hegen nicht die Absicht, dies so kurz vor dem Mittagsmahl zu diskutieren.“ Er wandte sich wieder an Adelaide. „Um des lieben Friedens willen, nehmt Ihr bei Tisch besser neben mir Platz, Mylady.“

Adelaide war klar, dass ihr keine Wahl blieb. Sie musste sich auch weiterhin so verhalten, dass der für seine Ausschweifungen berüchtigte John sich weder abgewiesen noch ermutigt fühlen konnte. „Es wäre mir eine Ehre, Sire“, sagte sie daher artig lächelnd.

3. KAPITEL

„Verzeih, ich hatte ehrlich gedacht, ich könnte mich bremsen“, sagte Armand zu Randall, während sie dem König nachsahen, der soeben mitsamt Gefolge, darunter nun auch Lady Adelaide, den Garten verließ. „Leider reicht der bloße Anblick von de Farnby, um mich zur Weißglut zu reizen.“

Zu allem Überfluss hatte de Farnby auch noch mit der schüchternen Schönen geturtelt, die indes alles andere als schüchtern auftrat. Ja, ihre Schlagfertigkeit gab Armand ziemlich zu denken.

„Ach, Francis kriegt doch mit jedem Ärger“, wiegelte Randall ab. „Immerhin bist du nicht auf ihn losgegangen. Das wäre nämlich eine Katastrophe gewesen.“

Armand ließ sich vorsichtig auf die Steinbank sinken, auf der zuvor noch Lady Adelaide und deren blonde Freundin gesessen hatten. Er streckte das rechte Bein aus und massierte sich das schmerzende Knie. „Mir fällt auf, dass er aber offenbar keinen Ärger mit dem König hat.“

„Er redet John eben nach dem Mund, und die Königin findet ihn amüsant.“

Eigentlich, das wusste Armand, musste er sich jegliches Interesse an der scharfzüngigen Lady Adelaide verkneifen, und am besten unterdrückte er auch jenes Sehnen, das sich bei ihrem Anblick wieder meldete. Das galt besonders, da er ja aus einem ganz bestimmten Grunde zu heiraten gedachte und dabei auf eine möglichst gefügige Gattin hoffte. Zudem hatte er keine Ahnung, ob Lady Adelaide aus reichen oder armen Kreisen stammte. Es tummelten sich bei Hofe überdies eine ganze Reihe lediger junger Damen. Die mochten zwar nicht alle so schön sein und nicht so sanfte Rehaugen haben, doch dafür waren sie vermutlich wohlhabender, und genau darauf kam es an.

Gleichwohl kam er nicht umhin, doch noch einige Fragen zu der dunkelhaarigen Schönheit zu stellen. „Francis schmeichelt auch Lady Adelaide, doch anscheinend verfängt sein öliger Charme bei ihr nicht. Wie kommt das? Hat sie es auf eine bessere Partie abgesehen?“

Randall nahm neben ihm Platz und blickte sich vorsichtig um, bis er sicher sein konnte, dass sie allein waren. „Du meinst den König?“

Den meinte Armand zwar nicht, doch hätte es ihn nicht gewundert, wenn John die junge Dame mit allerlei Verheißungen, Bestechungen oder mit sanfter Gewalt ins Bett gelockt hätte. „Ist sie seine Geliebte?“

„Nach meinem Gefühl noch nicht, obwohl das niemand so genau weiß.“

„Doch, an diesem Hofe wäre das längst herum“, wandte Armand ein, bemüht, sich keine Erleichterung anmerken zu lassen. Im Grunde wollte er auch gar nicht erleichtert sein.

„Schwer zu sagen, was diese junge Dame im Schilde führt“, sinnierte Randall. „Oder wer unter den Herren ihr so zusagt, dass sie ihm ihre Gunst gewähren würde. Sie schweigt sich aus und behandelt alle gleich.“

„Vielleicht will sie sich ihre Auswahl an reichen Gatten nicht einschränken lassen.“

„Das kann man ihr schwerlich übel nehmen“, bemerkte Randall. „Sie hat zwei unverheiratete Schwestern, die gleichfalls Mündel des Königs sind, allerdings nicht am Hofe wohnen. Und die Familie ist nicht mit Reichtümern gesegnet. Falls sie sich gut verheiratet, verbessern sich auch die Heiratsmöglichkeiten für die beiden Schwestern erheblich.“

„Und ihre Freundin, Lady Eloise?“, wollte Armand wissen. „Was ist mit der? Stammt die denn aus begütertem Hause?“

Randall zögerte einen Moment, und als er dann antwortete, sah er Armand nicht an. „Ja, ihre Familie ist reicher. Ihre Mitgift wäre wohl mehr als genug, um das Lösegeld für Bayard zu bezahlen. Ich habe mich aber noch nicht genau erkundigt.“ Rasch stand er auf. „Lass uns lieber zum Saal gehen, sonst kriegen wir nichts mehr zu essen.“

Randalls Verhalten, sein plötzlicher Aufbruch verrieten Armand eines überdeutlich: Lady Eloise hätte getrost die reichste Frau in ganz England sein und sich ihm geradezu an den Hals werfen können, aber als Braut kam sie für ihn nicht infrage – es sei denn, er hätte es sich mit seinem besten Freund verderben wollen.

„Na, dann sollte ich’s wohl mal bei Lady Hildegard versuchen“, grübelte Armand, während die beiden dem Gartentor zustrebten.

„Während deiner Abwesenheit hat sich einiges verändert“, gab sein Freund zu bedenken. „Hildegard hat ein Auge auf Lord Richard geworfen.“

Armand zog die Brauen hoch. „Meinst du nicht“, fragte er, während er Randall das Tor aufhielt, „ich könnte sie überzeugen, dass ich ein besserer Gemahl wäre?“

„Zweifelsohne wärst du das“, erwiderte Randall. „Doch an Ehrgeiz steht Lady Hildegard den Männern in nichts nach. Bei aller Eitelkeit stammt Lord Richard eben aus sehr reichem Hause, und Reichtum bedeutet Macht.“

„Dann muss ich mir eben eine andere suchen“, schloss Armand achselzuckend, derweil sie über den Hof auf den Burgsaal zuschlenderten.

„Du hast zumindest die Wahl“, betonte Randall mit einer Verbitterung, die Armand so gar nicht an ihm kannte.

„Es müsste doch jede Dame froh sein, wenn sie dein Wohlgefallen fände“, meinte er. „Du bist ein kluger Kopf und ein feiner Kerl und treu bis dorthinaus. Dass du keinen Reigen tanzen oder in den Krieg ziehen kannst, das heißt doch nicht, dass du nicht auch eine Braut verdient hättest.“

„Und das sagt ausgerechnet der schmuckste Rittersmann am ganzen Königshof.“

„Der das Glück hat, den feinsten Kerl am Hofe seinen Freund nennen zu dürfen.“

Dieses ehrliche Kompliment entlockte Randall ein Lächeln – sehr zu Armands Freude, und so betraten die beiden gemeinsam die große Halle.

Zu seinen Jugendzeiten war der Earl of Pembroke zwar noch ein armer Schlucker gewesen. Die Ausstattung aber, die herrlichen, farbenprächtigen Gobelins sowie die an den Saalwänden hängenden Standarten seiner Leibritter, legten beredtes Zeugnis darüber ab, dass die mageren Zeiten offensichtlich vorbei waren. Nach etlichen treuen und aufopferungsvollen Jahren im Dienst des Hauses Plantagenet hatte man ihm Isabel de Clare, die reichste Erbin in England, zur Gemahlin gegeben.

Ein sauberes, helles Feuer flackerte im Kamin und erwärmte so den sonst sogar im Sommer kühlen Raum. Schwere, fachgerecht gezimmerte Tischgestelle waren zum Mahle aufgestellt, dazu auch ein Podest für die Ehrentafel, an der das Königspaar nebst ausgesuchten Gästen auf bequemen, seidegepolsterten Sesseln thronte. Am oberen Ende der Tafel, dort, wo die Höflinge dinierten, waren die Tische mit blütenweißen Tüchern sowie silbernen Pokalen und Silberlöffeln gedeckt. Die Soldaten und Leibdiener der edlen Gäste hingegen saßen am unteren Ende und mussten sich mit blanken Holztischen sowie Zinnkrügen und Holzlöffeln begnügen.

Den Bodenbelag aus Strohmatten hatte man mit Rosmarin und Flohkraut besprengt. Deren Duftmischung vermengte sich mit dem Parfüm der Höflinge und mit dem Rauch, der über die Esse im Dach abzog. Schließlich streunten auch noch die unvermeidlichen Hunde durch den Saal, weil sie auf den einen oder anderen hingeworfenen Happen hofften.

Der Zeremonienmeister hatte alle Hände voll zu tun und eilte von Tisch zu Tisch, von Diener zu Diener, damit auch alles am rechten Fleck war und jeder wusste, was er zu tun hatte.

Wie Armand und Randall nun ihrem Platz zustrebten, kamen sie an Gauklern und Akrobaten vorbei, die sich schon auf alle möglichen Arten verrenkten und für die Vorführung aufwärmten, mit der sie während des Mahls und danach auftreten sollten. Musikanten stimmten ihre Instrumente, und ein Barde summte vor sich hin, offenbar ebenfalls in der Vorbereitung auf seinen Auftritt.

Als Armand Godwin und Bert entdeckte, neigte er grüßend den Kopf. Die Soldaten grinsten und erwiderten den Gruß, indem sie sich mit zwei Fingern salutierend an die Stirn tippten.

Der Burgkaplan, ein ältlicher Knabe mit verkniffenem Gesicht und weißem Haarkranz, sprach das Tischgebet, in das er eine Bitte um Gottes Gnade in schrecklichen Zeiten einschloss. Als Armand in das „Amen“ einstimmte, ging ihm durch den Kopf, dass es bei einem solchen König wahrlich eine weise Vorkehrung war, göttlichen Beistand zu erbitten.

„Hier wimmelt es ja regelrecht von ledigen weiblichen Wesen“, raunte er, als die beiden Platz nahmen. Er nickte einem Hoffräulein zu, das schräg gegenüber saß, schon näher beim König. Das Gesicht mit den langen Zügen erinnerte ihn unwillkürlich an ein Pferd. „Wer ist denn die da?“

In diesem Augenblick bemerkte die junge Dame wohl, dass er zu ihr herübersah. Kichernd und errötend tuschelte sie mit ihrer Tischnachbarin, die Armands Blick allerdings recht kokett standhielt.

Allmächtiger!, durchzuckte es ihn. Hast du etwa vergessen, wie es bei Hofe zugeht? Die Spielchen von Kabale und Liebe? DieVerdächtigungen und Eifersüchteleien?

Vergessen oder nicht – er brauchte jedenfalls eine mit reicher Mitgift ausgestattete Gemahlin; insofern musste er die Spielchen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verzaubert auf den ersten Blick" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen